Die Schatulle

Wir fahren öfter daran vorbei. Es ist eine Art Nische in der Mauer in der Gerichtstraße, gleich beim Bolzplatz. Weniger als einen Meter lang, mehr als einen halben hoch und etwa ebenso tief.

Dieser Platz ist ein Wechsellager für Nachbarn und Anwohnerinnen. Bücher werden dorthin gelegt, abgetragene Klamotten und Schuhe. Manchmal kommt Kinderspielzeug hinein, Blumentöpfe, die einer über hat, allerlei Krimskrams. Ich deponiere dort ab und zu selbst Ausgelesenes, das ich nicht behalten möchte oder ein Kleidungsstück, von dem ich weiß, dass ich es nie wieder werde anziehen können.

An dem Tag war die Nische fast leer. Daher fiel uns die kleine schwarze Schatulle sofort auf. Ich habe gleich gesehen, dass es eine russische Lackdose ist. Heute würde ich schwören, ich hätte sie zuerst gesehen, aber Karlotta ist anderer Meinung. Sie besteht darauf, dass sie sie gefunden hat.

Solche Lackdöschen mit irgendeinem Motiv, meistens einer Troika, sind beliebte Souvenirs in Russland. Ich weiß noch, dass ich gezögert habe, sie mitzunehmen, denn auf solchen Touristenkitsch stehe ich normalerweise nicht. Es gibt sie zuhauf, diese Holzschatullen an den Ständen in Russland, ebenso wie wie bunte Matrjöschkas, Holzlöffel oder Anstecker mit Leninkopf. Lange Zeit bewahrt Karlotta ihre doppelten Panini-Bildchen darin auf. Die Schatulle, außen schwarz und innen leuchtend rot lackiert, hat eben genau die richtige Größe.

Warum ich sie heute geöffnet habe, weiß ich nicht. Vielleicht weil sie seit Wochen ständig im Wohnzimmer rumliegt und überall im Weg ist. Im roten Lack des Deckels entdecke ich einen Stempel. Mit Krone und dem Doppelkopfadler und kyrillischen Buchstaben.

Halt mal, sage ich, die ist sicher mehr als hundert Jahre alt. Noch vor der Revolution. Und wirklich, nach einiger Recherche im Netz finden wir heraus, dass diese Lackdose aus der Werkstatt von Wassilij Ossipowitsch Wischnjakow und Söhne stammt und um 1880 entstanden ist.

Kann nicht sein, denke ich und schaue mir die Miniatur auf dem Deckel genau an. Die Figuren und die Gesichter sind fein gezeichnet, sogar bei dieser Größe. So als wären sie mit einem Haarpinsel ausgeführt worden. Die Perspektive stimmt nicht immer, so wirkt das hintere Pferd der Trojka größer als das vordere. Aber Naive Bauernmalerei ist das nicht. Die Farben sind nicht grell sondern sehr nuanciert und es ziehen sich feine Maserungen durch den Lack. Das hätte mir doch früher auffallen können. Ist es aber nicht. Im Vordergrund befindet sich ein Baumstumpf mit Ast, wie auf etlichen anderen Modellen von Wischnjakow und Söhne, seine Lichter und Schatten sind fein modelliert.

Da haben wir wirklich einen Fang gemacht.

Meine Dose, sagt Karlotta.

Die verkaufe ich nicht, fügt sie hinzu als wir herausfinden, wieviel man bei eBay für so ein schmuckes Stück haben kann.

Ist mir recht, sag ich. Seufze und lege die Paninibildchen wieder hinein.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

3 Kommentare zu „Die Schatulle“

  1. „So sind wohl manche Sachen, die wir getrost verlachen, weil unsre Augen sie nicht seh’n“ – diese Zeile aus dem wunderschönen Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ fällt mir dazu ein, darüber hab ich gerade diese Woche etwas geschrieben: die Wunder, die hinter nur scheinbar Unscheinbarem verborgen sind … Freut euch an dem schönen Fund!

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