Spruch der Woche: Seelen aus Glas

Großer Bruder, was ist denn die Seele? Nichts?
Ist sie vielleicht wie Glas?
Glas ist durchsichtig und bricht leicht. Das ist einfach so. Man muss vorsichtig sein, wenn man einen Gegenstand aus Glas berührt. Wenn er Risse bekommt oder bricht, dann kann man ihn nicht mehr benutzen und muss ihn wegwerfen.
Früher gab es Glas, das nicht zerbrach. Es war durchsichtig und trotzdem stabil. Da musste man gar nicht nachprüfen, aus was es gemacht war.
Aber wir haben bewiesen, dass wir eine Seele besitzen, in dem wir uns zerstören ließen. Wir haben gezeigt, dass wir aus echtem Glas sind.

Han Kang, Menschenwerk, Seite 129, 2014 in Korea erschienen,
2017 in deutscher Sprache  im Aufbau Verlag

by candi fitzpatrick, McMurdo Alternative Art Gallery (MAAG) McMurdo Station Antarctica, January 2007

Han Kang webt in ihrem Roman Geschichten um einen Aufstand in einer südkoreanischen Stadt im Mai 1980 als eine Militärjunta eine Studenten- und Arbeiterrevolte gewaltsam niederschlug. Sie beschreibt dieses uns  wenig bekannte Kapitel asiatischer Geschichte auf so eindringliche Weise aber dann wieder so abwesend poetisch, dass es unwirklich-klarsichtige Züge bekommt. Wie ein Klartraum oder ein Stück Überrealität. Sie zeigt, wie Menschen durch Gewalterfahrung zerstört werden, aber auch wie sie in Zeiten heftiger Aufruhr über sich hinauswachsen.

Korea bildet zwar nicht unbedingt den Fokus dieses Blogs, aber die Erfahrung von staatlicher Gewalt und ihrer Wirkung auf diejenigen, die sie durchleben und ihr weiteres Leben sind universell. 2016 hat die Autorin  mit ihrem Roman „Die Vegetarierin“  für Furore gesorgt, mit dieser Hommage an die Opfer der Gewaltexzesse in Gwanju hat sie ein großartiges Werk vorgelegt. Darin lotet Kang aus der Sicht von sechs unterschiedlich Beteiligten die tiefen Unwasser aus, in die Menschen geraten, wenn sie mit programmatischer Gewalt in Berührung kommen.

Der Roman berührt, doch wie kann sie nur auf poetische Weise über so unsagbare Dinge schreiben? Aber wie anders sollte sie es tun?

In einem Epilog beschreibt Kang, wie sie zu diesem Stoff gekommen ist. Als Kind hat sie ein Erwachsenengespräch belauscht, darin ging es um die Nachmieter der Familie in besagtem Gwangju und deren halbwüchsigen Sohn, der in der Zeit des Aufstandes verschwand. Aus diesem persönlichen Anknüpfungspunkt heraus geht sie auf Spurensuche und erzählt die Geschichte des 15-jährigen Dong-Ho und des Geschwisterpaares aus dem Anbau des Hauses und drei weiteren Beteiligten. Die Basis des Romans bilden also reale Personen und ihre Erlebnisse.

HAN KANG
Menschenwerk, Aufbauverlag, 2017, € 20,-

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

14 Kommentare zu „Spruch der Woche: Seelen aus Glas“

  1. Ich bin heute ganz prosaisch unterwegs und denke an Panzerglas und hitzebeständiges Glas. Aber auch daraus könnte man Metaphern bauen …..

  2. Ich mag deinen Blog echt total!
    Willkürliche Frage:
    Sind romantische Raps die Gedichte von heute?

  3. Unbedingt! Aber auch Gangsterraps und andere Raps. In Russland stehen sich zwei Rapper im Battle gegenüber und machen sich auf sehr clevere Weise mit Worten fertig. Warte.

    Hier ein Beispiel. Mit Musik im Hintergrund…Wird doll geflucht.

  4. Hab mir jetzt extra einen Account erstellt, damit ich deinen Blog verfolgen kann, der da oben (TolleWolle) das bin ich!

  5. Ich finde auch, dass man das nicht so engstirnig sehen sollte. Rap wird ja direkt mit asozialen Verhalten assoziiert, wobei Rap ja eigentlich auf Gedichten basiert. Und wenn dann zu einem gut durchdachten Text eine Melodie folgt sind das ja Eindrücke auf verschiedenen Ebenen… So kann seine Geschichte ja viel besser erzählen, finde ich ..
    Du weißt bestimmt was ich meine, ich bin nicht so gut mit Worten, Verzeihung 🙂

  6. Ohje da hab ich so schnell getippt und nicht auf die Rechtschreibung geachtet, Schande 😅

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