Spruch der Woche – Schultikulti

‚Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.‘

       Max Mannheimer, Zeitzeuge und Holocaust-Überlebender, der letztes Jahr mit 96 Jahren verstorben ist.

Der Diskurs um Erinnerungskultur vs Schuldkult ist letzte Woche an den Äußerungen des AfD Vorsitzenden aus Thüringen Björn Höcke heftig entbrannt.

In seiner Rede in Dresden vor zwölf Tagen nannte er die bisherige Erinnerungskultur in der Bundesrepublik ‚dämlich‘ und versprach eine Wende um 180°. Über das Holocaustdenkmal in Berlin sagte er:

Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.

Wen wundert‘s, dass er nach solchen Worten weder bei einer Gedenkstunde im Thüringer Landtag noch bei einer Veranstaltung in Buchenwald anlässlich des Holocaust-Gedenktages am Freitag eingelassen wurde.

Bei Russia Today ein darob entsetzter Höcke. Plötzlich spricht er wieder vom ‚dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte‘. Und von einem anderen Sender aufgenommen, der gezischelte Satz vor seiner Ansprache: Ablauf, wie geprobt. Selbstinszenierung eines Empörten.

Die Reaktionen zu seinen Statements in Dresden sind kontovers. Die einen führen seine Behauptung ad absurdum, bei uns würde Geschichte nur auf Deutschlands Schuld reduziert und die Errungenschaften unserer großen Söhne würden untern Teppich gekehrt. Journalist Rayk Anders zählt in seinem Beitrag die vielen Kunststätten und Denkmäler auf, die in Berlin aufgestellt wurden. Andere regen sich auf, dass wir in einem Land leben, in dem nicht alles gesagt werden darf.

Hier die Reaktion vom Journalisten und Videoblogger Rayk Anders:

Beispiele von andersgepolten User-Kommentaren:

Jetzt versucht man ihn und andere mit falscher Meinung auszugrenzen.
Andere Meinung sollte man in einer Demokratie aushalten können.

Und:

Dass hier viele Linke so getriggert sind und quasi ausrasten, weil Höcke ihnen ihre allergrößte Leistung, ja ihre Religion, wegnehmen will, zeigt ja, wie recht er hat. Es ist eine Religion der Schuld, ganz wie früher, als hier noch die Kirchen herrschten: Die Erbschuld! Dabei bin natürlich ich genauso wenig oder viel dafür verantwortlich, was vor 70 Jahren in Deutschland geschah, wie ein Chinese. Nämlich gar nicht. Aber die Linken wollen die Besten sein. Früher die besten im Menschen ermorden (das haben sie geschafft!), heute die Besten im sich selbst fertig machen und im „Mea Culpa!“ schreien. Und sie sind wieder dabei, zu krakelen: „Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ wenn sie fordern, dass alle anderen Nationen es der deutschen Nation nachmachen sollen.

Beispiel aus dem Artikel der Deutschen Welle vom 27. Januar:

AfD-Kreissprecher Bleeker berichtet vom Geigenlehrer seines Sohnes. Der habe als Russlanddeutscher in den 60er und 70er Jahren in Russland gelebt und sich dort nur von den Nachrichten der Deutschen Welle frei informieren können. „Der war überrascht über die Situation hier und sagt heute, jetzt gebe es wieder diese ‚Nur-in-der-Küche-Gespräche‘, wie es damals bei ihm war.“ Über bestimmte Dinge könnte man wohl in Deutschland nicht mehr offen nachdenken.
(Hier der ganze Artikel)

So als gäbe es Unsagbares. So als hätte Höcke ein Tabu gebrochen und würde jetzt mundtot gemacht werden.


Schande. Schuld. Sippenhaft.

Nun, darum geht es nicht bei dem Umgang mit ‚dem dunkelsten Kapitel unserer Geschichte‘, Herr Höcke. Ich glaube, Sie missverstehen da einiges. Aber wahrscheinlich ist Ihnen das egal. Eine gute Publicity ist das allemal, alles läuft nach Plan. Ablauf, wie geprobt.

Da werden allerdings Ebenen verwechselt. Es geht aber bei dieser Sache nicht um ein Eingeständnis der Schuld über Generationen hinweg. Es geht nicht darum, voller Scham, die Köpfe zu senken.

Menschen, die sich mit der Täterschaft in der eigenen Familie auseinandersetzen, sprechen nicht von Schuld – sie haben etwas ganz anderes im Sinn.

Auch die Begegnungen zwischen Nachkommen von Opfern mit den Nachkommen von Tätern dienen nicht einem Eingeständnis von Schuld. Sie dienen einem Prozess der Heilung. Es geht um Versöhnung nicht um Vergebung. Das ist ein kleiner aber feiner Unterschied.

Daher ist der Begriff Schuldkult hier unzutreffend. Es gibt keine Sippenhaft. Aber es kann eine Blindheit gegenüber den historischen Begebenheiten geben. Und daraus resultiert nichts Gutes.

Eine anonyme Stimme in diesem Diskurs fordert auf Youtube, andere Nationen sollten sich auf die dunklen Seiten ihrer Geschichte besinnen:
Vielleicht sollten sich andere Nationen wie USA, Russland, Türkei, Japan, China, Spanien, Großbritannien, usw. ein Beispiel an uns nehmen und ebenfalls Denkmäler für ihre historischen Schandtaten und Massenmorde errichten. Dann gedenken wir weltweit unserer historischen, kollektiven Geistesgestörtheit und erschaffen zusammen eine bessere Welt.

Bekommt die nationale Identität durch diese Form von Gedenken wirklich einen Schaden? Oder wird das Selbstverständnis um einige Schattierungen erweitert?  Staaten können sich entziehen. Aber die Opfer können nicht vergessen. Ihre Alpträume reißen sie aus dem Trott. Ist Vergessen das Privileg der Sieger?

Fast jede Nation hat Leichen im Keller. Millionenfach. Fast jedes Volk hat ein anderes auf dem Gewissen. Die Türkei hat sich dem Genozid an den Armeniern noch immer nicht offiziell gestellt. Russland erfährt einen neuen Stalinkult und weder Australien noch die USA haben das, was sie mit den ursprünglichen Bewohnern ihrer Länder getan haben, offen und öffentlich behandelt.

Sollen wir sie als Vorbilder nehmen? Diejenigen, die sich der Vergangenheit nicht stellen, sondern aus schlecht verstandenem Stolz die Geschichte als blinde Hurra-Wir-sind-die-Größten-Paraden betreiben. Siegreiche Helden. Jede Seite hat Täter und Taten, die sie zu verantworten hat. Es gibt nicht die gute Seite in einem Krieg.

Wenn das Vergessen und Verschweigen ein Privileg der Sieger ist, so ist das aufrechterhalten der Erinnerung vielleicht eine Chance der Besiegten. Die Chance, die all die Gewinner und Hurra-Schreier nicht ergreifen werden, weil sie es schlicht nicht müssen.

Auch wenn ich mich wiederhole wie ein Tukan: Es handelt sich hier nicht um einen Schuldkult der Multikulti-Gesellschaft. Es handelt sich nicht um dämliche Schuldzuweisungen. Das ist nicht Kindergarten hier. Was unser Part ist nach alldem: Versöhnung. Und vielleicht noch Mahnen. Die Erinnerung soll wach gehalten werden, damit das Grauen sich nicht wiederholt. Warum nicht gleich im Herzen der Hauptstadt. Eine Schande ist es nicht. Dies ist ein alter, überkommener Begriff. Finsteres Mittelalter.

Und dass ein Geschichtslehrer das nicht verinnerlicht hat, wundert mich etwas.

Aber vielleicht hat Björn Höcke ja persönlich eine ganz andere Geschichte aufzuarbeiten. Als Nachkomme von Vertriebenen. Und das wissen wir, dass das Hinschauen schon mal wehtun kann. Dann lieber gegen irgendeine nicht vorhandene Schuld anschreien. Und vor allem, anderen Schuld zuweisen. Hat ja auch schon früher wunderbar funktioniert.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

10 Kommentare zu „Spruch der Woche – Schultikulti“

  1. Ob es tatsächlich eine deutsche „Schuldkultur“ gibt, kann ich nicht beurteilen. Aber ebenso wie Vergebung und Versöhnung verschiedene Dinge sind, ist auch ein Denkmal nicht dasselbe wie ein Mahnmal. Herzliche Grüße

    1. Stimmt. Goethe in Körpergröße ist wohl eher ein Denkmal. Es mag hier eine Schuldkultur geben, aber sie schrammt an dem vorbei, worum es meiner Meinung nach geht. Liebe Grüße nach Österreich!

      1. In Österreich hat man die Frage jahrzehntelang so gelöst, dass einfach die Deutschen an allem schuld waren. Was historisch unhaltbar ist, allein schon deswegen, weil der Anteil an Österreichern bei den Nazis ein überproportional hoher war ….

  2. Ich finde deinen Beitrag sehr gut und ausgewogen, insbesondere gefällt mir die Unterscheidung zwischen Schuld und Versöhnung.

    Ein wenig anders sehe ich die Situation aber doch.Erstens hat Deutschland als Nachfolgestaat des Dritten Reiches es bisher versäumt, seine Schuld anzuerkennen – mit Ausnahme der Vernichtung der Juden. Alle anderen Opfergruppen sind mehr oder minder unter den Teppich gekehrt worden. Sich an die Brust schlagen – aber den Geschädigten nicht das zahlen wollen, was man ihnen gestohlen oder zerstört hat -, das ist tatsächlich schlechter scheinheiliger Schuldkult.

    Ich kann keineswegs zustimmen,dass Menschen, die 70 Jahre nach der Tat geboren wurden, keinen Anteil am Schuld-Erbe haben. Wenn es so wäre – warum wird zum Beispiel von den jetzt geborenen Griechen gefordert, dass sie für die Schulden, die ihre Großeltern bei deutschen Banken machten, zahlen müssen? Und warum sollen sie bis in alle Ewigkeit zahlen, wie die deutsche Regierung verlangt? Im Gegensatz zu den Deutschen haben sie keinen Krieg in andere Länder getragen, haben keine Zwangskredite erpresst, haben keine Goldreserven abtransportiert, haben keine deutsche Infrastruktur zerstört – von den Menschenleben rede ich schon gar nicht.
    Und Griechenland ist nur ein Beispiel.

    Kurzum, die Gedenkkultur kotzt mich an, wenn es an echten Taten der Versöhnung und Wiedergutmachung fehlt. Liebe Grüße! Gerda

    1. Danke für die Schattierungen, liebe Gerda. Aber was die Banken angeht, da fürchte ich gelten andere Gesetze als bei transgenerationaler Übergabe von Schuld. Die lassen nicht mit sich reden, auch wenn wir das vielleicht ungerecht und absurd finden…

      1. Nun, inzwischen wurden die Banken ja „gerettet“ und die Schulden wurden zwischenstaatlich. Insofern sind die Fälle vergleichbar. Griechenland hat heute keine alten Bankschulden mehr, sondern Schulden bei den europäischen Staaten, wobei Deutschland ander Spitze steht.

    2. Und in einer Sache hast du recht, es wird zwar viel geredet, aber ob eine echte Aufarbeitung passiert ist, besonders in den Familien, also eine emotionale, das ist eher fraglich. Aber dann ist ja noch viel Platz nach oben!

      1. ich meine, eine „echte“ Aufarbeitung geht nicht ohne Anerkennung der Tatsachen durch das Gemeinwesen, das ja damals wie heute der deutsche Staat und nicht der einzelne Bürger ist.

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