Locker flockig aus der Hölle

Was geschieht, wenn sich ein Youtuber des Themas Gulag annimmt? Genau, er redet locker flockig über Minusgrade und vergleicht seine Hightech Kleidung mit der unzureichenden Kleidung der früheren Häftlinge. Aber nicht nur. Der Vblogger Jurij Dudj, der sonst dafür bekannt ist, dass er Promis und Politiker vor die Kamera bittet, begibt sich auf die Spuren von Arbeitslagern im entferntesten Winkel Sibiriens. Er interviewt Mitarbeiterinnen von Gedenkstätten und Söhne und Töchter von Überlebenden.

Am Pol der Kälte herrschen schonmal minus 71 Grad.

Der Film ist reißerisch aber nicht oberflächlich, wie geschaffen für ein Publikum, dass schnelle Bilder gewohnt ist. Diese Doku wurde bisher auf keinem der staatlichen Kanäle der russischen Föderation gezeigt. Aber auf Youtube erzielte sie nach weniger als einem Monat bereits über 13. Millionen Zuschauer*innen. Eine coole, sehr, sehr coole Aktion, lieber Jurij Дудь.

Normalerweise bitter der Vblogger Jurij Dudj Promis, Politiker oder Sportler auf ein Gespräch vor die Kamera.

Jurij Dudj gibt zwei Gründe dafür an, dass er und sein Team sich diesem schweren Thema zuwenden: zum einen, hat eine Erhebung in der russischen Föderation letztes Jahr festgestellt dass fast die Hälfte der jungen Leute zwischen 18 und 24 Jahre noch nie etwas von stalinistischen Repressionen gehört haben. Zum anderen möchte er dieser Angst auf den Grund gehen, sich ja nicht hervorzutun oder irgendeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die besonders unter den älteren Generationen weit verbreitet ist. Und er vermutet den Grund dieses duckmäuserischen verhaltens in der Verschickungen, die besonders in der Stalinzeit jeden und jede willkürlich treffen konnten. So zum Beispiel die Eisverkäuferin, die ihren Freunden ein Eis ausgegeben hatte und versäumt hatte am Ende des Arbeitstages das fehlende Geld in die Kasse zu tun.

Ivan Panikarow begann vor 37 Jahren Zeitzeugenberichte zu sammeln. Es entstand ein Museum – in seiner eigenen Wohnung.

Leider gibt es diesen Film bisher nur in russischer Originalausgabe, aber hier eine Version mit Untertiteln auf Englisch:

Eine Geschichte hat mich besonders berührt. Es ist die Geschichte der Musikers und Komponisten Wsewolod Zaderatsky, der einsitzen musste, weil er Soldat der Weißen Armee gewesen war und außerdem den Zarensohn Alexej in Musik unterrichtet hat. Bei seiner dritten Verhaftung hat die GPU alle seine Kompositionen vernichtet. Jedenfalls hat dieser Komponist in seiner Verbannung in Kolyma zwischen 1937-39, auf irgendwelchen Papierfetzen (eigentlich Telegrammvordrucken), ohne Klavier seine 24 Préludes komponiert. Später wurden sie aufgeführt. Insgesamt umfasst das Material etwa 2,5 Stunden.

Hier sind einige Minuten daraus, Prélude No. 16:

Und hier die ca. 10-minütige Aufnahme der Prélude No. 1, interpretiert von Jascha Nemtzow, der diesen Komponisten entdeckt hat und der selbst Sohn eines Gulaghäftlings ist:

 

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In der Opferrolle – Der Thriller ‚Auf einmal‘ von Asli Özge

In Asli Özges Thriller von 2016 ist das Opfer eine Russlanddeutsche.

Nach einer Party bleibt Anna allein mit dem Gastgeber zurück. Sie rauchen gemeinsam auf dem Balkon, küssen sich. Auf einmal geht es der jungen Frau nicht gut. Sie fällt wie leblos hin. Karsten, der Gastgeber der Party, läuft in Panik zu einer nahegelegenen Klinik, doch diese ist geschlossen. Er hastet zurück, ruft den Notdienst, doch es ist bereits zu spät. Anna ist tot.

Natalia Belitski, die unter anderem eine Hauptrolle in dem Film Poka -heißt Tschüss auf Russisch zu sehen war, spielt hier die kurze aber prägnante Rolle der Anna. Sie lacht auf, sie hustet hinter vorgehaltener Hand – wir hören sie kein einziges Mal auch nur ein Wort sprechen in den 3 bis 4 Minuten, die ihr Auftritt dauert.

Ein Kunstgriff der Regisseurin. Ich wusste, bevor ich den Film sah, dass sie aus Russland kommt. Daher habe ich den Film angeschaut. Aber die anderen Zuschauer*innen werden anfangs darüber im Unklaren gelassen. Erst allmählich kristallisieren sich Dinge heraus. Dass sie sich selbst auf die Party eingeschlichen hatte, dass sie im Grunde niemand kannte, dass sie eine Deutsche aus Russland war, die einen Mann und ein kleines Kind hatte.

Die ganzen Ungereimtheiten und Unwahrscheinlichkeiten des Falles, der Prozess und der Verdacht, er wäre für ihren plötzlichen Tod verantwortlich, brechen dem Protagonisten Karsten (Sebastian Hülk) fast den Hals. Sie kosten ihn fast seine Stellung und seine Freunde. Auch Laura, die Frau mit der er zusammenlebt und die zum fraglichen Zeitpunkt auf Geschäftsreise war, kommt mit der Situation nicht klar.

Natalia Belitski als Anna. Als alle Gäste gegangen sind, stirbt sie ohne ersichtlichen Grund. Was ist da passiert?

Im Grunde geht es aber weniger um die Familie und Umfeld des Opfers – die sind austauschbar. Es hätte jede Gruppe sein können, die zugewandert ist, in prekären Verhältnissen lebt, in der die Strukturen patriarchal bestimmt sind und die Frauen früh heiraten und Kinder bekommen.

Der Film ist also keine Studie über Russlanddeutsche, sondern zeichnet ein genaues Panorama einer bestimmten Gesellschaftsschicht in einer unbestimmten deutschen Kleinstadt wenn ein undurchsichtiges und krisenhaftes Ereignis eintritt.

Dieses kustvolle Werk wird langsam erzählt, die Musik sparsam eingesetzt, die Bilder sind intensiv. Oft bestimmt bedrückendes Schweigen die Szenerie. Altena, die Kleinstadt, in der dieser Film situiert ist, mit den hügeligen und herbstlich gefärbten Wäldern, spielt mindestens eine ebenso  eindrückliche Rolle darin wie die menschlichen Darstellerinnen und Darsteller. Der Thriller entspricht nicht dem bekannten Tatort-Schema: Leiche, Suche, Aufklärung. Es taucht auch kein einziger Kommissar auf! In Feuilletons und auf Festivals wurde Auf einmal hoch gelobt. Wahrscheinlich dient er nicht dazu, den Krimi-Allerweltsgeschmack zu bedienen. Zu sperrig. Zu detailversponnen. Es passiert zu viel auf der psychologischen Ebene. Arthouse eben.

Mich hat er vor allem wegen seiner Darstellung der Russlanddeutschen gereizt.

Seine Versuche, Russisch zu vernuscheln zeigen deutlich, dass Sascha Alexander Geršak, der den Eheman der Toten spielt, kein echter Russlanddeutscher ist. Dennoch kommt er in der Rolle als Fabrikarbeiter Andrej ganz authentisch rüber, als Karsten ihn in seiner rumpeligen Wohnung am Rande von Schloten und Fabriksilohs besucht.

Karsten: Ich hab gar nicht gewusst, dass Anna aus Russland ist. Man hats überhaupt nicht mehr gehört.

Andrej: Anna hat sich immer große Mühe gegeben, um den Akzent loszuwerden. Als sie nach Deutschland kamen, haben sich ihre Klassenkameraden immer lustig über sie gemacht.

K: Und Sie? Sind Sie später hierher gekommen?

A: Wieso?

K: Naja, weil bei Ihnen merkt man irgendwie gleich, dass Sie nicht von hier sind.

A: Bist du von der Ausländerbehörde oder was?

Zugegeben, diese Reaktion und dieser Begriff könnte original von einem stammen, der türkische oder kroatische oder albanische Wurzeln hat. Ein Deutscher aus Russland würde sich an dieser Stelle wahrscheinlich auf seinen Stammbaum und die in der Sowjetzeit verbotene Muttersprache berufen. Dennoch werden die RD hier nicht klischeehaft überzeichnet sondern respektvoll  und ein wenig aus der Distanz dargestellt. Aber eben als im Elend hausende Underdogs. Wie gesagt, wichtig ist im Film die Mehrheitsgesellschaft und die Kritik an ihr. Özge wurde in Istambul geboren und lebt schon lange in Berlin, hat also selbst Migrationshintergrund und gehört hier einer Minderheit an. Ihr Blick auf die Mehrheitsgesellschaft ist schonungslos und sehr genau.

Szenen wie das Abendessen bei Karstens Eltern sprechen Bände.

Im April lief der Film auf ARTE, er hat wie gesagt, im Feuilleton und auf Festivals ganz gute Kritiken eingeheimst. Das Drehbuch basiert übrigens auf einem Fall, der sich vor einigen Jahren in Wirklichkeit abgespielt hat. Eine junge Frau verstarb 2008 aus unerklärlichen Gründen auf einem Fest unter nicht geklärten Umständen und ohne Anzeichen von Gewalt – sie hatte aber türkische Wurzeln.

Meine übliche Kritik, dass Russlanddeutsche in der deutschen Gesellschaft/den Medien nicht vorkommen und wenn, dann nur negativ konnotiert als AfDler oder Maffiosi, bewahrheitet sich also nicht mehr. Ich will später noch andere Romane oder Filme vorstellen, die von Nicht-Russlanddeutschen geschaffen wurden und in denen diese Gruppe eine Rolle spielt. Hoffentlich nicht immer die des Opfers.

The Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=qwBFXi8hlYc

Die Hölle sind immer die anderen

Eine junge Frau, die mit ihrem weißen Kleid und mit dem Haarschmuck an eine Braut erinnert, steht bis zur Brust in einem See. Sie wird von einem älteren Mann gehalten und hintenüber in das Wasser eingetaucht. In den mennonitischen Brüdergemeinden ist es üblich, die Mitglieder erst mit 16 oder 18 zu taufen.

Glaubst du, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist? Versprichst du, ihm zu dienen in reinem Gewissen?

Die Szene ist Teil einer Reportage von Rita Knobel Ulrich, die Ende April im NDR Fernsehen lief. Es geht um russlanddeutsche Mennoniten in Cloppenburg, die in ihren Gemeinden einen freikirchlichen Glauben leben und eine relativ geschlossene Gemeinschaft bilden. Aus den 861 Kommentaren unter dem Film bei Youtube wird deutlich, dass diese Werte bei vielen sehr gut ankommen. Keine Drogen, klare Verhältnisse, freundlicher Umgang, Hilfsbereitschaft, Liebe zu Kindern – das alles ist in den Brüdergemeinden zu finden. Hier einige der Stimmen aus dem Netz:

‚Was für ein Segen, Frauen zu hören, die sagen, dass sie für ihre Kinder da sein wollen. ❤

‚Ehrliche, Aufrichtige und fleißige Leute. Wirklich Respekt dafür !! So viele Kinder großziehen, in der Freizeit ehrenamtlich arbeiten…. Auch die Kinder wirken alle sehr gut erzogen.

‚Ehrlich gesagt, bei mir kamen die Tränen. Eine schöne reine Gemeinschaftsleben jeder hilft jeden, sich angenommen fühlen gibt viel Selbstvertrauen.

Doch im Film und in den Kommentaren auf Youtube klingen bereits andere Töne an: …bleiben für sich…abgeschottet…die Kinder dürfen nicht auf Klassenfahrten mit …wie aus der Zeit gefallen… meist von den Außenstehenden, wie Mitschülern oder einer Lehrerin.

Wenn ich beobachte, dass die Frauen als Bedienstete herhalten und dem Manne untertan sein müssen und alle eigenen Wünsche an sich abtöten sollen, werde ich stutzig. Bereits die Kinder scheinen die Normen ihrer Gemeinde verinnerlicht zu haben. Nach Medien und Fernsehen gefragt, sagen einige, es interessiert mich nicht, oder: es macht die Augen kaputt und dann ist man nicht soviel draußen und so. Nur ein Junge sagt auf die Frage, ob er das Fernsehen nicht mal vermissen würde, verschämt: Manchmal.

Was ist Schlimmes daran, Kinder vor einem überbordenden Medienkonsum beschützen zu wollen und vor Alkohol und Drogen? Was ist verkehrt daran, wenn Menschen ihren Glauben so ausleben, wie sie es für richtig halten? Nichts. Wenn sie es aus freien Stücken tun.

Was geschieht aber mit denen, die nicht mehr wollen oder nicht mehr können? Die ausscheren und die anders sind?

In der Doku sagt der Prediger Ernst Fischer, vielfacher Familienvater und Großvater über den Einfluss der Medien, dass sie nichts Gutes bringen. Sowas braucht man nicht zu vermissen. Und als die Interviewerin ihn fragt, obs ein Problem wäre, wenn in der Gemeinde jemand sagen würde, er liebe einen Mann, antwortet er:  ‚Gottseidank habe ich sowas noch nie erlebt. Möchte ich auch nicht. Deshalb kann ich nichts dazu sagen, wie ich reagieren würde und was passieren würde. Es ist eben nicht so, dass wir diese Menschen hassen, aber das ist eben nicht nach Gottes Willen.‘

Abgesehen davon, das ich mich wundere, wie jemand Gottes Plan so genau durchschauen kann, habe ich mich beim Sehen die ganze Zeit gefragt, wie sich so ein geschlossenes System aufrechterhalten lässt. Was mit Andersdenkenden passiert. Und um welchen Preis.

Wo ist die Lücke im Paradies? Darauf gibt der Film leider keine Antworten. Aber ein Buch, das ich im Internet gefunden habe, ein schmales Bändchen von etwas über 200 Seiten mit dem Titel: Himmel Hölle Welt.

Geschrieben hat es Lena Klassen anfang der Nuller Jahre. In einem Nachwort schreibt sie, dass sie zwar nicht in einer freikirchlichen Gemeinde aufgewachsen sei, aber ein Jahr in einer solchen gelebt habe. Lena Klassen ist eine Deutsche aus Russland und hat sich (teilweise unter dem Pseudonym Maja Winter) als Autorin von Fantasy- und Mistery-Romanen einen Namen gemacht.

Dieses frühe Werk von ihr ist anders.

Wie im Film über Cloppenburg steht hier die Taufe einer jungen Frau am Anfang. Allerdings nicht in einem See, sondern im chlorhaltigen Wasser eines Waldschwimmbads. Doch abgesehen von diesem Ausgangspunkt, bewegt sich das Buch in eine ganz andere Richtung als die Doku. Es zeigt die Risse auf, schildert die unbequemen Seiten der Gemeinschaft und die Kehrseite der Frömmigkeit.

Anders als die Regisseurin im Film, die sich bemüht nicht zu werten, findet Lena Klassen klare Worte und eine klare Position. Bereits im Vorwort schreibt sie, dass die Bezeichnung Mennoniten-Brüdergemeinde … Programm ist, denn Schwestern haben da nicht viel zu sagen.  (S. 8) An der Spitze steht ein Gemeindevorstand, gewählt auf Lebenszeit. Er kann seinen Posten nur verlieren, wenn jemand aus seiner Familie vom richtigen Weg abkommt. Denn es wird angenommen, dass ein Mann, der seine Familie nicht im Griff hat, seine Gemeinde nicht lenken kann.

In so einer Brüder-Gemeinde wohnt Klassens Heldin, die 16-jährige Schülerin Elsa Epp. Bereits während der Taufe, vielleicht schon vorher, beschleichen sie Zweifel, nicht an Gott, nicht an ihrem Glauben, sondern an den menschengemachten Regeln. Es gibt Wendepunkte in ihrem Leben, wie die Hochzeit der besten Freundin und deren dramatische Veränderung danach, die ihr Zweifel einpflanzen. Es sind die Regeln, gegen die sie aufbegehrt.

…ist das schon zu viel Frisur? Oder ist das noch züchtig?

Frauen, die sich die Spitzen schneiden? Sünde, weil pure Eitelkeit. Ebenso lange Haare für  Männer. Ohringe: Sünde. Pop- oder Rockmusik: Sünde, weil weltlich. Tanzen: geht gar nicht. Es wird auch nicht gern gesehen, dass junge Leute viel lernen und studieren. Dann sind sie zu sehr in der Welt. Und Weltliches hat keinen Wert.

Die Jungen in der Gemeinde gefielen ihr nicht, und sie ihnen auch nicht, denn sie war eine Bedrohung für jeden christlichen jungen Mann, weil sie aufs Gymnasium ging. Ein christlicher Mann hatte das Recht auf eine gläubige, gehorsame Frau, und Elsa stand schon jetzt in dem Ruf „stolz“ zu sein. S. 30

Elsa setzt es durch, studieren zu dürfen, sie geht zum Friseur und zieht Ohringe an. Das erste Mal, als sie in Hosen durch die Straßen der Stadt läuft, ist für sie ein Moment des Triumphes. Zunächst lebt sie ein Doppelleben und verbirgt alles vor ihrer Familie. Später geht sie auf direkten Konfrontationskurs mit ihr. Sie lernt andere Menschen kennen, die bereits früher aus den freikirchlichen Zusammenhängen ausgeschert sind. Wie den Opa Wiens zum Beispiel, der kein Blatt vor den Mund nimmt:

Ordnung und Disziplin nennen sie es, und so sorgen sie dafür, dass ihnen die Macht nicht aus den Händen gleitet, und so missbrauchen sie das das man ihnen entgegenbringt, auch die Naivität der Gläubigen. Man darf ja nicht vergessen, was das für Menschen sind. Sie kommen aus einer Diktatur, lange vor der Perestroika und den ganzen Veränderungen dort, sie sind es gewöhnt, dass man ihnen sagt, was sie tun sollen. Manche haben nur drei oder vier Jahre eine Schule besucht und können lesen und schreiben, aber auch nicht viel mehr. Studieren durften Gläubige in Russland sowieso nicht. Sie sind es nicht gewöhnt, selbständig zu denken. Das gibt den Leitenden natürlich eine ungeheure Macht.
S. 175

Elsa durchläuft verschiedene Phasen der Entfremdung, ringt in zahlreichen Monologen mit sich und setzt sich mit vielem auseinander, mit den Rollenbildern, mit ihrem Glauben und den Werten ihrer Gemeinde. Bis sie einen Weg findet, wie sie ihren Glauben leben und dennoch sie selbst sein kann. Natürlich gibt es Widerstand seitens ihrer Familie und der Gemeinde. Aber und das ist vielleicht die einzige Schwäche des Romans, der Konflikt wird nicht bis in die letzte Konsequenz durchgespielt. Es geht glimpflich aus.

Wie bei allem im Leben, gibt es verschiedene Nuancen und nicht alle freikirchlichen Gemeinden werden so streng und so bigott sein, wie die im Buch beschriebene. Nicht alle ziehen einen Moralkodex durch, wie er vor 200 Jahren geherrscht hat. Aber darauf will das Buch auch nicht hinaus.

Im hinteren Teil des Buches befindet sich ein extra Kapitel, das sich mit der Geschichte, den Bräuchen und der Struktur der Mennoniten beschäftigt, die im Siebzehnten Jahrhundert nach Russland gezogen sind, um ihre Lebensweise und ihren Glauben zu bewahren. Dass es über so lange Zeit und unter den schlimmsten Bedingungen gelungen ist, mag uns einiges an Respekt abverlangen. Aber auch hier stellt sich die Frage: zu welchem Preis? Und: wer zahlt ihn? Und womit?

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Link zur Reportage Russlanddeutsche in Cloppenburg:

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Himmel Hölle Welt, Lena Klassen
220 Seiten, Taschenbuch, BMV Verlag 2001, 10,80 €
Zu bestellen bei: info[at]bmv-burau.de
Bitte geben Sie den Titel an, die gewünschte Anzahl der Bücher und vergessen Sie nicht Ihre Anschrift! (Portokosten abhängig vom Umfang des Pakets)

 

 

 

 

 

SüßwaCCER – poetische Parabel über das Ankommen

Ein Junge und sein Fisch. Dieser Kurzfilm ist eine gelungene poetische Umsetzung der Themen Fremdsein und Ankommen am Beispiel eines Aussiedlerkindes. Vor ca 10 Jahren hat ihn der Animationskünstler Viktor Stickel als Abschlussarbeit an der Akademie für Mediendesign in Ravensburg vorgestellt.

„Süßwaccep – ein Kurzfilm zum Thema Migration und Integration“ – 2008

Macht und Wort – Mitten im Sturm

Haben Worte, hat Poesie die Macht das Leben zu beeinflussen?

„Mitten im Sturm“ ist ein Film von 2009, nach den Memoiren der Dichterin und Literaturprofessorin Evgenia Ginsburg entstanden, die in der Zeit stalinistischen Terrors aus nichtigen Gründen verhaftet, in einem 7 Minuten Prozess zu 10 Jahren verurteilt und in einen Gulag verfrachtet worden war. Ohne Kontakt zu ihrer Familie. Bis auf den Brief, der ihr mitteilt, dass ihr ältester Sohn in der Leningrader Blockade verhungert ist.

Sie überlebt. Ständig kreisen Gedichte und Ausschnitte aus Büchern in ihrem Kopf. Auch für ihre Mitgefangenen rezitiert sie Verse und ganze Passagen klassischer Literatur in den trostlosen Baracken des Gulags. Ein Gedicht taucht immer wieder auf in diesem Film. Es ist „Man gab mir einen Körper“ von Ossip Mandelsam.


Zerlumpte Gestalten in einer
grauweißen Landschaft. Bisher habe ich darüber bloß gelesen oder Erzählungen gehört. Meine Großmutter, die Großtanten und andere Frauen der Sondersiedlungen wurden Sommers wie Winters in den Wald getrieben, um Holz zu fällen. Dieser Film gibt mir die Bilder dazu, mit Ton und in Farbe. Und er ist kaum auszuhalten für mich.

Russlanddeutsche Gefangene im Wald, Collage von Nikolaus Rode

Absurd finde ich den marketingtechnischen Zusatz auf dem DVD-Cover: Für alle Fans von Schindlers Liste, Das Leben ist schön, Der Pianist und Sophie Scholl.
Danke ergebenst. Werber! Besser wäre eine Warnung gewesen, wie auf den Zigarettenschachteln: Dieser Film könnte ihre posttraumatischen Erinnerungen ersten und zweiten Grades wieder hervorrufen.

Oder: Nur in Gesellschaft und mit einigermaßen stabiler seelischer Konstitution konsumieren. Machen Sie Pausen.

Oder: Lassen Sie es sein. Überlassen Sie die Auseinandersetzung mit diesem Thema der nächsten Generation. Wenn es nicht anders geht, halten Sie Taschentücher in Reichweite.

Ich habe Pausen gemacht und ich habe ihn bis zum Ende gesehen. Die Taschentücher habe ich vergessen.

Irgendein Feuilleton warf dem Film vor, für ein Melodram zu wenig emotional zu sein:
Für eine erkenntnisreiche, differenzierte Betrachtung von Geschichte ist der Film damit ebensowenig geeignet, wie er zum veritablen Melodram taugt. Dafür fehlt ihm schlicht die Emotionalität, was angesichts der geschilderten Schicksale schon eine erstaunliche Fehlleistung ist.

Es ist wahr, der Eindruck, der entsteht ist verhalten, kühl und vorsichtig. Ohne diese ruhige und distanzierte Betrachtungsweise hätte ich mir den Film überhaupt nicht ansehen können, ohne mich winden zu müssen, ohne dass sich mein Inneres so zusammenzieht, dass ich aus dem Raum fliehen muss.

Außerdem, was erwarten die? Was sollen die Leute im Lager machen? Ständig ausflippen, in Tränen ausbrechen, hysterisch lachen? Sie spalten ihre Gefühle ab, um in dieser unmenschlichen Umgebung überleben zu können. Emotionen müssen Pause machen, weil die Kraft nur zum reinen Lebenserhalt reicht. Ich möchte mal sehen, wie die Dame, die den Film zu kühl findet, es schafft im Lager sensibel und offenporig zu bleiben. Das Erlebte ist zu groß für Gefühle. Zu Schrecklich.

Umgekehrt. Die verhaltene Distanziertheit ist die Stärke des Films. Das leichte Zurücktreten und Betrachten. Dabei tut es dem Stoff gut, dass eine europäische Crew ihn bearbeitet hat. Eine Niederländerin als Regisseurin, eine Engländerin als Genia Ginsburg, deutsche und polnische Schauspieler*innen in weiteren Hauptrollen und den Nebenrollen.

Das schafft eine wohltuende Distanz.

Und vor allem tut es der Geschichte gut, dass sie von einer Frau inszeniert wurde. Aus der Sicht einer Frau. Wenn ich mir nur den Trailer eines anderen Gulagfilmes ansehe, Kraj (Landstrich, 2010) von Sergej Utchitel, wird mir vor lauter heroischer Muskelmännlichkeit und den verrohten Stimmen nur übel. Die Frauen dort sind bloße willfährige Opferobjekte. Die Männer protzen rum. (Hier könnte ich einen Emoji einbauen, der grüne Masse speit, weiß nur nicht wie.)

Ach, apropos Männer. Bei „Mitten im Sturm“ gibt es einen russlanddeutschen Arzt, dargestellt von Ulrich Tukur. Er ist Mitgefangener, kennt sich aus mit Heilkräutern der Tundra und Evgenija Ginsburg verliebt sich in ihn. Auch im waren Leben wurde Anton Werner ihr zweiter Ehemann.

Emily Watson und Ulrich Tukur als Genia und Anton

Es gibt sehr starke poetische Momente in diesem Film. Die niederländische Regisseurin Marleen Gorris arbeitet mit subtilen filmischen Mitteln und setzt Gegenstände gekonnt ein. Das rote Tuch, das rote Kleid, die Spiegelscherbe. Ihr wird Arbeitslager-Ästhetik vorgeworfen, aber für mich wird diese Umgebung greifbar und nah.

Pathos und Emotionslosigkeit. Das attestieren viele Rezensionen in Deutschland diesem Werk. Und dass es naiv ist, zu glauben, dass Gedichte in einer solchen Situation überhaupt Raum gehabt hätten und irgendeine Auswirkung. Also die Leute retten würden.

In einem Interview, das Nadeshda Mandelstam, die Witwe des Dichters in den Siebziger Jahren in Amerika gibt, sagt sie in etwa: Wer kann nach Dostojewskij noch an die Macht des geschriebenen Wortes glauben.
(Vermutlich meint sie, wie konnten solche Greuel geschehn, wo es doch schon Dostojewskijs Worte in der Welt geb.)

Beides ist wahr. Dichtung kann niemanden aus dem Gulag rausholen. Und dennoch kann sie es. Und wenn die Verse nur für einige Momente das Gehirn beschäftigen und ablenken.
Wie diese  zum Beispiel:

Man gab mir einen Körper

Man gab mir einen Körper – wer
sagt mir, wozu? Er ist nur mein, nur er.

Die stille Freude: atmen dürfen, leben.
Wem sei der Dank dafür gegeben?

Ich soll der Gärtner, soll die Blume sein.
Im Kerker Welt, da bin ich nicht allein.

Das Glas der Ewigkeit – behaucht:
mein Atem, meine Wärme drauf.

Die Zeichnung auf dem Glas, die Schrift:
du liest sie nicht, erkennst sie nicht.

Die Trübung, mag sie bald vergehn,
es bleibt die zarte Zeichnung stehn.

(Ossip Mandelstam)

Der Dichter war selbst ein Opfer der stalinistischen Säuberungsaktionen und starb 1938 in einem Lager bei Wladiwostok.

Infos und Trailer auch hier: http://www.mittenimsturm-derfilm.de/

Der ganze Film ist übrigens hier zu sehen. aber ich warne Sie. Nur im Zustand seelischer Ausgeglichenheit konsumieren. Und die Taschentücher nicht vergessen!

https://www.youtube.com/watch?v=75VM8EUyd0M

Bildetrachtungen – Rodtschenkos Mutter

Nicht umsonst steckte neulich in meinem Glückskeks die folgende Botschaft: Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Das Bild der Mutter habe ich zum ersten Mal vor fast 20 Jahren in Düsseldorf gesehen. Und mich sofort in das Portrait verliebt, das der Kostruktivist Alexandr Rodtschenko von seiner eigenen Mutter Olga (Ольга Евдокимовна Родченко) gemacht hat. Entstanden ist es um 1924 oder 1928. Da war sie um die sechzig Jahre alt. Rodtschenko selbst war damals Ende dreißig.


Die Wärme und Intensität dieses Fotos ist mir in Erinnerung geblieben.

Aber wie das Bild genau ausgesehen hatte, habe ich dann irgendwann vergessen. Hatte nur noch ein diffuses Gefühl davon. Bis vor ein paar Wochen.

Als es darum ging, wie ich mich auf einem Foto präsentieren will, habe ich daran gedacht, mich von diesem Bild inspirieren zu lassen. Vorerst wollte ich dieses Bild nur als Avatar für mein Facebook-Profil nutzen.

Bei der Recherche nach dem Foto erlebte ich eine Überraschung. Mit lateinischen Buchstaben eingegeben, tauchte ein Bild von einem Gesicht auf, im Anschnitt, ohne Hintergrund.

Hatte mich mein Gedächtnis betrogen? Erinnerte ich mich doch genau an einen Tisch, auf dem sogar etwas lag, ein Buch? Ein Heft? Ich konnte mich sogar an Fenster oder einen Wintergarten (so eine verglaste Veranda wie sie bei vielen russischen Wohnungen typisch war) auf der rechten Seite erinnern, mit Tomatenpflanzen die dort wuchsen und karierten Stoff. Tischtuch? Vorhänge? In meiner Erinnerung war der Raum nicht groß aber irgendwie gemütlich.

Das Gesicht ist ja nach unten gebeugt, sie konzentriert sich auf etwas, einen Brief? Lektüre?

Unglaublich, dachte ich, dass ich mich all die Jahre getäuscht habe, dass Rodtschenkos Mutter in einem Raum gewesen sein sollte, den ich mir nur eingebildet hatte.
Kann es wirklich sein, dass auf dem Originalportrait nur ihr Gesicht großflächig abgebildet war, mit Kopftuch aber ohne das russische Schreibheft mit blass-lila Linien auf der fleckigen Tischplatte.

Hielt sie nicht doch einen von diesen Briefen in ihrer Hand?

Kennt jemand noch die typischen Briefe aus der Sowjetzeit? Aus Schulheften herausgetrennte Seiten, mit eben diesen blass-lila Linien. Sie wurden auf der rechten Seite um etwa vier Zentimeter geknickt, damit sie in die genormten Umschläge passten. Bis zu dieser Knickstelle wurden sie beschrieben. Das haben damals alle so gemacht. An ein anderes Briefpapier kann ich mich nicht erinnern. Aber vielleicht weist auch hier mein Gedächtnis Lücken auf, dichtet was dazu, erschafft einen Raum, ein Emblem.

Wie das von Rodtschenkos Mutter.

Emblem I: Mutter mit gepunktetem Kopftuch
Emblem II: liniertes Schreibheft als Briefpapier
Emblem III: verglaste Veranda mit Tomatenzöglingen

Wie groß war meine Erleichterung, als bei einer engeren Recherche dann doch ein Raum zutage trat und das unvollständige Bild als das entlarvt wurde, was es war, ein Ausschnitt. Wenn auch ohne Briefpapier, ohne Tomatenpflanzen und ohne Vorhänge:

Was hatte mich damals so stark berührt?

Etwas ist darin eingefangen, der Blick des Fotografen/Sohns ist nicht rein äußerlich. Sein Respekt und seine Liebe sind deutlich spürbar. Er kommt ihr ganz nah und ist dennoch kein Voyeur. Er befindet sich wie selbstverständlich mit ihr in einem Raum. Sie nimmt ihn kaum wahr, wird aufgenommen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie wirft sich nicht in Pose, so scheint es, sondern ist einfach in ihre Lektüre vertieft. Es ist ein intimer Moment, aber ohne dass die abgebildete Person bloßgestellt wird.

Olga Evdokimovna Rodtschenko, geboren 1865, hat als Waschfrau gearbeitet. Ihre Hände haben mit großen Stecken Weißwäsche in Bottichen umgerührt, Unterhemden in Lauge getaucht und Hosen über Waschbretter gerieben. Sie steckten bis zu den Ellenbogen in warmer Lauge. Haben Kopfkissen und Bettlaken ausgewrungen, hochgeschleudert, auf Wäscheleinen gehängt, und mit Klammern befestigt. Sich gebückt, Heißwasser geschleppt, Wasser aus Eimern gekippt, umgegossen. Sie haben den Schweiß von der Stirn gewischt. Haben sich Kühlung zugefächert.

Die Hände einer Arbeiterin. Nicht zimperlich. Den Ehering trägt sie am kleinen Finger. Vielleicht weil durch die viele Arbeit die Findergelenke so dick wurden, dass er ihr nicht mehr an den Ringfinger passte?

Und hier in diesem einen festgehaltenen Augenblick, sehen wir sie beim Lesen. Tief über die Zeitung gebeugt, eine kurzsichtige Frau in ihren Sechzigern, nicht elegant, ihre Brille wie ein Lorngnon vor das rechte Auge haltend. Etwas extravagant eigentlich, diese Geste. Ungewöhnlich. Eventuell hat diese Geste eine einfache Erklärung. Nur ein Brillenglas passt zu ihrer Sehstärke, daher hat sie die Brille nicht auf. Vielleicht ist es sogar gar nicht ihre eigene. Sie besucht ihren Sohn, will Zeitung lesen und hat die Brille vergessen. Also gibt er ihr eine Brille, die er da hat, und sie versucht mit dieser fremden Sehhilfe, die Schrift zu entziffern. Konzentriert sich. Aber jetzt: Spekulation aus. Fazit ein:

Nach zwanzig Jahren, seit ich es in einer Ausstellung gesehen habe, hat die Wirkung dieses Bildes nicht nachgelassen. Mir gefällt, wie sie als Frau dargestellt wird, wie sich der Fotograf hier zu dem Objekt/Subjekt verhält. Dieses Bild ist ganz anders als viele Portraits, die wir in unserer von Selfies und Selbstdarstellung durchsetzten Zeit zu sehen bekommen. Zurückhaltend und doch sehr präsent.

Gute Nachricht zum Fest – POKA auf BluRay

Vor einiger Zeit habe ich mich beschwert, dass wir in Deutschland Filme von russlanddeutschen Regisseur*innen zum Thema Aussiedler kaum zu sehen kriegen.

Ich muss mich nun revidieren.

Ganz pünktlich zum Fest der Freude ist der Film Poka-Heißt Tschüss auf Russisch auf BluRay erschienen. Und für 7,- Euro (plus Versandkosten für diejenigen, die mehr als 1KG bestellen. Habe aus ernstzunehmender Quelle, dass 52 Stück 5,5 Kilo wiegen.) kann er bei der Bundeszentrale für politische Bildung erworben werden.

Habe aus ernstzunehmender Quelle erfahren, dass 55 Stück an die 5,5 Kilo wiegen. Naja, dann kann ja die gesamte Verwandtschaft eingedeckt werden. Wow, alle Geschenke mit einem Streich!


Im ZDF lief er ja mal im Sommer Rahmen des kleinen Fernsehspiels Zu nachtschlafender Zeit. Nun können ihn endlich alle gucken, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen und müssen nicht mehr bis nach Mitternacht aufbleiben. Wenn das keine gute Nachricht ist?

Ein Film über das Ausreisen aus einer Kolchose in Kasachstan, das Ankommen in einer deutschen Turnhalle, gewürzt mit einer russisch-deutschen Liebesgeschichte.

Wer nochmal nachgucken möchte, worum es hier geht, ich habe hier noch eine ältere Rezension dazu.

Und noch ein kleiner Vorgeschmack zum Film:

Ich wünsche Poka und seinen Macher*innen und allen, die teilgenommen haben, dass sich diese Filmträger viral verbreiten!