Aus gegebenem Anlass: die Sache mit dem Schäferhund

Auf die Ankündigung der Zeitschrift mit deutscher Literatur aus Russland auf Facebook postete eine Userin: aus Russland? mit deutschen Schäferhund…
Dieser Text ist Ulla S. gewidmet und allen, die mir in den letzten Jahren mit dem Schäferhundmotiv gekommen sind. Wie überaus originell übrigens.

Das nächste Mal schreibe ich darüber, warum Aussiedler immer gleich beleidigt sind, versprochen!

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Laika

Jede Familie, die wir kannten besaß in Russland einen deutschen Schäferhund. Das war unabdingbar. Die Maiers, die Krummbeins und die Glinkas, besonders die Glinkas. Wenn sie einen russischen Nachnamen hatten, waren sie auf so einen Begleiter geradezu angewiesen. Einen vierbeinigen Beweis ihrer Herkunft, ohne ihn ging gar nichts. Wer sollte denn sonst wissen, dass ihnen auf der Straße nicht Tschuktschen, nicht Kirgisen und auch nicht Moldawier entgegenkamen, sondern diese fiesen, miesen Ausgeburten von Faschisten. Anhand ihrer graublauen Augen etwa? Oder der strohgelben Haare? Die konnte auch jeder dritte Petrow, Siderow und Iwanow vorweisen. Aber adrett aussehen und Schäferhund, konnte nur eins bedeuten: ein Fritz!

Manche Familien hatten gleich mehrere von diesen Hunden. So ging der Vater seinen akkuraten Geschäften nach und die Mutter konnte in Begleitung einer Афчарка, wie sie auf Russisch genannt wurden, gepflegt einkaufen gehen. Das ist so wie hier die Leute einen Zweitwagen besitzen. Praktisch, besonders auf dem Land. Praktische Nebenwirkung: so ein Schäferhund konnte auch die Zeitung nach Hause bringen oder den Leuten die Butterbrotdose nachgetragen. Und mittags wurden die deutschen Kinder von ihren deutschen Schäferhunden von der Schule abgeholt. Das hätten Sie sehen müssen, zu Dutzenden saßen sie da im Sand vor der Schule, asphaltiert waren die Straßen ja nicht. Das gab ein Jaulkonzert, wenn die Schulglocke ertönte. Unvergesslich.

Wir hatten selbstverständlich auch einen. Sie hieß Laika. Nach der Hündin, die als erstes Lebewesen ins All geschossen wurde. Oder war das doch die Schimpansin? Egal, unsere Laika war jedenfalls ganz bodenständig und fraß nur selbstgemachten Strudel. Alle Nachbarn haben uns um sie beneidet. Nur meine Mutter, die litt fürchterlich, war sie doch jeden Morgen gezwungen, einen Strudelteig anzusetzen.

Eines Tages, es musste was mit dem Teig nicht in Ordnung gewesen sein, zu viel ukrainischer Weizen vielleicht, da wurde unsere Laika krank und ich musste ohne sie zur die Schule laufen. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich. Die Menschen lächelten mich an, nickten mir zu oder übersahen mich ganz. Sie schmissen nicht ein einziges Mal mit trockenen Kuhfladen nach mir und riefen auch nicht Гайль Гитлер (Heil Hitler) hinterher, wenn sie mich sahen. Es war ein so seltsam unvertrautes Gefühl, dass ich froh war, als es Laika einen Tag später schon wieder besser ging.

Als sie nach 15 Jahren an Altersschwäche und extremem Strudelkonsum starb, hatte mein Vater keine zwei Stunden nachdem sie kalt war, bereits einen neuen Schäferhundwelpen organisiert: Lada. Das war von gesetzeswegen so vorgesehen, kein Deutscher durfte mehr als 24 Stunden ohne Begleitung eines Schäferhundes auftauchen, sonst wurde er am Ortsrand in einen Zwinger gesperrt und durfte nur von Abfällen und Regenwasser leben.

Irgendwann, als wir nach Deutschland ausreisen wollten, hatten wir natürlich ein Problem. Was tun mit Lada? Hunde durfte man nicht mit ins Flugzeug nehmen und was sollten wir auch in Deutschland mit einem deutschen Schäferhund anfangen? Wir gaben sie als Hofhund an einen kasachischen Nachbarn. So blieb sie immer drin, an der Kette und er hatte keine Scherereien wegen seiner Nationalität.

Weil hunderte und tausende anderer Familien zeitgleich ausreisten, und aus lauter Verzweiflung und weil sie sich beeilen mussten (sonst Zwinger!) ihre Hunde herrenlos zurückließen, bildeten sich über kurz oder lang Meuten. Sie streunten umher und fraßen Schafe. Man hat sogar ein Rudel gesehen, das einen ausgewachsenen Bären angegriffen haben soll. Was sollten die armen Viecher auch machen? Strudel gab es ja erst mal keinen.

In Deutschland geht es uns gut. Wir haben uns gut akklimatisiert und das Amt hat uns sogar wieder einen neuen Hund zugewiesen: einen russischen Barsoi.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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