Unterirdisch: das schwarze Huhn

Schnell, bevor die kalte Jahreszeit ganz entschwindet, noch ein winterliches Sujet im Film.

Anfang der Achtziger entstand ein Märchenfilm nach einem bekannten russischen Kinderbuch: Die schwarze Henne oder das unterirdische Volk.

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Die Geschichte spielt um 1790, sie handelt von einem knapp zehnjährigen Jungen, Aljöscha, der in ein Internat geschickt wird, und sogar in den Ferien da bleiben muss, weil seine Familie zu weit weg wohnt.
Er füttert die Hühner und ihm wächst ein besonders zerzaustes schwarzes Hühnchen ans Herz. Als es geschlachtet werden soll, rettet Aljöscha ihm das Leben. In der folgenden Nacht erscheint ihm das Huhn im Traum und entführt ihn in eine unterirdische Welt, eine Paralellwelt sozusagen, in der Wesen leben, nicht größer sind als ein halbes Arschin (ca. 36 cm). Zumindest im Buch, im Film haben die Schauspieler alle die normale Menschengröße. Der König der Unterirdischen bedankt sich für die Rettung und gibt dem Jungen als Belohnung ein kleines Hanfkörnchen. Dieses bewirkt, dass Aljöscha ab jetzt jede Antwort im Unterricht weiß und jeden Text auswendig kann, der jemals in einem Buch geschrieben wurde. Doch natürlich die Erfüllung dieses Wunsches an eine Bedingung geknüpft…

Das Schwarze Huhn, Film von 1980
Das Schwarze Huhn, Film von 1980

Einen kleinen Vorgeschmack darauf gibt es hier:

Der Film versetzt einen in die Zeit von Mozart und weißen gepuderten Perrücken. Aber anders als viele Historienfilme, ist die Welt, die Schule, in der Aljöscha und seine Mitschüler leben, schön durcheinander und unordentlich. Langsam erzählt und so realitätsgetreu, dass sich die Zuschauer wie Zeitreisende fühlen können. Außerdem kann der kleine Aljöscha mit seinen großen Augen gucken, dass einer ganz anders wird. Da kann der kleine Lord Fountleroy sich aber umgucken!

Es gibt auch eine Multfilm-Variante von 1975:

Bis zum Zerbersten poetisch.

Welchen Zusammenhang hat dieses Buch, hat dieser Film, abgesehen davon, dass sie in Russland zum Kulturgut gehören, zu meinen Themen? Weder ist der Autor ein Deutscher aus Russland, noch handelt das Buch davon.

Nein.

Aber.

Aleksej Perowskij, der unter dem Pseudonym Pogorelskij schrieb, hat 1813 im Krieg gegen Napoleon teilgenommen und kam so nach Dresden, wo er an die zwei Jahre lebte. In dieser Zeit hat er auch die deutschen Romantiker schätzen gelernt. Allen voran E.T.A. Hoffmann, der sein literarisches Werk und auch dieses phantastische Märchen beeinflusst hat. Also läuft meine Suche eher unter deutsche Spuren in Russland.

Eine weitere Spur: in der Erzählung taucht ein Lehrer auf, Iwan Karlowitsch, allem Anschein nach ein Deutscher, der ständig „Mein Gott“ vor sich her murmelt und mit einem pseudodeutschen Akzent redet. (So spricht er statt W immer ein superweiches F, in dem Sinne: Fass follen Sie von mir? Felche Folke fliegt vorüber. Kannten die Monty Python? Egal.) Der Schauspieler, der den Lehrer spielt, heißt Albert Leonidowitsch Filosov. Dem Vornamen nach könnte er theoretisch deutsche Wurzeln haben. Aber das wird in den Netzen nicht erwähnt. Wie so oft.

Der Autor war ursprünglich ein Beamter im Senat, bevor er sich nach dem Tod seines Vaters auf seinem ukrainischen Gut Pogorelskij (daher der Künstlername) zur Ruhe gesetzt hat. Ab da widmete er seine Zeit dem Schreiben und der Erziehung seines Neffen und Patensohns, mit dem er unter anderem 1827 Goethe besuchte.

Er schrieb Romane in der Tradition der Romantiker, wie „Der Doppelgänger“ aber erst das 1829 veröffentlichte Märchen vom schwarzen Huhn machte ihn bekannt. Er hat es übrigens für seinen kleinen Neffen geschrieben, der später auch ein Mann der Feder wurde. Der Junge war ein Graf Tolstoj, nein nicht Lew, sondern dessen Cousin, Aleksej Konstantinowitsch.

So wundert es nicht, dass der Protagonist auf den Namen Aljöscha hört. Aljöscha ist ein Kosename für Aleksej. Das ist der echte Vorname des Autors selbst und auch der seines Neffen.

Das schwarze Huhn ist das erste Buch in russischer Sprache, dass das Sujet der Kindheit so ausführlich behandelt und somit das allererste russische Kinderbuch überhaupt. Auf Deutsch ist die Geschichte „ Die kleine schwarze Henne“ als Nacherzählung von Sybil Gräfin Schönfeldt erschienen mit vielen Illustrationen von Gennadij Spirin, der sich als Illustrator vor allem auf Kinderbücher spezialisiert hat.

Überhaupt hat die Geschichte viele tolle Zeichner angeregt:

Illustration von Gennadij Spirin
Illustration von Gennadij Spirin
Illustration: Wiktor Piwowarow
Illustration: Wiktor Piwowarow
Auch Wiktor Piwowarow
Auch von Wiktor Piwowarow illustriert
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Ein Beitrag gestern und eine Ausstrahlung morgen

Wie leicht ist es, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen. Oder zu vertöchtern meinetwegen, oder noch besser zu verenkeln. Nur kurz erwähnen muss man sie, das ist wohl schon alles. Hingucken und freundlich nicken, dann hört sie auf, an deinem Hemd zu zerren und dir andauernd ein Bein zu stellen.

Und wie leicht ist es, aus einer beleidigten Defensive herauszukommen. Noch vor einer Woche war mein Tenor: ihr wollt ja eh nichts über uns Russlanddeutsche wissen, ignoriert uns, wie man ärmliche Verwandte in abgerissenen Kleidern übersieht. Und wenn ihr über uns berichtet, dass so tief aus der Vorurteile-Schublade, so sehr unter der Gürtellinie, dass ich zwei Tage lang herumlaufe und haspelnd Luft hole und nah am Herzkasperl bin, wegen der Ignoranz seitens der Medien.

Doch an diesem Wochenende, ausgerechnet am 27. August, am Vorabend des 75. Jahrestages der Vertreibung der Wolgadeutschen aus ihren Siedlungsgebieten nach Sibirien, in die kasachische Steppe und andere unwirtliche Gebiete, ausgerechnet da kommt ein Beitrag im Fernsehen zu diesem Thema. Kurz, sachlich, informativ. Die ARD-Tagesthemen haben über diesen Jahrestag gestern um kurz vor Mitternacht berichtet. Ohne Seitenhiebe auf Demonstrationen zum Lisa-Fall. Ohne zu erwähnen, dass Russlanddeutsche sich schlecht integrieren, kein Deutsch sprechen und eh nur den russischen Boulevardmedien glauben schenken. Und auch ohne die AfD zu nennen, die es bei ihrem Wahlkampf auf Russlanddeutsche abgesehen hat. Oder sollte ich sagen Wahlfang?

Nein. Es war gut. Sachliche Berichterstattung zu einem (für uns allemal!) relevanten Thema.

Und morgen, also auch zeitnah mit diesem unheilvollen Datum, wird endlich der Film im ZDF ausgestrahlt, den ich bereits früher das Vergnügen hatte, zu sehen: POKA – heißt Tschüss auf Russisch. Unter der Regie von Anna Hoffmann ist er bereits 2012 entstanden und wurde bisher nur auf Festivals oder in wenigen öffentlichen Vorführungen gezeigt.

Gut. Die Uhrzeit ist unmenschlich. Für Frühaufsteher zumindest. Das kleine Fernsehspiel fängt erst nach Mitternacht an, aber danach ist er eine Woche in der Mediathek zu sehen und man kann ihn sich aufnehmen. Also will ich nicht meckern. Sondern Chips und Nüsschen bereitstellen.

Georg (Pasha Antonov) und Lena (Natalia Belitski) sind ein glückliches Brautpaar. Weiterer Text über ots und www.presseportal.de/nr/7840 / Die Verwendung dieses Bildes ist für redaktionelle Zwecke honorarfrei. Veröffentlichung bitte unter Quellenangabe: "obs/ZDF/Andreas Höfer"
Noch sind Georg (Pasha Antonov) und Lena (Natalia Belitski) ein glückliches Brautpaar. obs/ZDF/Andreas Höfer  / © Jolle-Film

Hier ist noch mal der Trailer zu dem Film, ich hatte vor längerer Zeit eine Rezension darüber geschrieben. Und ab Dienstag will ich noch den Link zur Mediathek einstellen, wo er bis zum 6. September online zu sehen sein wird. Bin gespannt auf die Reaktionen! Und hier ein Interview mit der Regisseurin Anna Hoffmann auf DeutschlandRadio Kultur.

Heute sind an einigen Orten in Russland und in Deutschland Gedenkfeiern anberaumt, zum Beispiel auf einem Friedhof in Berlin Marzahn, wo ein Denkmal steht, errichtet für die Deutschen, die unter Stalin gelitten haben.

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Der 28. August letztes Jahr in Berlin Marzahn

In NRW gibt es sicherlich auch Feierlichkeiten dazu mit Musik, Kranzniederlegung und feierlichen Reden, wie es sich gehört. Und auch gestern wurden Kerzen angezündet und Lieder gesungen. In Hamburg und anderswo.

In Russland sind solche Veranstaltungen nicht mehr verboten und auch das ist doch ein gutes Zeichen.

Spruch der Woche – Chillen 1925

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© Modern Records Centre Warwick UK

 

Eine sowjetische Gartenkolonie Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Der Eingangsspruch lautet:
Wer nicht fähig ist zu entspannen, ist auch nicht fähig zu arbeiten.

Das ist doch eine Weisheit, die noch genau so ihre Gültigkeit besitzt wie noch vor 90 Jahren.
Man beachte das schöne A mit dem neckischen Dreieck als Querstrich. Das nenne ich Avantgarde!
Die Buchstaben dahinter: OMS=öffentliche Gärten Moskaus?
Also Datschen für das Proletariat, denn die höheren Mitglieder der kommunistischen Organe hatten wohl ganz andere Sommerhäuschen zur Verfügung.

Wie dem auch sei.

Der Mann rechts unten im Bild raucht sich erst mal eine, dann zieht er sich mit seiner Prawda gepflegt in eins der Holzhäuser zurück.

Gefunden habe ich dieses Foto übrigens in einem britischen Online-Archiv. In den Zwanziger Jahren hat ein linker Aktivist in England Vorträge über die bolschewistische Bewegung gehalten und beachtliches Bildmaterial dafür zusammengestellt:

http://www2.warwick.ac.uk/services/library/mrc/explorefurther/digital/sara/russia1925/

Deckname Ramsay

Er war der Spion, der den zweiten Weltkrieg hätte verhindern können. In der Russischen Föderation ehrt man ihn mit Denkmälern und benennt Straßen nach ihm. Hier ist er fast völlig in der Verdeckung verschwunden: Dr. Richard Sorge, Stalins Spion in Tokio.

R_SorgeEs gibt eine Richard-Sorge-Straße in Berlin, ganz in der Nähe der Karl-Marx-Allee. Ein kleines Programmkino befindet sich dort. Aber es ist fraglich, ob da jemals ein Film über diesen Spion und ausgezeichneten Journalisten, diesen Querkopf und Frauenhelden gelaufen ist. Die Sache mit Sorge ist in unserem Land eher unbekannt.

Ab 1961 bleiben die Tilsiter Lichtspiele, so heißt das kleine Programmkino sogar für mehrere Jahrzehnte geschlossen. Genau in diesem Jahr erschien der Streifen: Qui etes vous, Monsieur Sorge? des französischen Regisseurs Yves Ciampi mit Mario Adorf in der Rolle des Max Clausen, eines der Mitarbeiter des Tokioter Spionagerings. Damals wurde die Straße noch als Tilsiter Straße geführt.

Dieser Film Noir war es aber, der den damaligen Vorsitzenden Nikita Chrustschew 1964 auf diese schillernde und historisch so bedeutende Persönlichkeit aufmerksam gemacht hat, er rief nach der geschlossenen Ausstrahlung vor einem illustren Kreis der KP sogar aus: Aber, Leute, das war doch ein Held!

Seit dem wird Sorge in der Sowjetunion mit anderen Augen gesehen. In den letzten Jahrzehnten wurden nicht nur Straßen nach ihm benannt, sogar diverse Denkmäler für diesen spät erkannten Helden der Sowjetunion werden einer nach dem anderen eingeweiht.

Dabei reicht die Persönlichkeit und das Leben Sorges für mindestens 5 Blockbuster:

Er war der erste Europäer, der in Japan hingerichtet wurde.
Er war Sohn einer Russin und eines Deutschen, geboren in Baku, aufgewachsen in Berlin.
Er war Kommunist, als Soldat im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite verwundet. Im Lazarett mit den Lehren Marx‘ und Engels‘ in Berührung gekommen. Dort wurde er radikalisiert, wie man heute so schön sagt.
Er ging nach Moskau, wurde Mitglied des Komintern und glühender Atheist.
Er baute in Tokio einen Spionagering auf.
Er war bester deutscher Journalist des Jahres 1941.
Er war Vertrauter des Botschafters in Tokio.
Er war ein starker Raucher und Trinker, fuhr wie ein Berserker Motorrad und Automobil. Ein Arbeitstier.
Er war ein Draufgänger und Casanova und hat sich nie den Mund verbieten lassen.
Er war Doppelagent. Für Russland und für Deutschland, aber für die Deutschen nur zum Schein, um an strategische Informationen zu kommen.
Er war derjenige, der den Genossen Stalin 1940 davor gewarnt hat, dass Hitler die Sowjetunion angreifen wird.

Leider hat Stalin eher an den Nichtangriffspakt geglaubt als seinem Abgesandten in Tokio. Das war ein folgereicher Fehler und deshalb musste Sorge, als unliebsamer Zeuge des Stalinschen Unvermögens, 1944 sterben.

Sorges Presseausweis
Sorges Presseausweis gültig bis 1946, da war sein Inhaber schon tot.

Die Japaner wollten ihn gegen einen japanischen Agenten austauschen, aber Stalin hat geantwortet: Sorge? Kennen wir nicht. Es gibt keinen Genossen dieses Namens in der Sowjetunion.

Und damit war sein Ende besiegelt.

Schon Ende der Dreißiger war Stalin dieser Geheimdienstmitarbeiter in Tokio ein Dorn im Auge. Viele der anderen Agenten, die in Moskau geblieben sind, wurden im Zuge der großßen Terror-Säuberungen liquidiert. Auch Sorge hat die Weisung erhalten, in die Hauptstadt zurückzukehren. Aber er antwortete frech, er hätte zu viel zu tun, wäre unabkömmlich. Eine Antwort, die den Generalissimus in Rage versetzt haben mag.

Anfang der Vierziger befindet sich Japan in einer regelrechten Spionage-Paranoia. Filme und Berichte heizen das Misstrauen weiter an. In den Schaufenstern hängen Portraits von vermeintlichen Agenten mit europäischem Aussehen. Trotz dieser Stimmung war Richard Sorge recht rege und erfolgreich, er hat ein eigenes Kodierungssystem entwickelt. Als Schlüssel benutzte er das STATISTISCHE JAHRBUCH für das Dritte Reich von 1935. Damit konnte er die Chiffrierung bis in die Unendlichkeit variieren. Die sensiblen Informationen wurden auf Mikrofilm aufgenommen. Bis zu einem winzigen Punkt reduziert, konnten sie nun auf einfache Briefe geklebt werden. Als Interpunktionszeichen.

Doch Sorge hat nicht nur bloße Informationen weitergegeben, wie von ihm verlangt wurde, sondern sie ausgewertet und seine Analyse der Lage mitgeliefert, das hat Stalin auch nicht besonders gefallen.

Seine zweite wichtige Botschaft, dass die japanischen Truppen nicht vorhatten, Russland von Osten aus anzugreifen, wurde im Kreml ernst genommen und führte dazu, dass die rote Armee sich auf die Westfront konzentrieren konnte. Was den Verlauf des Krieges erheblich beeinflusst hat.

Dokumentationen über Sorge gibt es einige (viele in russischer und eine sehr kurze in deutscher Sprache) und auch weitere Filme, zum Beispiel die deutsch-japanische Produktion Ein Spion aus Leidenschaft von 2003/2003 des Regisseurs Masahiro Shinoda, die hierzulande genauso sang und klanglos in den Wogen der Geschichte verschwunden ist wie ihr Protagonist.

Was schade ist, ich würde diesen Film gern selbst und in längerer Version als der eines Trailers sehen. Die DVD ist leider vergriffen und lediglich für einen Preis von 66,- Euro online zu erwerben. Der Schotte Ian Glenn verkörpert hier den Meisterspion und Ulrich Mühe ist in der Rolle des Botschafters Ott zu sehen.

Die Meinung eines amerikanischen online-Kritikers zu diesem Film:

Dieser historische Film ist eher politisch als historisch motiviert. Weil es an ein deutsches Publikum adressiert ist, überschattet seine anti-kommunistische Botschaft Dr. Sorges Spionage-Erfolge, seine Warnung an Stalin, dass Nazi-Deutschland die Sowjetunion am 20. Juni 1940 attackieren würde, und dass Japan die Sowjetunion in der Mandschurei nicht angreifen würde, sondern seine Streitkräfte auf Pearl Harbor richten würde, scheint den Regisseur Masahiro Shinoda wenig zu interessieren. Es wäre spannend zu wissen, wie die deutschen Zuschauer auf die Botschaft dieses Films reagiert hätten, in dem ein Mann der Hitlers Niederlage im Osten beteiligt war, das nur getan hat weil er ein verwirrter Idealist gewesen ist.

Der Trailer, auf japanisch mit englischen Untertiteln, wirkt denn auch sehr militaristisch und Japan-zentristisch…:

https://www.youtube.com/watch?v=YLctuvKRK9Y

Das Buch des britischen Journalisten Robert Whymant ‚Richard Sorge: Der Mann mit den drei Gesichtern‘ von 1999 kann dagegen neu oder antiquarisch erworben werden und gehört sogar zu den Bild-Bestsellern. Was immer das heißen mag. Ich bin gespannt ob auch das politisch gefärbt ist und in welche Richtung…

Außerdem ist 2008 im Carlsen Verlag eine wundervolle Graphic Novel erschienen, entwickelt und gezeichnet von der in Hamburg lebenden Künstlerin Isabel Kreitz: Die Sache mit Sorge – Stalins Spion in Tokio

Da erzählt sie die Geschichte Richard Sorges aus der Sicht von mehreren Zeitgenossen, seinem Vertrauten Max Clausen, seiner Geliebten, der der Pianistin Eta Margarethe Harich-Schneider und einigen anderen Mitstreitern oder Gegenspielern des Spions. Komprimiert auf einige wenige Monate vor seiner Verhaftung. So entsteht ein facettenreiches Bild, und die Geschichte kristallisiert sich nach und nach heraus.

Vom Fischkorb im Hafen, die Oberleitungen und alten Straßen, die Gebäude und ihre Inneneinrichtung oder auch die Kleidung der Menschen, egal ob auf den Straßen der Kaiserstadt oder in den Botschaftsräumen – alles wirkt authentisch und scheint einen förmlich zurück ins Tokio der frühen 40iger Jahre zu führen.

Hier ein Trailer zur Graphic Novel Die Sache mit Sorge auf youtube

Cover Sache_Sorge

Der blogger comicneurotiker dazu (comicneurotiker.blogger.de):

‚…die Thomas-Mann-Verehrerin Kreitz (…) erforscht die Luxus-Enklave der deutschen Botschaft in Tokio und zeichnet sie als eine Art Nazi-„Zauberberg“. Dessen hell- bis dunkelbraune Herren befassen sich – fern von Berlin – lieber mit Klatsch und Konzerten als mit Krieg und Politik. Als Spötter und Spion irrlichtert Richard Sorge am Rande dieser Welt herum. Seiner Romanze mit der zur Botschafts-Menagerie gehörigen Musikerin Eta Harich-Schneider räumt Kreitz dabei ebenso viel Raum ein wie seiner Agententätigkeit.

Kreitz‘ Hirohito-Tokio und all seine Bewohner wirken auf den ersten Blick fast fotorealistisch, stecken aber voll fiebrig flirrender Schraffuren – so wie Historie großenteils aus trügerischen Erinnerungen besteht. Ebenso fügt sich aus den Schilderungen der Zeitzeugen bis zuletzt kein klares Bild des Reporters, Idealisten, Säufers und Schürzenjägers Richard Sorge zusammen: Jeder Beteiligte erzählt nur seine Geschichte.‘

Ein Detail erwähnt Isabel Kreitz in ihrem Buch knapp auf den letzten Seiten, wo Sorges Kurzbiografie und einige Zeilen über die anderen Beteiligten und deren weiteres Leben stehen, eine Sache, die in einem Hollywoodstreifen viel mehr ausgereizt werden würde:

Fünf Jahre nach seinem Tod erreicht Sorges letzte japanische Geliebte Hanako Ishii, dass seine Überreste aus einem Massengrab in eine eigene Grabstätte überführt werden können. Sie hat sein Skelett an den für einen Europäer typischen riesigen Schuhen und einigen anderen Details, wie der Uhr und den Goldkronen erkannt. Aus den letzteren lässt sie sich einen Ring als Erinnerungsstück machen. Hanako überlebt ihren deutsch-russischer Geliebten um 56 Jahre. Sie hat nie geheiratet oder Kinder bekommen und starb in Tokio im Jahre 2000.

Also wenn neben dem Spionagethriller nicht noch mindestens eine glühende Liebesgeschichte darin verborgen ist, dann weiß ich auch nicht. Leider hat Hollywood nie wirkliches Interesse an diesem Stoff gezeigt.

Die Gründe für die mangelnde Anteilnahme an diesem für den Verlauf des Krieges so wichtigen Agenten lassen sich einfach subsummieren: er war Kommunist. Er stand auf der anderen Seite. Und er war ein Hybrid, weder russisch noch deutsch. Beziehungsweise ein Deutscher mit russischen Wurzeln, der Sache der Bolschewisten verschrieben. Ein Held mit falschem Vorzeichen. Die Russen mögen über seine nationale Zugehörigkeit mittlerweile großzügig hinwegsehen. Aber die USA und Deutschland können nicht so locker mit seiner politischen Einstellung Umgehen. Also Schwamm drüber.

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Held der Sowjetunion – Marke von 1965

1951, in der Ära McCarthys, wurde die Angelegenheit Richard Sorge übrigens im Kongress der USA behandelt, er stand posthum unter dem Vorwurf, er habe die Japaner dahin beeinflusst, die Sowjetunion nicht anzugreifen, sondern statt dessen den Angriff auf Pearl Harbour zu führen.

Die Rezeption des Films von 1961 war in der BRD jedenfalls eher dürftig.

Ein Kommentar im Spiegel: Da die Autoren sich zwischen Fiktion und Dokumentation nicht entscheiden konnten, fehlt ihrem Produkt sowohl die Dramaturgie als auch die Authentizität. Oberste tragen Generalsbiesen, BDMMaiden das Goldene Parteiabzeichen, und das Milieu ist auch nicht glaubwürdiger. Das echteste sind die weiten Hosen von Sorges Funker (Mario Adorf).

Die geschichtliche Aufarbeitung war 16 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wohl noch nicht so weit gediegen. Oder der Film kommt wirklich so unentschlossen daher. Zugegeben, die Kostüme scheinen aus dem Jahre 1955 zu stammen, waren eher der Mode der echten Drehzeit angepasst als genau recherchiert. Aber das sind doch nur Randerscheinungen. Über den Inhalt, nada.

Aber sind wir nicht inzwischen entspannt genug, um geschichtliche Ereignisse über ideologische und nationale Grenzen hinweg zu betrachten? Wie wärs mit einer filmischen russisch-japanisch-deutschen Neuauflage dieses Falls? Ohne Hollywood.

Dann hätte die Sache Dr. Sorge doch noch die Chance in den Tilsiter Lichtspielen in der Richard-Sorge-Straße zu laufen. Und das wäre doch eine Reise nach Berlin wert!

Doppeltes Filmfeuerwerk

Als würden sie miteinander konkurrieren, laufen fast zeitgleich Ende November zwei Filmfeste mit russischen Filmen in zwei Städten: Das 5. russisch-deutsche Filmforum in Hamburg und die russische Filmwoche in Berlin, diese schon zum elften Mal.

Das Berliner Ereignis wird gesponsert von einer namhaften russischen Energiefirma (jedenfalls wird das Unternehmen auf der Website relativ oft erwähnt, muss wohl sein Image bei uns verbessern) und bespielt gleich mehrere Austragungsorte. Eröffnet wird das Filmfest in der Hauptstadt paukenschlagartig mit dem Kriegsdrama Schlacht um Sewastopol am 25. November.

In der Hansestadt ist das Event unter dem Titel Kinohafen im Metropoliskino etwas komprimierter gehalten, jedoch mit ebenso aktuellen und packenden Filmen. In Berlin  laufen zumeist Produktionen aus den Jahren 2015 und 2014. Der einzig ältere Film Luna Papa, aber er wird außer Konkurrenz als Rahmenprogramm am letzten Tag, dem 2. Dezember gezeigt. In Hamburg dagegen können sich Liebhaber des russischen Films mehrere ältere Streifen ansehen, wie zum Beispiel das musikalische Melodram Feuerpferde von 1964 oder Die Farbe des Granatapfels von Sergej Paradschanow aus dem Jahr 1968.

Zwei Filme werden auf beiden Festen gezeigt: Orleans, eine bunt- trashige Tragikommödie des Regisseurs Andrej Proschkin und  der kontrovers diskutierte Film Liebster Hans, bester Pjotr von Alexander Minadndse, der während der Hamburger Filmfestspiele im September seine Deutschlandpremiere feierte und den ich bereits früher hier vorgestellt habe. Jeweils ein Tag wird bei beiden Veranstaltungen für Kurzfilme reserviert.

Aber sehen Sie selbst!

Für alle, die in der einen oder der anderen Stadt sein werden oder Filmwochenhopping machen wollen, hier die beiden Links:

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http://www.hamburger-kinoforum.de/

 

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http://www.russische-filmwoche.de/

Alle gezeigten Filme und Informationen werden auf deutsch und russisch vorgestellt.

Poka – in Berlin

Kurzmeldung: Der Film ‚POKA –  heißt Tschüss auf Russisch‘ wird am 3. November 2015 im CineStar in Berlin (Potsdammer Straße 4) aufgeführt. Einlass ist um 15.30, Beginn um 16.00 Uhr.

Interessenten bitte anmelden unter: filmvorfuehrung_poka@giz.de

Die Vorführung ist kostenfrei.

Hier ist noch ein Interview mit der Regisseurin, wo sie über Identität, das Leben in zwei Welten und nicht zuletzt über ihren Film spricht. So wie ich es verstehe, wird er noch in diesem Herbst auf ZDF ausgestrahlt. Hoffentlich nicht zu unmenschlichen Zeiten…

http://medienblick-bonn.de/durchblick/die-unterschiedlichkeit-der-menschen-respektierten-ein-gespraech-mit-der-filmemacherin-anna-hoffmann

Starttermin unbekannt: Poka – heißt Tschüss auf Russisch

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Eine weite Reise steht Lena noch bevor © Jolle Film

Wieder eine russisch-deutsche Liebesgeschichte im Film. August 1989 – Georg, ein in Kasachstan lebender deutscher Lehrer, verbringt seinen Ernte-Einsatz in einer kasachischen Sowchose. Dort begegnet er Lena, der Tochter von Paschkin, dem Direktor dieser Sowchose. Als Komsomolzin und Kind eines hohen Kaders wurde sie ebenfalls dazu verdonnert, den Sommer über dort zu arbeiten, unfreiwillig, sie will sich eigentlich nicht mit diesen Landeiern abgeben. Doch wie es so oft kommt, die beiden verlieben sich trotz allem ineinander und treffen sich heimlich. Ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt, als Georgs Familie einen Aufnahmebescheid in die BRD bekommt und Lena merkt, dass sie ein Kind erwartet.

Mit „Poka – heißt Tschüss auf Russisch“ ist Anna Hoffmann ein wundervoller Film über Aussiedler gelungen. Er beginnt in Kasachstan und wechselt in eine schwäbische Turnhalle, die in ein provisorisches Aufnahmelager umfunktioniert ist. Mit Duschkontainern auf dem Schulhof. Jeder, der eine ähnliche Reise durchgemacht hat, wird vieles wiedererkennen. Die staubigen Pisten der kasachischen Steppe mit den großäugigen, rundkurvigen LKWs ebenso wie die ersten Schritte in dem neuen Land, wo vieles befremdlich ist und beileibe nicht den überzogenen Vorstellungen entspricht, die man vorher davon hatte.

Bald fangen wir richtig an zu leben“, sagt Georg zu seinem Bruder Mischa kurz vor der Ausreise, „aber die beschissene Steppe wird mir fehlen.“

Es gibt eine wunderschöne Überleitung von Ost nach West. Statt das Gewühl auf dem Flughafen nachzuerzählen, blendet die Kamera von einem Kühlschrankinneren in Kasachstan mit Reihen von selbstgemachten Pelmeni zu dem grellbunten Inhalt eines Geräts in der Notunterkunft, wo unzählige Packungen übereinandergestapelt sind.

Überhaupt ist der Film voll mit feinen Beobachtungen von Menschen, wie sie reden und wie sie sich aufeinander beziehen. Die Spannungen zwischen den frisch verheirateten Paaren sind ebenso minutiös gezeichnet wie die Blicke und Wortwechsel zwischen dem Vorsitzenden der Sowchose Sergej Paschkin und dem deutschen Familienoberhaupt Alexander Weber. Die beiden Väter werden dargestellt von den in Russland bekannten Schaupielern Gennadi Vengerov, der leider dieses Jahr verstorben ist und Jurij Rosstalnyj, der bei uns schon mal in einem Tatort zu sehen ist – als fieser Schurke der Russenmaffia.

Georg Weber ist Lehrer für Physik und Sport und wie bei so vielen werden seine Diplome in Deutschland nicht anerkannt und er muss in einer Fabrik anfangen, wo er ausgestanzte Metallreste wegfegt. Doch er lässt sich nicht entmutigen.

Hauptdarsteller Pasha Antonov, der derzeit in Hamburg beim Musical „Das Wunder von Bern“ zu sehen ist, überzeugt als Wandler zwischen den Welten ebenso wie Natalia Belitzki als Lena, die bereits als siebenjährige nach Deutschland kam und in vielen Film- Fernseh- und Theaterproduktionen auch ohne Akzent auftritt. Die Bilingualität aller Darsteller verleiht diesem Epos übrigens genau die richtige authentische Note, die viele Filme zum Thema Russland vermissen lassen. Hier aber wechseln die Darsteller je nach Situation oder Land locker vom Russischen ins oft holprige Deutsche – mit den damit verbundenen Verwicklungen und Komplikationen.

Die Nebenrollen sind bis zu den Statisten stark besetzt, eine gelungene Mischung aus Profis und Laiendarstellern. So wird zum Beispiel Georgs Bruder Mischa von Thomas Papst gespielt, der im Film so herrlich bedröppelt gucken kann und im echten Leben als Singer-Songwriter in Berlin lebt und einige Stücke zu dem Soundtrack beigesteuert hat. So zum Beispiel das Lied “Ветер степей“ (Steppenwind), das im im Aufrag der Regisseurin für diesen Film geschrieben wurde und im Abspann zu hören ist:

„Poka- heißt Tschüss auf Russisch“,  entstanden in Koproduktion mit dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF, stand bereits bei zahlreichen Festivals im Wettbewerb (so beim 35. Filmfest Max Ophüls Preis 2014 und dem 24. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern 2014 und beim Film Festival Cottbus 2014 ) und hat in Mecklenburg-Vorpommern den Förderpreis der DEFA-Stiftung und in Cottbus den Preis als Bester Jugendfilm gewonnen (dieser Preis wurde übrigens von einer deutsch-polnischen Jugendjury vergeben). Außerdem war er für den Prix Europa 2014 nominiert.

Um so erstaunlicher ist es, dass er für die breiten Massen weder im Fernsehen noch im Kino zu sehen ist. Dabei zeigt er einen wichtigen Teil der Geschichte von russlanddeutschen Übersiedlern und könnte, packend und identitätsstiftend wie er ist, durchaus zum Kultfilm avancieren. Könnte, würde, sollte. Ich schreibe im Konjunktiv. Dabei wünsche ich diesem Film und uns allen, dass er in nächster Zukunft einen Verleih und einen Sendeplatz (nein gleich mehrere Sendeplätze) findet. Und dass ich in der Zukunftsform folgendes über ihn berichten kann:

Der Film ‚Poka…‘, einer der ersten ernstzunehmenden Streifen über die Aussiedlerwellen der Neunziger Jahre, wird dann und dann auf ZDF und ARTE ausgestrahlt, er kommt dann und dann in die Kinos und so und so viele haben ihn gesehen und waren begeistert!

Ich verspreche, sobald ich die Ausstrahlungstermine für Kino oder Fernsehen erfahre, gebe ich sie hier und auf der Facebookseite von ‚Scherben sammeln‘ bekannt.

Als kleiner Vorgeschmack hier schon mal der Trailer:

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© Jolle Film

Poka – heißt Tschüss auf Russisch, (Deutschland, Kasachstan 2014),

Regie: Anna Hoffmann

Darsteller: Pavlo Pasha Antonov, Natalia Belitski, Gennadi Vengerov, Jurij Rosstalnyj, Thomas Papst, Regina Kletinitch, Patrick von Blume uvm.

Starttemin: unbekannt