Out of Duschanbe – Lia Frank

Du-schan-be – wie schön das klingt. Das Wort bedeutet auf tadschikisch profan Montag. Denn früher, sprich seit dem 5. Jahrhundert, wurde hier einmal die Woche ein Markt abgehalten. Saftige Melonen, süße Pfirsiche, Hülsenfrüchte aber auch Teppiche oder lebende Tiere wurden feilgeboten. Bis der kleine Marktflecken Bāzār-i Dušanbe zu einer Stadt herangewachsen ist und später zur Hauptstadt von Tadschikistan wurde.

Duschanbe, das war eine der vielen Stationen auf dem Lebensweg von Lia Frank. Sie selbst hat sich einmal, als eine „in Tadshikistan lebende und deutsch schreibende sowjetische Dichterin“ bezeichnet. Geboren ist sie 1921 in Kaunas, Litauen. Den Jobwechseln ihres Vaters ist es zu verdanken, dass sie in Berlin aufwuchs und dort auch zur Schule ging, ihr Abitur aber in der lettischen Kleinstadt Ludsa machte. Als Jüdin floh sie zu Beginn des zweiten Weltkrieges mit ihrer Familie hinter den Ural, wo sie ihr Studium beendete und ging nachdem Krieg wieder zurück nach Lettland. Doch weil sich ihr hier kaum Berufsperspektiven boten, zog sie 1960 mit Mann und Söhnen nach Duschanbe, arbeitete hier an der Uni als Dozentin für Latein und Deutsch.

Bis zu ihrer Ausreise in die Bundesrepublik lebte sie in der heißen Sowjetrepublik und schrieb. Immer auf einem hohen sprachlichen Niveau. Denn trotz des Lebens im Exil ist es ihr gelungen, die deutsche Sprache nicht nur zu bewahren, sondern auch weiterzuentwickeln und sich literarisch darin auszudrücken. Neben ihrer Arbeit als Deutschdozentin mga ihre ehrenamtliche Tätigkeit in der internationalen Buchhandlung „Mezhkniga“, für die sie gern schonmal Bücher auf deutsch bestellte, ihr dabei geholfen haben. Aber auch der eiserne Wille, in ihrer Muttersprache zu schreiben und zu vesich darin rständigen. Sie las, pflegte Kontakte zu deutschsprachigen Freund*innen im In- und Ausland und zu deutschen Tourist*innen in Tadschikistan (Ja, solche gab es auch) und zog ihre Enkelin zu einer Gesprächspartnerin heran, in dem sie ihr konsequent Deutsch beibrachte.

In einem Band mit Kurzprosa, das dieses Jahr im ostbooks Verlag erschienen ist, spielen ihre Lebensstationen eine wichtige Rolle und auch das Verhältnis zur deutschen Sprache wird in dem einen oder anderen Text behandelt. Ich durfte bei einer Online-Lesung zum Erscheinen ihres Erzählbandes im Rahmen der russlanddeutschen Kulturtage einige dieser Texte vorlesen und bin so tiefer in ihre Arbeit eingetaucht.

Viele dieser Geschichten und Verse handeln von Entfremdung, von Umbrüchen und Kriegsfolgen – nie programmatisch, nie aus der Vogelperspektive, sondern immer aus einem persönlichen Blickwinkel heraus. Manch einer Lebenssituation des realexistierenden Sozialismus gewinnt Lia Frank auch eine humoreske Seite ab, wie in den den Stücken „Fehlverbindungen“ oder „Hausflusromantik“. Es kommen aber auch wie gesagt ernste Themen vor. „Der Mann mit der Handgranate“ oder der „Lederne Mann“ zeigen die Auswirkungen von kriegerischen Konflikten vor 80 Jahren oder während des Zusammenbruchs der Sowjetunion in den 1990ern.

In der titelgebenden Erzählung „Das himmlische Kreuz“ , die kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges angesiedelt ist, deutet sie die zukünftigen Ereignisse im Leben von Jugendlichen in einer kleinen litauischen Stadt an, die kurz vor dem Abitur stehen, ohne sie explizit zu benennen. Wir ahnen, wie lebensverändernd und endgültig diese sein werden.

Im Anschluss an die Lesung meinte ihre Enkelin Jana, die aus Berlin zugeschaltet war, Lia wäre sicher eine hervorragende Bloggerin gewesen, wäre sie nur einige Jahrzehnte später zur Welt gekommen. Sie konnte Alltagsszenen festhalten und so auf den Punkt bringen wie kaum eine andere.

In russlanddeutschen Literaturkreisen ist Lia Frank als Autorin durchaus bekannt. Sie hat bereits in der Sowjetunionin den deutschsprachigen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht und war auch bei Seminaren dabei gewesen. Auch wenn sie von einigen Vertretern wie dem Literaturkritiker Reinhold Keil, nicht als russlanddeutsche Autorin akzeptiert wurde. Vielleicht weil sie als Jüdin in der Sowjetunion nicht den gleichen Repressalien ausgesetzt war wie fast alle DaR? Nicht das Schicksal der Schicksalsgemeinschaft teilte? In früheren Zeiten war es immer sehr wichtig, wer dazugehörte und die Richtlinien dieser Zugehörigkeit wurden sehr eng gesetzt. Nun. Nicht nur in früheren.

Auch wenn sie nicht diesen typischen Weg mit Verbannung, Zwangsarbeit und deutschfeindlichen Repressionen gegangen ist, gab es aufgrund von Flucht, Heimatverlust und des Nicht-Dazu-Gehörens durchaus Überschneidungen der Lebenswelten. Auch literarisch.

So handeln ihre Verse aus dem Zyklus Ruheloser Februar 1990, die kurz vor der Ausreise in die Bundesrepublik entstanden sind, von Aufbruch und Verlust:

Erinnerungen. Noch sind wir daheim

Noch sind wir daheim –
Meine Bücher stehen
in den Regalen;
die Enkel sind in der Nähe [,]
die Katzen gut versorgt …

Doch liegen auf dem
Tisch schon Fragebogen,
für Auswanderer bestimmt –

nach Israel, Kanada,
Autralien … Gibt es
welche nach Neuseeland?

Großer Gott! Wo liegt
bloß NEUSEELAND?!
Noch sind wie daheim …

Lettisch, Russisch, Hebräisch und Jiddisch – Lia Frank beherrschte viele Sprachen. Sie war dennoch ihrer Muttersprache sehr verbunden und hat es wie gesagt geschafft, diese trotz Exil und eisernem Vorhang, zu erhalten und sich darin weiter zu vervollkommnen. Ihre Liebe zur deutschen Sprache blieb unvermindert, trotz alldem was das deutsche Volk den Jud*innen angetan hat. In diesem vielzitierten Gedicht bringt sie diese Zerrissenheit zum Ausdruck:

An euch gekettet / durch eure Sprache, / eure Gedichte und eure Lieder, die ich / mit dem Knebel der Schwermut / im Munde / immer wieder / zu singen versuche …

An euch gekettet / und eure Bücher, / euer Gelächter / und eure Bräuche, / an denen ich zerre, / mich zerfleischend, / und die ich nicht / lassen kann – / wie mein Leben …

Das Erbe wiegt schwer. Sie nimmt es an, sie beschäftigt sich damit. Aber veröffentlichen kann sie Gedichte über den Holocaust in der Sowjetunion eher nicht. In Zeitschriften wie Freundschaft oder Rote Fahne, die nach 1956 wieder erlaubt waren publiziert sie andere Gedichte. Die Prosastücke erscheinen gesammelt und nicht auf Anthologien verteilt, erst in diesem Jahr, in dem Band „Das himmlische Kreuz“ auf Initiative der Herausgeberin Annelore Engel-Braunschmidt.

Noch ein Land, noch eine Sprache und ästhetisches Verständnis kommt in späteren Jahren hinzu: Japan und die Haikus. Irgendwann stößt Lia Frank in Tadschikistan zufällig auf eine deutsche Übersetzung japanischer Haikus und fängt an, sich selbst mit dieser Verform zu befassen. Sie wird aus der Ferne Mitglied der deutschen Haiku-Gesellschaft und widmet sich gemeinsam mit dem japanischen Germanisten Tsutomu Itoh der vollständigen Übersetzung von Gedichtbänden des frühverstorbenen Japaners Takuboku – aus dem Japanischen ins Deutsche.
Sie korrespondiert fast täglich mit dem Germanisten, um Kleinigkeiten zu verbessern. Und jeder, der den postalischen Weg in der Sowjetunion kennt und weiß wie umständlich es war, Briefe ins Ausland zu schicken oder von dort zu erhalten, kann erahnen, was das bedeutet. Auch für den Geheimdienst, der die Briefe aufmachen und nach feindlichen Botschaften untersuchen musste. Ob die Herren und Damen Beamten die Haikus auf Deutsch für irgendeinen besonders perfiden Code gehalten haben?

Als sie in Deutschland lebt, erscheint im Verlag Robert Buhrau ein Band mit ihren eigenen Haikus: „Die Kraniche ziehen“. Allerdings ist dieses Buch vergriffen und wird nicht mehr aufgelegt.
Hier eine kleine Auswahl an Haikus aus ihrer Feder:

Vorkriegsfotos –
ich unter so vielen
jungen Toten.

***

Traurig schaut meine
Stube mich an – nimmt Abschied –
Wieder ins Exil …


***

Nach Kürze suchend
fand ich endlich den Pfad –
drei Zeilen …

Schon 1989 reist Lia Frank auf Einladung der deutschen Haiku-Gesellschaft in den Westen, ein Jahr später siedelt nach Berlin über, wo sie mehr als zwei Jahrzehnte bis zu ihrem Tod verbringt. So schließt sich der Kreis. Denn in Grunewald ist sie in der Vorkriegszeit ja zur Schule gegangen. Hier stirbt sie 2012 mit 91 Jahren.

Am 18. November wäre diese eigenwillige und starke Persönlichkeit 100 geworden. Ihre Prosa und ihre Verse sind so formvollendet und berührend, dass sie auf keinen Fall in Vergessenheit geraten sollten.

***

Lia Frank
„Das Himmlische Kreuz“
Hrsg. Annelore Engel-Braunschmidt
ostbooks Verlag, Herford, 2021
ISBN 9783 947270 149
16,-

Hier finden sich noch zwei Haikus von Ishikawa Tabkuboku aus dem gemeinsam übersetzten Buch „Eine Handvoll Sand.“ Aus dem japanischen Text übersetzt von Lia Frank und Tsutomu Itoh:
https://lyrikzeitung.com/2020/11/28/butterblumen-und-gaensebluemchen/

Hier noch mal der Link zur Lesung vom 19.10.2021:
Das Himmlische Kreuz: Lia Frank. Eine Lesung mit Annelore Engel-Braunschmidt, Melitta L. Roth und Artur Rosenstern (im Rahmen der russlanddeutschen Kulturtage der LmdR NRW)
https://www.youtube.com/watch?v=U5ZDtAWO7zo

und als Abschluss noch ein Gedicht:

Mein Gesicht

Du hast mir keine
billigen Freunde
eingebracht
mein Gesicht,

denn du warst herb.
Streng warst du
und abweisend,
und ich danke Dir!
Es haben dir
weder Lippenstift
noch Puderquaste
geholfen,
mein Gesicht,
immer bliebst du mir treu,
und ich durfte bloß
mit dem Glanz der Vernunft
in den Augen rechnen,
und ich danke dir,
mein Gesicht,
ich danke Dir!
Doch hat man dich
nie übersehen,

mein Gesicht,
nicht das harte Nasenbein,
das gebogene, die strengen
Augen nicht, den schmalen
Mund, – nein, übersehen
hat man dich nie.
Und wenn es auch
bitter war,
mein Gesicht,
ich danke dir,
denn du hast mir
keine Freundschaften
unverdient eingebracht

und auch keine
Freunde umsonst,
du mein herbes,
für andere
fremdes Gesicht.

Bibliothek der vergessenen Bücher: Ein Weckglas voller Zettel

Wieder ein Buch mit einer ziemlichen Odyssee. Richtig vergessen war es eigentlich nie, ging nur für längere Zeit verloren. Aber zunächst macht die Autorin selbst eine nicht so angenehme Reise, als Verbannte an den arktischen Rand der Welt. Als Hitler und Stalin sich in einem Pakt Europa aufteilen, werden die baltischen Länder von der SU kurzerhand annektiert, rund 50.000 Menschen werden verhaftet und in einer großangelegten Aktion ab dem 14. Juni 1941 in sibirische Lager verfrachtet. Unter anderem Dalia Grinkevičiūtė und ihre Familie. Zu diesem Zeitpunkt ist sie 14 Jahre alt.


Später schreibt Dalia ihre Erinnerungen an die ersten zwei Jahre Verbannung nieder, da ist sie bereits 23 und befindet sich auf der Flucht vor dem KGB in Litauen. Sie schafft es gerade noch, die losen Blätter in einem Einweckglas im Garten zu vergraben. Dann wird sie wieder verhaftet. Jahre später, nach einer Ausbildung zur Ärztin und ihrer Rehabilitierung sucht sie nach diesen Aufzeichnungen, findet sie aber nicht mehr. Aus der Erinnerung verfasst sie eine kürzere Version ihrer Erinnerungen, die in dissidentischen Schriften in Russland und Litauen und als Roman in den USA erscheint. Erst vier Jahre nach Dalias Tod 1991 wird zufällig ein Wildrosenbusch in dem besagten Garten in Kaunas verpflanzt und das Weckglas mit den 229 eng beschriebenen Seiten kommt ans Licht. Danach erscheinen die Aufzeichnungen als Buch in Litauen und werden in den Schulunterricht integriert. Im Jahre 2014 kommt mit dem lakonischen Titel „Aber der Himmel – grandios“ im Mathes&Seitz Verlag in Berlin heraus. Etwa 64 Jahre nachdem die Autorin das Manuskript verfasst hat.

Eine Seite aus dem Manuskript.

Statt ihre Teenagerjahre zu genießen, muss Dalia unter den unmenschlichsten Bedingungen im Altai Gebiet und in der Arktis Zwangsarbeit leisten. Aber sie ist eine, die überlebt. Insofern sind die Notizen auch eine Bekundung der Stärke und Lebensmut. Das Manuskript beginnt ohne Kapiteleinteilungen, und es endet auch sehr abrupt. Dalia hat es in größter Eile geschrieben, mit der Angst im Nacken, entdeckt zu werden. Dennoch ist es ihr gelungen, das Unmenschliche in einer kühlen aber kraftvollen Sprache festzuhalten.


Es will nur schwer in den Kopf, dass unser leitendes Personal auf Trofimowsk – jeder von ihnen – eine warme 2-Zimmer-Wohnung in einem Blockhaus hat. Wir haben diese Häuser gebaut. Sie haben genügend Kerzen, um ihre Wohnungen zu erleuchten, sie können essen was sie wollen. Ich dachte, in Kriegszeiten müsste jeder Entbehrungen auf sich nehmen, aber sie entbehren nichts. Nach dem Krieg werden sie erzählen: Wir haben die Kriegslast auf uns genommen, wir haben zum Wohle des Vaterlands die Massen für den Kapf motiviert. Sie werden Auszeichnungen bekommen und die mit litauischen und finnischen Leichen gefüllte Grube wird ein Zeugnis ihrer Mühen sein.
S 110

Grinkevičiūtė beschreibt auch Menschen, die trotz der unmenschlichen Verhältnisse und der Vernachlässigung ihre Würde nicht verloren haben. Wie die ehemalige Krankenschwester Lidia, die sich scheinbar aufgegeben hat, mit dem Nebeneffekt, dass sie überhaupt keine Angst mehr kennt, und somit von niemanden unter Druck gesetzt werden oder zu etwas gezwungen werden kann, auch nicht zum Dienst.

Dalia mit elf Jahren in ihrer Schuluniform. Drei Jahre vor der Deportation.


Alltägliches kommt in dieser Hölle auch vor. Dalias Freude ist groß, als sie mit anderen Jugendlichen in einer geheizten Stube Schulunterricht erhält, ihre Enttäuschung, als dieses Privileg aufhören soll, ebenso.

Ich stehe mit meinen eingerissenen Filzstiefeln in schmutzigen Arbeitshosen aus Watte vor der Tafel, Kreide in der Hand und wundere mich – wie ich hier landen konnte. Das ist ein Traum, hier ist es warm, hier brennen Kerzen, hier ist es hell, hier spricht man mit mir wie mit einem echten Menschen. […] Ich höre nichts, reagiere auf nichts. Dalia, du gehst wieder zur Schule meine Güte, wach auf, du Trottel. Langsam komme ich wieder zu mir, ich fühle mich in dieser Situation nicht mehr so verloren und fremd. In den Pausen setzen wir uns alle sechs um den Ofen und erzählen uns unser Leben. Meine guten lieben Klassenfreunde, sie bedauern mich, so wie ich sie bedauere. Sie sind hungrig wie Hunde, so wie ich, über ihren Rücken krabbeln in der Wärme erwachte Läuse, wie über meinen.
S 56

Unterscheiden sich diese Aufzeichnungen von Erfahrungen, die wir von anderen Zeitzeug*innen und Chronisten der stalinistischen Lager kennen? Ich denke schon, denn sie sind von einer sehr jungen Frau aufgeschrieben worden. Fast noch einem Kind. Und sie hat sie wenige Jahre nach den Erlebnissen notiert, hastig, ungeformt, aber sicher nicht ungefiltert. Es ist anders als bei Schalamow, als bei Solschenitzin, eine weibliche Sicht der Umstände. Trotz allem. Die Zeitzeugin beschreibt, ohne es zu werten, wie manche Frauen, um zu überleben, zu Geliebten der russischen Kommandanten werden.

So erzählt eine Mitgefangene:

Es ist nicht einfach zu flirten, Dalia, du lächelst und versuchst jemandem den Kopf zu verdrehen, bist aber ohne Rock, in einer zerrissenen Wattehose, von der dir die Wattestücke am Hintern kleben. Du versuchst die Löcher mit einem Tuch zu verdecken, während die Läuse, die in der guten warmen Stube aufgewacht sind, dir den Rücken entlangkrabbeln. Am liebsten würdest du dich kratzen, dich an eine Wand lehnen und sie zerdrücken, aber du musst lächeln. Obwohl der Magen knurrt… glaub mir, es ist schwer, Dalia, hinter dem Polarkreis zu flirten.
S 103

Es ist ein harter Überlebenskampf. Um zu überleben, gehen die Gefangenen bis an ihre Grenzen und auch darüber hinaus. Das kennen wir auch aus den Aufzeichnungen russlanddeutscher Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Warum ich gerade dieses Buch ausgewählt habe? Bei all der Beschäftigung mit dem russlanddeutschen Schicksal darf nicht vergessen werden, dass unsere Volksgruppe die Erinnerungen an die Verbannung und die Schikanen des Stalinismus nicht für sich allein gepachtet hat. Diese Erfahrung verbindet uns mit vielen anderen, die Aufgrund ihrer Ethnie oder der Lage ihrer Länder willkürlich verbannt wurden. Dazu gehören auch die drei baltischen Staaten und einige andere Länder des Warschauer Paktes aber auch die Krimtataren, Koreaner*innen, Menschen aus Tschetschenien oder die kommunistischen Griechen und Griechinnen, die vor ihrem eigenen rechten Regime in die Sowjetunion geflohen waren, um sich in Sondersiedlungen wiederzufinden.

Es gab Unterschiede, natürlich. Zum Beispiel konnten die Überlebenden aus dem Baltikum nach Stalins Tod, spätestens Ende der 1950, in ihre Heimat zurückkehren. Aber die Schrecken der sibirischen Kälte, die Folgen der Zwangsarbeit nahmen sie natürlich mit. Wir sind also nicht allein damit, wir haben dieses Leid nicht als einzige erfahren. Das ist gut zu wissen. Das Gulagsystem ist ein großer Gleichmacher. Lässt alle Geschichten zu einer verschmelzen. Und dennoch. Es gibt diese Unterschiede. Bemerkenswert ist zum Beispiel, wie unterschiedlich die Rezeption dieser Erlebnisse und Aufzeichnungen in den verschiedenen Ländern ist. Der 14. Juni, also der Beginn der stalinistischen Deportationen aus Estland, Lettland und Litauen ist in diesen Ländern seit dem Untergang der Sowjetunion ein offizieller Gedenktag. Die Tagebuch-Aufzeichnungen von Dalia Grinkevičiūtė gehören heute zum Nationalerbe des Landes. Eine Freundin von ihr hat in ihrem eigenen Wohnhaus in Kaunas ein privates Museum zu Ehren von Dalia Grinkevičiūtė eingerichtet.

Dalia wurde aus ihrer angestammten Heimat entführt und kehrte dahin zurück. Es war von Anfang an klar, dass Litauen das Opfer und die Sowjets unter Stalin der Agressor sind. Obwohl es auch da Graustufen und Ambivalenzen gegeben haben muss. Nicht alles ist schwarzweiß, nicht alles liegt auf der Hand. Aber die Hauptzweige der Erzählung sind klarer als es mit dem schwierigen Verhältnis zwischen Deutschland und Russland sein kann. Mit den DaR irgendwo dazwischen hängend. Ich merke an dieser Stelle, dass ich mich längst mal mit der Wahrnehmung der Rückkehrer*innen nach Südkorea befassen wollte. Ob es hier ähnliche Erfahrungen mit der Rückkehr in ein Land gibt, von dem man solange abgespalten war? Wurden sie dort willkommen geheißen oder mussten sie sich ganz hinten anstellen? Heißen die dort auch Spätaussiedler? Und wie war es in Tschetschenien? Gibt es dort eigentlich eine Aufarbeitung der Ereignisse, jetzt, wo Kadyrow der beste Kumpel des russischen Machthabers ist?


Dalia Grinkevičiūtė
Aber der Himmel – grandios
Hrsg. Vytenė Muschick
Matthes und Seitz Verlag, 2014

Zu dem deutschen Buch existiert auch eine Website mit Hintergrundinfos und Terminen für Lesungen, die sicher bald wieder stattfinden können:

Gemeinsam mit dem Saxophonisten Martin Muschick und der Geräuschemacherin Friederike Kenneweg hat die Verlegerin Vytenė Muschick ein Lesungskonzept entwickelt, bei dem sich Textpassagen und Musik gegenseitig durchdringen und im Klang dem Zuhörer den erforderlichen Raum lassen. Die Musiktracks heißen u.a. „Dalia 1 Atem“ Oder „Dalia 3 Polarkreis“.
Wer mag, kann sie hier, ganz unten auf der Seite anhören:

Bibliothek der vergessenen Bücher: Die sieben Leben der Angelina Rohr

Es gibt eine Schriftstellerin, die als junge Frau nach Moskau gegangen ist, die Strapazen des GULag und der Verbannung überlebte und noch immer in Russland lebend, diese Erlebnisse in Prosa verarbeitet hat. Sie hat keinen russlanddeutschen Hintergrund, das nicht, hat aber auf ihrem Lebensweg DaR getroffen und auch über sie geschrieben, aber nur am Rande. Und nicht immer sehr vorteilhaft.

Doch zunächst möchte ich auf ihre Vita eingehen, nicht nur um einen Kontext für ihre schriftstellerische und journalistische Arbeit zu schaffen, sondern weil sie sich selbst wie das Drehbuch zu einem Film anhört.

1890 wird sie als Angela Müllner in Mähren geboren, begibt sich in die Dada und Surrealisten-Szene, lebt mit ihrem Ehemann vor dem ersten Weltkrieg mittellos in Paris, schreibt, und erwirbt Kenntnisse in Medizin und Psychologie, ohne einen akademischen Abschluss zu machen. Sie trifft Rilke, freundet sich mit ihm an. Er lobt ihre Prosa und ihren starken Ausdruck.

Mitte der Zwanziger Jahre folgt sie ihrem dritten Mann Wilhelm Rohr nach Moskau, heißt nun Angela (Angelina) Rohr und erhält die russische Staatsbürgerschaft. Sie arbeitet bis zur Schließung am dortigen Institut für Psychoanalyse mit und später in der russischen psychoanalytischen Vereinigung.
Als Korrespondentin schreibt sie Artikel und Reportagen für deutschsprachige Zeitungen in Österreich und Deutschland und der Schweiz. Als Bertholt Brecht in Moskau weilt und krank wird, ist sie seine behandelnde Ärztin. Er ist dabei ein Empfehlungsschreiben an den russischen Schriftsteller Konstantin Fedin zu schreiben und möchte sich für Angela einsetzen. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse.
Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion wird Angela Rohr verhaftet und zu fünf Jahren Lager verurteilt. Danach ereilt sie das gleiche Schicksal wie alle Deutschen in der UdSSR. Sie bleibt bis Stalins Tod in Tawda, wo sie im Lager einsaß. Danach noch Jahre im Verbannungsgebiet. Erst nach ihrer Rehabilitierung Ende der Fünfziger darf sie nach Moskau zurückkehren.

Angela Rohr vor einer Forschungsreise nach Sibirien um 1927. PrivatarchivHans Marte, Wien

Insofern teilt sie das Schicksal, das alle deutschstämmigen in den Jahren nach 1941 ereilt: Verhaftung,Verbannung, Verbot an den Ort zurückzukehren, wo sie früher gelebt hat, später dann die Rehabilitierung. Ihr auf unkonventionellen Wegen erworbenes Medizinwissen erlaubt ihr im Lager als Hilfsärztin zu arbeiten. Wahrscheinlich rettet ihr diese kleine Lüge das Leben. Als Lagerärztin entdeckt die einen Heilmittel gegen Vergiftungen mit Schierlingspflanzen, was ihr ein Rennommée in wissenschaftlichen Kreisen einbringt.

Ihre Freunde im Westen glauben, sie sei 29-jährig verstorben. Sie hat aber bis ins hohe Alter in Moskau gelebt. Mit 67 Jahren fängt sie wieder an zu schreiben, Kurzprosa und einen Roman über das Lager. Ihre Manuskripte gehen unter, werden auch in der DDR abgelehnt, erst ein nach Wien geschmuggeltes Exemplar des Romans wird Mitte der Achtziger verlegt, unter einem Pseudonym. Leider erst ein Jahr nach ihrem Tod. Die Publizistin Gesine Bey aus Berlin entdeckt die Schriften Rohrs, die unter vielen Pseudonymen erschienen sind und gibt sie ab 2010 in Deutschland heraus. Der Roman „Lager“ erschien 2015 im Aufbau Verlag.

Das Besondere ist, dass wir über Angela Rohrs Werk und ihr sehr wechselvolles, langes Leben so wenig wissen. Und das obwohl ihre Geschichten mit einer unnachahmlichen, kraftvollen und dennoch eingänglichen Art eine hohe literarische Qualität aufweisen. Insofern passt sie in die Reihe der Bibliothek der vergessenen Bücher, die ich in unregelmäßigen Abständen vorstellen möchte.

Und nun zum Eigentlichen, zu ihrer Prosa:
Die Sammlungen enthalten auch frühere Essays, aus der Zeit als sie durch die Sowjetunion gereist ist. Begeistert für das neue Land, das neue System. Nichts ahnend von den Lagern im Hinterland. Was für ein Kontrast, die Analyse von Stalins Rede von 1933 und die Erzählung „Der Vogel“ knapp dreißig Jahre später. Viel ist dazwischen passiert.

Passierschein für Angelina Karlowna Ror 1948


Rilke, mit dem sie ja einmal befreundet war, hat über sie geschrieben: “… Angela hat beides, die Kraft, Einzelheiten festzuhalten und doch auch im Bewußtsein des Ganzen zu sein.“

Auch ich bin beeindruckt. Sie kommt mir vor wie eine Chirurgin der Wirklichkeit, als würde sie ihre Erlebnisse destillieren, klassifizieren und in kleine gläserne Kästchen packen, um sie später zu ettiketieren. Sie seziert das Grauen, beschreibt es so detailliert, so genau, dass es zum aufgespießten Insekt wird und an Schrecken verliert. Ihr gelingt es, Dinge einzufangen und auszudrücken, die außerhalb des menschlichen Horizonts, fast außerhalb der Sprache liegen.

Zum Beispiel die Beschreibung einer Untersuchung einer Gruppe weiblicher Gefangener durch ebenfalls weibliches Personal:

Das erste, was sie danach taten, war, daß sie uns mit aller Wucht in die Haare fuhren, so daß wir wankten. Auf ihren weiteren Befehl rissen wir den Mund auf, hoben die Zunge zum Gaumen und streckten sie dann in ihrer ganzen Länge aus. Wir mußten zeigen, daß wir nichts Verborgenes im Munde hielten. Wir hoben die Arme, deren Achselhöhlen sie kaum mit dem Blicke streiften, schon lange waren sie anscheinend als Versteck verpönt. Wir mußten uns dann, wie in der Gymnastikstunde, hinhocken, breitbeinig, um unser Inneres darzubieten, mit dem sie sich eingehend beschäftigten.
Leider waren auch sehr alte Frauen unter uns, die nach dieser Untersuchung nicht aufstehen konnten, die weiter hockten, mit verwirrten, verständnislosen Blicken um sich sahen und auf Hilfe hofften. Einige von uns, ruhigeren Charakters, legten dann nicht nur ihre, sondern auch die Sachen derer zu dieser Arbeit nun Unfähigen zusammen. Danach stand jeder mit seinem Bündel an Ort und Stelle, so als ob nicht geschehen wäre.

aus „Der Vogel“ (1959), S. 15

Irgendwo habe ich über Ihre Prosa gelesen, sie extrahiert das Absurde aus den Situationen. Kein Wunder, hing sie doch viel mit Dadaisten und Surrealisten ab in ihrer Jugend, vieles ist aber eher lakonisch bis sarkastisch:

Der Abend der Abfahrt war endlich da. Ich stand auf dem Bahnsteig, auf dem sich außer uns noch viele Fahrgäste befanden. Ich glaubte, den Ort nun für alle ewigen Zeiten verlassen zu können, hatte aber nicht mit der fürsorglichen Regierung dieses Landes gerechnet.
aus „Lager“, S. 132

oder:

Waren wir früher alle Spione gewesen, so hatte man uns schon längst zu Landesverrätern erhöht, obwohl ich den Unterschied zu diesen nie recht begreifen konnte.
Erzählung „Die Zeit“, aus dem Sammelband „Der Vogel“, S. 58


Es beeindruckt mich und ich denke, wer weiß, vielleicht hat diese kleine schmale Person diese Hölle bloß überlebt, weil sie sich gezwungen hat, zu beobachten. Von außen die Schrecknisse zu betrachten, um später darüber zu schreiben. Auf jedes Detail, jeden Satz achtend. Die Stimmung, die Szenerie, die Dialoge, die Personen genau einfangend. Zum Beispiel den Gesichtsausdruck einer Frau, die vom Verhör zurückkommt. Damit du es Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe später notieren kannst:

Die Frauen, die in jener Nacht verschwunden waren, gehörten nun für uns schon fast zu den Vergessenen. Nach ungefähr zehn Tagen kamen einige davon zurück, die anderen aber sahen wir nicht wieder. Das waren nun traurige Geschöpfe, die wir umringten. Sie hatten eine so merkwürdig fernen Ausdruck in ihren Gesichtern, ihre Arme gehorchten ihnen nicht ganz. Sie klagten, daß sie unsäglich müde seien, und so sahen sie auch aus. Das, was sie uns dann allmählich erzählten, das, was sie erlebt haben wollten, war schwer zu glauben und wir lehnten es auch ganz und gar ab. Wenn es die Wahrheit gewesen sein sollte, das, was sie uns mitteilten, hätte es uns doch auch treffen können. Es war besser und ganz richtig, daß wir diese Dinge nicht an uns herankommen ließen.
aus „Der Vogel“ S. 47

Hat sie deswegen überlebt? Weil sie sich vorgenommen hat, später zu berichten? Nein, das sind nur meine Spekulationen. Fragen kann ich sie nicht mehr, sie starb in Moskau im Jahr 1986, da lebte sie von einer Minirente in einer mit Büchern vollgestopften Wohnung. Und Tagebücher hatte sie meines Wissens nach nicht hinterlassen, nur ihre Prosa.
Möglicherweise hat sie das Arbeitslager überlebt, weil sie zäh war, weil sie Glück hatte, mehr als einmal. Ganz sicher, weil sie mutig war. Sie beschreibt ihre Zeit als Ärztin bei den Schwerverbrechern. Da kannst du dir nicht erlauben, auch nur die kleinsteSchwäche zu zeigen. Sie hat es geschafft, sich bei diesen Kriminellen Respekt zu verschaffen. Aber sie hätte niemals Ärztin von sich gesagt, immer nur Arzt.

Brot war natürlich das Wichtigste für uns, wenn auch jeder seine bestimmte Einstellung dazu hatte. Es war Nahrung, und auch wieder nicht, es war der Maßstab zu einem Charakter. Hier gab es Leute, die ihr Brot morgens, zusammen mit einem Viertelliter heißen Wassers, sofort und ohne zu schwanken aßen. Das waren die einen, die anderen aber zögerten aber damit und lebten in einer beständigen Angst, daß man es ihnen stehlen könnte, was auch ohne weiteres möglich war.
S. 20 „Der Vogel“

Hier haben wir keine Übertragung, keine Übersetzung aus dem Russischen oder dem Litauischen oder einem anderen Idiom. Es ist ein Zeitzeugenbericht in deutscher Sprache und von einer Qualität, die sich vor den Granddames und Grandmessieurs der Lagerliteratur nicht zu verstecken braucht.

Vereinzelt kommen auch Russlanddeutsche in ihren Geschichten vor. In den Erzählbänden taucht ein Artikel mit dem Titel „Deutsche Bauern in Russland“ auf, der 1930 in der Frankfurter Zeitung erschienen ist. Darin schildert sie die Eindrücke von einem Besuch eines deutschen Dorfes im nördlichen Kaukasus. Für mich ist es total spannend, das aus dieser Perspektive zu lesen, weder aus russischer noch von russlanddeutscher, sondern mit den Augen einer österreichischen Kommunistin.
Nicht immer schneiden die DaR bei Angela Rohr gut ab, sie zeigt sie mit all ihren Facetten. In ihrem Roman „Lager“ taucht eine eher grobe Wolgadeutsche auf, die sie, also die Protagonistin, bei den Wachhabenden anschwärzt, weil sie Angst hat, dass sie ihr den Platz als Sanitäterin streitig macht. Ein anderes Mal feiert sie Weihnachten mit drei wolgadeutschen Frauen, die in der Baracke „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen. Doch sie kommen nur am Rande vor, wenn überhaupt. Wie der Tod Stalins in einem deutschen Dorf aufgenommen wird, beschreibt sie so:

Der Tag seines Todes war für die Bewohner des Dorfes eine Zeit der Trauer. Ich traf weinende Frauen auf der Straße, die gleich mir und ebenfalls als Deutsche ewige Verbannung erhalten hatten. Verstehe das wer will!
aus „Lager“, S. 287

Das muss Angela Rohr irgendwann in den Achtzigern sein.

Ich bin dankbar für den Fund, durch Zufall habe ich den Roman letztes Jahr in einem Antiquariat gesichtet. Ich weiß nicht, woher Angela Rohrs kristalline Klarheit kommt, diese kalte, über allem schwebende Sprache, die Abstand schafft, die konkret ist, Gefühle weglässt und dennoch so unter die Haut geht. Jedenfalls ist es eine Bereicherung und verschafft Einblicke in ein Leben, von dem wir uns sonst gerne abwenden. Weil es schwer ist, hinzusehen.

Veröffentlichungen von Angela Rohr, herausgegeben von Gesine Bey:

Der Vogel. Gesammelte Erzählungen und Reportagen. Basisdruck Verlag Berlin 2010.

Lager. Autobiographischer Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2015. – Übersetzungen ins Niederländische, Tschechische und Italienische.

Zehn Frauen am Amur. Feuilletons für die Frankfurter Zeitung. Reportagen und Erzählungen aus der Sowjetunion (1928 – 1936). Mit Fotografien von Margarete Steffin und anderen. BasisDruck Verlag Berlin 2018.

Begegnung. In: Sinn und Form, Heft 3, Berlin 2016. S. 359-371

Ein kleines Buch über die Pest

Viele Personen, viele Dialoge, viele Szenenwechsel auf nur 112 Seiten. „Eine Seuche in der Stadt“ ist kein Roman und keine Erzählung als solche, sondern war ursprünglich als filmisches Skript konzipiert, das Ludmilla Ulitzkaja für ein Drehbuchseminar eingereicht hatte, um daran teilzunehmen. Und zwar 1978. Sie wurde abgelehnt.

Situiert ist die Geschichte, die auf einer wirklichen Begebenheit beruht, im Jahre 1939. Rudolf Iwanowitsch Meyer, ein Arzt, der an einem Medikament gegen die Pest forscht, infiziert sich am Erreger. Da er mit dem Zug zu einer wissenschaftlichen Konferenz nach Moskau reist, um dort einen Vortrag zu halten, bringt er den Pesterreger in die Metropole.

Es könnte zu einem schlimmen Ausbruch kommen. Könnte. Wir dürfen nicht vergessen, im Vorkriegsjahr herrscht in der Sowjetunion noch immer ein despotisches Regime, die Zeit des Terrors ist noch nicht vorbei. Der Apparat des Sicherheitsdienstes läuft wie geschmiert und – Spoiler – das Schlimmste kann durch die Effizienz des NKWD gerade noch verhindert werden.

Noch 1978 scheint diese Story so explosiv zu sein, dass sie nicht publik gemacht werden kann. Daher die Ablehnung des Drehbuchs. Es landet in der Schublade, um von der Autorin jetzt, in der Zeit der weltweiten Pandemie, hervorgeholt und veröffentlicht zu werden. Ich muss nicht erwähnen, dass öffentlich niemals etwas über diese Gefahr ruchbar geworden ist. Und die Autorin hat nur über eine Freundin darüber erfahren, deren Verwandter unmittelbar daran beteiligt gewesen ist.

Die Pest mit Cholera bekämpfen. Gibt es nicht so einen Ausdruck? In dieser Geschichte geschieht genau das, ein gefährlicher Erreger wird durch die Mechanismen eines noch gefährlicheren Systems unschädlich gemacht.

So schreibt die Autorin denn auch in dem Nachwort zu dem Band:
„Das ist das Subtile an der geschilderten Situation: Die Pest zu Zeiten der politischen ‚Pest‘„.

Klar, denke ich, in Zeiten von Epidemien und Ausbrüchen von hochansteckenden Krankheiten, ist so ein despotisches Regime einfach das bessere Modell. Erregungsherde ausfindig machen, abholen, auch um drei Uhr Nachts, isolieren, wenn nötig unschädlich machen – und das schnell und effizient. Das sind die Kernkompetenzen von Geheimdiensten, die im Dienst von Diktatoren stehen.

Schwarzer Rabe, lange vor 1939, aber so sahen die aus.

Dennoch wäre mir unser System lieber, trotz allem. Auch das Herumgeeiere, dass alle Bundesländer ihren eigenen Schuh fahren, das Kreuz und Quer der Maßnahmen, also nicht so sehr quer, mehr so der Zick-Zack-Kurs der Maßnahmen. Stümperhaft im Vergleich zu so einem stalinistisch effizienten Apparat. Denn so ein Erreger ist irgendwann vorbei. Naja, der Stalinismus irgendwann auch, aber eher nach mehr als einem Sommer. Oder zwei.

Und noch so ein Gedanke: all diejenigen, die schreien, wir leben in einer Diktatur, wünschen sich genau das. Ich spüre da eine Sehnsucht nach autoritärem Durchgreifen. Sie wollen in Wirklichkeit sowas wie damals 1939 in Moskau, dass einer kommt, handelt und alles ist wieder gut. Das ist jetzt kein Fakt, nur so eine Meinung, sogar nur so eine Ahnung. Vielleicht sind gerade nicht diejenigen frei, die so sehr auf Freiheiten pochen? Sondern die anderen, die aus freien Stücken auf absehbare Zeit auf einige ihrer Freiheiten verzichten können, wie auf die, nach Feierabend in der Kneipe ein Bier zu trinken oder ins Kino zu gehen.

Apropos Wünsche. Ich wünsche mir keine Diktatur, sondern dass dieses Drehbuch von einem fachkundigen Regisseur, oder einer Regisseurin verfilmt wird. Wie wäre es mit der kongenialen Agnieszka Holland? Ich kann mir gut vorstellen, dass sie das absurde Szenario, in dem im minutentakt Pseudo-Verhaftungen erfolgen, filmisch gut umsetzen kann. Und vielleicht sogar die Atmo eines Moskaus in der Vorkriegszeit einfangen und die handelnden und erduldenden Personen authentisch zeichenen kann.
Dann können wir uns – wenn es wieder möglich ist – gemütlich mit ner Tüte Popcorn in einem dunklen, vollen, geschlossenen, schlecht belüfteten Kinosaal zurücklehnen und genüsslich betrachten, wie so ein fieser, kleiner Erreger in kürzester Zeit unschädlich gemacht wird. Dank den Häschern des NKWD.


Ljudmilla Ulitzkaja
Eine Seuche in der Stadt
Hanser Verlag, 2021
ISBN 978-3-446-26966-8, Preis: 16,00 €

Ein poetischer Nachschlag – Johannes Nikkel

Die Reihe mit der März-Poesie ist nun um und ich kann nicht behaupten, alle berücksichtigt zu haben, es war zugegeben nicht gerecht, aber diesmal waren auch andere Leute und andere Aspekte als 2019 dabei: Konkrete Poesie und Videokunst zum Beispiel. Althergebrachtes und Neugeschöpftes. Dichterinnen und Dichter, die sonst auf keiner Agenda stehen, die nicht in den Auslagen der Schaufenster liegen, allseits gelesen, allseits sichtbar gemacht, das immerhin.

Eigentlich wollte ich in diesem Monat auch ein Odessa-Gedicht von Puschkin posten, mit dem Text: Mein Herz schlägt nicht für Putin, aber für Puschkin! Dann habe ichs sein lassen. Flachwitzgefahr. Vielleicht mache ich das im nächsten März, falls Putin dann noch an der Macht sein sollte.

Es wird immer so sein, dass einige Dichterinnen und Dichter nie eine breite Öffentlichkeit erreichen werden, unsichtbar bleiben, sich im Schatten des literarischen Betriebs tummeln. Ob es die Umstände sind, die dazu führen, dass die Verlage nicht auf sie aufmerksam werden, das fehlende Geschick, sich zu vermarkten oder reines Pech – wer weiß das schon. Es wird immer einige geben, die nicht in einer Reihe genannt werden mit Rilke, Achmatowa oder Emily Dickinson.

Und dennoch haben sie geschrieben. Und dennoch schreiben sie auch heute. Manche haben nie veröffentlicht, andere haben Bände in Kleinstauflage vorzuweisen.

Vor etwa einem Monat habe ich ein Buch vorgestellt (Teil I und Teil II), das vor 90 Jahren erschienen und bald darauf fast in Vergessenheit geraten ist. Unvorstellbar, aber es gibt auch noch Autoren, die noch nicht einmal in solchen Bänden auftauchen, weil sie keine gestandenen sowjetdeutschen Dichter der Zwischenkriegszeiten sind (soweit mir bekannt ist, gab es auch keine Frauen unter den Kolonisten, die bereits damals Werke veröffentlicht haben), weil sie nicht in das ideologische Korsett der damaligen Zeit passten. Kinder wohlhabender Leute oder religiöse Menschen. Oder einfach solche, die keine glühenden Kommunisten waren. So wie Georg Samuel Löbsack, Alexander Würz oder Johann Nikkel. Alle drei waren wohl zu wenig regime-konform.
Der Letztere, Nikkel, hat Zeitlebens nie etwas veröffentlicht. Er wurde in der falschen Zeit oder in der falschen Familie geboren, denn Nikkel stammt aus einer mennonitischen Predigerfamilie aus dem Molotschnagebiet am Asowschen Meer. Von ihm sind lediglich zwei Hefte erhalten geblieben, insgesamt knapp dreihundert Seiten in feiner Sütterlinschrift geschrieben und von 1919 bis 1930 säuberlicher geführt. Kein Avantgarde, eher auf konventionelle Art gut. Er schrieb als ganz junger Mann Liebeslyrik, Geburtstagswünsche, später auch Kritik an der Entkulakisierung oder an den wetterwenderischen Dichtern des Systems.

Zum Abend


1. Sei gegrüßt du Abendstern,
Wonne meines Lebens“!
Bis {sic} du gleich unendlich fern,
Leuchte nicht vergebens.

2. Strahle Hoffnung in das Herz,
Weil es schon verzagte.
Lind’re stille du den Schmerz,
Dem’s die Welt versagte.

3. Mit dem milden, sanften Schein,
Glitzerndem Gefunkel,
Leuchte du ins Herz hinein,
Meines Lebens Dunkel.

Die Nummerierung der Verse stammt vom Dichter selbst. Sie sind nichts Weltbewegendes, soweit ich es beurteilen kann, gut geschrieben, sauber gereimt, jedoch keine bahnbrechend neue Poesie oder etwas, das über alle Zeiten hinweg eine universelle Gültigkeit besessen hätte. Doch wer legt welche Maßstäbe an? Wer bestimmt, was den nagenden Zahn der Zeit überdauern oder überhaupt gedruckt werden soll? Nikkels Leben und Einstellung war einfach nicht opportun für die damalige Zeit. Und jetzt? Was geben uns seine Verse heute? Sie illustrieren seine Geschichte. Und die ist wirklich etwas Besonderes.

Anna Godde, Johannes Nikkel in der ersten Verbannung im Donbass

Johann Nikkel kommt 1902 in Gnadenfeld, einem Dorf in der Ukraine zur Welt kurz nachdem sein Vater, ein mennonitischer Prediger und Missionar, gerade nach einem schweren Schicksalsschlag aus Sumatra in seine Heimat zurückgekehrt ist. Johann erlebt die Revolution, den Bürgerkrieges (sein Bruder wird 1919 von der randalierenden Machno-Bande getötet), die Wirren der Neuen Zeit mit ihren Enteignungen, Verschleppungen und Umwälzungen.

Die Historikerin Marina Schmieder, die seine Hefte in den letzten zwei Monaten aus wissenschaftlicher Sicht untersucht hat, vermutet nicht zuletzt anhand seiner Ausdrucksweise, dass er eine gute Ausbildung genossen haben muss, vielleicht in Halberstadt. Er schrieb in deutscher Kurrentschrift (Sütterlin), kyrillischer und lateinischer Schrift und beherrschte die russische und deutsche Sprache gleichermaßen gut. Anhand eines Gedichtes von 1925 nimmt sie an, dass Johann Nikkel ebenfalls eine Predigerlaufbahn eingeschlagen hat, auf jeden Fall hat er früh geheiratet und Kinder bekommen. Rechtlos gemacht (religiös =antisowjetisch) wird die gesamte Großfamilie 1932 in den Donbass deportiert. Die Kladden nehmen sie mit.

[…]

Drum klage nicht mein Kind,
Schwer, schwer ist diese Zeit.
Noch stürmt ein böser Wind

doch nicht in Ewigkeit.

14.03.1929

Leider wird Nikkel nicht mehr erleben, wie der böse Sturm endet. 1944 stirbt er 41-jährig an Auszehrung und Skorbut in der sogenannten Arbeitsarmee. Seine Familie lebt, von ihm getrennt, im Akmolinsker Gebiet in Kasachstan.

Auch nach dem zweiten Durchlesen der Reime merke ich, es ist keine bahnbrechende Entdeckung. Aber dennoch ein Schatz von historischem Wert. Die Gedichte sind sicher nicht schlecht, religiös gefärbt. Auch wenn sie ihn mit keinem Wort in ihrem Band erwähnen, Nikkel kennt die anderen wohl, die sowjetdeutschen Dichter Schellenberg und G. Flut und kritisiert sie beide im besonderen und die gottlose, materialistisch ausgerichtete Zeit und den Kommunismus im allgemeinen. In dem Poem „Dem Geizigen gewidmet“ ruft Nikkel seine Mitmenschen in 27 kurzen Versen auf, das Materielle aufzugeben. Versucht er ihnen vielleicht so die Enteignungen während der Entkulakisierung etwas leichter zu machen? Oder ist es reine Satire?

Siehe nicht auf Erden
Reichtum – das ist hin
Was du hast, muss werden
Andren zum Gewinn.

[…]
Aber lern verlieren
Was du „Mein“ genannt
Knecht und Magd regieren
Heute unser Land

[…]
Lege deine Hände
Lasch in deinen Schoß
Und du wirst am Ende
Endlich – sorgenlos!

03.11.1929

Seine Dichterkollegen kriegen einiges ab, in „Dem Dichter unserer Tage“ schreibt Nikkel:

Horch Schellenberg! Wer ist dir zu verheißen (?)!
Steig hochempor du junger Narr und schelle
Vom hohen Berg in jede Jugendzelle
Dein proletarisches Poem! Es bleichen

Die Schatten alter Kunst; o Siegeszeichen!
[…]

Du armer Tropf! Die Nacht verscheucht der Reime Stürme
Vom goldnen Morgenrot träumt deine Kunst
Doch auch dein Licht ist lauter Nebeldunst.

Nacht bleibt es. Nacht für solche Erdenwürmer,
Schwing dich umsonst zum lichten Schellen-Berg
Du bleibst nur was du bist – ein Ellenzwerg!

5.1.1929

Autsch, das hätte gesessen. Leider hat es damals niemand zu Gesicht bekommen. Der andere Kollege, G.Flut (bürgerlich Georg Luft), zeichnet sich in dem Band sowjetdeutscher Dichtung durch einigen antireligiösen Gedichten der folgenden Art aus:

Der Noah war ein frommer Mann
und wohlerprobter Saufkumpan:
er soff sich oft von Sinnen;
drum liess ihn Gott in einen Kahn
auf weiter, breiter Wasserbahn
dem Untergang entrinnen.

Und als dann Noah wieder Land
und festen Grund und Boden fand,
da pflanzt er wieder Reben
mit seiner eignen frommen Hand
und war bis an des Lebens Rand
der Sauferei ergeben.

[…]

Noah ist bei Flut-Luft stets ein Säufer, liegt ja auch nahe: die Sintflut wird metaphorisch als eine Überflutung mit Alkohol betrachtet, warum auch nicht. In einem anderen Poem bietet Abraham seine Frau Sara dem Pharao als Geliebte an und der gierige König David führt Krieg um Gold und Frauen und hat einen Harem mit 700 „Metzen“. So will es die Zeit und die Ideologie. Religion ist nicht nur Verblendung, ihre Anhänger sind Heuchler und ganz ganz schlimme Mitgenossen. Und auch ihre Anhängerinnen: furchtbare Frömmlerinnen.

Dem hat unser tiefgläubiger Nikkel Folgendes zu entgegnen, an Flut gerichtet, dichtet er:

Dem Spötter

Sag mir, wer bist du Proletarier Sohn,
Du Menschenkind in düstrem Sündenkleide?
Du singst dein Weihnachtslied auf öder Heide

Von unserem Christuskind mit Spott und Hohn.

Verstumme du Geschöpf aus Erd und Ton!
Dein Lied in proletarischem Geschmeide
Führt auch die Jugend nur zu größrem Leide,
Raubt ihnen […] Gott und Religion.

Verstumme denn, der du voll
Beben (?)
Mit giftgem Maule schäumst Genosse Flut!
[…]

04.01.1929

Aber so ähnlich wie die Verse von Schellenberg und Flut von ihrer Ideologie geprägt sind, sind die von Nikkel voll von religiösem Eifer. Ich will ihn jetzt nicht beleidigen, aber ein Arthur Rimbeaud oder ein verkanntes Genie ist er nicht.

Der fast gleichaltrige Schellenberg überlebt Nikkel um 10 Jahre und lebt bis 1954 in Magadan, wohin es ihn „im Krieg verschlagen“ hatte. Georg Luft oder G. Flut stirbt vermutlich 1937 (oder bereits 1934?) ebenfalls kurz nach seiner „Übersiedlung“ in den Fernen Osten. Beide kamen in die Verbannung und die Arbeitsarmee. Ihre proletarische Herkunft und ihre sozialistischen Tiraden haben ihnen wenig genützt.

Durch die gesamte Sowjetzeit hindurch versteckt Nikkels Frau Anna Lodde die Hefte und verwahrt sie, obwohl sie ein gefährliches Gut darstellten, nicht nur da sie in der Sprache des Feindes geschrieben waren, sondern dazu noch religiöse und dem System kritisch gesinnte Momente enthielten. Anna blieb mit einer Tochter, die anderen drei Kinder starben sehr früh, bis zu ihrem Lebensende an ihrem letzten Verbannungsort in Kasachstan. Mitte der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts übergab sie die Hefte einem Neffen, Wilhelm Warkentin, der sie nach Deutschland brachte. Just in diesen Tagen wird Warkentins Tochter Sina die beiden Hefte an einen Onkel in Kanada schicken, der die Gedichte dort in Buchform bringen will.

Johann Nikkel, erstes Heft, Seiten 88 und 89

So werden die Natur- und Liebesgedichte, die Geburtstagsgrüße und Beschreibungen des Dorflebens und auch die kritischen und angriffslustigen Verse Nikkels an die 100 Jahre nach ihrer Niederschrift doch noch publiziert. Mit etwas Glück!

Was gibt es mir? Was gibt es uns? Nicht zuletzt eine Einsicht in eine außergewöhnliche, eine fast unglaubliche Lebensgeschichte, wie sie eigentlich nur in Büchern und Filmen vorkommen kann und zugleich die typische Geschichte eines mennonitischen Kolonisten in der Ukraine ist, der wenige Jahre vor der Revolution geboren wurde. Eine Geschichte und ein Wirken, das ohne einige unermüdliche und mutige Zeitgenossinnen im Schatten geblieben wäre.

Ich danke für diese Entdeckung Wendelin Mangold, der in einer Mail auf Nikkel aufmerksam gemacht hat, Marina Schmieder und Nina Paulsen, die mir freundlicherweise ihre Materialien inkl. Fotos der Originalmanuskripte zur Verfügung gestellt haben und nicht zuletzt Frau Annelore Engel, deren Übertragung einiger Gedichte in eine für mich lesbare Schrift mir Nikkels Dichtung überhaupt zugänglich gemacht hat.

Zum Abschluss noch einige Zeilen vom Dichter selbst:


Frühlingsscheiden (1923)

Wie doch die Jahre, die Tage entfliehen,
Enteilen dahin, wir merken es kaum;
Wo ist der Frühling, sein Sprossen, sein Blühen,
Ach, auch er ist dahin, wie ein Traum.

Sah doch noch kürzlich im Morgentauglanze,
Gärten u. Wälder u. Felder im Grün;
Pflückte mir duftige Blüten zum Kranze,
Sah noch so manches Blümlein erblüh’n.

Stieg doch die Lerche im Morgenrotsschimmer,
Trillernd hinauf, in der Lüfte Gebiet,
Klang doch so süß uns beim Sternengeflimmer
Abends so heimlich* der Nachtigall Lied. –

Doch es entweichet, ja alles entschwindet,

Hier auf Seite 88 hört auch das Gedicht plötzlich auf und auf der nächsten Seite fängt etwas Neues an, das vom Reim her nicht passt. Seite 89 kann also nicht die Fortsetzung von 88 sein; es fehlen Verse; die Seitenfolge stimmt offenbar nicht.


*[‚heimlich‘ = ‚heimelig?]


Ein Buch von 1931 – Teil I

Packpapier ist ungeduldig

Ich habe es mir schon gedacht, dass dieses Buch auch optisch und haptisch etwas hergeben würde. Daher möchte ich diesen Teil der Besprechung nur dem Papier und der Machart widmen. Rezensionen aus Deutschland, die 1936 und 1939 erschienen sind, also im Deutschen Reich, bemängeln die schlechte Qualität des Papiers und die vielen Druckfehler der Ausgabe. Die beiden Rezensenten können wohl nicht ahnen, unter welchen Bedingungen die „Sammlung sowjetdeutscher Dichtung“ im ukrainischen Charkiw wahrscheinlich gedruckt worden ist. Zu einer Zeit und an einem Ort, wo  es wahrlich einem Weltwunder glich, überhaupt an Papier zu kommen.

Sehr poröses, saugstarkes Papier. Umweltschonend und schön anzufassen

So viele Zufälle haben dazu geführt, dass dieses Buch nicht zwischen den Falten der Zeit vergessen wurde, wie es eigentlich sein Schicksal gewesen wäre. Zum Beispiel, dass vor vielen Jahrzehnten eine Slavistin aus Deutschland in einem Bücherkatalog zufällig auf einen Titel von Alexander Reimgen stößt, der im Verlag Kasachstan erschienen ist. Sie wundert sich, Kasachstan? Auf Deutsch? Sie geht dem nach und wird zu einer der wenigen deutschen Wissenschaftlerinnen, die sich überhaupt mit russlanddeutscher Literatur befassen. Viele Jahre später entdeckt sie, ebenfalls in einem Antiquariatskatalog, zufällig diesen Titel von 1931, erwirbt ihn und gibt ihn 1990 als Nachdruck im OLMS Verlag heraus. Es ist das erste Mal, dass sie mit Vorkriegsliteratur der deutschen Minderheit in Berührung kommt.

Dank Annelore Engel-Braunschmidt und ihrer Neugier existiert also ein Faksimile der „Sammlung sowjetdeutscher Dichtung“ aus dem Staatsverlag Literatur und Kunst in Charkiw. Herausgeber ist ein gewisser David Schellenberg. Auch Gerhard Sawatzky glänzt hier mit einigen Versen, seinen Roman „Wir selbst“, der auch nur über glückliche Zufälle der Nachwelt erhalten blieb, hatte er da noch nicht geschrieben.
Eine Einleitung und Kurzbiografien der Autoren vervollständigen die nachgedruckte Ausgabe von 1990. Von sieben Autoren überlebt nur einer den zweiten Weltkrieg, und das weil er zu Kriegsbeginn in den Warthegau und dann nach Wuppertal-Elberfeld fliehen kann. Die anderen Biografien enden mit Sätzen wie: Im Krieg „nach Magadan verschlagen“; „die letzten Lebensjahre liegen im Dunkeln“; gestorben 1937. Oder wie im Fall von Sawatzky, der in einem Lager umgekommen ist, enden sie einfach keine drei Jahre nach dem Druck der Sammlung.

Trotz des grimmigen Schicksals existiert dieses Beispiel sowjetdeutscher Literatur der Zwischenkriegszeit also noch. Ich konnte es mir sogar antiquarisch bestellen. Das Cover sieht avantgardistisch aus. Reduziertes Design, gekippte Schrift, sehr modern für seine Zeit. Rot und Schwarz auf einem beige anmutenden Papier.

schöne Typo, schickes Design

Ein Faksimile zeichnet aus, dass die Seiten der alten Ausgabe abfotografiert werden und nicht neu gesetzt. Das Schriftbild und auch die Schreibweise bleiben erhalten.

Einige Buchstaben, wie das o und e, tanzen durchgängig aus der Reihe.

Als Grafikerin, die ich nicht ablegen kann, gefällt mir die schlanke altertümliche Typografie, die ein wenig ausfranst, weil das Material für den Satz und die Druckmaschine sicher nicht sehr hochwertig waren. Diese Schrift verweist auf die Mode einer früheren Zeit. Ich genieße es, die Texte in einer historischen Schrift zu lesen. Der Satz hüpft so schön. Ist nicht wie mit dem Lineal gezogen. Eventuell musste gleichzeitig ein anderes Buch oder Zeitungen/Flugblätter raus und ihnen fehlten die Metallschienen, die sonst für eine gerade Linie sorgen. Aber womit haben Sie sich beholfen? Schienen aus Pappe geschnitten? Holz? Das würde das unruhige Bild vielleicht erklären.

Platzhalter, sonst unsichtbar, sind hier gut zu sehen.

Das scharfe ß fehlt vollständig, die Umlaute existieren nur in als Buchstaben. Sind aber auch nicht ausreichend vorhanden, manchmal müssen die Drucker auf ae oder ue ausweichen. Viel Improvisation war da, das sieht man. Durchgehend hüpft das kleine o nach oben und das kleine e hängt immer unterhalb der Grundlinie. Das kleine a franst oft total aus. Kann sein, dass da Schriftsätze von unterschiedlichen Schriften gemischt wurden, die eine unterschiedliche Grundlinienhöhe hatten. Die Metallschienen, also die Lückenfüller, die für das Einrücken von Zeilen verwendet werden sind teilweise sichtbar.

Die Flüchtigkeitsfehler sind sicher nicht während des Schreibens entstanden, sondern später. Gab es denn eine extra deutsche Druckerei in Charkiw? Welche Leute haben da gearbeitet? Haben sie überhaupt verstanden, was sie da setzen oder kamen ihnen die Buchstaben wie Chinesisch vor?

Diese ganzen kleinen Unvollkommenheiten stören mich nicht. Ich denke einfach, die Bedingungen waren schlecht. Seltsam, in den mundartlichen Texten hab ich keinen Fehler entdeckt. Aber würden sie mir auffallen?

Ein fast dreidimensionales Schriftbild.
Bei Licht betrachtet. Fast wie Handgeschöpft. Ist es am Ende auch.

Der Eindruck verstärkt sich noch, als ich Ende Dezember Dank der freundlichen Schenkung von Frau Engel-Braunschmidt, das Original aus den 30ern in den Händen halten darf. Das Papier ist wirklich nicht viel besser als Packpapier oder braunes Löschpapier. Sehr dünn. Eine Art Recycling-Papier noch bevor es das Wort Recycling überhaupt gab. Die Buchstaben von der anderen Buchseite scheinen durch, sind als erhabenes Relief sicht- und fühlbar. Es riecht nach Leim, nicht so wie die sowjetischen Bücher aus meiner Kindheit, aber doch ganz anders als heutige Bucherzeugnisse.

Das kann man fast schon singen. Die Buchstaben hüpfen wie Notenzeichen auf dem Papier

Die Schrift hüpft wirklich auf der Linie und es gibt viele Verunreinigungen. Ich lese die Gedichte, vieles davon klingt heute nicht mehr Zeitgemäß, ein Hohelied auf die Arbeit der Werktätigen, ein Lob des Sozialismus. Aber nicht nur. Vieles ist kraftvoll und nah an der Realität, auch das Elend kommt vor. Sicher nicht alles sehr PC aus der Sicht der damals Mächtigen.

Die mundartlichen Texte sind großartig und wirklich satirisch. Auch die dürften damals ihrem Schreiber viele Probleme bereitet haben. Doch den inhaltlichen Aspekt bespreche ich noch.

In einem Gedicht von Hans Hansmann mit dem Titel „Lächelnder Stahl“ fehlt innerhalb der ersten zehn Zeilen allein sechs Mal der Buchstabe L. Sehr auffällig und schwer nachzuvollziehen. Entweder hat da jemand zu wenige L besessen und es war ihm egal, oder es war reine Sabotage. Mein paranoides Selbst wittert hier eine L-Geheimhaltung, um diese komischen Dichter im fernen Deutschland zu diskreditieren. Was ja auch wunderbar gelungen ist. Aber auch ohne verschwörerische Sabotageakte auf Sesamstraßen-Niveau frage ich mich, unter welchen Bedingungen und mit welchem Material sie den Druck dieses Buches bewerkstelligt haben mochten, mit welchen Verzögerungen, zu welchem Preis? Immer wieder mit Pausen durch Lieferverzögerungen. Wie konnten sie in Charkiw zu der Zeit überhaupt an gutes Papier kommen, es war sicher nicht die beste Qualität, daher versuppen die Buchstaben, sind so unregelmäßig, daher die Verunreinigungen. Packpapier ist eben ungeduldig.

Ich bin sehr froh, dass durch die vielen Glücksfälle und durch das Engagement von einigen wenigen, wie einer neugierigen Slavistin zum Beispiel, dieses Buch vorm Verschwinden bewahrt werden konnte. Und ich frage mich zugleich, wie viele Bücher in den Wirren der Revolutionen, Kriege und Umwälzungen verloren gegangen oder gar nicht erst gedruckt worden sind .

Was ist Nachdruck, was Original?

Sammlung sowjetdeutscher Dichtung. Geordnet und eingeleitet von David Schellenberg (1931), Vorwort von Annelore Engel-Braunschmidt. Reprint OLMS Presse, Hildesheim u.a. 1990

 

Irgendwo im Nirgendwo – Das deutsche Theater in Temirtau

Im Herbst vergangenen Jahres ist ein Roman über das Deutsche Theater in Temirtau erschienen.

Wo nochmal?

Genau. Temirtau.
Irgendwo im Nirgendwo.

Wo ist das noch genau?

Die Geschichte dieses Theaters erinnert entfernt an Herzogs Film Fitzcarraldo, in dem ein Exzentriker, verkörpert durch Klaus Kinski, ein Opernhaus mitten im peruanischen Dschungel bauen will. Doch das war nur ein Film. Fiktion.

Das Theater, das Eleonora Hummel ihren Roman „Die Wandelbaren“ beschreibt, hat jedoch wirklich existiert. Es hat in den Achtziger Jahren einen kurzen Auftritt hingelegt, sozusagen ein Gastspiel in der Sowjetunion gegeben. Und das ausgerechnet in einer Metallurgen-Stadt in der kasachischen Steppe. Wie es dazu kam, zeichnet die Autorin in ihrer gewohnt lakonischen und trockenen Art in diesem Roman nach. Sie beschreibt die Entwicklung der unwirklich klingenden Geschichte anhand der Lebenswege einiger Mimen und entführt uns in eine andere Welt und eine andere Zeit.

Der Roman beginnt mit der Rekrutierung der angehenden Schauspieler und Schauspielerinnen. Zum Teil vom Feld weg. Schildert ihre Ausbildung in einer renommierten Schauspielschule in Moskau, in der sie neben Schauspielkunst, Theatergeschichte und Fechten auch noch ihre Muttersprache erlernen. Denn nach Jahrzehnten der Unterdrückung und systematischen Zerschlagung der deutschen Sprache und Kultur in der SU, ist wenig da, auf dem das Nationaltheater aufbauen könnte. Doch da die Oberen der Partei 1975 nun mal beschlossen hatten, dass es an der Zeit wäre, dass auch die Deutschen ein nationales Theater haben sollten, wurde alles in Bewegung gesetzt, um das zu erreichen. Wenn sie schon nicht eine eigene Republik bekommen.

Recht bald war den hospitierenden Deutschlehrern aufgefallen, dass die muttersprachlichen Kenntnisse bei den Studenten sehr ungleich verteilt waren. Sie bestätigten gegenüber der Hochschulleitung, dass der auf unserer Seite vereinzelt vorhandene, rudimentäre Wortschatz für die Bühne nicht zu gebrauchen war. Mit diesen für Goethes und Schillers Werke unzumutbaren Dialekten unterschiedlicher Färbung, mit diesem Mischmasch an Mundarten sei einfach kein ernstzunehmendes Theater zu machen. Die Dozenten erklärten uns, man habe nicht nach Moskau geholt, um uns für Bauernschwänke auf Jahrmärkten auszubilden. Wir sollten die Bühne eines Nationaltheaters bespielen. Ob uns klar sei, was das bedeute?“
S 105

Aber sie schaffen es. Sie stellen ein Ensemble auf die Beine, Stücke werden geschrieben, umgeschrieben, Klassiker eingeübt.

Plakat für die Diplomaufführung im Malyi Theater in Moskau. Auf dem Plan: Die Ersten, ein Stück von Alexander Reimgen.

Die Charaktere des Romans sind fiktiv, basieren aber auf erlebter Geschichte. Die Autorin hat im Vorfeld viele Interviews mit den Ehemaligen geführt, hat viele persönliche Geschichten und Anekdoten gesammelt und daraus etwas eigenes geschaffen. Das Besondere: sie lässt die Handvoll Protagonisten (Emilia, Violetta, Arnold und Oswald) im Wechsel die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählen. Sie begleitet sie über mehr als 15 Jahre hinweg. Bis zu ihrer letzten Wandlung, nach der Ausreise in das neue Leben in Deutschland.

Dort, wo das Wissen der Protagonisten nicht ausreicht, führt Hummel weitere Personen ein, einen Stadtbilderklärer, der einen Rundumschlag über die Geschichte macht, einen Impresario, der das Theaterschiff durch die Unbilde der sowjetischen Realität führt. Die fast noch absurder ist, als jedes Theaterstück von Samuel Beckett. Zum Beispiel auf Gastspielreisen an Orte, in denen Deutsche leben.

Zum Frühstück gab es nichts. Rudi sagte: Selbstversorgung. C‘est la vie. Geht hinaus und seht zu, wie ihr satt werdet. Abends hatten wir versäumt, uns von den Bauern nach der Aufführung etwas mitgeben zu lassen, Frischwaren wie Brot, Milch, Schmand und Speck. Nach jeder Vorstellung landeten die floralen Gaben in der Hotelbadewanne oder verwelkten auf der Gepäckablage im Theaterbus. Im Lebensmittelladen in der Nähe des Hotels verstaubten die Regale ohne Ware. Nur georgischer Rotwein hatte die Zeiten überdauert, wer weiß, aus welchem Grund. Wir schmissen unsere Scheine zusammen und kauften alle fünf Flaschen. Oswald schlug vor, uns in Gruppen aufzuteilen, um die Chancen auf Essensbeschaffung zu vergrößern (wie Partisanen auf Geheimmission).“
S 295

Wie gesagt, der gesamte Roman ist aus der Ich-Perspektive von wechselnden Akteurinnen und Akteuren erzählt. Es ist eine sehr große Herausforderung, die Geschichte des National-Theaters und die wechselvolle Geschichte der DaR ganz ohne Metaebene zu erzählen, ganz ohne eine allwissende Stimme aus dem Off.

So entsteht ein vielstimmiger Chor. Wenn das nicht theaterhaft ist, weiß ich auch nicht. War das nicht so, früher, im antiken griechischen Theater? War da nicht auch ein Chor, der ein Drama vorgestellt hat, Figuren, die sich aus der Masse lösen, was sagen, singen und dann wieder in der Masse verschwinden? So ähnlich wirken die Episoden in „Die Wandelbaren“. Sie haben ihre eigenen Wünsche, Ziele und Hintergründe. Treten aber in die Gruppe zurück, um die Geschichte vorwärts zu bringen.

Das Foto aus dem Jahr 1985 zeigt das Ensemble des Deutschen Theaters Temirtau in Kasachstan

Bald reift der Plan heran, die Diplomstücke bei den Olympischen Spielen in Moskau aufzuführen, 1980, als die gesamte Welt nach Moskau schaut. Sie bekommen eine zusage, üben fleißig. Doch, wie nicht anders zu erwarten:

„Irgendwann stand das Programm fest, unsere Stücke tauchten darin nicht auf. Wie war das möglich? Ein Fehler im Programm? Dann musste neu gedruckt werden! Ignatjewa verordnete sich plötzlich Schweigen, ließ den Enttäuschten und Ratlosen ausrichten, dass sie das Gastspiel eines anderen Jahrgangs begleiten müsse und wünschte uns weiterhin viel Glück und Erfolg.“
S195

Als Eliteabsolventen hatten wir die Flügel ausgebreitet, mit Adleraugen die Metropolen des Landes nach Jagdgründen abgesucht – um in Termirtau zu landen, wo es keine Beute für uns gab.
S195

Die Stadt der Metallurgen grüßt ihre Gäste!

[…] keine Olympischen Spiele, keine Hauptstadt, keine blühenden Apfelbäume, keine malerischen Bergketten am Horizont von Alma-Ata …
Stattdessen erwarteten uns Stahl, Rost, Kalk, Asbest, Zement und qualmende Schornsteine an der Seite von Hochöfen.
S196

Schlote und Kultur, durchaus vereinbare Gegensätze.

Nach der elitären Ausbildung in Moskau landen die verheißungsvollen Kulturträger der deutschen Minderheit mittendrin im Nirgendwo. In einer Metallurgen Stadt, wo die Luft so dreckig und giftig ist, dass die Wäsche nach wenigen Stunden an der Leine grau wird. Eine Ortschaft mit 250 Tausend Einwohnern, von denen ca. zehn Prozent deutscher Abstammung sind. Ein Provisorium, wie es ursprünglich von offizieller Seite heißt. Aber ein Provisorium, das sich verfestigt. Wie so oft in der Union der Sowjetischen Sozialistischen Republiken.

Und dennoch. Allein damit, dass sie adeutsches Theater auf Deutsch gemacht haben, damit, dass sie bei den Gastspielen durch kleine Orte und Dörfer getingelt sind mit Schwänken im Dialekt und alten Volksweisen, haben die Schauspieler des deutschen Theaters aus Temirtau den Leuten ein Stück Identität wiedergegeben.

Absurdes Theater kennen wir eigentlich von Beckett und Ionesco. Doch die Geschichte dieses Theaters ist auf allen Ebenen an Absurdität kaum zu übertreffen. Und dennoch sie ist real. Beziehungsweise, war ein Jahrzehnt lang real existierend – von 1980 bis 1990. Bis die gerade erst erstarkten Strukturen zusammenbrechen und alle, auch die Schauspieler nach und nach in den Westen ausreisen. Kurz zuvor gab es noch die Hoffnung auf eine vollständige Rehabilitierung der deutschen Minderheit, auf eine erneute deutsche Republik an der Wolga. Doch dieser Wunsch zerschlägt sich, es folgt eine massive Ausreisewelle. Diese Seite der Geschichte ist hierzulande wohlbekannt.

Das andere klingt so phantastisch, dass ein Lokalreporter, der bei der Buchvorstellung im Oktober vergangenen Jahres dabei gewesen ist, als erstes gefragt, das ist jetzt aber ausgedacht, oder? Das beruht doch nicht auf einer wahren Geschichte.

Doch tut es.

Es ist irgendwie unwirklich über ein Theater zu schreiben, eine Rezension zu diesem Buch zu machen, in einer Zeit, in der die Theater wie ausgestorben sind. Unwirklich. Was hoffentlich nicht so bleiben wird!

 

Eleonora Hummel, Die Wandelbaren
Müry Salzmann Verlag
464 Seiten
ISBN 978-3-99014-196-0
EUR 24,00

Wer sich weiter informieren möchte:

–  2018 ist das Buch „Schicksal eines Theaters“ von Rose Steinmark dazu veröffentlicht.

„Das Schicksal eines Theaters“

–  im Deutschlandfunk ist am 28.8. um kurz nach 20 Uhr ein Feature von Mirko Schwanitz dazu zu hören:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-unglaubliche-geschichte-eines-deutschen-theaters.3720.de.html?dram%3Aarticle_id=481516

Unsere kleinlauten Momente

MEINS!, so heißt ein Band mit Erzählungen, das die Autorin Ida Häusser kürzlich herausgebracht hat. Ursprünglich sind einige der Texte in einem Kurs für autobiografisches Schreiben entstanden, doch sind sie weit mehr als bloße Schreibübungen. Vor uns breitet die Autorin erzählerisch gekonnt ihre Kindheit und Jugend im Norden Kasachstans aus, in Aktjubinsk, „einer aufstrebenden Industriestadt am Fuße des Uralgebirges, das bekanntlich Europa und Asien trennt.“

„Aufgewachsen: zwischen mehreren Kulturen, oben die offizielle sozialistische des Kindergartens und der Schule, mit auswendig gelernten Parolen, darunter, in unserer jungen Siedlung, ein Nebeneinander der sowjetischen „Brudervölker“, mit Menschen unterschiedlichster Nationalitäten, Ethnien, Überzeugungen und Stände; Russen, Kasachen, Griechen, Polen, Juden, Koreaner. Menschenmassen, die wie von einer übermächtigen Hand in diese einsame Gegend gesetzt wurden. […]

Und inmitten all des Durcheinanders die dritte Kultur, der heimliche deutsche Kokon – daheim.
[…]

Parallelwelten. Mehrfach parallel.“
S.11

„Meins!“ so lautet der Titel dieses Bändchens. Doch es ist ein stückweit nicht nur „ihrs“ es ist auch „meins“ oder genau genommen: „unser“. Die beschriebenen Themen kennen wir, die wir aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind, nur zu gut. Die Gerüche, die Worte, die Wege und die Schikanen haben sich in anderen russlanddeutschen Familien genau so oder so ähnlich abgespielt. Einiges ist wiedererkennbar, vieles nachvollziehbar.
Worte wie Loskutiki oder Taburetka oder Motozikl.
Tanten, die Mädchen Ratschläge geben. Oder auch diese kleinen süßen Äpfel, die es hier bei uns nicht gibt. Schwärmereien über diese Äpfelchen habe ich in der russlanddetuschen Community schon vielfach gehört und gelesen. Ranetki heißen sie.

Auch über das weitverbreitete Vergnügen sowjetischer Mädchen,   Bonbonpapierchen unter Glasscherben zu verstecken, habe ich bereits hier auf dem Blog geschrieben. Als Kinder, als Mädchen haben wir ebenfalls Sekretiki gespielt, nur einen Tick anders. Auch dieses Spiel kommt in dem Büchlein vor.

In 21 Kapiteln reiht die Autorin lose zusammenhängende Erinnerungsfragmente aneinander und bringt sie in einen Bezug zu ihrem jetzigen Leben. Dennoch ist da keine Ostalgie spürbar, pragmatisch und mit viel Liebe für die Menschen zeichnet sie das Bild der damaligen Zeit. Sie beschreibt ihre ersten Erinnerungen als ein Leben in einem Kokon, wo das Russische sich draußen abspielte und das Deutsche innen. Sie spielt mit Vergleichen und verbindet konkrete Erinnerungen mit Überlegungen über den Aspekt der Heimat oder die Geschichte ihrer Familie.  Ida Häusser befördert Fragmente ans Tageslicht, die unser Gedächtnis nach hinten geschoben hat. Manche Anekdoten erinnern an ein sozialistisches Bullerbü. Sie handeln davon, wie die Kinder selbst gezogene Radieschen auf dem Markt verkaufen oder ein ausrangiertes Schaukelpferdchen heimschleppen, das später beim Brüderchen unterm Weihnachtsbaum landet.

Es sind eben nicht nur sehnsüchtige Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit, wunderbar leicht erzählt, sondern in die Tiefe gehende Momentaufnahmen aus einer verschwundenen Zeit. Es gelingt der Autorin ebenfalls, auf leichtfüßige Weise, die tragische Geschichte hinter den Geschichten zu erzählen, ohne wehleidig zu wirken und ohne anzuklagen.

Meine Mutter sagt immer Wald, wenn sie mit ihren Geschwistern über ihre Kindheit in Archangelsk spricht, auch heute noch. Wie ein Code-Wort. Nie Verbannung oder Sondersiedlung. Gelegentlich sagen sei vielleicht noch Sibirien, wenn sie mit anderen darüber sprechen. Aber untereinander sagen sie immer Wald. Wald, und schon ist alles gesagt.“
S 87

Kulturelle Mißverständnisse ziehen sich durch die Geschichten ebenso wie das Bestreben der kleinen Ida, ihren Weg zu finden. In einem der ersten Kapitel, die sich auch wie kleine abgeschlossene Geschichten lesen lassen, geht es um diese kleinen Äpfelchen, wie sie nur in asiatischen Ländern wachsen und vielleicht noch in Sibirien. Eingebettet ist diese Erinnerung in Überlegungen zum Thema Herkunft und Heimat, deren Aneignung und Verlust:

Ich hatte doch einen Platz, wo ich mich geborgen fühlte, das war im Aktjubinsk meiner Kindheit. Unter unserer Ranetka. […] Mein Vater pflanzte sie in dem Dreieck zwischen den Eingangsstufen zum Haus, dem Durchgang zur Garage und dem Weg zur Sommerküche. […] Ich stellte mir eine Klappliege darunter und schaute den Äpfelchen beim Reifen zu. Auf den Boden daneben legte ich eine alte Zeitung und darauf einen Berg Ranetki, nahm ein Buch in die Hand und tauchte ab.“
S 25

In Deutschland versucht sie dieses Gefühl wieder hervorzuholen und diese Apfelsorte in Baumschulen und Gärtnereien ausfindig zu machen. Bisher vergeblich.

Die letzte Geschichte, die mit den Tulpenfeldern in der Steppe, handelt vom Abschied. Die blühende Steppe ist die letzte Erinnerung der Autorin an ihr Leben in Kasachstan.

Ein gewisser Stolz schwingt in dem Titel des Buches mit, nicht nur über die kreative Umsetzung, sondern im Sinne von: das ist meine Geschichte und ich stehe dazu.
Es gelingt ihr, kleine Momente einzufangen und sie in einen größeren Zusammenhang zu setzen. Sie fragt sich an einer Stelle, ob es nicht die „kleinlauten Momente“ sind, die sich uns besser einprägen. Kleinlaut würde ich diese Fragmente nicht nennen, eher leise aber eindringlich. Sie haben es verdient, sich Raum zu verschaffen und gelesen zu werden. Vielleicht verhelfen sie auch anderen zu einem Tauchgang in die Vergangenheit.

Im Grunde vollführt Ida in diesem Band dasselbe, was ich in diesem Blog seit Jahren versuche, aber statt Scherben sind es bei ihr Loskutiki, kleine Stofffetzen, die sie sorgsam aus dem Nebel der Erinnerung birgt und zu Geschichten verarbeitet. Ich gratuliere der Autorin zu diesem Debut und wünsche ihr, dass sie in Deutschland, oder auch in den Nachbarländern eine Baumschule findet, die ihre Ranetka aus Aktjubinsk kultiviert und verkauft.



Ida Häusser
Meins!, Erzählungen über eine Kindheit im Norden Kasachstans
ISBN-13: 9783744838740

120 Seiten, Books on Demand, 6,99 €, portofrei

Tag X – Welttag der Poesie

Als krönenden Abschluss hatte ich eigentlich vor, ein Poem von Marina Zwetajewa hier zu posten.
Leider habe ich festgestellt, dass ihre Lyrik unübersetzbar ist. Außerdem fragte mich gestern jemand, was die Zwetajewa, die ja im Exil in der Tschechoslowakei und in Frankreich gelebt habe mit deutsch-russischer Lyrik zu tun habe.

Nun. Sie sprach deutsch. Ihre Mutter, die Pianistin Maria Mein, entstammte einer deutschen Familie und einer polnischen Adelslinie. Und nach dem Tod ihrer Mutter ging sie in einem Internat in Freiburg zu Schule, was sie sehr geprägt hat.

„In mir sind viele Seelen. Doch meine Hauptseele ist eine deutsche“, schrieb Marina Zwetajewa in ihr Tagebuch.

Ihre Gedichte und Prosa hat sie in russischer Sprache verfasst, abgesehen von deutschen, französischen und lateinischen Einsprengseln. Aber einige Briefe, besonders die Briefe an Rilke, den sie verehrt hat, schrieb sie auf Deutsch.

„Rilke war mein letztes Deutschland, wie ich sein letztes Russland war … meine geliebte Sprache, mein geliebtes Land, wie für ihn Russland, die Wolgawelt.“

In einem Brief von 1925 schreibt sie an ihn:
Dichten ist schon übertragen, aus der Muttersprache in eine andere, ob französisch oder deutsch wird wohl gleich sein. Keine Sprache ist Muttersprache. Dichten ist nachdichten. Darum versteh ich nicht, wenn man von französischen und russischen etc(etera). Dichtern redet. Ein Dichter kann französisch schreiben, er kann nicht ein französischer Dichter sein. Das ist lächerlich. Ich bin kein russischer Dichter und staune immer, wenn man mich für einen solchen hält und als solchen betrachtet. Orpheus sprengt die Nationalität, oder dehnt sie so weit und breit, dass alle (gewesenen und seienden) eingeschlossen sind.

Foto: Marina-Zwetajewa-Museum Moskau

Hunderte Briefe wechseln die beiden Sich-Nie-Begegnenden bis zu Rilkes Tod im Dezember 1926.
Hier ein Ausschnitt aus einer Elegie auf sie von Juni 1926:

O die Verluste ins All, Marina, die stürzenden Sterne! Wir vermehren es nicht, wohin wir uns werfen, zu welchem Sterne hinzu! Im Ganzen ist immer schon alles erzählt. So auch wer fällt, vermindert die heilige Zahl nicht. Jeder verzichtende Sturz stürzt in den Ursprung und heilt.

Rilke war wohl auch von ihr angetan, vielleicht bis zu dem Moment, an dem sie ihn heiraten wollte. Unbesehen. Eine faszinierende Frau mit, wie gesagt einer Sprache, die sich in ihren Wortspiellauten, ihren klangmalerischen Nuancen, ihren stakkatoartig klatschenden Zeilen kaum umsetzen lässt. Oder zumindest nicht an einem regnerischen Nachmittag… Weil ich aber nicht loslassen kann, nehme ich doch ein oder zwei kurze Gedichte und setze sie hier ein,  wie das von 1918:

Кто дома не строил…

Кто дома не строил –
Земли недостоин.

Кто дома не строил –
Не будет землею:
Соломой – золою…

  • Не строила дома.

Die offizielle Übersetzung lautet:

BAUT EINER KEIN HAUS – 
Spuckt die Erde vor ihm aus.

Baut einer kein Haus –
Wird er nie zur Erde:
Erst Stroh, dann Asche im Herde …

Ich baute kein Haus.

***

Mir gefällt nicht, dass die Erde vor mir/ihr ausspucken soll. Deshalb wandle ich es jetzt um und übertrage wörtlich:


Wer kein Haus gebaut…

Wer kein Haus gebaut
hat die Erde nicht verdient

Wer kein Haus gebaut,
wird nie zur Erde
wird erst zu Stroh, dann zu Asche

– Ich habe kein Haus gebaut.


Es gibt noch ein schönes Gedicht von ihr über Ruhm und Lob und die Stille. Aber an der Übertragung ins Deutsche muss ich noch feilen.

Nun ist also der Tag X und hier ist die schöne Reihe zu Ende. Viel ist es um Erde gegangen, um Vergangenes um die Sehnsucht nach Heimat. Aber nicht nur. Und nicht alle, die mit ihrer Lyrik aus der russischen, deutschen, deutsch-russischen und russlanddeutschen Sphäre hineingepasst hätten, sind hier zu Wort gekommen. Deshalb wird es in unregelmäßigen Abständen an manchen Freitagen eine lyrische Fortsetzung geben. Vielleicht habe ich auch die Zeit, manche der russischen Gedichte in Lautschrift zu transkribieren. Mal sehen. Aber nicht morgen. Morgen ist Pause.

Zum vorläufigen Abschluss noch ein Abschiedsgedicht von Marina Zwetajewa:

Прости
Нине

Прощай! Не думаю, чтоб снова
Нас в жизни Бог соединил!
Поверь, не хватит наших сил
Для примирительного слова.
Твой нежный образ вечно мил,
Им сердце вечно жить готово, –
Но все ж не думаю, чтоб снова
Нас в жизни Бог соединил!


Verzeih*
für Nina

Leb wohl*! Ich denke nicht, dass Gott uns
je in diesem Leben wieder zusammenführen wird!
Glaub mir, unsere Kraft reicht nicht aus,
um ein versöhnliches Wort zu sprechen.
Dein zartes Antlitz bleibt mir ewig lieb,
mein Herz ist bereit dafür zu leben – ewig,
Trotz allem denk ich nicht, das Gott uns
je in diesem Leben wieder zusammenführen wird!

*Verzeih (Прости, Prosti) und Leb wohl (Прощай, Proschaj) haben einen ähnlichen Wortstamm, wen wunderts? Mich nicht.

Out of Karaganda

‚Ritas Leute‘ ist ein Dokuroman der Journalistin Ulla Lachauer von 2002. Karaganda und Kehl sind nur zwei der vielen Stationen der Familie Pauls, die mit dem Strom der Aussiedler nach Deutschland kommen. Die Autorin lernt die Studentin Rita Pauls Anfang der Neunziger kennen und mit ihr eine ihr fremde Welt und ein unbekanntes Stück deutscher Geschichte. Sie beschließt, die Lebenswege der Familie zurückzuverfolgen und darüber einer breiten Öffentlichkeit zu berichten. Lachauer wohnt Familienfesten bei, begleitet Rita, wenn diese als Sängerin auftritt und unterhält sich mit deren Großmutter. Die Journalistin besucht die russlanddeutsche Familie aber nicht nur in Kehl sondern reist mit Rita zu den Orten, die für die Familie von Bedeutung sind, darunter Karaganda in Kasachstan oder das ehemalige deutsche Dorf Lysanderhöh.

beautyful Karaganda at its best

In der ersten Hälfte war ich begeistert von Ulla Lachauers Buch. Es ist gut recherchiert und nah an den Menschen erzählt. Das einzige, was ich ihr vielleicht vorwerfen kann ist, dass sie die Familie Pauls zwar nicht direkt vorführt, aber als befremdliche  Exoten darstellt. Ihr Zugang zu unserem Thema erfolgt aus der Distanz, ist aber nicht despektierlich, dachte ich zunächst.

Und so früh, also schon Mitte der Neuziger hatte sich hier im Westen niemand so richtig für uns interessiert, dann kommt sie und begleitet eine junge Frau aus russlanddeutscher Familie in die verschiedenen Sphären ihrer Familiengeschichte. Nach Kasachstan in die Ukraine, nach Sibirien und auch nach Kanada.

Anfangs gibt es eine kurze Episode über den russischen Begriff Knochen waschen. (Мыть кости/косточки). An einer Stelle sagt Rita, sie war mit einer Freundin unterwegs, sie hätten „Knochen gewaschen“. Das ist eine russische Wendung und bedeutet so etwas wie Lästern, über jemanden herziehen. Im Deutschen gibt es eine ähnliche Redewendung: sich bis auf die Knochen blamieren.

Beim Lesen beschleicht mich der Eindruck, dass es keine echte Dokumentation ist, denn dafür positioniert sich die Autorin zu gern selbst zu den Neuankömmlingen und ihrer Lebensart. Sie bleibt nicht neutral und eigentich ist es ein Buch über sie selbst. Lachauer kann sich einfach nicht verkneifen zu urteilen und kann sich nicht in die Lage der Familie versetzen. Da ist Empathie, aber wir bleiben das für sie: unbegreifliche Fremdlinge. Aber ist es ein echtes Knöchelchen waschen? Wohl eher auch nicht.

Sie hat natürlich ein Recht darauf ein persönliches, nicht neutral beobachtendes Buch zu schreiben. Aber sie macht sich auch nicht die Mühe, Schlüsse zu ziehen, zwischen dem was diese Menschen erlebt haben und dem, wie sie drauf sind.

Zwischen der Autorin und ihren „Objekten“ tut sich immer mehr eine Kluft auf. Beispielsweise äußert sie sich fast beleidigt über das Desinteresse der russlanddeutschen Familie am Fall der Berliner Mauer 1989. Sie leben in ihrem eigene Universum und nehmen kaum Notiz davon. Das verübelt sie Ihnen sehr.
Erst habe ich es nicht glauben, dann nicht wahrhaben wollen, aber es ist so, bis heute: der dramatische, unblutige Zusammenbruch der Nachkriegsordnung ist für sie nebensächlich! Darin liegt – für mich – die schockierendste aller Fremdheiten zwischen den Pauls und mir. […], dass sie das Überwältigende, mit dem sie existenziell durch ihre Ausreise, verbunden sind, nicht mitdenken und mitempfinden können. Ich werde mich an diesen Herbst 1989 zeitlebens nicht ohne Herzklopfen erinnern können. S. 238

So what, sind die Pauls nicht erst 1989 ausgewandert? Dann haben sie sicher andere Sachen im Kopf gehabt als den Fall der Mauer. Und ich erinnere mich, politisch haben wir in der ersten Zeit auch wie unter einer Glocke gelebt. Nicht wie mündige Bürger, die sich aus Zeitung und TV über das Weltgeschehen informieren und es vor allem ständig kommentieren. Es wurden Manty gemacht. Es wurde sich getroffen. Deutschkurse besucht. Sich an die Bürokratie gewöhnt. Auch unsere Welt war überschaubar und schloss globale Ereignisse von weltbewegender Bedeutung aus.

An einer anderen Stelle fragt Lachauer, welchen Bezug die Russlanddeutschen zur Heimat hätten. Und wenn, dann wäre deren Heimat doch eindeutig an der Wolga. Was eher naiv und kurz gedacht ist und nicht für alle zutreffen kann. Diese und andere Bemerkungen führen sicher nicht dazu, dass dieses Buch von der community akzeptiert wird.

Vor Jahren muss ich das Buch schon einmal gelesen haben. Ich erinnere mich an die Bilder. Jedoch konnte ich damals mit dem Inhalt wohl nicht so viel anfangen. So lese ich es dieses Jahr wie zum ersten Mal. Gut, es ist überarbeitet, aber die Ausgabe von heute ist identisch mit meinem Taschenbuch von 2002.

Ich finde den geschichtlichen Rahmen, das Forschen nach der Verwandtschaft und was sie an den Orten wiederfinden höchst aufschlussreich. Vieles davon war selbst mir unbekannt.
Einiges war mir geläufig:

Die ersten Karagandiner waren Erdmenschen …S.129

Das soll bedeuten, die Verbannten, nicht nur Deutsche, wurden in der Steppe ausgesetzt, ohne Häuser, ohne Zelte oder Baracken. Sie haben sich Erdhütten gebuddelt und die erste Zeit unter der Erde gelebt.

So beschreibt sie die Entstehung und Entwicklung der Stadt Karaganda, die Zivil- und Kriegsgefangene in der kasachischen Steppe praktisch aus dem Nichts heraus gestampft haben. Sie lässt die Großmutter aus der Zeit nach der Revolution erzählen und vermittelt mir ein reiches Bild in einer deutschen Siedlung in diesen bewegten Zeiten. Vieles ist gut beobachtet, bis in die abweichenden Redewendungen und andere Sprachliche Blüten Ritas und ihrer Sippe.

wir sind anders – und unsere Tomaten auch. Karaganda

‚Karaganda‘ ist übrigens auch eine Tomatensorte. Im Buch geht es viel um Tomaten von dort. Ritas Mutter schafft es, eine Fleischtomate aus Kasachstan in Kehl heimisch zu machen.

Wie gesagt spätestens ab der Mitte des Buches, blieb beim Lesen ein schaler Nachgeschmack zurück. Besonders in der Art, in der sie uns als Gruppe bewertet. Distanziert freundlich, aber wie etwas gänzlich Fremdartiges. Wie Käfer in einem Reagenzglas.

Schon auf Seite 16 schreibt die Autorin über die „russische Nachtigall“, wie sie Rita nennt:

Bei aller Zuneigung blieb eine gegenseitige Scheu, das Bewusstsein des Ungewöhnlichen. Mein Mann und ich waren die einzigen „richtigen Deutschen“, mit denen Rita und Irene [eine Freundin] verkehrten. Sie waren die einzigen Russlanddeutschen, mit denen wir verkehrten.

Dabei beteuert Lachauer bei einem Interview in der Vereinszeitschrift der Landsmannschaft im Jahre 2004, sie möchte folgendes weitergeben, nämlich‚ dass es DIE Russlanddeutschen nicht gibt, sondern eine ungewöhnliche Vielzahl von Herkünften, Verhaltensweisen in der Sowjetzeit, Ausreisemotiven etc. Warum sie zu uns gehören, obwohl sie fast 200 Jahre in russischen Kontexten gelebt haben und viele die Sprache und Kultur ihrer deutschen Vorfahren verloren haben. Es geht darum, sich ganz konkret vorzustellen, was den Deutschen dort in der Stalin-Zeit widerfahren ist.‘

Sie plädiert für mehr ‚Verständnis für das Leben unter dieser östlichen Diktatur, den Alltag z.B. in einem Kolchos. Und natürlich sind solche Defizite nicht von heute auf morgen zu bewältigen, das ist eine Riesenherausforderung, das dauert, man braucht viel Geduld.‘

Um im selben Jahr genau diese Vereins-Zeitschrift in einem Artikel in DER ZEIT so vorzuführen: Im redaktionellen Teil von ‚Volk auf dem Weg‘ – der Titel nimmt Bezug auf die historische Wanderschaft – geht es um anderes. Im Wesentlichen um drei Punkte: 1. Wir sind deutsch! 2. Wir haben gelitten! 3. Wir bringen mehr ein, als wir kosten! Allmonatlich dieselbe Litanei, manchmal zornig, manchmal auch wie ein Schrei. Alles ist richtig und zugleich wirklichkeitsblind.

Sie scheint eine der wenigen zu sein, die diese Rückwärtsgewandtheit und das Pochen auf die nationale Zugehörigkeit so früh kritisiert hatte, die der LmDR und vielen ihrer Landsmänner eigen ist.  Was stört mich daran? Auch mich befremdet das ewige Pochen auf die nationale Zugehörigkeit und ich habe die ewige Opferrolle ebenfalls satt.

Aber es ist wohl nicht ganz so einfach. Außerdem sind in der jüngeren Generation andere Themen und andere Befindlichkeiten aufgetaucht. Die Beobachtungen von 2004 treffen nicht mehr in allen Punkten zu.

Als ich meinem Vater mein Exemplar des Buches zu lesen gab, hat er sich doch sehr aufgeregt über die Überheblichkeit der West-Autorin. Er fühlte sich schlicht verkannt. Nicht alle seien so, wie sie sie beschreibt. Das waren seine Worte. Sie hat sich eine einfach Familie herausgepickt, die auch in der Sowjetuinion unpolitisch war und erwartet, dass sie sich für so ein Ereignis wie die Wiedervereinigung mehr interessieren als die Setzlinge in ihrem Garten.

Auf jeden Fall ist das Buch ‚Ritas Leute‘ wohl eher nichts für die ältere Generation. Aber eine ausführliche Einführung in die Wanderungen der Russlanddeutschen und ein Bild davon, wie es war, als so viele von ihnen Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger nach Deutschland gekommen sind. Gefahr eines zu hohen Blutdrucks!

Die Pauls sind mit Häuschen und Garten, mit Oma und russischem Tante-Emma-Laden sicher eine Vorzeigefamilie. Was wäre passiert, wenn ich 1993 eine Autorin wie Ulla Lachauer getroffen und die sich für unsere Geschichte interessiert hätte? Welche Knöchelchen hätte sie bei uns gefunden?

Und was Rita Pauls betrifft, ich würde ja gern wissen, was sie heute so macht. Ihre digitale Spur verliert sich nach 2012. Ich würde sie fragen, wie sie das empfunden hat, dass Ulla Lachauer so über die Familie geschrieben hat. Das Verhältnis zu der Journalistin scheint seit 2004 sichtlich abgekühlt, sie hat sich anderen Themen zugewandt – nicht mehr über uns Erdmenschen geschrieben. Ob Rita immer noch singt?

Ulla Lachauer

Ritas Leute

Eine deutsch-russische Familiengeschichte

Rowohlt Verlag, Reinbek 2002
ISBN 9783498039103
Gebunden, 432 Seiten, 19,90 EUR

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