Die Kirche im Dorf gelassen – eine fotografische Zeitreise

Wenn da einer ist, der im digitalen Zeitalter mit einer alten Plattenkamera hantiert und ausschließlich mit Nassplattentechnik arbeitet, ist das schon retro. Wenn er damit auch noch Gebäude ablichtet, die seit Jahrzehnten lediglich als Relikte einer verlorenen Welt existieren, so wie die ehemaligen deutsche Kirchen an der Wolga, dann ist es wohl retro hoch zwei. Aber es passt.

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kaum zu glauben, aber das ist eine Aufnahme von 2012

Der Fotograf Artjom Uffelmann ist vor zwei Jahren zu einer Reise in die Vergangenheit aufgebrochen und ist mit rund zwei Dutzend belichteten Glasplatten von Kirchen aus der Wolgaregion zurückgekommen. Sein Projekt nennt er „Vergessene Zivilisation“. Denn zum Teil existieren die Dörfer nicht mehr, in den ehemaligen Kirchen wird weder jemand gesegnet noch getraut noch konfirmiert. Gras wächst zwischen den Steinplatten und durch die halbverfallenen Wände streift der Wind. Die sakralen Gebäude, die er vorfindet, sind längst Ruinen. Sie wurden nach 1941, nachdem die dort lebenden Deutschen in entlegene Gegenden zwangsumgesiedelt wurden, zunächst als Viehunterstand oder Dorfklub genutzt. Heute stehen nur noch ihre Überreste.

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Das Verfahren mit dem Uffelmann arbeitet, heißt Ambrotypie und war von 1850 bis 1890 der letzte Schrei in der Fotografie. Es ist ein Direktpositiv-Verfahren: eine Kolidiumschicht wird auf eine Glasplatte aufgetragen und in einer Plattenkamera direkt belichtet und danach sofort entwickelt. Anfangs ist die Glasplatte ein Negativ und nur durch das Auflegen auf eine schwarzlackierte Platte oder schwarzen Samt wird das Bild in ein positiv wahrgenommenes umgewandelt. Uffelmann benutzt lackierte Aluminuimplatten, auf die er das Glas legt, um diesen Effekt zu erzielen. Die so entstandenen Scheinpositive bleiben so und werden nicht vervielfältigt. Es gibt keinen Film als Zwischenmedium und jede Platte ist ein Unikat. Sie kann also weder bearbeitet noch manipuliert werden.

Genau das ist es, was ihn an dieser Technik reizt, dass man nicht mogeln kann. Es ist empfindlicher Prozess. Sekunden und Chemikalien müssen genaustens aufeinander abgestimmt sein, jeder Handgriff muss sitzen. „Du legst dein gesamtes Können, dein Wollen, deine ganze Liebe hinein“, sagt Uffelmann. Der Reisebus, mit dem er unterwegs ist, kann in Windeseile in ein mobiles Fotolabor umgewandelt werden.

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Ambrotypie kommt übrigens vom griechischen ambrotos, was unsterblich bedeutet. Ein sinnreiches Paradox mit einem unsterblichen Verfahren die Gebäude abzulichten, die für die Ewigkeit gebaut, jedoch nur wenige Generationen überdauert haben. Außerdem wurden viele der Kirchen genau zu der Zeit gebaut, als dieses Verfahren entstanden ist, um 1850.

Wenn er noch einmal zu einem ähnlichen Projekt nach Russland aufbrechen würde, dann nur mit mehr Zeit im Gepäck und der Assistenz eines Ortskundigen. Denn die Suche nach den Kirchen war ein waghalsiges Abenteuer. Die Karten, selbst militärische, die er sich in St Petersburg besorgt hatte, stimmten nicht mit den Gegebenheiten vor Ort überein und er musste zusehen, nachts mit dem Bus aus den Dörfern rauszukommen, weils sonst zu gefährlich geworden wäre.

Schon als Kind hat er seinem Vater beim Vergrößern von Fotos über die Schulter geschaut und so die Grundlagen der Fotoentwicklung gelernt. Mit 12 Jahren kam er Mitte der Neunziger nach Deutschland. Und fühlte sich, wie viele seiner Generation in der neuen Heimat zunächst fehl am Platz. Doch diese Reise in die Vergangenheit seiner Vorfahren hat Arjom Uffelmann verändert. Er sagt, er fühlt sich endlich angekommen und nicht mehr zwischen den Stühlen. Er hat sein Zuhause gefunden. In sich selbst.

Hier das Projekt auf youtube:

Und hier die Website von Artjom Uffelmann: www.photographische-anstalt.de

Übrigens, dieser Tage sind seine Bilder noch im Mannheimer Schloss zu sehen. Und zwar im Ausstellungsraum der Katakomben, also wer dort in der Gegend ist, im Original sind die Bilder sicher noch beeindruckender!

 

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Wostok-Zapad, eine Liebe in Russland

Der Film Восто́к – За́пад, oder auf französisch Est- Oest, wurde 1999 als eine französchisch-ukrainische-russisch-spanisch-bulgarische Produktion gedreht. Die Regie führte Régis Wargnier.

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Alexej versucht Marie zu bremsen.

Er weist so namhafte Schauspieler auf wie Oleg Menschikow (Олег Меньшиков), Sandrine Bonnaire (Сандрин Боннэр) und Catherine Deneuve (Катрин Денёв).

Der Plot spielt kurz nach dem WWII: Stalin ruft alle ins Ausland geflohenen Russen zurück ins Heimatland (es gibt sogar ein Wort dafür: Репатриант, Repatriant). Tausende folgen seinem Ruf. Doch statt eines proletarischen Paradieses empfängt sie der Geheimdienst und alle werden sofort verhört und dann als imperialistische Spione verschickt. So soll die französische Ehefrau (Сандрин Боннэр) des Arztes Alexej (Олег Меньшиков), auch verhaftet werden, doch er verbürgt sich für sie und, anders als die anderen, landen sie mit ihrem kleinen Sohn nicht im Lager sondern in einer Kommunalka in der Provinz.
Ihr französischer Pass wurde vom böswilligen KGB-Agenten zerstört und und somit die Aussicht auf eine Rückkehr zunichte gemacht. Doch Marie gibt nicht auf. Sie kämpft und mithilfe des jungen Sportschwimmers Sascha (Серге́й Бодро́в jr), der auch in der Kommunalka lebt und einer kommunistisch gesinnten Diva aus Paris (Катрин Денёв), bekommt sie die Chance, den eisernen Vorhang zu überwinden. Auch wenn es sie viele Jahre und einige Rückschläge kosten wird.

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Schwimmprofi Sascha ist Maries große Hoffnung

Man könnte sagen, die Kleidung der vierziger Jahre, dieses nostalgische Etwas, das Sandrine Bonnaire nonchalant trägt, ist in dem Film überbetont. Aber abgesehen davon, ist das Setting sehr realitätsgetreu, die Intrigen und Verräter der kommunalen Wohngemeinschaft, die Stumpfheit des stalinschen Behörden und die Tristesse der abblätternden Tapeten kommen sehr gut zur Geltung. Die Darstellung des Lebens im Lager wird uns zwar erspart. Aber ansonsten werden die Brutalität und Willkür des Regimes und die Mitläufermentalität schonungslos gezeigt.

Kein Wunder, denn der Drehbuchautor Rustam Ibragimbekov (viele kennen ihn als Autor von „Urga“) und der Filmemacher Sergei Bodrov sen. haben am Skript mitgewirkt. So kommt es, dass, obwohl die Bilder schön sind, obwohl die Geschichte leicht filmisch verklärt ist, der Film die stalinistische Zeit ohne verwestlichten Blick oder den Hauch von Sowjetpropaganda zeigt. Und spannend erzählt ist er allemal.

Ich denke, dieser Film ist ein wertvolles Stück Aufarbeitung und interassant für alle, die etwas von der Zeit damals spüren wollen. Auch die Sprachen Französisch und Russisch, die in dem Streifen gemischt werden, verleihen ihm ein Stück Authentizität.

Leider ist er nicht auf Amaz-duweißtschonwas oder anderen bekannten Plattformen erhältlich. Aber auf russischen Seiten kann man ihn runterladen.

Es gibt auch kritische Stimmen dazu:

„Wargnier, der bereits in Indochine die Kolo­ni­al­nost­algie mancher Franzosen zerpflückt hatte, insze­niert das Umkippen des Traums in den Alptraum genüßlich. Mit allen Mitteln des Melodrams klagt er die Diktatur an, zwischen den unschul­digen Haupt­fi­guren und den bösen Kommu­nisten bleibt wenig Platz für Grautöne. Der Beweis politisch-korrekter Gesinnung überwiegt allen Realismus“, schrieb Rüdiger Suchsland von Artechock e.V.

Und noch ein Detail: der in Russland sehr bekannte Mime Oleg Menschikow hat 1982 in dem Fernsehzweiteiler „Das Pokrowski-Tor“ („Покровские ворота“) einen jungen Mann in einem ähnlichen Setting gespielt. Also ohne Stalin-Kritik und Franzosen aber sonst war alles da, die Komunalwohnung und die Fünfziger-Jahre. Bloß ganz volksnah, unkritisch naiv und nostalgisch verklärt. Eine Art Doris Day Szenario für Russen. Bewohner der Komunalwohnung als Gutmenschen mit Liebesproblemen. Was für ein Kontrast!

Nemez der Film out now

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NEMEZ ist ab sofort online auf iTunes, Amazon und Co. erhältlich!Und ich wollte mich schon darüber aufregen, dass solche Spartenfilme nirgendwo zu sehen sind und man Aussiedler-Themen eh untern Tisch fallen lässt. Aber nein.

Hier gibt’s die Übersicht der Plattformen:
http://nemez-film.de/VoD.html

Oriannes Fund

Da ist eine Frau. Orianne. Sie geht auf den Flohmarkt und findet Alben mit alten Schwarzweißfotos, die deutsche Wehrmachtsangehörige in den Jahren 1941 bis 1943 größtensteils an der Ostfront gemacht haben. Viele sind in der Ukraine oder in Ostpolen aufgenommen worden. Sie digitalisiert sie und fängt an, sie am Computer zu kolorieren. Sie stellt die Bilder für alle einsehbar auf einer Geschichts-Webpage zur Verfügung. Unzählige Bilder sind es, so kommts mir vor.

1941 Ostfront Russland

Menschen vor Holzhäusern. Frauen mit Kopftuch, die Männer in ihren langen Hemden. Furashki, oder wie heißen sie noch mal, diese typischen Schirmmützen?

Bauernmädchen in bestickter Schürze, barfuß. Ganz viele einfach barfuß. Auch im Winter. Manchmal sehen sie westlicher, weniger russisch oder ukrainisch aus. Männer, die in einer Schlange stehen neben einem Lastwagen. Männer im Unterhemd beim Kartoffelschälen, im Hintergrund ein Akordionspieler. Dann welche mit Aluminiumschüsseln in der Hand. Essensausgabe? Sind es  deutsche Soldaten, doch was machen die Kinder dazwischen, mit Hosenträgern, neugierig. Diese Bilder lösen bei mir viele Fragen aus. Jedes einzelne erzählt eine Geschichte. Aufnahmen von entspannten Menschen, Kindern, die in die Kamera lächeln. Romakinder, polnische Dorfjungs, ukrainische Bauernkinder. Wenn man näher ranzoomt, ist die Kleidung zerschlissen, es gibt Löcher und fleckige Stellen.Wenn ich mich doch besser auskennen würde mit den Uniformen, wie die Menschen damals in Polen oder in Weißrussland ausgesehen haben. Bestimmt kann man anhand der Kleidung und der Details viel herauslesen.
Ich kann die Bilder einfach nur aufnehmen und mit vorstellen, wie es damals war. Abseits der Front. In den Pausen. In den ganz normalen alltäglichen Szenen, die es auch gegeben hat in jenen Jahren. Unheimlich finde ich diese Bilder und irgendwie tröstlich. So seltsam banal.

Vielleicht, wenn diese Bilder verbreitet werden, erkennt jemand wen darauf. Das wäre doch ein Hammer. Ein zufälliger Fund auf dem Flohmarkt und jemand siehts sich im Internet an und sagt, hey, das Foto das haben wir auch, das ist doch Edik.

Danke Orianne, dass du das mit uns teilst! Hier ist nur eine kleine sehr willkürliche Auswahl. Es war nicht das letzte Mal, dass ich deine Sammlung besucht habe!

Hier noch mal der Link: http://geschichte-wissen.de/blog/bilder-der-zivilbevoelkerung-an-der-ostfront-1941/

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1941 Polen

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1941 Ukraine
das ist unterschrieben mit: auf der Flucht
1941 Russische Bevölkerung tanzt
1941 Russland
1941 Russland September
was schreibt er da?
Russland 1941 Bahnhof
Bevölkerung, die am Bahnhof Nahrungsmittel eintauscht.
1941 Sologubowka St Petersburg Leningrad Russland
1941 bei Leningrad

1941 Ostfront Weissrussland

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Diese Kinder sehen aus, als wären sie unterwegs. Flucht?

In Tolstojs Schatten

Lew Tolstoj hätte heute Geburtstag gehabt. Seinen 186. Aber eigentlich möchte ich über seine Frau schreiben: Sofja Andrejewna Tolstaja, geb. Behrs.

Aber nicht weil sie deutscher Abstammung ist, auch wenn das in diesen blog passen würde. Sondern weil sie ihre große Begabung nicht ausleben konnte. Nicht in der Zeit und nicht mit diesem Mann. Obwohl oder vielleicht grade weil, er doch selbst Schriftsteller war. Und auch heute verschwindet sie völlig hinter dem Rücken ihres Tolstojs. Steht in seinem Schatten. Taucht nur am Rande in ihrer Rolle als keifende Chimäre auf.

Habe  vor einigen Wochen ihre Biografie gelesen und meine Aufzeichnungen von damals verlegt. Aber einiges weiß ich noch.

Übrigens gibt es da noch einen wundervollen Film über die beiden Eheleute: Ein russischer Sommer, von 2009, in den Hauptrollen Christopher Plummer und Hellen Mirren. Von Nichtrussen gedreht, dennoch sehenswert.

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Hellen Mirren in Ein russischer Sommer, von Michael Hoffmann

Sie war sehr begabt, viel jünger als ihr Mann und war über lange Zeit diejenige, die seine krakelige Schrift entziffert und ins Reine geschrieben hat, die für Struktur gesorgt hat in seinen Romanen wie im Haushalt. Alle zwei Jahre wurde sie schwanger. Viele Kinder hat sie verloren. Und sich am Ende von ihrem Mann, der der materiellen Welt und dem Reichtum den Rücken gekehrt hatte, anhören müssen, sie wäre darin verhaftet. Aber er hat ihr alle verlegerischen Geschäfte und alles was mit dem Haus und den Finanzen zu tun hatte, übertragen. Um frei zu sein, um sich nicht zu belasten. Ich weiß, er gehört für seine aufwieglerischen Gedanken geehrt. Aber ich finde es einfach bigott. Na gut, er hat sich bäurisch gekleidet, mit diesem Hamd und einem Strick. Und hat auch für sich selbst gekocht und hat so ärmlich gelebt, wie er gepredigt hat. Nur auf den Pudding, auf den mochte er nicht verzichten.

Zwei Romane und eine Briefsammlung sind von Sofia Andrejewna Tolstaja erschienen. Und die bereits erwähnte Biografie von Ursula Keller vor fünf Jahren.

Beim Lesen habe ich Bezüge geschaffen. Ahninnen von mir haben zeitgleich gelebt. Auf der russischen Seite könnte es sogar sein, im selben Ort. Teilweise zumindest. Denn dort, wo die Tolstojs ihr Sommerhaus hatten, in Samara, kam die Familie meines russischen Großvaters Nikolai her. Er wurde 1891 dort geboren. Und in dem Buch über Sofja Andrejewna, heißt es, genau in dem Jahr herrschte in Samara eine Hungersnot und die adeligen Tolstojs, insbesondere Sofja Andrejewna, haben ausgeholfen. Mit Lebensmitteln und damit, dass sie selbst angepackt haben, öffentliche Speisung für die Bedürftigen organisiert. Geld gesammelt, aber auch selbst gekocht. Über Wochen. Vielleicht gab es da eine Berührung? Aber über diesen Teil meiner Familie weiß ich so gut wie gar nichts. Wer weiß, ob sie nicht doch zum gehobenen Bürgertum gehört haben oder zum Kleinbürgertum, der später so heftig verfolgt wurde? Es heißt, bis auf meinen Großvater und seine Schwester sind alle an der Cholera gestorben, als die beiden Geschwister noch Kinder waren. Aber ich habe gelernt, solchen Familiengeschichten zu mißtrauen.

Doch auch ohne diesen Schnittpunkt in Zeit und Raum, ich habe verstanden, dass selbst eine gut erzogene, intelektuell ihrem Mann in nichts nachstehende Frau demselben Schicksal unterworfen sein kann wie eine ärmliche Bäuerin. Denn Lew Tolstoj, vielleicht in seinem „zurück zur Natur getrieben sein“, lehnte Schwangerschaftsverhütung strikt ab. Also hieß es für seine Frau schwanger werden, sechzehn Mal insgesamt, gebären, stillen, wickeln, wieder schwanger werden und dann am Grab der Kinder stehen. Von den dreizehn Kindern, die Sofia Andrejewna lebend geboren hatte, erreichten acht das Erwachsenleben. Und dazwischen die Arbeit am Werk ihres Mannes. Korrekturen, Verleger, Steit um Tantiemen. Gut diese Sorgen hatten meine Urgroßmütter und Großmütter nicht. Aber dass sie alle zwei Jahre ein Kind zur Welt brachten, war wohl die Norm damals. Und wenn es Lücken gibt in der Orgelpfeiffenreihe der Kinder, dann kann es nur bedeuten, dass ein Kind gestorben ist. Später haben sie nicht in Samara, sondern in der Nähe von Omsk gelebt. Und die Winter dort können sehr streng sein. Ich weiß von meiner Mama, dass ihre Mutter ihr noch nicht mal im Sommer erlaubt hatte, sockenfrei durch die Wiese zu laufen. Sie hatte so große Angst vor Erkältungskrankheiten. Meine Mutter war das Nesthäkchen, das einzige Mädchen nach vier Brüdern. Sprich, das einzige Mädchen, dass überlebt hat. Auf einem Foto, das meine Mutter als junges Mädchen zeigt und die Großmutter mit Tuch an ihrer Seite, hält Oma Vera sie fest umklammert und schaut stolz in die Kamera, von wegen, seht, ich habe es geschafft, dieses Kind hat es geschafft, es hat überlebt.

Ich musste selbst im Sommer mit Strumpfhosen rumlaufen, egal wie weit im Schrank ich sie versteckt habe. Und meine Tochter ist von allen Kindern das am wärmsten angezogene. Wenn ich am Schulhof bin, laufen alle im T-Shirt und sie hat ihre Jacke an. Weil Mama, also ich, es gesagt hat. Es setzt sich fort.

Und ich bin erstaunt, dass ich den Bogen über mehr als 150 Jahre von Lew Tolstoj bis zu Strumpfhosen im Sommer spannen kann. Nun denn.

 

Der Trailer:

 

Die Eugenisierung schreitet voran!

Dass junge Aussiedler oft einen neuen eingedeutschten Namen verpasst kriegen, ist ja hinlänglich bekannt. Aus Aljöna wird Helena, aus Vitalij wird Walter und aus Sergej Sigfried oder Sigismund. Und aus dem in Russland allseits beliebten und sehr schnittigen Namen Jewgenij oder Shenja wird, na?  Eugen!

Dieses Phänomen hat ein junger Fotograf aus Berlin zum Anlass genommen ein sehr spannendes Projekt zu realisieren. Er heißt selbst Eugen, Eugen Litwinow.

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mehr unter: http://www.mein-name-ist-eugen.com

 

In seinem Buch stellt er Portraits von dreizehn jungen Männern vor, die ihren modernen Namen Jewgenij oder Shenja in Eugen umwandeln mussten, sobald sie nach Deutschland kamen. In Interviews befragt er sie über ihre Zeit in Russland und wie sie mit der Namensänderung leben. Und einige wissenswerte Tatsachen zum Namen Eugen werden ebenfalls erwähnt. Dieses Buch ist für alle Eugens ein Muss, für alle anderen ein Vergnügen!

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© Eugen Litwinow

 

Nemez – ein Kinofilm von Stanislav Güntner

Gesehen gestern im Rahmen des kleinen Fernsehspiels im Zweiten Deutschen Fernsehen.

Ein junger Russlanddeutscher, Dima, lässt sich in Berlin auf kriminelle Machenschaften ein. Er arbeitet für den georgischen Kunstdieb Georgij, der ihm den Spitznamen „Nemez“ gibt. Dima wird erwischt und landet im Gefängnis. Wieder draußen, verliebt er sich in die Kunststudentin Nadja (nur der Name ist russisch) und sucht einen Weg mit der Vergangenheit als Kunstdieb abzuschließen, die ihn immer wieder einholt.

Wir erfahren, dass er den Einbruch nur mitgemacht hat, um seinem Vater, der Geologe ist und in Berlin als Taxifahrer arbeitet, das nötige Startkapital zu beschaffen, damit er ein eigenes Taxiunternehmen gründen kann. Doch der hat eh andere Pläne, er will zurück nach Russland, will wieder in seinem Beruf arbeiten.

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© Filmschaft Maas & Füllmich und Nominal Film

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ist der erste Film, den ich gesehen habe, in dem ein Russlanddeutscher die Hauptrolle spielt. Seine Herkunft und seine Konflikte werden leise und unaufdringlich thematisiert. Ich habe dennoch vieles wiedererkannt. Die Coolnes der Jungs, wie die Mutter ihm noch mehr auf den Teller tut. Pelmeni essen. Auch die Idee mit der Gefrierkammer. Schön.

Vielleicht kommt er so echt rüber, gerade weil der Film mit echten Russlanddeutschen, also (zum Teil) mit Laienschauspielern besetzt ist. Aber das sorgt auf jeden Fall für die nötige Authentizität. Man merkt, dass Regie und Drehbuch nicht von Leuten stammen, die die russische Seele nur aus Konsalikverfilmungen kennen und deutsche Schauspieler als Klischeerussen auftreten lassen, die mit einem aufgesetzten Akzent grammatikalisch korrekte aber typisch deutsche Sätze drechseln.

Für meinen Geschmack ist Dimas Grund, kriminell zu werden,  nämlich um das Leiden des Vaters zu beenden, einen Tick zu altruistisch.
Dennoch. Starke Bilder. Wie Dima sich an die Glocke hängt, das Motiv der Leiter, die durch den ganzen Film zieht. Starker Auftritt der beiden Hauptdarsteller.

Meine Mutter, die ebenfalls lange wachgeblieben ist, um ihn zu sehen, ist hellauf begeistert. Wie gut sie gespielt haben, Dima und Nadja auch. Sie erzählte mir am Telefon, nicht nur für deine Generation, für Leute meines Alters hat er auch was zu sagen, der Film. Für die Älteren. Da sieht man ja, wie stark die Kinder mit den Geschichten von den Eltern verwickelt sind.

Schade, dass ich nicht rechtzeitig gelesen hab, dass man über Twitter mit dem Regisseur Kontakt aufnehmen kann. Ich hätt ihn so einiges fragen können. Zum Beispiel wenn der Georgier Dima Nemez nennt, also Deutscher in Anlehnung an seine Herkunft, was ist mit den anderen Jungs, die er für seine Diebereien einspannt. Sind die denn keine Russlanddeutschen? Aber unwichtig. Spitznamen haben ihre eigenen Gesetze.

Was mich irritiert ist, dass die Mutter bei ihrem Sohn bleibt und den Mann ziehen lässt.

Ein russlanddeutsches Märchen. Ein edler Junge, gute Anlagen, der abgerutscht ist und seinen Weg sucht. Ich hätte dem Film vermutlich ein böseres Ende verpasst. Aber Dima kommt ja auch nicht ganz mit heiler Haut davon.

Das Aufbleiben hat sich gelohnt. Auch wenn ich es schade finde, dass dieser Film nicht um viertel nach acht läuft, außer auf einem Spartensender, den ich nicht reinbekomme.

Und auf ARD wurde fast zeitgleich eine Doku zum Thema Deutsche in Polen gezeigt. Sicherlich reiner Zufall. Die Programmdirektoren haben sich wohl kaum abgesprochen und gesagt, nun machen wir mal nen Vertriebenen/Aussiedler-Abend.

Nein, ich will mich nicht beschweren. Super.

mehr Infos

http://www.nemez-film.de/trailer.html