Ohne Ende, aber mit Anfang – Follower, Eugen Ruge

Nun wollte ich mal ne Pause von russlanddeutscher Literatur machen und habe einen neuen Roman von Eugen Ruge angefangen, der als Science Fiction besprochen und relativ kontrovers aufgenommen wurde.

Follower heißt das Buch und ist 2016 erschienen. Spielt aber 38 Jahre später.

Als russlanddeutschen Autor würde ich Ruge nicht bezeichnen. Er hat zwar eine russische Mutter und einen deutschen Vater, dieser war mit seiner Familie nach der Revolution nach Moskau gegangen, weil sie Kommunisten waren. Nicht Kolonisten von der Wolga. Ruge wird zwar in einem Dorf im Ural geboren, zieht aber als Kleinkind in die DDR und wächst dort auch auf.


Eugen Ruge

Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, um mit diesem Werk warm zu werden. Die Sprache hat es mir schwer gemacht. Der Untertitel heißt 14 Sätze über einen fiktiven Enkel“ und ist Programm. Es gibt kaum Punkte, aber dafür um so mehr Kommata. Ein Satz pro Kapitel. Das ist eine stolze Leistung.

Die Geschichte mäandert durch Sätze ohne Ende, über Seiten und Seiten und kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen. Der fiktive Enkel heißt Nio Schulz und ist so eine Art Vertreter auf Handlungsreise in China. In der Zeit, in der das Buch spielt, heißt das Land der Mitte aber HTUA-China und Nio ist Manager und zuständig für den Vertrieb von etwas, das ich nicht verstehe. Schuhe ohne Schuhe, für ein Barfußgefühl beim Laufen.

Doch nach immer wieder querlesen und wieder anfangen, hat mich das Buch gepackt. Nicht weil es ein Roman über die Zukunft ist, wahrscheinlich wird im Jahr 2055 sowieso alles anders sein, so rasant wie die Entwicklung sich vollzieht, sondern weil er eine Zuspitzung des Jetzt darstellt.

Jetzt verstehe ich warum Nio keinen Punkt findet. In einem fortwährenden Strom bekommt er News und Werbung auf seine Datenbrille gesendet. Ununterscheidbar und auf ihn persönlich zugeschnitten. Er ist multimodal vernetzt. Er wird ständig eingebunden und das von außen Kommende vermischt sich mit seinen Gedanken.

Irgendwo stand, dass der Autor ein Smart-Phone-Verweigerer ist und deshalb diese Darstellung nicht realitätstreu gelingt. Mir scheint, Ruge ist die Kritik dieser Technologie sehr wohl gelungen, und zwar so, dass sie Angst macht. Wir sind schon jetzt ständig auf Abruf, ständig abgelenkt, adhs-stömern uns durch irgendwelche Textflüsse.

So sah ich (reale person) neulich (in der Jetztzeit) so einen Filmchenausschnitt auf einem social-media-Kanal, den ich wahrscheinlich nie wieder finde, eine Motivationstrainerin (von heute) schlipstragenden Managern weismachen: burnout habe nichts mit Erschöpfung zu tun, die Leute sind nicht ausgebrannt, sie sind zu Tode gelangweilt, weil sie etwas tun, wofür sie eben nicht brennen. usw. usw.

Nach der Lektüre der Dystopie von Eugen Ruge muss ich ihr aufs heftigste widersprechen. Sie mögen sich in Routineaufgaben langweilen, aber die Leute sind einfach erschöpft, weil sie ständig gefordert, abgelenkt werden. Sie werden schon jetzt und nicht erst 2055 von irgendwelchen News und Bildern getriggert und ihre Aufmerksamkeit wird angezapft. Das macht müde. Das klaut Energie, aber sowas von. Es zieht uns ab von der Welt.

So ergeht es auch dem fiktiven Enkel im Zukunftschina. Ruge hat noch andere Einfälle über eine mögliche Zukunft eingebaut, er treibt unsere Genderdebatte und political correctnes auf die Spitze, spielt mit der Künstlichkeit und mit der Überwachung in der Welt des Big Data und eigentlich habe ich das genossen, denn er hält uns den Spiegel vor.

Dann bricht mitten im Roman das Schema und die Erzählung wandert zum Urknall um dann über die Entstehung der Welt wieder bis zu den Stammvätern dieses besagten Nio zu gelangen.

Und da es ein Roman über den Enkel ist, sind es auch seine, also Ruges Vorfahren. Darunter befinden sich Erwin Umnitzer, der als überzeugter Kommunist nach Russland geht und sein Sohn Kurt, der unter die stalinistischen Räder gerät und in einen Gulag in Kasachstan gesteckt wird. Und hier im Lager, auf Seite 262 des Buches, das ich eigentlich lesen wollte, um auf andere Gedanken zu kommen, trifft er, treffe ich auf Russlanddeutsche in der Verbannung. Surprise, surprise:

Ein gutes Jahr lebt Kurt in der Siedlung Nr. 11 und schuftet in der Landwirtschaft, die von den Deportierten trotz widriger Bedingungen betrieben wird. Er atmet die sternenkalte Nachtluft der Steppe. Erlebt schwindelerregende Sonnenaufgänge, sengende Hitze und brachiale Schneefälle, bis er zusammen mit anderen sogenannten Deutschstämmigen zur sogenannten Arbeitsarmee eingezogen wird. Was, wie es sich herausstellt, nichts anderes als Gulag, Arbeitslager, holzfällen bei minus dreißig Grad. Dazu Hungerrationen, Unfälle, Brutalität. [ … ] Wieviele Menschen im Lager 239 umkommen, ist nicht bekannt.
S 262

Warum eigentlich sogenannte? Egal. Später kommt in der Chronik der Familie Umnitzer sogar eine Melitta vor.

Verrate ich wieder zu viel? Lest selbst, ein Tag im Leben des Nio Schulz, vom Urknall aus betrachtet. Ich mag es, wie Ruge die Zeit kaugummimäßig auseinander zieht, um dann im Zeitraffer durch Jahrmillionen zu hasten, um dann wieder bei einem Tag zu verweilen, einem Morgen, einem kurzen Moment. Lesen als Zeitmaschine. Sogar die Satzzeichen finde ich nun sinnvoll wenn auch unkonventionell gesetzt. Dieser Blick aus der Zukunft mit Ausflug in die tiefste Vergangenheit lässt uns die Gegenwart neu sehen. Vielleicht.

Außerdem hat Eugen Ruge vor einem halben Jahr ein kurzes Interview in einem russischen Sender gegeben und hat einfach einen sehr charmanten Akzent:

2

Hier übrigens auch das Hörspiel zum Buch aufgenommen durch den Mitteldeutschen Rundfunk. Achtung anderthalb Stunden lang!
https://www.mdr.de/kultur/hoerspiel-eugen-ruge-follower-100.html

Eugen Ruge
Follower: Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel, Roman
Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag 2016 (22,95 €)

Werbeanzeigen

Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.