Rosenkohl-Glamour

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Wenn Aussiedler ein Gemüse wären, wären sie sicher Rosenkohlröschen. Kein häufig verbreitetes wie Kürbis oder Möhre, kein exotisches wie die Tomate, die ja halb eine Frucht ist. Nicht Spinat oder Kartoffel. Auch keine Gurke, trotz ihrer Zugehörigkeit zum Wodka. Auch kein Superfood. Saisonal und leicht bitter. Nicht von allen gemocht, aber nahrhaft und bodenständig. Ein wenig bekannter Cousin des geschmeidigen Italieners Brokkoli. Er steht in zweiter Reihe. Oder dritter. Oder vierter.

Es werden keine Oden an den Rosenkohl gesungen. Er wird nicht auf Gemälden verewigt wie der Granatapfel. Er ist nicht die blaue Blume der Romantik. Aber er ist da. Und ergibt eine gute nahrhafte Suppe im Winter. Reduktion und Durchhalten. Nicht Fülle.

Smoothies mit Rosenkohl? Wohl kaum. Rosenkohlparfait? Eher selten. Rosenkohlsoufflee. Noch nie gegessen.

Er wird höchstens mal mit einer zünftigen Lammkeule serviert. Als Beilage. Und auch nicht beim Bankett, sondern eher in der Alltagsküche. Und wachsen tun die Köpfchen gemeinsam an einem Strunk, als Großfamilie sozusagen. Auch das passt. Alle zusammen.

Auf dem Mitmachblog habe ich heute den Beitrag von Karo-Tina entdeckt, da hat sie zum Thema Perlen Rosenkohlköpchen fotografiert.
Endlich kommt dieser Vertreter der Kohlfamilie zu etwas Glamour. Und mich hat diese Idee zum Nachdenken angeregt. Und zwar nicht nur darüber, was es heute zu mittag gibt.

Aber einen Denkfehler habe ich wohl doch gemacht. Rosenkohl ist in Russland weitestgehend unbekannt. Oder nein, vielleicht passt das ja gerade deswegen. Ein ein fremdes Kohlköpfchen im Land des Weißkohls.

Da fällt mir ein Gemüsewitz aus dem Sozialismus ein. Sitzen Radieschen, Gürkchen und die Kartoffel im Vorzimmer des KP-Büros. Einer von ihnen soll heute zum Vorzeigegemüse des Kommunismus gewählt werden.

„Mensch Kartoffel, du hast die besten Chancen,“ sagt Gürkchen, „Du bist die Hauptspeise für Millionen von Arbeitern. Mit ihren bloßen Händen graben sie dich aus der gefrorenen Erde Sibiriens und auf weichwogenden Feldern der Ukraine bist du auch zu finden.“

„Ach was“, sagt Kartoffel, „Radieschen hat wird das Soz-Gemüse des Volkes. So rot wie sie ist.“

„Warum sie dich eingeladen haben, Gurke,“ sagt Radieschen siegesgewiss, „kann ich nicht verstehen. Als Salzgurke bist du bei jedem Besäufnis dabei. Das ist moralisch nicht zu vertreten.“

Kartoffel wird hereingerufen.

Kommt nach einigen Minuten raus. Niedergeschlagen.

„Sie haben gesagt, ich sei zwar die Speise des Volkes, komme aber ursprünglich aus Amerika. Und bin dementsprechend ein Spion und ein Diversant,“ klagt Kartoffel.

Radieschen wird reingerufen.

Kommt nach einigen Minuten raus, niedergeschlagen.

„Und, was ist Radieschen, warum haben sie dich nicht genommen?“

„Sie sagten, ich sei zwar außen rot, aber innen bin ich weiß!“

Gurke geht rein. Kommt mit stolzgeschwellter Brust raus. Mit Medaille darauf.

„Du! Du bist es geworden?“

„Ja. Ich bin zwar nicht rot, aber ich bin auf jedem Tisch im Land, bei jeder Feier und im Alltag. Mit meinem Freund dem Dill.

Und außerdem bin ich durch und durch hiesig (unser). Und kein Ausländer.“

 

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

9 Kommentare zu „Rosenkohl-Glamour“

  1. Für mich ist das wieder linguistisch sehr interessant ! Das Gemüse auf dem Foto heißt in Ö „Kohlsproßen“ und das, was in D „Blumenkohl“ heißt, nennen wir „Karfiol“ 🙂

  2. Hier in Griechenland heißen sie „Bryxelon“ – Kohl aus Brüssel. Ich esse sie sehr gern als Schmorgemüse, doch werden sie hier nicht angebaut, nur importiert – vermutlich aus Belgien….

    Du kennst sicher das Spottlied Tucholskys über die Sozis, „das bescheidene Radieschen, außen rot und innen weiß“?

    Feldfrüchte

    Sinnend geh ich durch den Garten,
    still gedeiht er hinterm Haus;
    Suppenkräuter, hundert Arten,
    Bauernblumen, bunter Strauß.
    Petersilie und Tomaten,
    eine Bohnengalerie,
    ganz besonders ist geraten
    der beliebte Sellerie.
    Ja, und hier –? Ein kleines Wieschen?
    Da wächst in der Erde leis
    das bescheidene Radieschen:
    außen rot und innen weiß.

    Sinnend geh ich durch den Garten
    unsrer deutschen Politik;
    Suppenkohl in allen Arten
    im Kompost der Republik.
    Bonzen, Brillen, Gehberockte,
    Parlamentsroutinendreh …
    Ja, und hier –? Die ganz verbockte
    liebe gute S. P. D.

    Hermann Müller, Hilferlieschen
    blühn so harmlos, dof und leis
    wie bescheidene Radieschen:
    außen rot und innen weiß.

  3. Als gebürtige Westfälin mag ich die deftige, bodenständige Küche sehr und genieße sie im Wechsel mit der feineren, französischen oder mediterran geprägten. Im Französischen heißen die herzhaften Röschen übrigens Chou de Bruxelles (Brüsseler Kohl) und finden sich durchaus in eleganter Variante 😀 -nicht nur in meiner Wahlheimat … Brüssel !

    1. Vielleicht bin ich nicht so in die Tiefen der feinen Küche eingeweiht. Brüsseler Kohl schmeckt sicher auch mit einem feinen Sößchen. Nicht nur gedünstet mit Kartoffeln. Mal sehen, was ich da finde…

  4. liebe Scherbensammlerin, einst schrieb ich ein gedicht, das gedicht eines feurigen rosenkohlröschenliebhabers. das passt so schön hier hin, deshalb:

    röschen – anbetung
    röschen ach, wenn ich dich seh,
    wird mein tiger wach,
    knurrig, fauchend und gemein
    pirscht er durchs gemach.
    röschen whow dein neonkleid
    mit den runden säumen
    tuschelt scharf und rattenzart
    nachts mit meinen träumen.
    röschen deine knusperhaut
    schmeckt schärfer noch als rettich
    wenn ich dich nicht kriegen kann
    beiss ich in den teppich.
    röschen hach, du kleine sau,
    auf dem frischen leinen
    hüpfst du wie ein känguru
    zwischen edlen weinen
    röschen huch deine dessous
    reiss ich dir vom leibe
    hach wie’s zirpt und knirscht und quietscht
    wenn ich’s mit dir treibe.
    röschen wenn du nackig bist,
    will ich an dir schnuppern,
    warte nur, jetzt krieg ich dich,
    hör mein herzchen buppern.
    röschen ih, jetzt riech ich dich,
    pfui mir wird ganz anders.
    schlagartig clean gesteh ich dir,
    dass du mich nicht mehr anmachst.
    dein hautgout ist zu extrem
    röschen, schönes, rundes,
    sei nicht bös ich bitte dich,
    vernimms aus meinem munde:
    ach rosenkohlröschen –
    dein lindgrünes
    herzgrübchen –
    stinkt…

    Sylvia Hagenbach

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