Die Hölle sind immer die anderen

Eine junge Frau, die mit ihrem weißen Kleid und mit dem Haarschmuck an eine Braut erinnert, steht bis zur Brust in einem See. Sie wird von einem älteren Mann gehalten und hintenüber in das Wasser eingetaucht. In den mennonitischen Brüdergemeinden ist es üblich, die Mitglieder erst mit 16 oder 18 zu taufen.

Glaubst du, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist? Versprichst du, ihm zu dienen in reinem Gewissen?

Die Szene ist Teil einer Reportage von Rita Knobel Ulrich, die Ende April im NDR Fernsehen lief. Es geht um russlanddeutsche Mennoniten in Cloppenburg, die in ihren Gemeinden einen freikirchlichen Glauben leben und eine relativ geschlossene Gemeinschaft bilden. Aus den 861 Kommentaren unter dem Film bei Youtube wird deutlich, dass diese Werte bei vielen sehr gut ankommen. Keine Drogen, klare Verhältnisse, freundlicher Umgang, Hilfsbereitschaft, Liebe zu Kindern – das alles ist in den Brüdergemeinden zu finden. Hier einige der Stimmen aus dem Netz:

‚Was für ein Segen, Frauen zu hören, die sagen, dass sie für ihre Kinder da sein wollen. ❤

‚Ehrliche, Aufrichtige und fleißige Leute. Wirklich Respekt dafür !! So viele Kinder großziehen, in der Freizeit ehrenamtlich arbeiten…. Auch die Kinder wirken alle sehr gut erzogen.

‚Ehrlich gesagt, bei mir kamen die Tränen. Eine schöne reine Gemeinschaftsleben jeder hilft jeden, sich angenommen fühlen gibt viel Selbstvertrauen.

Doch im Film und in den Kommentaren auf Youtube klingen bereits andere Töne an: …bleiben für sich…abgeschottet…die Kinder dürfen nicht auf Klassenfahrten mit …wie aus der Zeit gefallen… meist von den Außenstehenden, wie Mitschülern oder einer Lehrerin.

Wenn ich beobachte, dass die Frauen als Bedienstete herhalten und dem Manne untertan sein müssen und alle eigenen Wünsche an sich abtöten sollen, werde ich stutzig. Bereits die Kinder scheinen die Normen ihrer Gemeinde verinnerlicht zu haben. Nach Medien und Fernsehen gefragt, sagen einige, es interessiert mich nicht, oder: es macht die Augen kaputt und dann ist man nicht soviel draußen und so. Nur ein Junge sagt auf die Frage, ob er das Fernsehen nicht mal vermissen würde, verschämt: Manchmal.

Was ist Schlimmes daran, Kinder vor einem überbordenden Medienkonsum beschützen zu wollen und vor Alkohol und Drogen? Was ist verkehrt daran, wenn Menschen ihren Glauben so ausleben, wie sie es für richtig halten? Nichts. Wenn sie es aus freien Stücken tun.

Was geschieht aber mit denen, die nicht mehr wollen oder nicht mehr können? Die ausscheren und die anders sind?

In der Doku sagt der Prediger Ernst Fischer, vielfacher Familienvater und Großvater über den Einfluss der Medien, dass sie nichts Gutes bringen. Sowas braucht man nicht zu vermissen. Und als die Interviewerin ihn fragt, obs ein Problem wäre, wenn in der Gemeinde jemand sagen würde, er liebe einen Mann, antwortet er:  ‚Gottseidank habe ich sowas noch nie erlebt. Möchte ich auch nicht. Deshalb kann ich nichts dazu sagen, wie ich reagieren würde und was passieren würde. Es ist eben nicht so, dass wir diese Menschen hassen, aber das ist eben nicht nach Gottes Willen.‘

Abgesehen davon, das ich mich wundere, wie jemand Gottes Plan so genau durchschauen kann, habe ich mich beim Sehen die ganze Zeit gefragt, wie sich so ein geschlossenes System aufrechterhalten lässt. Was mit Andersdenkenden passiert. Und um welchen Preis.

Wo ist die Lücke im Paradies? Darauf gibt der Film leider keine Antworten. Aber ein Buch, das ich im Internet gefunden habe, ein schmales Bändchen von etwas über 200 Seiten mit dem Titel: Himmel Hölle Welt.

Geschrieben hat es Lena Klassen anfang der Nuller Jahre. In einem Nachwort schreibt sie, dass sie zwar nicht in einer freikirchlichen Gemeinde aufgewachsen sei, aber ein Jahr in einer solchen gelebt habe. Lena Klassen ist eine Deutsche aus Russland und hat sich (teilweise unter dem Pseudonym Maja Winter) als Autorin von Fantasy- und Mistery-Romanen einen Namen gemacht.

Dieses frühe Werk von ihr ist anders.

Wie im Film über Cloppenburg steht hier die Taufe einer jungen Frau am Anfang. Allerdings nicht in einem See, sondern im chlorhaltigen Wasser eines Waldschwimmbads. Doch abgesehen von diesem Ausgangspunkt, bewegt sich das Buch in eine ganz andere Richtung als die Doku. Es zeigt die Risse auf, schildert die unbequemen Seiten der Gemeinschaft und die Kehrseite der Frömmigkeit.

Anders als die Regisseurin im Film, die sich bemüht nicht zu werten, findet Lena Klassen klare Worte und eine klare Position. Bereits im Vorwort schreibt sie, dass die Bezeichnung Mennoniten-Brüdergemeinde … Programm ist, denn Schwestern haben da nicht viel zu sagen.  (S. 8) An der Spitze steht ein Gemeindevorstand, gewählt auf Lebenszeit. Er kann seinen Posten nur verlieren, wenn jemand aus seiner Familie vom richtigen Weg abkommt. Denn es wird angenommen, dass ein Mann, der seine Familie nicht im Griff hat, seine Gemeinde nicht lenken kann.

In so einer Brüder-Gemeinde wohnt Klassens Heldin, die 16-jährige Schülerin Elsa Epp. Bereits während der Taufe, vielleicht schon vorher, beschleichen sie Zweifel, nicht an Gott, nicht an ihrem Glauben, sondern an den menschengemachten Regeln. Es gibt Wendepunkte in ihrem Leben, wie die Hochzeit der besten Freundin und deren dramatische Veränderung danach, die ihr Zweifel einpflanzen. Es sind die Regeln, gegen die sie aufbegehrt.

…ist das schon zu viel Frisur? Oder ist das noch züchtig?

Frauen, die sich die Spitzen schneiden? Sünde, weil pure Eitelkeit. Ebenso lange Haare für  Männer. Ohringe: Sünde. Pop- oder Rockmusik: Sünde, weil weltlich. Tanzen: geht gar nicht. Es wird auch nicht gern gesehen, dass junge Leute viel lernen und studieren. Dann sind sie zu sehr in der Welt. Und Weltliches hat keinen Wert.

Die Jungen in der Gemeinde gefielen ihr nicht, und sie ihnen auch nicht, denn sie war eine Bedrohung für jeden christlichen jungen Mann, weil sie aufs Gymnasium ging. Ein christlicher Mann hatte das Recht auf eine gläubige, gehorsame Frau, und Elsa stand schon jetzt in dem Ruf „stolz“ zu sein. S. 30

Elsa setzt es durch, studieren zu dürfen, sie geht zum Friseur und zieht Ohringe an. Das erste Mal, als sie in Hosen durch die Straßen der Stadt läuft, ist für sie ein Moment des Triumphes. Zunächst lebt sie ein Doppelleben und verbirgt alles vor ihrer Familie. Später geht sie auf direkten Konfrontationskurs mit ihr. Sie lernt andere Menschen kennen, die bereits früher aus den freikirchlichen Zusammenhängen ausgeschert sind. Wie den Opa Wiens zum Beispiel, der kein Blatt vor den Mund nimmt:

Ordnung und Disziplin nennen sie es, und so sorgen sie dafür, dass ihnen die Macht nicht aus den Händen gleitet, und so missbrauchen sie das das man ihnen entgegenbringt, auch die Naivität der Gläubigen. Man darf ja nicht vergessen, was das für Menschen sind. Sie kommen aus einer Diktatur, lange vor der Perestroika und den ganzen Veränderungen dort, sie sind es gewöhnt, dass man ihnen sagt, was sie tun sollen. Manche haben nur drei oder vier Jahre eine Schule besucht und können lesen und schreiben, aber auch nicht viel mehr. Studieren durften Gläubige in Russland sowieso nicht. Sie sind es nicht gewöhnt, selbständig zu denken. Das gibt den Leitenden natürlich eine ungeheure Macht.
S. 175

Elsa durchläuft verschiedene Phasen der Entfremdung, ringt in zahlreichen Monologen mit sich und setzt sich mit vielem auseinander, mit den Rollenbildern, mit ihrem Glauben und den Werten ihrer Gemeinde. Bis sie einen Weg findet, wie sie ihren Glauben leben und dennoch sie selbst sein kann. Natürlich gibt es Widerstand seitens ihrer Familie und der Gemeinde. Aber und das ist vielleicht die einzige Schwäche des Romans, der Konflikt wird nicht bis in die letzte Konsequenz durchgespielt. Es geht glimpflich aus.

Wie bei allem im Leben, gibt es verschiedene Nuancen und nicht alle freikirchlichen Gemeinden werden so streng und so bigott sein, wie die im Buch beschriebene. Nicht alle ziehen einen Moralkodex durch, wie er vor 200 Jahren geherrscht hat. Aber darauf will das Buch auch nicht hinaus.

Im hinteren Teil des Buches befindet sich ein extra Kapitel, das sich mit der Geschichte, den Bräuchen und der Struktur der Mennoniten beschäftigt, die im Siebzehnten Jahrhundert nach Russland gezogen sind, um ihre Lebensweise und ihren Glauben zu bewahren. Dass es über so lange Zeit und unter den schlimmsten Bedingungen gelungen ist, mag uns einiges an Respekt abverlangen. Aber auch hier stellt sich die Frage: zu welchem Preis? Und: wer zahlt ihn? Und womit?

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Link zur Reportage Russlanddeutsche in Cloppenburg:

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Himmel Hölle Welt, Lena Klassen
220 Seiten, Taschenbuch, BMV Verlag 2001, 10,80 €
Zu bestellen bei: info[at]bmv-burau.de
Bitte geben Sie den Titel an, die gewünschte Anzahl der Bücher und vergessen Sie nicht Ihre Anschrift! (Portokosten abhängig vom Umfang des Pakets)

 

 

 

 

 

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

3 Kommentare zu „Die Hölle sind immer die anderen“

  1. Alle fundamentalistischen Gruppen, egal welcher Religion, ähneln sich doch in ihren beinharten patriarchalen und autoritären Strukturen.

  2. Schon, aber es ist interessant zu sehen, wie effektiv dieses System sind. Mit der Einteilung kriegen sie ganz viel geschafft. Die Männer bauen und die Frauen besorgen die Küche. In einem Kommentar sagte jemand, wie entspannt dieser Vater von 11 Kindern ist, arbeitet voll, hält Predigten, baut Gebetshäuser in der Freizeit und ist dabei so tiefenentspannt. Seine Frau hätte ich gern dazu gehört, aber leider saß sie eher immer im Hintergrund und sagte kaum was.

  3. Es ist echt erleichternd deine Blogs Abends zu lesen, wenn das einzige Geräusch das man vernimmt der eigene Atem ist. Eine Sekunde nicht aufgepasst und schon driftet man gedanklich in eine Welt ab die du mit deinen Worten erbaust. Toll!

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