Harte Jungs

Harte Jungs
Frankfurter Tatort, „Wer das Schweigen bricht.“ Regie: Edward Berger/Drehbuch: Lars Krume

Ich muss mich berichtigen. Spätaussiedler kommen doch in den Medien vor. Wie gestern wieder beim Frankfurter Tatort. Es war zwar eine Wiederholung eines Tatorts vom April 2013, aber damals habe ich ihn nicht gesehen. Er spielte in einem Jugendknast und da dürfen Deutschrussen, wie wir mittlerweile genannt werden, bekanntlich nicht fehlen. Jurij und Sergej. Über und über tätowiert mit slavischen und religiösen Symbolen und nur am trainieren. Klitschkomäßig. Knallhart. Sie stehen unter Verdacht einen Libanesen gefoltert und umgebracht zu haben und Drogen haben sie auch bei Ihnen gefunden. Das einzige Wort, dass diese harten Jungs im Skript zu sagen haben, ist: „Eigenbedarf“,  mit rollemdem R natürlich. Diese Jungs zeigen alle Anzeichen der homo sovieticus Mentalität. Sie waren es am Ende doch nicht, Gott sei Dank, also das mit den Drogen natürlich schon, aber den Mord haben nicht sie begangen.

Wieso wird nicht mal ein ganzer Tatort genau über diese Typen gemacht und mit dem ganzen Milleu und dem Hintergrund? Wäre doch spannend. Für mich. Vielleicht für 99% der Bundesbürger nicht. Weil das Thema ja irgendwie nicht so öffentlich behandelt wird. Wo sie Borsch essen und „Nu Pogadi“ gucken, und wo ihre Oma bei einer Beerdigung noch die deutschen Lieder aus den Kolonien singt.
Aussiedler oder Deutschrussen (klingt irgendwie rauer als Russlanddeutsche, Russen mit nem deutschen Namen oder besser: Russen mit nem deutschen Schäferhund…) als kriminelle Drogendealer, das entspricht dem Bild in der Öffentlichkeit. Ich will jetzt nicht in Abrede stellen, dass sich unter den Spätaussiedlern kein Drogendealer befindet. Oder die Gründe und damit alles Soziologische aufrollen, das haben andere vor mir besser getan.
Es ist schade, dass nur dieser Splitter der ganzen Gruppe wahrgenommen wird. Die Krankenschwestern und die Ärztin in dem Film hätten auch in Karaganda oder Dnjepropetrovsk ihren Abschluss gemacht haben können. Aber nein. Nur die Knastis haben den Russen-Touch.

Gut, es gibt noch Nadeshda im Münsteraner Tatort. Ihre Eltern feiern exakt wie die Russen. Bloß in einer Kneipe (!?) und nicht zuhause. Sehr untypisch und zudem schlecht recherchiert. Ich habe da nichts von mir und meinen Leuten wiedererkannt. Nada. Niente. Nitschewo. Wer sie geschrieben hat, diese Rolle, hat wohl nicht soviel Ahnung. Sie hat nämlich gar keinen Hintergrund, weder einen Immigrations-, noch einen Deportations- noch einen sonstwie Background. Oder ist das das Gute? Ein positives Beispiel für eine gelungenen Integration? Na denn, dann ist ja alles gut. Oder wie Jurij oder Sergej sagen würden: Прикрасно!

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Was wir erben

Die Augen sind die Spiegel der Seele. Aber was, wenn die Seele ein Spiegel ist, nicht die Oberfläche eines Sees, sondern ein ganz normaler Spiegel aus Glas. Und wenn es so ist, dann sind die Seelen unserer Eltern zerbrochene Spiegel. Erfahrungen, die sie als Kinder machen mussten in Krieg, Flucht, Verschleppung und Lager oder einfach nur Hunger und Kälte und Angst, haben die Oberfläche mit Rissen überzogen oder sie sogar komplett zerbrochen.zerbrochener_Spiegel_kl

 

 

 

 

Aber um zu überleben, haben unsere Eltern ihre Scherben zusammengehalten, waren strengstens darauf bedacht, als Ganzes zu funktionieren. So war das halt damals. Wenn noch nicht mal die Kriegsheimkehrer zu einem Traumatherapeuten gegangen sind, sondern Zähne zusammenbeißen und weitermachen im Tagesgeschehen. Hopp Hopp.
Das geht am besten wenn man verdrängt. Scherben unter den Teppich kehren und so tun als wäre nichts geschehen, ist eine Überlebensstrategie. Und diesen Teppich erben dann die Kinder und Kindeskinder. Sie sind gewöhnt über die Erhebungen des Teppichs zu laufen, wo es knirscht und knurspelt.
Manchmal denke ich darüber nach, dass wir Kinder diese alten Gefühle als Stellvertreter ausleben, das unvorstellbare Grauen. Über die Soma oder über die Psyche je nach Veranlagung. So wie der Typ, der sich gestern zu uns auf die Bank vor der Bücherei gesetzt hat.

Er sah nicht wie ein gewöhnlicher Penner aus. Ganz in Schwarz, groß und schlaksig , mit einer Plastiktüte und einem Glas mit Teebeuteltee darin. Der Blick hinter der fast randlosen Brille huschte leicht und ein Hautausschlag überzog das Gesicht. Oder war es nur etwas gerötet? Er zeigte kaum Anzeichen von Vernachlässigung, und höflich war er, fragte, ob er sich dazusetzen darf, obwohl alle Bänke frei waren, das war schon ungewöhnlich für Deutschland. Dann fing er an, uns zu zu texten und es wurde deutlich, der ist manisch. Über unsere Kinder, die Schaukelten, kam er auf die Waldorfschule. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, dann kam sein Vater ins Spiel, die Bibel, die er geerbt hatte bei seinem Tod. Eine evangelisch-lutherische Bibel, aus Moskau, sein Vater käme aus Moskau, Deutscher aus Riga, das ist in Lettland. Er springt gedanklich, spinnt wilde Assoziationsketten, singt zwischendurch, von Glaube Liebe Hoffnung, seine einzigen Waffen, kommt er zu Marlenes Lied Liebe nur und sonst gar nichts, erzählt, dass er in Bamberg beim Marlene Musical mitgespielt hat. Kontrabass und Gitarre. Mit einem renomierten Regisseur aus Hamburg, eine wichtige Produktion. Im Bambergerschloss wohnen sie. Springt von Bamberg ganz easy nach New York, Carnegy School, gibt es das? Und dann nach Danzig und übers Haff, nach Nebel auf Amrum. Jede Station bekommt eine Jahreszahl verpasst.

Über den Anker, ich als Anhänger trage, kommt er auf seine Taufe auf Amrum zu sprechen, 1971, in der Kapelle auf Nebel, und seine Mutter, die dort als Kind war, geflohen aus Danzig, Lungenleiden im Lager zugezogen. Und mein Vater hat im Krieg gekämpft, in beiden Kriegen, wir sind keine Drückeberger, wir verteidigen unser Land, das war ihm total wichtig. Er hat es oft wiederholt. Es kreiste wiedermal um den Krieg.

Und es kam aber durch, dass er seinen Vater total liebt oder verehrt, ein Heldenvater, er war bei der Luftwaffe/Marine/Infanterie, ich habs vergessen. Aber er wusste es noch und auch das Regiment. Er befindet sich in der manischen Phase, wo die Gedanken zwar schwirren, aber noch zusammenhängend und logisch wirken. Also nicht unerträglich, wenn man den Kapriolen folgen kann. Ich habe aber auch nachgefragt, weil ich es spannend fand, die ganze Geschichte, habe mich aber nicht als Gleichgesinnte und gleich schicksalhaft Getroffene zu erkennen gegeben. Und da sein Vater aus Riga kommt und er Kontrabassist, frage ich ihn spontan, ob er Ole kennt. Und Bingo. Sie haben zusammen in Lübeck studiert. Mein Bruder in der Seele nennt er ihn, gibt später aber zu, dass er mit ihm uund Katja in letzter Zeit wenig zu tun hatte.

Wie oft tragen die Kinder diese Scherben vor sich, diejenigen, deren Seelen nicht zersprungen sind, tragen symbolische Sprünge, verheddern sich in einem Trauma, das nicht ihres ist. Steht auch übrigens in der Bibel und die alten Griechen haben es auch gewusst, die Sünden der Väter tragen wir bis in das siebte Glied. Und was ist mit den Traumata?

Kann man diesen Eltern einen Vorwurf machen? Den Kindern des Krieges, die vor Panzern weglaufen und neben Detonationen spielen. Die Geschwister, Eltern, Freunde verlieren auf die grausamste Weise. Sie schweigen, sie spalten ab, sie wollen vergessen. Das ist gesünder für sie.

Aber auch für uns? Gut, wenn es so ist, tragen wir die Brüche, die Bürde des Krieges, die Spätfolgen. Aber dann darf keiner von uns verlangen, dass wir funktionieren. Dass wir unseren Alltag meistern und nicht abdriften.

Ach lamentier doch nicht so. Das ist Jammern auf hohem Niveau. Du hast doch Zeit und Muße, dir über solchen Unsinn Gedanken zu machen, du kämpfst nicht um dein Leben. Um die bloße Existenz wie noch so viele auf diesem Planeten.

Aber eben grade deswegen! Weil Frieden ist, weil der Krieg bei uns hier eine Pause macht, kann das raus. Lebt es sich aus, und die alten Emotionen-Zombies kriechen aus der Gruft und zeigen ihr hässliches Gesicht. Und halten mich und auch den schlaksigen Kontrabassisten davon ab, unser Leben zu leben. Denn wenn ich sie nicht einlade an meinen Tisch, spuken sie im Leben meiner Tochter herum. Tun sie wahrscheinlich sowieso.

Der Brunnen

slawischer_brunnen_klIch denke viel über ein Bild nach, der in den Geschichten von früher und in meinen Träumen oft vorkommt. Der Brunnen.

Mein Brunnen ist meine Kehle. Und die Tiefe des Brunnens ist nicht das eigentliche Problem, auch nicht was unten verborgen ist,  meine Stimme, meine Geschichten und meine anderen Talente.

Das eigentliche Problem ist, jedenfalls ist das Bild sehr deutlich, dass der Brunnen mit etwas zugedeckt ist. Mit einem Brett und einem Stein drauf. Verschlossen ist dieser Brunnen. Wenn ich was preisgebe, von dem was drin ist, begebe ich mich in Gefahr. Es darf nicht sein. Ich habe ein inneres Redeverbot. Das war mir so nicht bewusst. Wundern tuts mich nicht. Nicht nachdem ich diesen Wälzer lese über das Leben in Russland der Stalin-Zeit. „Die Flüsterer“ heißt das Buch. Zurecht. Es war gefährlich kundzutun, nach 1917 besonders, was man dachte, woher man kam, aus welcher sozialen Schicht. Es gab zwei Realitäten, die des Außen, die des Sowjetmenschen und die des Innen, das verdächtige, reaktionäre, private Leben.
Und dieses Verbot, auszusprechen, was innen ist. Die Meinung offenzulegen, für sich und seine Meinung einzustehen, mit dem was man weiß nach außen zu treten, das gilt immer noch für mich. Mit jeder Faser meines Körpers habe ich es verinnerlicht. Das Schweigen. Sich ducken und Mund halten.

oткровенность – otkrowennost’. Ich assoziiere: freiheraus sein, offen die Meinung sagen, nicht verstellt sein. Eine urrussische Tugend. Auch nach 1917? das Wort Blut ist darin, ot krowji, „vom Blut her“ . Na, wohl eher, dass es zu viel Blut gekostet hat, offen zu sagen, was man dachte… Auch wenn die Kollektivierung ökonomisch ein Desaster war. Auch wenn die Versorgungssituation sich nie gebessert hat. Auch wenn die Tante unschuldig im Gulag saß.

Wenn du was sagst, das nicht der SozNorm entspricht, wanderst du in eine Sondersiedlung oder ins Lager oder ins Gefängnis. Oder wirst gleich erschossen, wie wärs damit?

In dem Buch habe ich gelesen, dass die Errungenschaften des Sozialismus, die kühnen Bauten, die Moskauer Metro, der Weißmeer-Kanal, die Transsib, ist nur mit der Kraft der Gefangenen, der Geächteten entstanden sind. Kulak heißt Faust. Und mit diesen Fäusten, fast ohne Werkzeug, haben sie das alles errichtet. Sklavenarbeit.

Und wie wurdest du zum Sklaven? Durch deine zu hohe Geburt (es reichte, dass der Vater Schuster war oder eine Bäckerei besaß!) oder durch deine Ansichten, dadurch, dass dich irgendein übereifriger Linientreuer verpfiffen hat, weil er dein Zimmer in der Kommunalka haben wollte. Denn dieses Flüstern, das Zutragen von Gerüchten, war wohl erlaubt. Armes reiches Russland. Erbaut auf Knochen, von einem Geflüster aus zig Tausend Kehlen begleitet. Dem Chor der Gefangenen.

Aber wie begegne ich diesem Verbot? Wie kann ich meine Geschichte, meine Geschichten erzählen? Wie kann ich mich überlisten? Ich will nicht stumm bleiben.

Stimme – stumm – die Stummen, „nemzy“ also die Deutschen wurden so genannt, die Stummen. Weil sie nicht des Russischen mächtig sind. Mit Gesten sprechen.

Ich finde immer mehr Gründe, warum die Aussiedler so ein Unthema sind. Es sind Fehler gemacht worden. Mistakes have been made. Mehrmals und von höchster politischer Seite. Es wurden keine Abkommen getroffen, oder welche, bei denen sie zwischen die Zeilen fielen. In den Zwanziger Jahren hätten sie nach Deutschland kommen können. Nein, die Position der Weimarer Regierung blieb zu vage. Man wollte es sich mit dem übermächtigen Nachbarn im Osten nicht verscherzen.

In den Vierzigern waren sie schon unterwegs, waren da, und wurden von der russischen Armee zwangs-repatriiert. In den Wirren des Krieges. Wer hätte sich auch um ihre Belange kümmern können? Die Allieierten? Das rote Kreuz?

Und nach 1955, nachdem Adenauer sich um die Rückkehr der Kriegsgefangenen bemüht hat, wurden sie außer acht gelassen, vergessen, ihrem Schicksal überlassen. Das sind Skandale, über die man nicht so gerne spricht. Adenauer, der Erfinder von Haushaltsgeräten. Adenauer mit seinem beleuchteten Stopfpilz. Nicht geschenkt.

Na, und auf der Sowjetseite kann man auch nicht einfach zugeben, dass man die zivilen Kriegsgefangenen für den Bau brauchte, für die Salzgewinnung und fürs Holzhacken. Dass Menschen, nicht nur Deutsche übrigens, aber gern die, waren ja staatenlos, familienweise verschickt und interniert wurden, um zu arbeiten. Auch eigene Leute hat man genommen, war ja nicht zimperlich damals und hat sie schlicht als Kulaken oder später als Volksfeinde, oder als „wurzellose Kosmopoliten“ defamiert. Ohne rechtliche Grundlage, aufgrund von vagen Beschuldigungen. Jeder Deutsche ein Spitzel. Jeder Bauer mit mehr als einer Kuh ein blutsaugender Kulak. Und auch die Kinder. Nein, wenn wir das aufrollen, das ist gar nicht schön, unter den alten Teppich zu linsen, wo sich schon allerlei Gewürm gebildet hat.

Als es um die Lager nach dem zweiten WK geht, schreibt Orlando Figues: „Das Gulag System wuchs sich zu einem gewaltigen Industrieimperium aus, mit 67 Lagerkomplexen, 10 000 Einzellagern und 1700 Kolonien, die um 1949 eine Zwangsarbeiterschaft von 2,4 Millionen Menschen beschäftigten. (verglichen mit 1,7 Millionen vor dem Krieg). Insgesamt stellten Zwangsverpflichtete zwischen 1945 und 1948 schätzungsweise 16 bis 18 Prozent der industriellen Arbeitskräfte in der Sowjetunion.“

Er beschreibt, dass deutsche Kriegsgefangene einen Teil dieser Arbeitskraft gebildet haben, die aber nach 1945 freigelassen wurden. Von den Zivilgefangenen, die aus der Wolgaregion, aus dem Schwarzmeergebiet – kein Wort. Bis 1956 bestand der Zustand der Kommandatur. Danach durfeten sie innerhalb der Sowjetunion frei ziehen. Immerhin.

Das sind so die Geschichten, die nicht hochkommen dürfen. Die sich aber nach vorn drängen. Olle Kamelle. Klebrig und zäh. Und bin ich mutig genug, sie zu erzählen?

Und vor allem, wie verpacke ich sie in ein ljustiges Gewand, so dass sie nicht abstoßend wirken? Wie erzählt man Deportation als Musical? Mit bunten Kopftüchern und schwermütigen Liedern auf einer Mundharmonika? Oder bombastisch, so wie die Eröffnung der Olympischen Spiele in Sotchi vielleicht? (Übrigens auch auf unbezahlter Arbeit gegründet, wieso etwas aufgeben, was so gut funktioniert?)

„Die Flüsterer“ – eine Buchrezension

„Die Flüsterer“
Leben in Stalins Russland
von Orlando Figes, 2007

und sie liebten ihn doch...
So sah das offizielle Bild aus.

Dieses Buch ist ein geschichtliches Werk. Es hat 928 Seiten – ohne Anmerkungen und Glossar. Und liest sich dennoch wie ein Thriller. Mit Hunderten von Fällen.

Orlando Figes, ein Historiker aus London, der bereits mehrere Bücher über die russische Geschichte verfasst hat, widmet sich in diesem Werk der Stalinistischen Ära. Anhand von mündlichen Überlieferungen, privaten Archiven und Aufzeichnungen beleuchtet er, welche Auswirkungen das Regime auf das persönliche Leben der Beteiligten gehabt hat. Was es zum Beispiel bedeutet, wenn du als Kulakentochter durchkommen musst, welche Repressalien, welche Verluste und welche Traumata du durchstehst. Und wie die Menschen damit umgegangen sind. Wie es ist, in einer Kommunalwohnung zwischen Denunzianten zu leben, wenn ein paar Witze über das Sowjetsystem dir an die 10 Jahre Arbeitslager einbringen können. Nicht umsonst heißt das Buch „die Flüsteter“. Es beschreibt anschaulich, wie es dazu kommt, dass Menschen ihre Gedanken und Worte hüten. Dass sie, um zu überleben sich soweit anpassen, dass sie sogar vor sich selbst keine Kritik zulassen. Es ist nicht so simpel, wie ich immer gedacht habe, öffentlich folgt man der Konvention und im Privaten äußert man sich so wie man es wirklich empfindet. Nicht in den Dreißiger und Vierziger Jahren. Bis in die eigenen Gedanken zieht sich die parteikonforme Linie, einfach um nicht unter die Räder zu kommen. Vor den Kindern wird verheimlicht, wohin der Vater gekommen ist, vor dem Ehepartner die „beschädigte Biografie“ verschwiegen, und das womöglich über Jahrzehnte.
Besonders interessant ist, dass nicht nur die Opfer, sondern auch Wärter und sogenannte, teilweise nicht ganz freiwillige Denunzianten zu Wort kommen und das Leben und Wirken eines russischen Schriftstellers Konstantin Simonow den roten Faden des Buches bildet, der auf der Seite der Macht stand und solange der Diktator lebte, Stalins Favorit genannt wurde.

Orlando Figes geht hier auch auf die Übertragung von traumatischen Erlebnissen auf spätere Generationen ein, wenn auch nur am Rande.

Auch wenn die deutsche Minderheit nur auf einer Seite (immerhin!) mit einem Beispiel erwähnt wird, ist es ein wertvolles Buch, um sich ein Bild zu machen von der Stimmung (also den Greueltaten und Ungerechtigkeiten, die jeden treffen konnten) dieser Zeit. Es hilft die eigene Geschichte in einen Kontext zu setzen. Ich habe drei Wochen damit gelebt und bin sehr froh, darauf gestoßen zu sein. Es ist nützlich, aus einer jüngeren Generation zu kommen, die Beschreibungen sind so starker Tobak, dass sie einem den Atem nehmen können.

Es existiert eine Website (http://www.orlandofiges.com/ in englischer Sprache), auf der alle Fotos und Interviews eingesehen werden können, so stellt sie sich vor:

„Zwischen 2003 und 2006 haben drei Teams von der Memorial Stiftung in Moskau, St. Petersburg und Perm einige Hundert von Familien Archiven eingesehen (Briefe, Tagebücher, persönliche Notizen, Memoiren, Fotos und Gegenstände) die bisher von den Überlebenden des Stalinistischen Terrors in geheimen Schubladen oder unter den Matratzen überall in Russland versteckt wurden. In jeder dieser Familien wurden intensive Gespräche und Interviews mit den ältesten noch lebenden Familienmitgliedern, die noch fähig waren den Kontext dieser Zeugnisse zu erläutern und sie in einen Zusammmenhang zu der Familiengeschichte zu setzen, geführt. Dieses Buch ist eine einzigartige Darstellung der Dokumente und Zeugnisse über das private Leben in der Stalin Ära, die das Leben dieser Familien und einzelner Individuen beleuchtet.“

 

Die Scherbensammlerin

Viele der Scherben, die sie irgendwo aufgesammelt hat, haben blaue Muster auf weißem Grund. Solche mag Olga am liebsten, ostfriesisches Zwiebelmuster kommt hier oben relativ häufig vor, manchmal findet sie aber auch welche mit Blumen oder Ranken. Ein Bruchstück zeigt ein fliegendes Vogelpaar, das sich schnäbelt, darüber Baumkuppen. In diversen Kästchen, Dosen und Gläsern bewahrt sie ihre Schätze auf. Die Formen ähneln sich: flache Drei- oder Vierecke von irgendwelchen Wandfliesen, gebogene Stücke mit einer glatten Kante von Tellerrändern, mit scharfen Rändern oder amorph geformten Bruchstellen. Nur die Muster sind unterschiedlich.
Manchmal befindet sich auf der Lackoberfläche noch eine Maserung, ein Netz aus feinen Adern, das die Scherbe bedeckt und aussieht wie ein Plan, wie der Grundriss einer mittelalterlichen Stadt. Auf einem Markt hat sie mal eine Frau getroffen, die aus Porzellanbruch Ohrringe und Anhänger fertigt. Sie schleift die scharfen Kanten ab und lackiert die Oberflächen, veredelt sie anschließend mit Silber oder Gold. So wertet sie diese nutzlosen Überbleibsel auf, gibt ihnen einen Sinn, ein zweites Leben. Auch Olga will ihren Fundstücken einen neuen Sinn geben, doch welchen?

 

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Heute hat sie wieder zwei Scherben aufgelesen. Sie lagen am Rand der Baustelle von gegenüber, dort wo vor dem Krieg Häuser standen und für lange Jahre ein Industriegelände war mit Hallen und LKW-Parkplätzen. Dazwischen Brachland. In ihrer Straße gab es einst Häuser auf beiden Seiten, jetzt sind die Hausnummern lückenhaft. Nach 55 kommt lange Zeit nichts mehr und auf der gegenüberliegenden Seite gehen die geraden Zahlen bis weit über die 100. Sind diese Keramikscherben mit irgendwelchem Geröll für die Baustelle hierher gekarrt worden oder stammen sie noch aus dem Schutt der alten Hausruinen? Die ins Erdreich eingesunken sind als die Erde für die Lagerhallen planiert wurde und die jetzt durch das erneute Aufgraben wieder herauf geschwemmt wurden?

Die kleinere Scherbe zeigt drei hellblaue Flecken auf weißem Grund, vielleicht sind es abstrahierte Blätter, möglicherweise nur der Teil einer Girlande aus Tupfen. Die andere könnte das Stück einer Kachel sein und hat eine blaugefleckte Oberfläche. Königsblau. Darauf sind wolkige Gebilde zu erkennen, dicht geballt, aufgerastert in kleine Pünktchen, wie beim Druck. Olga sieht darin den Ausschnitt eines Gewitterhimmels über einem barocken Schäferidyll oder Wölkchen neben einer nicht mehr sichtbaren ostfriesischen Windmühle. Kann auch sein, dass es einfach eine abstrakte Kleckserei ist. Wer weiß das schon, denn womöglich entstehen diese Wolken, diese Küchenfliesenmotive nur in ihrer Einbildung. So ist es mit Scherben, sie zeigen immer nur einen Ausschnitt des Ganzen. Und wie es hinter ihren Rändern weitergeht, kann man mit Glück manchmal erahnen. Oft noch nicht einmal das. Das Gesamtbild, die Matrix, kriegt man meist nicht mehr zusammen.
Olga legt die beiden neuen Fundstücke in ihre Wird-mal-zu-einem-Mosaik-verbastelt-Kiste und denkt über das Zerbrechen nach. Das Trauma eines Falls, wenn etwas zu Bruch geht, in tausend Stücke zerspringt, zersplittert. Die Persönlichkeit als Tasse, in viele kleine Teile zerborsten, Stücke, die wenn sie geklebt und wieder geklebt werden, seltsamerweise nicht mehr zusammenpassen. Als erfahrene Restauratoren unseres Alltags versuchen auch wir alte Bruchstellen immer wieder neu zu kitten. Wir puzzeln herum und suchen nach dem fehlenden Stück. Auf englisch klingt es sogar besser: the missing link.

Glassplitter, glattgeschliffen vom Fluss oder den Wellen des Meeres, befinden sich zwar auch in ihrer Sammlung, aber die üben nicht so einen starken Sog auf sie aus. Aus irgendeinem Grund müssen es Geschirrbruchstücke sein. Am liebsten in Weiß. Wenn jemand, ein Psychologe oder ein anderer Zeichendeuter sich diese Vorliebe mal anschauen würde, könnte er schlussfolgern: Nun, ich sehe eine Nähe zu Frauen, eindeutig zu Küche oder Speisezimmer, aber auch Zerfall, Angst vor Zersplitterung bei gleichzeitiger Neigung, die Sollbruchstellen freizulegen. Da ist auch ein starker Wunsch, das Ganze wieder zusammenzubringen, zu kleben, zu heilen, die Bruchstellen zu kitten. Das Trauma wieder wegzumachen.

Aber es funktioniert nicht, es bleiben immer Narben übrig. Die Klebestellen und feinen Risse.
Sie hat nicht das gute Sonntagsgeschirr ihrer Großmutter geerbt. Vielleicht kommt sie daher, ihre Vorliebe für Porzellanreste. Doch durch die ganzen Vertreibungen gibt es keinen Nachlass aus geblümten Sammeltassen mit Goldrand, samt passenden Untertassen. Ihr bleiben nur die Scherbensplitter vom Geschirr anderer Leute. Das ist das einzige Erbe, welches ihr die Erde wiedergibt.

Sie sammelt Bruchstücke aus einer Vergangenheit, die sie nicht zusammenfügen kann, weil es einfach nicht genug Anhaltspunkte gibt. Ab und zu taucht eine Information auf, ein Splitter, ein Name oder ein Ereignis, dann wird das Geschehene für einen Moment lebendig. Doch es bleiben zu viele Leerstellen für ein vollständiges Bild. Und ihr Wühlen in der Vergangenheit bringt nur eine Sammlung unvollständiger Fragmente zutage.

Da ist die Großmutter, die in einem Viehwaggon unterwegs ist, irgendwo in der Weite Polens auf dem Weg in den Westen. Auf dieser Fahrt, mitten auf der Strecke, stirbt die zweijährige Tochter, weil sie sich an heißem Wasser verbrüht und keine medizinische Hilfe bekommen kann. Zumindest nicht ausreichende. Unter Schreien über mehrere Stunden ist sie gestorben. So hat es ihr der Vater erzählt, der den Tod der kleinen Schwester hautnah miterlebt hat.

Aber wann genau, wo genau, wie waren die Umstände? Konnten sie in ein Krankenhaus? Melitta, die Großmutter hat noch drei weitere Kinder geboren, nein sogar vier, aber sie soll sich jede Nacht in den Schlaf geweint haben. War es wegen ihrer kleinen Tochter? Wegen Nelly? Und so geht es mit vielen Dingen. Sie tauchen auf, mit ihren scharfen Rändern, das Muster geht weiter, und manchmal kann sie sogar erahnen wie. Aber was genau passiert ist, wer was getan oder gesagt hat, das verschließt sich, kann nur noch mit Hilfe der Phantasie rekonstruiert werden. Es gibt keine Fotos von Nelly. Sie muss um 1941 oder ’42 geboren worden sein. Und ist um 1944 gestorben. War da der dritte Sohn, der kleine Albert schon auf der Welt? Oder war die Großmutter hochschwanger mit ihm als es passiert ist? In Alberts Pass steht, dass er in Polen geboren wurde. War es vor oder nach diesem tragischen Ereignis? Die Geburt war Mitte März. Waren sie unterwegs durch einen kühlen Frühling? Wie war überhaupt das Wetter Neunzehnvierundvierzig auf der Strecke zwischen Nikolajew in der Ukraine und Dahme in Ostdeutschland? Kahle Felder? Frost nachts? Oder sangen die Vögel, um die ersten Sonnenstrahlen zu begrüßen? Sie denkt oft, sie muss sich nun endlich festlegen. Dem Frühling seine Attribute geben, die Geschichte weiterspinnen. Der Zug hält an, mitten auf der Strecke, sie wissen nicht, für ein paar Stunden oder nur wenige Minuten. Es sind viele Frauen und Kinder in den Waggons, die Männer sind entweder an der Front, oder in der Verbannung verschollen oder bereits tot.

Möglichkeit eins, eine halbe Stunde Zeit, um schnell eine Suppe zu kochen. Einen primitiven Kocher hat eine der Frauen vielleicht dabei oder sie haben sich etwas konstruiert mit einer Blechdose, auf die ein Topf gestellt wird. Jedenfalls setzen sie Wasser auf, irgendjemand hat Wasser aufgetrieben. Woher? Ist ein Dorf mit einem Brunnen in der Nähe? Die kleine Nelly ist kränkelnd an diesem Tag, das weiß Olga genau, das besagt die Familienlegende, sie hat die Grippe, Melitta hat sie die ganze Zeit auf dem Arm getragen und als der Zug hält, will sie schnell raus, um was für die Suppe zu organisieren. Einige Möhren vielleicht, die eine oder andere Kartoffel oder Rübe. Sie sind schon Monate unterwegs, sie hat das schon oft gemacht. Das kranke Kind vertraut sie einer Mitreisenden an. Ist es eine Nachbarin aus dem Dorf? Was ist mit ihr hinterher geschehen? Sie soll Nelly kurz halten. Das Wasser kocht. Melitta klettert raus. Vielleicht kann sie etwas Gemüse eintauschen, gegen Wäsche oder Schmuck, vielleicht sogar eine Porzellantasse, ein Erbstück. Der Zug fährt vorzeitig los. Ruckelt einmal, noch mal, jäh. Die Frau, die das Mädchen festhält, verliert den Halt. Nelly rutscht ihr aus den Händen, aus den Händen der Frau, die nicht ihre Mutter ist, vielleicht nur eine Zufallsbekanntschaft, eine Mitreisende, eine Mitleidende auf der Flucht. Sie fällt in das kochende Wasser. In den schattigen Senken liegt noch dreckiger Schnee, zu Eis veklumpt. Auf ein Mal hört man einen durchdringenden Schrei, er hält an, hört nicht auf. Melitta erkennt die Stimme ihrer kleinen Tochter nicht, so unmenschlich wirkt sie. Sie läuft zum Waggon zurück, lass es nicht Nelly sein, lass es nicht Nelly sein, im Rhythmus ihres klopfenden Herzens. Dann kommen sie an. Jetzt verlässt Olga die Vorstellungskraft wieder. Sie kann sich die Gefühle der Mutter beim Anblick des verbrühten Kindes nicht ausmalen. Und die Augen der beiden Brüder, die hinter der Mutter hervorschauen, die aus nächster Nähe alles mitbekommen. Als ob es nicht schon Albtraum genug wäre, in einem Viehwaggon irgendwohin zu müssen, weg von zuhause, in die Fremde, die eine neue Heimat werden soll. Was danach kommt? Die Weiterfahrt verzögert sich. Ein schrecklicher Unfall ist passiert. Wird das Kind in die nächste Siedlung geschafft, wo es zwar keinen Arzt, aber eine Hebamme gibt, ein Lager, ein Bett bei dem Bauernvolk, wo die kleine Nelly über Nacht ihren Verletzungen erliegt, wimmernd im Arm der Mutter. Keine Kraft mehr zum Schreien. Kann der Zug solange dort halten, bis sie beerdigt wird? Oder müssen sie den toten Kinderkörper Fremden überlassen, damit sie ihn nach ihren Riten beerdigen? Gute Menschen? Gibt die Großmutter die Bakelit-Brosche, die sie zur Hochzeit bekommen hat in diese guten polnischen Hände, die 1944 Mitleid haben mit einer Deutschen? Wer macht den Sarg für das unbekannte Kind? Alles Dinge, die sich auf den nicht auffindbaren Teilen befinden, im weißen Raum der Nichterinnerung. Spekulation. Selbst dann, wenn der Zug solange wartet bis die Beerdigung vorbei ist, oder sie den nächsten nehmen, das Geschehen bleibt unfassbar. Gibt es bei dieser Flucht, bei einem der letzten Trecks in den Westen überhaupt einen nächsten Zug? Eher wahrscheinlich ist, dass sie ganz schnell verscharrt wird, ohne Sarg, neben den Schienen. Mit vier Kindern ist Melitta losgefahren. Oder mit dreien und einem im Bauch. Und kommt mit nur drei Kindern an, drei Söhnen, die Tochter ist weg. Nicht mehr da. Und ist denn Zeit für Trauer in dem ratternden Waggon mit dem Stroh auf dem Boden? Wer kümmert sich in dieser Zeit um die verbliebenen Kinder? Weint die Großmutter, die damals jünger ist als Olga jetzt, noch keine Dreißig, oder steht sie zu sehr unter Schock? Weiße Flecken überall. Die Geschichte ist ein Sammelsurium von Scherben. Wer findet sie eines Tages, um sie zu verkleben und festzustellen, dass sie nicht mehr zusammenpassen. Ist Melitta in dieser Nacht als Nelly starb, in Scherben zerfallen? Hat sie sich, hat sich ihre Vorfahrin, danach Vorwürfe gemacht? Wär ich bloß nicht ausgestiegen, hätt ich meine Nelly nur nicht der anderen gegeben? Wär ich bloß dageblieben. Das altbekannte Lied, hätte, hätte Fahrradkette. Als ob wir’s im Griff hätten mit unseren kleinen Menschenhandlungen den Verlauf des Lebens zu bestimmen.
O malenkaja Nelly, Oh kleine Nelly, so heißt ein bekannter Tango aus dem Russland der Dreißiger Jahre. Hat Melitta ihre Tochter nach diesem Lied benannt? Noch so eine Scherbe. Ein zerborstenes Fragment, ein feiner Riss im Porzellan. Das verbrühte Kind. Die Fahrt mit dem Viehwaggon. Ein Bruch in der Geschichte. Eine Tangomelodie.
Wo verläuft dieser feine Riss bei ihr, der Nachfahrin? Ist es nur die Obsession für zerbrochenes Porzellan, die ihr bleibt oder geht es weiter? „Vorfahren müssen nachfahren und Nachfahren müssen vorfahren“, scherzt sie manchmal mit ihrer eigenen Tochter, wenn sie mit dem Rad unterwegs sind und diese nicht einsehen will, dass sie als Kind vorausfahren soll. Olga die Nachfahrin, kriegt jedes Mal Panik, wenn ihr Kind die leisesten Anzeichen einer Grippe zeigt. Sie kann es nicht ertragen wenn ihre Tochter krank wird. Sitzt das in den Genen? Packt sie die Angst aufgrund dieses einen Moments im Zug oder den zig anderen Augenblicken in der Chronik ihrer gebeutelten Sippe, in denen Kinder gestorben sind? Wegen einer simplen Grippe? Momente, die sich in der Seele verankert haben. Ihre ewige Furcht, etwas falsch zu machen. Dieses diffuse, unhaltbare Gefühl, dass etwas total schief läuft.

Habe ich ihr den richtigen Schal angezogen? Sind die Stiefel wasserdicht genug? Fenster auf oder Fenster zu? Als ob der kleinste Fehltritt, die geringste Abweichung vom richtigen Tun, fatale Folgen haben könnte. Lethale Folgen. Und das ist bei jeder kleinsten Entscheidung so.

Wie eine Heimsuchung. Scherben, Trümmer, Krieg, Olga bleibt immer wieder an denselben Bildern kleben. Gibt es denn keine Gegenwart? Lass doch die ollen Kamellen, das bringt doch nichts, bekommt sie oft von wohlmeinenden Menschen gesagt. Lieber nach vorne schauen. Lebe doch im Jetzt. Nur das ist wichtig.

Natürlich könnte sie sich wehren. Die Geister abschütteln, die Scherben einfach liegen lassen oder sie alle wegschmeißen. Ein für allemal. Doch sie kann es nicht. Irgendwas in ihr spult dieses Sammeln ab. Sie muss die Scherben aufheben und sie mit nach Hause nehmen. Wo sie in ihren Kästchen ruhen und darauf warten, eines Tages zu einem Mosaik zusammengefügt zu werden.

So läuft sie die Straßen entlang und sucht mit den Augen den Boden ab. Aber nur halbbewusst wie auf Autopilot. Und wenn kleine weiße Dreiecke in ihrem Sichtfeld auftauchen, schaut sie genauer hin, bückt sich, greift danach und steckt sie sich in die Jackentasche. Die mit den blauen Mustern, die mag sie am liebsten.

 

 

Die Ufer – Берега

Die Ufer. Ich habe gehört, so heißt ein russischer Film von von 1973. Aber in mir weckt es Assoziationen.

Zwei. Zwei Ufer hat jeder Fluss und so bin ich auch ein Fluss, zwischen zwei Ufern.

Ich habe mich dran gewöhnt, nur auf einem Ufer zu stehen und zu dem anderen nur gelegentlich rüberzulinsen. Manchmal mache ich auch einen kleinen Ausflug ans andere Ufer.

Egal wo ich stehe, ich bin immer vom anderen Ufer. Immer fehlt ein Stück – the missing link.

Als Fluss bin ich beides. Ich streife von den Uferbänken Geröll und Steine ab und kleine Wurzeln und Äste und schwemme sie in meinen Wassern vor mich her. Beides vermischt sich, bildet den Schlamm des Bettes, in das ich nachts meinen Kopf zur Ruhe lege.

Zwischen den Ufern in gutem Gleichgewicht.
Zwischen den Ufern in gutem Gleichgewicht.

Und so schleppe ich die Geschichte und die Geschichten von beiden Völkern mit. Das bedeutet Hänsel und Gretel sind genauso in mir verankert wie die Baba Yaga. Mir fehlen vielleicht Stücke, ich war schon lange nicht in Russland und hab den Hype um die Wächter der Nacht und die Wächter des Tages nicht mitbekommen. Aber das hole ich jetzt nach. Nach und Nach. Mit Paula haben wir die Zerrissenheit diskutiert. Das Uneins-sein der Leute, die zwischen oder mit oder aus zwei Kulturen sind. Es gibt keinen Begriff dazu.

Nur einen abfälligen: Halbblut. Das bedeutet, dass du nicht ganz bist, immer nur zur Hälfte.

не рыба, не мясо – ne ryba, ne mjaso. Nicht Fleisch, noch Fisch. Also Tofu!

Der Begriff: Migrationshintergrund ist unzulänglich und sehr BRD-zentristisch. Von hier aus gesehen, treiben sich im Hintergrund dieser Leute irgendwelche Schemata herum, Wurzeln, nur ganz schwach angedeutet. Es geht nicht um Vordergrund oder Hintergrund. Es geht nicht um innen und außen. Es gibt zwei Mengen, zwei Kulturmengen und die schieben sich ineinander und in der Mitte entsteht ein WAS?

Dort, wo die Mitte ist, da bin ich. Und wenn ich aber eins der beiden Ufer nicht will und nicht akzeptiere und mich nur auf eins stürze, dann gibt es Probleme. Ich kann nie ganz sein. Ich bin abgeschnitten von meinem Lebensmittelpunkt. Ich funktioniere. Bin immer fremd, immer anders. Aber nicht für die anderen. Ich werde mir fremd. Es ist nicht möglich beides gleichzeitig zu leben. Ich kann nur springen. Oder ich kann die Quintessenz bilden zwischen den beiden.

Ich habe Eltern, die a priori zwei Feinde sein müssen. Der Russ und der Fritz. Der Iwan und der Fritz. Wenn ich eins bin, muss ich das andere hassen. Muss misstrauisch sein, der andere ist ein wildes Tier. Kein Mensch. Feindbild. Und dennoch ist ein Zweig von meinem Stammbaum russisch und reicht tief in die Geschichte hinein. Und der andere ist deutsch, bis auf vielleicht die beiden oberen Schichten, die leicht russifiziert sind. Sowjetisch sozialisiert, trotz der Versuche, sich davor zu bewahren. Mit Namen wie Waldemar und Ottilie. Arme Kinder, die die alten Namen mitschleppen müssen. Aber es sind nicht nur die Namen, die sie mitschleppen. Das Geröll hindert sie zu fließen. Es ist ein Sumpf.

Russische Recken auf der einen Seite, germanische Helden auf der anderen. Traurige Helden. Familien, die von Typhus fast komplett ausgerottet wurden. Zwei Kinder sind übriggeblieben. Zwei Mädchen auf der deutschen Seite, ein Bruder und eine Schwester auf der russischen. Das Leid schafft eine traurige Parallelität. Aber was weiß ich über sie? Was kann ich wissen? Die liebe zum Wald? Die Liebe zum Meer? Wenn es wahr ist, was ich vermute, dann ist ein Ur-Ahn von hier irgendwo aufgebrochen, von der Nordsee oder der Ostsee und ist am schwarzen Meer gelandet. Ich kenne es nicht. Noch nicht. Odessa soll sehr schön sein.