Völlig ausgeblendet – Maja Haderlaps ‚Engel des Vergessens‘

Der Roman ‚Engel des Vergessens‘  behandelt eine persönliche Familiengeschichte und stellt ein wenig beleuchtetes Kapitel österreichischer Zeitgeschichte in den Fokus. Es geht um die slowenische Minderheit in Kärnten, die noch Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an dessen Folgen und der Verfolgung durch die nationalsozialitischen Machthaber leidet. Die Großmutter der Ich-Erzählerin wurde als junge Frau nach Ravensbrück verschleppt und kommt ständig auf die Toten, die Verluste und die Erlebnisse von damals zu sprechen. Nur Kraft ihres im Aberglauben wurzelnden Christentums hat sie überlebt und gibt nun ihre Überlebensstrategien an die Enkelin weiter. Bringt ihr bei, sich heimlich mit der Zungenspitze am Gaumen zu bekreuzigen, damit es keiner mitbekommt. Nimmt Räucherungen mit einer heißen Kohlenpfanne vor. Lauter krudes Zeug, das jedoch verhindert hat, dass sie in der Hölle des Lagers den Verstand und den Mut verliert. Mechanismen zur Abwehr des Bösen, die in der Gegenwart deplaziert wirken.

Wie aus dem Nichts tauchen bei den Erwachsenen um sie herum Erinnerungssplitter von Kinderleichen oder Erniedrigungen im Lager auf. Dieses Phänomen kommt mir aus meiner Familie sehr bekannt vor.

Auch dass die Menschen an ihrer Vergangenheit zerbrechen, kann ich nur zu gut verstehen. Im Roman ist da zum Beispiel der Vater der Protagonistin, der schon als kleiner Junge zu den Partisanen gegangen ist und von den Nazis gefoltert wurde. Er kann das Erlebte nicht verarbeiten und gibt die Gewalt ungefiltert nach außen weiter. Das Stillschweigen, mit dem dieses Thema noch heute behandelt wird, verstärkt sein Trauma noch. Denn die Demütigung geht weiter: in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft wurden die slowenischen Partisanen mit Verbrechern und Verrätern gleichgesetzt.

Lakonisch wird die Sprache der Autorin dann, wenn sie darüber sinniert, dass ihre Landsleute neben Marienfahrtsorten auch Konzentrationslager wie Mauthausen oder Ravensbrück zu ihren Lieblingsausflugszielen küren. Poetisch wird sie dagegen, wenn es um die Beschreibung des Waldes geht, der zu einem Protagonisten in diesem Buch wird. Aber nicht nur.

Haderlap betrachtet das Geschehene zwar mit der Distanz einer Nachgeborenen, ist aber mit den Abgründen ihrer Familie und der slowenischen Gemeinschaft in Kärnten verbunden. Hier einige Beispiele der verdichteten Kraft ihrer Prosa:

Der Krieg ist ein hinterhältiger Menschenfischer. Er hat sein Netz nach den Erwachsenen geworfen und hält sie mit seinen Todesscherben, mit seinem Gedächtnisplunder gefangen. (Seite 92)

***

Ich lerne im selbstvergessenen Kärnten nicht vergessen zu können. Der Boden, auf dem ich stehe, muss eine unsichtbare Unterseite haben, die vollgesogen ist mit Gewesenem, aus dem ich zu wachsen scheine, auf das ich zurückgeworfen werde. Immer wiederkehrend, verfällt das Land in einen Taumel, in dem es eine Geschichte beschwört, die nichts anderes ist, als ein Rechtfertigungsphantom, mit dem es sich auf der richtigen Seite wähnt. Alle, die unter die Räder des Nationalsozialismus gekommen sind, bleiben aus diesem Selbstbild ausgeschlossen. (Seite 275)

***

Großmutter schneidet von einem Laib Brot, der ihr gereicht wird, ein kleines Stück ab. Sie reicht mir einen Bissen und sagt, mit dem Brot habe sie ein Stück Ewigkeit abgeschnitten, am Brot werden wir uns im Jenseits erkennen, am Brot, das wir bei den Totenwachen verzehren. Ich bezweifle, ob ich von diesem Brot essen möchte, weil mich die Vorstellung, den Toten im Jenseits zu begegnen, ängstigt. Den Bissen nehme ich rasch aus dem Mund und stecke ihn in meine Jackentasche. (Seite 106)

Preisträgerin

2011 hat Maja Haderlap mit ‚Engel des Vergessens‘ in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Was daraufhin in einigen Feuilletons verlautbart wurde, wundert mich nicht, macht mich aber relativ ratlos.

Es ist offenkundig, dass die Niederschrift ein Akt der Befreiung war, und als Leser daran teilzunehmen ist ein ambivalentes Erlebnis, schreibt Ulrich Greiner in der ZEIT. Er bemerkt, dass das Präsens, in dem das Buch durchgängig verfasst ist, zwar ‚plastische Szenen einer archaischen Landschaft und des bäuerlichen Lebens‘ stimmungsvoll darstellen könne, jedoch ungeeignet sei ‚für die Inszenierung eines historischen Raums, um den es hier hauptsächlich geht. Wo alles Gegenwart ist, entsteht kein Bogen, der die Tiefe der Zeit überspannen könnte.‘  Er schließt mit den Worten:
Ihr den Klagenfurter Bachmann-Preis zuzuerkennen, war eine noble Geste, denn Haderlaps Anstrengung richtet sich auf ein einziges Thema: Gerechtigkeit für die Slowenen.

Allein die Vokabel noble Geste zeugt von einer immensen Überheblichkeit gegenüber der Autorin und ihrem Werk. Als ob dieser Roman nicht für sich stehen könnte, sondern den Preis nur aus Gnade erhalten hätte. Als Annerkennung für die historische Leistung nicht für die literarische. Auf mich wirkt diese Deutung eher wie eine weitere Distanzierung und Verleugnung. Aber ich sehe es vielleicht auch bloß gefärbt durch meine eigene Minderheitenbrille.

Meine Idee ist, dass Roman unter anderem im Präsens geschrieben wurde, weil die alten Geschichten bis in die Jetztzeit ausstrahlen. Der Vater gibt seine Traumatisierung an die Tochter weiter, die Großmutter füllt sie mit ihren Erzählungen von Verlust und Tod. Das Kind trägt die Gedanken an den Tod in sich, Ängste und Scham sind ihre ständigen Begleiter. Das Mädchen bildet das Gefäß, den Resonanzraum für das Unverarbeitete und die Erlebnisse, die über den menschlichen Verstand gehen.

In einer anderen Rezension wird die Zerstückelung, die Bruchstückhaftigkeit des Erzählten kritisiert, die an einer Stelle in einem Herunterleiern von Namen und Momentaufnahmen gipfelt. Die Rezensionsschreiberin hat sich womöglich noch nie mit Traumatisierten unterhalten und nie ihrem teilnahmslosen Herunterbeten von Namen, Geschehnissen und Orten gelauscht. Ich finde diese Erzählweise gut beobachtet und meisterhaft wiedergegeben.

Die Autorin selbst bezeichnet ihr Werk als ‚…eine Art literarische Geisteraustreibung, die neurotische Aufladungen durch eine klare Sprache entlasten sollen.‘

Parallelen

Beim Lesen erkenne ich auf jeder Seite Parallelen zu meiner eigenen Situation. Zwar handelt es sich um ein anderes Land, eine andere Minderheit aber ich sehe Mechanismen, die auch bei unserer Volksgruppe zum Tragen kommen: die weitergegebenen Traumata und deren Auswirkungen und das Verschwiegenwerden im öffentlichen Diskurs. Und womöglich bestärken sich diese beiden Aspekte sogar noch. Etwas, das unterschwellig schwelt, nicht abgeschlossen ist, arbeitet in den Seelen der Nachkommen weiter. Solche Wunden heilen nicht so leicht.

In Szene gesetzt

Für das Akademietheater in Klagenfurt hat Maja Haderlap, die dort früher als Chefdramaturgin tätig war, gemeinsam mit dem Regisseur Georg Schmiedleitner eine Bühnenfassung dieses Erinnerungsromans erarbeitet, die 2015 aufgeführt wurde. Allein das Bühnenbild ist sehr eindrucksvoll. Wer weiß, obs in ein Theater in unserer Nähe kommt, ich hätte gern gesehen, wie sie das alles umgesetzt hat.

© Bild: APA/burgtheater/Georg Soulek
© Bild: APA/burgtheater/Georg Soulek
 „Engel des Vergessens“ im Akademietheater in Wien. © Georg Soulek Burgtheater
„Engel des Vergessens“ im Akademietheater in Wien. © Georg Soulek Burgtheater

Hier ist eine kurze Doku vom ORF über das Stück, das Museum der Partisanen in Kärnten und O-Tönen der Autorin_

‚Dass dieser Widerstand der Kärntner Slowenen nicht in die Öffentlichkeit geraten ist, […] hat Verdrängungskraft der österreichischen Gesellschaft zu tun,‘ sagt Maja Haderlap in dem Interview, ‚Die Volksgruppe hat man völlig ausgeblendet.‘

Fazit: Es ist sicherlich kein leichtes und angenehmes Thema. Keine Urlaubslektüre, um sich auf einen sorglosen Aufenthalt auf grünen Auen und schroffen Bergwelten vorzubereiten. Denn dort lauern überall Abgründe.

Engel des Vergessens, Maja Haderlap, btb Verlag 2013
ISBN: 978-3-442-7442-74476-3

Spruch der Woche: Scherbenpark

Fürchte diejenigen, die sich schwach fühlen, denke ich einmal mehr. Denn es kann sein, dass sie sich eines Tages stark fühlen wollen und du dich nie wieder davon erholen wirst.

Scherbenpark, Alina Bronsky, Seite 62

Diesen Satz der Protagonistin Sascha, der eigentlich auf ihren gewalttätigen Stiefvater Vadim gemünzt ist, bekomme ich nicht aus dem Sinn.

Alina Bronskys Erstlingswerk von 2008 (es gibt auch einen gleichnamigen  Film dazu) gilt als ein Coming-of-Age Drama. Ich würde es eher als Coming-of-traumatisches-Erlebnis Drama bezeichnen.

Scherbenpark heißt der Ort an der Hochhaussiedlung, an dem die Jugendlichen abhängen – auch Saschas Leben liegt anfangs in Scherben.

Sie hat einen russischen Hintergrund (nicht erkennbar russlanddeutsch, aber vieles ist vergleichbar) und der ist im Buch angenehm spürbar: anhand von Details, den Charakteren, die am Rande mitspielen: wie dem gelähmten Schachspieler Oleg oder der mütterlichen Maria. Es ist nicht aufgesetzt, ein stimmiges Hintergrundrauschen, das dem Film leider gänzlich verloren geht.

Und der obige Satz? Er setzt vieles frei. Ich muss an dieses Experiment denken, mit den zwei Äpfeln. Einer wird gelobt und vorsichtig behandelt, der andere nur rumgeschmissen und auch noch beschimpft. Außen sieht man den Äpfeln keinen Unterschied an, aber innen ist der eine komplett zerstört.

Das Mädchen Sascha in der Geschichte ist innerlich verletzt, aber durch ihre entwaffnende und kluge Dreistigkeit kommt sie klar kann letztendlich die Scherben zu einem Ganzen zusammenfügen.

Alina Bronsky, Scherbenpark. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 288 Seiten.

Gut für Überraschungen. Oder auch nicht.

Das Buch ‚Sie kam aus Mariupol‘ von Natascha Wodin beginnt mit einer Überraschung: fast routinemäßig gibt die Autorin eines Tages den Namen ihrer Mutter in eine ukrainische Suchmaschine ein. Und anders als in den Jahren zuvor, landet sie einen Treffer.

Die darauf folgende Spurensuche wird zum Selbstläufer. Plötzlich öffnen sich neue Türen, tauchen unvermutet Dokumente auf und ein unermüdlicher Mitstreiter, der Hobbygeneologe Konstantin, mit dessen Hilfe ihr die Suche nach der eigenen Geschichte gelingt.

Am Anfang stehen ein Name, einige schwarzweiße Aufnahmen und die Stadt, in der alles begann: Mariupol, gelegen an der Küste des Asowschen Meeres.

Im Laufe der Zeit findet die Autorin manches, das überraschend ist. Oder auch nicht, denn schon als Kind hat sie phantastische Dinge über sich und ihre Herkunft erfunden und diese Lügenmärchen liegen erstaunlicherweise nicht allzu weit entfernt von der Wahrheit:

Mit Verwunderung betrachtete ich die Fotos dieser fremden Menschen und brach in inneres Gelächter aus. Ich hatte als Kind gar nicht so falsch gelogen, ich hatte sogar noch untertrieben.‘
S. 72

Unter ihren Anverwandten ist mindestens ein Opernsänger, ein italienischer Seefahrer, die Gründerin eines Mädchengymnasiums und ein berühmter Psychologe zu finden. Es befinden sich darunter aber auch glühende Revolutionär*innen und Menschen, die unter den Folgen der Revolution zu leiden haben: durch Hunger, Enteignung und Lagerhaft.

Das Schicksal der Ostarbeiter

Natascha Wodin hat aus den Wirren der Vergangenheit nicht nur die Geschichte ihrer Familie herausgeschält, es ist ihr auch gelungen, auf eine Gruppe aufmerksam zu machen, die üblicherweise keine Stimme in unserer Gesellschaft hat und fast gänzlich zwischen den Falten der Geschichte verschwindet: die Millionen Fremdarbeiter des zweiten Weltkrieges, und hier insbesondere die Ostarbeiter, die in den Arbeitslagern des NS-Regimes wie Sklaven gehalten wurden.

noch immer eine Leerstelle. Ostarbeiter*innen im Deutschen Reich.

Manche Dinge müssen einfach ans Licht. Und es ist schon seltsam, welche Wege sie bisweilen nehmen und wie viel Zeit sie dafür brauchen. Bei der Spurensuche stößt sie zufällig an ungeahnte Dokumente, wie zum Beispiel das Tagebuch einer Tante, das ein erhellendes Licht auf die Zeit der Stalinära wirft.

Schon in ihrem 1983 erschienenen Erstlingsroman ‚Die gläserne Stadt‘ fragt Wodin nach der Vergangenheit ihrer Mutter, von der sie damals nur einige wenige Anhaltspunkte hat. Die Tochter trägt mindestens ein Trauma mit sich. Denn die Eltern waren nicht nur Displaced Persons, die Mutter hat sich selbst das Leben genommen, als die Autorin zehn Jahre alt ist.

Dieser frühe Verlust hinterlässt bei ihr viele offene Fragen. Erst Jahrzehnte nach diesem Freitod ist die Zeit reif, diese zu auflösen. Zwar besteht der neue Roman gefühlt zu einem Großteil wieder aus Fragen, denn jede Antwort wirft viele neue auf, dennoch scheint Wodin genau die Richtige zu sein, um die Fäden zu entwirren. Sie ist genau zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle und mit genau den richtigen Eigenschaften, um das Gefundene in ein vielschichtiges Buch fassen zu können. Sprachgewaltig war sie ja schon immer, aber diesmal nimmt sich die Sprache zurück, sie ist nicht verspielt, sondern dient dem Verständnis mehr als einem dichterischen Ausdruck. Das Buch is klar strukturiert, aber es ist nicht reine geschichtliche Chronik, Teile davon tragen romanhafte Züge und führen die Leser*innen nah ans Geschehen und die handelnden Personen.
Schnipsel für Schnipsel trägt die Tochter-Autorin das Gefundene zusammen und entwickelt ein Bild der Zeit und ihrer eigenen Rolle darin. Der Stammbaum, den sie erstellt, ist kein Baum, sondern ein Wald in dem sie sich ständig verläuft, schreibt sie anfangs, dennoch gibt sie nicht auf.

Es gelingt ihr aus diesem Wust eine Landkarte zu erschaffen, die nachvollziehbar ist und die Leser*in Schritt für Schritt an einen Kern heranführt.

Denn gerade das Kapitel der Zwangsarbeit ist ein beklemmendes Erbe, das nicht leicht auszuhalten ist. Aber Wodin hat dieses Schwere und Unaussprechliche so geschickt aufgearbeitet und die Reihenfolge so gut gewählt, dass es möglich ist, in den Abgrund zu blicken.

Gewinnerin des Buchpreises der Leipziger Buchmesse: Natascha Wodin

In der ZEIT steht über die Autorin:

Natascha Wodin, in Fürth als Kind ukrainischer Zwangsarbeiter geboren und in Nachkriegslagern aufgewachsen, lebt seit 1994 in Berlin. In ihren Büchern (etwa: Einmal lebt ich, Erfindung einer Liebe, Ehe) setzt sie sich vor allem mit den Themen Entwurzelung und Fremdheit auseinander. Für das Manuskript zu der jetzt ausgezeichneten Geschichte ihrer Mutter erhielt sie 2015 bereits den Alfred-Döblin-Preis. „Ich wünsche mir, dass möglichst viele vom Ausmaß der Zwangsarbeit im Deutschen Reich erfahren“, sagte sie in einer ersten Reaktion.

Ein Buch mit vielen überraschenden Wendungen, nur dass ‚Sie kam aus Mariupol‘ von Natascha Wodin den Belletristik-Preis der diesjährigen Buchmesse in Leipzig erhalten hat ist keine Überraschung. Nicht wirklich. Gratulation!


Fundstück am Rande:

Das Gymnasium, das Natascha Wodins Großtante in Mariupol gegründet und geleitet hatte, wurde im Bürgerkrieg nach der Revolution verwüstet, unter den Nazis war es das Arbeitsamt für die Zwangsarbeiter und in den letzten Jahren das Polizei-Hauptquartier. Es wird das Haus, das drei Mal brannte, genannt. 1920, 1944 und 2014.

Das Haus, das drei Mal brannte

 

 

Worte wie Spatenhiebe. Die Baugrube von Andrej Platonow

Die Baugrube ist ein sehr kurzer Roman, der es in sich hat. Jeder Satz macht einen Knoten ins Hirn. Nein, Leichtkost ist dieses Werk beileibe nicht. Dennoch ist seine Sprache konsequent und einzigartig. Der Autor, Andrej Platonow, hat ihn 1928 geschrieben und das aufkommende Neusprech des Sozialismus darin verwoben. Nicht kunstvoll, eher wie mit dem Hackebeil hinein gehauen.
Wie benommen tragen die Protagonisten ihre schmerzreichen Körper durch die russische Provinz der Stalinära. Sie verwenden Parolen, halb verstandenes sozialistisches Gedankengut, fragmentiert und aus dem Zusammenhang gerissen. Der Hauptschauplatz ist eine Baustelle, aber Gabriele Leopold, die den Kurzroman letztes Jahr neu übersetzt hat, nennt ihn die Negierung des „Produktionsromans“. Die Stimmung ist antiproduktiv, zerstörerisch und bis zum Winseln hoffnungslos. Statt eine helle Zukunft zu errichten, taumeln alle dem Niedergang entgegen.

Menschliche Wesen in der Welt, ein Bild von Pawel Filonow, 1926

Kurze Inhaltsangabe:

Am Rand einer großen Stadt heben Arbeiter eine riesige Grube aus, um ein ‚gemeinproletarisches Haus‘ zu errichten. Vom Kriegsinvaliden über den Handlanger bis zum  Ingenieur bildet sich unter den freiwilligen Sklaven eine Hierarchie, die den sozialen Verhältnissen in Stalins Sowjetunion ähnelt. Mit Nastja, dem Waisenkind, das sich nach seiner bourgeoisen Mutter sehnt, ist der »neue Mensch« bereits unter ihnen. Doch am Ende wird es in der Baugrube beerdigt, dem kollektiven Grab, das sich die »Paradieserbauer« (Joseph Brodsky) geschaufelt haben.

Das Nichtmenschliche, der bürokratische Nominalstil dieser Sprache quillt unkontrolliert aus den Mündern der handelnden Personen.

‚Organisier dich mal dahin‘ sagen sie zueinander. Und:

‚Ach du, Masse, Masse! Es ist schwer aus dir den Grützbrei des Kommunismus zu organisieren!‘

‚Du Genosse Tschiklin, halt dich vorläufig zurück von deiner Deklaration (…) Die Frage ist hat sich prinzipiell erhoben und ist wieder niederzulegen nach der gesamten Theorie der Gefühle und der Massenpsychose…‘ S. 45

‚Ich mache diese Hirten und Schreiber im Nu zur Arbeiterklasse – die werden mir so zu graben anfangen, dass ihnen das ganze sterbliche Element aufs Gesicht heraustritt… Aber warum Nikita, liegt das Feld trübsinnig da? Ist wirklich Schwermut in der ganzen Welt, und nur allein in uns der Fünfjahrplan?‘ S.44

Dabei ist keine Ironie im Spiel, jedes Wort ist buchstäblich so gemeint, es gibt keine Metaebene. Das war anfangs irritierend. Das Buch ist nicht als Kritik des Sozialismus gedacht, sondern als eine genaue Blaupause der Zeit nach der Revolution.

Monströse Versatzstücke wie ‚Feierlichkeit des Todes während des sich entwickelnden lichten Moments der Vergesellschaftung des Besitzes‘ muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Die Baugrube galt dementsprechend lange als unübersetzbar. Gabriele Leopold, die schon Warlam Scharlamow „Erzählungen aus Kolyma“ ins Deutsche übertragen hatte, ist damit ein Meisterwerk gelungen. Allein wie und wann sie die Vokabel ‚vergesellschaftet‘ einsetzt. Leopold hat im Vorfeld Kongresse für die Interpretation der Werke Platonows besucht, hat in Archiven und mit originalen Typoskripten gearbeitet und in den Neologismen der DDR Formulierungen und Sprechgewohnheiten entlehnt. Bizarr und faszinierend ist das Ergebnis geworden. Hier einige Worte der Übersetzerin zum Roman und zum Prozess der Übersetzung:

Als 1931 eine andere Erzählung Platonows in einer Zeitschrift erschienen ist, worin eine leise Kritik an der Zwangskollektivierung angedeutet war, schrieb Stalin persönlich das Wort „Lump“ (сволочь) an den Rand. Zu seinen Lebzeiten und darüber hinaus wurde seine Prosa nicht mehr gedruckt. Platonow starb 1951. Erst in den Achtziger Jahren setzte seine Wiedernetdeckung ein.

Platonow hat unter anderem als Spezialist für Elektrifizierung und Landgewinnung gearbeitet

1984 schrieb Joseph Brodsky aus seinem Exil in den USA: A great writer is one who elongates the perspective of human sensibility, who shows a man at the end of his wits an opening and a pattern to follow. After Platonov, there was no other such writer of Russian prose again”. The suppression of the novel Chevengur and The Foundation Pit, he claimed, “set back the entire literature fifty years.

(… Nach Platonow gab es keinen vergleichbaren Autor russischer Prosa mehr. Die Unterdrückung der Novellen Chevengur und Die Baugrube hat die gesamte Literatur um 50 Jahre zurückgeworfen.)

Hundert Jahre nach der Oktoberrevolution ist dieser Autor aktueller denn je. Er lässt uns diese Epoche auf seine unnachahmliche Weise erfahren. Aber ein Schmöker, den wir kurz mal eben vor dem Einschlafen durchblättern ist die Baugrube nicht. Es ist gut, dass diesem verdichteten Text Anmerkungen und Kommentare hintangestellt sind.

Andrej Platonow, Die Baugrube
Aus dem Russischen von Gabriele Leupold
Mit einem Essay von Sibylle Lewitscharoff
Suhrkamp, 239 Seiten, 24.00 Euro

Zeitkapsel – Erlebtes Leben zwischen zwei Welten

Seit Jahr und Tag trage ich ein Büchlein mit mir herum. Es ist nicht umfangreich, aber es umfasst eine ganze Epoche und zwei Diktaturen.

Wie ich dran gekommen bin, ist eher zufällig gewesen, wie so vieles. Im Sommer oder Herbst 2015, nach dem ich einen Blog-Beitrag über Alexander Schmorell gepostet hatte, war ich auf der Suche nach einem Buch, das Texte und Gebete von ihm enthält. Und die Datenbank der christlichen Buchhandlung spuckte mir diesen Titel aus. Erlebtes Leben – unter Stalin und Hitler, geschrieben von jemand anderem, Frau Brigitte Werth-Schmorell.

Das kann kein Zufall sein, dachte ich. Und stimmt. Es ist eine Cousine des Gründers der Weißen Rose, die diese autobiografische Werk verfasst hat. Wie ein anderer Zufall es will, lebt sie auch in Hamburg. Und ich habe sie über den Verlag erreicht und mich mit ihr getroffen.

Seit Jahr und Tag schleppe ich dieses Büchlein mit mir rum, ins Café, auf Zugfahrten und sogar in den Ruheraum der Sauna. Habe schon zig Seiten Notizen dazu, wieder verlegt und verloren, nach Monaten wiedergefunden. Warum ich nicht wenigstens eine Kurzrezension von einige Zeilen darüber verfasst habe, kann ich nicht sagen. Aber dann passiert es eben an diesem Februartag. Und eins weiß ich. Ich werde mich nicht kurz fassen können.

Diese Biografie ist nicht eins der typischen Erinnerungsfragmente Deutscher aus Russland. So viel kann ich sagen. Wahrscheinlich weil die Schreiberin selbst nicht typisch ist. Nach der Definition von Historikern ist sie auch keine Russlanddeutsche im engeren Sinn. Das sind nur diejenigen Deutschen, die nach 1763 auf den Geheiß der Zarin Katharina II zumeist an die Wolgaregion und andere ländliche Gebiete gezogen sind. Die Familie Schmorell hat sich aber in Städten niedergelassen. Sie waren Händler und Ärzte in Orenburg im Ural. Weitere Ahnen von ihnen sind nach Moskau und St. Petersburg gezogen. Sie gehören zu den Deutschen, die in Russland Kutschen bauten, mit denen Alexander Puschkin oder Alexander von Humboldt herumgefahren sind. Sie verkehrten in gehobeneren Kreisen und haben die Kultur der beiden Metropolen geprägt. In meinen Augen wäre es eine Sünde, sie auszuschließen. Aber wenn sie keine Russlanddeutschen sind, was sind sie dann? Und was sind wir? Haarspaltereien. Die mögen andere betreiben.

Vielleicht habe ich wegen dieser Unklarheiten gezögert. Vielleicht weil die Dame, die ich in einer Konditorei in einem Hamburger Vorort getroffen habe, sich sehr zurückhaltend gezeigt hat und sich partout nicht fotografieren wollte. Ihre Privatsphäre war ihr unglaublich wichtig. Und das ist doch sehr sympathisch in diesen Zeiten. Vielleicht zögere ich, ihre Geschichte preiszugeben, vielleicht bin ich aber einfach eine zögerliche Person.

Moskau Tram, 1933. Quelle: oldmos.ru
Moskau Tram, 1933. Quelle: oldmos.ru

Als sie an diesem Herbstmorgen die Konditorei betritt, würde niemand erraten, dass sie nicht lange nach Lenins Tod geboren wurde. Mit ihrer selbstgehäkelten Kappe aus weißem Baumwollgarn auf dem Kopf, die mit einer näckischen Strassbrosche geschmückt ist, blickt sie wach und unternehmungslustig in den Raum. Sie wirkt körperlich nicht weniger fit als ich, im Gegenteil.

Anfangs ist sie skeptisch mir gegenüber, will genau wissen, was und wozu ich es wissen will.

Sie möchte nicht viel von sich preisgeben, nicht fotografiert werden. Und das ist ein sehr vernünftiger Umgang mit dem unbekannten Terrain Internet.

Und was genau ein Blog ist, kann ich nicht beschreiben mit alten Begriffen. Ein schwarzes Brett? Ein Notizbuch für die Öffentlichkeit? Wer sieht das alles?

Als die Computer noch schwer und unhandlich waren, hatte sie sich mit über 70 das Arbeiten am PC eigenhändig beigebracht, um ihrem Mann, einem Wissenschaftler bei seinen Publikationen zu unterstützen. Und er hat sie auch ermuntert, ihre Geschichte öffentlich zu machen. ‚Schreib es nieder‘, hat er ihr immer wieder geraten. 2009 hat sie ihre sehr stringenten Erinnerungen publiziert. Für die nächsten Generationen, wie sie selbst in dem Einleitungstext bemerkt.

So wie diese ältere Dame, die viel erlebt hat, ist auch ihr Buch.

Es ist sehr persönlich, aber es gibt nicht viel preis. Es bindet die eigene Geschichte in die größeren Zusammenhänge ein. Ein wenig Nostalgie, Anekdoten und Lebensaugenblicke verknüpft mit historischen Ereignissen und Personen.

Aber ich greife vor.

Alexander Schmorell
Alexander Schmorell, genannt Schurik

Wir reden über ihren Verwandten, Alexander Schmorell, der zum Kleeblatt, zum inneren Kern der Weißen Rose gehörte. Ich rege mich über seine Darstellung in Filmen und Büchern auf. In einer russischen Rubacha. Wie ein Kolchosbauer.

Schurik war ein aristokratischer Mensch, ihn in einen Bauernkittel zu stecken ist typisch deutsch, ob er überhaupt Balalaika gespielt hat? Er konnte sehr gut Klavier spielen, das ja.‘

Sie gibt mir eine viel schönere Ikone von Alexander Schmorell, der vor einigen Jahren heilig gesprochen wurde. ‚Sehen Sie, da ist eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden und das rote Kreuz, das darauf hinweist, dass er Arzt war, oder werden sollte.‘

Die schönste Beschreibung von Alexander stamme von seinem Vater, Hugo Schmorell. Er hat sie in einem Brief an die Schriftstellerin Ricarda Huch geschrieben. Schon 1945. Doch leider ist sie nicht mehr dazu gekommen, ihr Buch zu vollenden. Sie starb zwei Jahre später.

Aufzeichnungen von Frau Wehrt-Schmorell sind zum Teil aus einer Kinderperspektive erzählt. Es ist das Jahr 1934. Mit etwa neun Jahren kommt Brigitte mit ihrer Familie aus dem stalinistischen Russland ins Vorkriegsdeutschland.

In einer Nacht – und Nebelaktion reisen ihre Eltern aus Russland ab. Mit zwei Kindern und zwei Koffern an der Hand.

Freunde von meinen Eltern, Edelkommunisten, haben meinen Eltern einen Wink gegeben.‘

Stalin sind sie entronnen. In der neuen Heimat herrscht aber eine nicht mindere Diktatur.

Ihre Mutter Agnes, die sich hinsetzt und „Mein Kampf“ durchackert, ist betrübt: ‚Drüben mussten wir schweigen und uns still verhalten‘, sagt sie, ‚Und hier geht es weiter, glaubt mir.‘ Nach dieser Lektüre sieben Jahre vor der Operation Barbarossa schätzt sie die Lage klar ein: ‚Der meint es ernst, es wird noch einen Krieg mit Russland geben.‘

Ja, Kinder kriegen viel mit.

Der Vater hat den Wechsel in das andere Land, in die neue Diktatur nicht gut verkraftet. Kurz nach der Einreise wird er von der Gestapo verhört. Er hätte ja ein bolschewistischer Spion sein können. Danach wird er immer verschlossener. Redet nicht, zieht sich immer mehr in sich zurück. Er hat nie etwas aufgezeichnet. Und ihr Bruder auch nicht. Hat immer nur abgewunken, wenn sie mit ihm über die Vergangenheit reden wollte. Ihm ist es schwerer gefallen, im neuen Land anzukommen. Er war schon Schulkind, wurde auf dem Schulhof gehänselt – in Moskau als dreckiger Deutscher. In Deutschland als Russe. Er hat die Vergangenheit abgestreift.

Die Mutter geht da pragmatischer mit um. Sie bittet ihre Kinder, nur noch deutsch miteinander zu reden.

Als eine ihrer Lehrerinnen bemerkt, sie sei so schweigsam und ernst für ihr Alter, erwidert ihre Mutter: ‚Bedenken Sie doch, was unsere Kinder an Schrecken erlebt haben.‘

Im Buch berührt sie schreckliche Erlebnisse, aber an keiner Stelle wird sie weinerlich oder anklagend. Es ist ihr wichtig mitzuteilen, dass es neben dem Schrecken auch die glücklichen Momente gab.

Die russische Njanja, die abends beim Einschlafen, wenn die Mutter schon rausgegangen war, an ihrem Bett saß und ihr Geschichten erzählte und ihr Gebete beibrachte, nannte sie immer Gitjulenka, eine eigens kreierte slawische Verniedlichung auf den nordischen Namen. An sie denkt Brigitte Wehrt-Schmorell noch heute sehr liebevoll zurück. Es gelingt ihr, ein Büchlein, ein andenken an dieses Kindermädchen ins neue Leben zu retten.

Deutsche Familie in Orenburg
Deutsche Familie aus Orenburg

Viel später, als sie schon lange in Deutschland ist, flüchtet sie sich in die Erinnerungen aus ihrer Kindheit, wenn es ihr schlechtgeht.

Das war für mich wie ein unantastbarer Hort, stellen Sie sich vor, eine Kindheit im Stalinismus!‘

Denn die Erwachsenen verstanden es, trotz der widrigen Umstände den Kindern mit kleinen Ritualen Geborgenheit zu vermitteln. Eine Welt zu schaffen, in der sie sich sicher fühlen sollten, auch wenn die Außenwelt aus den Fugen geraten war. So wurden aus Wachsresten heimlich Kerzen gegossen und mitten im Stalinismus christliche Feste wie Weihnachten gefeiert, hinter zugezogenen Gardinen.

Ihre Wurzeln gehen auch auf Baltendeutsche zurück, ein anderer Ururgroßvater war Wagenbauer und hat Alexander von Humboldt auf seiner Reise durch Russland ausgerüstet. Auch der dichter Puschkin hat seine Kutschen lobend in seinen Briefen erwähnt. Brigitte Wehrt Schmorell stößt auf einer ihrer Reisen nach Russland mehr oder weniger zufällig auf die Grabstätte ihrer Vorfahren und recherchiert die Geschichten. Auch davon handelt das Buch.

Auch davon, was in der Zeit nach der Revolution mit einer deutschen Kaufmannsfamilie geschehen ist. Nach der Machtübernahme durch die Bolschewiken werden sie enteignet und zunächst in eine gemeinsame Wohnung gesetzt. Dem weitverzweigten großen Klan stehen immerhin sieben Zimmer statt dem hochherrschaftlichen Haus zur Verfügung. Das achte Zimmer bewohnen Fremde, die sie bespitzeln sollen.

Innerhalb der sieben Zimmer wird deutsch gesprochen. Außerhalb der Hausmauern reden sie russisch.

Die Stalinzeit und Kampagnen gegen Deutsche sind auch an dieser weitläufigen Familie nicht spurlos verübergegangen. Der jüngste Bruder ihres Vaters ist im Lager verhungert, drei Brüder der Mutter sind ebenfalls umgekommen. Und auch Brigittes Vater saß vier Jahre in Sibirien fest.

‚Als Ingenieur war er technisch sehr versiert,‘ erzählt sie, ‚konnte überall eingesetzt werden auch in Tomsk und Nowosibirsk. Dort hat man ihn dann verhaftet. Es reichte ja ein Deutscher zu sein.‘

‚Musik, hat mich gerettet. Und dieser Doktor.‘ Ein befreundeter Arzt in dem Ort, an dem sie sich niedergelassen haben in Deutschland, der Verständnis hatte für die seelischen Schmerzen dieser eingewanderten Familie. In den Dreißigern eine Ausnahmeerscheinung. Drei Jahre leidet sie. Der befreundete Arzt kann den Trennungsschmerz heilen.

Auch die Reisen nach Russland haben geholfen. Sobald es möglich war, ist Brigitte immer wieder dahin zurück gefahren. 1961 schon in Moskau, und dann immer wieder.

Frau Wehrt-Schmorell macht mich auf eine Besonderheit aufmerksam, was ihren Vornamen angeht: Brigitte. Einmal brauchte sie für irgendeine behördliche Sache ihren Taufschein, ein Glück, ihr Mann hat ihn aufbewahrt. Doch die deutschen Behörden bemerken eine Unregelmäßigkeit, die ihr fast zum Verhängnis wurde.

1925, wenige Jahre nach der Oktoberrevolution, wurde das Baby Brigitte nicht in einer Kirche, sondern privat, zu Hause getauft. Der Taufschein war auf russisch ausgestellt und ihr Name wurde auf Kyrillisch mit Бригита angegeben, also Brigita mit einem a am Ende.

Diese kleine Abweichung beim letzten Buchstaben führt bis heute dazu, dass sie bei offiziellen Dingen stets darauf achten muss, mit Brigitta zu unterschreiben, sonst ist das Dokument nicht rechtsgültig. Und wenn sie eines Tages in das Familiengrab beigesetzt wird, dort wo ihr geliebter Mann seit fast zwei Jahren ruht, möchte sie, dass auf ihrem Grabstein als Vorname Brigitta steht mit a.

Fazit: Dieser ganz andere Blickwinkel auf die Geschichte und die Wurzeln von Deutschen in Russland macht die Lektüre so wertvoll.

***

Erlebtes Leben unter Stalin und Hitler

Mit einem Geschichtsabriss: Deutsche in Russland

112 Seiten, Taschenbuch (Paperback)

EUR 8,90 · ISBN 978-3-8280-2767-1

Unterirdisch: das schwarze Huhn

Schnell, bevor die kalte Jahreszeit ganz entschwindet, noch ein winterliches Sujet im Film.

Anfang der Achtziger entstand ein Märchenfilm nach einem bekannten russischen Kinderbuch: Die schwarze Henne oder das unterirdische Volk.

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Die Geschichte spielt um 1790, sie handelt von einem knapp zehnjährigen Jungen, Aljöscha, der in ein Internat geschickt wird, und sogar in den Ferien da bleiben muss, weil seine Familie zu weit weg wohnt.
Er füttert die Hühner und ihm wächst ein besonders zerzaustes schwarzes Hühnchen ans Herz. Als es geschlachtet werden soll, rettet Aljöscha ihm das Leben. In der folgenden Nacht erscheint ihm das Huhn im Traum und entführt ihn in eine unterirdische Welt, eine Paralellwelt sozusagen, in der Wesen leben, nicht größer sind als ein halbes Arschin (ca. 36 cm). Zumindest im Buch, im Film haben die Schauspieler alle die normale Menschengröße. Der König der Unterirdischen bedankt sich für die Rettung und gibt dem Jungen als Belohnung ein kleines Hanfkörnchen. Dieses bewirkt, dass Aljöscha ab jetzt jede Antwort im Unterricht weiß und jeden Text auswendig kann, der jemals in einem Buch geschrieben wurde. Doch natürlich die Erfüllung dieses Wunsches an eine Bedingung geknüpft…

Das Schwarze Huhn, Film von 1980
Das Schwarze Huhn, Film von 1980

Einen kleinen Vorgeschmack darauf gibt es hier:

Der Film versetzt einen in die Zeit von Mozart und weißen gepuderten Perrücken. Aber anders als viele Historienfilme, ist die Welt, die Schule, in der Aljöscha und seine Mitschüler leben, schön durcheinander und unordentlich. Langsam erzählt und so realitätsgetreu, dass sich die Zuschauer wie Zeitreisende fühlen können. Außerdem kann der kleine Aljöscha mit seinen großen Augen gucken, dass einer ganz anders wird. Da kann der kleine Lord Fountleroy sich aber umgucken!

Es gibt auch eine Multfilm-Variante von 1975:

Bis zum Zerbersten poetisch.

Welchen Zusammenhang hat dieses Buch, hat dieser Film, abgesehen davon, dass sie in Russland zum Kulturgut gehören, zu meinen Themen? Weder ist der Autor ein Deutscher aus Russland, noch handelt das Buch davon.

Nein.

Aber.

Aleksej Perowskij, der unter dem Pseudonym Pogorelskij schrieb, hat 1813 im Krieg gegen Napoleon teilgenommen und kam so nach Dresden, wo er an die zwei Jahre lebte. In dieser Zeit hat er auch die deutschen Romantiker schätzen gelernt. Allen voran E.T.A. Hoffmann, der sein literarisches Werk und auch dieses phantastische Märchen beeinflusst hat. Also läuft meine Suche eher unter deutsche Spuren in Russland.

Eine weitere Spur: in der Erzählung taucht ein Lehrer auf, Iwan Karlowitsch, allem Anschein nach ein Deutscher, der ständig „Mein Gott“ vor sich her murmelt und mit einem pseudodeutschen Akzent redet. (So spricht er statt W immer ein superweiches F, in dem Sinne: Fass follen Sie von mir? Felche Folke fliegt vorüber. Kannten die Monty Python? Egal.) Der Schauspieler, der den Lehrer spielt, heißt Albert Leonidowitsch Filosov. Dem Vornamen nach könnte er theoretisch deutsche Wurzeln haben. Aber das wird in den Netzen nicht erwähnt. Wie so oft.

Der Autor war ursprünglich ein Beamter im Senat, bevor er sich nach dem Tod seines Vaters auf seinem ukrainischen Gut Pogorelskij (daher der Künstlername) zur Ruhe gesetzt hat. Ab da widmete er seine Zeit dem Schreiben und der Erziehung seines Neffen und Patensohns, mit dem er unter anderem 1827 Goethe besuchte.

Er schrieb Romane in der Tradition der Romantiker, wie „Der Doppelgänger“ aber erst das 1829 veröffentlichte Märchen vom schwarzen Huhn machte ihn bekannt. Er hat es übrigens für seinen kleinen Neffen geschrieben, der später auch ein Mann der Feder wurde. Der Junge war ein Graf Tolstoj, nein nicht Lew, sondern dessen Cousin, Aleksej Konstantinowitsch.

So wundert es nicht, dass der Protagonist auf den Namen Aljöscha hört. Aljöscha ist ein Kosename für Aleksej. Das ist der echte Vorname des Autors selbst und auch der seines Neffen.

Das schwarze Huhn ist das erste Buch in russischer Sprache, dass das Sujet der Kindheit so ausführlich behandelt und somit das allererste russische Kinderbuch überhaupt. Auf Deutsch ist die Geschichte „ Die kleine schwarze Henne“ als Nacherzählung von Sybil Gräfin Schönfeldt erschienen mit vielen Illustrationen von Gennadij Spirin, der sich als Illustrator vor allem auf Kinderbücher spezialisiert hat.

Überhaupt hat die Geschichte viele tolle Zeichner angeregt:

Illustration von Gennadij Spirin
Illustration von Gennadij Spirin
Illustration: Wiktor Piwowarow
Illustration: Wiktor Piwowarow
Auch Wiktor Piwowarow
Auch von Wiktor Piwowarow illustriert

Du kommst auf meine schwarze Liste!

blacklist

Nach der Buchmesse gab es einige Posts und Diskussionen zum Thema Buchblogger*innen, zu denen ich ja nicht so pauschal gehöre. Aber ich rezensiere Bücher. Ein Satz blieb mir im Gehirn hängen: dass in Buchblogs so selten Bücher verrissen werden. Und rumorte und rumorte.

Nun fühle ich mir doch auf die Füße getreten. Ich habe noch nie verrissen!

Es ist nicht so, dass es zum Thema Russland keine üblen Bücher gibt. Es gibt so einige Schnitzer aus meiner Sicht. Und ich meine nicht Konsalik. Ich lege sie üblicherweise kopfschüttelnd nach wenigen Seiten weg oder will das, was darin steht nicht auch noch promoten. Oder ich lese sie bis zur Neige und grusel mich.

Haruki Murakami hat mal in einem Interview sinngemäß gesagt, er muss nicht an die Orte reisen, über die er schreibt, das Internet macht die Recherche vom Schreibtisch möglich. Nun. Aber er schreibt ja auch über japanische Menschen und japanische Orte und hat eine Ahnung von Kultur und Sprache.

Bestsellerautoren aus Großbritannien meinen dagegen, etwas über die Oktoberrevolution schreiben zu müssen und kriegen noch nicht mal die Sache mit den Deminutiven richtig hin. Oder in Amerika aufgewachsene Enkeltöchter russischer Immigranten schreiben Familiengeschichten aus Leningrad, die von den Dialogen her genauso gut in Detroit oder Texas spielen könnten. Oder bei Hanni und Nanni. Und westliche Korrespondentinnen berichten über ihre Zeit in Tschetschenien als wären die dort lebenden Menschen Affen aus dem Urwald. Hauptsache Kritikfähigkeit bewiesen.

Aber wer weiß, vielleicht existieren Leser*innen, die genau das mögen? Ich machs mal wie das Känguru und veröffentliche meine Blacklist der letzten drei Monate:

Sachbuch

I.

Autor*in: Sonia Mikich
Titel: Planet Moskau, 1998
Geschichten aus dem neuen Russland
Urteil in einem bis zwei Sätzen: Oft abwertend.

Zitat:Der russischen Küche kann ich nichts abgewinnen. Geschmacklos und konturenlos und nur für drei, vier Versuche gut, und dann lässt man es lieber bleiben. Was ja unschwer dadurch bewiesen ist, daß jeder Russe, der zu Geld kommt, lieber im Pizza Hut sitzt oder beim vorzüglichen Sonntagsbrunch im Hotel Kempinski mit seiner Familie deutsches Sahnegeschnetzeltes genießt.

(Zugegeben, meistens ist es Kohl mit Weißmehl und Schweinefleisch, liegt sehr schwer im Magen und ist furchtbar fettig, aber MUSS SIE DAS SO DEUTLICH SAGEN?)

II.

Autor*in: Aufzeichnungen des Privatsekretärs des Fürsten von Bismarck
Titel: Am Hofe Katharinas II
Aus der Reihe: DIE WEIBERHERRSCHAFT AN DEN FÜRSTENHÖFEN
Berlin, 1931

Urteil in einem bis zwei Sätzen: Mit welcher Kutsche und welcher Entourage welcher Großfürst in welche Sommerfrische gefahren ist. Öde. Auch die angeblichen Enthüllungen.

Zitat: In Perava bekam ich eines Tages heftiges Kopfweh, wie ich mich nicht erinnere je gehabt zu haben.(…) Die Kaiserin legte drei bis vier Werst zu Fuß zurück und ruhte sich dann einige Tage aus. So dauerte die Reise fast den ganzen Sommer. Nachmittags gingen wir zur Jagd.

Belletristik

I.

Autor*in: Paulina Simons
Titel: Die Liebenden von Leningrad, 2001

Urteil in einem bis zwei Sätzen: Muss ich dazu was sagen? Es ist sehr dick. Vielleicht ist auch nur die Übersetzung nicht gut. Aus amerikanischen Englisch ins Deutsche. Da kennt sich vielleicht jemand nicht mit Russland aus.

Zitat:Anatolij wusste nicht genau: War es ihm nur so erschienen, oder hatte Shenja ihn tatsächlich mit einem flüchtigen Blick gestreift? Jene Dichterin, soviel war gewiss, ließ ihre Augen während der Rede mehrmals auf ihm ruhen, und darin las er ein Gefühl, das er nicht gern auf sich bezogen sah: Mitleid.

II.

Autor*in: John Boyne
Titel: Das Haus zur besonderen Verwendung
Urteil in einem bis zwei Sätzen:

„Ein aufwühlendes, atemberaubendes Epos über das Schicksal des letzten russischen Zaren und seiner Familie.“
The Times

Du spürst nix von Russland und kannst schon auf den ersten Seiten riechen, welche Auflösung es geben wird. Ratschlag: Bleiben Sie doch bei Themen, die Sie kennen!“
The Scherbensammlerin

(Hier habe ich  kein Zitat, denn ich habe es längst in die Verschenkekiste getan.)

Wer diese Bücher dennoch lesen will, ist selbst schuld. Ich habe hiermit alle gewarnt. Aber das vom Fürsten von Bismarck seinem Sekretär war mit Abstand das Schlimmste, was ich je gelesen habe.

Ein Buch habe ich von der Liste wieder entfernt, weil ich mich bei der Suche nach einem geeigneten Zitat festgelesen hab und festgestellt, dass mein erster Eindruck wohl falsch war. Hans Noll, Rußland Sommer, Loreley. Vielleicht ist das doch ein ganz guter Einblick in das Leben zu Sowjetzeiten.

TO BE CONTINUED

Immer beraijt – Princeton Pionier

IMMER BERAIJT von 1930
IMMER BERAIJT von E. Emden und S. Telingater, 1930

Heute ist Tag des Kindes. Zeit, eine hübsche Sammlung vorzustellen, die von der renommierten Princeton Universität erst kürzlich online gestellt wurde: 159 russische Kinderbücher aus der frühen Sowjet-Ära. Zum Blättern. Tolles Design, aber auch krasseste Propaganda, in Kindergehirne gepflanzt. Was sicher nur aus unserer Westwarte so befremdlich wirkt – für die auf der anderen Seite war das, was uns wie purer Zynismus vorkommt, völlig normal.

Wie das zum Beispiel:

Stalin ganz persönlich-versöhnlich
Treffen  mit dem Genossen Stalin, ganz persönlich-versöhnlich

Auf Seite 8 von Treffen mit Towarisch‘ Stalin schreibt der Autor Georgij Bajdukow:

…hier wurde mir etwas bewusst, Stalin – als großartiger, genialer Mensch – schätzt das Leben aller Menschen, die hart arbeiten.

Und züchtet Zitronenbäumchen. Ist klar.

Der Verfasser war seines Zeichens General-Major der Luftflotte und 1945 in Berlin dabei. In seiner Freizeit schrieb er erbauliche Prosa wie diese.

Aber es gibt in dieser Sammlung auch einfach nur Kinderbücher ohne politischen Auftrag, wenn auch wenige. Teilweise von so bekannten Autoren wie Daniil Charms (von ihm leider nur eins) oder Wladimir Majakowskij (gleich mehrere, auch hochpolitisierte darunter).

Die Gestaltung ist ganz schön avantgarde:

princeton_majak_2
Auf jeder Seite: Elefant oder Löwe

Das Folgende stammt auch aus der Feder Wladimir Majakowskijs, das allseits beliebte: Was ist hier gut und was ist hier schlecht:

princeton_majak_1
das ist schlecht.

(Ist der Sohn schwarz wie die Nacht, Schmutz liegt auf dem Schnäuzelchen, klar wie Suppe, das ist schlecht für des Sohnes Häutelchen.)

princeton_majak
das ist gut.

(hierfür fällt mir keine gereimte Übersetzung ein, aber das Bild spricht für sich. Odol halt) 

Die ganze Sammlung in der digitalen Bücherei befindet sich hier: http://pudl.princeton.edu/collection.php?c=pudl0127

princeton-pionier
wir sind klein, aber wir sind viele, die Pioniere

Im Nebel tappen – Ein Buch über Kriegsenkel

Meine Urlaubslektüre war diesmal: Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte, herausgegeben von Michael Schneider und Joachim Süss.

Die Sammlung enthält Texte von dreiundzwanzig Autoren und Autorinnen, darunter Alexandra Senfft, Anne-Ev Ustorf, Merle Hilbk, Bettina Alberti und vielen mehr. Entstanden ist dieses Buch nach einer Vortragsreihe, die in den Jahren 2013/2014 in Hamburg lief. Ich meine, ich hätte damals sogar die Plakate gesehen, konnte aber nicht hin. Wie das so ist.

Die zweiundzwanzig Beiträge sind zweiundzwanzig Spiegel. So andersartig sie sind, so behandeln sie doch alle möglichen Formen von Weitergabe an die nachfolgenden Generationen. Es ist die Rede von unterschwelligen Belastungen, die diese daran gehindert haben, ihren Weg zu gehen, durchzustarten. Von einem Zustand, der nicht greifbar ist, wie ein Nebel, von dem eine leise Bedrohung ausgeht.

Foto: Moritz Pendzich
Foto: Moritz Pendzich

Die Beiträge sind unterschiedlich gewichtet und von unterschiedlicher Qualität. Sie nähern sich aus rein persönlichen Blickwinkeln oder aus der distanzierten, wissenschaftlichen Betrachtung dem Thema an. In einigen taucht Kritik über den Sammelbegriff „Kriegsenkel“ auf, der häufig als handliche Vokabel eingesetzt wird, jedoch zu allgemein ist, um individuelle Befindlichkeiten zu verorten. So bewertet Ulrike Pohl, die sich in ihrem Text viel mit Abwehrmechanismen beschäftigt, den Generationenbegriff als zu allgemein:

Es ist ein immenser Unterschied, ob jemand Kleinkind, Mitglied der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädel war, Kind von überzeugten Nazis oder als jüdisches Kind verfolgt wurde. War Anne Frank ein Kriegskind? Kinder auf dem Land waren oft weit weniger Gefahren ausgesetzt und besser mit Nahrung versorgt als Kinder in bombardierten Städten.“ Seite 178
Sie führt aus, dass in diesem Zusammenhang selten über die Faszination für die Hitlersche Ideologie gesprochen wird. Von Nächten im Bombenkeller, von Flucht, von Hunger, das ja. Es würde oft die eigene Opferrolle betont, weniger das eigene Mitläufertum oder das der Eltern. Hier würden starke Abwehrmechanismen weitergegeben werden, die noch bei den Enkeln greifen.

Gabriele Lorenz-Rogler gibt Teile ihres Interviews mit Eugen Drewermann wieder. Auch er ist Pauschalisierungen gegenüber skeptisch, räumt allerdings ein, dass es in einzelnen Fällen durchaus eine Weitergabe von Traumata gegeben haben mag. Seiner Meinung nach kann es jedoch nicht angehen, dass dieser eine Aspekt der Übertragung allein für die Lage einer ganzen Generation verantwortlich ist. Die jeweilige Familienkonstellation, die Entwicklung nach ’68 und der Druck der multioptionalen Welt, in der alle alles erreichen können dürfen müssen, seien ebenfalls stark für die psychische Gemengelage verantwortlich. Der Begriff Kriegskinder (oder Kriegsenkel) sei seiner Meinung nach zu grob gefasst. Man muss auch hier differenzieren: waren die Eltern so alt, dass sie als Flakhelfer eingesetzt worden sind oder waren sie zu klein, um die Ideologie zu aufzunehmen oder waren sie Vertriebene? Das alles führt zu anderen Weichenstellungen für die Psyche. Allerdings hat Drewermann, der 1940 in Bergkamen geboren wurde, als Kind selbst Flächenbombardements in seiner Siedlung erlebt und überlebt. Er würde somit in die Kategorie der Kriegskinder fallen. In einem anderen Interview beschreibt er seine Erlebnisse mit einer für diese Gruppe typischen, emotionslosen und gleichbleibenden Stimme: „Das letzte Haus, das stehen blieb, war das meiner Eltern, das Haus Nummer 5. Das ich noch lebe, ist reiner Zufall.“ und „In der Nähe des Todes habe ich das Leben erlernt.“
Eventuell ist sein Unverständnis denjenigen gegenüber, die sich vor Schwierigkeiten sehen, weil sie an den Altlasten der Kriegskinder zu tragen haben typisch für seine Generation. Obwohl er sagt ja lediglich, dass nicht alle gleich betroffen sein müssen.

Wenn ich die anderen Kapitel des Buches lese, offenbart sich mir ein deutliches Bild. Auch wenn Monokausalität eine Falle ist, lässt es sich nicht leugnen, dass der Krieg noch Jahrzehnte später seine Spuren in den Seelen hinterlassen hat. Irgendwo in dem Buch stehen Zahlen: 8-10 Prozent der deutschen Rentner*innen leiden an psychischen Störungen, weitere 25% klagen über leichtere psychosomatische Störungen.

In der Schweiz, ohne diese Erlebnisse, sind es 0,7 Prozent in der gleichen Altersgruppe.

Mag sein, dass nicht alle traumatisiert waren. Mag sein, dass nicht alle etwas weitergegeben haben. Aber je stärker etwas verschwiegen und verdrängt wird, desto heftiger will es ans Licht.

Für die meisten Autor*innen dieses Buches steht außer Zweifel, dass die Erlebnisse der Vorfahren einen Schatten auf unsere Gegenwart werfen. Dieses Zögern, diese diffusen Ängste, über die spätere Generationen klagen, lassen sich aber nur schwer greifen. So beschreibt die Filmemacherin Daniela Schiffer, wie ihr die Interviewpartner wegbrechen, als sie eine Dokumentation über diese Generation machen will. Wie sich alles entzieht, wie Dinge nicht zustande kommen und wie sie von eigenen Blockaden befallen wird, die sie bei anderen Themen nicht kennt. Letztendlich geht es in ihrem Beitrag darum, wie das Projekt bereits während der Vorbereitungen an nebulösen Hemmnissen und dem unverbindlichen Verhalten der Interviewpartner scheitert.

In diesem Nebel, in diesem diffusen und nicht greifbaren Erleben, treffen sich die Kriegsenkel letztendlich doch. Es gibt dieses Gemeinsame. So schreibt sie:

Ich erzähle einem Freund, dass ich manchmal Angst kriege, einfach so, als könne gleich was schief gehen. Ich nenne das dann Gewittertierchen-Stimmung. Er kann sofort etwas damit anfangen. Es gehe ihm genauso. S. 184

Mir kommt dieser Zustand auch bekannt vor. Das erkenne ich aber mit anderen Aspekten kann ich weniger anfangen. In vielen Beiträgen hiesiger Kriegsenkel wird Atmosphäre in den Familien oft als nicht lebendig und kalt beschrieben. Es gehe nur darum, zu funktionieren, ein Austausch auf der Gefühlsebene würde fehlen. Bei Russlanddeutschen ist es meistens umgekehrt, denn sie sind anders sozialisiert. Die schwarze Pädagogik hatte zwar ihre Parallelen im frühen sozialistischen System, wo alle Familienbande zerrissen werden sollten. Aber entweder hat es bei den Minderheiten nicht funktioniert oder die Deutschen haben so stark zusammengehalten und ihre alten Traditionen gepflegt, dass sie davon nicht berührt wurden. Diese Kälte gibt es nicht. An der Tagesordnung sind hier eher Grenzüberschreitungen, übereifriges Bemuttern und so starke Familienbande, die kaum eine Individualität oder ein Ausscheren aus dem Gewohnten zulassen.

Meine Familie ist nicht von nur von Bomben, sondern von Vertreibung und der Verachtung durch die Siegernation geprägt, die uns, den Paria, den angeblichen Faschisten im Siegerland entgegengebracht wurde.

Ein Teil meiner Vorfahren waren quasi Arbeitssklaven ohne Rechte. Diese Sklavenmentalität einerseits und das Gefühl, ständig auf der Flucht zu sein, andererseits haben mich in meinem Leben oft begleitet.

Euch geht es zu gut…Wir haben das so weggesteckt.
Das sind Sätze einer im Krieg Geborenen zu ihrer Tochter und sie bringen den Generationenkonflikt zwischen denen, die als Kinder Krieg und Trümmer erleben mussten und deren Nachkommen auf den Punkt.

Ja, es stimmt. Es ist uns nie so gut gegangen. Wir hatten nie so lange Friedenszeiten erlebt, noch nie so viele Möglichkeiten gehabt, etwas aus unserem Leben zu machen. Warum also das Gejammere? Das auf der Bremse stehen? Das im Dunkeln tappen?  Weil wir es uns leisten können.
Es gibt keinen Krieg in Deutschland. Gerade deswegen kommen die Chimären der Vergangenheit aus ihren Löchern gekrochen. Weil wir uns nicht ums reine Überleben kümmern müssen, um den Existenzkampf und darum, das Trauma möglichst weit weg von uns zu halten, um zu funktionieren. Wir können es uns leisten, hinzusehen. Können uns den subtilen Energien zuwenden, die unsere Psyche formen und verformen und in die physische Welt hineinwirken.

Was bleibt, sind schwierige Lebensentwürfe. Wobei die Betonung nicht auf schwierig liegt, sondern auf Entwurf. Alles ist provisorisch und unfertig. Im besten Fall ist das Leben im Fluss, im schlimmsten eine hektische Flucht. Einmal auf der Flucht immer auf der Flucht, hat mal ein Psychotherapeut in diesem Zusammenhang gesagt.

Clint Eastwood hat die Thematik sehr plakativ zusammengefasst: Mangelnder Durchsetzungswille und fehlendes Vorwärtsstreben gleich pussy generation. Hoffentlich hat der Altmeister der Cowboys seinen eigenen Sohn so abgerichtet, dass er all diese männlichen Tugenden vorweisen kann.

Die Erlebnisgeneration, die den Schrecken auf der eigenen Haut erfahren hat, mag sich darüber aufregen, dass die jungen nichts wegstecken können, dass sie wegen jedem Kinkerlitzchen jammern und klagen. Sie selbst durften ja nicht. Bloß kein Hinterfragen, keine Zweifel oder Gefühle zulassen.

Die Deutschen aus Russland haben genug Traumata erlebt, es gibt kaum eine Familie ohne Deportationserfahrungen und ohne einen Verwandten, der im Lager oder in der Arbeitsarmee gewesen ist. Auch hier war das Erlebte lange Zeit mit Schweigeverboten belegt. Allerdings kam dieses Verbot von außen nicht von innen. Sie durften ihrer Opfer nicht öffentlich gedenken, es wurde nicht über das Alte gesprochen. Alles Deutsche war eh verboten. Also haben sie geschwiegen, zum einen weil das Erlebte unsagbar war, aber auch weil es ein Tabu gab, sich mit psychologischen Untiefen zu befassen. Nach dem Motto: bei uns gibt es sowas nicht.

Es ist eine andere Art von Nebel. Aber ebenso schwer zu fassen und undurchsichtig.

Merle Hilbk, die mit einem Text hier vertreten ist und auch das Buch „Sibirskij Punk“ geschrieben hat, ist eine Nachfahrin von Wolgadeutschen, so kommt auch diese Gruppe in der Sammlung „Nebelkinder“ vor. Aber auch mit den Schicksalen von Flüchtlingskindern aus dem Sudetenland oder aus Schlesien können wir unsere eigenen Erfahrungen vergleichen und sagen, so ähnlich geht es uns auch. Wir erkennen uns in Themen wie Heimatverlust und schwierigen Eingliederungsprozessen. Wir können uns zwischen den Zeilen ansiedeln. Das ist allemal gemütlicher als immer nur unter den Teppich gekehrt werden.

Ich möchte hier nicht alle Beiträge kommentieren, sie sind bereichernd und erhellend auf ihre Weise, gerade in ihrer Widersprüchlichkeit. Ein Punkt noch: spannend war der Ausflug auf die andere Seite der Neiße. Roswitha Schieb zum Beispiel berichtet über die zweite Generation der Vertriebenen in Polen und über den Diskurs zum Thema Kriegsenkel und transgenerationale Übergabe in der polnischen Öffentlichkeit. Sie schildert die Perspektive derjenigen Repatrianten, die aus einer kulturell regen Stadt wie Lemberg in ein verschlafenes Nest in der schlesischen Provinz wie Gleiwitz zwangsumgesiedelt wurden. Sie geht auf ihre Wahrnehmung von Heimat ein und ihre musikalische oder literarische Annäherung an die Vergangenheit von Orten wie Breslau, die ja eine deutsche Geschichte haben.

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Michael Schneider, Joachim Süss (Hrsg.:)
Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte
Europa Verlag München, 1. Auflage 2015,
gebunden, 384 Seiten, ISBN: 978-3-944305-91-2, EUR 19,99

Das vergessene Buch

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Theodor Kröger – Das vergessene Dorf. Eigentlich steht auf dem Umschlag eher so etwas wie: Das vergeffene Dorf, denn der Titel ist in Frakturschrift gesetzt, eine Ausgabe von 1934. Gefunden habe ich es eher zufällig, als wir an den Bücherkisten vor einem Briefmarken- und Münzladen standen und in Wirklichkeit hat meine Tochter es mir vor die Nase gehalten mit den Worten: Mama, was ist das für eine Sprache?

Auf dem Innentitel lese ich als Unterzeile: Vier Jahre in Sibirien und darunter Ein Buch der Kameradschaft. Das ist doch was für die Scherbensammlerin. Der erste Teil heißt schon vielversprechend ‚In Ketten‘. Voll meine Linie, oder?

Ich nehme es also mit und bei der Netzrecherche finde ich heraus, dass der Autor Theodor Kröger unter dem Namen Bernhard Altschwager in St. Petersburg geboren und aufgewachsen ist und somit ein Deutscher aus Russland war und dass er 1913 nach seiner Uhrmacherlehre in der Schweiz selbst wegen Verdacht auf Spionage hinter den Ural verbannt wurde. Es steht nicht soviel über ihn im Netz und auch seine Romane scheinen vergessen zu sein.

Dabei war Das vergessene Dorf mit einer Auflage von mehr als einer Million und einer Übersetzung in 16 Sprachen zu seiner Zeit ein vielgelesenes Buch. Und Kröger ein Bestseller-Autor.

Theodor Kröger
Theodor Kröger als Autor in Deutschland sehr bekannt. Seinerzeit.

Aber das ist wohl die Krux an der Sache, in der deutschen Biografie auf Wikipedia ist von einer ‚dezidiert nationalkonservativen Richtung‘ die Rede, die dazu geführt hat, dass er im Dritten Reich ein anerkannter Schriftsteller war und nun faktisch nicht mehr gelesen wird.

Ein weiterer Bestseller aus seiner Feder, Heimat am Don wird mit über 300 000 Exemplaren an 28. Stelle in einer Liste der erfolgreichsten Bücher von 1933 bis 1945 geführt. Gleich vor dem Hitlerjungen Quex aber einige Titel nach Karl Mays Schatz im Silbersee.

In Krögers Werken finden sich antibolschewistische Tendenzen. Aber macht es ihn zu einem NS-Autor?

Interessant ist, dass das der Schmutztitel, die leere Seite am Anfang eines Buches, wo Leute ihre Namen hineinschreiben, herausgetrennt ist. Aus Scham? Oder einfach aus Gewohnheit, bevor man es an Unbekannte abgibt?

Auf dem Deckblatt ist ein Mann in Kriegsgefangenen-Kluft abgebildet und gleich hinter ihm einer mit einer russischen Rubaschka und Bastschuhen. Sieht nicht unbedingt aus wie das Verhältnis zwischen Herrenrasse und Untermensch.

Herausragend geschrieben ist Das vergessene Dorf nicht. Das verhindert wohl auch seinen nachhaltigen Weltrum. Kurze einfache Sätze, viele Plattitüden auch viele Vorurteile, die Asiaten mit ihren verschlagenen Blicken, die saufenden Russen. Passend für einen Bestseller.

Es ist mehr fiktiv als biografisch, eher ein Abenteuerroman im Stile des Altmeisters May. Old Surehand im Slawenland. Sogar eine von der Zivilisation vergessene Siedlung von hunnischen Ureinwohnern, die Kröger mit einigen Trappern (sie heißen wirklich so) entdeckt, erinnert an die Romane des Radebeuler Winnetou-Erfinders. Mit dem Unterschied, dass Kröger wirklich an den Orten gelebt hat, in denen seine Bücher spielen.

Pseudoautobiografiegeschwafel wird sein Buch an einer Stelle im Netz genannt. Aber Pseudo ist es nicht. Auch wenn er viel dazu gedichtet hat, anders als der Winnetou-Erfinder aus Radebeul, war Bernhard Altschwager wirklich in Gefangenschaft im Ural. Er ist Deutscher in Russland. (Nicht Russlanddeutscher, das ist ein Unterschied, das habe ich jetzt gelernt, diese Bezeichnung bekommen nur die bäuerlichen Siedler an der Wolga und in der Ukraine und deren Nachkommen. Die Altschwagers gehören zu den Kaufleuten, den Handwerker-Spezialisten, die sich in St. Petersburg und in Moskau ansiedelten. Sein Vater war Uhrmacher.) Also sollte er wissen, wovon er schreibt. Er ist im vorrevolutionären Russland aufgewachsen, er spricht Russisch. Und er steht als Autor nicht hasserfüllt dem Land gegenüber – anders als andere Bestsellerautoren der NS-Diktatur. Wohl aber lehnt er den Bolschewismus aus tiefstem Herzen ab.

Es gibt wenige Hinweise darüber, wann Kröger/Altschwager nach Deutschland kam. Irgendwann in der Weimarer Republik. 1934 erscheint das vergessene Dorf, 1941 geht er in die Schweiz, ’46 nach Österreich. Ende 1958 stirbt er in Graubünden.

Ich muss mich durchkämpfen, durch diesen Wälzer, und das nicht nur wegen der Frakturschrift, deren Sinn ich mehr erahne. Ich schaffe nicht alles in einer Etappe. Komme ins Stocken. Langatmig und unerträglich finde ich das Buch in seiner Ich-bin-besser-als-ihr-alle-Attitüde. Der Text ist voller vorgefertigter Sätze und Vorurteile. Der deutsche Hühne Theodor Kröger läuft lässig durch die sibirische Steppe und zeigt den Russen mal eben, wo der Hammer hängt. Trotz seiner untergebenen Position als Gefangener.

Besonders haarsträubend: als nach einigen Jahren die deutschen Kriegsgefangenen das Dörfchen Nikitino verlassen wollen, legt er den Dorfbewohnern folgende Worte in den Mund:

‚Wir haben euch aufgenommen wie unsere eigenen Brüder, haben mit euch unser tägliches Brot geteilt, haben mit euch immer im besten, ehrlichen Einvernehmen und und ungetrübtem Frieden gelebt, und euch unser bestes, mag es auch armselig und karg sein, gegeben. Ihr habt uns vieles gelehrt, aber ohne euch werden wir wieder in das immer Gewesene zurückfinden, denn wir haben noch nicht ausgelernt. Bleibt, Brüder, bleibt um Gottes willen, laßt uns nicht in unserer Unwissenheit zurück, habt Erbarmen mit uns…‘ Seite 522

Abgesehen davon, dass diese Worte wohl kaum ein Russe gegenüber einem Deutschen aussprechen wird, in der russischen Literatur geistert der übereifrige Typus des Штольц (Stolz) der den unbeliebten und anstrengenden Gegenpol des faulen Oblomow bildet. Die Darstellung der Überlegenheit der Deutschen in Russland bringt Kröger als Autoren in der nationalistisch aufgeladenen Zeit zwischen 1933 und 1945 einigen Ruhm und Ehre. Aber genau das macht wohl, dass er nach 1945 fast in Vergessenheit geraten ist: Das ‚Am deutschen Wesen soll die Welt genesen‘. 1960 hat seine Ehefrau auf Wunsch vieler treuer Leser posthum den letzten Roman ‚Natascha‚ publizieren lassen. Er schildert Krögers Leben nach seiner Rückkehr nach Deutschland. Und in den Achtzigern wurden die alten Romane wieder neu aufgelegt, aber an die alten Verkaufszahlen konnten die Bücher nie wieder anknüpfen. Mit seiner Deutschtümmelei mit einer Prise Wild-Ost-Abenteuer trifft er den Nerv der damaligen Zeit. Was heute Leser als ’nerviges Treudeutschtum‘ bezeichnen, war damals gesellschaftstragender Konsens. Noch ein Aspekt: es war unter den Deutschen in Russland lange verbreitet, sich für zivilisierter, sauberer und tüchtiger zu halten als die einheimische Bevölkerung. Ob es nun Russen, Ukrainer, Tataren oder Kasachen waren. Eingekesselt in der Fremde war es für ihre Identität wichtig, sich abzugrenzen, sich nicht nur als Verlierer zu sehen, sondern etwas von der alten Heimat hochzuhalten. Und sei es die Akkuratesse. Bereits einer der ersten schriftstellernden Siedler an der Wolga, Graf von Plathen, hat ca. 130 Jahre vor Kröger offenbar Gefallen daran gefunden, die russischen Matkas und Batkas als rückständiges Bauernvolk anzuprangern.

Bei aller Überheblichkeit, die möglicherweise dem Zeitgeist zugeschrieben werden kann, ist wichtig, dass in diesem Buch eine brüderliche Beziehung zwischen den verschiedenen Völkern herrscht. Wenn auch nicht ganz auf Augenhöhe. Und somit dieses Werk nicht dezidiert einer völkischen Gesinnung zugeordnet werden kann. Tatarische Händler, ein ungarischer Geigenspieler (ein Sinti und Roma?) und der bärenstarke Russe Stepan, dessen Frau wie einer Madonna gleicht – sie alle sind durchweg positive Gestalten. Und auch der kleine Sohn Krögers, aus seiner Ehe mit der Tatarin Fayme, wird als schönes, kluges Kind dargestellt – nicht als minderwertiger Mischling, dessen man sich schämen muss. Der Autor wirft ein wohlwollendes Auge auf andere Völker, wenn sie sich an die Kastenregeln halten und seine Überlegenheit nicht infrage stellen.

Nicht ohne Grund steht heute herzlich wenig über ihn im deutschsprachigen Netz. Einige Zeilen, ein Foto, mehr nicht. Kurios: in Russland sind ihm viel mehr Seiten gewidmet.

2012 erscheint eine Auflage von Das vergessene Dorf  als «Забытая деревня. Четыре года в Сибири» in Russland. Dort wird es als ein Zeitdokument und ein Zeichen der Freundschaft und Völkerverständigung gehandelt. Keine Stimmen darüber, dass das russische Volk unterlegen dargestellt wird. Wer weiß, was der Übersetzer alles weggelassen hat. Vielleicht ist es dadurch besser geworden: ein harmloser Abenteuerroman mit historischem Touch.

In einer Analyse der bestverkauften Bücher des Dritten Reiches eines Münchener Instituts finde ich die These, dass es damals mehr als nur die beiden Kategorien Propaganda-, Kriegs- und Blut-und-Boden-Literatur auf der einen Seite, auf der anderen die Literatur der ‚Inneren Emigration‘ gegeben hat. Anders als es die Kritiker und Literaturwissenschaftler heute vielfach darstellen würden. Es gab einfach auch viele Bücher, die die Leute gern lasen. Vom Winde verweht, Herzschmerz-Romane und Abenteuerbücher. Kröger gehörte zu dieser dritten Kategorie.
Dadurch, dass das Buch früher ein Megaseller war, kursieren davon viele antiquarische Exemplare – für ein Appel und ein Ei. Und einige landen dann unbeachtet in die Grabbelkisten von kleinen Briefmarken-Läden.