Tag X – Welttag der Poesie

Als krönenden Abschluss hatte ich eigentlich vor, ein Poem von Marina Zwetajewa hier zu posten.
Leider habe ich festgestellt, dass ihre Lyrik unübersetzbar ist. Außerdem fragte mich gestern jemand, was die Zwetajewa, die ja im Exil in der Tschechoslowakei und in Frankreich gelebt habe mit deutsch-russischer Lyrik zu tun habe.

Nun. Sie sprach deutsch. Ihre Mutter, die Pianistin Maria Mein, entstammte einer deutschen Familie und einer polnischen Adelslinie. Und nach dem Tod ihrer Mutter ging sie in einem Internat in Freiburg zu Schule, was sie sehr geprägt hat.

„In mir sind viele Seelen. Doch meine Hauptseele ist eine deutsche“, schrieb Marina Zwetajewa in ihr Tagebuch.

Ihre Gedichte und Prosa hat sie in russischer Sprache verfasst, abgesehen von deutschen, französischen und lateinischen Einsprengseln. Aber einige Briefe, besonders die Briefe an Rilke, den sie verehrt hat, schrieb sie auf Deutsch.

„Rilke war mein letztes Deutschland, wie ich sein letztes Russland war … meine geliebte Sprache, mein geliebtes Land, wie für ihn Russland, die Wolgawelt.“

In einem Brief von 1925 schreibt sie an ihn:
Dichten ist schon übertragen, aus der Muttersprache in eine andere, ob französisch oder deutsch wird wohl gleich sein. Keine Sprache ist Muttersprache. Dichten ist nachdichten. Darum versteh ich nicht, wenn man von französischen und russischen etc(etera). Dichtern redet. Ein Dichter kann französisch schreiben, er kann nicht ein französischer Dichter sein. Das ist lächerlich. Ich bin kein russischer Dichter und staune immer, wenn man mich für einen solchen hält und als solchen betrachtet. Orpheus sprengt die Nationalität, oder dehnt sie so weit und breit, dass alle (gewesenen und seienden) eingeschlossen sind.

Foto: Marina-Zwetajewa-Museum Moskau

Hunderte Briefe wechseln die beiden Sich-Nie-Begegnenden bis zu Rilkes Tod im Dezember 1926.
Hier ein Ausschnitt aus einer Elegie auf sie von Juni 1926:

O die Verluste ins All, Marina, die stürzenden Sterne! Wir vermehren es nicht, wohin wir uns werfen, zu welchem Sterne hinzu! Im Ganzen ist immer schon alles erzählt. So auch wer fällt, vermindert die heilige Zahl nicht. Jeder verzichtende Sturz stürzt in den Ursprung und heilt.

Rilke war wohl auch von ihr angetan, vielleicht bis zu dem Moment, an dem sie ihn heiraten wollte. Unbesehen. Eine faszinierende Frau mit, wie gesagt einer Sprache, die sich in ihren Wortspiellauten, ihren klangmalerischen Nuancen, ihren stakkatoartig klatschenden Zeilen kaum umsetzen lässt. Oder zumindest nicht an einem regnerischen Nachmittag… Weil ich aber nicht loslassen kann, nehme ich doch ein oder zwei kurze Gedichte und setze sie hier ein,  wie das von 1918:

Кто дома не строил…

Кто дома не строил –
Земли недостоин.

Кто дома не строил –
Не будет землею:
Соломой – золою…

  • Не строила дома.

Die offizielle Übersetzung lautet:

BAUT EINER KEIN HAUS – 
Spuckt die Erde vor ihm aus.

Baut einer kein Haus –
Wird er nie zur Erde:
Erst Stroh, dann Asche im Herde …

Ich baute kein Haus.

***

Mir gefällt nicht, dass die Erde vor mir/ihr ausspucken soll. Deshalb wandle ich es jetzt um und übertrage wörtlich:


Wer kein Haus gebaut…

Wer kein Haus gebaut
hat die Erde nicht verdient

Wer kein Haus gebaut,
wird nie zur Erde
wird erst zu Stroh, dann zu Asche

– Ich habe kein Haus gebaut.


Es gibt noch ein schönes Gedicht von ihr über Ruhm und Lob und die Stille. Aber an der Übertragung ins Deutsche muss ich noch feilen.

Nun ist also der Tag X und hier ist die schöne Reihe zu Ende. Viel ist es um Erde gegangen, um Vergangenes um die Sehnsucht nach Heimat. Aber nicht nur. Und nicht alle, die mit ihrer Lyrik aus der russischen, deutschen, deutsch-russischen und russlanddeutschen Sphäre hineingepasst hätten, sind hier zu Wort gekommen. Deshalb wird es in unregelmäßigen Abständen an manchen Freitagen eine lyrische Fortsetzung geben. Vielleicht habe ich auch die Zeit, manche der russischen Gedichte in Lautschrift zu transkribieren. Mal sehen. Aber nicht morgen. Morgen ist Pause.

Zum vorläufigen Abschluss noch ein Abschiedsgedicht von Marina Zwetajewa:

Прости
Нине

Прощай! Не думаю, чтоб снова
Нас в жизни Бог соединил!
Поверь, не хватит наших сил
Для примирительного слова.
Твой нежный образ вечно мил,
Им сердце вечно жить готово, –
Но все ж не думаю, чтоб снова
Нас в жизни Бог соединил!


Verzeih*
für Nina

Leb wohl*! Ich denke nicht, dass Gott uns
je in diesem Leben wieder zusammenführen wird!
Glaub mir, unsere Kraft reicht nicht aus,
um ein versöhnliches Wort zu sprechen.
Dein zartes Antlitz bleibt mir ewig lieb,
mein Herz ist bereit dafür zu leben – ewig,
Trotz allem denk ich nicht, das Gott uns
je in diesem Leben wieder zusammenführen wird!

*Verzeih (Прости, Prosti) und Leb wohl (Прощай, Proschaj) haben einen ähnlichen Wortstamm, wen wunderts? Mich nicht.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

4 Kommentare zu „Tag X – Welttag der Poesie“

  1. Dank dir noch einmal für diese spannende Reihe. Zum (vorläufigen) Abschluss Gedanken zur Poetik als in mancherlei Hinsicht grenzüberschreitende Kunst, dazu im Austausch mit Rilke – wunderbar!
    Du schreibst, Marina Zwetajewas Gedichte seien nicht übersetzbar. Ich verstehe, was du meinst, anhand der offiziellen und deiner freien Übersetzung eines Gedichts, das du hier vorstellst. In der ersten Fassung stehen Struktur und Reim im Vordergrund, in deiner die Bilder, die sprachlich an Nuancierung gewinnen. Deine Version berührt mich von daher mehr. In jedem Fall bleibt es so oder so eine Annäherung an das Original – um es mit Marinas Worten zu sagen: eine Nachdichtung … der Nachdichtung.
    Herzliche Grüße,
    Silke

  2. Danke für deine sehr schöne Einführung in eine Welt, die mir sonst verschlossen geblieben wäre. Ich freue mich, dass du noch weiteres aufbereiten willst.
    Gibt es nationale Dichter – russische, deutsche, griechische, französische, japanische, kongolesische …. – oder ist es, wie Marina Swetajewa sagt, „lächerlich“, sie russisch zu nennen, denn „Orpheus sprengt die Nationalität, oder dehnt sie so weit und breit, dass alle (gewesenen und seienden) eingeschlossen sind“? Ich denke, beides ist wahr, wie auch in der Musik, in der Malerei. Jeder Kunstausdruck lässt sich als Bruch darstellen. Es gibt einen tiefen gemeinsamen Nenner für alle Kunst (daher ist sie verständlich für jeden Menschen, egal in welchen Breiten und Längen er lebt), aber der Zähler ist verschieden. Der Zähler wird bestimmt durch die besondere Persönlichkeit des Dichters (Malers, Musikers), die durch Zeit, Umstände, Sprache geformt wird.

  3. Liebe Gerda, das hast du richtig gut auseinanderklamüsert. Sich das mit einem Nenner und einem Zähler vorzustelen macht es plastisch. Denn auch ich denke, dass sich nicht alle Unterschiede vollkommen über Bord werfen lassen. Naja. bei manchen schlägt das halt mehr durch das Regionale, bei anderen weniger. Aber gerade Schreibende sind doch in Sprachen zuhause und bedienen sich ihrer… Und wenn sie die Länder wechseln, ist es nicht ganz so leicht.

  4. Swetajewa war, wie ich aus ihren Lebensdaten entnehme, nicht so sehr in einer Kultur verwurzelt, zudem auch Zweisprachlerin – mindestens – , so dass sie vielleicht den Schmerz derer, die nicht in ihrer Muttersprache und in ihrem Kulturraum leben konnten, leichtfertig als lächerlich abtun konnte. Es betraf sie nicht wirklich. Andere wiederum waren wie Fische auf dem Trocknen, sie erstickten, oder bisweilen auch wie Fische im Aquarium, wo sie zwar überlebten, aber in welchem beengten Milieu? Sie konnten nicht mehr im Meer ihrer muttersprachlichen Welt schwimmen.

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