Ein Buch von 1931 – Teil I

Packpapier ist ungeduldig

Ich habe es mir schon gedacht, dass dieses Buch auch optisch und haptisch etwas hergeben würde. Daher möchte ich diesen Teil der Besprechung nur dem Papier und der Machart widmen. Rezensionen aus Deutschland, die 1936 und 1939 erschienen sind, also im Deutschen Reich, bemängeln die schlechte Qualität des Papiers und die vielen Druckfehler der Ausgabe. Die beiden Rezensenten können wohl nicht ahnen, unter welchen Bedingungen die „Sammlung sowjetdeutscher Dichtung“ im ukrainischen Charkiw wahrscheinlich gedruckt worden ist. Zu einer Zeit und an einem Ort, wo  es wahrlich einem Weltwunder glich, überhaupt an Papier zu kommen.

Sehr poröses, saugstarkes Papier. Umweltschonend und schön anzufassen

So viele Zufälle haben dazu geführt, dass dieses Buch nicht zwischen den Falten der Zeit vergessen wurde, wie es eigentlich sein Schicksal gewesen wäre. Zum Beispiel, dass vor vielen Jahrzehnten eine Slavistin aus Deutschland in einem Bücherkatalog zufällig auf einen Titel von Alexander Reimgen stößt, der im Verlag Kasachstan erschienen ist. Sie wundert sich, Kasachstan? Auf Deutsch? Sie geht dem nach und wird zu einer der wenigen deutschen Wissenschaftlerinnen, die sich überhaupt mit russlanddeutscher Literatur befassen. Viele Jahre später entdeckt sie, ebenfalls in einem Antiquariatskatalog, zufällig diesen Titel von 1931, erwirbt ihn und gibt ihn 1990 als Nachdruck im OLMS Verlag heraus. Es ist das erste Mal, dass sie mit Vorkriegsliteratur der deutschen Minderheit in Berührung kommt.

Dank Annelore Engel-Braunschmidt und ihrer Neugier existiert also ein Faksimile der „Sammlung sowjetdeutscher Dichtung“ aus dem Staatsverlag Literatur und Kunst in Charkiw. Herausgeber ist ein gewisser David Schellenberg. Auch Gerhard Sawatzky glänzt hier mit einigen Versen, seinen Roman „Wir selbst“, der auch nur über glückliche Zufälle der Nachwelt erhalten blieb, hatte er da noch nicht geschrieben.
Eine Einleitung und Kurzbiografien der Autoren vervollständigen die nachgedruckte Ausgabe von 1990. Von sieben Autoren überlebt nur einer den zweiten Weltkrieg, und das weil er zu Kriegsbeginn in den Warthegau und dann nach Wuppertal-Elberfeld fliehen kann. Die anderen Biografien enden mit Sätzen wie: Im Krieg „nach Magadan verschlagen“; „die letzten Lebensjahre liegen im Dunkeln“; gestorben 1937. Oder wie im Fall von Sawatzky, der in einem Lager umgekommen ist, enden sie einfach keine drei Jahre nach dem Druck der Sammlung.

Trotz des grimmigen Schicksals existiert dieses Beispiel sowjetdeutscher Literatur der Zwischenkriegszeit also noch. Ich konnte es mir sogar antiquarisch bestellen. Das Cover sieht avantgardistisch aus. Reduziertes Design, gekippte Schrift, sehr modern für seine Zeit. Rot und Schwarz auf einem beige anmutenden Papier.

schöne Typo, schickes Design

Ein Faksimile zeichnet aus, dass die Seiten der alten Ausgabe abfotografiert werden und nicht neu gesetzt. Das Schriftbild und auch die Schreibweise bleiben erhalten.

Einige Buchstaben, wie das o und e, tanzen durchgängig aus der Reihe.

Als Grafikerin, die ich nicht ablegen kann, gefällt mir die schlanke altertümliche Typografie, die ein wenig ausfranst, weil das Material für den Satz und die Druckmaschine sicher nicht sehr hochwertig waren. Diese Schrift verweist auf die Mode einer früheren Zeit. Ich genieße es, die Texte in einer historischen Schrift zu lesen. Der Satz hüpft so schön. Ist nicht wie mit dem Lineal gezogen. Eventuell musste gleichzeitig ein anderes Buch oder Zeitungen/Flugblätter raus und ihnen fehlten die Metallschienen, die sonst für eine gerade Linie sorgen. Aber womit haben Sie sich beholfen? Schienen aus Pappe geschnitten? Holz? Das würde das unruhige Bild vielleicht erklären.

Platzhalter, sonst unsichtbar, sind hier gut zu sehen.

Das scharfe ß fehlt vollständig, die Umlaute existieren nur in als Buchstaben. Sind aber auch nicht ausreichend vorhanden, manchmal müssen die Drucker auf ae oder ue ausweichen. Viel Improvisation war da, das sieht man. Durchgehend hüpft das kleine o nach oben und das kleine e hängt immer unterhalb der Grundlinie. Das kleine a franst oft total aus. Kann sein, dass da Schriftsätze von unterschiedlichen Schriften gemischt wurden, die eine unterschiedliche Grundlinienhöhe hatten. Die Metallschienen, also die Lückenfüller, die für das Einrücken von Zeilen verwendet werden sind teilweise sichtbar.

Die Flüchtigkeitsfehler sind sicher nicht während des Schreibens entstanden, sondern später. Gab es denn eine extra deutsche Druckerei in Charkiw? Welche Leute haben da gearbeitet? Haben sie überhaupt verstanden, was sie da setzen oder kamen ihnen die Buchstaben wie Chinesisch vor?

Diese ganzen kleinen Unvollkommenheiten stören mich nicht. Ich denke einfach, die Bedingungen waren schlecht. Seltsam, in den mundartlichen Texten hab ich keinen Fehler entdeckt. Aber würden sie mir auffallen?

Ein fast dreidimensionales Schriftbild.
Bei Licht betrachtet. Fast wie Handgeschöpft. Ist es am Ende auch.

Der Eindruck verstärkt sich noch, als ich Ende Dezember Dank der freundlichen Schenkung von Frau Engel-Braunschmidt, das Original aus den 30ern in den Händen halten darf. Das Papier ist wirklich nicht viel besser als Packpapier oder braunes Löschpapier. Sehr dünn. Eine Art Recycling-Papier noch bevor es das Wort Recycling überhaupt gab. Die Buchstaben von der anderen Buchseite scheinen durch, sind als erhabenes Relief sicht- und fühlbar. Es riecht nach Leim, nicht so wie die sowjetischen Bücher aus meiner Kindheit, aber doch ganz anders als heutige Bucherzeugnisse.

Das kann man fast schon singen. Die Buchstaben hüpfen wie Notenzeichen auf dem Papier

Die Schrift hüpft wirklich auf der Linie und es gibt viele Verunreinigungen. Ich lese die Gedichte, vieles davon klingt heute nicht mehr Zeitgemäß, ein Hohelied auf die Arbeit der Werktätigen, ein Lob des Sozialismus. Aber nicht nur. Vieles ist kraftvoll und nah an der Realität, auch das Elend kommt vor. Sicher nicht alles sehr PC aus der Sicht der damals Mächtigen.

Die mundartlichen Texte sind großartig und wirklich satirisch. Auch die dürften damals ihrem Schreiber viele Probleme bereitet haben. Doch den inhaltlichen Aspekt bespreche ich noch.

In einem Gedicht von Hans Hansmann mit dem Titel „Lächelnder Stahl“ fehlt innerhalb der ersten zehn Zeilen allein sechs Mal der Buchstabe L. Sehr auffällig und schwer nachzuvollziehen. Entweder hat da jemand zu wenige L besessen und es war ihm egal, oder es war reine Sabotage. Mein paranoides Selbst wittert hier eine L-Geheimhaltung, um diese komischen Dichter im fernen Deutschland zu diskreditieren. Was ja auch wunderbar gelungen ist. Aber auch ohne verschwörerische Sabotageakte auf Sesamstraßen-Niveau frage ich mich, unter welchen Bedingungen und mit welchem Material sie den Druck dieses Buches bewerkstelligt haben mochten, mit welchen Verzögerungen, zu welchem Preis? Immer wieder mit Pausen durch Lieferverzögerungen. Wie konnten sie in Charkiw zu der Zeit überhaupt an gutes Papier kommen, es war sicher nicht die beste Qualität, daher versuppen die Buchstaben, sind so unregelmäßig, daher die Verunreinigungen. Packpapier ist eben ungeduldig.

Ich bin sehr froh, dass durch die vielen Glücksfälle und durch das Engagement von einigen wenigen, wie einer neugierigen Slavistin zum Beispiel, dieses Buch vorm Verschwinden bewahrt werden konnte. Und ich frage mich zugleich, wie viele Bücher in den Wirren der Revolutionen, Kriege und Umwälzungen verloren gegangen oder gar nicht erst gedruckt worden sind .

Was ist Nachdruck, was Original?

Sammlung sowjetdeutscher Dichtung. Geordnet und eingeleitet von David Schellenberg (1931), Vorwort von Annelore Engel-Braunschmidt. Reprint OLMS Presse, Hildesheim u.a. 1990

 

Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

3 Kommentare zu „Ein Buch von 1931 – Teil I“

  1. Ist das spannend! Dein typografischer Blick ist so schön frisch 🙂
    Mich würde interessieren, inwieweit die Gedichte von der Neusachlichen Lyrik des Westens (zumindest jenseits des Urals) beeinflusst wurde (z.B. bei Mascha Kaléko)?

  2. Da fragst du was. Ich werde das bei meiner kommenden Analyse mal schecken. Aber da diese Dichter auf einer kulturellen und sprachlichen Insel lebten, vermute ich eher dass nicht.
    Ihr sachlicher Realismus war wohl eher von der russischen revolutionären Dichtung beeinflusst als von Mascha Kaleko, die in Deutschland bekannt war, aber nicht so sehr über die Grenzen hinaus. Nicht damals.
    Es wäre eine schöne Aufgabe für ein Germanistik-Studium, diesen Punkt der gegenseitigen Beienflussung mal zu erforschen…

  3. Ja, es gibt noch so viel zu erforschen. Kaléko war auch nur ein Beispiel. Der Einfluss könnte auch von woanders her wehen. An die Insel-Situation hatte ich such gedacht, weswegen ich mich eigentlich auch frage, ob unabhängig von der Entwicklung der Lyrik andernorts, sich ein eigener Realismus eingestellt hat. Quasi unter dem Eindruck der damaligen Zeit. Die Neue Sachlichkeit ist ja als kulturelle Bewegung in vielerlei Hinsicht Reaktion auf die erlebten Greuel, ob westliche oder östliche.

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