Mraval-zhamier oder Sing like a Gurian!

I will turn you into real Gurions, sagte Nana Mzhawanadze an diesem Samstag morgen im November, ich werde echte Gurier aus euch machen. Gurien ist eine Gegend im Westen Georgiens, gleich am Schwarzen Meer und wir saßen um drei Stellwände mit transkribierten Gesängen, dreistimmig und für unsere Zungen und Ohren ziemlich fremd klingend. Viele Konsonanten aneinander gereiht und dann wieder nur Vokale, endlos gedehnt. Durch Worte wie tsqaloba oder mq‘opelta haben wir uns genauso tapfer durchgesungen wie durch ghmertsma, was Gott oder si-tso-tskhle, was Leben bedeutet. Und auch das A-li-lo-i-o—o-o-o-o—o-o-o—da des weihnachtlichen Liedes brav ausgedehnt und auf den Vokalen ausgewalzt, wie Plätzchenteig.

Nana schaute in die Runde. Vor ihr saßen zwei Dutzend Frauen mittleren Alters und ein Quotenmann. Manche waren schon öfter bei einem solchen Gesangsworkshop, andere sind sogar schon in Georgien gewesen. Wie echte georgische Bergleute sahen wir allerdings nicht aus.

Aber wir bemühten uns und sangen aus voller Kehle: mehrstimmige Kirchen-Gesänge hatte Nana ebenso im Programm wie schwungvolle Trinklieder und sanftmonotone Kinderheilungsmelodien. Sogenannte Botonebos, die eingestimmt werden, um die Hohen Geister, die sich einnisten, wenn jemand krank ist freundlich zu bitten, doch bitte zu entweichen.

Und wir Nordländerinnen (und der Quotenmann) wurden mitgerissen und ließen uns auf haarnadelscharf aneinander liegende Dreiklänge und auf die nach oben schraubenden Töne ein.
Nana hat uns am Ende sogar das Versprechen abgenommen, uns in der Silvesternacht zu treffen und laut das Mravalzhamier, ein gastfreundliches Tisch- und Trinklied auf das gute Leben anzustimmen, um das neue Jahr zu begrüßen. Oder es wenigstens von den Balkonen und aus den weit geöffneten Fenstern erschallen zu lassen.

Silversterabend 23 Uhr 25. Es wird bereits tüchtig geknallt, laute Musik und Gelächter ist auf dem Hinterhof in Altona, zu hören, wo wir mit Freunden unseren Jahreswechsel feiern. Ich stelle mich an die geöffnete Gartentür, alle anderen Mitfeiernden sind gerade in andere Zimmer verschwunden und stimme an.

Den Tischgesang, der auf orthodoxen liturgischen Melodien basiert: Mravalzhamier! Das bedeutet: Viele Male! Es sind nur vier Zeilen, aber ich singe sie voller Inbrunst wie in dem Novemberlicht durchfluteten Raum gelernt.

Leider kenne ich nur die erste Strophe auswendig. Die anderen, die den Herrn loben und ein langes Leben wünschen, lass ich weg.

Ruhe da!, kommt sofort eine knarzige Männerstimme aus der Dunkelheit. Sie geht fast in dem allgemeinen Getöse und Geknalle unter, aber ich habe sie dennoch vernommen. Schnappend schließe ich meinen Mund. Zwar hatte Nana wohl geschafft, aus mir eine waschechte Gurierin im Geiste zu machen. Doch leider aus dem Rest der Bevölkerung Hamburgs noch nicht.

 

Wer wissen möchte wie Mravalzhamier klingt:

Und noch mehr:

 

Allen ein frohes Neues 2017!

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

14 Kommentare zu „Mraval-zhamier oder Sing like a Gurian!“

  1. Was für Zaubergesang, zum Weinen schön, wie glücklich muß es machen, ihn zu singen!
    Unglaublich schön, herzlichen Dank!
    Wenn ich nur wüsste, wo es eine Möglichkeit gäbe, diese Art des Singens zu erlernen …
    Viele liebe Grüße aus dem südöstlichen Voralpenland, wo es leider keine Trinklieder gibt und leider leider kaum einfach so, nur aus Lust gesungen wird.

    1. Liebe Graugans, aber Berge gibt es bei euch, wie in Georgien… habe gehört, dass es bei Festivals der Weltmusik auch mal Workshops zu georgischen Gesängen gibt. In Frankfurt, das ist zumindest etwas südlicher. Oder in Rudolstadt. Und ja, es macht glücklich.

      1. Danke, liebe Scherbensammlerin, ich möcht eh schon lange nach Rudolstadt…singt Ihr eigentlich, wenn Ihr Euch so trefft unter Freunden? Damit mein ich jetzt nicht, irgendwelche komplottierte und lang geprobte Gesänge, sondern diese Selbstverständlichkeit des Singens, bei jeder Gelegenheit und ohne die Essen und Trinken nicht möglich wäre…oder seh ich das zu romantisch?

      2. Nicht genug. Und nicht als Sitte nach einem Festessen, wie es bei meinen russlanddeutschen Kollegen (die es den Russen abgeguckt haben) manchmal usus ist. Christliches in der Weihnachtszeit, das schon. Aber diese Selbstverständlichkeit, die du benennst kenne ich leider nur aus anderen Ländern. Was aber bei uns zuhause passiert: es wird gesummt, intoniert, rumgeträllert. So vor sich hin… Neuerdings auch Georgisches…

  2. Das klingt fremdartig in meinen Ohren, so fremd wunderbar!
    Das mit der knarzigen Männerstimme, die nach Ruhe verlangt, wie passend zu unserem mental ziemlich verbiesterten Land. Nicht einschüchtern lassen vom bösen Spießerwesen!
    Gruß von Sonja

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