Spruch der Woche – Ewiges Lamento

Es ist wohlfeil zu jammern, wenn du jemanden hast, dem du klagen kannst.
                                                                          Sprichwort aus Litauen

Dabei gilt das Jammern in unserer Gesellschaft als ein Nogo, als ein Geht-ja-gar-nicht. Jammerlappen, Katzenjammer, Jammertal – all diese Begriffe sind negativ konnotiert. Jammern wird nicht gern gesehen. Es gilt als Schwäche.

Heul doch!

Verabschiede dich vom Klagen und du wirst für Allezeit glücklich sein, versprechen zumindest die selbsternannten Propheten der Selbstoptimierungs-Websites und Glücks-Ratgeber.
Laut deren Psychotipps ist es besser, etwas zu tun als zu lamentieren. Denn das Klagen und Jammern würde uns ja nur schaden. Es sei reine Energieverschwendung. Schlimmer noch, dadurch geraten wir in eine Opferrolle.

Ist Schweigen so viel besser?

Einfach weitermachen? Nach vorne gucken.

Alles verdrängen. Wegdrücken. Die Tränen runterschlucken und weiter gehts.

Und das ganze Elend schön weitervererben.

Kennen wir doch von irgendwoher.

Dieser Spruch aus Litauen passt irgendwie zu uns Deutschen aus Russland und zu unserer Literatur. Heißt es nicht, sie sei ein einziges ewiges Lamento?

Aber das Sprichwort besagt auch: wenn jemand zuhört, wenn jemand ein offenes Ohr hat, ist auch Jammern erlaubt. Klage braucht also Adressaten, die sie annehmen.

Aber genau dieses Publikum scheint es nicht zu geben. Noch nicht?

Die Erinnerungsliteratur der Russlanddeutschen, die Erzählungen der Erlebnisgeneration, das Reden über alte Zeiten, was oft alte Wunden beinhaltet, ist auch bei unseren eigenen Leuten oft nicht gern gesehen. Und das aus mehreren Gründen, manchen gehen die Schilderungen von Demütigung und Schmerz zu nahe, andere haben sich sattgehört, wollen lieber etwas Heiteres lesen, etwas mit mehr Zukunft und Optimismus. Keine Gulagerlebnisse mehr und Stories über Verschleppung. Auch in Sibirien gab es doch schöne Landschaften und lichte Sommer und Schmetterlinge. Es gab doch nicht nur das eine. Schreckliche. sagen sie oft.

Klar.

Aber ist Klagen nicht auch eine Art Aufarbeitung? Darüber reden heißt, den Schmerz aunzuschauen, ihn nicht mit einem Schulterzucken wegwitzeln.

Das Problem solcher Schilderungen ist doch, dass so furchbare Dinge geschehen sind, dass es fast unmöglich ist, sie anders auszusprechen als im Jammerton. Und schon gar nicht für diejenigen, die sie am eigenen Leib erfahren haben.

Wahrscheinlich ist es wirklich besser zu schweigen, wenn du kein offenes Ohr findest. Der Jammerton mag viele auch abschrecken. Die Wucht des Erlebten ist zu viel, vor allem für Kinder und Enkel. Um das zu verarbeiten, müssen sie selbst stabil sein und bereit, es aufzunehmen. Aber wer ist es schon?

Dennoch.

So zu tun, als wäre das Jammern nur Zeitverschwendung oder hätte keine Basis, nützt niemandem.

Es stimmt schon, Aussiedler bringen sich leicht in eine Opferrolle. Aber hey, vielleicht liegt es daran, dass sie lange Zeit in der Rolle von Opfern waren? Das geht nicht weg, von einem Tag zum anderen. Und schon gar nicht, wenn über die alten Zeiten geschwiegen wird. Die ganze Erinnerungsliteratur ist kein Mi-Mi-Mi, auch wenn sie manchmal schwer zu ertragen ist.

Das erlittene Leid muss irgendwie verarbeitet und kann nicht mit billigen Psychoratschlägen von oberflächlichen Internetseiten hinweggefegt werden.

Georgisches Trauerritual – Iwan Pranishnikoff, 1884

Hinter dem Gejammer steckt oft was anderes. Vielleicht Trauer? Jammern und Beklagen gehört zu den Ritualen der Trauer. Klagelieder gehören zur Kultur der Menschen. Es mag heilsam sein, sich mitzuteilen. Es bringt Erleichterung.

Und was unsere Klageliteratur angeht, müssen wir vielleicht noch den richtigen Ausdruck finden und ein passendes, weil unbelastetes Publikum.

Doch bis es soweit ist, werden wir eben stammeln und jammern und lamentieren. Manchmal fehlen eben die passenden Worte, wenn jemand versucht, das Unsagbare in Sprache zu kleiden. Irgendwann werden unsere Autoren und Autorinnen auf einem so hohen Niveau jammern, dass sie gelesen werden können. Manche tun es schon heute.

Es geht kein Weg dran vorbei. Bevor wir wieder obenauf sein können, muss das Jammertal durchschritten werden. Dafür können wir unsere eigenen Trauerrituale erfinden und inneren Klagemauern bauen, bis der Schmerz abebbt.

Dass so etwas nicht pausenlos geht, ist auch klar. Zwischendurch wäre es gut, sich dem Hellen und Lichten zuzuwenden. Den Schmetterlingen in sibirischen Sommerlandschaften zum Beispiel.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

6 Kommentare zu „Spruch der Woche – Ewiges Lamento“

  1. Liebe Scherbensammlerin,
    wie immer ein nachdenklicher Artikel. Just als dein Blogeintrag eintruddelte, lese ich einen Artikel über den Umgang mit Migrationsliteratur in Deutschland (Adelson – Against between, sehr empfehlenswert!). Sie beklagt darin (zu Recht!), dass Migrationsliteratur bei uns immer gern als „Repräsentant“ einer bestimmten Kultur und oftmals als Opfergeschichte gelesen wird. Es mag inhaltlich zwar in dieser Literatur häufig um Opfer gehen, wenn wir es aber so lesen, verpassen wir den Moment, in denen aus Opfern Handelnde werden. Ich bin also dafür: Lesen wir doch mal die Geschichten anders! Als Beweise für handelnde Subjekte, die trotz widriger Umstände eines immer wieder geschafft haben: Sich aufraffen, überleben, weitermachen! Ich erlebe es einfach zu oft, dass viele „unserer“ Leute aufbrechen, etwas verändern und neu ankommen, dafür aber keine Anerkennung erfahren. Ist es nicht vielmehr das unser transgenerationales Trauma? Egal, wohin wir kommen, jeder sieht das Negative an uns, niemand, das, was wir schon geschafft haben. Hören wir also wirklich auf uns als Dauer-Jammernde zu sehen, sagen wir allen, die fragen ins Gesicht: Wir haben trotzdem (!!!)überlebt und leben weiter – und ihr?

  2. Es ist wie es ist, das jammern gehört auch dazu. Es gibt nunmal nicht nur Sonnenschein im Leben und die schlechten Tage gehören genauso dazu wie die guten und ohne negativ gibt es kein possitiv. Klar sollte man sich hauptsächlich auf die positiven Seiten im Leben konzentrieren und sich nicht durch die negativen runterziehen lassen oder gar sein Leben dadurch beeinflussen oder bestimmen lassen aber sie gehören nunmal dazu und sie zu ignorieren wird nicht weiterhelfen, man muss sie rauslassen können, loslassen können oder jammern wenn man es so nennen will, damit man sich platz Schaft und sich diese schlechte negative Energie nicht in einem anstaut, das ist nicht gut und macht krank ♡

  3. Interessante Gedanken. Ich selbst habe es so noch nie gesehen, aber wenn ich überlege … recht hast Du. Wir – die Russlanddeutschen -kommen aus einer völlig anderen Welt, aus einer Welt, wo nichts so war, wie es in der normalen Menschen-Welt sein sollte. In dieser Wellt konnte man nur überleben, auch wenn die letzten Jahrzehnte kein Stalin mehr an der Macht war (aber vielleicht sein Schatten?) … Ach, ich könnte jetzt auch anfangen zu jammern 😦 … Werde es aber nicht tun und tue es überhaupt selten (es sei denn – in meinen Gedanken). Meine Erinnerungen an Russland sind nicht gerade schön. Was meine Eltern und deren Eltern durchgemacht haben – daran zu denken ist schon schlimm genug. Sie waren alle Opfer. Darüber zu erzählene, zu schreiben, zu jammern – um von der Last ein wenig abzugeben – das muss sein. Und das tut den ‚Jammernden‘ gut. Und ich hoffe, die Mitmenschen hören zu und drehen sich nicht weg …

  4. Seinen Schatten wirft dieser Despot immer noch. Und wir haben vielleicht nicht die Pflicht zu jammern, aber zu erinnern und zu erzählen, sonst trifft dieser Schatten auch noch die nächsten. Kinder. Enkel.

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