Rühren in alten Töpfen, Markus Berges – Die Köchin von Bob Dylan

Jasmin Nickenig trägt immer nur Sneaker und T-Shirt. Sie war mal Literaturstudentin und ist irgendwie in das Kochbusiness reingerutscht. Da bietet ihr eine Freundin an, sie als Köchin eines alternden Rockstars bei der Tournee zu vertreten.

Wegen der privaten Einladung eines ukrainischen Oligarchen wird der Auftakt der Reise kurzerhand nach Jalta verlegt. Dieses Detail erweist sich als schicksalhaft, denn obwohl Jasmin selbst mit der Ukraine und der Sowjetunion nicht das Geringste zu tun hat, stammt ihre Großmutter Erna von der Krim. Als Angehörige der deutschen Minderheit kam sie in den Kriegswirren nach Deutschland.

Nach wenigen Tagen in der Ukraine bekommt die Köchin den Anruf eines unbekannten Mannes, der glaubt, mit ihr verwandt zu sein.

Spitzfindige unter uns würden sagen, dass ist nicht russlandeutsche Literatur. Stimmt. Denn Berges ist in der Bundesrepublik geboren und aufgewachsen und fällt selbst nicht in die Kategorie Aussiedler. Aber auch seine Oma gehörte zu der deutschen Minderheit in der Ukraine und er scheint sich nicht nur tief in die Materie eingearbeitet zu haben, sondern ist auch dort gewesen. Die Beschreibungen der Bazare und Straßen und die historischen Details zeugen jedenfalls davon.

Jasmins Erlebnisse in der Crew von Bob Dylan bilden den einen Strang der Geschichte, in einer zweiten Ebene gibt es Rückblenden in die Vergangenheit von Florentinius Malsam, der in Helenendorf, einem deutschen Dorf in der Ukraine aufwächst und von der Kollektivierung bis zur Besatzung durch die Wehrmacht alles hautnah miterlebt.

Typische Hochzeit in den 1930gern

Es hätte mit ein paar Abstrichen unsere Geschichte sein können. Der Autor beschreibt die Zeit des Hungers zum Beispiel so intensiv, dass ich die Lektüre mehrere Male unterbrechen musste. So nah ging mir das. Es tritt das plastisch vor Augen, was in den Familien nur noch bruchstückhaft kursiert. Es macht einen Unterschied das alles als Romangeschichte zu lesen, denn dadurch wird es seltsam real. Und es ist wohltuend das zu lesen. So als wäre die Geschichte unserer Leute, die eigentlich nie explizit auftaucht, auf einmal gültig. Als wäre sie wert, erzählt zu werden und nicht nur ein ewiges Jammern über verlorene Dörfer.

Vielleicht war diese Genauigkeit möglich, weil Berges selbst aus einer gewissen Distanz schreiben kann. Russki plocho muss seine Protagonistin in den Bazaren immer wieder sagen, sie hat zwar die Erzählungen der Großmutter im Ohr, aber sie wirkt auf mich eher unbelastet. Sie fragt sich zum Beispiel, woher der Mitreisende im Bus sofort „Chände Choch“ zu ihr sagt, als er sie als Deutsche erkennt.

Jetzt, hinten im Bus fragte Jasmin sich, woher er das kannte. Der Mann hatte ungefähr nach sechzig ausgesehen, eher jünger, war also Anfang der Fünfziger geboren, frühestens. „Chände choch!“ Er musste das von seinen von den Deutschen eroberten Eltern haben.

Irrtum, hätte ich Jasmin sagen können, wäre ich im selben Bus gesessen. Aus den unzähligen Kriegsfilmen hat er das, mit denen nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder in der Sowjetunion unaufhörlich indoktriniert wurden. Und bis heute werden. Die bösen Deutschen, Cheil Gitler und Chände choch gehört zum Repertoire der Menschen bis heute.

Auch die Passagen der 30ger und 40ger Jahre in der Ukraine zeichnet Berges sichtbar durch die Brille dessen, der in der BRD sozialisiert wurde. Was aber nicht stört. Er beobachtet genau, er hat genau recherchiert, bis hin zur Syntax und den Vokabeln, die auch mir bezeichnend für die hermetisch abgeschiedene deutsche Minderheit erscheinen:

Und als diese Schwäne vor den Vorhang getanzt gekommen sind zur Musik – wie Tupfen auf ihrem Kleid, hat sie gedacht, wie Tupfen, obwohl, die Tupfen auf ihrem Kleid ja rot waren – … Schließlich aber ist alles gut geworden und hat ein glückliches Ende genommen und alle haben jubiliert. S 25

Dann fing der Onkel vom Kolchos an, dass längst alle wären hineingezwungen. Den Ehresmann, den Hunkele, den Haberlach und den Mack Georg, auch deren gesamte Familien, die hätten sie ja noch abgeholt als Kulaken. Danach habe der Kolchos dann Zulauf gehabt. S 39

Er benutzt das Wort Muhme für Tante. Den Vornamen nach hinten zu setzen ist ebenfalls typisch. Für Russen und auch für die Russlanddeutschen. Manche machen das bis heute. Das einzige, was ich zu monieren hätte, an einer Stelle reden zwei Liebende deutsch in der Öffentlichkeit und zwar in der Straßenbahn von Odessa nach Lustdorf. Das hat es meiner Meinung nach in der Stalinzeit nicht gegeben, Pakt mit Hitler hin oder her.

Straßenbahn von Odessa nach Lustdorf 1917
Schwarzmeerdeutsche Familie

Speisen, Tourerlebnisse und alte Familiengeschichten werden geschickt verwoben und es ist gut, dass der Autor als Mitglied und Texter der Band Erdmöbel sich in mindestens einem von diesen Bereichen sehr gut auszukennen scheint.

Ihm gelingen auch brillante Passagen zu den Themen Flucht und Vertreibung, Leid und Verlust. Insbesondere dort, wo die sogenannten Deutschländer, also die Reichdeutschen auf den Plan treten, wird die Beschreibung bis zur Ausdrucksweise der damaligen Zeit sehr authentisch.

Berges spart auch die sonst kaum benannten blinden Flecke in der Geschichte der Schwarzmeerdeutschen nicht aus, so werden die Wehrmachtssoldaten mit Freundlichkeit aber auch einigem Misstrauen in dem deutschen Dorf empfangen. Es gibt schon damals kulturelle Missverständnisse:

„Dass ihr Leutchen hier eure Namen immer verkehrt rum aufsagt. Ich heiße schon mein Leben lang Harald Finkchen. Zum Glück für dich einfach Herr Hauptsturmführer.“

„Kann ich euch was anbieten?“

„Und immer dieses ‚Euch‘ und ‚Ihr‘. Wer hätte das gedacht, Pluralis Majestatis ausgerechnet im Kommunismus. Wir ihrzen nicht mal den Führer. Ein Teechen mit Schuss tät ich nehmen, auch ohne Teechen zur Not.“ S 184

Und irgendwann kommt auch raus, woher die großzügigen Kleiderspenden für die Dörfler eigentlich stammen. Gänsehaut.

Die Verwirrung von einigen Leser*innen, die der Titel und der Covertext in die Irre geleitet hat, kann ich schon verstehen. Bob Dylan wird erst spät eingeführt und ums Kochen geht es auch nur marginal. Aber mir wurde ja das Buch von einer Kollegin wärmstens ans Herz gelegt, weil es um die Geschichte der Schwarzmeerdeutschen geht, so hatte ich keine falschen Erwartungen. Wen Jasmin da wirklich antrifft und was es mit ihr macht, möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten.


Lesung und Interview mit Markus Berges auf der Buchmesse:

Markus Berges, Die Köchin von Bob Dylan, Rohwolt Berlin, März 2016,
€ 19,95,
ISBN 9783871347092, 286 Seiten

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

7 Kommentare zu „Rühren in alten Töpfen, Markus Berges – Die Köchin von Bob Dylan“

  1. Huhu!
    Eine richtig tolle Buchbesprechung. Von diesem Buch habe ich noch nichts gehört, es wäre vermutlich auch an mir vorbeigegangen, aber durch deine Einblicke bin ich nun doch sehr neugierig geworden. Lieben Dank dafür!

    Liebe Grüße,
    Gabriela

  2. Vielen Dank für diese Buchempfehlung…ich habe das Buch gar nicht mehr weglegen können…es hätte von mir aus noch mal so lang sein können, denn dann hätte ich vielleicht erfahren, wie es mit Florentinius nach dem Krieg weiterging…eine wirklich berührende Geschichte über ihn und Erna, die mir mal wieder vor Augen führte, wie gut es mir doch geht …auch den anderen Strang mit Bob Dylan und Jasmin fand ich sehr interessant…ein sehr gutes Buch…

  3. Habe auch noch nirgendwo- und ich lese wirklich viele Literatursachen- von diesem Buch gehört…um so mehr ein großes DANKE an dich, liebe Frau Scherbensammlerin!

    1. Ich bin auch erstaunt, wie wenig Resonanz das gefunden hat. Bevor meine Kollegin Maria uns davon erzählt hatte, ist es auch an mir vorbeigegangen, dabei ist es schon seit 2016 draußen – und – Bobby Dylan hat den Nobelpreis bekommen.

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