Gedicht des Tages – 17. März

Zum heutigen Tag mal ein Lied von Rosa Pflug –  im Walzertempo.

Denk an mich
Text: Rosa Pflug, Musik: Friedrich Dortmann

Dir gehören alle Lieder,
alle Blumen blühn für dich.
Und sie raunen, und sie flehen:
Denk an mich, ja denk an mich.

Wenn die Rosen blühn,
wenn die Wolken ziehn,
wenn der Wind
deine Stirne küsst —
so denk an mich.

Jedes Jahr ist ein Kalender —
viele Blätter sind daran.
Viele Blätter, viele Tage —
jeder ist ein Talisman.

Wenn die Rosen blühn,
wenn die Wolken ziehn,
wenn der Wind
deine Stirne küsst —
so denk an mich.

Und es eilt im Zeitgetriebe
unser Leben schnell vorbei.
Unvergänglich ist die Liebe,
aber kurz der Lebensmai.

Wenn die Rosen blühn,
wenn die Wolken ziehn,
wenn der Wind
deine Stirne küsst —
so denk an mich.


Rosa Pflug, 1919-2016
Die folgende Webseite entstand zu Rosas 100-jährigen Geburtstag, um der Nachwelt ihre bisher unveröffentlichten Werke zur Verfügung zu stellen. Erzählungen, Lyrik und ein weiterer Liedtext sind hier versammelt: http://rosa-pflug.de/

 

Musikalischer Einschub: Karaganda-Kosmos

Wenn ich schon über Karaganda schreibe, dann darf ein Lied nicht fehlen. Es ist ein Chanson von Veronika Dolina über die Ausreise der Deutschen aus Kasachstan. Den Verweis darauf habe ich auch bei Ulla Lachauer gefunden.

Die Singer-Songwriterin Veronika Dolina, Anfang der 50ger in Moskau geboren, hat dieses Chanson bereits 1990 geschrieben. Und den Abschiedsschmerz der Aussiedler auf eine unnachahmliche Weise eingefangen. Lufttransport heißt es. Karaganda-Kosmos ist eine Line daraus. Wie treffend.

…Goethe hat sie vergessen, Rilke hat sie im Stich gelassen, sie lernten Russisch, Kasachisch… Karaganda–Frankfurt, Karaganda–Kosmos…

Hier die Originalversion gesungen von Veronika Dolina:

Hier ist ein Video von einem Dmitrij Sirotin von einigen Tagen ins Netz gestellt:

Ich habe es mit meinen Worten übersetzt, weil ich keine Übersetzung im Netz gefunden hab. Einfach so wortwörtlich, ohne Reim, ohne Rhythmus. Aber wenn ich es im Original höre, warum muss ich, min Cherz, weinen?

Воздушный транспорт – Lufttransport

Этот воздушный транспорт,
Тот равнодушный голос,
Караганда-Франкфурт –
С полюса на полюс.

Hier ein Luft-Transport,
Dort eine gefühllose Stimme,
Karaganda – Frankfurt –
Von einem Pol zum andern

Женщины, дети, старцы,
Рвутся в свою Итаку,
Страшно, мин херц, страшно,
Хоть и не по этапу.

Frauen, Kinder, Alte
Erstürmen ihr eigenes Itaka
ich fürcht mich, min Cherz*, ich fürchte mich
Auch wenn es nicht in die Verbannung geht
* im Original auf Deutsch gesungen.

Птичий язык вьётся
В детском чумном крике,
Их позабыл Гёте,
Бросил в беде Рильке.

Der Schrei eines Vogels ertönt
aus wunder, Kinderkehle
Goethe hat sie vergessen
Rilke hat sie in ihrem Leid alleingelassen.

Выучили казахский,
Выучили б ненецкий,
И всё это по-хозяйски,
И всё это по-немецки.

Sie erlernten das Kasachische
Sie würden auch die Sprache der Nenzen lernen
Alles tun sie wie von zuhause
Alles tun sie auf deutsche Weise

Бледные эти маски,
Скудные эти тряпки
Надо бы сбросить в Москве
На шереметьевском трапе

Bleich sind ihre Gesichter
Ärmlich sind ihre Lumpen
Man müsste sie eigentlich abwerfen
Auf der Landebahn vom Scheremetjewo

И прочитать победно
Буковки на билете.
Жили темно и бедно,
Но всё же рождались дети.

Man müsste siegesgewiss
die Buchstaben auf dem Ticket lesen.
Haben dunkel und ärmlich gelebt,
Dennoch wurden Kinder geboren

Смолкнет дурная брань, хоть
Щёлкает ещё таймер,
Караганда-Франкфурт –
Пусть улетит лайнер.

Das dumme Gekeife verstummt, nur
das Ticken der Uhr ist zu hören
Karaganda – Frankfurt
Der Jet soll endlich abfliegen

И хоть я держусь в рамках,
Но сбился и мой компас:
Караганда-Франкфурт,
Караганда-космос.

Und auch wenn ich mich zusammenreiße
ist mein Kompass vom Kurs abgekommen:
Karaganda – Frankfurt,
Karaganda – Kosmos.

funky Tundra

… and now for something completely different.
Diese Jungs rocken mit einer Parodie auf einen Bruno Mars Song den Polarkreis. Hot! Am besten finde ich die Stelle, wo sich der Sänger die Stiefel kämmen lässt.

ХОТУ УОЛАТТАРА (Chotu Yolttara) heißt der eisige Song und ist, soweit ich es richtig verstanden habe, die eigene Bezeichnung für das indogene sibirische Volk, das die Russen Tschuwaschen nennen.

Hier das New Yorker Original zum Vergleich:

Einschub. Perfekter Fleck.

Heute geht es nicht um Literatur. Auf der Fahrt durch Wälder und Wiesen mit Kühen und an Bergmassiven vorbei haben wir ständig eine alte Platte von ‚Wir sind Helden‘ gehört. Einer der Songs hat sich bei mir besonders verfangen: Gekommen, um zu bleiben.

Nelli Kossko schreibt in ihrem Buch (Wo ist das Land…) an einer Stelle, das Kirchenlied ‚Großer Gott wir loben dich‘ sei zur inoffiziellen Hymne der gläubigen Deutschen in Russland geworden.

Mir kam beim Hören in den Sinn, dass dieser Song, den Judith Holofernes da trällert auch als eine inoffizielle Hymne durchgehen würde. Allerdings für diejenigen, die hierhergekommen sind:

Hier ein Ausschnitt mit dem Refrain:

Wir gehen nicht, aber wenn wir gehen, dann gehen wir in Scheiben
Entschuldigung, ich sagte: „Wir sind gekommen, um zu bleiben!“

Gekommen, um zu bleiben – wir gehen nicht mehr weg
(wir gehen nicht mehr weg)
Gekommen, um zu bleiben – wie ein perfekter Fleck (wie ein perfekter Fleck)
Gekommen, um zu bleiben – wir gehen nicht mehr weg
(wir gehen nicht mehr weg)
Ist dieser Fleck erst in der Hose, ist er nicht mehr raus zu reiben
Entschuldigung, ich glaub‘, wir sind gekommen, um zu bleiben

Klar. Die Sängerin hatte das Schicksal der Deutschen aus Russland in Deutschland sicher nicht im Sinn, als sie ihn schrieb. Auch das Video würde ich nicht als allererstes mit uns in Zusammenhang bringen. Es gibt auch in den Strophen viel Mischmasch aus Deutsch und Englisch, was charmant aber eher unaussiedlerisch ist.

Egal.

Wir sind gekommen, um zu bleiben. Wie ein perfekter Fleck. Irgendwie macht mich dieses Statement ganz emotional. Vielleicht wegen des unscheinbaren Tschuldigung davor? Irgendwas triggert dieses Lied bei mir.

Vielleicht gehts nur mir so. Wer hat einen besseren Vorschlag für eine Hymne?

Etwa das hier:

Mraval-zhamier oder Sing like a Gurian!

I will turn you into real Gurions, sagte Nana Mzhawanadze an diesem Samstag morgen im November, ich werde echte Gurier aus euch machen. Gurien ist eine Gegend im Westen Georgiens, gleich am Schwarzen Meer und wir saßen um drei Stellwände mit transkribierten Gesängen, dreistimmig und für unsere Zungen und Ohren ziemlich fremd klingend. Viele Konsonanten aneinander gereiht und dann wieder nur Vokale, endlos gedehnt. Durch Worte wie tsqaloba oder mq‘opelta haben wir uns genauso tapfer durchgesungen wie durch ghmertsma, was Gott oder si-tso-tskhle, was Leben bedeutet. Und auch das A-li-lo-i-o—o-o-o-o—o-o-o—da des weihnachtlichen Liedes brav ausgedehnt und auf den Vokalen ausgewalzt, wie Plätzchenteig.

Nana schaute in die Runde. Vor ihr saßen zwei Dutzend Frauen mittleren Alters und ein Quotenmann. Manche waren schon öfter bei einem solchen Gesangsworkshop, andere sind sogar schon in Georgien gewesen. Wie echte georgische Bergleute sahen wir allerdings nicht aus.

Aber wir bemühten uns und sangen aus voller Kehle: mehrstimmige Kirchen-Gesänge hatte Nana ebenso im Programm wie schwungvolle Trinklieder und sanftmonotone Kinderheilungsmelodien. Sogenannte Botonebos, die eingestimmt werden, um die Hohen Geister, die sich einnisten, wenn jemand krank ist freundlich zu bitten, doch bitte zu entweichen.

Und wir Nordländerinnen (und der Quotenmann) wurden mitgerissen und ließen uns auf haarnadelscharf aneinander liegende Dreiklänge und auf die nach oben schraubenden Töne ein.
Nana hat uns am Ende sogar das Versprechen abgenommen, uns in der Silvesternacht zu treffen und laut das Mravalzhamier, ein gastfreundliches Tisch- und Trinklied auf das gute Leben anzustimmen, um das neue Jahr zu begrüßen. Oder es wenigstens von den Balkonen und aus den weit geöffneten Fenstern erschallen zu lassen.

Silversterabend 23 Uhr 25. Es wird bereits tüchtig geknallt, laute Musik und Gelächter ist auf dem Hinterhof in Altona, zu hören, wo wir mit Freunden unseren Jahreswechsel feiern. Ich stelle mich an die geöffnete Gartentür, alle anderen Mitfeiernden sind gerade in andere Zimmer verschwunden und stimme an.

Den Tischgesang, der auf orthodoxen liturgischen Melodien basiert: Mravalzhamier! Das bedeutet: Viele Male! Es sind nur vier Zeilen, aber ich singe sie voller Inbrunst wie in dem Novemberlicht durchfluteten Raum gelernt.

Leider kenne ich nur die erste Strophe auswendig. Die anderen, die den Herrn loben und ein langes Leben wünschen, lass ich weg.

Ruhe da!, kommt sofort eine knarzige Männerstimme aus der Dunkelheit. Sie geht fast in dem allgemeinen Getöse und Geknalle unter, aber ich habe sie dennoch vernommen. Schnappend schließe ich meinen Mund. Zwar hatte Nana wohl geschafft, aus mir eine waschechte Gurierin im Geiste zu machen. Doch leider aus dem Rest der Bevölkerung Hamburgs noch nicht.

 

Wer wissen möchte wie Mravalzhamier klingt:

Und noch mehr:

 

Allen ein frohes Neues 2017!

Spruch der Woche: Einzug

Aussiedlerschicksal in zwei Zeilen:

“Fremd bin ich eingezogen,
fremd zieh ich wieder aus.“

aus dem Libretto von Wilhelm Müller (1794 – 1827)  zu Schuberts „Gute Nacht“ / DieWinterreise

Man muss sich diese Zeilen mit der Wunderschönen Musik von Franz Schubert vorstellen:

Hier mit Gesang:

Und nun? Wir sind wieder eingezogen. Wird sich zeigen, wie lange wir fremd bleiben. Und ob wir wieder ausziehen. Ich würde sagen:

Wir sind gekommen, um zu bleiben, um hier ein anderes musikalische Zitat zu bringen.

Obwohl es russische Pressestimmen gibt, die besagen, dass es unter den Deutschen aus Russland in Deutschland starke Tendenzen gibt, zurück nach Russland zu ziehen. Und zwar massenweise. Ein Hoax des Kreml?

Das ist ein hin und her. Ich sach es euch.

Anna liebt Aljoscha

 

Weiteres Fundstück: Elenka so nennt sich eine Interpretin für elektronische Pop-Musik, die in Berlin lebt. Mit einem Jahr kam sie mit ihren Eltern von Kasachstan nach Deutschland. In diesem Lied sind viele Zeilen, die sich auf ihre Herkunft beziehen:

Hübsche kleine Anna wohnte an der Wolga, ihr Liebster hieß Aljosha, heißt es in dem Song.
Oder: Es war ein weiter Weg von der Wolga bis zur Spree.

Ein Portrait von ihr ist kürzlich auf Englisch auf dem Blog Berlinograd erschienen. Sie scheint gut angekommen zu sein.

Ihre Letzte Auskopplung ist übrigens eine CD mit dem Titel: Schmetterling. Und am 24. Juni tritt Elenka in der Wabe Berlin, in der Danziger Straße 101 auf.

Meine Lieblingszeile aus dem Anuschka-Lied: Zuhause ist, wenn du glücklich bist, vielleicht hier…

Historisches Bewusstsein – Douze Points

Jamala
Foto: Andres Putting © eurovision.tv

Eine Ukrainerin gewinnt den European Song Contest 2016. Vor dem russischen Favoriten. Doch nicht das allein besitzt für mich Brisanz, sondern vor allem, dass sie mit einem Lied namens „1944“ auf die Bühne geht, das die Vertreibung der Krim-Tataren durch Stalin thematisiert – und damit den ersten Preis macht.

Ohne übertriebene Lightshow, ohne halbnackte Tänzer. Sie tritt in einem schlichten blauen Hosenkleid auf und bewegt sich mit eindringlichen Gesten. (Die Lichteffekte waren schon stark, aber sie haben sie nicht in den Hintergrund gedrängt oder eine schwache Performance übertüncht, so meine ich das.)

Statt Liebesschnulzen und rockigen Egoshooter-Songs kommt 2016 die vertonte Aufarbeitung einer stalinistischen Deportation auf den ersten Platz. Gekonnt und ohne Gejammer vorgetragen, wenn auch nicht ohne Pathos und mit Tränen in den Augenwinkeln. Mich berührt das, wohl auch weil meine eigene Familie väterlicherseits 1941 genau aus dieser Region vor Stalin geflohen ist und später ebenfalls deportiert wurde. Es ist ein universelles Thema. Leider. Und auch noch heute immer aktueller denn je. Gleich die ersten Zeilen haben mich gepackt und auch die tatarischen Spracheinsprengsel gehen mir nah, auch wenn ich davon nichts verstanden habe und die Melodie sowieso. War sie authentisch? Ich glaube ja. Geht das Thema auch mit weniger Pathos? Ich glaube nein.

Es ist wohl generell untersagt, politische Inhalte in diesem Zusammenhang zu bringen. Aber da Jamala die Geschichte ihrer Urgroßmutter verarbeitet hat, persönlich und ohne zu deutliche politische Bezüge, entspricht das Lied den Regeln des ESC, auch wenn es von Anfang an umstritten diskutiert wurde.

Direkte Bezüge zu aktuellen politischen Vorkommnissen sind in dem Text wohl nicht zu finden.

Der Spiegel online schreibt heute: Doch in so aufgeheizten Zeiten in Europa kann der ESC unmöglich unpolitisch sein.

Wir dürfen auf den nächsten Contest in Kiew gespannt sein. Mal sehen, wie viele politische Inhalte sich zwischen Pailletten und Popklänge quetschen lassen. Unaufgearbeitete Themen gibt es genug.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die beiden Länder, Ukraine und Russland sich dieses Jahr nicht abgestraft haben: die Ukraine gab dem russischen Kandidaten die ganze Punktzahl, das russische Publikum, anders als die russische Jury übrigens, dieser nicht sehr leichten Darbietung immerhin 10.

Ebenfalls bemerkenswert: die Sängerin wird Ukrainerin genannt. Das finde ich auch gut. Keiner sagt: Kirgisin mit Krim-tatarischen Wurzeln. Oder Tatarin mit ukrainischen Wurzeln. Denn Susana Jamaladinova ist Anfang der achtziger in Kirgisien zur Welt gekommen und ist mit ihrer Familie erst nach dem Ende der Sowjetunion auf die Krim zurückgekehrt. Oder noch schlimmer: Ukrainerin mit Migrationshintergrund. Das wäre falsch und ein Hohn sondergleichen. Denn Hey, waren die Tataren nicht noch vor den slawischen Völkern auf der Krim?

Schade, jetzt wünschte ich, ich wäre gestern doch bis zum Schluss aufgeblieben. Heute morgen bin ich aus allen Wolken gefallen, als ich davon erfahren habe und hab gleich beschlossen, damit meine längere Pause vom Blog zu brechen.

Lustig, die ersten Kommentare im Netz: Boykotiert den nächsten Song Contest!!! Das ist keine Show, das ist Politspektakel!

Oh, glaub mir lieber Albert Zweistein, jetzt erst recht!!! Armenien hätte da auch noch ein Liedchen zu singen, und Polen, und Lettland und Litauen und ach, alle haben sie doch ihre Gespenster, die an der Türschwelle kratzen.

Jamala polarisiert mit ihrem Song. Mensch. Was will man mehr? Das Lied an sich hat die Gegner musikalisch nicht überzeugt? Naja, gibt schlimmeres oder? Und sie wittern proamerikanische und Putin-feindliche Propaganda? Uuups. Dann haben sie sich wohl mit der Geschichte der Krim nicht so ganz auseinandergesetzt. Aber auf Wildwuchs-Leser*innen-Kommentare aus dem w.w.w. darf man eh nichts geben.

Millionen Anrufer und Anruferinnen haben gewählt und diesmal bin ich mit dieser Wahl einverstanden.

Short Cut: die Ulitzkaja on Stage

Am 16. April müsste man in Moskau sein. Nach Moskau, nach Moskau, wie die drei Schwestern von Tschechow.

Denn da ist die Premiere der Oper ‚Doktor Gaaz“ nach Texten von Ljudmilla Ulitzkaja. Alexej Sergunin ist der Komponist und die Autorin hat selbst das Libretto verfasst. Sie nennt die Arbeit an der Oper ihr ‚drittes Leben‘. Im ersten war sie Ärztin und Wissenschaftlerin, im zweiten Autorin und jetzt, Bühne frei!

Hier für alle, die des russischen mächtig sind ein Artikel in der Nowaya Gezeta:

http://www.novayagazeta.ru/arts/72632.html

Musikalisches Intermezzo: Tariverdiev reloaded

Folgende Geschichte: 2011 sucht ein britischer Musikproduzent mit einer Freundin Zuflucht vor dem frostigem Schneewind in einem Moskauer Café und als seine Begleiterin ihn etwas fragt, hört er gar nicht hin, so sehr ist er hingerissen von der Musik, die gerade gespielt wird. Als er die Bedienung fragt, was da grade läuft, antwortet sie : Ach, das ist etwas von früher.

Die Musik im Café war der Soundtrack zum Film «До свидания, мальчики!» Auf Wiedersehen Jungs! aus dem Jahr 1964, sein Erschaffer: Mikael Tariverdiev, einer der bekanntesten Filmmusikkomponisten der Sowjetunion.

Für den Briten Stephen Coats beginnt mit dieser Platte (die er bald ergattert) eine Reise in die Welt der russischen Filmmusik der Sechziger/Siebziger Jahre und insbesondere in das Leben und Schaffen des außergewöhnlichen Musikers und Komponisten. Er trifft sich mit seiner Witwe Vera Tariverdieva, die im gleichen Appartment lebt wie zu Lebzeiten ihres Mannes. Dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, sie bewahrt die Erinnerung an ihren berühmten Gatten, widmet sich seinem Nachlass. Sein Studio ist noch genau so wie vor dreißig Jahren, nichts ist angetastet. Hier findet Coates alte, gut erhaltene Tonband-Aufnahmen, die entweder nie veröffentlicht wurden oder zu den Filmen gehören, die das kulturelle Leben der Sowjetunion stark geprägt haben.

Wenige Jahre später bringt er in London selbst eine Sammlung mit Tarivardievs Filmmusik heraus. Sie umfasst ganze drei Schallplatten oder CDs, ist thematisch unterteilt und liebevoll gestaltet.

Eine der Scheiben wird von der Musik aus dem Kultfilm «Ирония судьбы, или С лёгким паром!» Ironie des Schicksals (1975) dominiert, auf einer sind zumeist Liebeslieder und Balladen aus diversen Filmen versammelt und die dritte ist Jazz-betont mit Musik aus «До свидания, мальчики!», (Auf Wiedersehen Jungs, 1964) «Маленький школьный оркестр» (Kleines Schulorchester, 1968) oder «Русский регтайм» (Russischer Ragtime, 1993) .

Was übrigens an der Machart des Booklets besonders schön finde: die russische Schreibweise der Lieder sind vom Grafiker oder der Grafikerin zum Teil so abenteuerlich aufgefasst worden, dass es wieder kultig wirkt. Aber das ist gut so. Genau das ist das Zeichen dafür, dass sich der Westen endlich für die Kultur, die hinterdem eisernen Vorhang entstanden ist, interessiert. Und wenn einem die kyrillischen Buchstaben durcheinander geraten, so what! Die Absicht ist eine sehr löbliche. Und bis auf diese klitzekleinen Flüchtigkeitsfehler sind die CDs sehr gelungen.

 

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Die Sammlung, herausgebracht bei earthvenyl 2015

Anfang Dezember letzten Jahres hat Stephen Coates diese Zusammenstellung mit einem künstlerischen Happening im Pushkin House in London präsentiert. Es wurden Ausschnitte aus einigen Filmen gezeigt, auch private Fotos des Komponisten waren zu sehen und die in London lebende, in Russland geborene Sängerin Daria Kulesh hat einige der Lieder live vorgetragen.

Der Initiator sagt auf dem folgenden Clip über sein Projekt: Obwohl Tariverdievs Name in Russland zum Allgemeingut gehörte, blieb er im Westen weitgehend unbekannt. Jetzt wird es Zeit, das zu ändern.

https://www.youtube.com/watch?time_continue=31&v=aHxhj6M2g4c

Die CD, die es seit Ende 2015 auch bei uns zu kaufen gibt, führt mit ihrer erlesenen Auswahl in die gefühlvolle und doch unbeschwerte Welt des russischen Kinos der Sechziger und Siebziger Jahre. Mit einigen sehr jazzigen Überraschungen dazwischen.

Kurz zum Künstler, um den es geht:

Tariverdiev wurde 1931 in der Hauptstadt Georgiens, Tbilissi als Sohn armenischer Eltern geboren, doch verlief sein künftiges und künstlerisches Leben in Moskau. Dort hat er neben zahlreichen anderen Kompositionen Musik für mehr als 130 Filme geschrieben. Besonders in die Geschichte und ins kollektive Gehör eingegangen sind jedoch seine Melodien zu Ironie des Schicksals und zu der Fernsehserie 17 Momente des Frühlings «Семнадцать мгновений весны» von 1973.
Der erste ist ein regelrechter Kultfilm geworden, der seit Mitte der Siebziger jedes Jahr an Silvester läuft. Es ist eine Verwechselungskomödie und eigentlich unglaublich lang. Das liegt sicher auch daran, dass oft zur Gitarre gegriffen und ausgiebig gesungen wird, oder dass ein musikalisch untermalter Spaziergang durch ein verschneites Leningrad seine 5 Minuten dauert.

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Мне нравится что вы больны не мною, Es gefällt mir, dass sie nicht verrückt nach mir sind..

Die Texte zu den Liedern in diesem Film stammen zum Teil aus der Feder so bekannter Dichter wie Boris Pasternak, Marina Zwetajewa oder Jewgenij Jewtuschenko.

Mehr Infos über das Projekt von Stephen Coates, auch mit mehr Musik zum anhören, (Texte in englischer Sprache) auf http://www.tariverdiev.com/