Jeden Tag ein Gedicht – 13. März

Die Worte fließen nicht

Die Worte fließen
nicht,
sie bleiben stecken –
in Bildern,
Farben,
in anderen Verstecken,
wie in den Gipfeln
das Unwetter,
gefangen
in der Umklammerung der Liebe,
oder vielleicht
in den inneren Verliesen…

Sie glänzen,
schimmern,
tänzeln
wie die Sonnenstrahlen
auf des Wassers
Oberfläche –
nicht fassbar,
unfassbar,
wunderschön…

Die Tiefe
bleibt ihnen verborgen,
die Weite
liegt hinter dem Horizont…

Irina Malsam


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Böses Blut

Ich habe mich nun so lang mit diesem Thema beschäftigt. Herkunft. Dieses: du gehörst hier hin, ich dahin. Und die gehören zusammen, die nicht. Dabei bin ich mehr als meine Herkunft.

Alles eine Frage des Blutes?

In anderen Zusammenhängen ist Blut, ist die Erwähnung des Blutes völlig unbelastet. Bei Vampirfilmen, da spielt Blut eine zentrale Rolle. Das Blut macht die Vampire unsterblich. Alles dreht sich darum.

Wenn es um indigene Völker, Ureinwohner Nordamerikas oder die Maori geht, ist Blutzugehörigkeit identitätsstiftend und positiv besetzt. Die Verbindung zu den Ahnen über das Blut ist eine kulturelle Eigenheit, gehört zur Tradition und wird nicht hinterfragt oder gar tabuisiert.

Da ist auch diese Rubinrot-Smaragdgrün-Serie. Ein  Zeitreise-Gen ermöglicht das Springen in andere Jahrhunderte. Der Clou: es sind Blutstropfen, die die Zeit-Maschine zum Laufen bringen und die beiden durch die Zeit reisen lassen. Ihr Blut macht Gwendolen und Gideon zu etwas Besonderem. Zumal sie auch noch Adelshäusern entstammen.
Die Geschichte ist zwar von einer Deutschen geschrieben, aber nach London verschoben. Im Film reden sich deutsche Schaupieler*innen mit Tante Maddie und Mister Börnhard an. Nur so funktioniert das. Nicht auszudenken, das Ganze würde in München spielen. Die Bedeutung des Blutes darf bei uns nicht hervorgehoben werden. Es ist verpönt, zu sagen, dass Blut Identität stiften kann.

Richtig so. Weil es eigentlich Unsinn ist. Blut ist bei allen rot. Rubinrot. Es gibt nur diverse Blutgruppen. Aber die sagen über den Wert und die Besonderheit eines Menschen nichts aus.

Es wurde in der Vergangenheit so viel Schindluder mit Blut und Boden getrieben, dass es nicht mehr geht, über Blutzugehörigkeit zu schreiben.

Deutsche aus Russland (in Folge DaR genannt) haben da Pech gehabt.

Nach Jahrzehnten der Ausgrenzung wegen ihres Blutes, wegen ihrer Zugehörigkeit kommen sie nach Deutschland, das sie die Heimat der Vorväter nennen, und hier ist Deutschsein verpönt. TABU. Geschweige denn das Gerede über gleiches Blut.

Einmal im Leben möchten sie dazugehören, nicht mehr bespuckt, geschubst, übergangen werden, nur weil sie Deutsche sind, und nun das.

Das ist wirklich eine Ironie des Schicksals.

Fakt ist, wenn ich, als Bürgerin dieses Landes, anfange, über mein Deutschsein zu sprechen, wirkt es deplatziert und falsch. Wenn ich über meine Zugehörigkeit zur deutschen Ethnie schreibe, ist es falsch. Weil die Begriffe wie Ethnie und Rasse direkt im Rassismus münden. Weil sie im harmlosesten Fall ausgrenzend sind. Weil zu viel geschichtliche Schlacke dranhängt.

Und das ist auch richtig so. Der aufkeimende Nationalismus mit allen dazugehörigen Nebenwirkungen zeigt, dass Einteilung nach Ethnien eine Falle ist. Es hat nicht von der Hand zu weisende Gründe, dass ethnische Zugehörigkeit nicht die Rolle spielen darf, die sie vor 70-80 Jahren mal hatte.

Aber wie gehe ich damit um, wenn ich meine Herkunft ausloten will? Wenn meine Identität so mosaikartig zusammengesetzt ist, so zerrissen dass es ein Bedürfnis ist, da eine Linie reinzubringen? Wie benenne ich die Dinge? Wem schade ich damit?

Wie gehe ich damit um, dass es offiziell zwar egal ist, woher jemand kommt und wie jemand aussieht, dann aber einer meiner Liebslingsschriftsteller in „Tschick“ einen Aussiedler als Hauptfigur einsetzt, der Schlitzaugen hat und im Film von dem Sohn eines mongolischen Botschafters gespielt wird? (Weil die Castingagentur in Russland gezielt nach mongolisch aussehenden Aussiedlern gesucht hat und nicht fündig geworden ist. Das Ganze treibt so absurde Blüten!)

Wo ist hier die Grenze? Darf ich mich bei „Tschick“ über Rassismus aufregen? Darf ich Herrndorf Rassismus unterstellen, wenn ich sage Russlanddeutsche und Mongolen sind zwei unterschiedliche, ja was? Wenn ich nicht mehr Volk sagen darf. Sie sehen unterschiedlich aus.
Bin ich hier gleich die Rassistin? Er hat doch über Schlitzaugen geschrieben. Nicht ich.

Auf jeden Fall begebe ich mich damit in gefährliches Terrain. Es ist eine Gratwanderung.

Kann denn die Sehnsucht nach Anerkennung Sünde sein?

Obwohl die DaR eine wegen ihrer Ethnie ausgegrenzte Minderheit waren, dürfen sie also nicht auf ihre ethnische Zugehörigkeit pochen. Dabei ist die wichtigste Motivation einiger von ihnen: das Dazugehören zum großen Ganzen. Zum deutschen Volk. In Zeiten der Verfolgung war es der Faden, der Strohhalm, an den sie sich geklammert haben. Sie haben aus der negativen Zuschreibung als ‚Fritzen und Faschisten‘ für sich etwas Positives gemacht, mit akkurat auf Kante gestellten Kissen und Krebbele und Schnitzel-Suppen und Liederabenden.

Vor diesem Hintergrund herrscht in der Gruppe der DaR zumeist ein Unverständnis darüber, dass sie mit solchen Aussagen, mit solchen Begriffen wie Deutschsein, Heimat und Blutzugehörigkeit verbrannte Erde betreten.

Die Zugehörigkeit zu ihrer Volksgruppe gewinnt bei ihnen, und das wird aus der Geschichte der DaR nur zu verständlich, eine zentrale Bedeutung. Sie sagen, mia sin doch deitsch, anstatt zu sagen, wegen Ethnie, wegen diesem Scheißnationalitätenkram wurden wir schikaniert, super, dass es egal ist. Weg damit!

Das Deutschsein ist ihnen mit der Peitsche eingeprügelt worden, mit Feuer eingebrannt, mit Spucke ins Gesicht geschleudert. Das sitzt. Und plötzlich soll es egal sein?

Manchmal kommt es mir vor wie eine Art Stockholm-Syndrom. So wie Entführungsopfer sich mit den Tätern (oder in seltenen Fällen Täterinnen) identifizieren und deren Weltsicht übernehmen, haben die DaR das Prinzip der Blutzugehörigkeit angenommen und zu ihrem eigenen gemacht. Sie haben das, weswegen sie ausgegrenzt und deportiert, wie Sklaven behandelt wurden, endlich akzeptiert und in das eigene System integriert. Sie haben diese Mechanismen verinnerlicht und kriegen sie nicht so leicht raus.

Mia sin ja deitsch! Mia habe gelitte!
Und nun soll das nicht mehr gültig sein? Wie das?

Doch auf Ethnie ausgerichtetes Denken kommt hierzulande eben nicht an. Oder wird falsch interpretiert. Diejenigen, die in der Sowjetunion fälschlicherweise für Faschisten gehalten wurden, kommen hierher und werden ebenfalls in diese Ecke geschoben. Wobei es sicher wirklich DaR gibt, die rechtsradikal sind. Keine Frage.

Aber nicht alle sind so, nicht 2,4 Mio Menschen. Nicht alle, die sich in Archiven nach ihren Großeltern erkundigen, nicht alle, die in Russland mit einer Rührung im Herzen deutschsprachige Bücher gelesen haben.

Doch von der aufgeklärten Mehrheitsgesellschaft wird ein Kleben an der eigenen nationalen Identität nicht akzeptiert. Und Punkt. Und es wird leider nicht hinterfragt, woher das kommt. Also: Stempel drauf, fertig.

Vielleicht bin ich mit meinem Denken noch nicht am Ende, vielleicht täusche ich mich grundlegend. Bin blind und sehe nur das Naheliegende. Meine Leute. Das wird sich zeigen.

Die Gruppe und ich.

Die Unsrigen. Die Hiesigen. Die anderen.

Was habe ich mit denen gemein? Mit all den Aussiedlerinnen und Aussiedlern, deren Lebenszweck es ist, ein Häusle zu bauen und Kinder aufzuziehen. Wo Männer noch Männer zu sein haben und Frauen noch Frauen und vor allem Mütter, das heißt treusorgend, familienzusammenhaltend und sonst: hübsch aussehen und Klappe halten!

Was habe ich mit denen zu tun, die über Genderwahn ablästern und Asylsuchende unsere Goldstücke nennen?

Wenn und nicht das gleiche Blut verbindet, was dann? Eine Schicksalsgemeinschaft? Sind wir überhaupt verbunden? Wie?

Klar, ohne diese verwandtschaftliche Bindung wäre ich jetzt nicht hier, nicht das, was ich bin.

Also wieder: Identität. Herkunft. Sumpf?

Ein junger Journalist schreibt, ohne nationale Identität zu leben sei ok.

Vielleicht hat er recht, auch hier mögen Menschen unterschiedlich ticken. Ohne die Betonung auf Herkunft zu leben, mag möglich sein, für einige, die zu den Privilegierten gehören. Die was anderes haben, mit dem sie sich identifizieren können. Die das hinter sich lassen können. Die Herkunft, die Familie, den Stamm. Die von außen nicht immer wieder darauf zurückgeworfen werden. Dann ist es leicht, zu sagen, das alles kann mich mal.

Wenn ich will, kann ich auch so leben. Unbeschwert. Mir sieht und hört man meine Herkunft nicht an. Ich kann aufgehen in dem Teig, in der hellhäutigen, akzentfrei Deutsch sprechenden Masse mit dem richtigen kulturellen Background. Mein Vorname? Gut, eine Laune der Eltern. Niemand fragt nach.

Wenn du aber dunkel bist, schrägstehende Augen hast oder gebrochen sprichst, kommst du nicht so leicht davon. Wenn du einen türkisch klingenden Namen hast, wirst du immer darauf angesprochen, immer ausgeschlossen. Mal mehr mal weniger. Das habe ich in einem Büro mal erlebt, in dem ich Aushilfe war. Beim Mittagessen musste sich Bülent andauernd Witze über Türken und Ausländer anhören und hat gegrinst, war nicht auf Konfrontation aus. Dabei war er studierter Volkswirt und hatte anderes zu bieten, als nur sein Türkischsein. Darauf sind die Kolleg*innen leider nicht eingegangen. Heller Rassismus mit leichter Tendenz zur Bösartigkeit. Er hat es stoisch ertragen. Aber es hat sicher Spuren in seiner Seelenlandschaft hinterlassen.
Ich blieb unerkannt. Damals bin ich mit meiner Herkunft nicht hausieren gegangen. Habe die Füße still gehalten, den Kopf eingezogen, um nicht ins Visier zu geraten. Vielleicht gut so.

In einem ZEIT Artikel (29.11.2018) über Aggressivität standen einige spannende Dinge zum Thema Anerkennung und Ausgrenzung:

Noch wichtiger als der Testosteron-Kreislauf sei für aggressives Verhalten „die Sehnsucht nach Anerkennung und Teilhabe. Sie ist eine der stärksten Triebfedern des Menschen überhaupt.“

Weiter steht hier:

„Ausgrenzung schmerzt. Diese Erkenntnis stelle den ‚Durchbruch im Verständnis der menschlichen Aggression‘ dar, sagt der Neurobiologe Joachim Bauer. Denn Schmerz ist einer derjenigen Reize, die am zuverlässigsten Aggression auslösen. Und das gilt nicht nur für körperliche Wunden, sondern auch für seelische. ‚Fehlende Zugehörigkeit zu einer Gruppe und Zurückweisung durch andere Menschen sind die stärksten und wichtigsten Aggressionsauslöser.‘“

Dann heißt es da noch, dass Jungen und Männer von der Demütigung, nicht dazuzugehören, am stärksten betroffen sind. Der Grund dafür liege in dem Idealbild, dass die Gesellschaft den Männern (und Jungen) aufzwingt.

„Wenn er der gängigen Erwartung nach besonders stark, autonom und dominant sein soll, schmerzen Geringschätzung oder Missachtung umso heftiger.“

Nun. Ich denke an all die Artikel der Neunziger und Zweitausender Jahre, die jungen Aussiedlern (ohne Gendersternchen diesmal!!!), die wild und aufsässig geworden sind, eine Nähe zu maffiösen Strukturen bescheinigt haben. Die sie als unzivilisierte Söhne der Steppe und als kulturell fremd diffamiert hatten. Sie wurden ausgegrenzt. Und haben aggressiv reagiert. Von wegen fremde Steppenvölker und ihre Unkultur!
Und jetzt stehen syrische und afghanische Männer an dieser Stelle.

Jetzt habe ich einen Schlenker in eine andere Richtung gemacht. Wut und Zugehörigkeit. Und kriege den Dreh zurück nicht mehr.

Macht nichts. Eigentlich gehört das alles doch zusammen.
Einerseits ist Identität und Zugehörigkeit etwas, das der Seele gut tut. Teilhabe, Integration in eine Gruppe, Frieden finden, sich selbst finden. Super Sache.

Andererseits kann es fatal sein. Ausgrenzend, demütigend. Für andere oder für dich, wenn sie dich ausgrenzen. Schmerzende Nichtdazugehörigkeit, die zu aggressivem Verhalten führt.

Diese Sache ist doppelbödig, ein zweischneidiges Schwert wie alles eigentlich. Ein Zuviel, ein zu starkes Festhalten an Herkunft und Gruppenzugehörigkeit kann Menschen zugrunde richten, blind machen. Aber ganz ohne zu leben, das schaffen nur wenige. Und selbst hier: ist es vielleicht eine Illusion, zu glauben, dass sie gut auskommen, ohne sich mit irgend einer Gruppe zu identifizieren. Und wenn es die Gruppe der absoluten Individualisten ist. Die auf sich auf ihre Weise alle gleichen.

Was mach ich jetzt damit? Ich meine, ich persönlich? Gedanken wälzen und versuchen, mich nicht zu sehr mit allen Aussiedlern und Aussiedlerinnen zu identifizieren? Wir haben viel gemeinsam. Uns berühren die gleichen Themen. Aber ich bin nicht = sie. Doch wenn ich mich mit ihnen befasse, komme ich nicht umhin, über solche Themen wie Identität, Herkunft und Ethnie nachzudenken. Und ringe darum, Worte dafür zu finden.

Ich gehöre über meine Familie zu den Deutschen aus Russland, ich habe es mir nicht selbst ausgesucht. Sie sind eine der Gruppen geworden, die mir am Herzen liegen. Weder gut noch böse. Einige aus dieser Gruppe finde ich ausgesprochen doof andere liegen mir, ticken wie ich. Total banal eigentlich. Aber ich darf diese einfache Erkenntnis nicht aus den Augen verlieren, sonst werd ich aggressiv! Und das gibt nur böses Blut…

111 Arten, Plow zu kochen

„Sind da oben nicht nur russische Veranstaltungen?“, fragt mich eine junge Frau, die ich nach dem Weg zur Villa frage. Sie ist Oerlinghauserin, und kommt gerade in der Nähe des Kastanienkrugs aus ihrem Garten. Im Dorf haben wir also schon einen Stempel weg. Betrieben wird die Villa Welschen, in der Seminare und Feste für die russischsprachige Community abgehalten werden, von Deutschen aus Russland. Das Seminar des russlanddeutschen Literaturkreises findet seit Jahren hier statt. Mittlerweile müsste ich den Weg kennen.

Ganz unrecht hat die Frau mit ihrer Frage wirklich nicht, es wird dort überall und laut auf Russisch geschnattert. Wann haben wir sonst die Gelegenheit dazu, als bei solchen Treffen? Und nach außen kommt das dann so rüber: die Russen wieder.

Was das Kulinarische betrifft, geht es jedenfalls sehr russisch zu. Es gibt zwei warme Mahlzeiten am Tag. Reichlich gefüllte Portionen. Vegetarische Gerichte Fehlanzeige. Aber nicht, dass alle denken, es würden nur Gerichte wie Borsch gereicht, es gibt auch Tomatensuppe und Schmorbraten und so. Nachdem wir mittags Schnitzel und Spätzle gegessen haben, steht abends neben dem Brot und der Wurstplatte auch eine große Schüssel mit Plow auf dem Büfett.
Wer das nicht kennt, das ist so ein mittelasiatisches Reisgericht. Mit Fleisch. Jeder Menge Fleisch.

Keine Paella, auch kein Massala, sondern Plow.

An meinem Tisch sitzen noch vier andere Autorinnen und ein Autor.
Alle haben einen Teller Plow vor sich.

„Hm“, sage ich, „lecker.“

„Ja, aber irgendwas ist anders. Irgendein Gewürz daran, das ist irgendwie fremd“, sagt die Autorin zu meiner Linken.

„Es ist auch komisch, dass da mehrere Sorten Fleisch drin sind. Also ich bin gewohnt, dass da Rind reinkommt und fertig. Oder nur Lamm. Mir schmeckt das mit dem Hühnchen nicht so“, sagt die von gegenüber.

„Könnte es Curry sein? Das Gewürz, das du meinst, es schaut auch ziemlich Gelb aus“, sage ich zu meiner Nachbarin.

„Stimmt, es ist Curry. Was um Himmels Willen hat Curry im Plow zu suchen?“

„Es ist auch viel zu wenig Reis. Also ich meine, der Anteil Fleisch ist zu hoch. Das wurde bei uns zuhause ganz anders gekocht“, meint Autorin, die am Fenster sitzt. „Aber jede Hausfrau macht Plow auf ihre Weise. Und so wie bei der Mutter schmeckts halt einfach nie.“

„Also, für meinen Geschmack ist er nicht trocken genug“, meldet der einzige Mann am Tisch zu Wort. „Da, diese Soße, die da austritt. Zu viel Flüssigkeit. Das darf nicht sein. Und überhaupt, wisst ihr, dass ein richtiger Plow eigentlich nur von Männern zubereitet werden kann?“

„Ja,“ rufen alle Frauen wie aus einem Munde. „Wissen wir.“

„Es gibt ja auch immer mindestens einen Mann, der das verkündet“, sagt die Erste. „Jedes Mal .“

„Männer kochen eh immer am besten. Behaupten sie zumindest“, sagt die Nächste. Alle Frauen lachen.

„Und warum? Weil sie nur dann kochen, wenn sie Lust dazu haben. Darum“, sagt die Dritte.

„Und danach sieht die Küche immer aus!“, sagt diejenige, die am Fenster sitzt. „Und wer räumt das Chaos wieder auf?“

„Aber Plow mit Curry, wer denkt sich denn sowas aus?“

„Also, mir schmeckts“, sage ich und stehe auf, um mir einen Nachschlag zu holen.


Und hier eine von den 111 Varianten, von Männern zubereitet:

Aus der Tiefe

Es liegen Worte auf dem Grund. Pro Mensch ein Satz oder zwei. Wie im tiefen Wasser liegen sie, die meiste Zeit bleiben sie unerkannt. Sie sind vergraben im Sand oder Schlick. Doch es kann passieren, dass etwas sie nach oben schwemmt, etwas Aufwühlendes, das die Oberfläche berührt und tiefer geht. Dann werden sie aufgewirbelt, steigen in Spiralen hoch und kommen ans Licht.

Neulich war ich dabei, wie so ein Satz empor kam. Wir saßen mit meiner Tante am Tisch, redeten von früher und sie sagte plötzlich zu uns: Ich habe nie eine Kindheit gehabt.

Und aus ihren Augen sprach ein acht Jahre altes Mädchen.

Mit acht, als ihre Mutter starb, musste sie mit einem Schlag erwachsen werden. Von der ersten Minute an wurde sie zu den Tätigkeiten herangezogen, die erwachsene Frauen in einem Haushalt üblicherweise verrichten. Bei der Stiefmutter sollte sie für neun Leute kochen, putzen, Wäsche waschen, natürlich mit der Hand. Auch die mit Maschinenöl verschmutzten Lappen auswaschen, die der Vater von der Arbeit mitbrachte.

„Und stopfen. Man war ja arm, da konnte man nicht immer alles neu kaufen,“ erzählte sie. Alles wurde ausgebessert und gestopft. Socken, Bettwäsche, Hemden, Kleider. Alles. Und so saß sie da.
Einmal durfte sie sogar nicht zu der Beerdigung eines Schulfreundes raus, der im Schwimmbad ertrunken war. Ssenjka Antonow, einer der Zwillinge, war tot und sie musste zuhause sitzen und stopfen.

„Sobald ich erwachsen war, habe ich nie wieder auch nur eine Socke gestopft,“ erzählte sie weiter. „Ich schmeiß die Sachen alle gleich weg, wenn sie kaputt sind.“

Ich habe nie eine Kindheit gehabt – ist so ein Satz aus der Tiefe. Wie ein Faden durchdringt er alle Lebenslagen, zieht sich durch die Stoffe und Muster, die das Leben bereithält. Stört die Farbgebung, lenkt vom Eigentlichen ab, durchsetzt alles. Überschattet die glücklichsten Momente.

Zwei andere Sätze, die unten verborgen lagen: niemand will uns haben, wir gehören nirgends hin. Zwei Satzhälften, durch ein Komma getrennt. Auch so ein Rhythmus, der alles übertönt. Der als kaum wahrnehmbarer, aber durchdringender Tinnitus immer im Ohr mitschwingt.

Es sind die Sätze meines Vaters.

Ich sah ihn, einen erwachsenen Mann, auf einmal aufschluchzen. Er las gerade einen Text des Dichters Alexander Schmidt, in dem es um Heimat und Verlust ging, in dem der Protagonist in die jetzt fremde Heimat zurückgefahren ist. Der Autor schreibt im letzten Absatz: Selig sind die Vertriebenen…, die alles verlieren, die Heimat, das Haus, die Gräber der Ahnen. […]Nur eins bleibt, Großmutters Gebet. Nur ein Wort.

Darüber wimmerte mein Vater laut auf, schüttelte sich und brachte die Sätze heraus: Wir gehören nirgends hin, niemand will uns haben.

Er wurde wieder zu dem kleinen Jungen, der von überall weg musste, für den es kein Ankommen gab, gefühlt bis heute nicht gibt. Wir gehören nirgends hin, schluchzte der, der fast 16 Mal so alt war, wie der kleine Junge von damals und wischte sich die Träne aus dem Augenwinkel. Mit der Geste eines Kindes.

Was ist wohl mein Satz? Was liegt bei mir auf dem Grund?

 

Okroschka und die AfD

Die Russifizierung Europas schreitet voran! Und ich genieße das, denn gestern habe ich im (nichtrussischen) Supermarkt Kwas in Dosen gefunden. Von zwei verschiedenen Firmen sogar. Heute mache ich mal eine Okroschka-Suppe und teste, ob dieser Kwas was taugt. Das Rezept für die frische Sommersuppe mit Kartoffeln und Dill steht bei einem früheren Eintrag auf diesem Blog.

Auf anderen Kanälen wird ebenfalls eine schleichende oder galoppierende Russifizierung moniert. Russlanddeutsche tauchen als potentielle AfD-Wähler fast epidemisch in allen möglichen Artikeln und bei Sendungen wie Monitor im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf. Diese bucklige Verwandtschaft, die sich störrisch gegen jegliche Modernisierung und Anpassung an eine offene multikulturelle Gesellschaft sträubt. Die mit einem astreinen russischen Akzent oder auf Russisch gegen Fremde herzieht. So kommen wir rüber. Zwar ist der Ton ist nicht mehr so abweisend wie noch vor 20 Jahren und es werden sogar Aussagen getroffen, wie diese: Dann werden sich die Demokraten von rechts bis links über die Parallelgesellschaften, den Mangel an Demokratieverständnis der Migranten und ihre Beeinflussung durch den Kreml empören. Dabei sei jetzt schon bemerkt: Das sind die russischsprachigen Aktivisten, die sich für die demokratischen Werte einsetzen, und das ist die deutsche Politik, die sie dabei im Stich lässt.

Der vollständige Beitrag der FAZ vom Donnerstag ist hier zu finden. Dieser Artikel ist dabei noch einigermaßen differenziert.

Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch.

Wenn eine Gesellschaft eine Gruppe in Ghettos pfercht, ihnen den Zugang zu qualifizierten Jobs und Bildungschancen wenn nicht sperrt, so doch erschwert, dann kommen ganz sicher keine zufriedenen und weltoffenen Bürger*innen heraus. So oder so ähnlich sehen das manche Kommentare auf Facebook zu diesem Artikel. Zumindest diejenigen, die nicht gegen Schäferhundrussen pöbeln.

Ich kann es nicht leugnen. Es scheint etwas an dieser Partei zu geben, das insbesondere Russlanddeutsche anzieht. Es steht noch aus, die Gründe dafür zu untersuchen.

Was mich allerdings wundert: aus dem Spektrum der vielen Menschen, der Schicksale und Einstellungen werden gerade diejenigen herausgefischt, die solch extremen Ansichten vertreten wie Eugen Schmitz oder Heinrich Groth, der behauptet bei Monitor so abstruse Sachen wie diese: den Deutschen sei es unter Adolf ja nicht so schlecht gegangen. Gegenüber dem russischen Sender RTDV hat er Anfang April gesagt: ich als Biologe weiß genau, was die Verunreinigung der biologischen Masse bedeutet. Der Mann ist einfach ein Extremist und soll nun alle Russlanddeutschen repräsentieren? Ich weiß genau, dass die Medien das besser hinkriegen könnten. Warum tun sie das nicht? Weshalb fehlt hier die nötige Differenzierung, die an anderer Stelle so stark eingefordert wird?

Traurig, dass kaum andere O-Töne gesucht und gefunden werden. Aber vielleicht sind progressive, gut integrierte Aussiedler*innen einfach zu banal? Passen nicht ins Konzept. Dienen nicht dem Aufbau eines simplen Feindbildes?

Und was ist unsere Volksgruppe eigentlich anderes als eine Okroschka-Suppe, denke ich und zupfe die feinen Äste vom Dill ab: Ein zusammengewürfeltes Gebilde aus vielen verschiedenen Zutaten. Die einen sind eben die Salzgürkchen für den säuerlichen Geschmack und andere die Kartoffeln, die breite Basis. Radieschen mit außen roter Haut und innen weißer Masse habe ich schon an anderer Stelle behandelt. Wer ist dann aber der Dill? Die sogenannten Kulturarbeiter*innen? Und wer kommt daher, wie eine scharfe Frühlingszwiebel? Der Kwas und der Schmand sind dann die beiden gemeinsamen Sprachen, das Fluidum, in dem alle schwimmen. Übrigens steht auf der einen Kwas Dose als Slogan: Refresh Yourselfsky! Was soviel heißen soll wie: Erfrisch dich selbskij. Witzig. Und: Kvass Drovje! Weniger witzig. Ein Männeken tanzt Kasatschök. Aus dem piefigen Armeleutegetränk ist ein trendiges veganes Produkt geworden. Leider ist dieser Kwas etwas zu süß für meinen Geschmack, da hätte ich auch gleich Malzbier nehmen können. Schmand habe ich auch nicht, werde wohl wieder griechischen Joghurt drauftun, damit schmeckt es ebenso gut.

Ist es so schwer zu begreifen, dass die Gruppe der Aussiedler nicht etwas Homogenes ist, sondern etwas ebenso Zusammengewürfeltes wie eine Okroschka, bestehend aus vielen Grüppchen und Individuen. Ein jeder und eine jede befindet sich an anderer Stelle im Prozess der Loslösung von der alten Heimat und dem sich Verwurzeln in der Neuen. Manche verleugnen das Russische in sich, andere distanzieren sich eher vom deutschen Anteil. Und dazwischen gibt es 2 Millionen 399 Tausend 998 weiterer Nuancen. Die pauschale Annahme, alle fänden Putin prima und die AfD wählbar, kann und will ich nicht akzeptieren, sie tut mir fast körperlich weh.

Aber mich fragt ja keiner. Pah! Dann geh ich eben weiterschnibbeln. Auf Wiedersehnje!

Der BVB-Bomber

Die seriöseren Medien nennen seine Herkunft nicht. Die Yellowpress hat ihn schon durchleuchtet, mit der Kirchengemeindenvergangenheit und dem Bubigesicht und eben dem Geburtsort im Ural. Ein Deutsch-Russe hat angeblich die Bombe am Mannschaftsbus des BVB gelegt. Sein Motiv: Börsenspekulation.


Die Nachricht hat in mir einiges ausgelöst: werden sie wieder Bashing betreiben, werden wieder alle, die aus dem wilden Osten kommen als Wilde abgeurteilt? Wird nun den Russlanddeutschen pauschal eine Mordlust untergeschoben? Anscheinend nicht.

Wieso trifft mich das? Bin ich nicht genauso wie die Sensationspresse, die entgegen dem journalistischen Kodex die Herkunft betont, sie ans Licht zerrt, als wäre sie der Auslöser für die Tat? Als wäre der Geburtsort und die Sozialisation zwangsläufig verantwortlich für die Entscheidungen von Leuten?

Bin ich nicht genauso wie die Presseleute, weil ich mich mit diesem Fall nun innerlich beschäftige? Und zwar erst seit dem ich weiß, dass er möglicherweise „einer von uns“ ist? Das ist dieselbe Denke, nur mit einem anderen Vorzeichen. Identifikation. Einordnung. Schublade auf, Schublade zu.

Alle diese Parameter – Börse – Fußball – Bombe – liegen mir so fern wie ein Ferienhaus in Timbuktu. Wieso suche ich nach Gemeinsamkeiten und fürchte, dass diese Tat irgendwie auf mich abfärben könnte?

Ich lese den Namen und denke, W., haben wir in der Verwandtschaft einen Namen, der mit W. anfängt? Nein. Ein Glück. Aber bei anderen Bombenlegern frage ich mich das nicht. Warum trifft mich diese Nachricht so persönlich, aber erst nachdem bekannt wurde, was für ein Landsmann dieser Sergej W. ist?

Ein Glück wird aus dieser Meldung keine Hetzkampagne gemacht. Im Moment passieren eben noch gewichtigere Dinge, die die Nachrichten bestimmen. Und: das Motiv ist auch nicht religiös begründet. Es sei denn, wir betrachten die Anbetung des Mammon als eine religiöse Spielart.

Dann käme zu dem Kanon von Attentätern, den kommunistischen, nationalistischen, anarchistischen und islamistischen nun auch noch die kapitalistische Variante. Wird nun im großen Stil der Kapitalismus verurteilt und abgeschafft?

Ich sollte mich davon abkoppeln. Aber ich kann es irgendwie nicht. Erst mal einen Tee.

Treppenhausfluchten

Die im Treppenhaus abgestellten Dinge sind zu entfernen, sie sind aufgrund von Brandgefahr und der Freihaltung von Fluchtwegen freizuhalten.

Ein Mal im Jahr schreibt die Hausverwaltung diese Aufforderung, das Zeug im Treppenhaus betreffend.

Das Treppenhaus ist aufgrund der Freihaltung von Fluchtwegen freizuhalten.

Ungelogen. Das steht wirklich so da. Aufgrund von Freihaltung freizuhalten. Leider kann ich nicht entgegnen: Dieses Schreiben ist aufgrund von unschöner Sprache als gegenstandslos zu betrachten.

Jedes Jahr um diese Zeit stellen wir das Schuhregal in die Wohnung, bringen die Stöcke und die Kreide, die Eimer mit Ostsee-Steinen, Rollschuhe und Roller und alles was sich angesammelt hat, raus oder hoch auf den Dachboden. Und nach einer bis zwei Wochen wandert alles wieder an den Platz neben der Haustür. Zuerst die Schuhe, danach die gesammelten Dinge, die nicht in die Wohnung gehören. Bis zur nächsten Aufforderung, die Fluchtwege freizuhalten.

Was wissen die schon von Fluchtwegen? Auf welchen Wegen sind sie denn schon geflohen?

Ich sollte ihnen entgegnen: es ist ein für alle Mal vorbei mit Flucht und Vertreibung. Von Ost nach West, von West nach Ost. Ein ewiges hin und her. Aus, Schluss, vorbei!

Alle Koffer sind doch schon ausgepackt und verstaut, oben auf dem Schrank oder unter dem Bett. Koffer, die höchstens hervorgeholt werden sollen, wenn es auf Urlaub geht, ab in den sonnigen Süden oder in den windigen Norden.

Ich sollte Ihnen entgegnen: Fluchtwege dürfen nicht freigehalten werden. Das Haus muss die Menschen festhalten dürfen, schreien, geh nicht, bleib hier, verlass mich nicht. Ein Haus verliert nichts gern. Am wenigsten seine Bewohner. Denn dann steht es ohne seine Bestimmung da. Also hört es nicht auf, zu wiederholen: Setz deinen Fuß zurück auf meine Dielen, setz dich aufs Sofa, an den Küchentisch und verharre da. Du gehörst zu mir, wie dein Name an der Tür.

Eigentlich muss uns die Hausverwaltung noch dankbar sein. Denn es sind doch alles Fluchtverhinderer da draußen im Flur. All die Gegenstände, die wir anhäufen, verhindern unser Fliehen, weil wir sie nicht mitnehmen können.

Wie viel Leben passt schon in einen Koffer? Wie viel Leben kannst du mitnehmen auf der Flucht treppab, fernab vom heimischen Herd. Ein paar Schuhe. Die Kleidung am Leib. Einige Fotos und etwas das dir heilig ist. Etwas Proviant. Sonst nichts.

Aber so werde ich heute das Regal mit den Schuhen, die Kreide und die Ostseesteine entfernen und warten, bis die Verwaltung ihre Objektbegehung hinter sich gebracht hat.