Ein Träumer mit offenen Augen

Was hat einer der bekanntesten deutschen Künstler des Jugendstils mit Russlanddeutschen zu tun?
Nun, er starb so wie viele von ihnen, in der Verbannung in der kasachischen Steppe. Vor genau 80 Jahren, im Juni 1942.

Noch gibt sich dandyhaft, Heinrich Vogeler als junger Mann

Der aus dem Bremer Bürgertum stammende Vogeler, um die Jahrhundertwende gefeierter Künstler des Jugendstils und einer der Begründer der Kunstkolonie Worpswede, wandelte sich nach dem ersten Weltkrieg zu einem glühenden Utopisten sozialistischer Ideen.

Nach 1919 nutzte er sein Haus in Worpswede für die Errichtung einer Kommune mit angeschlossener Arbeitsschule und einer Schule und einem Zufluchtsort für mehrere Dutzend Kriegswaisen.

Seit seinem Wandel ist sein Werk und Wirken eher unsichtbar – er ist zwar keine Persona nongrata wie noch zur Nazizeit, blieb aber lange Zeit ein Eisen, das man lieber nicht angefasst hat. Nicht so gefeiert und bekannt wie ein Rainer Maria Rilke oder eine Paula Modersohn-Becker. Mit denen er gut befreundet war. Er hat Rilke erst nach Worpswede geholt.

Liebe, Radierung, 1896

Nach einigen Reisen und Besuchen ist Vogeler 1931 endgültig in die Sowjetunion emigriert. Er war in Mittelasien Leiter der Propagandaabteilung und entwickelte monumentale Komplexbilder zur Glorifizierung des Sozialismus. Später war er bei einem deutschen Kolchos-Sowchos-Theate (auch Kollektivisten-Theater genannt) bei Odessa für die Herstellung von Puppen und der Kulissen zuständig. Die Landschaftsaufnahmen und Menschenskizzen, die er auf seinen Reisen in der gesamten Sowjetunion gemalt hat, sind großartig. Gekonnt und Modern. Weit weg vom Jugendstil oder Art Deco. Aber für das Regime sollte er soz-realistisch malen. Sogar die Komplexbilder wurden den Machthabenden im Kreml zu „bürgerlich-feudalistisch“.

So sieht ein von Vogeler gemaltes Komplexbild aus:

Kulturarbeit der Studenten im Sommer, 1924, 320 × 228.6 cm

Vogeler hat bis 1941 das Leben eines normalen deutschen Exilkommunisten geführt und sogar eine neue Familie gegründet. Doch dann wurde er von der sowjetischen Nomenklatura mit anderen Deutschen zu einer Sammelstelle gebracht und nach Kasachstan deportiert.

Am 30. September kam Vogeler nach einer langen beschwerlichen Reiseim Kolchos 1. Mai, Poststation Kornejewka, Bezirk Woroschilow, Gebiet Karaganda, Kasachische SSR an, wo er mit acht anderen in einem winzigen Zimmer hauste. Total verarmt und geschwächt, ist er fast 70-jährig im Sommer 1942 im Krankenhaus des Kolchos »Budjonny« gestorben.
Es gab vorher Versuche, ihn zu retten. Eine Freundin hat bei Molotoiv seine Rückreise nach Moskau erwirkt, aber er hatte kein Geld für die Überfahrt. Ein Freund schickte ihm Geld, aber auch das kam zu spät.

Melusine oder die Meerjungfrau war ein wichtiges Motiv bei Vogeler. Wandlerin zwischen den Welten. Wie er.

Es heißt, dass Wilhelm Pieck, ebenfalls kommunistischer Exilant in Moskau und der spätere Präsident der DDR, sich für ein einsetzen und ihn aus der Verbannung befreien wollte. Doch Vogeler habe abgelehnt. Einfach so.
Und zwar mit der Begründung, solange nicht alle Deutschen gleichbehandelt würden, käme das für ihn nicht in Frage.
Dieser Moment verquickt sein Leben noch einmal mit denen der verbannten Russlanddeutschen. Sogar mein Vater kann sich aus Erzählungen anderer an diesen Moment erinnern und erzählt es wie eine Heldengeschichte: „Einmal hat einer sich für uns eingesetzt. Einmal ist jemand für uns eingestanden.“

Betonung auf ein Mal.

War er wirklich so großmütig und wollte keine Sonderbehandlung? Würde zu einem Idealisten wie Vogeler schon passen.

Oder steckte was anderes dahinter? Es kann auch sein, dass er Pieck eine Absage erteilt hat, weil er nicht zugeben wollte, dass seine Idee, sein Traum in eine Sackgasse geraten war. Dass sein gerechter großartiger Staat nichts anderes war als eine menschenverachtende Diktatur. Es wäre ein Einknicken, ein Aufgeben seines Traums von einem idealen Leben gewesen, wäre er zurückgegangen, eine persönliche Kapitulation. Hat er deswegen lieber den Tod gewählt?

Das ist bisher jedoch reine Spekulation. Ich möchte seine Erinnerungen lesen. Seine erste Frau Martha Vogeler hat in Worpswede ein Archiv mit seinen Schriften anlegen lassen. Aber sind die letzten Erinnerungen aus Kasachstan auch dabei? Ich würde gern wissen, ob Vogeler bis zum Schluss an seinen Idealen festgehalten hat oder ob es ihm klargeworden ist, dass zumindest zu dieser Zeit und in diesem Land die von ihm erträumte Utopie nicht Wirklichkeit geworden ist?

Sein künstlerischer Stern am Jugendstil-Himmel, seine Rezeption im Nachkriegsdeutschland ist bald verblasst.

Es gab zwar Ausstellungen seiner Werke, unter anderem 2016 in Kasachstan, Theaterstücke (zum Beispiel 2008 unter der Regie von Tankred Dorst) und Bücher, die meisten antiquarisch zu erwerben. Dennoch ist er nicht so präsent in unserer Kulturwelt, wie andere Worpsweder Künstlerinnen und Künstler. 2015 wurde in Karaganda außerdem ein Gedenkstein eingeweiht, in Kooperation mit der dt. Botschaft, dem Verein Barkenhoff-worpswede und der russlanddeutschen Vereinigung „Wiedergeburt“, die seit den 1960er Jahren aktiv ist.

Gedenkstein Heinrich Vogeler in Karaganda, 2015 eingeweiht


Sein Schattendasein ändert sich aber auch hierzulande, im Mai kommt eine Doku über Vogeler in die Kinos. Außerdem ist in Worpswede ab dem 27. März diesen Jahres eine Sonderausstellung zu seinem Schaffen anlässlich seines 80sten Todestages entstanden.
Der Besuch lohnt sich bestimmt: https://www.worpswede-museen.de/barkenhoff/heinrich-vogeler.html

Der Trailer zu der Doku: „Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers“ Kinostart: 12.05.2022

Dieses Filmchen ist ein bisschen ausführlicher, 6 Minuten mit Trailer am Schluss



Und von wegen, es ist bis heute nicht bekannt, wo er begraben liegt. Steht so bei Wiki. Wirklich.

Aber Fakt ist, dass Worpsweder Bürger seit Anfang der 90 immer wieder nach Kasachstan gereist sind, um nach Vogelers Spuren zu forschen. Dort haben sie mit Hilfe einer Pflegerin, die ihn damals im Krankenhaus betreut hat, seine Grabstelle auf dem Friedhof des Dorfes Choroshewskoje ausfindig gemacht und ließen ein großes Holzkreuz errichten.

So vielfältig und scheinbar widersprüchlich waren seine Stationen. Düsseldorfer Kunstakademie, Worpswede, Moskau, Taschkent, Odessa, Karelien, und schlussendlich Kornejewka bei Karaganda. Der die Märchen Oscar Wildes illustriert und später markige Arbeiter-Sprüche eines Johannes R. Becher in Form gebracht hat?

Er, der befreundet war mit Rilke oder Modersohn-Becker.
Der Kunst und Leben verquicken wollte, neu gestalten in all seinen Ausprägungen, vom Aufbau eines Hauses bis zu kleinsten Details. Da war der Aufbau einer utopischen Gesellschaft doch nur konsequent.

Der sich in jungen Jahren wie ein Dandy und Romantiker gab und dann zu einem asketischen Kommunisten wurde, der mit anderen wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit in der Verbannung wiederfand. Bei Wiki steht tatsächlich, er wäre „1941 evakuiert worden. Und starb im sowjetischen Exil“.

Es ist immer wieder erschreckend, wie gern dieser Teil der Geschichte übersehen oder nicht zur Kenntnis genommen wird.

Es wird Zeit, dass Vogeler in der kulturellen Landschaft endlich, den Platz einnimmt, der ihm gebührt. Als visionärer Träumer und als unermüdlich kreativer Künstler. Nicht nur als Liebling des Bürgertums und Begründer des deutschen Jugendstils.


Aus feldgrauer Zeit

Was hat die Farbe von Uniformen mit Kunst zu tun? a) Mit Graphit lässt sich graue Soldatenkluft gut darstellen. b) Es gab zur Zeit des WKII eine eigene Kunst- und Propaganda-Staffel, die in den Feldzügen eingesetzt war. Auch in Russland. Feldgrau ist die Bezeichnung deutscher Uniformen im ersten Weltkrieg und auch später bei der Wehrmacht. Das habe ich jetzt gelernt.

Im Frühling hat ein User oder eine Userin, das ist bei den heutigen Namensgebungen nicht immer ersichtlich,  auf der Plattform livejournal.com Portraits ins Netz gestellt von russischen Kriegsgefangenen, die von deutschen Künstlern ausgeführt wurden.

Sie stammen aus einem Buch, das in deutscher Sprache erschienen ist, um das die User*in zunächst ein großes Geheimnis gemacht hat.

Es sind sehr eindringliche Bilder, von ausgezehrten Gesichtern, müde, resigniert. Aber wenn der NS Propaganda-Feldzug den slawischen Untermenschen zeigen sollte, so hat er versagt. Die Charaktere sind klar, die Gesichter authentisch, naturalistisch und nicht zur karikaturistischen Physiognomie verzerrt.

Hier geht’s zum russischen original Blog bei livejournal. (Bis 2018 gab es einen Zugang zum Blog. Der ist jetzt leider ausgeschaltet oder nur nach einer Anmeldung erreichbar.)

Die Autorin, ich denke die ganze Zeit, dass es eine Frau sein muss, vielleicht wegen des Icons bei livejournal, schreibt, dass das Leiden der sowjetischen Kriegsgefangenen nach der Befreiung, nachdem sie das Grauen überlebt haben, Arbeitssklaven oder überzählige Mäuler zu sein, noch weitergegangen ist. Denn die Sowjetunion hat sie nicht mit offenen Armen empfangen, sondern als Volksverräter behandelt und gleich in das nächste Lager gesteckt. Denn ein Soldat der roten Armee ergibt sich nicht. Daran muss ich auch denken, wenn ich diese Gesichter sehe. Die Wahrscheinlichkeit, dieses doppelte Joch zu überleben war wohl sehr gering.

Da ich zunächst nicht herausfinden konnte, um welches Buch es sich handelt, habe ich versucht, mehr über die gelisteten Künstler zu erfahren.

Einige gehörten zu dem nationalsozialistischen Kulturestablishment, wie der 1885 in Berlin geborene Franz Eichhorst, dessen Werke Hitler sogar in seiner privaten Kunstsammlung besaß, er malte auch ein Lieblingsgemälde des Führers. Andere waren kurz nach dem Krieg nach Schweden ausgewandert, wie der aus dem Sudetenland stammende Olaf Jordan oder sind durch die Bekanntschaft mit Franz Kirchner zur Kunst gekommen (wie Hans Sauerbruch), wieder andere wurden nach dem Krieg Lehrer an einer Waldorfschule, arbeiteten als Grafiker und Illustratoren, verfielen dem Alkohol oder gerieten in ganz Vergessenheit.

Wenn es über diese Maler eine biografischen Notiz im Netz gibt, so steht da oft der Zusatz „XY war Mitglied in der Staffel der bildenden Künstler.“ Das war eine Eliteeinheit der Wehrmacht, die in Polen, Frankreich und Russland stationiert war und einen Bestandteil der Propagandamaschinerie bildete.

Von den meisten, deren Landschaftsskizzen jetzt zu Spottpreisen in Auktionen verscherbelt werden, heißt es lapidar, sie seien Maler des 20. Jahrhunderts gewesen.

Es ist schon bezeichnend, was alles in den Kommentaren unter dem russischen Post steht. Da ist Bitterkeit den deutschen Malern gegenüber, die den Luxus hatten, mit Pinsel und Farben an die Front zu gehen, während die russischen Mütterchen ihre verhungernden Kinder beerdigten. Da ist sogar ein Leugner der Vergasungen in Auschwitz zu finden, der behauptet, der Schlot wäre erst im Jahr 1948 errichtet worden. Aber viele erkennen darin einen wertvollen Beitrag und sehen, dass die Wehrmachtsoldaten-Künstler hinter die Fassade geblickt und nicht nur den Untermenschen hervorheben wollten.

Mittlerweile ist es klar, bei dem antiquarischen Buch handelt es sich um Kunst und Propaganda in der Wehrmacht, von Veit Veltzke, erschienen bei Kerber 2005 oder 2006.

Propaganda_1

Nach dieser fulminaten Vorgabe seitens SOGENTEBLX (so der Name desr User*in) bin ich neugierig geworden und möchte mehr davon kennenlernen als nur die Zeichnungen.

Obwohl die es in sich haben, hier eine Auswahl:

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Max Ahrens, Sowjet…(unleserlich), 1942


Walter schmock, Sowjetische Gefangene, Winter 1942/43
Walter Schmock, Sowjetische Gefangene, Winter 1942/43


Franz Eichhorst, Ohne Titel
Franz Eichhorst, Ohne Titel

Gerade eben habe ich diese Zeichnung von Eichhorst an anderer Stelle im Netz wiederentdeckt. 2011 wurde ein Online Archiv aufgemacht mit einigen Münchener Ausstellungen von 1937 bis 1944. Da firmiert es unter dem Titel: Gefangenen Bolschewisten. Tja. Damit kommen ganz andere Töne durch.  Das ist Täterjargon, der Gruppen mit einem Sammelwort benennt und abewertet. Der Bolschewist. Der Iwan. Der Russe. Neulich erst hörte ich: Ich kenne den Russen und ich trau ihm nicht so’n Stück! Sie stecken noch in uns drin, die alten Feindbilder samt den passenden Bezeichnungen.


Albert Janesch
Albert Janesch, Sammelpunkt der Kriegsgefangenen bei Stalingrad, 1942


Olaf Jordan,
Olaf Jordan, Ohne Titel, 1943


Heribert Losert,
Heribert Losert, Ohne Titel


Olaf Jordan,
Olaf Jordan, Ohne Titel, 1943


Max Ohmayer
Max Ohmayer, Ohne Titel, 1941

 

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