Historisches Bewusstsein – Douze Points

Jamala
Foto: Andres Putting © eurovision.tv

Eine Ukrainerin gewinnt den European Song Contest 2016. Vor dem russischen Favoriten. Doch nicht das allein besitzt für mich Brisanz, sondern vor allem, dass sie mit einem Lied namens „1944“ auf die Bühne geht, das die Vertreibung der Krim-Tataren durch Stalin thematisiert – und damit den ersten Preis macht.

Ohne übertriebene Lightshow, ohne halbnackte Tänzer. Sie tritt in einem schlichten blauen Hosenkleid auf und bewegt sich mit eindringlichen Gesten. (Die Lichteffekte waren schon stark, aber sie haben sie nicht in den Hintergrund gedrängt oder eine schwache Performance übertüncht, so meine ich das.)

Statt Liebesschnulzen und rockigen Egoshooter-Songs kommt 2016 die vertonte Aufarbeitung einer stalinistischen Deportation auf den ersten Platz. Gekonnt und ohne Gejammer vorgetragen, wenn auch nicht ohne Pathos und mit Tränen in den Augenwinkeln. Mich berührt das, wohl auch weil meine eigene Familie väterlicherseits 1941 genau aus dieser Region vor Stalin geflohen ist und später ebenfalls deportiert wurde. Es ist ein universelles Thema. Leider. Und auch noch heute immer aktueller denn je. Gleich die ersten Zeilen haben mich gepackt und auch die tatarischen Spracheinsprengsel gehen mir nah, auch wenn ich davon nichts verstanden habe und die Melodie sowieso. War sie authentisch? Ich glaube ja. Geht das Thema auch mit weniger Pathos? Ich glaube nein.

Es ist wohl generell untersagt, politische Inhalte in diesem Zusammenhang zu bringen. Aber da Jamala die Geschichte ihrer Urgroßmutter verarbeitet hat, persönlich und ohne zu deutliche politische Bezüge, entspricht das Lied den Regeln des ESC, auch wenn es von Anfang an umstritten diskutiert wurde.

Direkte Bezüge zu aktuellen politischen Vorkommnissen sind in dem Text wohl nicht zu finden.

Der Spiegel online schreibt heute: Doch in so aufgeheizten Zeiten in Europa kann der ESC unmöglich unpolitisch sein.

Wir dürfen auf den nächsten Contest in Kiew gespannt sein. Mal sehen, wie viele politische Inhalte sich zwischen Pailletten und Popklänge quetschen lassen. Unaufgearbeitete Themen gibt es genug.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die beiden Länder, Ukraine und Russland sich dieses Jahr nicht abgestraft haben: die Ukraine gab dem russischen Kandidaten die ganze Punktzahl, das russische Publikum, anders als die russische Jury übrigens, dieser nicht sehr leichten Darbietung immerhin 10.

Ebenfalls bemerkenswert: die Sängerin wird Ukrainerin genannt. Das finde ich auch gut. Keiner sagt: Kirgisin mit Krim-tatarischen Wurzeln. Oder Tatarin mit ukrainischen Wurzeln. Denn Susana Jamaladinova ist Anfang der achtziger in Kirgisien zur Welt gekommen und ist mit ihrer Familie erst nach dem Ende der Sowjetunion auf die Krim zurückgekehrt. Oder noch schlimmer: Ukrainerin mit Migrationshintergrund. Das wäre falsch und ein Hohn sondergleichen. Denn Hey, waren die Tataren nicht noch vor den slawischen Völkern auf der Krim?

Schade, jetzt wünschte ich, ich wäre gestern doch bis zum Schluss aufgeblieben. Heute morgen bin ich aus allen Wolken gefallen, als ich davon erfahren habe und hab gleich beschlossen, damit meine längere Pause vom Blog zu brechen.

Lustig, die ersten Kommentare im Netz: Boykotiert den nächsten Song Contest!!! Das ist keine Show, das ist Politspektakel!

Oh, glaub mir lieber Albert Zweistein, jetzt erst recht!!! Armenien hätte da auch noch ein Liedchen zu singen, und Polen, und Lettland und Litauen und ach, alle haben sie doch ihre Gespenster, die an der Türschwelle kratzen.

Jamala polarisiert mit ihrem Song. Mensch. Was will man mehr? Das Lied an sich hat die Gegner musikalisch nicht überzeugt? Naja, gibt schlimmeres oder? Und sie wittern proamerikanische und Putin-feindliche Propaganda? Uuups. Dann haben sie sich wohl mit der Geschichte der Krim nicht so ganz auseinandergesetzt. Aber auf Wildwuchs-Leser*innen-Kommentare aus dem w.w.w. darf man eh nichts geben.

Millionen Anrufer und Anruferinnen haben gewählt und diesmal bin ich mit dieser Wahl einverstanden.

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Short Cut: die Ulitzkaja on Stage

Am 16. April müsste man in Moskau sein. Nach Moskau, nach Moskau, wie die drei Schwestern von Tschechow.

Denn da ist die Premiere der Oper ‚Doktor Gaaz“ nach Texten von Ljudmilla Ulitzkaja. Alexej Sergunin ist der Komponist und die Autorin hat selbst das Libretto verfasst. Sie nennt die Arbeit an der Oper ihr ‚drittes Leben‘. Im ersten war sie Ärztin und Wissenschaftlerin, im zweiten Autorin und jetzt, Bühne frei!

Hier für alle, die des russischen mächtig sind ein Artikel in der Nowaya Gezeta:

http://www.novayagazeta.ru/arts/72632.html

Musikalisches Intermezzo: Tariverdiev reloaded

Folgende Geschichte: 2011 sucht ein britischer Musikproduzent mit einer Freundin Zuflucht vor dem frostigem Schneewind in einem Moskauer Café und als seine Begleiterin ihn etwas fragt, hört er gar nicht hin, so sehr ist er hingerissen von der Musik, die gerade gespielt wird. Als er die Bedienung fragt, was da grade läuft, antwortet sie : Ach, das ist etwas von früher.

Die Musik im Café war der Soundtrack zum Film «До свидания, мальчики!» Auf Wiedersehen Jungs! aus dem Jahr 1964, sein Erschaffer: Mikael Tariverdiev, einer der bekanntesten Filmmusikkomponisten der Sowjetunion.

Für den Briten Stephen Coats beginnt mit dieser Platte (die er bald ergattert) eine Reise in die Welt der russischen Filmmusik der Sechziger/Siebziger Jahre und insbesondere in das Leben und Schaffen des außergewöhnlichen Musikers und Komponisten. Er trifft sich mit seiner Witwe Vera Tariverdieva, die im gleichen Appartment lebt wie zu Lebzeiten ihres Mannes. Dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, sie bewahrt die Erinnerung an ihren berühmten Gatten, widmet sich seinem Nachlass. Sein Studio ist noch genau so wie vor dreißig Jahren, nichts ist angetastet. Hier findet Coates alte, gut erhaltene Tonband-Aufnahmen, die entweder nie veröffentlicht wurden oder zu den Filmen gehören, die das kulturelle Leben der Sowjetunion stark geprägt haben.

Wenige Jahre später bringt er in London selbst eine Sammlung mit Tarivardievs Filmmusik heraus. Sie umfasst ganze drei Schallplatten oder CDs, ist thematisch unterteilt und liebevoll gestaltet.

Eine der Scheiben wird von der Musik aus dem Kultfilm «Ирония судьбы, или С лёгким паром!» Ironie des Schicksals (1975) dominiert, auf einer sind zumeist Liebeslieder und Balladen aus diversen Filmen versammelt und die dritte ist Jazz-betont mit Musik aus «До свидания, мальчики!», (Auf Wiedersehen Jungs, 1964) «Маленький школьный оркестр» (Kleines Schulorchester, 1968) oder «Русский регтайм» (Russischer Ragtime, 1993) .

Was übrigens an der Machart des Booklets besonders schön finde: die russische Schreibweise der Lieder sind vom Grafiker oder der Grafikerin zum Teil so abenteuerlich aufgefasst worden, dass es wieder kultig wirkt. Aber das ist gut so. Genau das ist das Zeichen dafür, dass sich der Westen endlich für die Kultur, die hinterdem eisernen Vorhang entstanden ist, interessiert. Und wenn einem die kyrillischen Buchstaben durcheinander geraten, so what! Die Absicht ist eine sehr löbliche. Und bis auf diese klitzekleinen Flüchtigkeitsfehler sind die CDs sehr gelungen.

 

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Die Sammlung, herausgebracht bei earthvenyl 2015

Anfang Dezember letzten Jahres hat Stephen Coates diese Zusammenstellung mit einem künstlerischen Happening im Pushkin House in London präsentiert. Es wurden Ausschnitte aus einigen Filmen gezeigt, auch private Fotos des Komponisten waren zu sehen und die in London lebende, in Russland geborene Sängerin Daria Kulesh hat einige der Lieder live vorgetragen.

Der Initiator sagt auf dem folgenden Clip über sein Projekt: Obwohl Tariverdievs Name in Russland zum Allgemeingut gehörte, blieb er im Westen weitgehend unbekannt. Jetzt wird es Zeit, das zu ändern.

https://www.youtube.com/watch?time_continue=31&v=aHxhj6M2g4c

Die CD, die es seit Ende 2015 auch bei uns zu kaufen gibt, führt mit ihrer erlesenen Auswahl in die gefühlvolle und doch unbeschwerte Welt des russischen Kinos der Sechziger und Siebziger Jahre. Mit einigen sehr jazzigen Überraschungen dazwischen.

Kurz zum Künstler, um den es geht:

Tariverdiev wurde 1931 in der Hauptstadt Georgiens, Tbilissi als Sohn armenischer Eltern geboren, doch verlief sein künftiges und künstlerisches Leben in Moskau. Dort hat er neben zahlreichen anderen Kompositionen Musik für mehr als 130 Filme geschrieben. Besonders in die Geschichte und ins kollektive Gehör eingegangen sind jedoch seine Melodien zu Ironie des Schicksals und zu der Fernsehserie 17 Momente des Frühlings «Семнадцать мгновений весны» von 1973.
Der erste ist ein regelrechter Kultfilm geworden, der seit Mitte der Siebziger jedes Jahr an Silvester läuft. Es ist eine Verwechselungskomödie und eigentlich unglaublich lang. Das liegt sicher auch daran, dass oft zur Gitarre gegriffen und ausgiebig gesungen wird, oder dass ein musikalisch untermalter Spaziergang durch ein verschneites Leningrad seine 5 Minuten dauert.

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Мне нравится что вы больны не мною, Es gefällt mir, dass sie nicht verrückt nach mir sind..

Die Texte zu den Liedern in diesem Film stammen zum Teil aus der Feder so bekannter Dichter wie Boris Pasternak, Marina Zwetajewa oder Jewgenij Jewtuschenko.

Mehr Infos über das Projekt von Stephen Coates, auch mit mehr Musik zum anhören, (Texte in englischer Sprache) auf http://www.tariverdiev.com/

Babuschka

Babuschka. Die Großmutter ist die Hauptperson in diesem starken Song von Dima German.
Ich habe mir überlegt, ihn zu übersetzen, aber ich glaube er ist wirkungsvoller so – ohne Sprache.
Möglich, dass die Übersetzung dem Lied etwas wegnehmen würde.

Nur einige Bilder, die ich beim Hören aufgeschnappt habe:

Ich sehe meine Babuschka mit einem Säugling auf dem Arm.
Ihre Stiefel mit frischem Blut besprenkelt.

Ein irregewordener Alter auf seinen Knien.
Halb bellt er, halb schreit er.*

Nicht weinen Kindchen, weine nicht.
Schlüpf‘ nur unter meinen Schal ich werde dich sanft wiegen.

Es geht um die Vergangenheit, die ich nicht kenne, die auch mich immer wieder einholt. Vielleicht habe ichs auch anders verstanden. Mich jedenfalls hat das Lied tief bewegt.

*das ist aber wahrscheinlich der russische Soldat, der so brüllt und den Alten mit allerlei Schimpfwörtern traktiert…

Ziemlich daneben und dennoch ein Volltreffer

Mal sehen, was in meiner Parallelwelt so los ist. Bei U-Tube ist vor ca. einem Jahr ein Videoblogger aufgetaucht, der sich Russak nennt. Russak mit der AK in Rucksack, um genau zu sein. Er trägt immer diese Russenmütze mit Ohren, mal in weiß, mal in schwarz und ist eigentlich ein Computerspielfreak, soviel ich das verstanden habe. Und zwar präferiert Monsieur irgendwelche Ballerspiele. Ne Flasche mit Hochprozentigem ist auch immer in Griffnähe. Da werden alle Clischés bedient, aber auf (ich hoffe) selbstironische Weise.

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Ich dachte zuerst, er sei auch ein Aussie, so wie ich, weil sich die jungen Aussiedler in Abgrenzung zu den Russen (die ja Russkij oder Russkaja genannt werde)  gern als Russaki bezeichnen. Aber dieser junge Typ heißt Artjom ist grade mal 16 (echt?) und scheint kein Aussiedler zu sein. Einen chübschen Aakzennt hat er dennoch. Bratjuchas und Seströnkas, so begrüßt er seine Gemeinde. Plietscher Junge. Er hat sogar ein eigenes Label und verkauft Kaputzenpullis mit seinem Emblem.

Und wenn mich auch die Welt der Ballerspiele nicht sonderlich interessiert, dieser Russak hat einige Beiträge auf Lager, die wirklich komisch sind. Wenn man keine Berührungsängste mit politischer Unkorrektness und Mat-Ausdrücken hat. (Mat = ultraprollige russische Flucherei). Muss halt den starken Macker machen, ist klar.

So versucht er einmal eine computeranimierte Frau anzubaggern, was wirklich witzig ist, weil total absurd. Er beschimpft sie auf die übelste Weise und fragt sie im nächsten Moment, ob sie ihm auch Pelmeni  (fleischgefüllte Teigtaschen) kochen könnte. Oder nein, umgekehrt. Jeder halbwegs selbstbewussten Frau fällt darauf doch nur eins ein! Aber seht selbst:

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Ich mach dich klar, Baby

Wem dieser Beitrag dennoch zu prollig ist, mag sich lieber das hier ansehen, eine Wiener Band, die sich Russkaja nennt und fetzigen Turbo Polka fabriziert. Da bleibt kein Tanzbein unterm Tisch!!! Versprochen

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Russkaja Energija

 

Liebst du Boogie-Woogie? Swing-Kultur in Russland

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Stiljaga Bob und ein  Swing-Mädchen am Set

Letzten Sonntag sind uns beim Schlendern durch den Park Swingtöne entgegengekommen. Und per Zufall sind wir bei der Openair-Bühne in ein Konzert der Hamburger Kombo Sun-Jon & the Big Jive geraten. Mehrere Dutzend Tänzerinnen und Tänzer haben sich neben der Bühne versammelt und zu der Musik geswingt. So richtig, so wie damals. Teilweise sogar genauso angezogen wie zwischen 1935 und 1960. Ein Retromix aus allen Stilen.

Doch anstatt mich zu freuen und die Musik zu genießen, habe ich nur gemurmelt: Vor siebzig Jahren bist du für sowas noch eingebuchtet worden. Mein Denken ist halt für immer verseucht, hoffnungslos.

Also zurück zum Thema:

Über die Swingjugend und die Schlurfs in Österreich wurde bereits viel geschrieben, doch die Subkultur der Stiljagi oder Стиляги,  in der Sowjetunion der Endvierziger bis Anfangsechziger Jahre ist hierzulande noch weitestgehend unbekannt.

Russische Jungs und Mädels, die statt Komsomolzen-Uniform lieber buntgemusterte Kostüme und Petticoats trugen, sich mit Eiweiß eine Tolle ins Haar schmierten und Swing, Jazz und Rock’n’Roll hörten. Halbstarke, die auf dem Schwarzmarkt ergatterte Platten eines Charly Parker oder Duke Ellington auf Röntgenfolien (sogenannte „rips“ oder Rippen) raubkopierten und sich heimlich in nächtlichen Pavillons zum Tanzen trafen.

Sie fielen nicht nur auf im sozialistisch verordneten Einheitsgrau, sie lebten auch riskant in einer Zeit, in der die Verherrlichung westlicher Kultur zu Verhaftungen und sogar Lagerhaft führen konnte. Stichwort: heimatlose Kosmopoliten! Denn dieser Lebensstil war verpönt und galt als Dekadenz pur.

2008 ist in Russland ein Film mit dem gleichnamigen Titel Стиляги erschienen, der diesen unbekannten Teil der russischen Swing-Kultur beleuchtet und einen eigenen Trend begründet hat.

Unter der Regie von Valerij Todorovskij ist eine Mischung aus schrillem Musical und Tragikomödie um den zunächst angepassten Komsomolzen Mels entstanden, der angezogen von der Musik und dem Lebensstil einer kleinen Gruppe von Hipstern selbst zu einem Rock’n’Roller mutiert.

Mir gefällt besonders die Szene am Anfang, wo er sich von einem Stiljaga namens Bob (Boris mit russischem Namen) zeigen lässt, wie man richtig tanzt. Als Bob merkt, wie verbissen der sportliche Mels an die Sache herangeht, erklärt er dem Anfänger, worauf es wirklich ankommt:

„Hier braucht man nicht stärker, höher, weiter,..hier braucht man… Drive!…von hier aus!“ Und er zeigt dabei auf seinen eigenen üppigen Bauch. Hier ist dieser Filmausschnitt mit engl. Untertiteln:

https://www.youtube.com/watch?v=_Ff52VA8n7Q

Köstlich, und mir ist ganz egal, ob das Wort Drive in dem damaligen Sprachgebrauch üblich war oder nicht.

Sein Wandel bleibt natürlich nicht ohne Konsequenzen. Der Stiljaga Mel wir vor den Komsomol geladen.

‚Wo sind deine Ideale, du hast auf sie gespuckt, du verkaufst dich für bunte Lappen,‘ wirft die Vorsitzende ihm vor. Währenddessen skandieren brav frisierte Studenten im grauen Einheitslook im eindringlichen Sprechchor: ‚Geschmiedete mit einer Kette, Verbundene mit einem Ziel.‘

Die Partei ist ihren Mutter, der Komsomol Vater: Individualismus und Rock’n’Roll sind hier fehl am Platz. Also muss der, der sich zum Fremdkörper gemacht hat, die Kette durchbrochen hat, gehen.

Eine leise aber rhythmisch gelungene Kritik an der Gleichförmigkeit und den fast radikal-religiösen Werten der Sowjetgesellschaft klingt hier durch. Hier der Song:

https://www.youtube.com/watch?v=0Mt0–JSe88&list=RDgOuqZG7UUgs&index=20

Der Amerikaner Richard Hume, der im heutigen Moskau lebt und Rock’n’Roll Konzerte im Esse Club organisiert, schreibt auf seiner Website Co-op-jive über die Kultur der Stiljagi:

Ihr Stil entsprach nicht zu 100% dem Rock’n’Roll – sie hörten auch andere Musikrichtungen, wie zum Beispiel Jazz – und das spiegelte sich auch in ihrem Kleidungsstil wieder. Aber es war nah genug dran, um sie als echte jugendliche Rebellen in Russland zu etablieren.

Stiljagi - damals
Stiljagi – damals, die kurze Kravatte ist ihr Markenzeichen.

Während der Fünfziger Jahre spielten einige Leute in der Sowjetunion Rock’n’Roll Platten, aber meistens in ihren eigenen vier Wänden. 1959 haben die sowjetischen Autoritäten dann ein großes Jugendfestival in Moskau organisieren lassen. Sie luden auch Musiker und Bands aus den USA ein, dort zu spielen, (…) Der Einfluss dieses Festivals auf einige junge Russen war enorm. Es löste eine bedeutende Jugendbewegung in Russland aus, die sich auf die Metropolen Leningrad und Moskau konzentrierte.

Doch die russische Jugend bezahlte einen hohen Preis für dieses Festival. Einige junge Frauen aus Moskau versuchten mehr über diese aufregende Kultur zu erfahren und plauderten während des Festivals mit amerikanischen Musikern. Später wurden diese sie (die jungen Frauen) isoliert und von der Miliz inhaftiert. Ihre Haare wurden ihnen abgeschnitten und ihre Kleider zerrissen. In anderen Worten: sie wurden gedemütigt. Es war ein klares Signal seitens der Kommunisten, dass obwohl sie netterweise ein einmaliges publicityträchtiges Festival zugelassen hatten, die Verbrüderung mit dem Klassenfeind noch immer verboten war.

Mein Vater hat, auch wenn er nicht in den beiden Metropolen lebte, ebenfalls zu den Stiljagi gehört und noch immer schwingt er gern das Tanzbein zu der guten alten Rock’n’Roll Musik. Aber verhaftet wurde er nie, hat es immer rechtzeitig geschafft zu türmen, sagt er.

Mit dem Film Stiljagi startete vor sieben Jahren in Russland jedenfalls ein ungeheurer Kult und es begann eine regelrechte Verklärung der damaligen Jugendbewegung als hippem Style. Nicht wenige Hochzeiten wurden fortan im Fifties-Look abgehalten und es gab auch einige Flashmobs wie hier 2012 und hier 2011  mit als stilgerecht verkleideten Hipstern, die sich synchron zu Swingmusik bewegen.

Im Frühjahr diesen Jahres fand in Kiev sogar eine Stiljagi-Parade statt, aber in inwiefern dieser Trend noch heute als Widerstand zu werten ist, kann ich leider nicht einschätzen. Ich müsste es noch recherchieren. Ich vermute eher, dass die Leute es als ein buntes Retro-Abziehbild mit Musikbegleitung lieben. Der Trend stellt also eher einen Rückzug zu fröhlich swingender Musik und schönen Kleidern dar als eine rebellische Gegenbewegung. Ein Paradox?

Stiljagi_Parade_Kiev
Schön bunt, die Parade in Kiev am 18.4.2015

Übrigens:

Die amerikanische Autorin und Theaterkritikerin Dorothy Parker schreibt begeistert kurz nach dem zweiten Weltkrieg über ein Stück von Lew Tolstoi: „Sehen Sie es sich an, auch wenn Sie eine Hypothek auf Ihr Auto aufnehmen, ihr Apartment untervermieten oder alles verkaufen müssen bis auf die Kriegsanleihen…“ Nur eins bemängelt sie daran, nämlich, dass die russischen Namen unmöglich auszusprechen und noch unmöglicher zu merken sind. Sie bitte herzlich darum, bei der nächsten englischen Übersetzung aus Fjodor Wassilljewitsch Protossow, Sergej Dmitriewitsch Abreskow und Iwan Petrowitsch Alexandrow schlicht Joe, Harry und Fred zu machen.

Im Film Stiljagi sehen wir, dass genau das geschehen ist, aus Fjodor wurde Fred aus Boris Bob. Aber aus Mels wurde seltsamerweise Mel. Ob das Dotty Parker gefallen würde?