Das Zeug zu einer Legende

Vor geraumer Zeit, als ich bei einem Seminar jemandem erzählt habe, dass ich mich mit deutschen Spuren in Russland beschäftigen würde und russischen in Deutschland, meinte er zu mir: Larissa Reisner. Schau dir das unbedingt an.

Vorher hatte ich noch nie etwas von ihr gehört. Ihre Spur ist verweht. Fast. Denn es gibt nur spärliche Informationsfetzen. Dabei hat sich in der Person Larissa Reisners die russische Revolution so stark kristallisiert, wie in keiner anderen. Greta Garbo in der Rolle der kühlen Spionin Ninotschka nix dagegen!

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Olympische Göttin mit dem Mut eines Kriegers – Larissa Reisner laut Leo Trotzki

Schon in ihrer Kindheit, die sie zum Teil in Berlin Zehlendorf verlebte, gingen sie alle bei ihnen zu Hause ein und aus: Liebknecht, Bebel, Lenin und andere Anführer von Arbeitern und Anzettler von Revolutionen. Sie hat später Majakowskij gekannt und Kurt Tucholsky, hat mit Joseph Roth in Cafés gesessen und Anna Achmatowa den Dichter Nikolaj Gumilijew ausgespannt. Sie hat für eine Zeitschrift geschrieben, die Maxim Gorki herausgab und war in einem von Trotzkis Kommittees aktiv. Sie hielt sich nicht nur in den Salons auf, sondern hat auch an den Fronten des Bürgerkrieges mitgekämpft, war Kundschafterin und hat zwei Jahre mit ihrem Ehemann Raskolnikow in Afghanistan gelebt. Eine schillernde Persönlichkeit, die sich gern mit seltenen Buchausgaben und kostbaren Teppichen umgab und sich Besuchern auch schonmal in Morgenmänteln aus Seide oder Brokat zeigte.
Der Journalist und Schriftsteller Joseph Roth beschreibt sie so: …‚Im Krieg und manchmal später trug sie Hosen, Gamaschen, eine Soldatenmütze und eine Rubaschka. In Berliner, Leipziger, Hamburger Proletariervierteln trug sie Rock und Bluse, die Uniform der Proletarierin. Im „Romantischen Café“ saß sie selten, sehr gelangweilt, unerkannt unter Pseudonym, in der Kleidung, die einen symbolischen Kompromiss der literaturnahen Frauen mit den herrschenden Gesetzen der bürgerlichen Mode darstellt. Ihre Schlauheit war so groß wie ihr Talent. Ihre Schauspielerei so überzeugend wie ihre Taten im Bürgerkrieg.‘

Am 30. April 1895 in Lublin (damals geopolitisch noch russisches Reich) geboren, wird sie später ihren Geburtstag um einen Tag vorverlegen, damit der erste Mai, dieser wichtige Feiertag der Arbeiterbewegung unauflöslich mit ihr verbunden blieb. Ihre Mutter war eine polnische Adlige, ihr Vater ein deutscher Rechtsgelehrter und Journalist, der nach der ersten Revolution 1905 in St. Petersburg Arbeit fand.

Während der Unruhen von 1923 hielt sie sich gerade in Deutschland auf. Freunde bewahrten sie davor, sich den Gefahren des Hamburger Aufstands auszusetzen. Aber kurz nach dessen Zerschlagung reist sie in die Hansestadt und redet mit den Zeugen, nimmt die Stimmung auf und schreibt darüber: Hamburg auf den Barrikaden. In deutscher Sprache. Plakativ, mit merklichen Sympathien für die Aufständischen und ihre Frauen. Auch ihre Beobachtungen aus dem Berlin desselben Jahres  finden sich in dem schmalen Band. Alamierende Texte über abgekämpfte Proletarierinnen mit ihren vor Hunger blau angelaufenen Säuglingen. Oder über die satten Parlamentarier im Reichstag. Eine erstaunlich moderne und klare Sprache, sehr eindringlich.

Hinter dem Rücken der vorüberschreitenden alten Rennomisten flüstert man ehrfurchtsvoll und neiderfüllt von den riesigen Bestechungssummen, die sie eingesteckt haben, von ihren raffinierten Gauenereien, ihren glänzenden Skandalaffären. Es ist eine Galerie von zerknitterten Galgenphysionomien, die es aber verstanden haben, von der Süßigkeit der Macht zu kosten.  Nackt unter Nackten gehen sie einher und schämen sich nicht. Zwischen diesen Gewesenen drängen in Scharen andere: solche die beweglicher, dümmer und beharrlicher sind  – die künftigen Machthaber.  S 87

Es sind in einem revolutionären Stakkato geschriebene, scharf beobachtete und auf den Punkt gebrachte Studien. Es isnd Glanzstücke des Journalismus. Doch ich vermute mal stark, dass sie nie in den Kursen angehender Ivestigativjournalist*innen als Beispiele auftauchen – nicht die richtige politische Färbung.

Es fällt auf, dass sie Proletarier, also bildungsferne Schichten ganz anders zeichnet als in den Medien heute üblich. Bei Reisner sind sie gutmütige Hühnen oder lebensweise Alte. Sie sind nicht die Masse, sondern einzelne Individuen, die alles für die Freiheit geben und auf tragische Weise scheitern. Weil ihre Oktoberrevolution nicht das ganze Land ergreift, sondern schon im Keim erstickt wird.

In den Berichten der späteren westlichen Presse wird ledigleich darüber gesagt, dass die KPD zu einem großen Streich ausholen wollte und sich verzettelt habe. Parteiinterne Fehler seien es gewesen, die rund 100 Menschen das Leben gekostet hätten und zu Tausend Verhaftungen führen. Wenn es überhaupt mal Erwähnung findet.

Fünf tausend Polizisten gegen wenige hundert Aufständische. Reisner nennt alle diese Zahlen nicht. Sie greift einzelne Agierende auf, bei ihr sind sie Genosse K., Genosse R. oder Elfriede, sie begleitet sie, sie beleuchtet ihr Erleben des Geschehens.

Kurt Tucholsky war voll des Lobes über dieses Werk: ‚Ich besitze das Buch und schätze es als eins der besten Revolutionsdokumente, das so ganz nebenbei eine Meisterschilderung Hamburgs enthält, das Paradigma eines Städtebildes, etwas ganz und gar Einzigartiges.‘

Vielleicht meinte er Passagen wie diese:

Alles, was sonst Himmel heißt, ist hier in Hamburg – der Rauch der Fabrikschlote, sind die Greifarme der Hebekräne, die die Schiffsbäuche plündern und steinerne Riesenkästen auffüllen; leichte, flüchtig geneigte Brücken über decken die nasse Geburtsstätte der neu erstandenen Schiffe. Heulen der Sirenen, Fluchen der Pfeifen, Flut und Ebbe des Ozeans, der mit dem Unrat spielt und mit den Möwen, die wie Schwimmhölzer auf dem Wasser tanzen, und – gleichmäßige Würfel dunkelroter, aus Ziegeln gebauter Gebäudekomplexe, Lager, Fabriken, Kontore, Märkte, geradlinig gebaute Zollämter, die aussehen wie eben abgeladene Gepäckstücke. Eine Armee, Legionen von Arbeitern sind in diesen Werften bei dem Laden und Löschen der Schiffe, in den zahllosen Metallwerken, ölverarbeitenden und chemischen Fabriken, in einigen der größten Manufakturen und auf den großen Bauplätzen beschäftigt, die das Hinterland von Hamburg, seinen sumpfigen und sandigen Grund, ununterbrochen mit einer Kruste von Beton und Stahl bedecken.

Die Elbe, dieses alte schmutzige Einkehrhaus für die Vagabunden des Ozeans – baut und erweitert ununterbrochen ihre gewaltigen Betonhinterhöfe.

Der gesamte Text hier online zu lesen: http://www.mlwerke.de/lr/lr_hh.htm

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Henry Sara – Hamburg 1923

Eine menscheleere Straße, ein schlafendes Haus, eine schwüle, schnarchende Wohnung. Ein Heim des ärmsten Arbeiters. Er steht auf, zieht sich an, ohne zu fragen wozu und wohin, ohne einen Augenblick zu zögern. Ein ruhiger Händedruck – und die glimmende Zigarette entfernt sich langsam in der Dunkelheit.  S 31

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Henry Sara – Deutschland 1923

Ich mag ihre unbarmherzige Schreibe, wie sie die Zwanziger Jahre seziert, die für weite Schichten alles andere als die goldenen waren. Alle kriegen ihr Fett ab, die Reichstagsabgeordneten, und die glatten Redner von der SPD. In ihrem treffsicheren Zynismus erinnert sie mich an Dorothy Parker, allerdings natürlich auf der anderen Seite des atlantischen Ozeans. Trotz der Unterschiede mag es da einige Parallelen geben.

Obwohl über die asphaltierten und komfortablen Städte Deutschlands eine Verzweiflung hereingebrochen ist, die den kleinen Angestellten und Beamten fast dazu treibt, auf allen vieren zu laufen und wie ein Tier zu brüllen, geht er oder sie in letzter Minute nicht auf die Straße, sondern ins Kaffeehaus. Ja, ins Kaffeehaus, um dort für den Papiergeldverdienst einer ganzen Woche eine winzige Tasse Kaffee zu trinken und den aufgestauten gesunden Grimm zu betrügen durch einen schmachtenden Walzer, durch die Vergoldung krummbeiniger Barockstühlchen. S 93

Ihre Texte sind in Russland, wo Trotzki aus den Fotografien herausretuschiert wurde, recht schnell inopportun geworden, im Westen sowieso. Erst 1960 erscheint in der DDR als Sammelband „Hamburg auf den Barrikaden“ eine Zusammenfassung ihrer Erlebnisse von 1923. 2012 hat der Verlag Haag+Herchen eine Reprint-Ausgabe davon herausgebracht, mit ausgefransten Buchstaben und einemTitelbild, das der ursprünglichen Ausgabe nachempfunden ist. Andere Publikationen bekommt man nur antiquarisch, teilweise wenn sie aus den zwanziger Jahren stammen, für horrendes Geld.

Reprint der 1960er Ausgabe von 2012
Reprint der 1960er Ausgabe von 2012

Diese Frau scheint dagewesen zu sein, um in Legenden weiterzuleben,‘ so prophezeit Joseph Roth 1927 in der Frankfurter Zeitung. Zwei Jahre nach ihrem Tod. Und nun? Die Legende ist so gut wie vergessen.

Mit knapp dreißig stirbt Larissa Reisner 1925 an Thyphus, einer Armeleutekrankheit, es wird vermutet, dass sie sich an verdorbenem Essen infiziert habe. Auf ihrem Grabstein auf dem Waganskij Friedhof in Moskau steht lediglich, dass sie Schriftstellerin war und wo sie in den Jahren 1918/1919 mitgekämpft hat. Nichts über ihre Arbeit als Berichterstatterin. Nichts über ihre Bedeutung für die Revolution oder für die Boheme. Nach ihrem Tod erschien 1932 noch ein Buch von ihr in Russland, dann über Jahrzehnte: Nichts. Sie war untragbar geworden, weil sie eng mit Leo Trotzki zusammengearbeitet hatte und die Geliebte Karl Radeks gewesen ist. Sie war schon zu Lebzeiten kritisch und unbequem gewesen. Roth schreibt in einem Nachruf: ‚Es war wahrscheinlich gut und in Ordnung, dachte ich später, als ich das verschneite Kreml-Tor verließ, es ist vielleicht gut und in Ordnung, dass sie tot ist, die junge Larissa Reisner. Sie wäre wahrscheinlich heute in der stärksten <Opposition>…, vielleicht in Sibirien – es ist nicht viel Platz in der Welt für eine Frau von den Barrikaden, wenn die Barrikaden abgebaut werden.

Sie brannte wie eine Fackel, an beiden Enden, so hat es einer ihrer Dichterfreunde beschrieben, ich weiß grad nicht welcher es war. Das volle Paket, so könnte man ihr Leben beschreiben. Doch leider ist sie irgendwann in einen ideologischen Graben gefallen, noch bevor eine Legendenbildung eingesetzen konnte. Einige wenige Biografien gibt es, einige Blogeinträge im Netz. Die sowjetische Enzyklopädie von 1979 schrumpft ihr Leben auf magere 12 Zeilen zusammen. Es gibt Briefe, es gibt einige wenige Fotos. Darauf: eine schöne Stummfilmheldin, eine emanzipierte Frau, noch bevor die Emanzipation in Europa gegriffen hat. Wo bleibt bloß ihr unvergesslicher Film?

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Kämpfer der Wolgaflotte und Kommissar – weibliche Endungen sind unrevolutionär.

 

 

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

4 Kommentare zu „Das Zeug zu einer Legende“

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