Zeitkapsel – Erlebtes Leben zwischen zwei Welten

Seit Jahr und Tag trage ich ein Büchlein mit mir herum. Es ist nicht umfangreich, aber es umfasst eine ganze Epoche und zwei Diktaturen.

Wie ich dran gekommen bin, ist eher zufällig gewesen, wie so vieles. Im Sommer oder Herbst 2015, nach dem ich einen Blog-Beitrag über Alexander Schmorell gepostet hatte, war ich auf der Suche nach einem Buch, das Texte und Gebete von ihm enthält. Und die Datenbank der christlichen Buchhandlung spuckte mir diesen Titel aus. Erlebtes Leben – unter Stalin und Hitler, geschrieben von jemand anderem, Frau Brigitte Werth-Schmorell.

Das kann kein Zufall sein, dachte ich. Und stimmt. Es ist eine Cousine des Gründers der Weißen Rose, die diese autobiografische Werk verfasst hat. Wie ein anderer Zufall es will, lebt sie auch in Hamburg. Und ich habe sie über den Verlag erreicht und mich mit ihr getroffen.

Seit Jahr und Tag schleppe ich dieses Büchlein mit mir rum, ins Café, auf Zugfahrten und sogar in den Ruheraum der Sauna. Habe schon zig Seiten Notizen dazu, wieder verlegt und verloren, nach Monaten wiedergefunden. Warum ich nicht wenigstens eine Kurzrezension von einige Zeilen darüber verfasst habe, kann ich nicht sagen. Aber dann passiert es eben an diesem Februartag. Und eins weiß ich. Ich werde mich nicht kurz fassen können.

Diese Biografie ist nicht eins der typischen Erinnerungsfragmente Deutscher aus Russland. So viel kann ich sagen. Wahrscheinlich weil die Schreiberin selbst nicht typisch ist. Nach der Definition von Historikern ist sie auch keine Russlanddeutsche im engeren Sinn. Das sind nur diejenigen Deutschen, die nach 1763 auf den Geheiß der Zarin Katharina II zumeist an die Wolgaregion und andere ländliche Gebiete gezogen sind. Die Familie Schmorell hat sich aber in Städten niedergelassen. Sie waren Händler und Ärzte in Orenburg im Ural. Weitere Ahnen von ihnen sind nach Moskau und St. Petersburg gezogen. Sie gehören zu den Deutschen, die in Russland Kutschen bauten, mit denen Alexander Puschkin oder Alexander von Humboldt herumgefahren sind. Sie verkehrten in gehobeneren Kreisen und haben die Kultur der beiden Metropolen geprägt. In meinen Augen wäre es eine Sünde, sie auszuschließen. Aber wenn sie keine Russlanddeutschen sind, was sind sie dann? Und was sind wir? Haarspaltereien. Die mögen andere betreiben.

Vielleicht habe ich wegen dieser Unklarheiten gezögert. Vielleicht weil die Dame, die ich in einer Konditorei in einem Hamburger Vorort getroffen habe, sich sehr zurückhaltend gezeigt hat und sich partout nicht fotografieren wollte. Ihre Privatsphäre war ihr unglaublich wichtig. Und das ist doch sehr sympathisch in diesen Zeiten. Vielleicht zögere ich, ihre Geschichte preiszugeben, vielleicht bin ich aber einfach eine zögerliche Person.

Moskau Tram, 1933. Quelle: oldmos.ru
Moskau Tram, 1933. Quelle: oldmos.ru

Als sie an diesem Herbstmorgen die Konditorei betritt, würde niemand erraten, dass sie nicht lange nach Lenins Tod geboren wurde. Mit ihrer selbstgehäkelten Kappe aus weißem Baumwollgarn auf dem Kopf, die mit einer näckischen Strassbrosche geschmückt ist, blickt sie wach und unternehmungslustig in den Raum. Sie wirkt körperlich nicht weniger fit als ich, im Gegenteil.

Anfangs ist sie skeptisch mir gegenüber, will genau wissen, was und wozu ich es wissen will.

Sie möchte nicht viel von sich preisgeben, nicht fotografiert werden. Und das ist ein sehr vernünftiger Umgang mit dem unbekannten Terrain Internet.

Und was genau ein Blog ist, kann ich nicht beschreiben mit alten Begriffen. Ein schwarzes Brett? Ein Notizbuch für die Öffentlichkeit? Wer sieht das alles?

Als die Computer noch schwer und unhandlich waren, hatte sie sich mit über 70 das Arbeiten am PC eigenhändig beigebracht, um ihrem Mann, einem Wissenschaftler bei seinen Publikationen zu unterstützen. Und er hat sie auch ermuntert, ihre Geschichte öffentlich zu machen. ‚Schreib es nieder‘, hat er ihr immer wieder geraten. 2009 hat sie ihre sehr stringenten Erinnerungen publiziert. Für die nächsten Generationen, wie sie selbst in dem Einleitungstext bemerkt.

So wie diese ältere Dame, die viel erlebt hat, ist auch ihr Buch.

Es ist sehr persönlich, aber es gibt nicht viel preis. Es bindet die eigene Geschichte in die größeren Zusammenhänge ein. Ein wenig Nostalgie, Anekdoten und Lebensaugenblicke verknüpft mit historischen Ereignissen und Personen.

Aber ich greife vor.

Alexander Schmorell
Alexander Schmorell, genannt Schurik

Wir reden über ihren Verwandten, Alexander Schmorell, der zum Kleeblatt, zum inneren Kern der Weißen Rose gehörte. Ich rege mich über seine Darstellung in Filmen und Büchern auf. In einer russischen Rubacha. Wie ein Kolchosbauer.

Schurik war ein aristokratischer Mensch, ihn in einen Bauernkittel zu stecken ist typisch deutsch, ob er überhaupt Balalaika gespielt hat? Er konnte sehr gut Klavier spielen, das ja.‘

Sie gibt mir eine viel schönere Ikone von Alexander Schmorell, der vor einigen Jahren heilig gesprochen wurde. ‚Sehen Sie, da ist eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden und das rote Kreuz, das darauf hinweist, dass er Arzt war, oder werden sollte.‘

Die schönste Beschreibung von Alexander stamme von seinem Vater, Hugo Schmorell. Er hat sie in einem Brief an die Schriftstellerin Ricarda Huch geschrieben. Schon 1945. Doch leider ist sie nicht mehr dazu gekommen, ihr Buch zu vollenden. Sie starb zwei Jahre später.

Aufzeichnungen von Frau Wehrt-Schmorell sind zum Teil aus einer Kinderperspektive erzählt. Es ist das Jahr 1934. Mit etwa neun Jahren kommt Brigitte mit ihrer Familie aus dem stalinistischen Russland ins Vorkriegsdeutschland.

In einer Nacht – und Nebelaktion reisen ihre Eltern aus Russland ab. Mit zwei Kindern und zwei Koffern an der Hand.

Freunde von meinen Eltern, Edelkommunisten, haben meinen Eltern einen Wink gegeben.‘

Stalin sind sie entronnen. In der neuen Heimat herrscht aber eine nicht mindere Diktatur.

Ihre Mutter Agnes, die sich hinsetzt und „Mein Kampf“ durchackert, ist betrübt: ‚Drüben mussten wir schweigen und uns still verhalten‘, sagt sie, ‚Und hier geht es weiter, glaubt mir.‘ Nach dieser Lektüre sieben Jahre vor der Operation Barbarossa schätzt sie die Lage klar ein: ‚Der meint es ernst, es wird noch einen Krieg mit Russland geben.‘

Ja, Kinder kriegen viel mit.

Der Vater hat den Wechsel in das andere Land, in die neue Diktatur nicht gut verkraftet. Kurz nach der Einreise wird er von der Gestapo verhört. Er hätte ja ein bolschewistischer Spion sein können. Danach wird er immer verschlossener. Redet nicht, zieht sich immer mehr in sich zurück. Er hat nie etwas aufgezeichnet. Und ihr Bruder auch nicht. Hat immer nur abgewunken, wenn sie mit ihm über die Vergangenheit reden wollte. Ihm ist es schwerer gefallen, im neuen Land anzukommen. Er war schon Schulkind, wurde auf dem Schulhof gehänselt – in Moskau als dreckiger Deutscher. In Deutschland als Russe. Er hat die Vergangenheit abgestreift.

Die Mutter geht da pragmatischer mit um. Sie bittet ihre Kinder, nur noch deutsch miteinander zu reden.

Als eine ihrer Lehrerinnen bemerkt, sie sei so schweigsam und ernst für ihr Alter, erwidert ihre Mutter: ‚Bedenken Sie doch, was unsere Kinder an Schrecken erlebt haben.‘

Im Buch berührt sie schreckliche Erlebnisse, aber an keiner Stelle wird sie weinerlich oder anklagend. Es ist ihr wichtig mitzuteilen, dass es neben dem Schrecken auch die glücklichen Momente gab.

Die russische Njanja, die abends beim Einschlafen, wenn die Mutter schon rausgegangen war, an ihrem Bett saß und ihr Geschichten erzählte und ihr Gebete beibrachte, nannte sie immer Gitjulenka, eine eigens kreierte slawische Verniedlichung auf den nordischen Namen. An sie denkt Brigitte Wehrt-Schmorell noch heute sehr liebevoll zurück. Es gelingt ihr, ein Büchlein, ein andenken an dieses Kindermädchen ins neue Leben zu retten.

Deutsche Familie in Orenburg
Deutsche Familie aus Orenburg

Viel später, als sie schon lange in Deutschland ist, flüchtet sie sich in die Erinnerungen aus ihrer Kindheit, wenn es ihr schlechtgeht.

Das war für mich wie ein unantastbarer Hort, stellen Sie sich vor, eine Kindheit im Stalinismus!‘

Denn die Erwachsenen verstanden es, trotz der widrigen Umstände den Kindern mit kleinen Ritualen Geborgenheit zu vermitteln. Eine Welt zu schaffen, in der sie sich sicher fühlen sollten, auch wenn die Außenwelt aus den Fugen geraten war. So wurden aus Wachsresten heimlich Kerzen gegossen und mitten im Stalinismus christliche Feste wie Weihnachten gefeiert, hinter zugezogenen Gardinen.

Ihre Wurzeln gehen auch auf Baltendeutsche zurück, ein anderer Ururgroßvater war Wagenbauer und hat Alexander von Humboldt auf seiner Reise durch Russland ausgerüstet. Auch der dichter Puschkin hat seine Kutschen lobend in seinen Briefen erwähnt. Brigitte Wehrt Schmorell stößt auf einer ihrer Reisen nach Russland mehr oder weniger zufällig auf die Grabstätte ihrer Vorfahren und recherchiert die Geschichten. Auch davon handelt das Buch.

Auch davon, was in der Zeit nach der Revolution mit einer deutschen Kaufmannsfamilie geschehen ist. Nach der Machtübernahme durch die Bolschewiken werden sie enteignet und zunächst in eine gemeinsame Wohnung gesetzt. Dem weitverzweigten großen Klan stehen immerhin sieben Zimmer statt dem hochherrschaftlichen Haus zur Verfügung. Das achte Zimmer bewohnen Fremde, die sie bespitzeln sollen.

Innerhalb der sieben Zimmer wird deutsch gesprochen. Außerhalb der Hausmauern reden sie russisch.

Die Stalinzeit und Kampagnen gegen Deutsche sind auch an dieser weitläufigen Familie nicht spurlos verübergegangen. Der jüngste Bruder ihres Vaters ist im Lager verhungert, drei Brüder der Mutter sind ebenfalls umgekommen. Und auch Brigittes Vater saß vier Jahre in Sibirien fest.

‚Als Ingenieur war er technisch sehr versiert,‘ erzählt sie, ‚konnte überall eingesetzt werden auch in Tomsk und Nowosibirsk. Dort hat man ihn dann verhaftet. Es reichte ja ein Deutscher zu sein.‘

‚Musik, hat mich gerettet. Und dieser Doktor.‘ Ein befreundeter Arzt in dem Ort, an dem sie sich niedergelassen haben in Deutschland, der Verständnis hatte für die seelischen Schmerzen dieser eingewanderten Familie. In den Dreißigern eine Ausnahmeerscheinung. Drei Jahre leidet sie. Der befreundete Arzt kann den Trennungsschmerz heilen.

Auch die Reisen nach Russland haben geholfen. Sobald es möglich war, ist Brigitte immer wieder dahin zurück gefahren. 1961 schon in Moskau, und dann immer wieder.

Frau Wehrt-Schmorell macht mich auf eine Besonderheit aufmerksam, was ihren Vornamen angeht: Brigitte. Einmal brauchte sie für irgendeine behördliche Sache ihren Taufschein, ein Glück, ihr Mann hat ihn aufbewahrt. Doch die deutschen Behörden bemerken eine Unregelmäßigkeit, die ihr fast zum Verhängnis wurde.

1925, wenige Jahre nach der Oktoberrevolution, wurde das Baby Brigitte nicht in einer Kirche, sondern privat, zu Hause getauft. Der Taufschein war auf russisch ausgestellt und ihr Name wurde auf Kyrillisch mit Бригита angegeben, also Brigita mit einem a am Ende.

Diese kleine Abweichung beim letzten Buchstaben führt bis heute dazu, dass sie bei offiziellen Dingen stets darauf achten muss, mit Brigitta zu unterschreiben, sonst ist das Dokument nicht rechtsgültig. Und wenn sie eines Tages in das Familiengrab beigesetzt wird, dort wo ihr geliebter Mann seit fast zwei Jahren ruht, möchte sie, dass auf ihrem Grabstein als Vorname Brigitta steht mit a.

Fazit: Dieser ganz andere Blickwinkel auf die Geschichte und die Wurzeln von Deutschen in Russland macht die Lektüre so wertvoll.

***

Erlebtes Leben unter Stalin und Hitler

Mit einem Geschichtsabriss: Deutsche in Russland

112 Seiten, Taschenbuch (Paperback)

EUR 8,90 · ISBN 978-3-8280-2767-1

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

8 Kommentare zu „Zeitkapsel – Erlebtes Leben zwischen zwei Welten“

  1. Einen wundervollen Text hast Du da geschrieben, berührt mein Herz!
    Werde versuchen, das Büchlein zu bekommen!
    Liebe Grüße an Dich!

    1. Das stimmt. Es ist auch nur eine Momentaufnahme. Das Foto ist in Deutschland gemacht worden. In einem Aufnahmelager 1920 in Krekow (?). In den zwanziger Jahren kamen Flüchtlinge aus Russland, die vor der Revolution geflohen sind. Und es sind Unbekannte. Ich habe keine Originalaufnahmen von Frau Wehrt-Schmorell. Könnte natürlich sein, dass auf dem Bild auch einige Schmorells sind. Zufällig.

  2. Ein schöner und wichtiger Beitrag. Vielen Dank. Mich berührt am meisten der Aspekt der vielfältigen Hintergründe, der hier stark hervorgehoben wird. „Russlanddeutsch“ ist ein überladenes und wackeliges Konzept mit dem es schwer fällt sich zu identifizieren.

    1. Das freut mich, vielen Dank. Ja, es wird so getan, als sei „das Russlanddeutsche“ etwas Homogenes. Aus einem Guss. Und unter den 1.4 Mio Individuen, auf die dieser Begriff mehr oder minder gerade in Deutschland zutrifft gibt es sicher einige gemeinsame Nenner. Aber wir sind nicht alle gleich. Neulich habe ich sogar gelesen, dass es zwei Arten Ru-De gibt. Solche, die vor 1989 gekommen sind, also vor dem Zerfall der Sowjetunion und solche, die danach gekommen sind. Die davor gekommen sind, und die hier geboren und aufgewachsen sind, haben die Sicht von hier übernommen.Sind sozusagen nemifiziert (verdeutschlicht) und vom guten Leben hier ganz beduselt. Mag sein. Ich bin auch so eine. Ich wage jedoch die steile These, dass es bei beiden Gruppen welche gibt, die Pferde mögen und welche, die lieber Krimis schauen, welche, die wunderbare Teigerzeugnisse backen und welche, die lieber Skateboard fahren. Aber eine oder, wie in diesem Fall, zwei gemeinsame Dinge sind schon verankert. Das stimmt. Eine verfahrene Sache.

  3. Vielen Dank für den Lesetipp und die Drumherum-Geschichte, sehr interessant! Doch war ich zu langsam: gestern war das Buch noch bei medimops, heute nicht mehr. Die Graugans wahrscheinlich… Jetzt muss ich warten 😦

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