Das Trinklied meines Großvaters

Am Telefon fragt mich meine Mutter besorgt, ob ich rauche, ich erzähle ihr, dass ich schon manchmal Lust hätte, aber leider gibt es keine einzelnen Zigaretten zu kaufen, und eine Packung will ich nicht.

Und habe ihr daraufhin eine alte Geschichte erzählt, die sie noch nicht kannte. Ihr Bruder Wolodja hat mich mal an seiner Selbstgedrehten (Machorka) ziehen lassen, als ich vier Jahre alt war. Das war so ein schreckliches Erlebnis, dass ich mindestens zwei Jahrzehnte lang keine zweite Zigarette angerührt habe. Pädagogisch höchst fragwürdig, aber wirksam. Dass meine Mutter dieses mich prägende Detail nicht wusste ist eigentlich kein Wunder, sie wäre nicht gerade erfreut gewesen.

Alle meine Brüder haben geraucht, sagt sie.

Und dein Vater auch?

Na und ob. Ganz viel. Zu viel. Und getrunken. Und wenn er getrunken hat, hatte er immer ein Lied gesungen: Бродяга судьбу проклиная, Vagabund sein Schicksal verfluchend.

Die Familie meiner Mutter ist russisch, sie ist in Sibirien geboren und ist ihrem deutschen Mann in den Westen gefolgt, alles zurücklassend.

Dieses Foto finde ich, ist es mein Großvater Nikolaj?
Dieses Foto finde ich, ist es mein Großvater Nikolaj?

Ich schau kurz auf Youtube, das was sie mir am Telefon vorsingt  ist nur eine Liedzeile.

Der Titel des Liedes heißt richtig: По диким степям Забайкалья (Durch die wilden Steppen des Baikal)

Hier einige Zeilen daraus, Schnellst-Simultanübersetzung ohne Gedichtgefühl. Aber mir reicht das:

Durch die wilden Baikalsteppen
Wo sie in den Bergen das Gold graben
Schleppt sich der Vagabund, sein Schicksal beklagend,
mit einem Bündel auf dem Rücken.

In der dunklen Nacht dem Gefängnis entkommen
Wo er wegen der Wahrheit gelitten hatte.
Weiterzugehen hat er schon keine Kraft mehr
Vor ihm liegt der Baikal wie hingegossen.

Letzte Strophen:

Der Vagabund hat den Baikal überquert
Ihm kommt die geliebte Mutter entgegen

Gegrüßt seist du, meine Liebe, gegrüßt,
Ist denn mein Vater wohlauf und der Bruder?“

Den Vater haben wir längst schon begraben,
mit Erde bedeckt liegt er da.
Und der Bruder ist längst in Sibirien,
Wo er schon lang mit den Fußfesseln rasselt.“

Das Lied soll von Anfang 1900 stammen, oder sogar noch von 1880. Noch lange vor der Revolution. Aber Repressionen und Zensur gab es ja auch zur Zarenzeit.

Mein Großvater starb, als ich keine drei war, ich habe eine nur verschwommene Vorstellung von ihm, hauptsächlich von den wenigen Fotos, die wir mitgenommen haben. So ist das ein Detail mir sehr wichtig, um ihm näher zu kommen.

Hier ist es:

По диким степям Забайкалья,
Где золото роют в горах,
Бродяга, судьбу проклиная,
Тащился с сумой на плечах.

Бежал из тюрьмы темной ночью,
В тюрьме он за правду страдал.
Идти дальше нет уже мочи –
Пред ним расстилался Байкал.

Бродяга к Байкалу подходит,
Рыбацкую лодку берет
И грустную песню заводит,
Про Родину что-то поёт.

Бродяга Байкал переехал,
Навстречу родимая мать.
«Ах, здравствуй, ах, здравствуй, родная,
Здоров ли отец мой и брат?»

«Отец твой давно уж в могиле,
Землею засыпан лежит,
А брат твой давно уж в Сибири,
Давно кандалами гремит».

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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