Out of Karaganda

‚Ritas Leute‘ ist ein Dokuroman der Journalistin Ulla Lachauer von 2002. Karaganda und Kehl sind nur zwei der vielen Stationen der Familie Pauls, die mit dem Strom der Aussiedler nach Deutschland kommen. Die Autorin lernt die Studentin Rita Pauls Anfang der Neunziger kennen und mit ihr eine ihr fremde Welt und ein unbekanntes Stück deutscher Geschichte. Sie beschließt, die Lebenswege der Familie zurückzuverfolgen und darüber einer breiten Öffentlichkeit zu berichten. Lachauer wohnt Familienfesten bei, begleitet Rita, wenn diese als Sängerin auftritt und unterhält sich mit deren Großmutter. Die Journalistin besucht die russlanddeutsche Familie aber nicht nur in Kehl sondern reist mit Rita zu den Orten, die für die Familie von Bedeutung sind, darunter Karaganda in Kasachstan oder das ehemalige deutsche Dorf Lysanderhöh.
beautyful Karaganda at its best

In der ersten Hälfte war ich begeistert von Ulla Lachauers Buch. Es ist gut recherchiert und nah an den Menschen erzählt. Das einzige, was ich ihr vielleicht vorwerfen kann ist, dass sie die Familie Pauls zwar nicht direkt vorführt, aber als befremdliche  Exoten darstellt. Ihr Zugang zu unserem Thema erfolgt aus der Distanz, ist aber nicht despektierlich, dachte ich zunächst.

Und so früh, also schon Mitte der Neuziger hatte sich hier im Westen niemand so richtig für uns interessiert, dann kommt sie und begleitet eine junge Frau aus russlanddeutscher Familie in die verschiedenen Sphären ihrer Familiengeschichte. Nach Kasachstan in die Ukraine, nach Sibirien und auch nach Kanada.

Anfangs gibt es eine kurze Episode über den russischen Begriff Knochen waschen. (Мыть кости/косточки). An einer Stelle sagt Rita, sie war mit einer Freundin unterwegs, sie hätten „Knochen gewaschen“. Das ist eine russische Wendung und bedeutet so etwas wie Lästern, über jemanden herziehen. Im Deutschen gibt es eine ähnliche Redewendung: sich bis auf die Knochen blamieren.

Beim Lesen beschleicht mich der Eindruck, dass es keine echte Dokumentation ist, denn dafür positioniert sich die Autorin zu gern selbst zu den Neuankömmlingen und ihrer Lebensart. Sie bleibt nicht neutral und eigentich ist es ein Buch über sie selbst. Lachauer kann sich einfach nicht verkneifen zu urteilen und kann sich nicht in die Lage der Familie versetzen. Da ist Empathie, aber wir bleiben das für sie: unbegreifliche Fremdlinge. Aber ist es ein echtes Knöchelchen waschen? Wohl eher auch nicht.

Sie hat natürlich ein Recht darauf ein persönliches, nicht neutral beobachtendes Buch zu schreiben. Aber sie macht sich auch nicht die Mühe, Schlüsse zu ziehen, zwischen dem was diese Menschen erlebt haben und dem, wie sie drauf sind.

Zwischen der Autorin und ihren „Objekten“ tut sich immer mehr eine Kluft auf. Beispielsweise äußert sie sich fast beleidigt über das Desinteresse der russlanddeutschen Familie am Fall der Berliner Mauer 1989. Sie leben in ihrem eigene Universum und nehmen kaum Notiz davon. Das verübelt sie Ihnen sehr.
Erst habe ich es nicht glauben, dann nicht wahrhaben wollen, aber es ist so, bis heute: der dramatische, unblutige Zusammenbruch der Nachkriegsordnung ist für sie nebensächlich! Darin liegt – für mich – die schockierendste aller Fremdheiten zwischen den Pauls und mir. […], dass sie das Überwältigende, mit dem sie existenziell durch ihre Ausreise, verbunden sind, nicht mitdenken und mitempfinden können. Ich werde mich an diesen Herbst 1989 zeitlebens nicht ohne Herzklopfen erinnern können. S. 238

So what, sind die Pauls nicht erst 1989 ausgewandert? Dann haben sie sicher andere Sachen im Kopf gehabt als den Fall der Mauer. Und ich erinnere mich, politisch haben wir in der ersten Zeit auch wie unter einer Glocke gelebt. Nicht wie mündige Bürger, die sich aus Zeitung und TV über das Weltgeschehen informieren und es vor allem ständig kommentieren. Es wurden Manty gemacht. Es wurde sich getroffen. Deutschkurse besucht. Sich an die Bürokratie gewöhnt. Auch unsere Welt war überschaubar und schloss globale Ereignisse von weltbewegender Bedeutung aus.

An einer anderen Stelle fragt Lachauer, welchen Bezug die Russlanddeutschen zur Heimat hätten. Und wenn, dann wäre deren Heimat doch eindeutig an der Wolga. Was eher naiv und kurz gedacht ist und nicht für alle zutreffen kann. Diese und andere Bemerkungen führen sicher nicht dazu, dass dieses Buch von der community akzeptiert wird.

Vor Jahren muss ich das Buch schon einmal gelesen haben. Ich erinnere mich an die Bilder. Jedoch konnte ich damals mit dem Inhalt wohl nicht so viel anfangen. So lese ich es dieses Jahr wie zum ersten Mal. Gut, es ist überarbeitet, aber die Ausgabe von heute ist identisch mit meinem Taschenbuch von 2002.

Ich finde den geschichtlichen Rahmen, das Forschen nach der Verwandtschaft und was sie an den Orten wiederfinden höchst aufschlussreich. Vieles davon war selbst mir unbekannt.
Einiges war mir geläufig:

Die ersten Karagandiner waren Erdmenschen …S.129

Das soll bedeuten, die Verbannten, nicht nur Deutsche, wurden in der Steppe ausgesetzt, ohne Häuser, ohne Zelte oder Baracken. Sie haben sich Erdhütten gebuddelt und die erste Zeit unter der Erde gelebt.

So beschreibt sie die Entstehung und Entwicklung der Stadt Karaganda, die Zivil- und Kriegsgefangene in der kasachischen Steppe praktisch aus dem Nichts heraus gestampft haben. Sie lässt die Großmutter aus der Zeit nach der Revolution erzählen und vermittelt mir ein reiches Bild in einer deutschen Siedlung in diesen bewegten Zeiten. Vieles ist gut beobachtet, bis in die abweichenden Redewendungen und andere Sprachliche Blüten Ritas und ihrer Sippe.

wir sind anders – und unsere Tomaten auch. Karaganda

‚Karaganda‘ ist übrigens auch eine Tomatensorte. Im Buch geht es viel um Tomaten von dort. Ritas Mutter schafft es, eine Fleischtomate aus Kasachstan in Kehl heimisch zu machen.

Wie gesagt spätestens ab der Mitte des Buches, blieb beim Lesen ein schaler Nachgeschmack zurück. Besonders in der Art, in der sie uns als Gruppe bewertet. Distanziert freundlich, aber wie etwas gänzlich Fremdartiges. Wie Käfer in einem Reagenzglas.

Schon auf Seite 16 schreibt die Autorin über die „russische Nachtigall“, wie sie Rita nennt:

Bei aller Zuneigung blieb eine gegenseitige Scheu, das Bewusstsein des Ungewöhnlichen. Mein Mann und ich waren die einzigen „richtigen Deutschen“, mit denen Rita und Irene [eine Freundin] verkehrten. Sie waren die einzigen Russlanddeutschen, mit denen wir verkehrten.

Dabei beteuert Lachauer bei einem Interview in der Vereinszeitschrift der Landsmannschaft im Jahre 2004, sie möchte folgendes weitergeben, nämlich‚ dass es DIE Russlanddeutschen nicht gibt, sondern eine ungewöhnliche Vielzahl von Herkünften, Verhaltensweisen in der Sowjetzeit, Ausreisemotiven etc. Warum sie zu uns gehören, obwohl sie fast 200 Jahre in russischen Kontexten gelebt haben und viele die Sprache und Kultur ihrer deutschen Vorfahren verloren haben. Es geht darum, sich ganz konkret vorzustellen, was den Deutschen dort in der Stalin-Zeit widerfahren ist.‘

Sie plädiert für mehr ‚Verständnis für das Leben unter dieser östlichen Diktatur, den Alltag z.B. in einem Kolchos. Und natürlich sind solche Defizite nicht von heute auf morgen zu bewältigen, das ist eine Riesenherausforderung, das dauert, man braucht viel Geduld.‘

Um im selben Jahr genau diese Vereins-Zeitschrift in einem Artikel in DER ZEIT so vorzuführen: Im redaktionellen Teil von ‚Volk auf dem Weg‘ – der Titel nimmt Bezug auf die historische Wanderschaft – geht es um anderes. Im Wesentlichen um drei Punkte: 1. Wir sind deutsch! 2. Wir haben gelitten! 3. Wir bringen mehr ein, als wir kosten! Allmonatlich dieselbe Litanei, manchmal zornig, manchmal auch wie ein Schrei. Alles ist richtig und zugleich wirklichkeitsblind.

Sie scheint eine der wenigen zu sein, die diese Rückwärtsgewandtheit und das Pochen auf die nationale Zugehörigkeit so früh kritisiert hatte, die der LmDR und vielen ihrer Landsmänner eigen ist.  Was stört mich daran? Auch mich befremdet das ewige Pochen auf die nationale Zugehörigkeit und ich habe die ewige Opferrolle ebenfalls satt.

Aber es ist wohl nicht ganz so einfach. Außerdem sind in der jüngeren Generation andere Themen und andere Befindlichkeiten aufgetaucht. Die Beobachtungen von 2004 treffen nicht mehr in allen Punkten zu.

Als ich meinem Vater mein Exemplar des Buches zu lesen gab, hat er sich doch sehr aufgeregt über die Überheblichkeit der West-Autorin. Er fühlte sich schlicht verkannt. Nicht alle seien so, wie sie sie beschreibt. Das waren seine Worte. Sie hat sich eine einfach Familie herausgepickt, die auch in der Sowjetuinion unpolitisch war und erwartet, dass sie sich für so ein Ereignis wie die Wiedervereinigung mehr interessieren als die Setzlinge in ihrem Garten.

Auf jeden Fall ist das Buch ‚Ritas Leute‘ wohl eher nichts für die ältere Generation. Aber eine ausführliche Einführung in die Wanderungen der Russlanddeutschen und ein Bild davon, wie es war, als so viele von ihnen Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger nach Deutschland gekommen sind. Gefahr eines zu hohen Blutdrucks!

Die Pauls sind mit Häuschen und Garten, mit Oma und russischem Tante-Emma-Laden sicher eine Vorzeigefamilie. Was wäre passiert, wenn ich 1993 eine Autorin wie Ulla Lachauer getroffen und die sich für unsere Geschichte interessiert hätte? Welche Knöchelchen hätte sie bei uns gefunden?

Und was Rita Pauls betrifft, ich würde ja gern wissen, was sie heute so macht. Ihre digitale Spur verliert sich nach 2012. Ich würde sie fragen, wie sie das empfunden hat, dass Ulla Lachauer so über die Familie geschrieben hat. Das Verhältnis zu der Journalistin scheint seit 2004 sichtlich abgekühlt, sie hat sich anderen Themen zugewandt – nicht mehr über uns Erdmenschen geschrieben. Ob Rita immer noch singt?

Ulla Lachauer

Ritas Leute

Eine deutsch-russische Familiengeschichte

Rowohlt Verlag, Reinbek 2002
ISBN 9783498039103
Gebunden, 432 Seiten, 19,90 EUR

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Spruch der Woche: Seelen aus Glas

Großer Bruder, was ist denn die Seele? Nichts?
Ist sie vielleicht wie Glas?
Glas ist durchsichtig und bricht leicht. Das ist einfach so. Man muss vorsichtig sein, wenn man einen Gegenstand aus Glas berührt. Wenn er Risse bekommt oder bricht, dann kann man ihn nicht mehr benutzen und muss ihn wegwerfen.
Früher gab es Glas, das nicht zerbrach. Es war durchsichtig und trotzdem stabil. Da musste man gar nicht nachprüfen, aus was es gemacht war.
Aber wir haben bewiesen, dass wir eine Seele besitzen, in dem wir uns zerstören ließen. Wir haben gezeigt, dass wir aus echtem Glas sind.

Han Kang, Menschenwerk, Seite 129, 2014 in Korea erschienen,
2017 in deutscher Sprache  im Aufbau Verlag

by candi fitzpatrick, McMurdo Alternative Art Gallery (MAAG) McMurdo Station Antarctica, January 2007

Han Kang webt in ihrem Roman Geschichten um einen Aufstand in einer südkoreanischen Stadt im Mai 1980 als eine Militärjunta eine Studenten- und Arbeiterrevolte gewaltsam niederschlug. Sie beschreibt dieses uns  wenig bekannte Kapitel asiatischer Geschichte auf so eindringliche Weise aber dann wieder so abwesend poetisch, dass es unwirklich-klarsichtige Züge bekommt. Wie ein Klartraum oder ein Stück Überrealität. Sie zeigt, wie Menschen durch Gewalterfahrung zerstört werden, aber auch wie sie in Zeiten heftiger Aufruhr über sich hinauswachsen.

Korea bildet zwar nicht unbedingt den Fokus dieses Blogs, aber die Erfahrung von staatlicher Gewalt und ihrer Wirkung auf diejenigen, die sie durchleben und ihr weiteres Leben sind universell. 2016 hat die Autorin  mit ihrem Roman „Die Vegetarierin“  für Furore gesorgt, mit dieser Hommage an die Opfer der Gewaltexzesse in Gwanju hat sie ein großartiges Werk vorgelegt. Darin lotet Kang aus der Sicht von sechs unterschiedlich Beteiligten die tiefen Unwasser aus, in die Menschen geraten, wenn sie mit programmatischer Gewalt in Berührung kommen.

Der Roman berührt, doch wie kann sie nur auf poetische Weise über so unsagbare Dinge schreiben? Aber wie anders sollte sie es tun?

In einem Epilog beschreibt Kang, wie sie zu diesem Stoff gekommen ist. Als Kind hat sie ein Erwachsenengespräch belauscht, darin ging es um die Nachmieter der Familie in besagtem Gwangju und deren halbwüchsigen Sohn, der in der Zeit des Aufstandes verschwand. Aus diesem persönlichen Anknüpfungspunkt heraus geht sie auf Spurensuche und erzählt die Geschichte des 15-jährigen Dong-Ho und des Geschwisterpaares aus dem Anbau des Hauses und drei weiteren Beteiligten. Die Basis des Romans bilden also reale Personen und ihre Erlebnisse.

HAN KANG
Menschenwerk, Aufbauverlag, 2017, € 20,-

I’m a British man in – Moskow

Es gibt Bücher über Russland, die werden geschrieben mit Liebe und Respekt, aber sie sollten nicht von Leuten gelesen werden, die ein wenig Ahnung haben von diesem Land und seiner Geschichte. So ein Buch ist ‚Ein Gentleman in Moskau‘ des Amerikaners Amor Towles. Es ist letztes Jahr auf den deutschen Markt gekommen.

Gut erzählte Story, gefühlig, hat aber mit der Realität eines Moskau nach der Oktoberrevolution so wenig zu tun wie Wassermelonen mit Fellkapuzen.

Super Roman. Wie gesagt. Nur könnte er genau so gut auf dem Mars spielen. Statt dessen spielt er in einem Luxushotel, wo ein irgendwie französischstämmiger Küchenchef die erlesensten Speisen auf die Goldrandteller zaubert (mit passenden Weinen in passenden Kelchen dazu), während die Hungersnot weite Flächen des Riesenlandes durchflutet. Der Maitre muss nur ein bisschen improvisieren und Hühnchen nehmen statt Rind. Die Zeiten haben sich eben geändert.

Die Rahmenhandlung: Nach der Oktoberrevolution kehrt Graf Rostow aus dem Ausland an die Newa zurück und wird – o Wunder, nicht hingerichtet. Er kommt auch nicht ins Gefängnis oder in ein Lager, sondern ins Metropol unter der Bedingung, dass er das Luxushotel nicht verlässt.

In diesem Kammerspiel trifft er auf verschiedene Gäste und erlebt kleine poetische Abenteuer. Innerhalb der Hotelmauern selbstverständlich. Er ist ja eingeschlossen, kann aber tun und lassen was er will und wird nicht überwacht. Die haben ihn wohl vergessen. Naja, war ja auch so viel los damals.

Unbehelligt schickt er Boten durch Moskau, empfängt alte Freunde, hängt philosophischen Vergleichen nach und liest die Essays von Montaigne.

Nicht wenige Clischés werden bedient. Troikas und Schnee und schöne Damen mit Jagdhunden und klirrende Gläser. Ja, Poet-Revoluzionäre, die bei einer Sitzung Gläser vor Begeisterung zerwerfen. Woher kommt bloß diese unausrottbare Idee, die es nur im Westen gibt, dass alle Russen Gläser an die Wand werfen? Skandal!

Huch! Ai verbibscht!

Die Manieren der Grafen sind vortrefflich. Er hat nie jemandem was Böses getan. Behandelt alle Bediensteten mit Respekt. (Wieso wurde die herrschende Klasse in Russland gleich abgeschafft, wenn die alle so gut waren?) Der Graf wird, trotz seiner aristokratischen Herkunft, also respektvoll behandelt, als gäbe es nicht die Umwälzung. Der Terror passiert in den Fußnoten. Nicht in den teppichausgelegten Fluren des Metropol.

Der adlige Protagonist besitzt noch einen ganzen Batzen Gold, so gut versteckt, dass die Bolschewiken nie im Leben drauf kommen. Die sind so doof. Proleten halt. So kann er speisen, und seinen Bart stutzen lassen und führt ein gemächliches Leben, bis…

Diese Geschichte ist so konstruiert, dass sogar die schönen überraschenden Begegnungen und herzerwärmenden Wendungen an mir abprallen, wie Gläser an der Wand.

Der Autor Amor Towles soll ein Händchen für historische Stoffe haben, aber das revolutionäre Russland hat er nicht verstanden. Moskau und die Ereignisse sind nur gemalte Kulisse. Vielleicht wäre es leichter gewesen, das Metropol nach London zu versetzen. Oder nach Manhattan der 20ger Jahre?
Oder nach Bangkok. Oder in eine entfernte britische Ex-Kolonie.

Dem Grafen Rostow vor Weihnachten Dickens Klassiker mit Ebenezer Srcooge als Lektüre zu verpassen, ist ja das reine Aufstülpen seiner eigenen Kultur auf eine andere, mein Bester Towles! Unverzeihlich, ich muss schon sagen. Passiert Ihnen an einigen Stellen. Waren Sie überhaupt schon mal in Russland? Zu Sowjetzeiten? Mal drüber gelesen, wie das so war?

Oder kann sich jemand vorstellen, dass eine Schauspielerin 1922 alle ihre Pariser Seidenklamotten (wo hat sie die denn her?) voller Wucht aus dem Fenster der Hotelsuite wirft, stundenlang heult, bis sie sich beruhigt hat und dann seelenruhig runtersteigt, um sie alle wieder aufzusammeln? Vielleicht in einem Dorf in Nord-Schweden, wo auch die Räder nicht abgeschlossen werden.

Aber ansonsten, gut geschrieben. Nur hätte er in seinem Kulturkreis bleiben sollen. Nun. In gewisser Weise ist er das auch.

Zitat:
‚Wer hätte damals geglaubt, als du zu Hausarrest im Metropol verurteilt wurdest, dass du eines Tages der glücklichste Mensch Russlands sein würdest?‘

Wie makaber. Fragt die Kinder von deutschen Kominternmitarbeitern, die im Hotel Lux eingesperrt leben mussten. Die würden ganz andere Dinge erzählen als dieser Gentleman.

Frost im Frühling – Erzählungen von Rūdolfs Blaumanis

Um die Mittagszeit fahre ich mit dem Rad öfter an einem Laden vorbei, so wie es sie eigentlich gar nicht mehr gibt. Ein Briefmarkengeschäft, bei dem die Auslage mit Staub bedeckt ist und dessen Besitzer, ein Gerhard Schröder, schon vor Jahren angekündigt hat, aufzuhören. Innen stapeln sich Kartons, aus denen Alben quellen, draußen stehen zwei Kisten mit antiquarischen Büchern. Diese beiden Kisten sind möglicherweise die einzigen Exponate, die Laufkundschaft – also auch mich –  gelegentlich anziehen. So habe ich bei Gerhard Schröder einen Reiseführer für die Stadt Riga ergattert und zwar aus der Zeit vor der Wende. Darin überschwarz gedruckte Monumentalbauten und Soz-Sprech der übelsten Sorte. Aber darum geht es mir in diesem Beitrag nicht, sondern um den lettischen Nationalautor, dessen Namen ich erstmals in diesem Reiseführer las: Rūdolfs Blaumanis.

Rūdolfs Blaumanis klang für mich nach einem eingelettischten deutschen Namen, danach, dass es da einen ursprünglich deutschen Autor gab, der usurpiert wurde, weil in diesem sowjetfreundlichen Reiseführer alles Deutsche aus der lettischen Geschichte ausgemerzt worden war. Wie sehr ich mich darin getäuscht habe, sah ich aber erst, als ich den 2017 erschienenen Band mit deutschsprachigen Erzählungen von Balumanis in der Hand hielt und auch die Anmerkungen der Herausgeber gelesen habe.

Vilhelms Purvitis, Vorfrühling, 1898 – 1899

Es ist zwar richtig, dass Rūdolfs Blaumanis (1863–1908) einen deutsch-baltischen Ursprung hatte, doch er gehörte nicht zur Oberschicht der deutschen Großgrundbesitzer. Als Sohn eines Dienstmädchens und eines Kochs wuchs er zweisprachig auf so einem großen Gut auf und kannte sich auch in der Welt der lettischen Bauern aus. Als Rūdolfs ein Kind war, existierte Lettland noch nicht als eigenständiger Staat: die Kultursprache war damals das Deutsche und Lettisch die Umgangssprache für die ländliche Bevölkerung.

Die ersten Prosastücke schrieb Blaumanis dementsprechend auf Deutsch und veröffentlichte sie auch in deutschsprachigen Zeitungen. Doch mit der Zeit ging er dazu über, Texte auf Lettisch zu verfassen und seine eigenen Arbeiten selbst zu übersetzen – und zwar vis versa. Deswegen und auch wegen der traditionellen Sujets gilt Blaumanis heute als einer der  Begründer lettischen Literatur. Wohl auch deshalb wird er  von den Herausgebern des Buches als Autor von kanonischem Rang gefeiert. Wobei mit Kanon hier Maßstab gemeint sein dürfte.

Das Ineinander der Sprachen und das Nebeneinander der Kulturen ist jedenfalls bezeichnend für ihn und macht ihn zu einem Schriftsteller, der über das Nationale hinausgeht, auch wenn er thematisch die Felder und Bauernhöfe Lettlands kaum verlässt.

Das Buch ‚Frost im Frühling‘ erschien zwar erst im letzten Jahr, aber geschrieben wurden die Erzählungen zum Teil vor mehr als einem Jahrhundert. Nahezu alle ausgewählten Texte spielen in einem ländlichen Umfeld und entführen uns in eine archaisch anmutende bäuerliche Welt, in der reiche Greise junge Mädchen unglücklich machen und mittellose Burschen versuchen, durch Heirat ihr Glück zu finden. Und  scheitern. Sonst wären es keine psychologischen Kurzgeschichten.

Eine eine der Erzählungen beginnt so:

Erlauben Sie mir einige Fragen: Würden Sie, wenn Sie ein draller, lettischer Bauernjüngling wären, eine dralle, lettische Bauernjungfrau zur Frau nehmen, nicht deshalb, weil Sie selbige unsagbar lieben, sondern weil ihr von elterlicher Seite ein Pferd im Werte von ungefähr achtzig Rubeln mitzugeben versprochen wird? Nein? Gut. S 39

In einer anderen wird das Verhältnis zwischen einem baltendeutschen Grafen und seinem lettischen Pächter beschrieben:

Der Graf zog sich hinter den Speisetisch zurück. Der Mann konnte am Ende dennoch Transtiefel haben, und für diesen Fall bedeutete eine Entfernung von vier Schritt immerhin einen Vorteil. Außerdem ließ er sich von Leuten mit einiger Bildung nicht gern die Hand küssen. Der Tisch stellte also eine stumme Ablehnung des Handkusses dar, falls der Wirt [=Bauer] Takt genug besaß, dies zu bemerken. Im Korridor schob der Graf gewöhnlich die Hände auf den Rücken, indem er dabei freundlich „nicht nötig, nicht nötig“, sagte. Aber er hatte dabei immer ein unangenehmes Gefühl und erschwerte daher, so viel er vermochte, die Ermöglichung solcher Szenen. S 178

Die Novelle ‚Frost im Frühling‘ ist vollständig hier  auf einem anderen Blog zu lesen. Allerdings nicht in derselben Übersetzung wie in dem hier besprochenen Buch. Aber dafür in ganzer Länge…
Wer sich für weitere baltische Bücher interessiert, hier ist ein Link dazu.

Der Schriftsteller gemalt von Janis Rozentāls

Obwohl diese Geschichten in einer längst untergegangenen Zeit spielen, mutet die Sprache nicht allzu zäh oder altertümlich an. Doch sind da manche Vokabeln, manche Einsprengsel, die aus einer baltischen Paralellwelt stammen. Als wären sie konserviert worden, auf einer vom Festland abgespaltenen Insel. Auf der einige Worte von der Sprache der Umgebung beeinflusst worden sind.

Kleiderkleete heißt hier die Holztruhe, ein Gesinde ist ein Bauernhof und der Meistbot eine Versteigerung. Der Spann ist beispielsweise ein Eimer und wurde vom lettischen spainis abgeleitet. Es sind vielfach typische Begriffe aus dem Baltischdeutschen, die herausstechen und eine besondere Färbung der Sprache bilden – alle werden in Fußnoten erklärt.

Nach dem Kirchgang, ebenfalls gemalt von Janis Rozentāls

Hier entdecke ich so etwas wie eine Parallele zu der Sprache einer anderen abgeschlagenen Bevölkerungsgruppe, den Deutschen in Russland. Auch sie bildeten sprachliche Inseln, vermischt mit der Landessprache und verwendeten Begriffe, die es in Deutschland so nicht mehr gab. Außerdem wird bei Blaumanis in Rubel bezahlt und in Werst gemessen. So wie drüben auch.

Die Novelle ‚Im Schatten des Todes‘ (Nāves ēnā) handelt von Fischern, die auf einem riesigen Eisstück auf das offene Meer treiben und lieferte die Vorlage zu einem Spielfilm von 1971. Diese Ausnahmesituation ist wie geschaffen für eine psychologische Studie der verschiedenen Charaktere. Sie bildet gleichzeitig die Kulisse für einen Katastrophenfilm und ein Kammerspiel.

Extreme Situation. Abgetrieben auf dem Eis.  Nāves ēnā, 1971

Dieser Band aus dem AISTHESIS Verlag ist eine Entdeckung, hebt er nicht nur den Schleier zu einer untergegangenen Welt, sondern auch zu einer hierzulande noch nicht so vielbeachteten Kultur. Wirklich wahr, wir leben in einem Land, in dem die Namen der drei baltischen Staaten und deren Hauptstädte nicht selten durcheinander gewirbelt werden. Tallinn? Wo war das noch? Was liegt noch gegenüber von Finnland? Dabei sind es Nachbarn von uns.

Ich für meinen Teil werde dank des Reiseführers von Riga und dank der blaumanschen Reise in die lettische Vergangenheit zumindest einem Land seine Hauptstadt immer zuordnen können.

Rūdolfs Blaumanis: Frost im Frühling
Die deutschsprachigen Erzählungen,
herausgegeben von Benediks Kalnačs und Rolf Füllmann
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2017, 325 Seiten
ISBN 978-3-8498-1256-0, € 17,80

Ohne Ende, aber mit Anfang – Follower, Eugen Ruge

Nun wollte ich mal ne Pause von russlanddeutscher Literatur machen und habe einen neuen Roman von Eugen Ruge angefangen, der als Science Fiction besprochen und relativ kontrovers aufgenommen wurde.

Follower heißt das Buch und ist 2016 erschienen. Spielt aber 38 Jahre später.

Als russlanddeutschen Autor würde ich Ruge nicht bezeichnen. Er hat zwar eine russische Mutter und einen deutschen Vater, dieser war mit seiner Familie nach der Revolution nach Moskau gegangen, weil sie Kommunisten waren. Nicht Kolonisten von der Wolga. Ruge wird zwar in einem Dorf im Ural geboren, zieht aber als Kleinkind in die DDR und wächst dort auch auf.


Eugen Ruge

Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, um mit diesem Werk warm zu werden. Die Sprache hat es mir schwer gemacht. Der Untertitel heißt 14 Sätze über einen fiktiven Enkel“ und ist Programm. Es gibt kaum Punkte, aber dafür um so mehr Kommata. Ein Satz pro Kapitel. Das ist eine stolze Leistung.

Die Geschichte mäandert durch Sätze ohne Ende, über Seiten und Seiten und kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen. Der fiktive Enkel heißt Nio Schulz und ist so eine Art Vertreter auf Handlungsreise in China. In der Zeit, in der das Buch spielt, heißt das Land der Mitte aber HTUA-China und Nio ist Manager und zuständig für den Vertrieb von etwas, das ich nicht verstehe. Schuhe ohne Schuhe, für ein Barfußgefühl beim Laufen.

Doch nach immer wieder querlesen und wieder anfangen, hat mich das Buch gepackt. Nicht weil es ein Roman über die Zukunft ist, wahrscheinlich wird im Jahr 2055 sowieso alles anders sein, so rasant wie die Entwicklung sich vollzieht, sondern weil er eine Zuspitzung des Jetzt darstellt.

Jetzt verstehe ich warum Nio keinen Punkt findet. In einem fortwährenden Strom bekommt er News und Werbung auf seine Datenbrille gesendet. Ununterscheidbar und auf ihn persönlich zugeschnitten. Er ist multimodal vernetzt. Er wird ständig eingebunden und das von außen Kommende vermischt sich mit seinen Gedanken.

Irgendwo stand, dass der Autor ein Smart-Phone-Verweigerer ist und deshalb diese Darstellung nicht realitätstreu gelingt. Mir scheint, Ruge ist die Kritik dieser Technologie sehr wohl gelungen, und zwar so, dass sie Angst macht. Wir sind schon jetzt ständig auf Abruf, ständig abgelenkt, adhs-stömern uns durch irgendwelche Textflüsse.

So sah ich (reale person) neulich (in der Jetztzeit) so einen Filmchenausschnitt auf einem social-media-Kanal, den ich wahrscheinlich nie wieder finde, eine Motivationstrainerin (von heute) schlipstragenden Managern weismachen: burnout habe nichts mit Erschöpfung zu tun, die Leute sind nicht ausgebrannt, sie sind zu Tode gelangweilt, weil sie etwas tun, wofür sie eben nicht brennen. usw. usw.

Nach der Lektüre der Dystopie von Eugen Ruge muss ich ihr aufs heftigste widersprechen. Sie mögen sich in Routineaufgaben langweilen, aber die Leute sind einfach erschöpft, weil sie ständig gefordert, abgelenkt werden. Sie werden schon jetzt und nicht erst 2055 von irgendwelchen News und Bildern getriggert und ihre Aufmerksamkeit wird angezapft. Das macht müde. Das klaut Energie, aber sowas von. Es zieht uns ab von der Welt.

So ergeht es auch dem fiktiven Enkel im Zukunftschina. Ruge hat noch andere Einfälle über eine mögliche Zukunft eingebaut, er treibt unsere Genderdebatte und political correctnes auf die Spitze, spielt mit der Künstlichkeit und mit der Überwachung in der Welt des Big Data und eigentlich habe ich das genossen, denn er hält uns den Spiegel vor.

Dann bricht mitten im Roman das Schema und die Erzählung wandert zum Urknall um dann über die Entstehung der Welt wieder bis zu den Stammvätern dieses besagten Nio zu gelangen.

Und da es ein Roman über den Enkel ist, sind es auch seine, also Ruges Vorfahren. Darunter befinden sich Erwin Umnitzer, der als überzeugter Kommunist nach Russland geht und sein Sohn Kurt, der unter die stalinistischen Räder gerät und in einen Gulag in Kasachstan gesteckt wird. Und hier im Lager, auf Seite 262 des Buches, das ich eigentlich lesen wollte, um auf andere Gedanken zu kommen, trifft er, treffe ich auf Russlanddeutsche in der Verbannung. Surprise, surprise:

Ein gutes Jahr lebt Kurt in der Siedlung Nr. 11 und schuftet in der Landwirtschaft, die von den Deportierten trotz widriger Bedingungen betrieben wird. Er atmet die sternenkalte Nachtluft der Steppe. Erlebt schwindelerregende Sonnenaufgänge, sengende Hitze und brachiale Schneefälle, bis er zusammen mit anderen sogenannten Deutschstämmigen zur sogenannten Arbeitsarmee eingezogen wird. Was, wie es sich herausstellt, nichts anderes als Gulag, Arbeitslager, holzfällen bei minus dreißig Grad. Dazu Hungerrationen, Unfälle, Brutalität. [ … ] Wieviele Menschen im Lager 239 umkommen, ist nicht bekannt.
S 262

Warum eigentlich sogenannte? Egal. Später kommt in der Chronik der Familie Umnitzer sogar eine Melitta vor.

Verrate ich wieder zu viel? Lest selbst, ein Tag im Leben des Nio Schulz, vom Urknall aus betrachtet. Ich mag es, wie Ruge die Zeit kaugummimäßig auseinander zieht, um dann im Zeitraffer durch Jahrmillionen zu hasten, um dann wieder bei einem Tag zu verweilen, einem Morgen, einem kurzen Moment. Lesen als Zeitmaschine. Sogar die Satzzeichen finde ich nun sinnvoll wenn auch unkonventionell gesetzt. Dieser Blick aus der Zukunft mit Ausflug in die tiefste Vergangenheit lässt uns die Gegenwart neu sehen. Vielleicht.

Außerdem hat Eugen Ruge vor einem halben Jahr ein kurzes Interview in einem russischen Sender gegeben und hat einfach einen sehr charmanten Akzent:

2

Hier übrigens auch das Hörspiel zum Buch aufgenommen durch den Mitteldeutschen Rundfunk. Achtung anderthalb Stunden lang!
https://www.mdr.de/kultur/hoerspiel-eugen-ruge-follower-100.html

Eugen Ruge
Follower: Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel, Roman
Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag 2016 (22,95 €)

Grenzbruch

Die Stadt und die Stadt – von China Miéville

Geteilte Städte und geteilte Länder gibt und gab es einige auf unserem Planeten. Aber diese beiden, Besźel und Ul Qoma, in denen Miéville seine Kriminalgeschichte ansiedelt, sind noch einen Tick spezieller. Die beiden Stadtstaaten teilen sich nämlich denselben Raum. Kein Zaun trennt sie, keine Mauer und kein Fluss, bloß erlernte Nichtbeachtung. Die Menschen beider Städte atmen die gleiche Luft, viele der Straßen und Gebäude sind deckungsgleich, aber dennoch sind sie getrennt voneinander – sie nichtsehen das andere einfach. Es ist sogar bei Strafe verboten, das jeweils andere zu bemerken.

Das Buch ist schwer zu rezensieren, ohne zu viel von der Idee dieses Settings zu verraten, das im Roman ganz allmählich aufgebaut wird. Aber da es mir auf diesen besonderen Umstand ankommt, muss ich das tun.

Es beginnt damit, dass in einer der beiden Städte, in Besźel, die Leiche einer jungen Frau entdeckt wird und Inspektor Tyador Borlú und sein Team die Ermittlungen aufnehmen. Selbstverständlich führt sie die Spur in die andere Hälfte, in die Parallelwelt.

Für einen Science Fiction Roman kommen recht wenig Aliens, Raumschiffe oder technische Apokalypsen vor. In vollkommen realistischer Weise rollt der Autor die ganz gewöhnliche Schizophrenie von parallelen Gesellschaften auf und treibt diese noch auf die Spitze. Angesiedelt ist die Story in einer Zeit, wo es zwar schon Computer und Handys gibt, aber es sind keine smarten Wischtelefone und das Wlan ist auch andauernd am stocken. Außerhalb der Zwillingsstädte gibt es reale Staaten, es gibt Europa und Amerika, es ist unsere Welt und doch nicht.

Ich verfolgte die Hausnummern. Sie steigerten sich etappenweise, immer wieder unterbrochen von Ul-Qoma-Enklaven. In Besźel waren kaum Leute auf der Straße, um so mehr anderwärts, und ich musste nichtsehend zahlreichen jungen, ungemein tüchtig wirkenden Männern und Frauen ausweichen. Ihre Stimmen schlugen gedämpft an mein Ohr, eine unspezifische Geräuschkulisse. Dieses selektive Hören ist eine Folge vieler Jahre darauf gerichteter Erziehung. S 71

So kann es sein, dass sich jemand in Besźel im Zickzack durch eine vermeintlich menschenleere Straße bewegt, weil sich auf der anderen Seite ein belebtes Marktviertel befindet. Und alle finden es normal und alltäglich.

Die meisten Menschen in unserer Umgebung befanden sich in Besźel, deshalb sahen wir sie. Was Kleidung anging, waren hierzulande von jeher einförmige, nichtssagende Schnitte und Farben vorherrschend. S 32

Besźel ist ein ausgedachter Ort, angesiedelt irgendwo in einem postkommunistischen, nicht näher bestimmten osteuropäischen Staat. Es ist düster und grau, irgendwie schäbig im Gegensatz zu dem farbenprächtigeren, wirtschaftlich erfolgreicheren Zwilling Ul Qoma, das orientalische Züge aufweist. Allerdings ohne die Islam-Komponente, denn es es eine rein sekulare Demokratie.

Miéville findet und erfindet viele Vokabeln, um die Besonderheiten zu beschreiben, das obligatorische Nichtsehen oder Protubs, das sind sogenannte Protuberanzen, wenn durch einen Unfall oder einen Brand die Parallelwelt auf einmal stark ins Bewusstsein drängt. Anderwärts ist auch so ein schönes Wort.

Kind sein in Besźel (und nach aller Wahrscheinlichkeit auch in Ul Qoma) bedeutet lernen, lernen, lernen, die tausend Kleinigkeiten, die man wissen muss, um keinen Fehltritt zu tun. Sehr schnell prägten wir uns ein, wie man sich kleidet, welche Farben erlaubt waren, die richtige Körperhaltung und wie man geht. Im Alter von acht Jahren oder so konnte man den meisten von uns zutrauen, dass wir uns ohne peinliche Patzer draußen zu bewegen wussten, auch wenn man Kindern natürlich noch weitgehend Narrenfreiheit gewährt. S 101

Auch wir kennen schon als Kinder unsichtbare Trennlinien und unausgesprochene Gesetze. Wir lernen sehr früh, wen wir beachten, wen wir übersehen oder übergehen können. Die Lektüre lässt Rückschlüsse auf unser eigenes Verhalten zu.

Es ist eine Studie zu Wahrnehmung, blinden Flecken und Tabus. Dieses Wegsehen, die Grenzen im Kopf, auch wir haben sie verinnerlicht. Wenn ich nach der Lektüre durch die Straßen meiner eigenen Stadt laufe oder an der Theke eines Gemüsehökers stehe, fällt mir deutlich auf, wen ich ignoriere und wer mich ignoriert und einfach über mich hinweg kommuniziert.

Was wir in diesen Wochen und Monaten erleben, ist ebenfalls das Aneinaderprallen von unterschiedlichen Sichtweisen und parallelen Wirklichkeiten. Das macht Miévilles geniales Gedankenexperiment so aktuell. Begriffe wie „Heimat“, „Rechtsstaat“, „ demokratische Werte“ oder „Freiheit“ sind zwar den Buchstaben nach deckungsgleich, ihre Bedeutungen und Untertöne driften allerdings sehr weit auseinander. Womöglich sind es sogar weit mehr als zwei Städte, die unsere urbanen (und ruralen) Räume besetzen, an einigen Stellen überlappen sie sich, an anderen verhalten sie sich wie Wasser und Öl. Viele Parallelwelten, die mindestens genauso weit auseinanderliegen wie Besźel und Ul Qoma.

Inspektor Borlú wird die Trennlinie übertreten und auf eine dritte Entität stoßen, aber ob es letztendlich das ersehnte Orciny sein wird, die geheime dritte Stadt in der Doppelstadt, wird an dieser Stelle nicht verraten. Der Roman mag sich von anderen aus der Feder Miévilles unterscheiden, lässt sich vielleicht keiner eindeutigen Sparte zuordnen und verbringt viele Zeilen mit dem Umschreiben der spezifischen Eigenheiten der beiden Städte. Aber er entwickelt auch einen starken Sog, zieht uns hinein in diese beklemmende Welt voller unsichtbarer Grenzen.


China Miéville

Die Stadt und die Stadt
Bastei Entertainment, 2009
Übersetzung von Eva Bauche-Eppers

ISBN: 9783404243938

 

Rühren in alten Töpfen, Markus Berges – Die Köchin von Bob Dylan

Jasmin Nickenig trägt immer nur Sneaker und T-Shirt. Sie war mal Literaturstudentin und ist irgendwie in das Kochbusiness reingerutscht. Da bietet ihr eine Freundin an, sie als Köchin eines alternden Rockstars bei der Tournee zu vertreten.

Wegen der privaten Einladung eines ukrainischen Oligarchen wird der Auftakt der Reise kurzerhand nach Jalta verlegt. Dieses Detail erweist sich als schicksalhaft, denn obwohl Jasmin selbst mit der Ukraine und der Sowjetunion nicht das Geringste zu tun hat, stammt ihre Großmutter Erna von der Krim. Als Angehörige der deutschen Minderheit kam sie in den Kriegswirren nach Deutschland.

Nach wenigen Tagen in der Ukraine bekommt die Köchin den Anruf eines unbekannten Mannes, der glaubt, mit ihr verwandt zu sein.

Spitzfindige unter uns würden sagen, dass ist nicht russlandeutsche Literatur. Stimmt. Denn Berges ist in der Bundesrepublik geboren und aufgewachsen und fällt selbst nicht in die Kategorie Aussiedler. Aber auch seine Oma gehörte zu der deutschen Minderheit in der Ukraine und er scheint sich nicht nur tief in die Materie eingearbeitet zu haben, sondern ist auch dort gewesen. Die Beschreibungen der Bazare und Straßen und die historischen Details zeugen jedenfalls davon.

Jasmins Erlebnisse in der Crew von Bob Dylan bilden den einen Strang der Geschichte, in einer zweiten Ebene gibt es Rückblenden in die Vergangenheit von Florentinius Malsam, der in Helenendorf, einem deutschen Dorf in der Ukraine aufwächst und von der Kollektivierung bis zur Besatzung durch die Wehrmacht alles hautnah miterlebt.

Typische Hochzeit in den 1930gern

Es hätte mit ein paar Abstrichen unsere Geschichte sein können. Der Autor beschreibt die Zeit des Hungers zum Beispiel so intensiv, dass ich die Lektüre mehrere Male unterbrechen musste. So nah ging mir das. Es tritt das plastisch vor Augen, was in den Familien nur noch bruchstückhaft kursiert. Es macht einen Unterschied das alles als Romangeschichte zu lesen, denn dadurch wird es seltsam real. Und es ist wohltuend das zu lesen. So als wäre die Geschichte unserer Leute, die eigentlich nie explizit auftaucht, auf einmal gültig. Als wäre sie wert, erzählt zu werden und nicht nur ein ewiges Jammern über verlorene Dörfer.

Vielleicht war diese Genauigkeit möglich, weil Berges selbst aus einer gewissen Distanz schreiben kann. Russki plocho muss seine Protagonistin in den Bazaren immer wieder sagen, sie hat zwar die Erzählungen der Großmutter im Ohr, aber sie wirkt auf mich eher unbelastet. Sie fragt sich zum Beispiel, woher der Mitreisende im Bus sofort „Chände Choch“ zu ihr sagt, als er sie als Deutsche erkennt.

Jetzt, hinten im Bus fragte Jasmin sich, woher er das kannte. Der Mann hatte ungefähr nach sechzig ausgesehen, eher jünger, war also Anfang der Fünfziger geboren, frühestens. „Chände choch!“ Er musste das von seinen von den Deutschen eroberten Eltern haben.

Irrtum, hätte ich Jasmin sagen können, wäre ich im selben Bus gesessen. Aus den unzähligen Kriegsfilmen hat er das, mit denen nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder in der Sowjetunion unaufhörlich indoktriniert wurden. Und bis heute werden. Die bösen Deutschen, Cheil Gitler und Chände choch gehört zum Repertoire der Menschen bis heute.

Auch die Passagen der 30ger und 40ger Jahre in der Ukraine zeichnet Berges sichtbar durch die Brille dessen, der in der BRD sozialisiert wurde. Was aber nicht stört. Er beobachtet genau, er hat genau recherchiert, bis hin zur Syntax und den Vokabeln, die auch mir bezeichnend für die hermetisch abgeschiedene deutsche Minderheit erscheinen:

Und als diese Schwäne vor den Vorhang getanzt gekommen sind zur Musik – wie Tupfen auf ihrem Kleid, hat sie gedacht, wie Tupfen, obwohl, die Tupfen auf ihrem Kleid ja rot waren – … Schließlich aber ist alles gut geworden und hat ein glückliches Ende genommen und alle haben jubiliert. S 25

Dann fing der Onkel vom Kolchos an, dass längst alle wären hineingezwungen. Den Ehresmann, den Hunkele, den Haberlach und den Mack Georg, auch deren gesamte Familien, die hätten sie ja noch abgeholt als Kulaken. Danach habe der Kolchos dann Zulauf gehabt. S 39

Er benutzt das Wort Muhme für Tante. Den Vornamen nach hinten zu setzen ist ebenfalls typisch. Für Russen und auch für die Russlanddeutschen. Manche machen das bis heute. Das einzige, was ich zu monieren hätte, an einer Stelle reden zwei Liebende deutsch in der Öffentlichkeit und zwar in der Straßenbahn von Odessa nach Lustdorf. Das hat es meiner Meinung nach in der Stalinzeit nicht gegeben, Pakt mit Hitler hin oder her.

Straßenbahn von Odessa nach Lustdorf 1917
Schwarzmeerdeutsche Familie

Speisen, Tourerlebnisse und alte Familiengeschichten werden geschickt verwoben und es ist gut, dass der Autor als Mitglied und Texter der Band Erdmöbel sich in mindestens einem von diesen Bereichen sehr gut auszukennen scheint.

Ihm gelingen auch brillante Passagen zu den Themen Flucht und Vertreibung, Leid und Verlust. Insbesondere dort, wo die sogenannten Deutschländer, also die Reichdeutschen auf den Plan treten, wird die Beschreibung bis zur Ausdrucksweise der damaligen Zeit sehr authentisch.

Berges spart auch die sonst kaum benannten blinden Flecke in der Geschichte der Schwarzmeerdeutschen nicht aus, so werden die Wehrmachtssoldaten mit Freundlichkeit aber auch einigem Misstrauen in dem deutschen Dorf empfangen. Es gibt schon damals kulturelle Missverständnisse:

„Dass ihr Leutchen hier eure Namen immer verkehrt rum aufsagt. Ich heiße schon mein Leben lang Harald Finkchen. Zum Glück für dich einfach Herr Hauptsturmführer.“

„Kann ich euch was anbieten?“

„Und immer dieses ‚Euch‘ und ‚Ihr‘. Wer hätte das gedacht, Pluralis Majestatis ausgerechnet im Kommunismus. Wir ihrzen nicht mal den Führer. Ein Teechen mit Schuss tät ich nehmen, auch ohne Teechen zur Not.“ S 184

Und irgendwann kommt auch raus, woher die großzügigen Kleiderspenden für die Dörfler eigentlich stammen. Gänsehaut.

Die Verwirrung von einigen Leser*innen, die der Titel und der Covertext in die Irre geleitet hat, kann ich schon verstehen. Bob Dylan wird erst spät eingeführt und ums Kochen geht es auch nur marginal. Aber mir wurde ja das Buch von einer Kollegin wärmstens ans Herz gelegt, weil es um die Geschichte der Schwarzmeerdeutschen geht, so hatte ich keine falschen Erwartungen. Wen Jasmin da wirklich antrifft und was es mit ihr macht, möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten.


Lesung und Interview mit Markus Berges auf der Buchmesse:

Markus Berges, Die Köchin von Bob Dylan, Rohwolt Berlin, März 2016,
€ 19,95,
ISBN 9783871347092, 286 Seiten