Rühren in alten Töpfen, Markus Berges – Die Köchin von Bob Dylan

Jasmin Nickenig trägt immer nur Sneaker und T-Shirt. Sie war mal Literaturstudentin und ist irgendwie in das Kochbusiness reingerutscht. Da bietet ihr eine Freundin an, sie als Köchin eines alternden Rockstars bei der Tournee zu vertreten.

Wegen der privaten Einladung eines ukrainischen Oligarchen wird der Auftakt der Reise kurzerhand nach Jalta verlegt. Dieses Detail erweist sich als schicksalhaft, denn obwohl Jasmin selbst mit der Ukraine und der Sowjetunion nicht das Geringste zu tun hat, stammt ihre Großmutter Erna von der Krim. Als Angehörige der deutschen Minderheit kam sie in den Kriegswirren nach Deutschland.

Nach wenigen Tagen in der Ukraine bekommt die Köchin den Anruf eines unbekannten Mannes, der glaubt, mit ihr verwandt zu sein.

Spitzfindige unter uns würden sagen, dass ist nicht russlandeutsche Literatur. Stimmt. Denn Berges ist in der Bundesrepublik geboren und aufgewachsen und fällt selbst nicht in die Kategorie Aussiedler. Aber auch seine Oma gehörte zu der deutschen Minderheit in der Ukraine und er scheint sich nicht nur tief in die Materie eingearbeitet zu haben, sondern ist auch dort gewesen. Die Beschreibungen der Bazare und Straßen und die historischen Details zeugen jedenfalls davon.

Jasmins Erlebnisse in der Crew von Bob Dylan bilden den einen Strang der Geschichte, in einer zweiten Ebene gibt es Rückblenden in die Vergangenheit von Florentinius Malsam, der in Helenendorf, einem deutschen Dorf in der Ukraine aufwächst und von der Kollektivierung bis zur Besatzung durch die Wehrmacht alles hautnah miterlebt.

Typische Hochzeit in den 1930gern

Es hätte mit ein paar Abstrichen unsere Geschichte sein können. Der Autor beschreibt die Zeit des Hungers zum Beispiel so intensiv, dass ich die Lektüre mehrere Male unterbrechen musste. So nah ging mir das. Es tritt das plastisch vor Augen, was in den Familien nur noch bruchstückhaft kursiert. Es macht einen Unterschied das alles als Romangeschichte zu lesen, denn dadurch wird es seltsam real. Und es ist wohltuend das zu lesen. So als wäre die Geschichte unserer Leute, die eigentlich nie explizit auftaucht, auf einmal gültig. Als wäre sie wert, erzählt zu werden und nicht nur ein ewiges Jammern über verlorene Dörfer.

Vielleicht war diese Genauigkeit möglich, weil Berges selbst aus einer gewissen Distanz schreiben kann. Russki plocho muss seine Protagonistin in den Bazaren immer wieder sagen, sie hat zwar die Erzählungen der Großmutter im Ohr, aber sie wirkt auf mich eher unbelastet. Sie fragt sich zum Beispiel, woher der Mitreisende im Bus sofort „Chände Choch“ zu ihr sagt, als er sie als Deutsche erkennt.

Jetzt, hinten im Bus fragte Jasmin sich, woher er das kannte. Der Mann hatte ungefähr nach sechzig ausgesehen, eher jünger, war also Anfang der Fünfziger geboren, frühestens. „Chände choch!“ Er musste das von seinen von den Deutschen eroberten Eltern haben.

Irrtum, hätte ich Jasmin sagen können, wäre ich im selben Bus gesessen. Aus den unzähligen Kriegsfilmen hat er das, mit denen nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder in der Sowjetunion unaufhörlich indoktriniert wurden. Und bis heute werden. Die bösen Deutschen, Cheil Gitler und Chände choch gehört zum Repertoire der Menschen bis heute.

Auch die Passagen der 30ger und 40ger Jahre in der Ukraine zeichnet Berges sichtbar durch die Brille dessen, der in der BRD sozialisiert wurde. Was aber nicht stört. Er beobachtet genau, er hat genau recherchiert, bis hin zur Syntax und den Vokabeln, die auch mir bezeichnend für die hermetisch abgeschiedene deutsche Minderheit erscheinen:

Und als diese Schwäne vor den Vorhang getanzt gekommen sind zur Musik – wie Tupfen auf ihrem Kleid, hat sie gedacht, wie Tupfen, obwohl, die Tupfen auf ihrem Kleid ja rot waren – … Schließlich aber ist alles gut geworden und hat ein glückliches Ende genommen und alle haben jubiliert. S 25

Dann fing der Onkel vom Kolchos an, dass längst alle wären hineingezwungen. Den Ehresmann, den Hunkele, den Haberlach und den Mack Georg, auch deren gesamte Familien, die hätten sie ja noch abgeholt als Kulaken. Danach habe der Kolchos dann Zulauf gehabt. S 39

Er benutzt das Wort Muhme für Tante. Den Vornamen nach hinten zu setzen ist ebenfalls typisch. Für Russen und auch für die Russlanddeutschen. Manche machen das bis heute. Das einzige, was ich zu monieren hätte, an einer Stelle reden zwei Liebende deutsch in der Öffentlichkeit und zwar in der Straßenbahn von Odessa nach Lustdorf. Das hat es meiner Meinung nach in der Stalinzeit nicht gegeben, Pakt mit Hitler hin oder her.

Straßenbahn von Odessa nach Lustdorf 1917
Schwarzmeerdeutsche Familie

Speisen, Tourerlebnisse und alte Familiengeschichten werden geschickt verwoben und es ist gut, dass der Autor als Mitglied und Texter der Band Erdmöbel sich in mindestens einem von diesen Bereichen sehr gut auszukennen scheint.

Ihm gelingen auch brillante Passagen zu den Themen Flucht und Vertreibung, Leid und Verlust. Insbesondere dort, wo die sogenannten Deutschländer, also die Reichdeutschen auf den Plan treten, wird die Beschreibung bis zur Ausdrucksweise der damaligen Zeit sehr authentisch.

Berges spart auch die sonst kaum benannten blinden Flecke in der Geschichte der Schwarzmeerdeutschen nicht aus, so werden die Wehrmachtssoldaten mit Freundlichkeit aber auch einigem Misstrauen in dem deutschen Dorf empfangen. Es gibt schon damals kulturelle Missverständnisse:

„Dass ihr Leutchen hier eure Namen immer verkehrt rum aufsagt. Ich heiße schon mein Leben lang Harald Finkchen. Zum Glück für dich einfach Herr Hauptsturmführer.“

„Kann ich euch was anbieten?“

„Und immer dieses ‚Euch‘ und ‚Ihr‘. Wer hätte das gedacht, Pluralis Majestatis ausgerechnet im Kommunismus. Wir ihrzen nicht mal den Führer. Ein Teechen mit Schuss tät ich nehmen, auch ohne Teechen zur Not.“ S 184

Und irgendwann kommt auch raus, woher die großzügigen Kleiderspenden für die Dörfler eigentlich stammen. Gänsehaut.

Die Verwirrung von einigen Leser*innen, die der Titel und der Covertext in die Irre geleitet hat, kann ich schon verstehen. Bob Dylan wird erst spät eingeführt und ums Kochen geht es auch nur marginal. Aber mir wurde ja das Buch von einer Kollegin wärmstens ans Herz gelegt, weil es um die Geschichte der Schwarzmeerdeutschen geht, so hatte ich keine falschen Erwartungen. Wen Jasmin da wirklich antrifft und was es mit ihr macht, möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten.


Lesung und Interview mit Markus Berges auf der Buchmesse:

Markus Berges, Die Köchin von Bob Dylan, Rohwolt Berlin, März 2016,
€ 19,95,
ISBN 9783871347092, 286 Seiten

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Fokus-Pokus

 

Der Blog steht still und schweiget. Nein, ich schweige. Seit Monaten habe ich vor, die Weichen neu zu stellen. Und meine Ankündigung von vor zwei Jahren wahrzumachen, nämlich mich eingehender mit der Literatur der Deutschen aus Russland zu beschäftigen. Doch.

Seitdem der Bücherstapel wächst, fliege ich wie ein Falter von einem Buch zum anderen. Kann mich nicht zentrieren. Fresse mich durch Buchseiten, fast wahllos, wie eine Raupe in Trance.

Kann nicht entscheiden, mit welchem anfangen. Jeder Versuch mich zu zentrieren, verläuft im Sand. Der Fokus ist weg.

Aufgepasst, ein Fokusnik am Werk! Hier gemalt von Hieronimus Bosch

Apropos Fokus. Im Russischen ist ein фокусник (Fokusnik, weibl. Fokusniza) jemand, der Streiche macht, ein lustiger Trickbetrüger, ein Scharlatan. Im besten Sinn jemand der/die andere manipuliert.

Möglicherweise ist mein Unbewusstes gerade nach bester Fokusnik-Manier dabei, mich dahingehend zu manipulieren, dass ich meinen Fokus verliere? Wäre nicht das erste Mal.
Möglicherweise ist auch die Zeit noch nicht gekommen, einen Fokus zu setzen. Möglicherweise muss ich mich erst durch tausende Seiten durchfressen. Mich dann verpuppen, einen Kokon bilden. Um später einen Seidenfaden draus zu spinnen.

Diese Literatur entzieht sich gern. Verfängt sich zwischen den Zeilen, bewegt sich unter ferner liefen. Nicht nur bei mir.

Denn mit der russlanddeutschen Literatur verhält es sich so. Gehst du in eine Buchhandlung und fragst danach, kommt erst mal nichts.

Auch waren in unserer Stadtbücherei von 20 Namen, die ich nenne, höchstens zwei in der Datei enthalten. Und die habe ich schon als Buch vorliegen.

Nora Pfeffer?
Nichts.
Viktor Heinz?
Nada.
Aber doch sicher Nelly Däs.
Nie von gehört.

Die Literaturwissenschaftlerin Frau Prof. Dr. Annelore Engel-Braunschmidt, die über diese Nischenliteratur geforscht hat, erzählt Ähnliches. Sie hat sich einen Spaß draus gemacht, in den Buchhandlungen gezielt nach der Literatur der Deutschen aus Russland zu fragen. Nach einem Zögern käme oft, Sie meinten doch nicht Wladimir Kaminer? Oder was von Natascha Wodin? Wir hätten da ein Buch von Nana Haratischwili? Aber nein, sie ist ja Georgierin.

Die Literatur der Deutschen aus Russland ist ein blinder Fleck. Viele Werke nur antiquarisch erhältlich oder in der Bibliothek der russlanddeutschen Museums in Detmold ausleihbar. Wenn überhaupt.

Gut, osteuropäische Literatur an sich ist nicht gerade der Renner, es sei denn eins der baltischen Länder oder Polen ist Gastland bei einer Buch-Messe. Ansonsten gilt der uralte Spruch Slavica non leguntur. Diese kirchenlateinische Sentenz bezieht sich zwar auf die Rezeption slavischer religiöser Texte im Mittelalter, aber sie lässt sich sehr gut auf die Welt der Literatur übertragen. Die Kultur der Nachbarn aus dem Osten wird hier nicht wahrgenommen. Es sind böhmische Dörfer. Noch immer.

Um so mehr das Schreiben derjenigen, die als kulturelle Insulaner in Russland lebten und später mit ihrer veralteten Mundart zurück nach Deutschland eingewandert sind – und nun teilweise sogar auf Russisch schreiben.

An einem heißer Wochenende im Juni war ich in Fischbach/Nürnberg. Zu einer Tagung für russlanddeutsche Autoren. Da waren sie zu finden. Die auf Deutsch schreibenden, genau so wie die mit den wunderbaren russischen Gedichten.

Ich habe mir eine Liste gemacht. Und schon angefangen, zu blättern und zu lesen. Die Fische von Berlin, Der Jukagire, Eisberge der Zivilisation.
Und Gedichte, viele Gedichte.

Ein Buch hat sich vorgedrängt. Ein heißer Tipp von einer anderen Autorin aus unserem Literaturkreis, Maria Scheffer. Es ist Die Köchin von Bob Dylan, von Markus Berges. Einige werden ihn als Mitglied der Band Erdmöbel kennen. Dabei ist dieser Autor noch nicht mal ein im wirklichen Sinn russlanddeutscher Autor. Ist in Westdeutschland geboren und aufgewachsen, aber seine Oma stammt von der Krim. Er hat allerdings unsere Geschichte verarbeitet und hat genau den Roman geschrieben, der mir unter den Fingern brannte. Und er hat es sehr gut gemacht.

Damit könnte ich doch anfangen. Oder vielleicht doch lieber mit… Mal sehen, was in der Sommerpause noch passiert. Ich bin bereit. Der Fokus-Pokus kann beginnen.

Völlig ausgeblendet – Maja Haderlaps ‚Engel des Vergessens‘

Der Roman ‚Engel des Vergessens‘  behandelt eine persönliche Familiengeschichte und stellt ein wenig beleuchtetes Kapitel österreichischer Zeitgeschichte in den Fokus. Es geht um die slowenische Minderheit in Kärnten, die noch Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an dessen Folgen und der Verfolgung durch die nationalsozialitischen Machthaber leidet. Die Großmutter der Ich-Erzählerin wurde als junge Frau nach Ravensbrück verschleppt und kommt ständig auf die Toten, die Verluste und die Erlebnisse von damals zu sprechen. Nur Kraft ihres im Aberglauben wurzelnden Christentums hat sie überlebt und gibt nun ihre Überlebensstrategien an die Enkelin weiter. Bringt ihr bei, sich heimlich mit der Zungenspitze am Gaumen zu bekreuzigen, damit es keiner mitbekommt. Nimmt Räucherungen mit einer heißen Kohlenpfanne vor. Lauter krudes Zeug, das jedoch verhindert hat, dass sie in der Hölle des Lagers den Verstand und den Mut verliert. Mechanismen zur Abwehr des Bösen, die in der Gegenwart deplaziert wirken.

Wie aus dem Nichts tauchen bei den Erwachsenen um sie herum Erinnerungssplitter von Kinderleichen oder Erniedrigungen im Lager auf. Dieses Phänomen kommt mir aus meiner Familie sehr bekannt vor.

Auch dass die Menschen an ihrer Vergangenheit zerbrechen, kann ich nur zu gut verstehen. Im Roman ist da zum Beispiel der Vater der Protagonistin, der schon als kleiner Junge zu den Partisanen gegangen ist und von den Nazis gefoltert wurde. Er kann das Erlebte nicht verarbeiten und gibt die Gewalt ungefiltert nach außen weiter. Das Stillschweigen, mit dem dieses Thema noch heute behandelt wird, verstärkt sein Trauma noch. Denn die Demütigung geht weiter: in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft wurden die slowenischen Partisanen mit Verbrechern und Verrätern gleichgesetzt.

Lakonisch wird die Sprache der Autorin dann, wenn sie darüber sinniert, dass ihre Landsleute neben Marienfahrtsorten auch Konzentrationslager wie Mauthausen oder Ravensbrück zu ihren Lieblingsausflugszielen küren. Poetisch wird sie dagegen, wenn es um die Beschreibung des Waldes geht, der zu einem Protagonisten in diesem Buch wird. Aber nicht nur.

Haderlap betrachtet das Geschehene zwar mit der Distanz einer Nachgeborenen, ist aber mit den Abgründen ihrer Familie und der slowenischen Gemeinschaft in Kärnten verbunden. Hier einige Beispiele der verdichteten Kraft ihrer Prosa:

Der Krieg ist ein hinterhältiger Menschenfischer. Er hat sein Netz nach den Erwachsenen geworfen und hält sie mit seinen Todesscherben, mit seinem Gedächtnisplunder gefangen. (Seite 92)

***

Ich lerne im selbstvergessenen Kärnten nicht vergessen zu können. Der Boden, auf dem ich stehe, muss eine unsichtbare Unterseite haben, die vollgesogen ist mit Gewesenem, aus dem ich zu wachsen scheine, auf das ich zurückgeworfen werde. Immer wiederkehrend, verfällt das Land in einen Taumel, in dem es eine Geschichte beschwört, die nichts anderes ist, als ein Rechtfertigungsphantom, mit dem es sich auf der richtigen Seite wähnt. Alle, die unter die Räder des Nationalsozialismus gekommen sind, bleiben aus diesem Selbstbild ausgeschlossen. (Seite 275)

***

Großmutter schneidet von einem Laib Brot, der ihr gereicht wird, ein kleines Stück ab. Sie reicht mir einen Bissen und sagt, mit dem Brot habe sie ein Stück Ewigkeit abgeschnitten, am Brot werden wir uns im Jenseits erkennen, am Brot, das wir bei den Totenwachen verzehren. Ich bezweifle, ob ich von diesem Brot essen möchte, weil mich die Vorstellung, den Toten im Jenseits zu begegnen, ängstigt. Den Bissen nehme ich rasch aus dem Mund und stecke ihn in meine Jackentasche. (Seite 106)

Preisträgerin

2011 hat Maja Haderlap mit ‚Engel des Vergessens‘ in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Was daraufhin in einigen Feuilletons verlautbart wurde, wundert mich nicht, macht mich aber relativ ratlos.

Es ist offenkundig, dass die Niederschrift ein Akt der Befreiung war, und als Leser daran teilzunehmen ist ein ambivalentes Erlebnis, schreibt Ulrich Greiner in der ZEIT. Er bemerkt, dass das Präsens, in dem das Buch durchgängig verfasst ist, zwar ‚plastische Szenen einer archaischen Landschaft und des bäuerlichen Lebens‘ stimmungsvoll darstellen könne, jedoch ungeeignet sei ‚für die Inszenierung eines historischen Raums, um den es hier hauptsächlich geht. Wo alles Gegenwart ist, entsteht kein Bogen, der die Tiefe der Zeit überspannen könnte.‘  Er schließt mit den Worten:
Ihr den Klagenfurter Bachmann-Preis zuzuerkennen, war eine noble Geste, denn Haderlaps Anstrengung richtet sich auf ein einziges Thema: Gerechtigkeit für die Slowenen.

Allein die Vokabel noble Geste zeugt von einer immensen Überheblichkeit gegenüber der Autorin und ihrem Werk. Als ob dieser Roman nicht für sich stehen könnte, sondern den Preis nur aus Gnade erhalten hätte. Als Annerkennung für die historische Leistung nicht für die literarische. Auf mich wirkt diese Deutung eher wie eine weitere Distanzierung und Verleugnung. Aber ich sehe es vielleicht auch bloß gefärbt durch meine eigene Minderheitenbrille.

Meine Idee ist, dass Roman unter anderem im Präsens geschrieben wurde, weil die alten Geschichten bis in die Jetztzeit ausstrahlen. Der Vater gibt seine Traumatisierung an die Tochter weiter, die Großmutter füllt sie mit ihren Erzählungen von Verlust und Tod. Das Kind trägt die Gedanken an den Tod in sich, Ängste und Scham sind ihre ständigen Begleiter. Das Mädchen bildet das Gefäß, den Resonanzraum für das Unverarbeitete und die Erlebnisse, die über den menschlichen Verstand gehen.

In einer anderen Rezension wird die Zerstückelung, die Bruchstückhaftigkeit des Erzählten kritisiert, die an einer Stelle in einem Herunterleiern von Namen und Momentaufnahmen gipfelt. Die Rezensionsschreiberin hat sich womöglich noch nie mit Traumatisierten unterhalten und nie ihrem teilnahmslosen Herunterbeten von Namen, Geschehnissen und Orten gelauscht. Ich finde diese Erzählweise gut beobachtet und meisterhaft wiedergegeben.

Die Autorin selbst bezeichnet ihr Werk als ‚…eine Art literarische Geisteraustreibung, die neurotische Aufladungen durch eine klare Sprache entlasten sollen.‘

Parallelen

Beim Lesen erkenne ich auf jeder Seite Parallelen zu meiner eigenen Situation. Zwar handelt es sich um ein anderes Land, eine andere Minderheit aber ich sehe Mechanismen, die auch bei unserer Volksgruppe zum Tragen kommen: die weitergegebenen Traumata und deren Auswirkungen und das Verschwiegenwerden im öffentlichen Diskurs. Und womöglich bestärken sich diese beiden Aspekte sogar noch. Etwas, das unterschwellig schwelt, nicht abgeschlossen ist, arbeitet in den Seelen der Nachkommen weiter. Solche Wunden heilen nicht so leicht.

In Szene gesetzt

Für das Akademietheater in Klagenfurt hat Maja Haderlap, die dort früher als Chefdramaturgin tätig war, gemeinsam mit dem Regisseur Georg Schmiedleitner eine Bühnenfassung dieses Erinnerungsromans erarbeitet, die 2015 aufgeführt wurde. Allein das Bühnenbild ist sehr eindrucksvoll. Wer weiß, obs in ein Theater in unserer Nähe kommt, ich hätte gern gesehen, wie sie das alles umgesetzt hat.

© Bild: APA/burgtheater/Georg Soulek
© Bild: APA/burgtheater/Georg Soulek
 „Engel des Vergessens“ im Akademietheater in Wien. © Georg Soulek Burgtheater
„Engel des Vergessens“ im Akademietheater in Wien. © Georg Soulek Burgtheater

Hier ist eine kurze Doku vom ORF über das Stück, das Museum der Partisanen in Kärnten und O-Tönen der Autorin_

‚Dass dieser Widerstand der Kärntner Slowenen nicht in die Öffentlichkeit geraten ist, […] hat Verdrängungskraft der österreichischen Gesellschaft zu tun,‘ sagt Maja Haderlap in dem Interview, ‚Die Volksgruppe hat man völlig ausgeblendet.‘

Fazit: Es ist sicherlich kein leichtes und angenehmes Thema. Keine Urlaubslektüre, um sich auf einen sorglosen Aufenthalt auf grünen Auen und schroffen Bergwelten vorzubereiten. Denn dort lauern überall Abgründe.

Engel des Vergessens, Maja Haderlap, btb Verlag 2013
ISBN: 978-3-442-7442-74476-3

Spruch der Woche: Scherbenpark

Fürchte diejenigen, die sich schwach fühlen, denke ich einmal mehr. Denn es kann sein, dass sie sich eines Tages stark fühlen wollen und du dich nie wieder davon erholen wirst.

Scherbenpark, Alina Bronsky, Seite 62

Diesen Satz der Protagonistin Sascha, der eigentlich auf ihren gewalttätigen Stiefvater Vadim gemünzt ist, bekomme ich nicht aus dem Sinn.

Alina Bronskys Erstlingswerk von 2008 (es gibt auch einen gleichnamigen  Film dazu) gilt als ein Coming-of-Age Drama. Ich würde es eher als Coming-of-traumatisches-Erlebnis Drama bezeichnen.

Scherbenpark heißt der Ort an der Hochhaussiedlung, an dem die Jugendlichen abhängen – auch Saschas Leben liegt anfangs in Scherben.

Sie hat einen russischen Hintergrund (nicht erkennbar russlanddeutsch, aber vieles ist vergleichbar) und der ist im Buch angenehm spürbar: anhand von Details, den Charakteren, die am Rande mitspielen: wie dem gelähmten Schachspieler Oleg oder der mütterlichen Maria. Es ist nicht aufgesetzt, ein stimmiges Hintergrundrauschen, das dem Film leider gänzlich verloren geht.

Und der obige Satz? Er setzt vieles frei. Ich muss an dieses Experiment denken, mit den zwei Äpfeln. Einer wird gelobt und vorsichtig behandelt, der andere nur rumgeschmissen und auch noch beschimpft. Außen sieht man den Äpfeln keinen Unterschied an, aber innen ist der eine komplett zerstört.

Das Mädchen Sascha in der Geschichte ist innerlich verletzt, aber durch ihre entwaffnende und kluge Dreistigkeit kommt sie klar kann letztendlich die Scherben zu einem Ganzen zusammenfügen.

Alina Bronsky, Scherbenpark. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 288 Seiten.

Gut für Überraschungen. Oder auch nicht.

Das Buch ‚Sie kam aus Mariupol‘ von Natascha Wodin beginnt mit einer Überraschung: fast routinemäßig gibt die Autorin eines Tages den Namen ihrer Mutter in eine ukrainische Suchmaschine ein. Und anders als in den Jahren zuvor, landet sie einen Treffer.

Die darauf folgende Spurensuche wird zum Selbstläufer. Plötzlich öffnen sich neue Türen, tauchen unvermutet Dokumente auf und ein unermüdlicher Mitstreiter, der Hobbygeneologe Konstantin, mit dessen Hilfe ihr die Suche nach der eigenen Geschichte gelingt.

Am Anfang stehen ein Name, einige schwarzweiße Aufnahmen und die Stadt, in der alles begann: Mariupol, gelegen an der Küste des Asowschen Meeres.

Im Laufe der Zeit findet die Autorin manches, das überraschend ist. Oder auch nicht, denn schon als Kind hat sie phantastische Dinge über sich und ihre Herkunft erfunden und diese Lügenmärchen liegen erstaunlicherweise nicht allzu weit entfernt von der Wahrheit:

Mit Verwunderung betrachtete ich die Fotos dieser fremden Menschen und brach in inneres Gelächter aus. Ich hatte als Kind gar nicht so falsch gelogen, ich hatte sogar noch untertrieben.‘
S. 72

Unter ihren Anverwandten ist mindestens ein Opernsänger, ein italienischer Seefahrer, die Gründerin eines Mädchengymnasiums und ein berühmter Psychologe zu finden. Es befinden sich darunter aber auch glühende Revolutionär*innen und Menschen, die unter den Folgen der Revolution zu leiden haben: durch Hunger, Enteignung und Lagerhaft.

Das Schicksal der Ostarbeiter

Natascha Wodin hat aus den Wirren der Vergangenheit nicht nur die Geschichte ihrer Familie herausgeschält, es ist ihr auch gelungen, auf eine Gruppe aufmerksam zu machen, die üblicherweise keine Stimme in unserer Gesellschaft hat und fast gänzlich zwischen den Falten der Geschichte verschwindet: die Millionen Fremdarbeiter des zweiten Weltkrieges, und hier insbesondere die Ostarbeiter, die in den Arbeitslagern des NS-Regimes wie Sklaven gehalten wurden.

noch immer eine Leerstelle. Ostarbeiter*innen im Deutschen Reich.

Manche Dinge müssen einfach ans Licht. Und es ist schon seltsam, welche Wege sie bisweilen nehmen und wie viel Zeit sie dafür brauchen. Bei der Spurensuche stößt sie zufällig an ungeahnte Dokumente, wie zum Beispiel das Tagebuch einer Tante, das ein erhellendes Licht auf die Zeit der Stalinära wirft.

Schon in ihrem 1983 erschienenen Erstlingsroman ‚Die gläserne Stadt‘ fragt Wodin nach der Vergangenheit ihrer Mutter, von der sie damals nur einige wenige Anhaltspunkte hat. Die Tochter trägt mindestens ein Trauma mit sich. Denn die Eltern waren nicht nur Displaced Persons, die Mutter hat sich selbst das Leben genommen, als die Autorin zehn Jahre alt ist.

Dieser frühe Verlust hinterlässt bei ihr viele offene Fragen. Erst Jahrzehnte nach diesem Freitod ist die Zeit reif, diese zu auflösen. Zwar besteht der neue Roman gefühlt zu einem Großteil wieder aus Fragen, denn jede Antwort wirft viele neue auf, dennoch scheint Wodin genau die Richtige zu sein, um die Fäden zu entwirren. Sie ist genau zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle und mit genau den richtigen Eigenschaften, um das Gefundene in ein vielschichtiges Buch fassen zu können. Sprachgewaltig war sie ja schon immer, aber diesmal nimmt sich die Sprache zurück, sie ist nicht verspielt, sondern dient dem Verständnis mehr als einem dichterischen Ausdruck. Das Buch is klar strukturiert, aber es ist nicht reine geschichtliche Chronik, Teile davon tragen romanhafte Züge und führen die Leser*innen nah ans Geschehen und die handelnden Personen.
Schnipsel für Schnipsel trägt die Tochter-Autorin das Gefundene zusammen und entwickelt ein Bild der Zeit und ihrer eigenen Rolle darin. Der Stammbaum, den sie erstellt, ist kein Baum, sondern ein Wald in dem sie sich ständig verläuft, schreibt sie anfangs, dennoch gibt sie nicht auf.

Es gelingt ihr aus diesem Wust eine Landkarte zu erschaffen, die nachvollziehbar ist und die Leser*in Schritt für Schritt an einen Kern heranführt.

Denn gerade das Kapitel der Zwangsarbeit ist ein beklemmendes Erbe, das nicht leicht auszuhalten ist. Aber Wodin hat dieses Schwere und Unaussprechliche so geschickt aufgearbeitet und die Reihenfolge so gut gewählt, dass es möglich ist, in den Abgrund zu blicken.

Gewinnerin des Buchpreises der Leipziger Buchmesse: Natascha Wodin

In der ZEIT steht über die Autorin:

Natascha Wodin, in Fürth als Kind ukrainischer Zwangsarbeiter geboren und in Nachkriegslagern aufgewachsen, lebt seit 1994 in Berlin. In ihren Büchern (etwa: Einmal lebt ich, Erfindung einer Liebe, Ehe) setzt sie sich vor allem mit den Themen Entwurzelung und Fremdheit auseinander. Für das Manuskript zu der jetzt ausgezeichneten Geschichte ihrer Mutter erhielt sie 2015 bereits den Alfred-Döblin-Preis. „Ich wünsche mir, dass möglichst viele vom Ausmaß der Zwangsarbeit im Deutschen Reich erfahren“, sagte sie in einer ersten Reaktion.

Ein Buch mit vielen überraschenden Wendungen, nur dass ‚Sie kam aus Mariupol‘ von Natascha Wodin den Belletristik-Preis der diesjährigen Buchmesse in Leipzig erhalten hat ist keine Überraschung. Nicht wirklich. Gratulation!


Fundstück am Rande:

Das Gymnasium, das Natascha Wodins Großtante in Mariupol gegründet und geleitet hatte, wurde im Bürgerkrieg nach der Revolution verwüstet, unter den Nazis war es das Arbeitsamt für die Zwangsarbeiter und in den letzten Jahren das Polizei-Hauptquartier. Es wird das Haus, das drei Mal brannte, genannt. 1920, 1944 und 2014.

Das Haus, das drei Mal brannte

 

 

Worte wie Spatenhiebe. Die Baugrube von Andrej Platonow

Die Baugrube ist ein sehr kurzer Roman, der es in sich hat. Jeder Satz macht einen Knoten ins Hirn. Nein, Leichtkost ist dieses Werk beileibe nicht. Dennoch ist seine Sprache konsequent und einzigartig. Der Autor, Andrej Platonow, hat ihn 1928 geschrieben und das aufkommende Neusprech des Sozialismus darin verwoben. Nicht kunstvoll, eher wie mit dem Hackebeil hinein gehauen.
Wie benommen tragen die Protagonisten ihre schmerzreichen Körper durch die russische Provinz der Stalinära. Sie verwenden Parolen, halb verstandenes sozialistisches Gedankengut, fragmentiert und aus dem Zusammenhang gerissen. Der Hauptschauplatz ist eine Baustelle, aber Gabriele Leopold, die den Kurzroman letztes Jahr neu übersetzt hat, nennt ihn die Negierung des „Produktionsromans“. Die Stimmung ist antiproduktiv, zerstörerisch und bis zum Winseln hoffnungslos. Statt eine helle Zukunft zu errichten, taumeln alle dem Niedergang entgegen.

Menschliche Wesen in der Welt, ein Bild von Pawel Filonow, 1926

Kurze Inhaltsangabe:

Am Rand einer großen Stadt heben Arbeiter eine riesige Grube aus, um ein ‚gemeinproletarisches Haus‘ zu errichten. Vom Kriegsinvaliden über den Handlanger bis zum  Ingenieur bildet sich unter den freiwilligen Sklaven eine Hierarchie, die den sozialen Verhältnissen in Stalins Sowjetunion ähnelt. Mit Nastja, dem Waisenkind, das sich nach seiner bourgeoisen Mutter sehnt, ist der »neue Mensch« bereits unter ihnen. Doch am Ende wird es in der Baugrube beerdigt, dem kollektiven Grab, das sich die »Paradieserbauer« (Joseph Brodsky) geschaufelt haben.

Das Nichtmenschliche, der bürokratische Nominalstil dieser Sprache quillt unkontrolliert aus den Mündern der handelnden Personen.

‚Organisier dich mal dahin‘ sagen sie zueinander. Und:

‚Ach du, Masse, Masse! Es ist schwer aus dir den Grützbrei des Kommunismus zu organisieren!‘

‚Du Genosse Tschiklin, halt dich vorläufig zurück von deiner Deklaration (…) Die Frage ist hat sich prinzipiell erhoben und ist wieder niederzulegen nach der gesamten Theorie der Gefühle und der Massenpsychose…‘ S. 45

‚Ich mache diese Hirten und Schreiber im Nu zur Arbeiterklasse – die werden mir so zu graben anfangen, dass ihnen das ganze sterbliche Element aufs Gesicht heraustritt… Aber warum Nikita, liegt das Feld trübsinnig da? Ist wirklich Schwermut in der ganzen Welt, und nur allein in uns der Fünfjahrplan?‘ S.44

Dabei ist keine Ironie im Spiel, jedes Wort ist buchstäblich so gemeint, es gibt keine Metaebene. Das war anfangs irritierend. Das Buch ist nicht als Kritik des Sozialismus gedacht, sondern als eine genaue Blaupause der Zeit nach der Revolution.

Monströse Versatzstücke wie ‚Feierlichkeit des Todes während des sich entwickelnden lichten Moments der Vergesellschaftung des Besitzes‘ muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Die Baugrube galt dementsprechend lange als unübersetzbar. Gabriele Leopold, die schon Warlam Scharlamow „Erzählungen aus Kolyma“ ins Deutsche übertragen hatte, ist damit ein Meisterwerk gelungen. Allein wie und wann sie die Vokabel ‚vergesellschaftet‘ einsetzt. Leopold hat im Vorfeld Kongresse für die Interpretation der Werke Platonows besucht, hat in Archiven und mit originalen Typoskripten gearbeitet und in den Neologismen der DDR Formulierungen und Sprechgewohnheiten entlehnt. Bizarr und faszinierend ist das Ergebnis geworden. Hier einige Worte der Übersetzerin zum Roman und zum Prozess der Übersetzung:

Als 1931 eine andere Erzählung Platonows in einer Zeitschrift erschienen ist, worin eine leise Kritik an der Zwangskollektivierung angedeutet war, schrieb Stalin persönlich das Wort „Lump“ (сволочь) an den Rand. Zu seinen Lebzeiten und darüber hinaus wurde seine Prosa nicht mehr gedruckt. Platonow starb 1951. Erst in den Achtziger Jahren setzte seine Wiedernetdeckung ein.

Platonow hat unter anderem als Spezialist für Elektrifizierung und Landgewinnung gearbeitet

1984 schrieb Joseph Brodsky aus seinem Exil in den USA: A great writer is one who elongates the perspective of human sensibility, who shows a man at the end of his wits an opening and a pattern to follow. After Platonov, there was no other such writer of Russian prose again”. The suppression of the novel Chevengur and The Foundation Pit, he claimed, “set back the entire literature fifty years.

(… Nach Platonow gab es keinen vergleichbaren Autor russischer Prosa mehr. Die Unterdrückung der Novellen Chevengur und Die Baugrube hat die gesamte Literatur um 50 Jahre zurückgeworfen.)

Hundert Jahre nach der Oktoberrevolution ist dieser Autor aktueller denn je. Er lässt uns diese Epoche auf seine unnachahmliche Weise erfahren. Aber ein Schmöker, den wir kurz mal eben vor dem Einschlafen durchblättern ist die Baugrube nicht. Es ist gut, dass diesem verdichteten Text Anmerkungen und Kommentare hintangestellt sind.

Andrej Platonow, Die Baugrube
Aus dem Russischen von Gabriele Leupold
Mit einem Essay von Sibylle Lewitscharoff
Suhrkamp, 239 Seiten, 24.00 Euro

Zeitkapsel – Erlebtes Leben zwischen zwei Welten

Seit Jahr und Tag trage ich ein Büchlein mit mir herum. Es ist nicht umfangreich, aber es umfasst eine ganze Epoche und zwei Diktaturen.

Wie ich dran gekommen bin, ist eher zufällig gewesen, wie so vieles. Im Sommer oder Herbst 2015, nach dem ich einen Blog-Beitrag über Alexander Schmorell gepostet hatte, war ich auf der Suche nach einem Buch, das Texte und Gebete von ihm enthält. Und die Datenbank der christlichen Buchhandlung spuckte mir diesen Titel aus. Erlebtes Leben – unter Stalin und Hitler, geschrieben von jemand anderem, Frau Brigitte Werth-Schmorell.

Das kann kein Zufall sein, dachte ich. Und stimmt. Es ist eine Cousine des Gründers der Weißen Rose, die diese autobiografische Werk verfasst hat. Wie ein anderer Zufall es will, lebt sie auch in Hamburg. Und ich habe sie über den Verlag erreicht und mich mit ihr getroffen.

Seit Jahr und Tag schleppe ich dieses Büchlein mit mir rum, ins Café, auf Zugfahrten und sogar in den Ruheraum der Sauna. Habe schon zig Seiten Notizen dazu, wieder verlegt und verloren, nach Monaten wiedergefunden. Warum ich nicht wenigstens eine Kurzrezension von einige Zeilen darüber verfasst habe, kann ich nicht sagen. Aber dann passiert es eben an diesem Februartag. Und eins weiß ich. Ich werde mich nicht kurz fassen können.

Diese Biografie ist nicht eins der typischen Erinnerungsfragmente Deutscher aus Russland. So viel kann ich sagen. Wahrscheinlich weil die Schreiberin selbst nicht typisch ist. Nach der Definition von Historikern ist sie auch keine Russlanddeutsche im engeren Sinn. Das sind nur diejenigen Deutschen, die nach 1763 auf den Geheiß der Zarin Katharina II zumeist an die Wolgaregion und andere ländliche Gebiete gezogen sind. Die Familie Schmorell hat sich aber in Städten niedergelassen. Sie waren Händler und Ärzte in Orenburg im Ural. Weitere Ahnen von ihnen sind nach Moskau und St. Petersburg gezogen. Sie gehören zu den Deutschen, die in Russland Kutschen bauten, mit denen Alexander Puschkin oder Alexander von Humboldt herumgefahren sind. Sie verkehrten in gehobeneren Kreisen und haben die Kultur der beiden Metropolen geprägt. In meinen Augen wäre es eine Sünde, sie auszuschließen. Aber wenn sie keine Russlanddeutschen sind, was sind sie dann? Und was sind wir? Haarspaltereien. Die mögen andere betreiben.

Vielleicht habe ich wegen dieser Unklarheiten gezögert. Vielleicht weil die Dame, die ich in einer Konditorei in einem Hamburger Vorort getroffen habe, sich sehr zurückhaltend gezeigt hat und sich partout nicht fotografieren wollte. Ihre Privatsphäre war ihr unglaublich wichtig. Und das ist doch sehr sympathisch in diesen Zeiten. Vielleicht zögere ich, ihre Geschichte preiszugeben, vielleicht bin ich aber einfach eine zögerliche Person.

Moskau Tram, 1933. Quelle: oldmos.ru
Moskau Tram, 1933. Quelle: oldmos.ru

Als sie an diesem Herbstmorgen die Konditorei betritt, würde niemand erraten, dass sie nicht lange nach Lenins Tod geboren wurde. Mit ihrer selbstgehäkelten Kappe aus weißem Baumwollgarn auf dem Kopf, die mit einer näckischen Strassbrosche geschmückt ist, blickt sie wach und unternehmungslustig in den Raum. Sie wirkt körperlich nicht weniger fit als ich, im Gegenteil.

Anfangs ist sie skeptisch mir gegenüber, will genau wissen, was und wozu ich es wissen will.

Sie möchte nicht viel von sich preisgeben, nicht fotografiert werden. Und das ist ein sehr vernünftiger Umgang mit dem unbekannten Terrain Internet.

Und was genau ein Blog ist, kann ich nicht beschreiben mit alten Begriffen. Ein schwarzes Brett? Ein Notizbuch für die Öffentlichkeit? Wer sieht das alles?

Als die Computer noch schwer und unhandlich waren, hatte sie sich mit über 70 das Arbeiten am PC eigenhändig beigebracht, um ihrem Mann, einem Wissenschaftler bei seinen Publikationen zu unterstützen. Und er hat sie auch ermuntert, ihre Geschichte öffentlich zu machen. ‚Schreib es nieder‘, hat er ihr immer wieder geraten. 2009 hat sie ihre sehr stringenten Erinnerungen publiziert. Für die nächsten Generationen, wie sie selbst in dem Einleitungstext bemerkt.

So wie diese ältere Dame, die viel erlebt hat, ist auch ihr Buch.

Es ist sehr persönlich, aber es gibt nicht viel preis. Es bindet die eigene Geschichte in die größeren Zusammenhänge ein. Ein wenig Nostalgie, Anekdoten und Lebensaugenblicke verknüpft mit historischen Ereignissen und Personen.

Aber ich greife vor.

Alexander Schmorell
Alexander Schmorell, genannt Schurik

Wir reden über ihren Verwandten, Alexander Schmorell, der zum Kleeblatt, zum inneren Kern der Weißen Rose gehörte. Ich rege mich über seine Darstellung in Filmen und Büchern auf. In einer russischen Rubacha. Wie ein Kolchosbauer.

Schurik war ein aristokratischer Mensch, ihn in einen Bauernkittel zu stecken ist typisch deutsch, ob er überhaupt Balalaika gespielt hat? Er konnte sehr gut Klavier spielen, das ja.‘

Sie gibt mir eine viel schönere Ikone von Alexander Schmorell, der vor einigen Jahren heilig gesprochen wurde. ‚Sehen Sie, da ist eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden und das rote Kreuz, das darauf hinweist, dass er Arzt war, oder werden sollte.‘

Die schönste Beschreibung von Alexander stamme von seinem Vater, Hugo Schmorell. Er hat sie in einem Brief an die Schriftstellerin Ricarda Huch geschrieben. Schon 1945. Doch leider ist sie nicht mehr dazu gekommen, ihr Buch zu vollenden. Sie starb zwei Jahre später.

Aufzeichnungen von Frau Wehrt-Schmorell sind zum Teil aus einer Kinderperspektive erzählt. Es ist das Jahr 1934. Mit etwa neun Jahren kommt Brigitte mit ihrer Familie aus dem stalinistischen Russland ins Vorkriegsdeutschland.

In einer Nacht – und Nebelaktion reisen ihre Eltern aus Russland ab. Mit zwei Kindern und zwei Koffern an der Hand.

Freunde von meinen Eltern, Edelkommunisten, haben meinen Eltern einen Wink gegeben.‘

Stalin sind sie entronnen. In der neuen Heimat herrscht aber eine nicht mindere Diktatur.

Ihre Mutter Agnes, die sich hinsetzt und „Mein Kampf“ durchackert, ist betrübt: ‚Drüben mussten wir schweigen und uns still verhalten‘, sagt sie, ‚Und hier geht es weiter, glaubt mir.‘ Nach dieser Lektüre sieben Jahre vor der Operation Barbarossa schätzt sie die Lage klar ein: ‚Der meint es ernst, es wird noch einen Krieg mit Russland geben.‘

Ja, Kinder kriegen viel mit.

Der Vater hat den Wechsel in das andere Land, in die neue Diktatur nicht gut verkraftet. Kurz nach der Einreise wird er von der Gestapo verhört. Er hätte ja ein bolschewistischer Spion sein können. Danach wird er immer verschlossener. Redet nicht, zieht sich immer mehr in sich zurück. Er hat nie etwas aufgezeichnet. Und ihr Bruder auch nicht. Hat immer nur abgewunken, wenn sie mit ihm über die Vergangenheit reden wollte. Ihm ist es schwerer gefallen, im neuen Land anzukommen. Er war schon Schulkind, wurde auf dem Schulhof gehänselt – in Moskau als dreckiger Deutscher. In Deutschland als Russe. Er hat die Vergangenheit abgestreift.

Die Mutter geht da pragmatischer mit um. Sie bittet ihre Kinder, nur noch deutsch miteinander zu reden.

Als eine ihrer Lehrerinnen bemerkt, sie sei so schweigsam und ernst für ihr Alter, erwidert ihre Mutter: ‚Bedenken Sie doch, was unsere Kinder an Schrecken erlebt haben.‘

Im Buch berührt sie schreckliche Erlebnisse, aber an keiner Stelle wird sie weinerlich oder anklagend. Es ist ihr wichtig mitzuteilen, dass es neben dem Schrecken auch die glücklichen Momente gab.

Die russische Njanja, die abends beim Einschlafen, wenn die Mutter schon rausgegangen war, an ihrem Bett saß und ihr Geschichten erzählte und ihr Gebete beibrachte, nannte sie immer Gitjulenka, eine eigens kreierte slawische Verniedlichung auf den nordischen Namen. An sie denkt Brigitte Wehrt-Schmorell noch heute sehr liebevoll zurück. Es gelingt ihr, ein Büchlein, ein andenken an dieses Kindermädchen ins neue Leben zu retten.

Deutsche Familie in Orenburg
Deutsche Familie aus Orenburg

Viel später, als sie schon lange in Deutschland ist, flüchtet sie sich in die Erinnerungen aus ihrer Kindheit, wenn es ihr schlechtgeht.

Das war für mich wie ein unantastbarer Hort, stellen Sie sich vor, eine Kindheit im Stalinismus!‘

Denn die Erwachsenen verstanden es, trotz der widrigen Umstände den Kindern mit kleinen Ritualen Geborgenheit zu vermitteln. Eine Welt zu schaffen, in der sie sich sicher fühlen sollten, auch wenn die Außenwelt aus den Fugen geraten war. So wurden aus Wachsresten heimlich Kerzen gegossen und mitten im Stalinismus christliche Feste wie Weihnachten gefeiert, hinter zugezogenen Gardinen.

Ihre Wurzeln gehen auch auf Baltendeutsche zurück, ein anderer Ururgroßvater war Wagenbauer und hat Alexander von Humboldt auf seiner Reise durch Russland ausgerüstet. Auch der dichter Puschkin hat seine Kutschen lobend in seinen Briefen erwähnt. Brigitte Wehrt Schmorell stößt auf einer ihrer Reisen nach Russland mehr oder weniger zufällig auf die Grabstätte ihrer Vorfahren und recherchiert die Geschichten. Auch davon handelt das Buch.

Auch davon, was in der Zeit nach der Revolution mit einer deutschen Kaufmannsfamilie geschehen ist. Nach der Machtübernahme durch die Bolschewiken werden sie enteignet und zunächst in eine gemeinsame Wohnung gesetzt. Dem weitverzweigten großen Klan stehen immerhin sieben Zimmer statt dem hochherrschaftlichen Haus zur Verfügung. Das achte Zimmer bewohnen Fremde, die sie bespitzeln sollen.

Innerhalb der sieben Zimmer wird deutsch gesprochen. Außerhalb der Hausmauern reden sie russisch.

Die Stalinzeit und Kampagnen gegen Deutsche sind auch an dieser weitläufigen Familie nicht spurlos verübergegangen. Der jüngste Bruder ihres Vaters ist im Lager verhungert, drei Brüder der Mutter sind ebenfalls umgekommen. Und auch Brigittes Vater saß vier Jahre in Sibirien fest.

‚Als Ingenieur war er technisch sehr versiert,‘ erzählt sie, ‚konnte überall eingesetzt werden auch in Tomsk und Nowosibirsk. Dort hat man ihn dann verhaftet. Es reichte ja ein Deutscher zu sein.‘

‚Musik, hat mich gerettet. Und dieser Doktor.‘ Ein befreundeter Arzt in dem Ort, an dem sie sich niedergelassen haben in Deutschland, der Verständnis hatte für die seelischen Schmerzen dieser eingewanderten Familie. In den Dreißigern eine Ausnahmeerscheinung. Drei Jahre leidet sie. Der befreundete Arzt kann den Trennungsschmerz heilen.

Auch die Reisen nach Russland haben geholfen. Sobald es möglich war, ist Brigitte immer wieder dahin zurück gefahren. 1961 schon in Moskau, und dann immer wieder.

Frau Wehrt-Schmorell macht mich auf eine Besonderheit aufmerksam, was ihren Vornamen angeht: Brigitte. Einmal brauchte sie für irgendeine behördliche Sache ihren Taufschein, ein Glück, ihr Mann hat ihn aufbewahrt. Doch die deutschen Behörden bemerken eine Unregelmäßigkeit, die ihr fast zum Verhängnis wurde.

1925, wenige Jahre nach der Oktoberrevolution, wurde das Baby Brigitte nicht in einer Kirche, sondern privat, zu Hause getauft. Der Taufschein war auf russisch ausgestellt und ihr Name wurde auf Kyrillisch mit Бригита angegeben, also Brigita mit einem a am Ende.

Diese kleine Abweichung beim letzten Buchstaben führt bis heute dazu, dass sie bei offiziellen Dingen stets darauf achten muss, mit Brigitta zu unterschreiben, sonst ist das Dokument nicht rechtsgültig. Und wenn sie eines Tages in das Familiengrab beigesetzt wird, dort wo ihr geliebter Mann seit fast zwei Jahren ruht, möchte sie, dass auf ihrem Grabstein als Vorname Brigitta steht mit a.

Fazit: Dieser ganz andere Blickwinkel auf die Geschichte und die Wurzeln von Deutschen in Russland macht die Lektüre so wertvoll.

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Erlebtes Leben unter Stalin und Hitler

Mit einem Geschichtsabriss: Deutsche in Russland

112 Seiten, Taschenbuch (Paperback)

EUR 8,90 · ISBN 978-3-8280-2767-1