111 Arten, Plow zu kochen

„Sind da oben nicht nur russische Veranstaltungen?“, fragt mich eine junge Frau, die ich nach dem Weg zur Villa frage. Sie ist Oerlinghauserin, und kommt gerade in der Nähe des Kastanienkrugs aus ihrem Garten. Im Dorf haben wir also schon einen Stempel weg. Betrieben wird die Villa Welschen, in der Seminare und Feste für die russischsprachige Community abgehalten werden, von Deutschen aus Russland. Das Seminar des russlanddeutschen Literaturkreises findet seit Jahren hier statt. Mittlerweile müsste ich den Weg kennen.

Ganz unrecht hat die Frau mit ihrer Frage wirklich nicht, es wird dort überall und laut auf Russisch geschnattert. Wann haben wir sonst die Gelegenheit dazu, als bei solchen Treffen? Und nach außen kommt das dann so rüber: die Russen wieder.

Was das Kulinarische betrifft, geht es jedenfalls sehr russisch zu. Es gibt zwei warme Mahlzeiten am Tag. Reichlich gefüllte Portionen. Vegetarische Gerichte Fehlanzeige. Aber nicht, dass alle denken, es würden nur Gerichte wie Borsch gereicht, es gibt auch Tomatensuppe und Schmorbraten und so. Nachdem wir mittags Schnitzel und Spätzle gegessen haben, steht abends neben dem Brot und der Wurstplatte auch eine große Schüssel mit Plow auf dem Büfett.
Wer das nicht kennt, das ist so ein mittelasiatisches Reisgericht. Mit Fleisch. Jeder Menge Fleisch.

Keine Paella, auch kein Massala, sondern Plow.

An meinem Tisch sitzen noch vier andere Autorinnen und ein Autor.
Alle haben einen Teller Plow vor sich.

„Hm“, sage ich, „lecker.“

„Ja, aber irgendwas ist anders. Irgendein Gewürz daran, das ist irgendwie fremd“, sagt die Autorin zu meiner Linken.

„Es ist auch komisch, dass da mehrere Sorten Fleisch drin sind. Also ich bin gewohnt, dass da Rind reinkommt und fertig. Oder nur Lamm. Mir schmeckt das mit dem Hühnchen nicht so“, sagt die von gegenüber.

„Könnte es Curry sein? Das Gewürz, das du meinst, es schaut auch ziemlich Gelb aus“, sage ich zu meiner Nachbarin.

„Stimmt, es ist Curry. Was um Himmels Willen hat Curry im Plow zu suchen?“

„Es ist auch viel zu wenig Reis. Also ich meine, der Anteil Fleisch ist zu hoch. Das wurde bei uns zuhause ganz anders gekocht“, meint Autorin, die am Fenster sitzt. „Aber jede Hausfrau macht Plow auf ihre Weise. Und so wie bei der Mutter schmeckts halt einfach nie.“

„Also, für meinen Geschmack ist er nicht trocken genug“, meldet der einzige Mann am Tisch zu Wort. „Da, diese Soße, die da austritt. Zu viel Flüssigkeit. Das darf nicht sein. Und überhaupt, wisst ihr, dass ein richtiger Plow eigentlich nur von Männern zubereitet werden kann?“

„Ja,“ rufen alle Frauen wie aus einem Munde. „Wissen wir.“

„Es gibt ja auch immer mindestens einen Mann, der das verkündet“, sagt die Erste. „Jedes Mal .“

„Männer kochen eh immer am besten. Behaupten sie zumindest“, sagt die Nächste. Alle Frauen lachen.

„Und warum? Weil sie nur dann kochen, wenn sie Lust dazu haben. Darum“, sagt die Dritte.

„Und danach sieht die Küche immer aus!“, sagt diejenige, die am Fenster sitzt. „Und wer räumt das Chaos wieder auf?“

„Aber Plow mit Curry, wer denkt sich denn sowas aus?“

„Also, mir schmeckts“, sage ich und stehe auf, um mir einen Nachschlag zu holen.


Und hier eine von den 111 Varianten, von Männern zubereitet:

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Aus der Tiefe

Es liegen Worte auf dem Grund. Pro Mensch ein Satz oder zwei. Wie im tiefen Wasser liegen sie, die meiste Zeit bleiben sie unerkannt. Sie sind vergraben im Sand oder Schlick. Doch es kann passieren, dass etwas sie nach oben schwemmt, etwas Aufwühlendes, das die Oberfläche berührt und tiefer geht. Dann werden sie aufgewirbelt, steigen in Spiralen hoch und kommen ans Licht.

Neulich war ich dabei, wie so ein Satz empor kam. Wir saßen mit meiner Tante am Tisch, redeten von früher und sie sagte plötzlich zu uns: Ich habe nie eine Kindheit gehabt.

Und aus ihren Augen sprach ein acht Jahre altes Mädchen.

Mit acht, als ihre Mutter starb, musste sie mit einem Schlag erwachsen werden. Von der ersten Minute an wurde sie zu den Tätigkeiten herangezogen, die erwachsene Frauen in einem Haushalt üblicherweise verrichten. Bei der Stiefmutter sollte sie für neun Leute kochen, putzen, Wäsche waschen, natürlich mit der Hand. Auch die mit Maschinenöl verschmutzten Lappen auswaschen, die der Vater von der Arbeit mitbrachte.

„Und stopfen. Man war ja arm, da konnte man nicht immer alles neu kaufen,“ erzählte sie. Alles wurde ausgebessert und gestopft. Socken, Bettwäsche, Hemden, Kleider. Alles. Und so saß sie da.
Einmal durfte sie sogar nicht zu der Beerdigung eines Schulfreundes raus, der im Schwimmbad ertrunken war. Ssenjka Antonow, einer der Zwillinge, war tot und sie musste zuhause sitzen und stopfen.

„Sobald ich erwachsen war, habe ich nie wieder auch nur eine Socke gestopft,“ erzählte sie weiter. „Ich schmeiß die Sachen alle gleich weg, wenn sie kaputt sind.“

Ich habe nie eine Kindheit gehabt – ist so ein Satz aus der Tiefe. Wie ein Faden durchdringt er alle Lebenslagen, zieht sich durch die Stoffe und Muster, die das Leben bereithält. Stört die Farbgebung, lenkt vom Eigentlichen ab, durchsetzt alles. Überschattet die glücklichsten Momente.

Zwei andere Sätze, die unten verborgen lagen: niemand will uns haben, wir gehören nirgends hin. Zwei Satzhälften, durch ein Komma getrennt. Auch so ein Rhythmus, der alles übertönt. Der als kaum wahrnehmbarer, aber durchdringender Tinnitus immer im Ohr mitschwingt.

Es sind die Sätze meines Vaters.

Ich sah ihn, einen erwachsenen Mann, auf einmal aufschluchzen. Er las gerade einen Text des Dichters Alexander Schmidt, in dem es um Heimat und Verlust ging, in dem der Protagonist in die jetzt fremde Heimat zurückgefahren ist. Der Autor schreibt im letzten Absatz: Selig sind die Vertriebenen…, die alles verlieren, die Heimat, das Haus, die Gräber der Ahnen. […]Nur eins bleibt, Großmutters Gebet. Nur ein Wort.

Darüber wimmerte mein Vater laut auf, schüttelte sich und brachte die Sätze heraus: Wir gehören nirgends hin, niemand will uns haben.

Er wurde wieder zu dem kleinen Jungen, der von überall weg musste, für den es kein Ankommen gab, gefühlt bis heute nicht gibt. Wir gehören nirgends hin, schluchzte der, der fast 16 Mal so alt war, wie der kleine Junge von damals und wischte sich die Träne aus dem Augenwinkel. Mit der Geste eines Kindes.

Was ist wohl mein Satz? Was liegt bei mir auf dem Grund?

 

Okroschka und die AfD

Die Russifizierung Europas schreitet voran! Und ich genieße das, denn gestern habe ich im (nichtrussischen) Supermarkt Kwas in Dosen gefunden. Von zwei verschiedenen Firmen sogar. Heute mache ich mal eine Okroschka-Suppe und teste, ob dieser Kwas was taugt. Das Rezept für die frische Sommersuppe mit Kartoffeln und Dill steht bei einem früheren Eintrag auf diesem Blog.

Auf anderen Kanälen wird ebenfalls eine schleichende oder galoppierende Russifizierung moniert. Russlanddeutsche tauchen als potentielle AfD-Wähler fast epidemisch in allen möglichen Artikeln und bei Sendungen wie Monitor im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf. Diese bucklige Verwandtschaft, die sich störrisch gegen jegliche Modernisierung und Anpassung an eine offene multikulturelle Gesellschaft sträubt. Die mit einem astreinen russischen Akzent oder auf Russisch gegen Fremde herzieht. So kommen wir rüber. Zwar ist der Ton ist nicht mehr so abweisend wie noch vor 20 Jahren und es werden sogar Aussagen getroffen, wie diese: Dann werden sich die Demokraten von rechts bis links über die Parallelgesellschaften, den Mangel an Demokratieverständnis der Migranten und ihre Beeinflussung durch den Kreml empören. Dabei sei jetzt schon bemerkt: Das sind die russischsprachigen Aktivisten, die sich für die demokratischen Werte einsetzen, und das ist die deutsche Politik, die sie dabei im Stich lässt.

Der vollständige Beitrag der FAZ vom Donnerstag ist hier zu finden. Dieser Artikel ist dabei noch einigermaßen differenziert.

Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch.

Wenn eine Gesellschaft eine Gruppe in Ghettos pfercht, ihnen den Zugang zu qualifizierten Jobs und Bildungschancen wenn nicht sperrt, so doch erschwert, dann kommen ganz sicher keine zufriedenen und weltoffenen Bürger*innen heraus. So oder so ähnlich sehen das manche Kommentare auf Facebook zu diesem Artikel. Zumindest diejenigen, die nicht gegen Schäferhundrussen pöbeln.

Ich kann es nicht leugnen. Es scheint etwas an dieser Partei zu geben, das insbesondere Russlanddeutsche anzieht. Es steht noch aus, die Gründe dafür zu untersuchen.

Was mich allerdings wundert: aus dem Spektrum der vielen Menschen, der Schicksale und Einstellungen werden gerade diejenigen herausgefischt, die solch extremen Ansichten vertreten wie Eugen Schmitz oder Heinrich Groth, der behauptet bei Monitor so abstruse Sachen wie diese: den Deutschen sei es unter Adolf ja nicht so schlecht gegangen. Gegenüber dem russischen Sender RTDV hat er Anfang April gesagt: ich als Biologe weiß genau, was die Verunreinigung der biologischen Masse bedeutet. Der Mann ist einfach ein Extremist und soll nun alle Russlanddeutschen repräsentieren? Ich weiß genau, dass die Medien das besser hinkriegen könnten. Warum tun sie das nicht? Weshalb fehlt hier die nötige Differenzierung, die an anderer Stelle so stark eingefordert wird?

Traurig, dass kaum andere O-Töne gesucht und gefunden werden. Aber vielleicht sind progressive, gut integrierte Aussiedler*innen einfach zu banal? Passen nicht ins Konzept. Dienen nicht dem Aufbau eines simplen Feindbildes?

Und was ist unsere Volksgruppe eigentlich anderes als eine Okroschka-Suppe, denke ich und zupfe die feinen Äste vom Dill ab: Ein zusammengewürfeltes Gebilde aus vielen verschiedenen Zutaten. Die einen sind eben die Salzgürkchen für den säuerlichen Geschmack und andere die Kartoffeln, die breite Basis. Radieschen mit außen roter Haut und innen weißer Masse habe ich schon an anderer Stelle behandelt. Wer ist dann aber der Dill? Die sogenannten Kulturarbeiter*innen? Und wer kommt daher, wie eine scharfe Frühlingszwiebel? Der Kwas und der Schmand sind dann die beiden gemeinsamen Sprachen, das Fluidum, in dem alle schwimmen. Übrigens steht auf der einen Kwas Dose als Slogan: Refresh Yourselfsky! Was soviel heißen soll wie: Erfrisch dich selbskij. Witzig. Und: Kvass Drovje! Weniger witzig. Ein Männeken tanzt Kasatschök. Aus dem piefigen Armeleutegetränk ist ein trendiges veganes Produkt geworden. Leider ist dieser Kwas etwas zu süß für meinen Geschmack, da hätte ich auch gleich Malzbier nehmen können. Schmand habe ich auch nicht, werde wohl wieder griechischen Joghurt drauftun, damit schmeckt es ebenso gut.

Ist es so schwer zu begreifen, dass die Gruppe der Aussiedler nicht etwas Homogenes ist, sondern etwas ebenso Zusammengewürfeltes wie eine Okroschka, bestehend aus vielen Grüppchen und Individuen. Ein jeder und eine jede befindet sich an anderer Stelle im Prozess der Loslösung von der alten Heimat und dem sich Verwurzeln in der Neuen. Manche verleugnen das Russische in sich, andere distanzieren sich eher vom deutschen Anteil. Und dazwischen gibt es 2 Millionen 399 Tausend 998 weiterer Nuancen. Die pauschale Annahme, alle fänden Putin prima und die AfD wählbar, kann und will ich nicht akzeptieren, sie tut mir fast körperlich weh.

Aber mich fragt ja keiner. Pah! Dann geh ich eben weiterschnibbeln. Auf Wiedersehnje!

Der BVB-Bomber

Die seriöseren Medien nennen seine Herkunft nicht. Die Yellowpress hat ihn schon durchleuchtet, mit der Kirchengemeindenvergangenheit und dem Bubigesicht und eben dem Geburtsort im Ural. Ein Deutsch-Russe hat angeblich die Bombe am Mannschaftsbus des BVB gelegt. Sein Motiv: Börsenspekulation.


Die Nachricht hat in mir einiges ausgelöst: werden sie wieder Bashing betreiben, werden wieder alle, die aus dem wilden Osten kommen als Wilde abgeurteilt? Wird nun den Russlanddeutschen pauschal eine Mordlust untergeschoben? Anscheinend nicht.

Wieso trifft mich das? Bin ich nicht genauso wie die Sensationspresse, die entgegen dem journalistischen Kodex die Herkunft betont, sie ans Licht zerrt, als wäre sie der Auslöser für die Tat? Als wäre der Geburtsort und die Sozialisation zwangsläufig verantwortlich für die Entscheidungen von Leuten?

Bin ich nicht genauso wie die Presseleute, weil ich mich mit diesem Fall nun innerlich beschäftige? Und zwar erst seit dem ich weiß, dass er möglicherweise „einer von uns“ ist? Das ist dieselbe Denke, nur mit einem anderen Vorzeichen. Identifikation. Einordnung. Schublade auf, Schublade zu.

Alle diese Parameter – Börse – Fußball – Bombe – liegen mir so fern wie ein Ferienhaus in Timbuktu. Wieso suche ich nach Gemeinsamkeiten und fürchte, dass diese Tat irgendwie auf mich abfärben könnte?

Ich lese den Namen und denke, W., haben wir in der Verwandtschaft einen Namen, der mit W. anfängt? Nein. Ein Glück. Aber bei anderen Bombenlegern frage ich mich das nicht. Warum trifft mich diese Nachricht so persönlich, aber erst nachdem bekannt wurde, was für ein Landsmann dieser Sergej W. ist?

Ein Glück wird aus dieser Meldung keine Hetzkampagne gemacht. Im Moment passieren eben noch gewichtigere Dinge, die die Nachrichten bestimmen. Und: das Motiv ist auch nicht religiös begründet. Es sei denn, wir betrachten die Anbetung des Mammon als eine religiöse Spielart.

Dann käme zu dem Kanon von Attentätern, den kommunistischen, nationalistischen, anarchistischen und islamistischen nun auch noch die kapitalistische Variante. Wird nun im großen Stil der Kapitalismus verurteilt und abgeschafft?

Ich sollte mich davon abkoppeln. Aber ich kann es irgendwie nicht. Erst mal einen Tee.

Treppenhausfluchten

Die im Treppenhaus abgestellten Dinge sind zu entfernen, sie sind aufgrund von Brandgefahr und der Freihaltung von Fluchtwegen freizuhalten.

Ein Mal im Jahr schreibt die Hausverwaltung diese Aufforderung, das Zeug im Treppenhaus betreffend.

Das Treppenhaus ist aufgrund der Freihaltung von Fluchtwegen freizuhalten.

Ungelogen. Das steht wirklich so da. Aufgrund von Freihaltung freizuhalten. Leider kann ich nicht entgegnen: Dieses Schreiben ist aufgrund von unschöner Sprache als gegenstandslos zu betrachten.

Jedes Jahr um diese Zeit stellen wir das Schuhregal in die Wohnung, bringen die Stöcke und die Kreide, die Eimer mit Ostsee-Steinen, Rollschuhe und Roller und alles was sich angesammelt hat, raus oder hoch auf den Dachboden. Und nach einer bis zwei Wochen wandert alles wieder an den Platz neben der Haustür. Zuerst die Schuhe, danach die gesammelten Dinge, die nicht in die Wohnung gehören. Bis zur nächsten Aufforderung, die Fluchtwege freizuhalten.

Was wissen die schon von Fluchtwegen? Auf welchen Wegen sind sie denn schon geflohen?

Ich sollte ihnen entgegnen: es ist ein für alle Mal vorbei mit Flucht und Vertreibung. Von Ost nach West, von West nach Ost. Ein ewiges hin und her. Aus, Schluss, vorbei!

Alle Koffer sind doch schon ausgepackt und verstaut, oben auf dem Schrank oder unter dem Bett. Koffer, die höchstens hervorgeholt werden sollen, wenn es auf Urlaub geht, ab in den sonnigen Süden oder in den windigen Norden.

Ich sollte Ihnen entgegnen: Fluchtwege dürfen nicht freigehalten werden. Das Haus muss die Menschen festhalten dürfen, schreien, geh nicht, bleib hier, verlass mich nicht. Ein Haus verliert nichts gern. Am wenigsten seine Bewohner. Denn dann steht es ohne seine Bestimmung da. Also hört es nicht auf, zu wiederholen: Setz deinen Fuß zurück auf meine Dielen, setz dich aufs Sofa, an den Küchentisch und verharre da. Du gehörst zu mir, wie dein Name an der Tür.

Eigentlich muss uns die Hausverwaltung noch dankbar sein. Denn es sind doch alles Fluchtverhinderer da draußen im Flur. All die Gegenstände, die wir anhäufen, verhindern unser Fliehen, weil wir sie nicht mitnehmen können.

Wie viel Leben passt schon in einen Koffer? Wie viel Leben kannst du mitnehmen auf der Flucht treppab, fernab vom heimischen Herd. Ein paar Schuhe. Die Kleidung am Leib. Einige Fotos und etwas das dir heilig ist. Etwas Proviant. Sonst nichts.

Aber so werde ich heute das Regal mit den Schuhen, die Kreide und die Ostseesteine entfernen und warten, bis die Verwaltung ihre Objektbegehung hinter sich gebracht hat.

Mraval-zhamier oder Sing like a Gurian!

I will turn you into real Gurions, sagte Nana Mzhawanadze an diesem Samstag morgen im November, ich werde echte Gurier aus euch machen. Gurien ist eine Gegend im Westen Georgiens, gleich am Schwarzen Meer und wir saßen um drei Stellwände mit transkribierten Gesängen, dreistimmig und für unsere Zungen und Ohren ziemlich fremd klingend. Viele Konsonanten aneinander gereiht und dann wieder nur Vokale, endlos gedehnt. Durch Worte wie tsqaloba oder mq‘opelta haben wir uns genauso tapfer durchgesungen wie durch ghmertsma, was Gott oder si-tso-tskhle, was Leben bedeutet. Und auch das A-li-lo-i-o—o-o-o-o—o-o-o—da des weihnachtlichen Liedes brav ausgedehnt und auf den Vokalen ausgewalzt, wie Plätzchenteig.

Nana schaute in die Runde. Vor ihr saßen zwei Dutzend Frauen mittleren Alters und ein Quotenmann. Manche waren schon öfter bei einem solchen Gesangsworkshop, andere sind sogar schon in Georgien gewesen. Wie echte georgische Bergleute sahen wir allerdings nicht aus.

Aber wir bemühten uns und sangen aus voller Kehle: mehrstimmige Kirchen-Gesänge hatte Nana ebenso im Programm wie schwungvolle Trinklieder und sanftmonotone Kinderheilungsmelodien. Sogenannte Botonebos, die eingestimmt werden, um die Hohen Geister, die sich einnisten, wenn jemand krank ist freundlich zu bitten, doch bitte zu entweichen.

Und wir Nordländerinnen (und der Quotenmann) wurden mitgerissen und ließen uns auf haarnadelscharf aneinander liegende Dreiklänge und auf die nach oben schraubenden Töne ein.
Nana hat uns am Ende sogar das Versprechen abgenommen, uns in der Silvesternacht zu treffen und laut das Mravalzhamier, ein gastfreundliches Tisch- und Trinklied auf das gute Leben anzustimmen, um das neue Jahr zu begrüßen. Oder es wenigstens von den Balkonen und aus den weit geöffneten Fenstern erschallen zu lassen.

Silversterabend 23 Uhr 25. Es wird bereits tüchtig geknallt, laute Musik und Gelächter ist auf dem Hinterhof in Altona, zu hören, wo wir mit Freunden unseren Jahreswechsel feiern. Ich stelle mich an die geöffnete Gartentür, alle anderen Mitfeiernden sind gerade in andere Zimmer verschwunden und stimme an.

Den Tischgesang, der auf orthodoxen liturgischen Melodien basiert: Mravalzhamier! Das bedeutet: Viele Male! Es sind nur vier Zeilen, aber ich singe sie voller Inbrunst wie in dem Novemberlicht durchfluteten Raum gelernt.

Leider kenne ich nur die erste Strophe auswendig. Die anderen, die den Herrn loben und ein langes Leben wünschen, lass ich weg.

Ruhe da!, kommt sofort eine knarzige Männerstimme aus der Dunkelheit. Sie geht fast in dem allgemeinen Getöse und Geknalle unter, aber ich habe sie dennoch vernommen. Schnappend schließe ich meinen Mund. Zwar hatte Nana wohl geschafft, aus mir eine waschechte Gurierin im Geiste zu machen. Doch leider aus dem Rest der Bevölkerung Hamburgs noch nicht.

 

Wer wissen möchte wie Mravalzhamier klingt:

Und noch mehr:

 

Allen ein frohes Neues 2017!

Das Trinklied meines Großvaters

Am Telefon fragt mich meine Mutter besorgt, ob ich rauche, ich erzähle ihr, dass ich schon manchmal Lust hätte, aber leider gibt es keine einzelnen Zigaretten zu kaufen, und eine Packung will ich nicht.

Und habe ihr daraufhin eine alte Geschichte erzählt, die sie noch nicht kannte. Ihr Bruder Wolodja hat mich mal an seiner Selbstgedrehten (Machorka) ziehen lassen, als ich vier Jahre alt war. Das war so ein schreckliches Erlebnis, dass ich mindestens zwei Jahrzehnte lang keine zweite Zigarette angerührt habe. Pädagogisch höchst fragwürdig, aber wirksam. Dass meine Mutter dieses mich prägende Detail nicht wusste ist eigentlich kein Wunder, sie wäre nicht gerade erfreut gewesen.

Alle meine Brüder haben geraucht, sagt sie.

Und dein Vater auch?

Na und ob. Ganz viel. Zu viel. Und getrunken. Und wenn er getrunken hat, hatte er immer ein Lied gesungen: Бродяга судьбу проклиная, Vagabund sein Schicksal verfluchend.

Die Familie meiner Mutter ist russisch, sie ist in Sibirien geboren und ist ihrem deutschen Mann in den Westen gefolgt, alles zurücklassend.

Dieses Foto finde ich, ist es mein Großvater Nikolaj?
Dieses Foto finde ich, ist es mein Großvater Nikolaj?

Ich schau kurz auf Youtube, das was sie mir am Telefon vorsingt  ist nur eine Liedzeile.

Der Titel des Liedes heißt richtig: По диким степям Забайкалья (Durch die wilden Steppen des Baikal)

Hier einige Zeilen daraus, Schnellst-Simultanübersetzung ohne Gedichtgefühl. Aber mir reicht das:

Durch die wilden Baikalsteppen
Wo sie in den Bergen das Gold graben
Schleppt sich der Vagabund, sein Schicksal beklagend,
mit einem Bündel auf dem Rücken.

In der dunklen Nacht dem Gefängnis entkommen
Wo er wegen der Wahrheit gelitten hatte.
Weiterzugehen hat er schon keine Kraft mehr
Vor ihm liegt der Baikal wie hingegossen.

Letzte Strophen:

Der Vagabund hat den Baikal überquert
Ihm kommt die geliebte Mutter entgegen

Gegrüßt seist du, meine Liebe, gegrüßt,
Ist denn mein Vater wohlauf und der Bruder?“

Den Vater haben wir längst schon begraben,
mit Erde bedeckt liegt er da.
Und der Bruder ist längst in Sibirien,
Wo er schon lang mit den Fußfesseln rasselt.“

Das Lied soll von Anfang 1900 stammen, oder sogar noch von 1880. Noch lange vor der Revolution. Aber Repressionen und Zensur gab es ja auch zur Zarenzeit.

Mein Großvater starb, als ich keine drei war, ich habe eine nur verschwommene Vorstellung von ihm, hauptsächlich von den wenigen Fotos, die wir mitgenommen haben. So ist das ein Detail mir sehr wichtig, um ihm näher zu kommen.

Hier ist es:

По диким степям Забайкалья,
Где золото роют в горах,
Бродяга, судьбу проклиная,
Тащился с сумой на плечах.

Бежал из тюрьмы темной ночью,
В тюрьме он за правду страдал.
Идти дальше нет уже мочи –
Пред ним расстилался Байкал.

Бродяга к Байкалу подходит,
Рыбацкую лодку берет
И грустную песню заводит,
Про Родину что-то поёт.

Бродяга Байкал переехал,
Навстречу родимая мать.
«Ах, здравствуй, ах, здравствуй, родная,
Здоров ли отец мой и брат?»

«Отец твой давно уж в могиле,
Землею засыпан лежит,
А брат твой давно уж в Сибири,
Давно кандалами гремит».