Ein kleines Buch über die Pest

Viele Personen, viele Dialoge, viele Szenenwechsel auf nur 112 Seiten. „Eine Seuche in der Stadt“ ist kein Roman und keine Erzählung als solche, sondern war ursprünglich als filmisches Skript konzipiert, das Ludmilla Ulitzkaja für ein Drehbuchseminar eingereicht hatte, um daran teilzunehmen. Und zwar 1978. Sie wurde abgelehnt.

Situiert ist die Geschichte, die auf einer wirklichen Begebenheit beruht, im Jahre 1939. Rudolf Iwanowitsch Meyer, ein Arzt, der an einem Medikament gegen die Pest forscht, infiziert sich am Erreger. Da er mit dem Zug zu einer wissenschaftlichen Konferenz nach Moskau reist, um dort einen Vortrag zu halten, bringt er den Pesterreger in die Metropole.

Es könnte zu einem schlimmen Ausbruch kommen. Könnte. Wir dürfen nicht vergessen, im Vorkriegsjahr herrscht in der Sowjetunion noch immer ein despotisches Regime, die Zeit des Terrors ist noch nicht vorbei. Der Apparat des Sicherheitsdienstes läuft wie geschmiert und – Spoiler – das Schlimmste kann durch die Effizienz des NKWD gerade noch verhindert werden.

Noch 1978 scheint diese Story so explosiv zu sein, dass sie nicht publik gemacht werden kann. Daher die Ablehnung des Drehbuchs. Es landet in der Schublade, um von der Autorin jetzt, in der Zeit der weltweiten Pandemie, hervorgeholt und veröffentlicht zu werden. Ich muss nicht erwähnen, dass öffentlich niemals etwas über diese Gefahr ruchbar geworden ist. Und die Autorin hat nur über eine Freundin darüber erfahren, deren Verwandter unmittelbar daran beteiligt gewesen ist.

Die Pest mit Cholera bekämpfen. Gibt es nicht so einen Ausdruck? In dieser Geschichte geschieht genau das, ein gefährlicher Erreger wird durch die Mechanismen eines noch gefährlicheren Systems unschädlich gemacht.

So schreibt die Autorin denn auch in dem Nachwort zu dem Band:
„Das ist das Subtile an der geschilderten Situation: Die Pest zu Zeiten der politischen ‚Pest‘„.

Klar, denke ich, in Zeiten von Epidemien und Ausbrüchen von hochansteckenden Krankheiten, ist so ein despotisches Regime einfach das bessere Modell. Erregungsherde ausfindig machen, abholen, auch um drei Uhr Nachts, isolieren, wenn nötig unschädlich machen – und das schnell und effizient. Das sind die Kernkompetenzen von Geheimdiensten, die im Dienst von Diktatoren stehen.

Schwarzer Rabe, lange vor 1939, aber so sahen die aus.

Dennoch wäre mir unser System lieber, trotz allem. Auch das Herumgeeiere, dass alle Bundesländer ihren eigenen Schuh fahren, das Kreuz und Quer der Maßnahmen, also nicht so sehr quer, mehr so der Zick-Zack-Kurs der Maßnahmen. Stümperhaft im Vergleich zu so einem stalinistisch effizienten Apparat. Denn so ein Erreger ist irgendwann vorbei. Naja, der Stalinismus irgendwann auch, aber eher nach mehr als einem Sommer. Oder zwei.

Und noch so ein Gedanke: all diejenigen, die schreien, wir leben in einer Diktatur, wünschen sich genau das. Ich spüre da eine Sehnsucht nach autoritärem Durchgreifen. Sie wollen in Wirklichkeit sowas wie damals 1939 in Moskau, dass einer kommt, handelt und alles ist wieder gut. Das ist jetzt kein Fakt, nur so eine Meinung, sogar nur so eine Ahnung. Vielleicht sind gerade nicht diejenigen frei, die so sehr auf Freiheiten pochen? Sondern die anderen, die aus freien Stücken auf absehbare Zeit auf einige ihrer Freiheiten verzichten können, wie auf die, nach Feierabend in der Kneipe ein Bier zu trinken oder ins Kino zu gehen.

Apropos Wünsche. Ich wünsche mir keine Diktatur, sondern dass dieses Drehbuch von einem fachkundigen Regisseur, oder einer Regisseurin verfilmt wird. Wie wäre es mit der kongenialen Agnieszka Holland? Ich kann mir gut vorstellen, dass sie das absurde Szenario, in dem im minutentakt Pseudo-Verhaftungen erfolgen, filmisch gut umsetzen kann. Und vielleicht sogar die Atmo eines Moskaus in der Vorkriegszeit einfangen und die handelnden und erduldenden Personen authentisch zeichenen kann.
Dann können wir uns – wenn es wieder möglich ist – gemütlich mit ner Tüte Popcorn in einem dunklen, vollen, geschlossenen, schlecht belüfteten Kinosaal zurücklehnen und genüsslich betrachten, wie so ein fieser, kleiner Erreger in kürzester Zeit unschädlich gemacht wird. Dank den Häschern des NKWD.


Ljudmilla Ulitzkaja
Eine Seuche in der Stadt
Hanser Verlag, 2021
ISBN 978-3-446-26966-8, Preis: 16,00 €

Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

15 Kommentare zu „Ein kleines Buch über die Pest“

  1. Klar, es hat ja Gründe warum die Seuchenbekämpfung in China so effizient war. Natürlich möchte ich in allen anderen Bereichen des Lebens nicht in einem totalitären Regime leben, aber bei der Seuchenbekämpfung ist es höchst effizient

  2. Schade, dass du die interessante Fragestellung (Selbstverantwortung – Diktatur) mit deinen aus der Luft gegriffenen Vermutungen zukleisterst: Hie das stümperhafte aber gutwillige föderale System und einsichtsvolle Menschen, die sich selbst beschränken – dort aufbegehrende Egoisten, die in ihrem Herzen den Diktator herbeiwünschen. Damit rührst du leider im Sumpf der Vorurteile und vernebelst das durchaus diskutierenswerte Thema.
    Ich würde bei dem von dir genannten Plot ansetzen: „Rudolf Iwanowitsch Meyer, ein Arzt, der an einem Medikament gegen die Pest forscht, infiziert sich am Erreger. Da er mit dem Zug zu einer wissenschaftlichen Konferenz nach Moskau reist, um dort einen Vortrag zu halten, bringt er den Pesterreger in die Metropole.“ Welche ethischen Fragen stellen sich bereits hier, am Ausgangspunkt, fü Forschung und Forscher? Damit wären wir im Zentrum der Frage nach Selbstverantwortlichkeit und Schuld. Sie ließe sich erweitern durch die Frage nach dem Einverständnis des Systems mit der Foschung und den sich daraus ergebenden Konsequenzen.

  3. Stimmt, du hast recht. Ich habe es schwarz-weiß dargestellt. Das Buch (anders als ich) besetzt keine Positionen, es ist beobachtend, nicht wertend, also naja, ein bisschen.
    Und die Frage danach, unter welchen ethischen Voraussetzungen hier mit Pesterregern hantiert wurde, stellt sich durchaus. Spannender Punkt.
    Es ist gemein von mir, anderen Geistern, den Wunsch nach einer harten diktatorischen Hand zu unterstellen. Yep. Und nicht sehr durchdacht.
    Was bei mir ankommt, sind die erregten Rufe, dass wir bereits in einer Diktatur leben würden. Und dem kann ich, bei aller Liebe, nicht zustimmen. Denn sorry, Diktatur geht anders.

  4. Schöne Selbstkritik, auch etwas, was im Stalinismus sehr gut funktioniert hat. Ich fand deine Position nicht schwarz-weiß.

  5. Scheint ein spannendes Buch zu sein. Es zu lesen würde mir jedoch, glaube ich, schwer fallen. In der letzten Zeit kann ich solche Bücher schlecht wegstecken. Sie hinterlassen ein beklemmendes Gefüllt der Ausweglosigkeit / безысходности. Denn ein Entkommen gab es damals – mittendrin in einer finsteren Diktatur(!) – nicht. Aber der Roman passt sicher sehr gut zur heutigen Situation in der Welt. Es würde vielleicht diejenigen zum Nachdenken bringen, die meinen, dass wir uns jetzt in der „finsteren Diktatur“ befinden. Diktatur geht wirklich anders!

  6. Vor allem ist er mit Humor geschrieben, liebevolle Satire, falls es sowas gibt. Die Menschen sind so portraitiert, dass du ihre Schwächen zwar siehst, aber über sie schmunzelst. Das gefält mir an dem Stil der Autorin so gut. Das was mit Probleme bereitet hat ist die Handlung anhand von Dialogen zu erschließen. so als würdest du ein Stück von Shakespaere oder Schiller lesen. Das kann ich nicht mehr so gut.

  7. Danke für das Feedback. Selbstkritik in strengen Systemen ist schon so eine Sache.
    Ist jeder Zweifel und jedes Zurückrudern gleich Selbstkritik? Ich fühle mich nicht vorgeführt und entblößt. Zweifel sind ok, oder? Und meine Idee, dass Leute das Gegenteil von dem wollen, das sie eigentlich rufen, naja, war halt ne sponti Idee. Aber ich kann sie nicht durch Studien belegen.

  8. So eine Art Drehbuch wahrscheinlich. Du hast ja auch geschrieben: Film Skript. Damit würde ich wohl auch nicht so gut zurecht kommen. 🙂

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