Der BVB-Bomber

Die seriöseren Medien nennen seine Herkunft nicht. Die Yellowpress hat ihn schon durchleuchtet, mit der Kirchengemeindenvergangenheit und dem Bubigesicht und eben dem Geburtsort im Ural. Ein Deutsch-Russe hat angeblich die Bombe am Mannschaftsbus des BVB gelegt. Sein Motiv: Börsenspekulation.


Die Nachricht hat in mir einiges ausgelöst: werden sie wieder Bashing betreiben, werden wieder alle, die aus dem wilden Osten kommen als Wilde abgeurteilt? Wird nun den Russlanddeutschen pauschal eine Mordlust untergeschoben? Anscheinend nicht.

Wieso trifft mich das? Bin ich nicht genauso wie die Sensationspresse, die entgegen dem journalistischen Kodex die Herkunft betont, sie ans Licht zerrt, als wäre sie der Auslöser für die Tat? Als wäre der Geburtsort und die Sozialisation zwangsläufig verantwortlich für die Entscheidungen von Leuten?

Bin ich nicht genauso wie die Presseleute, weil ich mich mit diesem Fall nun innerlich beschäftige? Und zwar erst seit dem ich weiß, dass er möglicherweise „einer von uns“ ist? Das ist dieselbe Denke, nur mit einem anderen Vorzeichen. Identifikation. Einordnung. Schublade auf, Schublade zu.

Alle diese Parameter – Börse – Fußball – Bombe – liegen mir so fern wie ein Ferienhaus in Timbuktu. Wieso suche ich nach Gemeinsamkeiten und fürchte, dass diese Tat irgendwie auf mich abfärben könnte?

Ich lese den Namen und denke, W., haben wir in der Verwandtschaft einen Namen, der mit W. anfängt? Nein. Ein Glück. Aber bei anderen Bombenlegern frage ich mich das nicht. Warum trifft mich diese Nachricht so persönlich, aber erst nachdem bekannt wurde, was für ein Landsmann dieser Sergej W. ist?

Ein Glück wird aus dieser Meldung keine Hetzkampagne gemacht. Im Moment passieren eben noch gewichtigere Dinge, die die Nachrichten bestimmen. Und: das Motiv ist auch nicht religiös begründet. Es sei denn, wir betrachten die Anbetung des Mammon als eine religiöse Spielart.

Dann käme zu dem Kanon von Attentätern, den kommunistischen, nationalistischen, anarchistischen und islamistischen nun auch noch die kapitalistische Variante. Wird nun im großen Stil der Kapitalismus verurteilt und abgeschafft?

Ich sollte mich davon abkoppeln. Aber ich kann es irgendwie nicht. Erst mal einen Tee.

Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

5 Kommentare zu „Der BVB-Bomber“

  1. Es war ein Russlanddeutscher oder Deutscher aus Russland. „Deutsch-Russen“ gibt es nicht. Ich verstehe nicht, warum diese Begriffskombination so oft Verwendung findet, auch von denen, die es eigentlich besser wissen müssten.
    Ansonsten gilt wohl auch hier: Dumme gibt es überall, vor allem solche, die sich für sehr klug halten und dann erwischt werden.
    Wer hätte noch nie gedacht… so einmal richtig hinlangen und dann hat man ausgesorgt? Die Gier nach dem Mammon ist wohl ein zutiefst menschliches Problem, unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit.

  2. Allerdings, die Gier ist wohl grenzenübergreifend. Ich bin mir nicht sicher, welchen Stammbaum dieser junge Mann nun wirklich hat. Die Russlanddeutschen oder Deutschen aus Russland als Deutsch-Russen zu bezeichnen, ist wirklich nicht korrekt. Fällt aber leider immer nur uns selbst ein. Und es gibt den Fall, dass ein Kind eine russische Mutter und einen Hiesigen als Vater hat, oder umgekehrt. Dann wäre die Bezeichnung Deutsch-Russe legitim. Nur weiß ich nicht, ob es sich bei Sergej W. so verhält…

  3. Es kann sich auch einfach um ein Russe ohne deutscher Herkunft handeln der sich einbürgern lies. Daher auch der gängiger Begriff Deutschtürken. Schwarze Schafe gibt es überall, auch wenn dies als Motiv für einen Terroranschlag eher ungewöhnlich ist… na ja, Terrorismus ist evt ansteckend…

  4. Dann gibt es hoffentlich bald ein Impfmittel: Antiterrorix® pur, mit nur dreimal 0,5 ml sind Sie immun gegen Hetze und Tötungsgedanken. Bei etwaigen Verschwörungs- und Hassgedanken, fragen Sie Ihren Beichtvater oder Pseik.

  5. Ich kann dich gut verstehen. Dieser Reflex, sobald die Nationalität eines Täters genannt wird – da laufen auch in mir so Zuordnungs- und Abwehrgedanken wie wild durcheinander. War es ein Grieche … Scheiße. War es ein Deutscher? Egal, Gottseidank gibts auch deutsche Gesetzesbrecher, da müssen sie sich an die eigene Nase fassen. Bei Terroranschlägen: War es ein Moslem? Irgendwie zu erwarten, aber Scheiße, jetzt gehts wieder los mit dem Wolfsgeheul. War es ein Ukrainer, ein Russe? Kaltes Gefühl, die Gedanken gehen zurück ins Sowjetreich und die Frage kommt auf, ob die Sozialisation in Glaubenslosigkeit an dieser kruden Geldgier schuld ist. Das alles sind automatische Reaktionen, die sowohl eine Erst-Einschätzung des Täters als auch die Reaktion des Publikums beinhalten. Ich ärgere mich dann über mich selbst….

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