I’m a British man in – Moskow

Es gibt Bücher über Russland, die werden geschrieben mit Liebe und Respekt, aber sie sollten nicht von Leuten gelesen werden, die ein wenig Ahnung haben von diesem Land und seiner Geschichte. So ein Buch ist ‚Ein Gentleman in Moskau‘ des Amerikaners Amor Towles. Es ist letztes Jahr auf den deutschen Markt gekommen.

Gut erzählte Story, gefühlig, hat aber mit der Realität eines Moskau nach der Oktoberrevolution so wenig zu tun wie Wassermelonen mit Fellkapuzen.

Super Roman. Wie gesagt. Nur könnte er genau so gut auf dem Mars spielen. Statt dessen spielt er in einem Luxushotel, wo ein irgendwie französischstämmiger Küchenchef die erlesensten Speisen auf die Goldrandteller zaubert (mit passenden Weinen in passenden Kelchen dazu), während die Hungersnot weite Flächen des Riesenlandes durchflutet. Der Maitre muss nur ein bisschen improvisieren und Hühnchen nehmen statt Rind. Die Zeiten haben sich eben geändert.

Die Rahmenhandlung: Nach der Oktoberrevolution kehrt Graf Rostow aus dem Ausland an die Newa zurück und wird – o Wunder, nicht hingerichtet. Er kommt auch nicht ins Gefängnis oder in ein Lager, sondern ins Metropol unter der Bedingung, dass er das Luxushotel nicht verlässt.

In diesem Kammerspiel trifft er auf verschiedene Gäste und erlebt kleine poetische Abenteuer. Innerhalb der Hotelmauern selbstverständlich. Er ist ja eingeschlossen, kann aber tun und lassen was er will und wird nicht überwacht. Die haben ihn wohl vergessen. Naja, war ja auch so viel los damals.

Unbehelligt schickt er Boten durch Moskau, empfängt alte Freunde, hängt philosophischen Vergleichen nach und liest die Essays von Montaigne.

Nicht wenige Clischés werden bedient. Troikas und Schnee und schöne Damen mit Jagdhunden und klirrende Gläser. Ja, Poet-Revoluzionäre, die bei einer Sitzung Gläser vor Begeisterung zerwerfen. Woher kommt bloß diese unausrottbare Idee, die es nur im Westen gibt, dass alle Russen Gläser an die Wand werfen? Skandal!

Huch! Ai verbibscht!

Die Manieren der Grafen sind vortrefflich. Er hat nie jemandem was Böses getan. Behandelt alle Bediensteten mit Respekt. (Wieso wurde die herrschende Klasse in Russland gleich abgeschafft, wenn die alle so gut waren?) Der Graf wird, trotz seiner aristokratischen Herkunft, also respektvoll behandelt, als gäbe es nicht die Umwälzung. Der Terror passiert in den Fußnoten. Nicht in den teppichausgelegten Fluren des Metropol.

Der adlige Protagonist besitzt noch einen ganzen Batzen Gold, so gut versteckt, dass die Bolschewiken nie im Leben drauf kommen. Die sind so doof. Proleten halt. So kann er speisen, und seinen Bart stutzen lassen und führt ein gemächliches Leben, bis…

Diese Geschichte ist so konstruiert, dass sogar die schönen überraschenden Begegnungen und herzerwärmenden Wendungen an mir abprallen, wie Gläser an der Wand.

Der Autor Amor Towles soll ein Händchen für historische Stoffe haben, aber das revolutionäre Russland hat er nicht verstanden. Moskau und die Ereignisse sind nur gemalte Kulisse. Vielleicht wäre es leichter gewesen, das Metropol nach London zu versetzen. Oder nach Manhattan der 20ger Jahre?
Oder nach Bangkok. Oder in eine entfernte britische Ex-Kolonie.

Dem Grafen Rostow vor Weihnachten Dickens Klassiker mit Ebenezer Srcooge als Lektüre zu verpassen, ist ja das reine Aufstülpen seiner eigenen Kultur auf eine andere, mein Bester Towles! Unverzeihlich, ich muss schon sagen. Passiert Ihnen an einigen Stellen. Waren Sie überhaupt schon mal in Russland? Zu Sowjetzeiten? Mal drüber gelesen, wie das so war?

Oder kann sich jemand vorstellen, dass eine Schauspielerin 1922 alle ihre Pariser Seidenklamotten (wo hat sie die denn her?) voller Wucht aus dem Fenster der Hotelsuite wirft, stundenlang heult, bis sie sich beruhigt hat und dann seelenruhig runtersteigt, um sie alle wieder aufzusammeln? Vielleicht in einem Dorf in Nord-Schweden, wo auch die Räder nicht abgeschlossen werden.

Aber ansonsten, gut geschrieben. Nur hätte er in seinem Kulturkreis bleiben sollen. Nun. In gewisser Weise ist er das auch.

Zitat:
‚Wer hätte damals geglaubt, als du zu Hausarrest im Metropol verurteilt wurdest, dass du eines Tages der glücklichste Mensch Russlands sein würdest?‘

Wie makaber. Fragt die Kinder von deutschen Kominternmitarbeitern, die im Hotel Lux eingesperrt leben mussten. Die würden ganz andere Dinge erzählen als dieser Gentleman.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

2 Kommentare zu „I’m a British man in – Moskow“

  1. Hihi, solche Romane gibt es von vielen Ecken der Welt. Wenn man den Ort kennt, wundert man sich heftig, irgendwie ist es auch lustig oder ärgerlich, je nachdem

  2. Ach Myriade, du hast recht, ich sollte mich königlich darüber amüsieren, oder wenigstens gräflich. Es werden ja nicht nur Bücher geschrieben, die wahrhaftig sind. Die meisten nicht. Komisch, in dem Buch geht es in einem Gespräch auch um die Wahrhaftigkeit von Literatur. Naja. Ist ja nur eine Geschichte.

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