„Ein gotisches und absurdes Leben …“

Über die Textsammlung von Julio Camba „Ich tauge nicht zum Deutschen“.

Was ist eigentlich typisch deutsch? Diese Frage wird sehr elegant, sehr eloquent und vor allem sehr witzig von einem spanischen Reporter beantwortet.
Aber nicht jetzt. Sondern …
gehen wir weiter zurück …
wandern wir an der  Corona-Pandemie vorbei, an den ganzen Scharmützel der letzten Jahrezehnte, an der Wiedervereinigung, am kalten Krieg, an einem zweiten Krieg ebenfalls am ersten Krieg und landen im Jahr 1912.

Der spanische Auslandskorrespondent Julio Camba lebte damals zwei Jahre lang in Berlin und in München. Von seinem Aufenthalt in Deutschland ist eine Sammlung von Kolumnen erhalten, die in den Zeitungen La Tribuna und ABC erschienen sind und die nun erstmalig ins Deutsche übersetzt wurden.

Berlin, Friedrichstraße, 1912

„Ich tauge nicht zum Deutschen“ ist alles außer einem Reiseführer – es ist eine Zeitreise in eine fern scheinende Vergangenheit. Man meint, diese versunkene Welt hat nichts mit uns, nichts mit dem heutigen Deutschland zu tun, Spitzhauben und Kutschen sind ja längst passé – bis dieser bissige Beobachter doch den Nagel auf den Kopf trifft und wir uns darin wiederfinden.

Fermentierter Kohl, Frankfurter Würstchen und natürlich das Bier spielen eine immense Rolle in seinen Texten. Dennoch ergeht sich der Autor nicht in Gemeinplätzen. Und wenn dann fügt er sie auf unkonventionelle Weise zusammen.

Um sich an die deutsche Kultur anzupassen, ist vor allem ein eiserner Magen vonnöten. Dies habe ich anderntags einem Landsmann gesagt, der sich innerhalb von zwei Minuten eine riesige Portion Schweinebraten mit Marmelade einverleibte.
– Sie werden es noch zu was bringen. Man wird Ihnen innerhalb kürzester Zeit einen Lehrstuhl an der Zentraluniversität anbieten und man wird nach Ihnen die Haushaltskommission benennen. Zumindest wird Ihnen im Institut für Sozialreformen niemand den Platz streitig machen.
Seite 88

Ein wenig schockiert aber nicht überrascht war ich, wie sexistisch und frauenverachtend die Kellnerinnen während des Oktoberfestes behandelt wurden und mit welcher Selbstverständlichkeit der ausländischer Reporter das wiedergibt. Es ist also nicht nur eine amüsante Lektüre, sondern auch ein Zeitdokument und ein Bild unseres Landes. Der allgegenwärtige Militarismus der Kaiserzeit gibt ebenfalls zu denken.

Julio Camba, * 1884, war alles, nur nicht auf den Mund gefallen. Er war ein formvollendeter Dandy und ein widerspenstiger Anarchist, ein wohlwollender Spötter und spitzfindiger Beobachter. Ein unabhängiger Geist, der sich während des spanischen Bürgerkriegs sowohl über die Faschisten als auch über die kommunistischen Rebellen mockiert hat und der die letzten Jahre seines Lebens in einem Luxushotel residierte.

Das was Wladimir Kaminer rund ein Jahrhundert später macht – launige Kurzprosa über deutsche Eigenheiten aus fremder Sicht zu verfassen – hat Camba bereits vor dem ersten Weltkrieg getan. Bei ihm driften die Beobachtungen oft dermaßen ins Absurde, Surreale, dass ich ihn vielleicht doch besser mit Henri Michaux vergleichen sollte, als mit Kaminer.
Allein wie er beschreibt, dass in Berlin der Neuzeit die Verstorbenen im Automobil auf den Friedhof gebracht werden:

Natürlich ist es den Toten lieber, auf eine langsame und feierliche Art zum Friedhof gefahren zu werden, gezogen von Pferden, deren Kruppe mit einer Schmuckdecke verziert ist und zu den Klängen einer Musik von Anno dazumal. Ebenfalls gefiele es ihnen sehr, wenn ihre Freunde sie auf den Schultern trügen, während die Glocken läuteten. Tote sind sehr zeremoniös veranlagt. Sie sind auch ein wenig theatralisch. Sie wollen ein Publikum, Reden und Kränze. Um einem Toten Gesellschaft leisten zu dürfen, muss man sich mit einem Gehrock bekleidet präsentieren – je älter der Gehrock, desto besser – sich von jemandem einen Zylinder leihen, sich schwarze Handschuhe anziehen und Haltung annehmen.
Seite 43

Stettiner Bahnhof, 1912

Ein anderes Beispiel: Ein deutsches Fräulein kann aus Postkarten aus aller Welt die spanischen in sekundenschnelle ausmachen, da darauf mindestens ein Mensch zu sehen ist, der an einer Laterne lehnt. Aus diesem an-Laternen-lehnen leitet Camba spezifische und prognostische Gedanken über sein eigenes Land ab. Nicht nur die Deutschen bekommen in diesen Kolumnen ihr Fett weg. Auch die Portugiesen, die Engländer, die Franzosen und natürlich: seine eigenen Landsleute.

Es sind Beobachtungen aus einem kurzen Zeitraum, zugegeben, und Deutsche als kompliziert und groß und regelkonform darzustellen ist an sich nichts Neues. Aber die Art und Weise wie dieser Kolumnist es tut, ist originell und sympathisch. Am meisten gefallen haben mir seine ernst (bierernst?) vorgetragenen Vorschläge, wie die sperrige deutsche Grammatik zu umgehen ist.
Als Zugfahren noch normal war, saß ich mit diesem Band im ICE von Berlin nach Hamburg und habe öffentlich Ärgernis erregt, indem ich andauernd auflachen musste. Und das nicht nur einmal.

Was das Buch herausragend macht, ist sicher auch die kongeniale Übersetzung von Andreas Lampert, der beide Sprachen hervorragend beherrscht und sich in beiden Kulturen auszukennen scheint, der spanischen und der deutschen. Auch das Vorwort ist von ihm. Da heißt es:

Nie kommt es in seinen Texten zu einer endgültigen Wertung, Camba wackelt an Podesten, stößt hier und da eine Idee vom Thron, eine Person vom bürgerlichen Ohrensessel, jagt einen König aus seinem Schloss oder zieht einen Kaiser oder einen Bürger an seinem Bart. Aber gleich schlendert er vergnügt weiter, um sich über die nächste alltägliche Wunderlichkeit zu amüsieren und auch sie ins absurde zu wenden, und verliert keine Zeit damit, neue Götzen anzubeten.
Seite 11

Auch der Kaiser Wilhelm wird nicht verschont. Hier bei der Jagd mit Franz Ferdinand, 1912

Da reist Julio Camba also ins wilhelminische Deutschland und es kommen nicht nur witzige, kleine Miniaturen über Bandwurmworte, steife Krägen und enorme, ich möchte sagen, kolossale Schnurrbärte heraus sondern ein überaus skurriles Bild von einem Land, das einiges mit uns zu tun hat und dann wieder nicht.

Es ist für mich spannend zu sehen, wie tief sich Strukturen erhalten, über die Verwerfungen der Geschichte hinweg. Und andere nicht. Und was mich , falls jemand fragen sollte, überhaupt dazu bringt, diese Rezension gerade hier auf diesem Blog zu bringen: unsere Leute arbeiten sich auch seit Jahrhunderten daran ab, was eigentlich deutsch ist und wer eigentlich deutsch ist.

Außerdem waren wir in diesem Land auch mal neu, aus einer anderen Kultur kommend, manche mit Rudimenten einer deutschen Kultur ausgestattet, die nicht mehr up to date war. Auch wir haben gestaunt, wenn nicht über Pickelhauben und die darunter liegenden Glatzen, so doch über andere Aspekte des Deutschseins, die einem nur ins Auge fallen, wenn man oder in meinem Fall, kind irgendwo fremd ist.

Das Buch ist im Regenbrecht Verlag zu erwerben:


Julio Camba
Ich tauge nicht zum Deutschen.
Beobachtungen eines Spaniers in Deutschland (1912–1914)
Übersetzt, herausgegeben und mit einem Vorwort
versehen von Andreas Lampert
Regenbrecht Verlag, Berlin
Softcover, 172 Seiten, 9,90 €
ISBN 978-3-943889-87-1
E-Book: ISBN 9783943889727

 

Unsere kleinlauten Momente

MEINS!, so heißt ein Band mit Erzählungen, das die Autorin Ida Häusser kürzlich herausgebracht hat. Ursprünglich sind einige der Texte in einem Kurs für autobiografisches Schreiben entstanden, doch sind sie weit mehr als bloße Schreibübungen. Vor uns breitet die Autorin erzählerisch gekonnt ihre Kindheit und Jugend im Norden Kasachstans aus, in Aktjubinsk, „einer aufstrebenden Industriestadt am Fuße des Uralgebirges, das bekanntlich Europa und Asien trennt.“

„Aufgewachsen: zwischen mehreren Kulturen, oben die offizielle sozialistische des Kindergartens und der Schule, mit auswendig gelernten Parolen, darunter, in unserer jungen Siedlung, ein Nebeneinander der sowjetischen „Brudervölker“, mit Menschen unterschiedlichster Nationalitäten, Ethnien, Überzeugungen und Stände; Russen, Kasachen, Griechen, Polen, Juden, Koreaner. Menschenmassen, die wie von einer übermächtigen Hand in diese einsame Gegend gesetzt wurden. […]

Und inmitten all des Durcheinanders die dritte Kultur, der heimliche deutsche Kokon – daheim.
[…]

Parallelwelten. Mehrfach parallel.“
S.11

„Meins!“ so lautet der Titel dieses Bändchens. Doch es ist ein stückweit nicht nur „ihrs“ es ist auch „meins“ oder genau genommen: „unser“. Die beschriebenen Themen kennen wir, die wir aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind, nur zu gut. Die Gerüche, die Worte, die Wege und die Schikanen haben sich in anderen russlanddeutschen Familien genau so oder so ähnlich abgespielt. Einiges ist wiedererkennbar, vieles nachvollziehbar.
Worte wie Loskutiki oder Taburetka oder Motozikl.
Tanten, die Mädchen Ratschläge geben. Oder auch diese kleinen süßen Äpfel, die es hier bei uns nicht gibt. Schwärmereien über diese Äpfelchen habe ich in der russlanddetuschen Community schon vielfach gehört und gelesen. Ranetki heißen sie.

Auch über das weitverbreitete Vergnügen sowjetischer Mädchen,   Bonbonpapierchen unter Glasscherben zu verstecken, habe ich bereits hier auf dem Blog geschrieben. Als Kinder, als Mädchen haben wir ebenfalls Sekretiki gespielt, nur einen Tick anders. Auch dieses Spiel kommt in dem Büchlein vor.

In 21 Kapiteln reiht die Autorin lose zusammenhängende Erinnerungsfragmente aneinander und bringt sie in einen Bezug zu ihrem jetzigen Leben. Dennoch ist da keine Ostalgie spürbar, pragmatisch und mit viel Liebe für die Menschen zeichnet sie das Bild der damaligen Zeit. Sie beschreibt ihre ersten Erinnerungen als ein Leben in einem Kokon, wo das Russische sich draußen abspielte und das Deutsche innen. Sie spielt mit Vergleichen und verbindet konkrete Erinnerungen mit Überlegungen über den Aspekt der Heimat oder die Geschichte ihrer Familie.  Ida Häusser befördert Fragmente ans Tageslicht, die unser Gedächtnis nach hinten geschoben hat. Manche Anekdoten erinnern an ein sozialistisches Bullerbü. Sie handeln davon, wie die Kinder selbst gezogene Radieschen auf dem Markt verkaufen oder ein ausrangiertes Schaukelpferdchen heimschleppen, das später beim Brüderchen unterm Weihnachtsbaum landet.

Es sind eben nicht nur sehnsüchtige Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit, wunderbar leicht erzählt, sondern in die Tiefe gehende Momentaufnahmen aus einer verschwundenen Zeit. Es gelingt der Autorin ebenfalls, auf leichtfüßige Weise, die tragische Geschichte hinter den Geschichten zu erzählen, ohne wehleidig zu wirken und ohne anzuklagen.

Meine Mutter sagt immer Wald, wenn sie mit ihren Geschwistern über ihre Kindheit in Archangelsk spricht, auch heute noch. Wie ein Code-Wort. Nie Verbannung oder Sondersiedlung. Gelegentlich sagen sei vielleicht noch Sibirien, wenn sie mit anderen darüber sprechen. Aber untereinander sagen sie immer Wald. Wald, und schon ist alles gesagt.“
S 87

Kulturelle Mißverständnisse ziehen sich durch die Geschichten ebenso wie das Bestreben der kleinen Ida, ihren Weg zu finden. In einem der ersten Kapitel, die sich auch wie kleine abgeschlossene Geschichten lesen lassen, geht es um diese kleinen Äpfelchen, wie sie nur in asiatischen Ländern wachsen und vielleicht noch in Sibirien. Eingebettet ist diese Erinnerung in Überlegungen zum Thema Herkunft und Heimat, deren Aneignung und Verlust:

Ich hatte doch einen Platz, wo ich mich geborgen fühlte, das war im Aktjubinsk meiner Kindheit. Unter unserer Ranetka. […] Mein Vater pflanzte sie in dem Dreieck zwischen den Eingangsstufen zum Haus, dem Durchgang zur Garage und dem Weg zur Sommerküche. […] Ich stellte mir eine Klappliege darunter und schaute den Äpfelchen beim Reifen zu. Auf den Boden daneben legte ich eine alte Zeitung und darauf einen Berg Ranetki, nahm ein Buch in die Hand und tauchte ab.“
S 25

In Deutschland versucht sie dieses Gefühl wieder hervorzuholen und diese Apfelsorte in Baumschulen und Gärtnereien ausfindig zu machen. Bisher vergeblich.

Die letzte Geschichte, die mit den Tulpenfeldern in der Steppe, handelt vom Abschied. Die blühende Steppe ist die letzte Erinnerung der Autorin an ihr Leben in Kasachstan.

Ein gewisser Stolz schwingt in dem Titel des Buches mit, nicht nur über die kreative Umsetzung, sondern im Sinne von: das ist meine Geschichte und ich stehe dazu.
Es gelingt ihr, kleine Momente einzufangen und sie in einen größeren Zusammenhang zu setzen. Sie fragt sich an einer Stelle, ob es nicht die „kleinlauten Momente“ sind, die sich uns besser einprägen. Kleinlaut würde ich diese Fragmente nicht nennen, eher leise aber eindringlich. Sie haben es verdient, sich Raum zu verschaffen und gelesen zu werden. Vielleicht verhelfen sie auch anderen zu einem Tauchgang in die Vergangenheit.

Im Grunde vollführt Ida in diesem Band dasselbe, was ich in diesem Blog seit Jahren versuche, aber statt Scherben sind es bei ihr Loskutiki, kleine Stofffetzen, die sie sorgsam aus dem Nebel der Erinnerung birgt und zu Geschichten verarbeitet. Ich gratuliere der Autorin zu diesem Debut und wünsche ihr, dass sie in Deutschland, oder auch in den Nachbarländern eine Baumschule findet, die ihre Ranetka aus Aktjubinsk kultiviert und verkauft.



Ida Häusser
Meins!, Erzählungen über eine Kindheit im Norden Kasachstans
ISBN-13: 9783744838740

120 Seiten, Books on Demand, 6,99 €, portofrei

Locker flockig aus der Hölle

Was geschieht, wenn sich ein Youtuber des Themas Gulag annimmt? Genau, er redet locker flockig über Minusgrade und vergleicht seine Hightech Kleidung mit der unzureichenden Kleidung der früheren Häftlinge. Aber nicht nur. Der Vblogger Jurij Dudj, der sonst dafür bekannt ist, dass er Promis und Politiker vor die Kamera bittet, begibt sich auf die Spuren von Arbeitslagern im entferntesten Winkel Sibiriens. Er interviewt Mitarbeiterinnen von Gedenkstätten und Söhne und Töchter von Überlebenden.

Am Pol der Kälte herrschen schonmal minus 71 Grad.

Der Film ist reißerisch aber nicht oberflächlich, wie geschaffen für ein Publikum, dass schnelle Bilder gewohnt ist. Diese Doku wurde bisher auf keinem der staatlichen Kanäle der russischen Föderation gezeigt. Aber auf Youtube erzielte sie nach weniger als einem Monat bereits über 13. Millionen Zuschauer*innen. Eine coole, sehr, sehr coole Aktion, lieber Jurij Дудь.

Normalerweise bitter der Vblogger Jurij Dudj Promis, Politiker oder Sportler auf ein Gespräch vor die Kamera.

Jurij Dudj gibt zwei Gründe dafür an, dass er und sein Team sich diesem schweren Thema zuwenden: zum einen, hat eine Erhebung in der russischen Föderation letztes Jahr festgestellt dass fast die Hälfte der jungen Leute zwischen 18 und 24 Jahre noch nie etwas von stalinistischen Repressionen gehört haben. Zum anderen möchte er dieser Angst auf den Grund gehen, sich ja nicht hervorzutun oder irgendeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die besonders unter den älteren Generationen weit verbreitet ist. Und er vermutet den Grund dieses duckmäuserischen verhaltens in der Verschickungen, die besonders in der Stalinzeit jeden und jede willkürlich treffen konnten. So zum Beispiel die Eisverkäuferin, die ihren Freunden ein Eis ausgegeben hatte und versäumt hatte am Ende des Arbeitstages das fehlende Geld in die Kasse zu tun.

Ivan Panikarow begann vor 37 Jahren Zeitzeugenberichte zu sammeln. Es entstand ein Museum – in seiner eigenen Wohnung.

Leider gibt es diesen Film bisher nur in russischer Originalausgabe, aber hier eine Version mit Untertiteln auf Englisch:

Eine Geschichte hat mich besonders berührt. Es ist die Geschichte der Musikers und Komponisten Wsewolod Zaderatsky, der einsitzen musste, weil er Soldat der Weißen Armee gewesen war und außerdem den Zarensohn Alexej in Musik unterrichtet hat. Bei seiner dritten Verhaftung hat die GPU alle seine Kompositionen vernichtet. Jedenfalls hat dieser Komponist in seiner Verbannung in Kolyma zwischen 1937-39, auf irgendwelchen Papierfetzen (eigentlich Telegrammvordrucken), ohne Klavier seine 24 Préludes komponiert. Später wurden sie aufgeführt. Insgesamt umfasst das Material etwa 2,5 Stunden.

Hier sind einige Minuten daraus, Prélude No. 16:

Und hier die ca. 10-minütige Aufnahme der Prélude No. 1, interpretiert von Jascha Nemtzow, der diesen Komponisten entdeckt hat und der selbst Sohn eines Gulaghäftlings ist:

 

Tag X – Welttag der Poesie

Als krönenden Abschluss hatte ich eigentlich vor, ein Poem von Marina Zwetajewa hier zu posten.
Leider habe ich festgestellt, dass ihre Lyrik unübersetzbar ist. Außerdem fragte mich gestern jemand, was die Zwetajewa, die ja im Exil in der Tschechoslowakei und in Frankreich gelebt habe mit deutsch-russischer Lyrik zu tun habe.

Nun. Sie sprach deutsch. Ihre Mutter, die Pianistin Maria Mein, entstammte einer deutschen Familie und einer polnischen Adelslinie. Und nach dem Tod ihrer Mutter ging sie in einem Internat in Freiburg zu Schule, was sie sehr geprägt hat.

„In mir sind viele Seelen. Doch meine Hauptseele ist eine deutsche“, schrieb Marina Zwetajewa in ihr Tagebuch.

Ihre Gedichte und Prosa hat sie in russischer Sprache verfasst, abgesehen von deutschen, französischen und lateinischen Einsprengseln. Aber einige Briefe, besonders die Briefe an Rilke, den sie verehrt hat, schrieb sie auf Deutsch.

„Rilke war mein letztes Deutschland, wie ich sein letztes Russland war … meine geliebte Sprache, mein geliebtes Land, wie für ihn Russland, die Wolgawelt.“

In einem Brief von 1925 schreibt sie an ihn:
Dichten ist schon übertragen, aus der Muttersprache in eine andere, ob französisch oder deutsch wird wohl gleich sein. Keine Sprache ist Muttersprache. Dichten ist nachdichten. Darum versteh ich nicht, wenn man von französischen und russischen etc(etera). Dichtern redet. Ein Dichter kann französisch schreiben, er kann nicht ein französischer Dichter sein. Das ist lächerlich. Ich bin kein russischer Dichter und staune immer, wenn man mich für einen solchen hält und als solchen betrachtet. Orpheus sprengt die Nationalität, oder dehnt sie so weit und breit, dass alle (gewesenen und seienden) eingeschlossen sind.

Foto: Marina-Zwetajewa-Museum Moskau

Hunderte Briefe wechseln die beiden Sich-Nie-Begegnenden bis zu Rilkes Tod im Dezember 1926.
Hier ein Ausschnitt aus einer Elegie auf sie von Juni 1926:

O die Verluste ins All, Marina, die stürzenden Sterne! Wir vermehren es nicht, wohin wir uns werfen, zu welchem Sterne hinzu! Im Ganzen ist immer schon alles erzählt. So auch wer fällt, vermindert die heilige Zahl nicht. Jeder verzichtende Sturz stürzt in den Ursprung und heilt.

Rilke war wohl auch von ihr angetan, vielleicht bis zu dem Moment, an dem sie ihn heiraten wollte. Unbesehen. Eine faszinierende Frau mit, wie gesagt einer Sprache, die sich in ihren Wortspiellauten, ihren klangmalerischen Nuancen, ihren stakkatoartig klatschenden Zeilen kaum umsetzen lässt. Oder zumindest nicht an einem regnerischen Nachmittag… Weil ich aber nicht loslassen kann, nehme ich doch ein oder zwei kurze Gedichte und setze sie hier ein,  wie das von 1918:

Кто дома не строил…

Кто дома не строил –
Земли недостоин.

Кто дома не строил –
Не будет землею:
Соломой – золою…

  • Не строила дома.

Die offizielle Übersetzung lautet:

BAUT EINER KEIN HAUS – 
Spuckt die Erde vor ihm aus.

Baut einer kein Haus –
Wird er nie zur Erde:
Erst Stroh, dann Asche im Herde …

Ich baute kein Haus.

***

Mir gefällt nicht, dass die Erde vor mir/ihr ausspucken soll. Deshalb wandle ich es jetzt um und übertrage wörtlich:


Wer kein Haus gebaut…

Wer kein Haus gebaut
hat die Erde nicht verdient

Wer kein Haus gebaut,
wird nie zur Erde
wird erst zu Stroh, dann zu Asche

– Ich habe kein Haus gebaut.


Es gibt noch ein schönes Gedicht von ihr über Ruhm und Lob und die Stille. Aber an der Übertragung ins Deutsche muss ich noch feilen.

Nun ist also der Tag X und hier ist die schöne Reihe zu Ende. Viel ist es um Erde gegangen, um Vergangenes um die Sehnsucht nach Heimat. Aber nicht nur. Und nicht alle, die mit ihrer Lyrik aus der russischen, deutschen, deutsch-russischen und russlanddeutschen Sphäre hineingepasst hätten, sind hier zu Wort gekommen. Deshalb wird es in unregelmäßigen Abständen an manchen Freitagen eine lyrische Fortsetzung geben. Vielleicht habe ich auch die Zeit, manche der russischen Gedichte in Lautschrift zu transkribieren. Mal sehen. Aber nicht morgen. Morgen ist Pause.

Zum vorläufigen Abschluss noch ein Abschiedsgedicht von Marina Zwetajewa:

Прости
Нине

Прощай! Не думаю, чтоб снова
Нас в жизни Бог соединил!
Поверь, не хватит наших сил
Для примирительного слова.
Твой нежный образ вечно мил,
Им сердце вечно жить готово, –
Но все ж не думаю, чтоб снова
Нас в жизни Бог соединил!


Verzeih*
für Nina

Leb wohl*! Ich denke nicht, dass Gott uns
je in diesem Leben wieder zusammenführen wird!
Glaub mir, unsere Kraft reicht nicht aus,
um ein versöhnliches Wort zu sprechen.
Dein zartes Antlitz bleibt mir ewig lieb,
mein Herz ist bereit dafür zu leben – ewig,
Trotz allem denk ich nicht, das Gott uns
je in diesem Leben wieder zusammenführen wird!

*Verzeih (Прости, Prosti) und Leb wohl (Прощай, Proschaj) haben einen ähnlichen Wortstamm, wen wunderts? Mich nicht.

Jeden Tag ein Gedicht – 20. März

Wiege

Mir wurde nicht in die
wiege gelegt die heimat,
eher die verbannung in
den ural. kein gedicht
von heine, sondern das
von mandelstamm. keine
»prawda« wurde mir
vorgelesen, sondern ein
blatt aus der bibel vom
samisdat. keine schuh-
rede gehalten von nikita
chrutschow, nur die berg-
predigt vom »Pik Lenina«.
man hat mir den mund
nicht stopfen können
mit wodka noch selbst-
gebrannten samogon,
sondern mit kuss, einem
kuss, dann stutenmilch
als aperitif. ein gedicht
fuhr mir über die lippen,
danach blutete das herz.
paar brosamen und ein
gebet in platt gaben ihr
bestes zur nacht. wera,
nadeschda, ljubow, meine
drei schwestern, kicherten
auf einem ofenbett vorm
einschlafen. sie fanden
das leben noch heiter. ich

träumte fragil: was wird
mir wohl beim aufwachen
dann in die erdgruft gelegt?


Andreas Peters, geboren 1958, lebt in Bad Reichenhall und Salzburg (Österreich).

der vielbesungene russische Ofen, oft mit einer Liegefläche, oben, wo es schön warm ist…

aus Rum & Ähre, einem Gedichtband, der 2018 im chiliverlag erschienen ist.

Andreas Andrej Peters, Rum & Ähre, Gedichte
ISBN 978-3-943292-69-5, 120 Seiten
chiliverlag, Euro 10,90
Hier steht, was die Lyrikgesellschaft über dieses Buch schreibt:
http://lyrikgesellschaft.de/ueber-die-zuwendung-der-welt-andreas-andrej-peters-neuer-gedichtband-rum-aehre/

Jeden Tag ein Gedicht – 19. März


Auch hier schreibt die Dichterin vorwiegend auf Russisch. Und ich habe mir erlaubt, eins ihrer Gedichte zu übertragen. Aber natürlich ohne dass sich bei mir Klangpaare bilden.

собери меня назад

Вот попалась в руки критику
ну так что ж
разберет меня по винтикам
не соберешь

а ломать – не строить
так ведь говорят
да на все есть Божья воля
собери меня назад

собери меня назад
по словам
по строчкам
я хочу быть целою
вот и все
точка

Рената Вольф


setz mich wieder zusammen

so bin ich also in die Hände eines Kritikers geraten
was solls
er wird mich auseinander nehmen – Schräubchen für Schräubchen
unmöglich wieder zusammen zu setzen

und zerstören ist nicht aufbauen
wie sie sagen
für alles gibt es einen Willen Gottes
setz mich wieder zusammen

setz mich wieder zusammen
in Worten
in Zeilen
ich will wieder ganz sein
mehr nicht
Punkt

Renata Wolf, geboren 1955, lebt in Duisburg

Gedicht des Tages – 18. März

Das folgende Poem namens „Erde“ hat der in Berlin lebende Dichter Alexander Schmidt ursprünglich auf Russisch verfasst. Ich habe es ins Deutsche übertragen.

Земля

Я забыл совсем
Когда в последний раз
Трогал землю
Не ту
Что мертвеет под асфальтом
А прежнюю
С детства знакомую
Живую
Родную
Забытую

Здесь
На кладбище
У свежего холмика
С испугом сердечным
Прикоснулся к ней
И чудо нежданное —
Живая
Горячая ,—
Твоя ответная ласка

***

Erde

ich habe völlig vergessen
wann ich das letzte Mal
Erde berührt habe
Nicht die Erde
die unter dem Asphalt vor sich hinstirbt
Nein, die frühere
mir von Kindheit an vertraute
lebendige
heimatliche
vergessene

Hier
auf dem Friedhof
bei dem frischen Hügel
berührte ich sie
mit klopfendem Herzen
Und welch unerwartetes Wunder –
sie war lebendig
warm –
eine zärtliche Antwort von dir


Alexander Schmidt, lebt in Berlin

Gedicht des Tages – 17. März

Zum heutigen Tag mal ein Lied von Rosa Pflug –  im Walzertempo.

Denk an mich
Text: Rosa Pflug, Musik: Friedrich Dortmann

Dir gehören alle Lieder,
alle Blumen blühn für dich.
Und sie raunen, und sie flehen:
Denk an mich, ja denk an mich.

Wenn die Rosen blühn,
wenn die Wolken ziehn,
wenn der Wind
deine Stirne küsst —
so denk an mich.

Jedes Jahr ist ein Kalender —
viele Blätter sind daran.
Viele Blätter, viele Tage —
jeder ist ein Talisman.

Wenn die Rosen blühn,
wenn die Wolken ziehn,
wenn der Wind
deine Stirne küsst —
so denk an mich.

Und es eilt im Zeitgetriebe
unser Leben schnell vorbei.
Unvergänglich ist die Liebe,
aber kurz der Lebensmai.

Wenn die Rosen blühn,
wenn die Wolken ziehn,
wenn der Wind
deine Stirne küsst —
so denk an mich.


Rosa Pflug, 1919-2016
Die folgende Webseite entstand zu Rosas 100-jährigen Geburtstag, um der Nachwelt ihre bisher unveröffentlichten Werke zur Verfügung zu stellen. Erzählungen, Lyrik und ein weiterer Liedtext sind hier versammelt: http://rosa-pflug.de/

 

Gedicht des Tages – 16. März

Am ewigen Feuer


Mein Vater

                     trägt im Mai
                                             beim Siegesfest
an seinem Anzug
                                     keinen Siegesorden.
Er fällte
             kein Gewehr
                        im heißen Sturm nach West.
Er fällte
                 Nadelholz
                                           im kalten Norden.
Was sind schon
                          grüne Nadeln
                                                     im Vergleich
mit stählernen
                             und scharfen Bajonetten!
Und dennoch
                         wird der Vater
                                                       totenbleich,
wenn wir
                  im Park
                                   ans Ewige Feuer treten.

Am Tag des Sieges werden in Russland Blumen am Ewigen Feuer abgelegt.

Robert Weber (* 1938 in Pawlowski-Possad, Oblast Moskau; † 2009
in Augsburg)

 

 

Jeden Tag ein Gedicht – 15. März

Im Fili-Park

 für J.

Ich heilte meine Seele
mit der Suche nach Sinn,
mit Andeutungen,
mit Intertext,
mit Autorenfilmen…
Doch es stellte sich heraus, dass
mir nur der senffarbene Rock fehlte,
den wir — ich und du —
während eines Spaziergangs
im Vorübergehen gekauft haben,
und das vergessene Gefühl des Fluges
auf der Schaukel
im Fili-Park.

*

Moskau einen halben Tag hinter sich lassen,
weiter auf dem Rücken schwimmen
als die Distanz von der U-Bahn-Station zur Arbeit,
die Sandkörnchen, aus denen
der Sand besteht, wahrnehmen
und aus den Muttermaler
auf dem Unterschenkel meines Liebsten
den Großen Wagens
entdecken.

Elena Seifert


Lesende im Fili Park. Suchen sie auch Seelenheil?

В Филёвском парке

Ю.

Лечила душу
поиском смыслов,
аллюзиями,
интертекстом,
авторским кино…
А оказалось, не хватало
юбки горчичного цвета,
случайно купленной
на прогулке
с тобой,
и забытого ощущения полёта
на качелях
в  Филёвском парке.

*

Оставить на полдня Москву,
проплыть на спине больше,
чем путь от метро до работы,
разглядеть песчинки,
из которых состоит песок,
и обнаружить на голени любимого
ковш Большой Медведицы
из родинок.

Eлена Зейферт


Aus dem Band Namen der Bäume

***
Dr. Elena Seifert lebt und arbeitet in Moskau, die deutschstämmige Dichterin, Übersetzerin und Literaturkritikerin ist Initiatorin verschiedener  Publikationen, Wettbewerbe und Veranstaltungen für russlanddeutsche Literatur in Russland. Im Jahr 2008 verteidigte sie ihre Doktorarbeit («Жанровые процессы в поэзии российских немцев второй половины XX – начала XXI вв.», dt. Genre-Prozesse in der Poesie der Russlanddeutschen in der zweiten Hälfte des 20. und dem Beginn des 21. Jahrhunderts.) an der Moskauer Lomonossow Universität.