Kriegskinder und Kriegsenkel – die Bücher von Sabine Bode

Wer sich in unserem Land mit Kriegstraumata beschäftigt, kommt an der Kölner Autorin Sabine Bode nicht vorbei. Mit ihren Büchern „Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ und „Kriegsenkel – Erben der vergessenen Generation“ hat sie vor einigen Jahren die Diskussion um die langen Schatten des Zweiten Krieges angestoßen.

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Kinder bei der Essensausgabe. Ein Foto aus Oriannes Fund

Laut Bode haben Forscher herausgefunden, dass von den Betroffenen, rund ein Viertel das Erlebte nach kurzer Zeit verarbeitet hat, eine Hälfte nach einer längeren Zeit und ein Viertel unter immer wiederkehrenden Schüben leidet, die das Leben beeinträchtigen. Und von den Nachkommen lebt ebenfalls ein Teil störungsfrei. Doch ein Prozentsatz ist da, der doch was abgekriegt hat. Über die Verhaltensmuster in der Eltern-Kind-Beziehung. Über Kanäle, die nichts mit Erziehung und der Weitergabe von Geschichten zu tun haben.

Nein, am eigenen Leib haben wir, die danach geboren sind, nichts von den Schrecken des Krieges mitbekommen. Aber es gibt Mechanismen, die bewirken, dass die Gespenster der Vergangenheit noch nach Generationen in einer Familie nachhallen. Besonders wenn ein Teppich des Schweigens darüber gebreitet wurde,  so beschreibt es die Autorin in ihrem Buch.

Es sind Ängste, Blockaden, die aus heiterem Himmel auftauchen, unerklärliche Verhaltensweisen, bei manchen sogar chronische Krankheiten und wiederkehrende Alpträume vom Krieg. Bei der Lektüre des Buches über die Kriegsenkel habe ich oft gemerkt, denen geht’s wie mir. Nicht die Alpträume, davon werde ich verschont. Sie stehen sich oft im Weg. Genauso wie ich. Sie haben Angst, Fehler zu machen. Weil innerlich so ein Verbot herrscht falsche Entscheidungen zu treffen, denn in der Vergangenheit haben sich kleine Fehlentscheidungen als fatale Fehler erwiesen.

Vielleicht kann ich nicht alles, was in meinem Leben schiefläuft, darauf zurückführen ein Kriegsenkel zu sein, aber allein die Lektüre, hat schon zu so manchem Aha-Erlebnis geführt. Es hilft mir, mich mit Wohlwollen zu betrachten, wo ich mir früher Vorwürfe gemacht habe. Ich bin nicht allein. Ich muss nicht drüberbügeln und funktionieren. Denn da sind Leerstellen in meiner Seele, die hindern mich daran, vorwärts zu gehen. Es hat sich was eingenistet auch wenn die Geschichten von damals mehr als vage bleiben. Und ich bin nicht die Verursacherin, in mir wirkt sich aus, was da nicht hingehört.

Bei einem Vortrag von Sabine Bode habe ich mich einmal gemeldet und gefragt, ob sie auch was zu Russlanddeutschen und deren Kindern gemacht hat, genug unverarbeitetes Trauma wäre da ja vorhanden.

Doch leider meinte sie, sie habe sich noch nicht damit befasst und es wäre auch nicht ihre Aufgabe. Ich habe sie damals so verstanden, dass die Schicksale und Lebenswege dieser Menschen so weit entfernt sind von dem, womit sie sich auskennt. Sie ist bewandert in der bundesrepublikanischen und deutschen Geschichte und es wäre schon schwierig gewesen, die Bürger der ehemaligen DDR in das Projekt einzubinden. Und Russland, das würde ja ein ganz neues Fass aufmachen und darum müsste sich jemand anderes kümmern.

Schade. Ich glaube, dass man viele von den Phänomenen, die sie schildert, übertragen kann. Wenn auch nicht alle. Die starke Familienbindung unter den Deutschen aus Russland ist sicher einer der  Unterschiede. Denn die sogenannte schwarze Pädagogik der Johanna Harrer hat es nicht bis über den Ural geschafft. Es wäre auf jeden Fall spannend, das weiter zu verfolgen.

Sag doch was auf Russisch!

Sag doch mal was auf Russisch. Mit diesem Satz werde ich bis heute konfrontiert, sobald jemand erfährt, woher ich stamme. Und ich bin jedes Mal wie paralysiert und weiß nicht, was ich sagen soll. Fühl mich wie ein Äffchen auf einer Spielorgel, das für ein paar Münzen ein Tänzchen aufführen soll. Klingarassa Bumm!

Möglicherweise könnten mir Menschen mit Migrationshintergrund einen Tipp geben. Die kennen das sicher auch. Vielleicht haben sie sich im Laufe der Jahre einen Satz zurechtgelegt, den sie bei solchen Gelegenheiten hervorholen, ohne nachdenken zu müssen. In Mandarin dann: Langnasen sind hilflose Deppen. Oder: Wenn ein Deutscher dich fragt, sag doch was auf Chinesisch/Türkisch/Russisch/Spanisch, dann lächle weise.

Das wäre doch witzig. Oder einen Zungenbrecher oder ein Kinderlied. B trawe ssedel kusnetschik zum Beispiel. Oder ein Gedicht von Majakowskij. Leider kenn ich keins davon auswendig und mit meinen Stehgreifsätzen auf Russisch ist es auch nicht weit her. Die Sonne ist ähem. gelb und der Himmel, nun, blau. Warum sollte ich sowas sagen? Was erwarten die Leute? Wer das fragt, ist doof. Kto  tak spaschiwaet, Durak! Ich bin unhöflich. Jemand wollte einfach nur freundlich sein. Sich nett fühlen, weil er etwas gefragt hat, das dich betrifft. Wie anbiedernd das aber ist, das merken sie nicht. Dass sie dich auf das Einzige zurückwerfen, das dich von ihnen unterscheidet. Du bist fremd. Du gehörst nicht hierher. Aber ich sollte froh sein, dass das so subtil geschieht. Dass ich nicht eins mit dem Schürhaken übern Schädel kriege. Oder gesteinigt werde. Oder zusammengeschlagen, wie andere Mitbürger mit Migrationshintergrund. Da ist es noch annehmbar, dass du mitten in einem Gespräch umswitchen musst. Und auf dein Anderssein geworfen wirst.

Aber ich gebe zu, wenn wirkliches Interesse da ist und jemand fragt, wie war deine Kindheit dort, erzähl ich es gerne. Wenn sie unbedingt hören wollen, wie Russisch klingt, sollen sie sich eine Sprachkassette besorgen oder auf Youtube Nationalhymne Russland eingeben.

Ich weiß, was ich ab jetzt sagen werde: „Lübopittnoj Warware nos atarwali!“ (Der neugierigen Barbara haben sie die Nase abgerissen, das ist so ein Totschlagsatz für Kinder, oder gegen Kinder, im Sinne von: „Kinder mit Willen kriegen was auf die Brillen.“) Aber dann werden sie schlucken und mich für unhöflich halten.

Da war mal dieser arme Typ auf einer Party, ich stand mal ne halbe Stunde neben ihm. Zugegeben, er war sehr groß, aber alle paar Minuten, meinte jeder, wirklich jeder, der an ihm vorbeikam, fragen zu müssen, ob er nicht Probleme hätte, ein Bett zu finden, das groß genug ist, besonders auf Reisen. Mit dem selben Satzbau und derselben Satzmelodie sogar. Faszinierend. Das ist Ameisendenken. Aber jeder glaubt, er fragt es das erste und einzige Mal. Dass ihm ein origineller, witziger Satz eingefallen ist.

Ich muss mich jedenfalls immer fremd schämen, wenn Spanier gefragt werden, ob sie Flamenco tanzen. Oder zum Stierkampf Stellung beziehen sollen. Ich werde immer auf Wodka angesprochen, das ist auch nicht besser. Es gab Zeiten, da haben mir die Leute gesagt, ihr Traum wäre, mal mit der Transsib bis nach China zu fahren. Dann vor zehn Jahren kam der Satz , dass sie jemanden kennen, der das Mal gemacht hat. Neuerdings sind wohl alle, die das wollten, bereits mit der transsibirischen Eisenbahn unterwegs gewesen, und ich werde nur noch mit Wodka in Verbindung gebracht. Man sieht es mir wohl an, dass ich jeden Lastwagenfahrer unter den Tisch trinken kann. Früher habe ich gesagt, ich mag keinen Wodka, habe eine Diskussion über Vorurteile vom Zaun gebrochen oder gesagt, ich trinke lieber Rotwein. Schön trocken. Heute habe ich mir angewöhnt, feinsinnig zu lächeln und so zu tun, als könne ich unheimlich viel wegkippen. Genetisch bedingt. Ich kann auf Knopfdruck sogar einige andere Vorurteile über Russland und Russen bestätigen. Dann ist mein Gegenüber glücklich und wir können zu anderen Themen übergehen.

Nur einmal wars unangenehm. Der damalige Freund einer Freundin. Wir waren Mitte zwanzig und studierten noch, er war über dreißig und Koch. Er hat erzählt, in welchem schlimmen Zustand die Russen die Kasernen zurückgelassen haben, die aus dem ehemaligen Gebiet der DDR abgezogen worden sind. Das mag ja sein. Aber er hat noch weiter gemacht und erzählt: „Wenn die in den Westen kommen, dann gibt’s erst Mal nen Kulturschock. Und sie waschen ihre Kartoffeln in der Kloschüssel und freuen sich über das Fließendwasser darin.“ Ich konnte ihm nichts entgegnen, so sprachlos war ich. Aber es hat mich lange verfolgt, dass einer mir genau sowas erzählt, nachdem er erfährt, woher ich komme.

Wenn du dich im Ausland als Deutscher ausgibst, kommt immer was mit Hitler. Oft erschreckend positiv besetzt.  Nach dem Motto: Das war noch einer, der Ordnung geschaffen hat. Also was Vorurteile angeht, sind die anderen Menschen nicht besser. In den USA hat eine Frau ganz langsam und laut angefangen auf mich einzureden, als ob ich auf diese Weise besser verstehe, was sie meint.

Ich kann mir im Ausland aussuchen, ob ich mich lieber als Deutsche ausgebe oder als Russin oder als Halbblut. Das kommt meist auf dasselbe raus. Nur in Polen, da muss man manchmal aufpassen. Das war in den neunziger Jahren, in einem Dorf in der Nähe von Krakau. Ich war mit einer internationalen Gruppe von Tai-Chi-lern unterwegs und wir haben uns auf Englisch verständigt. Leicht angetrunken, draußen vor einer Bar, es war ein lauschiger Sommerabend. Ein junge Typ aus der Bar sagte damals, die Deutschen, das sei schon schlimm, sie kommen hierher, nach allem was passiert ist und kaufen reihenweise den Polen die Häuser und Grundstücke weg. Aber die aller allerschlimmsten, das wären die Russen. Ihm soll bloß keiner von Ihnen unter die Augen kommen. Ich bin ganz still geworden und habe mich nicht enttarnt. Und als ich am drauffolgenden Tag versucht habe, in der Apotheke für einen Freund Kopfschmerztabletten zu kaufen, auf Russisch, weil ich dachte, das können die Polen im Notfall alle verstehen, wurde ich erst gar nicht bedient. Das waren sicher Ausnahmefälle und zu verdenken ist es den Leuten sicher nicht. Bei der Vergangenheit. Wir waren ja in der Gruppe auch mit Polen zusammen und die haben mich akzeptiert. Glaub ich.

Sag doch mal was auf Russisch, Max Scharnigg hat diesen Satz in einer Kolumne verarbeitet. Und ein Buch herausgegeben mit weiteren originellen Gesprächsrunden-Sätzen wie: Und was hörst du so für Musik? (Das Buch heißt: Das habe ich jetzt akustisch nicht verstanden und weitere 99 Sätze mit denen man durchs Leben kommt. hier der Link).

Er schlägt als Antwort folgenden Satz vor, der poetisch klingt und mal nicht nur ein Gähnen hervorruft:

Я встречал любовь моей жизни в светлый день июля около 5.30 часов вечера. Она сидела на осле цвета соломы и пахла жасмином и кока-колой!”

Tolle Idee das. Bedeutet: „Die Liebe meines Lebens traf ich an einem lichten Julitag gegen halb sechs Uhr abends. Sie saß auf einem strohblonden Esel und duftete nach Jasmin und Coca-Cola!“.

Die Eugenisierung schreitet voran!

Dass junge Aussiedler oft einen neuen eingedeutschten Namen verpasst kriegen, ist ja hinlänglich bekannt. Aus Aljöna wird Helena, aus Vitalij wird Walter und aus Sergej Sigfried oder Sigismund. Und aus dem in Russland allseits beliebten und sehr schnittigen Namen Jewgenij oder Shenja wird, na?  Eugen!

Dieses Phänomen hat ein junger Fotograf aus Berlin zum Anlass genommen ein sehr spannendes Projekt zu realisieren. Er heißt selbst Eugen, Eugen Litwinow.

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mehr unter: http://www.mein-name-ist-eugen.com

 

In seinem Buch stellt er Portraits von dreizehn jungen Männern vor, die ihren modernen Namen Jewgenij oder Shenja in Eugen umwandeln mussten, sobald sie nach Deutschland kamen. In Interviews befragt er sie über ihre Zeit in Russland und wie sie mit der Namensänderung leben. Und einige wissenswerte Tatsachen zum Namen Eugen werden ebenfalls erwähnt. Dieses Buch ist für alle Eugens ein Muss, für alle anderen ein Vergnügen!

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© Eugen Litwinow