Weiß mit einer Linie darin

 

Aus der Stille kommt ein Wort. Weiß, überall dieses umfassende Weiß. Sogar der Wind ist still. Ich spüre die Kälte nicht. Ich trage meine Filzstiefel, Walenki, dann die wattierte Jacke, die mir viel zu groß ist und dieses kratzige graue Wolltuch, das nur die Augen freilässt. Mein Atem gefriert zu kleinen Eiszapfen, die an der Wolle kleben. Ich schaue durch den Seeschlitz meines Wolltuches. Nach links. Weiße Ebene. Nach unten. Weiße Ebene. Mit kleinen Rissen, denn meine Walenki brechen durch die dünne Schneekruste, die sich auf der Schneeverwehung gebildet hat. Ich schau nach rechts. Da steht sie, meine Mama. Keine drei Schritte entfernt. Ich strecke meine behandschuhte Hand nach ihr aus, sie versucht nach mir zu greifen, unsere Fingerspitzen berühren sich. Das heißt, die Finger würden sich berühren. Wären da nicht die dicken Handschuhe.

Mit einem Mal spüre ich diesen Sog. Es zieht mich runter. Ich merke, wie ich durch den Schnee gleite, immer tiefer, ganz still, ganz langsam. Es ist nicht die wilde Fahrt auf einem Schlitten, nicht wie das Fliegen auf den Eisrutschen, die unser Vater für uns aufgeschichtet hat, als wir Kinder waren. Mit Stufen und einem kleinen Geländer. Wir haben sie zusammen mit Eimern voll Wasser übergossen und am nächsten Tag war die Rutsche festgefroren. Sie hielt bis zur Frühjahresschmelze. Doch das hier ist kein Flug, kein Fall. Ich spüre bloß keinen Widerstand unter den Füßen, der Schnee kriecht langsam an mir herauf.

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Ich blicke voller Panik zu Mama rüber, aber sie schaut mich mit festem Blick an. Sie greift meine Hand. Auch sie sinkt ein, so wie ich. Stück für Stück. Wieso redet sie nicht mit mir? Alles ist friedlich um uns herum, kein Laut. Nur dieses Weiß. In dieses stille Weiß sinken wir. Ich will aufschreien, Mamotschka, hilf mir, aber dieses nass-schwere Tuch vor meinem Mund erstickt jeden Laut. Mit der anderen Hand, die nicht die ihre festhält, versuche ich, mir das Tuch vom Mund zu reißen, ich schreie, aber es kommt kein Ton heraus. Um mich lautloses Weiß, in das ich einsinke. Где моя деревня, где мой дом родной? Wo ist mein Dorf? Wo ist mein vertrautes Haus? Wo ist der Wald geblieben? Da ist nur eine Linie, die Weiß und Weiß voneinander trennt. Kaum sichtbar. Sogar die Spitzen der Tannen müssen schon zugeschneit sein. Und wir stehen ganz oben auf der Schneewehe.

Bis zur Hüfte stecken wir schon drin. Wir beide, Mama und ich, wir sinken gleich tief ein. Ich schaue mich hilfesuchend nach ihr um, sie nickt mir zu, wie immer, wenn sie mich ermuntert, etwas zu tun, irgendwo hin zu gehen, wovor ich Furcht hab. Sie hat nur ihr Hauskleid an, das mit den verblichenen Blümchen und der zartgrünen Borte. Keine Jacke, keinen Schal, nichts, nur dieses Kleid. Du wirst dich noch erkälten Mama, will ich ihr zurufen. Du wirst dir noch den Tod holen. Doch dann weiß ich es wieder. Ich habe schon Abschied von ihr genommen am offenen Grab. Tränen und Kerzen. Alles ist vorbei. Es kann doch nicht sein, dass ich hier mit ihr bin und sie ist tot. Und dennoch sinken wir. Gemeinsam. Unsere Arme liegen schon auf der Schneekruste, darunter ist der Schnee ganz rieselig, wir gleiten sanft hinab, die Füße haben keinen Halt. Nur noch die Schultern, der Hals, dann der Kopf und der Schnee wird uns verschlucken. Ich will mich dagegenstemmen, will zappeln, mich herauswinden, aber ich bin wie gelähmt. Die dünne Kruste zerbirst in kleine Platten, darunter ist Neuschnee. Ssypkij sneg, Schnee so fein, nicht wie der klebrige Pappschnee am Anfang des Winters, aus dem wir früher Schneemänner gebaut haben. Hier sind alle Kristalle von einander getrennt. Jedes einzelne für sich. Das ist dieser Schnee, wie er an ganz klirrend kalten Tagen fällt. Wenn es ganz leise ist um einen herum.

Auch jetzt höre ich nichts. Ich spüre die Kälte nicht. Ich kann nur zusehen, wie ich tiefer hinein sinke in dieses unendliche Weiß. Ganz mühelos. Unsere Hände lösen sich und ich bin allein. Gleich schlägt die Schneedecke über mir zusammen, ich hebe den Blick. Wie eine weiße Kuppel schiebt sich alles über mir zusammen. In Myriaden von Kristallen. Lichtweiß und funkelnd. Es ist so wie Musik, nur ohne Musik. Und in der Stille entsteht dieses Wort.

 

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

4 Kommentare zu „Weiß mit einer Linie darin“

  1. Wow, Scherbensammlerin, das ist eine sehr schöne Scherbe! Du hast bei mir so viele Erinnerungen geweckt: das kratzige Tuch mit den Hauch-Eiszapfen dran, die Kruste auf der Schneeverwehung, das Hauskleid der Mutter, die vom Vater mit Wasser übergossene Eisrutsche im Garten, die klirrenden Kristalle des Neuschnees. Ein sehr ergreifender Trauertext in Weiß!

    1. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich manchmal den Schnee vermisse. Aber wenn er mal doch in Hamburg liegen bleibt, habe ich ihn bald über. Naja, in der Stadt wird er ja auch schnell zu Matsch.

      1. Nein, der Schnee ist nicht zu vergleichen. Sogar hier in Bayern, wenn es viel Schnee gibt und er lange liegen bleibt, ist er anders, er wird grau, wie Wäsche, die nach mehrmaligem Waschen einen Grauschleier bekommt oder ausbleicht

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