Unterirdisch: das schwarze Huhn

Schnell, bevor die kalte Jahreszeit ganz entschwindet, noch ein winterliches Sujet im Film.

Anfang der Achtziger entstand ein Märchenfilm nach einem bekannten russischen Kinderbuch: Die schwarze Henne oder das unterirdische Volk.

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Die Geschichte spielt um 1790, sie handelt von einem knapp zehnjährigen Jungen, Aljöscha, der in ein Internat geschickt wird, und sogar in den Ferien da bleiben muss, weil seine Familie zu weit weg wohnt.
Er füttert die Hühner und ihm wächst ein besonders zerzaustes schwarzes Hühnchen ans Herz. Als es geschlachtet werden soll, rettet Aljöscha ihm das Leben. In der folgenden Nacht erscheint ihm das Huhn im Traum und entführt ihn in eine unterirdische Welt, eine Paralellwelt sozusagen, in der Wesen leben, nicht größer sind als ein halbes Arschin (ca. 36 cm). Zumindest im Buch, im Film haben die Schauspieler alle die normale Menschengröße. Der König der Unterirdischen bedankt sich für die Rettung und gibt dem Jungen als Belohnung ein kleines Hanfkörnchen. Dieses bewirkt, dass Aljöscha ab jetzt jede Antwort im Unterricht weiß und jeden Text auswendig kann, der jemals in einem Buch geschrieben wurde. Doch natürlich die Erfüllung dieses Wunsches an eine Bedingung geknüpft…

Das Schwarze Huhn, Film von 1980
Das Schwarze Huhn, Film von 1980

Einen kleinen Vorgeschmack darauf gibt es hier:

Der Film versetzt einen in die Zeit von Mozart und weißen gepuderten Perrücken. Aber anders als viele Historienfilme, ist die Welt, die Schule, in der Aljöscha und seine Mitschüler leben, schön durcheinander und unordentlich. Langsam erzählt und so realitätsgetreu, dass sich die Zuschauer wie Zeitreisende fühlen können. Außerdem kann der kleine Aljöscha mit seinen großen Augen gucken, dass einer ganz anders wird. Da kann der kleine Lord Fountleroy sich aber umgucken!

Es gibt auch eine Multfilm-Variante von 1975:

Bis zum Zerbersten poetisch.

Welchen Zusammenhang hat dieses Buch, hat dieser Film, abgesehen davon, dass sie in Russland zum Kulturgut gehören, zu meinen Themen? Weder ist der Autor ein Deutscher aus Russland, noch handelt das Buch davon.

Nein.

Aber.

Aleksej Perowskij, der unter dem Pseudonym Pogorelskij schrieb, hat 1813 im Krieg gegen Napoleon teilgenommen und kam so nach Dresden, wo er an die zwei Jahre lebte. In dieser Zeit hat er auch die deutschen Romantiker schätzen gelernt. Allen voran E.T.A. Hoffmann, der sein literarisches Werk und auch dieses phantastische Märchen beeinflusst hat. Also läuft meine Suche eher unter deutsche Spuren in Russland.

Eine weitere Spur: in der Erzählung taucht ein Lehrer auf, Iwan Karlowitsch, allem Anschein nach ein Deutscher, der ständig „Mein Gott“ vor sich her murmelt und mit einem pseudodeutschen Akzent redet. (So spricht er statt W immer ein superweiches F, in dem Sinne: Fass follen Sie von mir? Felche Folke fliegt vorüber. Kannten die Monty Python? Egal.) Der Schauspieler, der den Lehrer spielt, heißt Albert Leonidowitsch Filosov. Dem Vornamen nach könnte er theoretisch deutsche Wurzeln haben. Aber das wird in den Netzen nicht erwähnt. Wie so oft.

Der Autor war ursprünglich ein Beamter im Senat, bevor er sich nach dem Tod seines Vaters auf seinem ukrainischen Gut Pogorelskij (daher der Künstlername) zur Ruhe gesetzt hat. Ab da widmete er seine Zeit dem Schreiben und der Erziehung seines Neffen und Patensohns, mit dem er unter anderem 1827 Goethe besuchte.

Er schrieb Romane in der Tradition der Romantiker, wie „Der Doppelgänger“ aber erst das 1829 veröffentlichte Märchen vom schwarzen Huhn machte ihn bekannt. Er hat es übrigens für seinen kleinen Neffen geschrieben, der später auch ein Mann der Feder wurde. Der Junge war ein Graf Tolstoj, nein nicht Lew, sondern dessen Cousin, Aleksej Konstantinowitsch.

So wundert es nicht, dass der Protagonist auf den Namen Aljöscha hört. Aljöscha ist ein Kosename für Aleksej. Das ist der echte Vorname des Autors selbst und auch der seines Neffen.

Das schwarze Huhn ist das erste Buch in russischer Sprache, dass das Sujet der Kindheit so ausführlich behandelt und somit das allererste russische Kinderbuch überhaupt. Auf Deutsch ist die Geschichte „ Die kleine schwarze Henne“ als Nacherzählung von Sybil Gräfin Schönfeldt erschienen mit vielen Illustrationen von Gennadij Spirin, der sich als Illustrator vor allem auf Kinderbücher spezialisiert hat.

Überhaupt hat die Geschichte viele tolle Zeichner angeregt:

Illustration von Gennadij Spirin
Illustration von Gennadij Spirin
Illustration: Wiktor Piwowarow
Illustration: Wiktor Piwowarow
Auch Wiktor Piwowarow
Auch von Wiktor Piwowarow illustriert
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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

4 Kommentare zu „Unterirdisch: das schwarze Huhn“

  1. Herzlichen Dank, werde suchen nach diesem zauberhaften Film, liege grippekrank darnieder und ersehne genau so ein wundervolles Märchen , um zu gesunden!
    Viele liebe Grüße!

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