Fokus-Pokus

 

Der Blog steht still und schweiget. Nein, ich schweige. Seit Monaten habe ich vor, die Weichen neu zu stellen. Und meine Ankündigung von vor zwei Jahren wahrzumachen, nämlich mich eingehender mit der Literatur der Deutschen aus Russland zu beschäftigen. Doch.

Seitdem der Bücherstapel wächst, fliege ich wie ein Falter von einem Buch zum anderen. Kann mich nicht zentrieren. Fresse mich durch Buchseiten, fast wahllos, wie eine Raupe in Trance.

Kann nicht entscheiden, mit welchem anfangen. Jeder Versuch mich zu zentrieren, verläuft im Sand. Der Fokus ist weg.

Aufgepasst, ein Fokusnik am Werk! Hier gemalt von Hieronimus Bosch

Apropos Fokus. Im Russischen ist ein фокусник (Fokusnik, weibl. Fokusniza) jemand, der Streiche macht, ein lustiger Trickbetrüger, ein Scharlatan. Im besten Sinn jemand der/die andere manipuliert.

Möglicherweise ist mein Unbewusstes gerade nach bester Fokusnik-Manier dabei, mich dahingehend zu manipulieren, dass ich meinen Fokus verliere? Wäre nicht das erste Mal.
Möglicherweise ist auch die Zeit noch nicht gekommen, einen Fokus zu setzen. Möglicherweise muss ich mich erst durch tausende Seiten durchfressen. Mich dann verpuppen, einen Kokon bilden. Um später einen Seidenfaden draus zu spinnen.

Diese Literatur entzieht sich gern. Verfängt sich zwischen den Zeilen, bewegt sich unter ferner liefen. Nicht nur bei mir.

Denn mit der russlanddeutschen Literatur verhält es sich so. Gehst du in eine Buchhandlung und fragst danach, kommt erst mal nichts.

Auch waren in unserer Stadtbücherei von 20 Namen, die ich nenne, höchstens zwei in der Datei enthalten. Und die habe ich schon als Buch vorliegen.

Nora Pfeffer?
Nichts.
Viktor Heinz?
Nada.
Aber doch sicher Nelly Däs.
Nie von gehört.

Die Literaturwissenschaftlerin Frau Prof. Dr. Annelore Engel-Braunschmidt, die über diese Nischenliteratur geforscht hat, erzählt Ähnliches. Sie hat sich einen Spaß draus gemacht, in den Buchhandlungen gezielt nach der Literatur der Deutschen aus Russland zu fragen. Nach einem Zögern käme oft, Sie meinten doch nicht Wladimir Kaminer? Oder was von Natascha Wodin? Wir hätten da ein Buch von Nana Haratischwili? Aber nein, sie ist ja Georgierin.

Die Literatur der Deutschen aus Russland ist ein blinder Fleck. Viele Werke nur antiquarisch erhältlich oder in der Bibliothek der russlanddeutschen Museums in Detmold ausleihbar. Wenn überhaupt.

Gut, osteuropäische Literatur an sich ist nicht gerade der Renner, es sei denn eins der baltischen Länder oder Polen ist Gastland bei einer Buch-Messe. Ansonsten gilt der uralte Spruch Slavica non leguntur. Diese kirchenlateinische Sentenz bezieht sich zwar auf die Rezeption slavischer religiöser Texte im Mittelalter, aber sie lässt sich sehr gut auf die Welt der Literatur übertragen. Die Kultur der Nachbarn aus dem Osten wird hier nicht wahrgenommen. Es sind böhmische Dörfer. Noch immer.

Um so mehr das Schreiben derjenigen, die als kulturelle Insulaner in Russland lebten und später mit ihrer veralteten Mundart zurück nach Deutschland eingewandert sind – und nun teilweise sogar auf Russisch schreiben.

An einem heißer Wochenende im Juni war ich in Fischbach/Nürnberg. Zu einer Tagung für russlanddeutsche Autoren. Da waren sie zu finden. Die auf Deutsch schreibenden, genau so wie die mit den wunderbaren russischen Gedichten.

Ich habe mir eine Liste gemacht. Und schon angefangen, zu blättern und zu lesen. Die Fische von Berlin, Der Jukagire, Eisberge der Zivilisation.
Und Gedichte, viele Gedichte.

Ein Buch hat sich vorgedrängt. Ein heißer Tipp von einer anderen Autorin aus unserem Literaturkreis, Maria Scheffer. Es ist Die Köchin von Bob Dylan, von Markus Berges. Einige werden ihn als Mitglied der Band Erdmöbel kennen. Dabei ist dieser Autor noch nicht mal ein im wirklichen Sinn russlanddeutscher Autor. Ist in Westdeutschland geboren und aufgewachsen, aber seine Oma stammt von der Krim. Er hat allerdings unsere Geschichte verarbeitet und hat genau den Roman geschrieben, der mir unter den Fingern brannte. Und er hat es sehr gut gemacht.

Damit könnte ich doch anfangen. Oder vielleicht doch lieber mit… Mal sehen, was in der Sommerpause noch passiert. Ich bin bereit. Der Fokus-Pokus kann beginnen.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

7 Kommentare zu „Fokus-Pokus“

  1. Liebe Scherbensammlerin, ohne Pausen kein Bloggen. Also nicht verzagen. Irgendwann fließt es wieder. Ich leise Deinen Blog oft mit Gewinn und freue mich auf neue Beiträge. Danke auch für die Bemerkung über das russlanddeutsch Museum in Detmold. Werde sie an meine aus Kasachstan stammende, russlandeutsche Freundin weitergeben..

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