Mraval-zhamier oder Sing like a Gurian!

I will turn you into real Gurions, sagte Nana Mzhawanadze an diesem Samstag morgen im November, ich werde echte Gurier aus euch machen. Gurien ist eine Gegend im Westen Georgiens, gleich am Schwarzen Meer und wir saßen um drei Stellwände mit transkribierten Gesängen, dreistimmig und für unsere Zungen und Ohren ziemlich fremd klingend. Viele Konsonanten aneinander gereiht und dann wieder nur Vokale, endlos gedehnt. Durch Worte wie tsqaloba oder mq‘opelta haben wir uns genauso tapfer durchgesungen wie durch ghmertsma, was Gott oder si-tso-tskhle, was Leben bedeutet. Und auch das A-li-lo-i-o—o-o-o-o—o-o-o—da des weihnachtlichen Liedes brav ausgedehnt und auf den Vokalen ausgewalzt, wie Plätzchenteig.

Nana schaute in die Runde. Vor ihr saßen zwei Dutzend Frauen mittleren Alters und ein Quotenmann. Manche waren schon öfter bei einem solchen Gesangsworkshop, andere sind sogar schon in Georgien gewesen. Wie echte georgische Bergleute sahen wir allerdings nicht aus.

Aber wir bemühten uns und sangen aus voller Kehle: mehrstimmige Kirchen-Gesänge hatte Nana ebenso im Programm wie schwungvolle Trinklieder und sanftmonotone Kinderheilungsmelodien. Sogenannte Botonebos, die eingestimmt werden, um die Hohen Geister, die sich einnisten, wenn jemand krank ist freundlich zu bitten, doch bitte zu entweichen.

Und wir Nordländerinnen (und der Quotenmann) wurden mitgerissen und ließen uns auf haarnadelscharf aneinander liegende Dreiklänge und auf die nach oben schraubenden Töne ein.
Nana hat uns am Ende sogar das Versprechen abgenommen, uns in der Silvesternacht zu treffen und laut das Mravalzhamier, ein gastfreundliches Tisch- und Trinklied auf das gute Leben anzustimmen, um das neue Jahr zu begrüßen. Oder es wenigstens von den Balkonen und aus den weit geöffneten Fenstern erschallen zu lassen.

Silversterabend 23 Uhr 25. Es wird bereits tüchtig geknallt, laute Musik und Gelächter ist auf dem Hinterhof in Altona, zu hören, wo wir mit Freunden unseren Jahreswechsel feiern. Ich stelle mich an die geöffnete Gartentür, alle anderen Mitfeiernden sind gerade in andere Zimmer verschwunden und stimme an.

Den Tischgesang, der auf orthodoxen liturgischen Melodien basiert: Mravalzhamier! Das bedeutet: Viele Male! Es sind nur vier Zeilen, aber ich singe sie voller Inbrunst wie in dem Novemberlicht durchfluteten Raum gelernt.

Leider kenne ich nur die erste Strophe auswendig. Die anderen, die den Herrn loben und ein langes Leben wünschen, lass ich weg.

Ruhe da!, kommt sofort eine knarzige Männerstimme aus der Dunkelheit. Sie geht fast in dem allgemeinen Getöse und Geknalle unter, aber ich habe sie dennoch vernommen. Schnappend schließe ich meinen Mund. Zwar hatte Nana wohl geschafft, aus mir eine waschechte Gurierin im Geiste zu machen. Doch leider aus dem Rest der Bevölkerung Hamburgs noch nicht.

 

Wer wissen möchte wie Mravalzhamier klingt:

Und noch mehr:

 

Allen ein frohes Neues 2017!

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Das Trinklied meines Großvaters

Am Telefon fragt mich meine Mutter besorgt, ob ich rauche, ich erzähle ihr, dass ich schon manchmal Lust hätte, aber leider gibt es keine einzelnen Zigaretten zu kaufen, und eine Packung will ich nicht.

Und habe ihr daraufhin eine alte Geschichte erzählt, die sie noch nicht kannte. Ihr Bruder Wolodja hat mich mal an seiner Selbstgedrehten (Machorka) ziehen lassen, als ich vier Jahre alt war. Das war so ein schreckliches Erlebnis, dass ich mindestens zwei Jahrzehnte lang keine zweite Zigarette angerührt habe. Pädagogisch höchst fragwürdig, aber wirksam. Dass meine Mutter dieses mich prägende Detail nicht wusste ist eigentlich kein Wunder, sie wäre nicht gerade erfreut gewesen.

Alle meine Brüder haben geraucht, sagt sie.

Und dein Vater auch?

Na und ob. Ganz viel. Zu viel. Und getrunken. Und wenn er getrunken hat, hatte er immer ein Lied gesungen: Бродяга судьбу проклиная, Vagabund sein Schicksal verfluchend.

Die Familie meiner Mutter ist russisch, sie ist in Sibirien geboren und ist ihrem deutschen Mann in den Westen gefolgt, alles zurücklassend.

Dieses Foto finde ich, ist es mein Großvater Nikolaj?
Dieses Foto finde ich, ist es mein Großvater Nikolaj?

Ich schau kurz auf Youtube, das was sie mir am Telefon vorsingt  ist nur eine Liedzeile.

Der Titel des Liedes heißt richtig: По диким степям Забайкалья (Durch die wilden Steppen des Baikal)

Hier einige Zeilen daraus, Schnellst-Simultanübersetzung ohne Gedichtgefühl. Aber mir reicht das:

Durch die wilden Baikalsteppen
Wo sie in den Bergen das Gold graben
Schleppt sich der Vagabund, sein Schicksal beklagend,
mit einem Bündel auf dem Rücken.

In der dunklen Nacht dem Gefängnis entkommen
Wo er wegen der Wahrheit gelitten hatte.
Weiterzugehen hat er schon keine Kraft mehr
Vor ihm liegt der Baikal wie hingegossen.

Letzte Strophen:

Der Vagabund hat den Baikal überquert
Ihm kommt die geliebte Mutter entgegen

Gegrüßt seist du, meine Liebe, gegrüßt,
Ist denn mein Vater wohlauf und der Bruder?“

Den Vater haben wir längst schon begraben,
mit Erde bedeckt liegt er da.
Und der Bruder ist längst in Sibirien,
Wo er schon lang mit den Fußfesseln rasselt.“

Das Lied soll von Anfang 1900 stammen, oder sogar noch von 1880. Noch lange vor der Revolution. Aber Repressionen und Zensur gab es ja auch zur Zarenzeit.

Mein Großvater starb, als ich keine drei war, ich habe eine nur verschwommene Vorstellung von ihm, hauptsächlich von den wenigen Fotos, die wir mitgenommen haben. So ist das ein Detail mir sehr wichtig, um ihm näher zu kommen.

Hier ist es:

По диким степям Забайкалья,
Где золото роют в горах,
Бродяга, судьбу проклиная,
Тащился с сумой на плечах.

Бежал из тюрьмы темной ночью,
В тюрьме он за правду страдал.
Идти дальше нет уже мочи –
Пред ним расстилался Байкал.

Бродяга к Байкалу подходит,
Рыбацкую лодку берет
И грустную песню заводит,
Про Родину что-то поёт.

Бродяга Байкал переехал,
Навстречу родимая мать.
«Ах, здравствуй, ах, здравствуй, родная,
Здоров ли отец мой и брат?»

«Отец твой давно уж в могиле,
Землею засыпан лежит,
А брат твой давно уж в Сибири,
Давно кандалами гремит».

Unvereinbarkeiten

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Schützengraben im zweiten Weltkrieg.

In mir geht der Kriegsschauplatz weiter. Ich fühle mich manchmal wie zwischen zwei Frontlinien. Zwischen zwei Gräben. Angefüllt mit Schlamm. Soviel Hass auf beiden Seiten. Die eine hat die andere vernichtend geschlagen. Die andere hats geflissentlich versucht.

Mein Onkel mütterlicherseits ist im Krieg verschollen. Als Soldat der russischen Armee. Wir wissen nicht, wie er gefallen ist. Vielleicht ist er angeschossen oder in die Luft gesprengt worden, von jemandem, dessen Enkeln ich heute die Hand gebe. Vielleicht, nein wahrscheinlich hat er deutsche Soldaten umgebracht. Den Verwandten all dieser Männer begegne ich heute auf der Straße, sitze mit ihnen ins Kino oder in der S-Bahn. Treffe sie auf dem Schulhof meiner Tochter.

Und auf der anderen Seite? Mein deutscher Großvater ist in den letzten Kriegsmonaten zunächst in die SS und dann in die Wehrmacht verpflichtet worden. Was hat er gesehen? Was mitgemacht als Fahrer eines Generals?

Nicht nur, dass zwei Seelen ach in meiner Brust wohnen. Es sind zwei Soldaten, die sich feindlich gegenüberstehen. Und die Demarkationslinie geht mitten durch mich hindurch. Mein Leben als Kriegsschauplatz? Jede Handlung ein militärischer Einsatz. Jedes noch so kleine Vermasseln ein abgebranntes Haus, eine vernichtete Batallion, eine verlorene Schlacht. Ich habe nie ein Schlachtfeld betreten. Wie kann ich so etwas behaupten?

Dennoch. Da geht ein Riss durch mich hindurch, nicht ein bloßer Culture Clash. Culture Clash – das klingt lustig, nach Abenteuerurlaub im Club, nach Karma-Chameleon und dem Surfen auf einer großen Welle. Aber in mir sind diese feindlichen Linien, die aufeinander treffen, miteinander verschmolzen zu einem Wesen. Mir wird bewusst, wie unmöglich dieser Gedanke eigentlich ist. Und doch lebe ich. Atme. Und ich bin nicht die Einzige.
Frag andere Kinder von verfeindeten Nationen, wie sie sich fühlen. Wenn der Vater Tutsi ist und die Mutter eine Hootu. Frag den Sohn einer Palästinenserin und eines Israeli. Was würden sie wohl dazu erzählen?

Bei alldem haben die beiden Völker, von denen ich abstamme, trotz diverser Kriegshandlungen und Kriegshändel viele Gemeinsamkeiten. Den Enthusiasmus und die Sentimentalität, die romantische Ader, auf andere Weise ausgelebt. Und natürlich: die Melancholie. Auch hier ist sie unterschiedlich gefärbt, aber es gibt sie – auf beiden Seiten. Die jahrhundertelangen Handelserfahrungen und den Kulturaustausch nicht zu vergessen. jedes Jahr tritt der Donkosakenchor in meiner Stadt auf – jedes Jahr schaffe ich es nicht, ihn mir anzuhören.

Ich lese, ich verschlinge Berichte, ich tauche ein in die Kriegserzählungen von Soldatinnen, Flakschützinnen und Partisaninnen (die weibliche Form davon klingt seltsam, auf russisch nicht: Partisanka). Da ist eine die erzählt, wie die Dorfbewohner und ihre eigene Mutter als lebende Schutzschilde übers Feld getrieben werden. Dahinter die faschistischen Soldaten. Sie treiben sie mit Gewehrschüssen vor sich her und die Partisanen schießen. Natürlich. Die Lage schient alternativlos. Aber diese Frau hat ihre Mutter damals nicht getroffen. Sie wurde von den anderen erschossen – von den Faschisten.

Ich sehe die kaputten Menschen auf den Straßen. Wie gestern den Mann der etwas über NS-Brüder skandiert, jedem Passanten ins Gesicht schreit, dass wir es uns bequem gemacht hätten in unserer faschistischen Kinderwiege. Ein sich lautstark empörender Mann mit vielen Plastiktüten und einem Rauschebart. Ganz außer sich. Ich denke dann, diese armen Irren, sie tragen eine große Last, zu groß, als dass sie sie schultern könnten. Und doch sprechen sie die Wahrheit. Schreien ihre Wahrheit in die Welt hinaus.

Einige Tage nachdem ich das Buch von Swetlana Alexijewitsch anfange, lautet der Spruch auf meinem Yogi-Teebeutel:

Vergib dem Vergangenen, erleb‘ einen wunderschönen Morgen.

Wenn das nur so einfach wäre. Er klingt nach Heilverheißung und Glück: alte Wunden heilen lassen, die Seiten miteinander versöhnen. Wie kann das gelingen, wenn der Riss mitten durch einen durch geht?

Aber ich schließe für heute mit einer versöhnlichen Geschichte:
Vaters Familie hat die beiden Hungerwinter 1946/1947 unter Kommandotur verbracht. In der sibirischen Verbannung, mit nichts als den eigenen Kleidern am Leib. Einer seiner Brüder war damals sieben oder acht und ging in die erste Klasse einer Schule, die auch russische Schüler besuchten.

Der kleine Deutsche hat sich mit einem russischen Kind angefreundet, dem Sohn eines Bäckers. Und dieser Bäcker hat seinem Sohn jeden Tag einen Laib Brot mitgegeben für seinen deutschen Freund. Die anderen Geschwister haben nach der Schule ungeduldig auf den kleinen Bruder gewartet und dieses Brot wie eine Trophäe nach Hause getragen. Abwechselnd. Diese Geste eines Unbekannten hat sie gerettet.

Auch solche Zeichen der Versöhnung hat es gegeben. Es sind diese kleine Geschichten, die sich wie Nähte über die klaffenden Wunden legen. Wie wacklige Bretter über den reißenden Fluss aus Hass und Gewalt.

Wir brauchen mehr davon.

70 Jahre danach – Erinnerungskultur

In diesen Tagen sind sieben Jahrzehnte vergangen, seit die deutsche Wehrmacht kapituliert hat und damit die Schrecken des zweiten Weltkriegs offiziell vergangen sind. Es häufen sich die Beiträge und Meldungen, die Thementage und Gedenkreden im Radio, in den Zeitungen im Fernsehen. Die Gedenkmaschinerie ist angelaufen.

‚Es ist alles gesagt, oder?‘ fragt Oliver von Wrochem provokativ, einer der Leiter des Seminars Täter, Mitläufer, Zuschauer in der Familie, das ich im April diesen Jahres besucht habe.

‚Medial ist das Thema präsent‘, führt er weiter aus, ‚die Gedenkveranstaltungen sind ritualisiert. Aber es gibt immer noch eine mangelnde Auseinandersetzung in den Familien. Man sieht nicht genau hin.‘

Es gäbe zwar ein großes Wissen über die Verbrechen, aber es werde nicht mit der eigenen Familiengeschichte verbunden. Doch die Teilnehmer des Seminars wollen genau das. Hingucken, weil die vorherigen Generationen nicht hingucken konnten. Um zu überleben? Vielleicht.

Nun trafen sich die Nachkommen von möglichen und tatsächlichen Tätern und Mitläufern schon zum 14. Mal auf dem Gelände des ehemaligen KZs Neuengamme. Die Teilnehmerzahlen sind steigend. Diese Veranstaltung ist im Moment noch einmalig in ganz Deutschland und wird zwei Mal jährlich, im Frühjahr und im Herbst angeboten. Das nächste Mal Anfang Oktober.

Ich war im April dort, weil ich hoffe herauszufinden, was mein deutscher Großvater im Krieg (das heißt in der Zeit nachdem er aus der Ukraine nach Deutschland geholt wurde bis zu seiner Auslieferung durch die Alliierten und der Inhaftierung in einem sowjetischen Gefangenenlager), erlebt, gesehen und getan hat. Ich habe allerdings nicht viel Hoffnung, dass ich viel in den Archiven finden werde. Es gibtzwar einige Familienerzählungen, aber, so habe ich in diesem Seminar auch mitbekommen, auf die ist nicht immer Verlass.

Ich war auch dort, weil ich gehofft habe, zu lernen wie ich mit dem, was ich rausfinden könnte, umgehen kann. Es geht mir nicht um Schuld. Es ist eh die Frage, wie viel Handlungsspielraum die einzelnen Beteiligten in solchen diktatorischen Regimes hatten. Die Frage, so lerne ich in dem Vortrag von Dr. von Wrochem, ist nicht ob, sondern warum? Leider ist es sehr wahrscheinlich, dass ich keinerlei persönliche Aufzeichnungen finde, nichts, woraus ich schließen kann, wie mein Opa damals gedacht hat.

Nochmals.

Es geht nicht um Schuldzuweisung. Obwohl ich, seit ich halbwegs erwachsen bin, ein diffuses Gefühl von Schuld mit mir trage, das ich nicht näher einordnen kann. Vielleicht möchte ich dieses Gefühl, das sich wie ein Nebel über viele Jahre auf mich gelegt hat, näher beleuchten und ihm seinen Stachel nehmen. Aus der Distanz betrachten. Auflösen.

Hilfreich finde ich Sätze, die nach Begegnungen von Menschen aus Täterfamilien mit solchen, die von den Opfern abstammen, herausgearbeitet haben.

In Hamburg gibt es diesen speziellen Dialog wohl seit 2013, als auf dem hiesigen Kirchentag der Sohn eines Polizisten aus der NS-Zeit mit der Tochter einer KZ-Insassin zusammentrafen. Aber ich meine, es gibt solche ähnlichen Treffen auch weltweit.

Im Mai letzten Jahres wurden jedenfalls bei einer solchen Zusammenkunft in Neuengamme jedenfalls Ergebnissätze formuliert, die, wie ich finde die Frage nach Schuld oder Verantwortung bündig beantworten:

Die Kinder von Tätern und die Kinder von KZ-Häftlingen müssen mit den Folgen einer Vergangenheit umgehen, für die sie keine Verantwortung tragen.

Sie können und sollten gemeinsam handeln, damit die Verbrechen, die ihre Eltern verübt haben oder erleiden mussten, sich nicht wiederholen.

Seminare wie das im April und auch Veranstaltungen wie Forum Zukunft Erinnerung, das heute und morgen auf dem Gelände von Neuengamme stattfinden, ebnen den Weg zu einer verantwortungsvollen, persönlichen Erinnerungskultur jenseits der offiziellen Verkündigungen.

Klingt pathetisch. Sorry. Ich meine einfach, es tut gut, sich mit anderen in einem geschützten Raum mit Tabu-Themen zu befassen und auszutauschen. Ich habe viel gelernt an diesem Wochenende auch wenn ich noch immer nichts Konkretes zu meiner eigenen Spurensuche gefunden habe.

Ich habe versprochen, keinerlei Details aus den sehr persönlichen Gesprächen öffentlich zu machen. Das Thema ist sensibel. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wie ich in diesem blog, der ja auch öffentlich ist, mit meiner eigenen Geschichte umgehen kann. Wie viel gebe ich preis? Es gibt Scherben, die wehtun, ihre Kanten sind scharf.
Wir werden sehen.

Mehr Infos zu den Seminaren der Gedenkstätte Neuengamme hier und hier.

Stalins Stimme und Putins Rocker

Meine Mama war ein Kleinkind in Sibirien als der große vaterländische Krieg, wie er in Russland genannt wird, vorbei war. Das, woran sie sich am ehesten erinnern kann, war die einprägsame Stimme des allseits bekannten und beliebten Radiosprechers, Jurij Borisowitsch Levitan.

Im Westen wurde Levitan Stalins Stimme genannt. Meine Mutter sagt auf jeden Fall, dass ihr immer noch Schauer über den Rücken wandern würden, wenn sie diese Stimme hört. Sie beschreibt es so: ‚Draußen stand ein Radio, damit alle Leute konnten jeden Tag hören Nachrichten von Krieg und natürlich jeden Tag traurige. In Radio war ein Diktor (Sprecher), seine Stimme war mächtig, wenn ich jetzt diese Stimme hören werde, kriege ich Gänsehaut.‘

Er fing seine Ankündigungen immer mit Goworit Moskwa, Es spricht Moskau an. Hier der sechsminütige Beitrag zum Akt der Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Levitan wäre  übrigens vor einigen Monaten 100 Jahre alt geworden.

Jurij Borisowitsch Levitan
Das Gesicht zu der Stimme: Jurij Borisowitsch Levitan

Ich vermute, dass das Lied ‚Das ist der Tag des Sieges‘ gesungen von Lestschenko bei den meisten älteren Russen ebenfalls Gänsehaut auslösen würde. Aber ich möchte es hier grade nicht vorstellen.

Andere Barden, die nationalistisch gesinnten Nachtwölfe, auch Putins Rocker genannt, sind letztes Wochenende aufgebrochen, um den Weg von Moskau nach Berlin auf ihren Motorrädern zurückzulegen. Die Band und ihr Tross wollen genau am 8. Mai, in der deutschen Hauptstadt ankommen. In Russland ist das der offizielle Tag des Sieges. ‚Ziel ist es, das Andenken an diejenigen zu ehren, die beim Kampf gegen den Faschismus gefallen sind‘, so der Organisator Bobrowski.

Die deutsche Regierung ist nicht amused, sie droht der Rockband und ihrer Entourage mit Einreisesperren, falls sie die Veranstaltungen zum Ende des Krieges stören wollen. Es heißt, es sei ein Anliegen, dass der Tag in Würde begangen werde, die Aussöhnung liege im Kerninteresse der Regierung, nicht die Konfrontation.

Auch andere Länder, durch die die Biker rattern wollen, sind nicht begeistert vom wilden Durchgangsverkehr. Der Spiegel berichtet, dass polnische Regierungsvertreter in der ‚Siegesfahr‘ eine Provokation sehen und ihnen die Einreise verweigern.

Und die Wölfe fallen anders als die Hells Angels zum Beispiel nicht durch kriminelle Handlungen auf. Sie sind orthodox gläubig, nationalistisch und homophob. So steht es zumindest bei Wikipedia. Sie stellen sich im Ukraine Konflikt deutlich auf die Seite Russlands und bezeichnen die pro-ukrainischen Streitkräfte als Faschisten. Jetzt wollen sie in ganz Europa Soldatengräber besuchen und an den „Blutzoll“ im Kampf gegen Hitler erinnern, der mit 27 Millionen Toten bezahlt wurde. Aber sie kommen nicht weit. Es sieht ganz so aus, als müssten sie ihre Motorradtour abbrechen.

Jedenfalls scheint es tiefsitzende Ängste zu wecken, dass die Ankunft von 15 Bikern so viel Staub aufwirbelt und das auswärtige Amt sogar von Gefährdung der Sicherheit spricht. Die Russen kommen. Anscheinend noch immer ein sensibler Punkt. 70 Jahre sind vergangen und doch kommts einem vor wie ein Wimpernschlag. Ich frage mich wirklich, was diese wilden Kerle machen können, um die nationale Sicherheit zu gefährden. Andererseits, sie sind mit einer Stalinflagge aufgebrochen. Dass sein Gesicht bei den Feierlichkeiten siegessicher von der Fahnenstange weht würde ich mir auch nicht so gern ansehen.

Es geht um etwas mehr als einem Dutzend Rocker (andere Medien sprechen von 20), die durch Europa fahren. Was hat die Band angekündigt, warum diese Empörung auf allen Seiten? Was macht ihren Besuch so explosiv? Wenn in Hamburg Harley-Days sind, sind hunderte von ihnen auf den Straßen. Ohne Kravalle.

Für weitere Infos. hier sind zu einem Spiegel Artikel und zwei Beiträge von tagesschau.de und von heute.de.

 

 

Mustererkennung

das Leben ist eine Baustelle - auch ein Muster
Das Leben ist eine Baustelle – auch so ein Muster

Heute wieder zwei Scherben aufgelesen. Sie lagen am Rand der Baustelle von gegenüber, dort wo vor dem Krieg Häuser standen und für lange Jahre ein Industriegelände war mit Hallen und LKW-Parkplätzen. Dazwischen Brachland. In dieser Straße gab es einst Häuser auf beiden Seiten, jetzt sind die Hausnummern lückenhaft. Nach 55 kommt lange Zeit nichts mehr und auf der anderen Seite gehen die geraden Zahlen bis weit über die 100. Sind diese Keramikscherben mit irgendwelchem Geröll für die Baustelle hierhergekarrt worden oder stammen sie noch aus dem Schutt der alten Hausruinen? Die ins Erdreich eingesunken sind als die Erde für die Lagerhallen planiert wurde und die jetzt durch das erneute Aufgraben wieder heraufgeschwemmt sind?

Die kleinere Scherbe zeigt drei hellblaue Flecken auf weißem Grund, vielleicht sind es abstrahierte Blätter, möglicherweise nur der Teil eines nicht bestimmbaren Rapports aus Tupfen. Die andere könnte das Stück einer Kachel sein und hat eine blaufleckige Oberfläche. Königsblau. Darauf erkenne ich wolkige Gebilde, dichtgeballt, aufgerastert in kleine Pünktchen, wie beim Druck. Ich sehe darin den Ausschnitt eines Gewitterhimmels über einem barocken Schäferidyll oder Wölkchen neben einer nicht mehr sichtbaren ostfriesischen Windmühle. Oder aber es ist reine abstrakte Klekserei. Aber wer weiß das schon, denn womöglich entstehen diese Wolken, diese Küchenfliesenmotive nur in meiner Einbildung. So ist es mit Scherben, sie zeigen immer nur einen Ausschnitt des Ganzen. Und wie es hinter ihren Rändern weitergeht, kann man mit Glück manchmal erahnen. Oft noch nicht einmal das. Das Gesamtbild, die Matrix, kriegt man meist nicht mehr zusammen.
Es sei denn, es tauchen weitere (alle?) Bruchstücke auf oder man verfügt über genug Erfahrung, wie die Archäologen, die anhand eines Splitters sagen können, diese Ranke ist eindeutig Teil einer etruskischen Frieszeichnung oder dieser Klecks da ist das Ohr von Anubis, dem ägyptischen Gott der Totenriten, aber sowas von. Aber auch sie müssen sich an Tatsachen halten und dürfen nicht spekulieren. Sie brauchen Beweise, im besten Fall chemischer oder radioaktiver Natur.

Und wir? Wir sind Archäologen des Alltags. Wir setzen zusammen. Fabulieren das was wir nicht sehen einfach weiter. Von unseren Mitmenschen kriegen wir ja auch nur einen Bruchteil mit, womöglich nur den Ansatz eines weitergehenden Musters. Aber was sich wirklich außerhalb der sichtbaren Ränder abspielt, aus welchen inneren Motiven, aus welcher Ursuppe die Worte und Handlungen unseres Gegenübers gespeist werden – das entzieht sich unserer Kenntnis. Bis zu einem gewissen Punkt zumindest. Wenn wir Pech haben, dann ist dieser Mensch ein einziger Scherbenhaufen, und dann finde mal raus, welches konkrete Muster er mal gehabt hat.
Egal wie gut man ist, egal, wie tief man gräbt, es bleiben immer Leerstellen. Brachland zwischen den Bauwerken.

Die beiden Bruchstücke von der Baustelle wandern jedenfalls in unsere „Wird-mal-zu-einem-Mosaik-zusammengesetzt-Kiste“. Ich bin sicher, dass ich auf die Reste der ehemaligen Altbauten der gegenüberliegenden Straßenseite gestoßen bin. Bräuchte nur mal ein Labor, um ihr wirkliches Alter festzustellen.

Секретики – kleine Geheimnisse

Die Bonbon-Papierchen (фантики) von der Schokoladenfabrik Roter Oktober haben mich auf eine Idee gebracht. Lange war sie vergessen, diese Sommer-Kleinmädchen-Beschäftigung. Andere, die in Russland der letzten Jahrzehnte aufgewachsen sind, werden sich noch erinnern.

Unser Spiel hieß Секретики (Sekretiki) oder kleine Geheimnisse und ging so:

Man nehme etwas das zu verstecken sich lohnt: Blumen, Blätter, kleine Steine oder eben bunte Papierchen mit schönen Bildern. Dann suche man sich eine Glasscherbe, nicht zu klein. Es ist eigentlich egal, ob aus weißem, grünem oder braunen Glas. (Übrigens habe ich mir nie die Finger an einer solchen gefundenen Scherbe geschnitten, obwohl mich meine Mutter sicher gewarnt hatte, aber wenn das Kind behutsam mit dem Glas umgeht, passiert nichts). Ich weiß übrigens gar nicht mehr, ob sie es als Kind schon gespielt hat. Ich werde sie mal fragen…

Dann suche man sich irgendwo einen Ort, im Hof, im Garten, bei einer Baumwurzel oder im Sand und grabe eine kleine Mulde hinein, nicht zu tief, groß genug für die Glasscherbe und das zu versteckende Gut. Die Erde darf nicht zu festgestampft sein oder zu kalt so wie jetzt, im Februar. Zu matschige Erde geht auch nicht. Es ist eindeutig was für den Sommer.

In diese Mulde lege man den Schatz, decke ihn mit der Glasscherbe zu und schütte die abgetragene Erde wieder drauf. Jetzt kommt der Kinderfinger zum Einsatz und rubbelt an einer oder mehreren Stellen kleine Fensterchen frei, ganz behutsam und vorsichtig. So entsteht das kleine Geheimnis.

Das unterirdische Exponat kann übrigens wieder zugedeckt werden. Es ist ein echter vergrabener Schatz. Man kann das Wissen für sich behalten oder es mit einer Freundin teilen.

Man kann mehrmals am Tag zu der Stelle gehen und mal nachgucken, ob der Sekretik noch da ist oder ob andere Kinder ihn entdeckt und geplündert haben.

Heute würde man das wohl Upcycling nennen. Oder Landart. An diesem Spiel kann man erkennen, wie reich und arm unsere Kindheit war, wenn uns Scherben und Bonbonpapierchen als Spielzeug dienten. Reich an Einfallsreichtum. Arm an online bestelltem Spielzeug. Ich glaube, dass ab einem gewissen Alter, sieben oder acht, die Mädchen das Interesse an diesem Spiel verlieren. Irgendwo im Netz habe ich gelesen, dass das eine rituelle Handlung sei, die Kinder vollziehen, weil sie das, was für sie einen besonderen Wert hat, vor den Augen der anderen und vor den Erwachsenen verbergen, ihr eigenes Reich schaffen. Und einer schrieb sogar, dass bei diesem Spiel die Angst vor dem Tod spielerisch aufgenommen wird.

Aber ich weiß nicht, ich assoziere mit diesem Spiel Sonne, in der Erde graben und diese schönen bunten teilweise glitzernden Papierchen. Für mich ist es reine Nostalgie.

Und wenn das Wetter und die Wärme es erlaubt, werde ich mal Bilder davon machen und eine richtige kleine Anleitung machen. So kann die Tradition des Scherben Sammelns weitergehen.