Frost im Frühling – Erzählungen von Rūdolfs Blaumanis

Um die Mittagszeit fahre ich mit dem Rad öfter an einem Laden vorbei, so wie es sie eigentlich gar nicht mehr gibt. Ein Briefmarkengeschäft, bei dem die Auslage mit Staub bedeckt ist und dessen Besitzer, ein Gerhard Schröder, schon vor Jahren angekündigt hat, aufzuhören. Innen stapeln sich Kartons, aus denen Alben quellen, draußen stehen zwei Kisten mit antiquarischen Büchern. Diese beiden Kisten sind möglicherweise die einzigen Exponate, die Laufkundschaft – also auch mich –  gelegentlich anziehen. So habe ich bei Gerhard Schröder einen Reiseführer für die Stadt Riga ergattert und zwar aus der Zeit vor der Wende. Darin überschwarz gedruckte Monumentalbauten und Soz-Sprech der übelsten Sorte. Aber darum geht es mir in diesem Beitrag nicht, sondern um den lettischen Nationalautor, dessen Namen ich erstmals in diesem Reiseführer las: Rūdolfs Blaumanis.

Rūdolfs Blaumanis klang für mich nach einem eingelettischten deutschen Namen, danach, dass es da einen ursprünglich deutschen Autor gab, der usurpiert wurde, weil in diesem sowjetfreundlichen Reiseführer alles Deutsche aus der lettischen Geschichte ausgemerzt worden war. Wie sehr ich mich darin getäuscht habe, sah ich aber erst, als ich den 2017 erschienenen Band mit deutschsprachigen Erzählungen von Balumanis in der Hand hielt und auch die Anmerkungen der Herausgeber gelesen habe.

Vilhelms Purvitis, Vorfrühling, 1898 – 1899

Es ist zwar richtig, dass Rūdolfs Blaumanis (1863–1908) einen deutsch-baltischen Ursprung hatte, doch er gehörte nicht zur Oberschicht der deutschen Großgrundbesitzer. Als Sohn eines Dienstmädchens und eines Kochs wuchs er zweisprachig auf so einem großen Gut auf und kannte sich auch in der Welt der lettischen Bauern aus. Als Rūdolfs ein Kind war, existierte Lettland noch nicht als eigenständiger Staat: die Kultursprache war damals das Deutsche und Lettisch die Umgangssprache für die ländliche Bevölkerung.

Die ersten Prosastücke schrieb Blaumanis dementsprechend auf Deutsch und veröffentlichte sie auch in deutschsprachigen Zeitungen. Doch mit der Zeit ging er dazu über, Texte auf Lettisch zu verfassen und seine eigenen Arbeiten selbst zu übersetzen – und zwar vis versa. Deswegen und auch wegen der traditionellen Sujets gilt Blaumanis heute als einer der  Begründer lettischen Literatur. Wohl auch deshalb wird er  von den Herausgebern des Buches als Autor von kanonischem Rang gefeiert. Wobei mit Kanon hier Maßstab gemeint sein dürfte.

Das Ineinander der Sprachen und das Nebeneinander der Kulturen ist jedenfalls bezeichnend für ihn und macht ihn zu einem Schriftsteller, der über das Nationale hinausgeht, auch wenn er thematisch die Felder und Bauernhöfe Lettlands kaum verlässt.

Das Buch ‚Frost im Frühling‘ erschien zwar erst im letzten Jahr, aber geschrieben wurden die Erzählungen zum Teil vor mehr als einem Jahrhundert. Nahezu alle ausgewählten Texte spielen in einem ländlichen Umfeld und entführen uns in eine archaisch anmutende bäuerliche Welt, in der reiche Greise junge Mädchen unglücklich machen und mittellose Burschen versuchen, durch Heirat ihr Glück zu finden. Und  scheitern. Sonst wären es keine psychologischen Kurzgeschichten.

Eine eine der Erzählungen beginnt so:

Erlauben Sie mir einige Fragen: Würden Sie, wenn Sie ein draller, lettischer Bauernjüngling wären, eine dralle, lettische Bauernjungfrau zur Frau nehmen, nicht deshalb, weil Sie selbige unsagbar lieben, sondern weil ihr von elterlicher Seite ein Pferd im Werte von ungefähr achtzig Rubeln mitzugeben versprochen wird? Nein? Gut. S 39

In einer anderen wird das Verhältnis zwischen einem baltendeutschen Grafen und seinem lettischen Pächter beschrieben:

Der Graf zog sich hinter den Speisetisch zurück. Der Mann konnte am Ende dennoch Transtiefel haben, und für diesen Fall bedeutete eine Entfernung von vier Schritt immerhin einen Vorteil. Außerdem ließ er sich von Leuten mit einiger Bildung nicht gern die Hand küssen. Der Tisch stellte also eine stumme Ablehnung des Handkusses dar, falls der Wirt [=Bauer] Takt genug besaß, dies zu bemerken. Im Korridor schob der Graf gewöhnlich die Hände auf den Rücken, indem er dabei freundlich „nicht nötig, nicht nötig“, sagte. Aber er hatte dabei immer ein unangenehmes Gefühl und erschwerte daher, so viel er vermochte, die Ermöglichung solcher Szenen. S 178

Die Novelle ‚Frost im Frühling‘ ist vollständig hier  auf einem anderen Blog zu lesen. Allerdings nicht in derselben Übersetzung wie in dem hier besprochenen Buch. Aber dafür in ganzer Länge…
Wer sich für weitere baltische Bücher interessiert, hier ist ein Link dazu.

Der Schriftsteller gemalt von Janis Rozentāls

Obwohl diese Geschichten in einer längst untergegangenen Zeit spielen, mutet die Sprache nicht allzu zäh oder altertümlich an. Doch sind da manche Vokabeln, manche Einsprengsel, die aus einer baltischen Paralellwelt stammen. Als wären sie konserviert worden, auf einer vom Festland abgespaltenen Insel. Auf der einige Worte von der Sprache der Umgebung beeinflusst worden sind.

Kleiderkleete heißt hier die Holztruhe, ein Gesinde ist ein Bauernhof und der Meistbot eine Versteigerung. Der Spann ist beispielsweise ein Eimer und wurde vom lettischen spainis abgeleitet. Es sind vielfach typische Begriffe aus dem Baltischdeutschen, die herausstechen und eine besondere Färbung der Sprache bilden – alle werden in Fußnoten erklärt.

Nach dem Kirchgang, ebenfalls gemalt von Janis Rozentāls

Hier entdecke ich so etwas wie eine Parallele zu der Sprache einer anderen abgeschlagenen Bevölkerungsgruppe, den Deutschen in Russland. Auch sie bildeten sprachliche Inseln, vermischt mit der Landessprache und verwendeten Begriffe, die es in Deutschland so nicht mehr gab. Außerdem wird bei Blaumanis in Rubel bezahlt und in Werst gemessen. So wie drüben auch.

Die Novelle ‚Im Schatten des Todes‘ (Nāves ēnā) handelt von Fischern, die auf einem riesigen Eisstück auf das offene Meer treiben und lieferte die Vorlage zu einem Spielfilm von 1971. Diese Ausnahmesituation ist wie geschaffen für eine psychologische Studie der verschiedenen Charaktere. Sie bildet gleichzeitig die Kulisse für einen Katastrophenfilm und ein Kammerspiel.

Extreme Situation. Abgetrieben auf dem Eis.  Nāves ēnā, 1971

Dieser Band aus dem AISTHESIS Verlag ist eine Entdeckung, hebt er nicht nur den Schleier zu einer untergegangenen Welt, sondern auch zu einer hierzulande noch nicht so vielbeachteten Kultur. Wirklich wahr, wir leben in einem Land, in dem die Namen der drei baltischen Staaten und deren Hauptstädte nicht selten durcheinander gewirbelt werden. Tallinn? Wo war das noch? Was liegt noch gegenüber von Finnland? Dabei sind es Nachbarn von uns.

Ich für meinen Teil werde dank des Reiseführers von Riga und dank der blaumanschen Reise in die lettische Vergangenheit zumindest einem Land seine Hauptstadt immer zuordnen können.

Rūdolfs Blaumanis: Frost im Frühling
Die deutschsprachigen Erzählungen,
herausgegeben von Benediks Kalnačs und Rolf Füllmann
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2017, 325 Seiten
ISBN 978-3-8498-1256-0, € 17,80

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

6 Kommentare zu „Frost im Frühling – Erzählungen von Rūdolfs Blaumanis“

  1. Danke für die schöne Rezension! Kleiner Hinweis: Der Link führt zu einer Rückübersetzung der Erzählung „Frost im Frühling“, nicht zu dem deutschsprachigen Original von Blaumanis.

  2. Ich habe wirklich gezweifelt, ob ich den Link reinnehme, weil es eine ganz andere Übersetzung ist als die im Buch. Aber ich fand es auch schön, eine ganze Geschichte online zu haben…
    Vielleicht setze ich lieber den Link eines Blogs über andere baltische Bücher dazu: http://baltbuch.blogspot.de/

  3. Also ich finde es nett, dass Du auf meinen Blog verlinkst! Merke es erst heute. Meine Übersetzung war ein spontaner Einfall und ein Experiment: wie kann man einen hundert Jahren alten Text aus einer ganz anderen Welt übersetzen? Die deutsche Fassung des Autors kenne ich nicht, werde sie bei Gelegenheit mal mit meiner vergleichen.

  4. Sie ist schon ein wenig anders, aber ich fand es schön, eine Geschichte in Gänze anzubieten und nicht nur Kostproben. Ein großartiger Erzähler der Blaumanis.

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