Stehaufweibchen – Неваляшкa

Неваляшка heißt dieses typisch russische Stehaufweibchen. Es hat ein Glöckchen innen und ist so gewichtet, dass es sich immer wieder aufrichtet. Ein beliebtes Spielzeug für Kinder, obwohl ich mich nicht erinnern kann, dass wir eins hatten. Aber in vielen anderen Familien war das Standard. Diese habe ich in einem Café auf St. Pauli entdeckt. Es standen vier bis fünf davon in einer Vitrine, zum Verkauf angeboten. Die kleinen für 12,- Euro, die großen für 18,-

Unten auf der Verpackung stand: Поиграй-улыбнись (Spiel-Lächle)

Неваляшка bedeutet „Die, die nicht umfällt“, aber валятсья heißt auch herumliegen, im Sinne von faul irgendwo abhängen. Also wenn ich frei übersetze: die die nicht rumgammelt, oder die, die nicht herumfaulenzt.

Kein faules Rumgeliege, aber dennoch kein voranschreiten, dieses Püppchen tänzelt immer auf der Stelle. Orientierungslos. Aber immerhin, ein guter Schwerpunkt.
Kein faules Rumgeliege, aber dennoch kein Voranschreiten, dieses Püppchen tänzelt immer auf der Stelle. Orientierungslos. Aber immerhin, ein guter Schwerpunkt.

 

Ich deutele wieder herum und betreibe Nabelschau. Wenn ich Nabelschau betreibe, merke ich, dass meine Nabelschnur weg ist, klar bin schon über 40, sollte so sein. Aber was ich meine ist, die Verbindung ist weg. Die Verbindung zur Muttersprache und zum Ursprungsland fehlt. Und zu meinen Wurzeln. Immer wieder taucht irgendwo so ein Splitter auf wie dieses nimmerfaule Stehaufweibchen. Diese Puppe gibt es übrigens nur in weiblich. Sie hat kein männlich-blaues Pendant. Zu meiner Zeit gabs sie eigentlich auch nur in einer Größe, diese kleinen gab es nicht. Warum sie wohl in diesem Café stehen, mit dem Namen Kandy. Hier werden Muffins angeboten und Apple Crumble. Ist einer der Betreiber vielleicht Russe oder so wie ich aus Russland?

Vorhin, als ich gekommen bin und meinen Tee bestellt habe, ging mir das heiße Wasser (im russischen existiert übrigens ein Wort eigens dafür, кипято́к, nicht zwei, nicht горя́чийя вода́). Also ich habe mein heißes Wasser umgekippt auf ein Magazin mit dem Namen „The Germans“. Was sehr bezeichnend ist für den Moment. Das Deutsche ist außen. Es ist anerzogen, abgeschaut eingeübt. Meine Wurzeln und mein ursprüngliches Fühlen ist immer noch russisch. Es gibt ein Leugnen.

Mein inneres Kind ist russisch. Fühlt russisch. Und es kommt grade alles hoch. Natürlich besteht kein Zweifel daran, dass ich gerade jetzt hier lebe. In Hamburg, in Deutschland, im Westen. Als Westlerin im Westen wohlgemerkt. Augenscheinlich. Kaum jemand merkt auf den ersten Blick, wo ich herkomme. Das ist ein Vorteil. Ich bin Teil einer offenen, urbanen Kultur ohne politische Zensur und mir einer noch intakten Wirtschaft. Es ist besser so. Dein bestes. Es ist besser für dich. Was hättest du denn in Omsk für eine Zukunft? Es war doch gut für dich, von dort rauszukommen.
Vernunft spricht so und sie hat recht.
Aber.
Es tut trotzdem weh. Es tut weh herausgerissen zu werden aus deiner Kindheit, aus dem Gewohnten. Von Freunden und Verwandten.

Ich war ein Kind und habe das getan, was von mir verlangt wurde. Bin einfach mit.
Es ist grundsätzlich nichts Falsches daran die Heimat zu verlassen, Millionen tun es und taten es und werden es tun. Freiwillig oder gezwungenermaßen.

Was wehtut ist, nicht zurückblicken zu dürfen. Die Vergangenheit ablegen wie einen Mantel, der von Motten zerfressen wird. Keine Trauer zeigen dürfen, nur Dankbarkeit und Erleichterung und Freude darüber endlich im gelobten Land angekommen zu sein. Halleluja! Ich habe damals keinerlei Bedauern gespürt, keine Regung gezeigt, weder auf dem Flughafen in Moskau. Noch auf dem Flughafen in Frankfurt. Abgeschnitten von den Gefühlen. Ich habe nicht getobt. In Watte gepackt. Nicht geweint. Es stand nicht zur Debatte, ob ich bleiben wollte. Kinder gehen einfach mit. Und ich war so vernünftig sie zu schlucken die Pille des Vergessens. Und bin zu einem Stehaufweibchen geworden. Kopf immer erhoben. Augen nach vorne gerichtet, niemals nach hinten. Never look back.

Ausreise 20. bis 22. April 1980

Schwer sich das vorzustellen, aber vor über dreißig Jahren fuhren wir aus Russland weg und kamen nach Deutschland. Nach einem Abschiedsfest, an das ich mich gar nicht richtig erinnere, nur, dass wir ein Foto gemacht haben, ein Gruppenbild und ich stehe da, ganz links, mit zwei langen geflochtenen Zöpfen.

 

Abschiedsfoto 1980

Wir haben zwei Tage gebraucht, um von Taldy Kurgan über Moskau nach Frankfurt am Main zu kommen. Es war nämlich grade Lenins Geburtstag und in der Hauptstadt der UdSSR ging nichts mehr. Alles war geschlossen an diesem hohen Feiertag und wir hingen zwei Tage am Moskauer Flughafen fest. Auf echten 70-Jahre Plastikstühlen in Orange-Braun. Bis meine Mutter rausgefunden hatte, dass es einen Aufenthaltsraum gibt. Mit Liegen und einem Babybettchen. Da konnten wir auch bleiben, nach einigen abenteuerlichen Lügengeschichten. Aus irgendeinem Grund, den nur Erwachsene kennen, durften wir uns nicht zu erkennen geben als das, was wir waren, Aussiedler, Deutsche, die die Sowjetunion verlassen wollen in Richtung Westen. Dann, meinte meine Mutter, würde uns die Wärterin nicht in diesen Raum lassen. Also haben wir ihr eine andere Geschichte aufgetischt:

Wir seien auf dem Weg in die DDR. Mein Vater sei von dort und wir wären einige Jahre in Russland gewesen weil er was aufgebaut habe  und er würde wieder dorthin versetzt. Nun. Ich habe bis dahin das Leben eines normalen sowjetischen Mädchens geführt. Bin russisch sozialisiert worden. Mein Vater konnte zwar deutsch, durfte es aber nicht öffentlich reden. Meine Mutter kein bisschen und wir haben in Sibirien so weit weg von der Verwandtschaft gelebt, dass ich die deutsche Sprache auch nicht gehört habe. Zwar hatte ich ein deutsches Kinderbuch aus der DDR, „Schweinchen Jo“. Und mein Vater hat mir das Lied „Alle meine Entchen“ beigebracht. Und einige Ausdrücke, damit ich mich wehren konnte. Ein dubioses „Igge Zigge Arsch“ Wohl ein Kinderreim. Und „Pfui, Pfui Schande“. Aber ich war weit weg davon, auf deutsch auch nur einen zusammenhängenden Satz zu sagen.

Das grenzt schon an Comedy, wie ich da mit meiner kleinen Schwester allein in diesem Raum mit der Angestellten vom Flughafen geblieben bin und ihr vormachen muss, ich wäre eine Bürgerin der DDR. Was meine Eltern zu erledigen hatten, weiß ich nicht mehr, sie waren weg. Ich habe dann auch mein ganzes Repertoire aufgesagt und durchgesungen. Zu meiner Babyschwester in diesem Gitterbettchen habe ich immer wieder „Pfui, Pfui Schande“ gesagt, ein Glück  hat sie mich mit ihren neun Monaten nicht richtig verstanden. Es hat anscheinend überzeugend gewirkt, denn wir durften bis zu unserem Abflug in diesem Raum bleiben. Ob wir dort auch geschlafen haben, weiß ich nicht mehr. Meine Mutter hat der Frau am Ende noch ihre polischen Lederstiefel und eine Schere gegeben. Als Zeichen ihrer Erkenntlichkeit.

Moskau 1980
1980 – das Jahr der Olympiade in Moskau, ein Wendepunkt in unserem Leben

Bevor wir diesen Raum gefunden haben, haben wir Cafés und Restaurants abgeklappert, um etwas Milch für meine Schwester zu finden. Die ja ein Baby war und eins, dass nicht gestillt wurde. In irgendeiner Bar haben sie uns ein Päckchen Kondensmilch verkauft. Das war das letzte, was sie Russisches im Magen hatte.

Von Moskau haben wir nichts gesehen. Nicht den Roten Platz. Keine Sehenswürdigkeit. Nichts. Wir waren nur am Flughafen. Warum eigentlich? Hatten meine Eltern Angst, den Flug zu verpassen? Wahrscheinlich wurde er immer wieder verschoben und man musste sich alle zwei Stunden erkundigen, wann die Abflugzeit nun endlich sein sollte. Oder sie waren nicht interessiert dran noch mal schnell Sightseeing in Russlands schöner Hauptstadt zu machen?

Unserer Abreise in den Westen gingen zwei intensive Wochen voraus. Denn Anfang April haben die Behörden gesagt, So, nun könnt ihr raus in die Bundesrepublik (w FRG) aber die Abreise muss innerhalb von 14 Tagen erfolgen, sonst bleibt ihr hier. Die ganze Wohnung. Die Hündin. Die Möbel. Die tausend Kunstbücher, und Zeitschriften. Die Pinsel und Farben und die Fotolaboreinrichtung. So schnell haben meine Eltern keine Käufer gefunden. Einige Möbel, unter anderem einen Schlafsessel haben sie verkauft, der Rest wurde einfach verschenkt.  An die Kinder auf der Straße. An Nachbarn.

Es war schade, dass ich nicht gefragt wurde, ob ich gern irgendwelche Sachen mitnehmen würde. Aber so wie ich mich kenne, wurde ich gefragt und ich wusste es nicht, weil ich mich nicht entscheiden konnte.

Und vor der Abreise war ja das Fest, das so ziemlich an mir vorübergegangen ist. Ich weiß nur noch, ich habe hinten im Auto gesessen als wir zum Flughafen abfuhren und durch die Heckscheibe geguckt und gedacht, komisch, jetzt ist sicher ein bedeutsamer Augenblick in meinem Leben, aber ich spüre nichts. Nichts Besonderes. Betrachte nur die Landschaft. Kasachische Bäume, sicher viele Pappeln dabei, Hügel, Grün. Es ist schließlich April. Und Kasachstan war nur eine Zwischenstation. Nicht meine Heimat. Dort haben wir insgesamt nur ein Jahr gelebt. Geboren und aufgewachsen bin ich in Omsk.
Die Kinder in unserer Straße in Taldy-Kurgan kannte ich erst seit kurzem. Ich habe in diesem Jahr keine richtigen Freunde gefunden. Habe oft mit den anderen draußen Ball gespielt, klar. Aber eine beste Freundin hatte ich nicht. Es war also nicht so traurig von da weg zu gehen. Der Abschied ist schon früher passiert.

Ich mich nicht mehr erinnern, wie der Abschied in der Schule war. Im Nachhinein, schon in Deutschland hat mir meine Mutter eine Spravka, ein Bescheinigung der Schule Nummer 8 gezeigt, das mir bestätigt, dass ich, schlecht im Sinne des sozialistischen Gedankens erzogen worden bin. (Weil wir uns ja erdreisten, dieses sozialistische Land für immer zu verlassen.) Als ob mir das auf meinem weiteren Lebensweg im Westen hätte schaden können. Aber wer weiß, vielleicht hat es mich auf einer ganz anderen Ebene davon abgehalten, hier an- und voranzukommen. Also Lehrkräfte der Schule Nummer 8 in Taldy Kurgan, ihr könnt ganz beruhigt sein, ich bin nicht auf die schiefe kapitalistische Bahn geraten. Auch wenn ich den sozialistischen Gedanken auch nicht grade aktiv lebe oder propagiere.

Passfotos haben wir vor der Abreise auch machen lassen. Und ich bin mit meinem Vater auf ein Foto drauf gekommen. Ostmenschenbilder mit Ostmenschenblicken. Als ich mal mit meiner Freundin Usch Anfang der neunziger in St.Petersburg war, habe ich mich à la russe „verkleidet“. Ich wollte nicht als Westlerin auffallen. Habe oft Röcke angezogen und mich mit hellblauem Lidschatten geschminkt. Und hellrosa Lippenstift. Nun ich hatte flache Schuhe angehabt, Punktabzug, gebe ich zu. Auf jeden Fall hat mein Mimikri nicht funktioniert. Später sagte mir jemand, er habe mich an dem Blick erkannt. An dem zu wenig resignierten, aufrechten Blick. Zu forsch habe ich in die Welt geguckt. Nicht so geduckt. Nicht verhalten oder unsteht.

Und es ist wahr, solche Begegnungen mit der Spezies Ost werden immer seltener hier, aber in den Neunzigern habe ich sie immer gewittert. Sofort. Die Neuankömmlinge.  Nicht aus Polen und Ungarn oder so. Die haben sich geändert, haben sich schnell an die Mode und den Lauf der Zeit angepasst. Nein. Spezifisch aus Russland kommende Menschen. Und noch spezifischer Russlanddeutsche. Noch bevor sie den Mund aufmachen. Klar die Klamotten sind grau-brauner gewesen, zumindest bei den Männern. Aber das, woran ich das in der Sekunde merke, woher sie kommen, war der Blick. Dieser grau-braune Blick, wie von vergilbten Schwarz-Weiß-Bildern. Ein wenig resigniert, gewohnt vom Schicksal eins auf den Deckel zu kriegen oder von den Umständen oder von der Staatsgewalt, die auch in Gestalt eines kleinen Schalterbeamten über einen kommen kann. Das gradlinige Durchkommen ist dem Blick fern, dieses: ich fasse einen Plan, schau nach, ob ich genügend Kohle dafür habe und ziehe es durch. Es ist eher der Blick, der oft gehört hat, Нету, haben wir nicht, kommen Sie morgen wieder, und zwar jedes Mal aufs Neue. Und diesen Blick habe ich schon drauf gehabt mit meinen neun Jahren. Aber anscheinend nicht mehr mit 22. Dazwischen ist was passiert. Auch wenn ich nicht glaube, dass ich totalen Anschluss gefunden habe an die Blicke, an das Gehabe der Gleichaltrigen hier, an die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich die Welt nehmen. Ein Stück vom Puzzle fehlt oder ist anders gefärbt. Die ersten, prägenden Jahre, sind in einem Grau-Braun gehalten. Einem Sepia-Ton, den man von alten Fotos her kennt.

Dabei sind meine Erinnerungen an meine ersten Jahre in Omsk, wo ich geboren bin, durchaus bunt. Die rote Kindertasche, die ich bekommen habe. Das blaue Püppchen mit dem Stewardessenkostüm. Die rote Strickjacke und die bunten Kleider meiner Mutter. Nur unser Haus, das ist immer schon grau gewesen. Es steht übrigens in der Straße des 20. April. Lenins Geburtstag zu Ehren. So schließen sich die Kreise.

Schau niemals zurück

Schau nie zurück, denn es könnten Scherben auftauchen, am Rand des Sichtfeldes, dort wo es anfängt unscharf zu werden.
Schau nicht zurück, denn du könntest dich am Auge verletzen und die Welt nicht mehr so wahrnehmen wie zuvor. Durch Einschnitte und Markierungen, von anderen gesetzt, wie Prismen, durch die dann die Realität hindurchschimmert, verformt für den Rest der Zeit. Schau nicht zurück, denn die Rückschau vereitelt dein Vorankommen, du könntest Hindernissen begegnen, die weit zurück reichen und so gewaltig sind, dass du sie nicht umschiffen kannst, nicht ausgraben und nicht einfach überspringen. Denn sie sind aus einem Stoff gewebt, der nicht greifbar ist. Gedanken und Gefühle, Erinnerungen und Vorahnungen. Die sind dran hängengeblieben. Jeder, der vor dir dran vorüberging hat die Sperre höher gemacht und tiefer. Barrikaden aus verkohlten Resten von mehreren Kriegen und Revolutionen und dem einen oder anderen unbedeutenden Genozid, der sich im östlichsten Zipfel von Europa ereignet hat. Fast unbemerkt. Klammheimlich. Ups, der ist uns wohl aus dem Fokus gerutscht, an den Rand der Geschichte, dorthin, wo es verwackelt ist. Schau da besser nicht hin, in dieser Zone lauern Gefahren. Da ist verbrannte Erde, lass die Finger davon. Da winden sich die, denen Unrecht getan wurde und die keine Ruhe finden nach ihrem schmutzigen Tod. Ihre Seelen könnten sich an dich klammern und dich nicht mehr loslassen. Und was tust du dann mit ihnen in deiner Zeit, wo es Twitter gibt und die Posts so kurzlebig sind, wo die Einkaufsmals mit allem aufwarten, was du begehrst und nicht begehrst und der Rest im Internet bestellt werden kann?

dort wo es unscharf wird

 

Kind Komma inneres

Kind, inneres: soll angeblich jeder haben, wird häufig versteckt, verdrängt, verletzt. Annäherung und Befreiung werden dann angestrebt und für viel Geld in Seminaren erkauft. Das innere Kind umarmen. Sich mit ihm aussöhnen. Ich wollte schon schreiben aussühnen. Strange.

Mein inneres Kind hat große Füße – weil es ausgemergelt ist. Die Beine sind so mager, fast nur noch Knochen. Und die Haut ganz blass, als ob es schon lange kein Licht mehr gesehen hat. Es sitzt in einem tiefen Brunnen, zusammengesunken in der Hocke und hat seinen Kopf auf die Knie gelegt. Ich kann nur die Haare sehen, verfilzt und wuschelig. Dunkel und kurz geschnitten.

Habe ich es wirklich in diesem Brunnen zurückgelassen? Auf diesem Schulhof auf der anderen Seite des Flusses Omka? Vergessen und in eine Gruselgeschichte verpackt, die wir uns als Kinder immer und immer wieder erzählt haben. Geh nicht über die Brücke, tritt nicht in den Schulhof auf der anderen Seite des Flusses, schau nicht in den Brunnen, denn dort sitzt das Kind. So oder so ähnlich ging die Geschichte. Kellerkind, Brunnenkind. In dem Märchen vom Froschkönig wirft des Königs Tochter, jüngste den goldenen Ball in den Brunnen. Wieso steht mitten im Wald ein Brunnen? Hat das schon mal jemand geklärt? War da etwa vor langer langer Zeit eine verlassene Siedlung, die von irgendeiner Soldateska plattgemacht worden ist, so dass nur noch der Brunnen übrig geblieben ist? Der Froschkönig eine Kriegstrauma-Geschichte? Oder einfach nur die Geschichte von etwas Verdrängtem. Würde mich nicht wundern.

Zu Frau Holle kommt man übrigens auch nur durch einen Brunnen. Wikipedia sagt dazu: „Der Brunnen selbst befindet sich am Fuße der Weltenesche Yggdrasil, die den Bau der gesamten Welt vorstellen soll. An ihm sitzen die drei Nornen, die den Parzen gleich die Schicksalsfäden flechten.“

Akroschka. Omitschka. Semitschki. Heißen die drei Nornen bei mir.

Es spricht nur russisch. Mein inneres Kind. The inner Child. Was wird es tun, wenn es rauskommt? Und ich habe es manchmal doch rausgelassen. Als ich die alten russischen Kinderplatten gespielt habe, die meine Tante mir geschenkt hat und so heulen musste. Reicht es dem inneren Kind, ab und an rauszukommen aus dem tiefen Brunnen und ein wenig Musik zu hören?

Ich bin Russin. Zur Hälfte. Welche? Wo? Außen Toppits, innen ganz hmhm. Wie ging dieser Werbesong noch mal. Außen Toppits, innen Geschmack. Genau. Der Nachgeschmack von Gestengrütze und roter Beete.

Mein Äußeres ist ganz beherrscht. Deutsch. Teutonisch. Eine deutsche Kruste. Aber was schimmert immer durch? Die rrrussische Seeelle? Die Eingeweide. Bis in die letzten Fasern meines Herzen ist es gedrungen. Das Russische. Lässt sich nicht mehr abwischen. Nur überdecken. Kaschieren. Was? Du kommst aus Russland, das merkt man dir gar nicht an. Nein wieso auch. Aber das innere Kind ist gleich geblieben. Es wurde gefüttert mit russischen Geschichten, russischem Karamell und russischer Sülze.

In dem ich hier schreibe, diesen blog füttere, gebe ich auch dem Kind Futter. Ich hoffe es zumindest. Надеюсь что скоро поправится.

 

Der Brunnen

slawischer_brunnen_klIch denke viel über ein Bild nach, der in den Geschichten von früher und in meinen Träumen oft vorkommt. Der Brunnen.

Mein Brunnen ist meine Kehle. Und die Tiefe des Brunnens ist nicht das eigentliche Problem, auch nicht was unten verborgen ist,  meine Stimme, meine Geschichten und meine anderen Talente.

Das eigentliche Problem ist, jedenfalls ist das Bild sehr deutlich, dass der Brunnen mit etwas zugedeckt ist. Mit einem Brett und einem Stein drauf. Verschlossen ist dieser Brunnen. Wenn ich was preisgebe, von dem was drin ist, begebe ich mich in Gefahr. Es darf nicht sein. Ich habe ein inneres Redeverbot. Das war mir so nicht bewusst. Wundern tuts mich nicht. Nicht nachdem ich diesen Wälzer lese über das Leben in Russland der Stalin-Zeit. „Die Flüsterer“ heißt das Buch. Zurecht. Es war gefährlich kundzutun, nach 1917 besonders, was man dachte, woher man kam, aus welcher sozialen Schicht. Es gab zwei Realitäten, die des Außen, die des Sowjetmenschen und die des Innen, das verdächtige, reaktionäre, private Leben.
Und dieses Verbot, auszusprechen, was innen ist. Die Meinung offenzulegen, für sich und seine Meinung einzustehen, mit dem was man weiß nach außen zu treten, das gilt immer noch für mich. Mit jeder Faser meines Körpers habe ich es verinnerlicht. Das Schweigen. Sich ducken und Mund halten.

oткровенность – otkrowennost’. Ich assoziiere: freiheraus sein, offen die Meinung sagen, nicht verstellt sein. Eine urrussische Tugend. Auch nach 1917? das Wort Blut ist darin, ot krowji, „vom Blut her“ . Na, wohl eher, dass es zu viel Blut gekostet hat, offen zu sagen, was man dachte… Auch wenn die Kollektivierung ökonomisch ein Desaster war. Auch wenn die Versorgungssituation sich nie gebessert hat. Auch wenn die Tante unschuldig im Gulag saß.

Wenn du was sagst, das nicht der SozNorm entspricht, wanderst du in eine Sondersiedlung oder ins Lager oder ins Gefängnis. Oder wirst gleich erschossen, wie wärs damit?

In dem Buch habe ich gelesen, dass die Errungenschaften des Sozialismus, die kühnen Bauten, die Moskauer Metro, der Weißmeer-Kanal, die Transsib, ist nur mit der Kraft der Gefangenen, der Geächteten entstanden sind. Kulak heißt Faust. Und mit diesen Fäusten, fast ohne Werkzeug, haben sie das alles errichtet. Sklavenarbeit.

Und wie wurdest du zum Sklaven? Durch deine zu hohe Geburt (es reichte, dass der Vater Schuster war oder eine Bäckerei besaß!) oder durch deine Ansichten, dadurch, dass dich irgendein übereifriger Linientreuer verpfiffen hat, weil er dein Zimmer in der Kommunalka haben wollte. Denn dieses Flüstern, das Zutragen von Gerüchten, war wohl erlaubt. Armes reiches Russland. Erbaut auf Knochen, von einem Geflüster aus zig Tausend Kehlen begleitet. Dem Chor der Gefangenen.

Aber wie begegne ich diesem Verbot? Wie kann ich meine Geschichte, meine Geschichten erzählen? Wie kann ich mich überlisten? Ich will nicht stumm bleiben.

Stimme – stumm – die Stummen, „nemzy“ also die Deutschen wurden so genannt, die Stummen. Weil sie nicht des Russischen mächtig sind. Mit Gesten sprechen.

Ich finde immer mehr Gründe, warum die Aussiedler so ein Unthema sind. Es sind Fehler gemacht worden. Mistakes have been made. Mehrmals und von höchster politischer Seite. Es wurden keine Abkommen getroffen, oder welche, bei denen sie zwischen die Zeilen fielen. In den Zwanziger Jahren hätten sie nach Deutschland kommen können. Nein, die Position der Weimarer Regierung blieb zu vage. Man wollte es sich mit dem übermächtigen Nachbarn im Osten nicht verscherzen.

In den Vierzigern waren sie schon unterwegs, waren da, und wurden von der russischen Armee zwangs-repatriiert. In den Wirren des Krieges. Wer hätte sich auch um ihre Belange kümmern können? Die Allieierten? Das rote Kreuz?

Und nach 1955, nachdem Adenauer sich um die Rückkehr der Kriegsgefangenen bemüht hat, wurden sie außer acht gelassen, vergessen, ihrem Schicksal überlassen. Das sind Skandale, über die man nicht so gerne spricht. Adenauer, der Erfinder von Haushaltsgeräten. Adenauer mit seinem beleuchteten Stopfpilz. Nicht geschenkt.

Na, und auf der Sowjetseite kann man auch nicht einfach zugeben, dass man die zivilen Kriegsgefangenen für den Bau brauchte, für die Salzgewinnung und fürs Holzhacken. Dass Menschen, nicht nur Deutsche übrigens, aber gern die, waren ja staatenlos, familienweise verschickt und interniert wurden, um zu arbeiten. Auch eigene Leute hat man genommen, war ja nicht zimperlich damals und hat sie schlicht als Kulaken oder später als Volksfeinde, oder als „wurzellose Kosmopoliten“ defamiert. Ohne rechtliche Grundlage, aufgrund von vagen Beschuldigungen. Jeder Deutsche ein Spitzel. Jeder Bauer mit mehr als einer Kuh ein blutsaugender Kulak. Und auch die Kinder. Nein, wenn wir das aufrollen, das ist gar nicht schön, unter den alten Teppich zu linsen, wo sich schon allerlei Gewürm gebildet hat.

Als es um die Lager nach dem zweiten WK geht, schreibt Orlando Figues: „Das Gulag System wuchs sich zu einem gewaltigen Industrieimperium aus, mit 67 Lagerkomplexen, 10 000 Einzellagern und 1700 Kolonien, die um 1949 eine Zwangsarbeiterschaft von 2,4 Millionen Menschen beschäftigten. (verglichen mit 1,7 Millionen vor dem Krieg). Insgesamt stellten Zwangsverpflichtete zwischen 1945 und 1948 schätzungsweise 16 bis 18 Prozent der industriellen Arbeitskräfte in der Sowjetunion.“

Er beschreibt, dass deutsche Kriegsgefangene einen Teil dieser Arbeitskraft gebildet haben, die aber nach 1945 freigelassen wurden. Von den Zivilgefangenen, die aus der Wolgaregion, aus dem Schwarzmeergebiet – kein Wort. Bis 1956 bestand der Zustand der Kommandatur. Danach durfeten sie innerhalb der Sowjetunion frei ziehen. Immerhin.

Das sind so die Geschichten, die nicht hochkommen dürfen. Die sich aber nach vorn drängen. Olle Kamelle. Klebrig und zäh. Und bin ich mutig genug, sie zu erzählen?

Und vor allem, wie verpacke ich sie in ein ljustiges Gewand, so dass sie nicht abstoßend wirken? Wie erzählt man Deportation als Musical? Mit bunten Kopftüchern und schwermütigen Liedern auf einer Mundharmonika? Oder bombastisch, so wie die Eröffnung der Olympischen Spiele in Sotchi vielleicht? (Übrigens auch auf unbezahlter Arbeit gegründet, wieso etwas aufgeben, was so gut funktioniert?)

Die Ufer – Берега

Die Ufer. Ich habe gehört, so heißt ein russischer Film von von 1973. Aber in mir weckt es Assoziationen.

Zwei. Zwei Ufer hat jeder Fluss und so bin ich auch ein Fluss, zwischen zwei Ufern.

Ich habe mich dran gewöhnt, nur auf einem Ufer zu stehen und zu dem anderen nur gelegentlich rüberzulinsen. Manchmal mache ich auch einen kleinen Ausflug ans andere Ufer.

Egal wo ich stehe, ich bin immer vom anderen Ufer. Immer fehlt ein Stück – the missing link.

Als Fluss bin ich beides. Ich streife von den Uferbänken Geröll und Steine ab und kleine Wurzeln und Äste und schwemme sie in meinen Wassern vor mich her. Beides vermischt sich, bildet den Schlamm des Bettes, in das ich nachts meinen Kopf zur Ruhe lege.

Zwischen den Ufern in gutem Gleichgewicht.
Zwischen den Ufern in gutem Gleichgewicht.

Und so schleppe ich die Geschichte und die Geschichten von beiden Völkern mit. Das bedeutet Hänsel und Gretel sind genauso in mir verankert wie die Baba Yaga. Mir fehlen vielleicht Stücke, ich war schon lange nicht in Russland und hab den Hype um die Wächter der Nacht und die Wächter des Tages nicht mitbekommen. Aber das hole ich jetzt nach. Nach und Nach. Mit Paula haben wir die Zerrissenheit diskutiert. Das Uneins-sein der Leute, die zwischen oder mit oder aus zwei Kulturen sind. Es gibt keinen Begriff dazu.

Nur einen abfälligen: Halbblut. Das bedeutet, dass du nicht ganz bist, immer nur zur Hälfte.

не рыба, не мясо – ne ryba, ne mjaso. Nicht Fleisch, noch Fisch. Also Tofu!

Der Begriff: Migrationshintergrund ist unzulänglich und sehr BRD-zentristisch. Von hier aus gesehen, treiben sich im Hintergrund dieser Leute irgendwelche Schemata herum, Wurzeln, nur ganz schwach angedeutet. Es geht nicht um Vordergrund oder Hintergrund. Es geht nicht um innen und außen. Es gibt zwei Mengen, zwei Kulturmengen und die schieben sich ineinander und in der Mitte entsteht ein WAS?

Dort, wo die Mitte ist, da bin ich. Und wenn ich aber eins der beiden Ufer nicht will und nicht akzeptiere und mich nur auf eins stürze, dann gibt es Probleme. Ich kann nie ganz sein. Ich bin abgeschnitten von meinem Lebensmittelpunkt. Ich funktioniere. Bin immer fremd, immer anders. Aber nicht für die anderen. Ich werde mir fremd. Es ist nicht möglich beides gleichzeitig zu leben. Ich kann nur springen. Oder ich kann die Quintessenz bilden zwischen den beiden.

Ich habe Eltern, die a priori zwei Feinde sein müssen. Der Russ und der Fritz. Der Iwan und der Fritz. Wenn ich eins bin, muss ich das andere hassen. Muss misstrauisch sein, der andere ist ein wildes Tier. Kein Mensch. Feindbild. Und dennoch ist ein Zweig von meinem Stammbaum russisch und reicht tief in die Geschichte hinein. Und der andere ist deutsch, bis auf vielleicht die beiden oberen Schichten, die leicht russifiziert sind. Sowjetisch sozialisiert, trotz der Versuche, sich davor zu bewahren. Mit Namen wie Waldemar und Ottilie. Arme Kinder, die die alten Namen mitschleppen müssen. Aber es sind nicht nur die Namen, die sie mitschleppen. Das Geröll hindert sie zu fließen. Es ist ein Sumpf.

Russische Recken auf der einen Seite, germanische Helden auf der anderen. Traurige Helden. Familien, die von Typhus fast komplett ausgerottet wurden. Zwei Kinder sind übriggeblieben. Zwei Mädchen auf der deutschen Seite, ein Bruder und eine Schwester auf der russischen. Das Leid schafft eine traurige Parallelität. Aber was weiß ich über sie? Was kann ich wissen? Die liebe zum Wald? Die Liebe zum Meer? Wenn es wahr ist, was ich vermute, dann ist ein Ur-Ahn von hier irgendwo aufgebrochen, von der Nordsee oder der Ostsee und ist am schwarzen Meer gelandet. Ich kenne es nicht. Noch nicht. Odessa soll sehr schön sein.