Ich höre Schnittke – Orlandos Thema aus Skaska Stransvij

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Drama pur – werden sie springen?

Meine Entdeckung am Rande: eine weitere Film-Melodie von Alfred Schnittke, die sich in mein Gehör schraubt und mich nicht loslässt. Es handelt sich um ein Stück zu dem Filmmärchen Сказка странствий (Skaska Stranstvij) von 1981. Das Stück heißt Liebeserklärung oder Orlandos Thema.

Dem Regisseur Alexander Mitta ist mit dieser Parabel ein Film gelungen, der sich nicht leicht einordnen lässt: Märchen oder Fantasy-Streifen oder doch eine Abenteuergeschichte in historischem Gewand? Er wird als Kinderfilm gehandelt, aber bitte nicht unter einem FSK von 12 Jahren! Zu traurig, zu verstörend. Ein Kinderfilm für Erwachsene, das ja.

In einer Zeit, die diffus dem Mittelalter ähnelt, erlebt das Mädchen Marta (Tatjana Aksjuta) wie ihr kleiner Bruder Mai von zwei Ganoven entführt wird. Er hat nämlich die Gabe Gold anzuziehen und genau dies Talent wollen sich die beiden Gauner zu Nutze machen. Marta macht sich auf die Suche nach ihrem Bruder und trifft unterwegs den fahrenden Medicus Orlando, dargestellt von Andrej Mironow.

Als beide zu Gefangenen in einem Turm werden, rettet Orlando sich und das Mädchen mithilfe einer Flügelmaschine. Und hier setzt die von Schnittke komponierte Melodie ein, die mir so gefällt. Obwohl, nein, schon als sie sich kennenlernen taucht dieses Thema auf, aber hier kommts mit Schmackes, wie die Kölner sagen.

Möglicherweise wirken die special effects in dieser Szene etwas unecht und aufgesetzt (und auch der Drache an einer anderen Stelle des Films würde in Hollywood wohl keinen Blumentopf gewinnen), aber wozu braucht man imposante Effekte wenn die Geschichte packend und die Musik atemberaubend ist…

Hier ist der Ausschnitt mit dem Flug von Orlando und Marta mit englischen Untertiteln:
https://www.youtube.com/watch?v=T0wk_98bVYY

Hier noch die orchestrale Version, ohne Drama diesmal, mit Bildern von irgendwelchen Enten und Parklandschaften (???!!!):

Nicht nur die Musik dieses Filmes ist bemerkenswert, auch die Kostüme und Hintergründe sind gekonnt umgesetzt. Oft sieht es aus, als spielte die Handlung in einem wüsten Gemälde von Bosch oder einer üppigen Brueghel-Szenerie. Richtig gut beobachtet und schöne historische Zitate! Wieder einer der Filme, der es nie in den Westen geschafft haben, wieder zu Unrecht. Vielleicht kursieren ja Versionen mit Untertiteln davon im Netz, ich bezweifle jedoch, dass er jemals synchronisiert worden ist, zumindest auf deutsch. Der Filmtitel Skaska Stranstvij wird bei uns übrigens mit Märchen der Wanderungen übersetzt, im Englischen heißt er The Fairy-tale of Wanderings. Falls sich jemand auf die Suche begeben möchte. Gute Reise!

Die Oma am Keyboard – Maria Pusch

Es ist schon ziemlich schizophren, an einem Tag schreibe ich über Schnittke und seine vernichtende Einstellung zum Schlager und kurze Zeit später poste ich ein fiktives Interview mit der Schlagerkönigin Helene Fischer. Egal wie entgegengesetzt sie sind, beide gehören zu meiner russland-deutschen community. Und obwohl ich so gar nicht auf Schlager stehe, fasziniert mich dieses Phänomen Helene Fischer doch sehr. Denn mit ihrem Gute-Laune-Image widerspricht sie so sehr meinem Bild von Aussiedlern und wie sie zu sein haben, dass ich da genau hingucken will. Ich rede oft von Trauma, das Generationen übergreift und da kommt eine junge Frau, die so gar nichts Verhuschtes, Verbittertes und Verhaltenes hat und macht einfach ihr Ding. Ich glaube noch nicht mal, dass es in der Geschichte ihrer Familie weniger Repressionen gab. Aber vielleicht haben sie einen Weg gefunden damit umzugehen? Mit Humor? Mit Musik? Oder es ist einfach der Segen der späten Geburt?

Aber um das Thema Musik noch etwas abzurunden: am kommenden Sonntag spielt Zhenja Urich in Hamburg beim Festival 48 Stunden Wilhelmsburg (siehe Termine). Seine rockigen Balladen habe ich vor einigen Wochen schon vorgestellt. Und diesmal will ich auch wirklich hingehen.

Dazu also später mehr.

Wenn wir schon bei musikalischen Phänomenen sind, hier ist ein Video von Maria Pusch, einer wolgadeutschen Sängerin, Poetin und Komponistin. Da sitzt diese liebe Oma im Kopftuch an ihrer Elektroorgel und trällert russische und deutsche Lieder, von denen sie viele selbst komponiert hat. Sie ist mittlerweile über 90 und hat über 90 clips auf Youtube gestellt. Chapeau, liebe Maria Pusch, ich hoffe Sie werden uns noch viele weitere Jahre mit ihrer schönen Stimme beglücken:

Mein Heimatland, von und mit Maria Pusch
Mein Heimatland, von und mit Maria Pusch

Bei einem der Kommentare dazu hat sich ein BBC-Journalist aus London zu Wort gemeldet, er hat den Clip seinen Kollegen vorgespielt und ihnen allen standen die Tränen in den Augen. Na, dann wird’s doch hoffentlich bald eine BBC Dokumentation über diese bemerkenswerte Oma geben!

Es gibt eben nicht immer nur die zwei Seiten eine Medaille. Manchmal ist es eher ein Würfel mit sechs Seiten oder ein Oktaeder oder dieses Gebilde mit 20 Flächen, das Liebhaber von Rollenspielen so gern benutzen um ihre magischen Potentiale auszuklamüsern. Es bleibt spannend.

Farbenspiel in Hamburg

Helene Fischer ist dieser Tage in der Stadt, um an zwei Abenden in einer ausverkauften Arena Konzerte zu geben – für insgesamt 72 000 Besucher. Leider habe ich das nicht rechtzeitig mitbekommen, sonst hätte ich sie um ein Interview für diesen blog bitten können. Naja, vielleicht hat sie auch besseres zu tun, als sich vor dem zweiten Konzert ausgerechnet mit mir zu treffen. Bei dem schönen Wetter. Im Moment ist Hamburg im Ausnahmezustand, abends ist es so mild, alle sitzen draußen, Vespas fahren vorüber, es ist ein Feeling wie in Italien. Genau das richtige Wetter für Open-Air Veranstaltungen. Zumindest gestern.
In der Hamburger Morgenpost oder im Abendblatt stand im Vorfeld ein Satz: Helene – man muss sie lieben oder sie hassen. Nicht alle mögen Schlager gut finden, Fischers Karriere ist dennoch bemerkenswert und ich bin froh darüber. Macht ihr Erfolg doch deutlich, dass jemand mit gutem Aussehen, eigenem Talent und dem Willen zum Erfolg nach vorne kommen kann – ungeachtet der Herkunft.

credit: puhschnute2
aufgenommen von Instagram-User: puhschnute 2

Und weil sie so bekannt und unerreichbar ist, muss ich mir jetzt wohl ein fiktives Interview aus den Fingern saugen. Aber da in der Yellow Press eh nicht anders gearbeitet wird, und das was geschrieben ist nichts mit der wirklichen Person zu tun hat…

Der geneigte Leser mag bitte beachten, dass die folgenden Zeilen mit wirklichen Personen des öffentlichen Lebens nichts aber auch gar nichts zu tun haben und unter keinen Umständen für bare Münze genommen werden dürfen. Ist alles nur ausgedacht!

Scherbensammlerin: Frau Fischer, es scheint, als hätte der Wettergott es gut mit Ihnen gemeint, wie hat ihnen das gestrige erste Konzert denn gefallen.

Helene Fischer: Es war toll! Das Publikum ist richtig mitgegangen und es war ja noch lange hell. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so weit im Norden sind. Ich bin nicht zum ersten Mal in Hamburg, aber bisher kenn ich die Stadt nur bei Regen und Kälte. Nur für die pyrotechnischen Effekte wurde es auf der Bühne allerdings ein wenig zu heiß.

Scherbensammlerin: Bleiben Sie denn noch in der Stadt?

Helene Fischer: In einigen Tagen habe ich schon das nächste Konzert in Hannover und ich kanns leider nicht einrichten. Aber ich komme sicher wieder, es ist eine so schöne Stadt!

Scherbensammlerin: Mögen Sie eigentlich die russische Küche und vor allem: kochen Sie selbst?

Helene Fischer: Ich selbst koche nur wenig, und wenn dann meistens Italienisch oder Indisch. Aber meine Mama kann diese ganzen Gerichte wie Manty, Plow oder Pelmeni zubereiten, und immer wenn ich dort bin, liebe ich es, von ihr bekocht zu werden.

Scherbensammlerin: Pirogi, und Borschj und so, was mögen sie am liebsten davon?

Helene Fischer: Alles, aber wenn ich ehrlich bin, so habe ich Akroschka im Sommer am liebsten.

Scherbensammlerin: … mit Kwas.

Helene Fischer: Ja, natürlich mit Kwas, aber es ist ja nicht so leicht, …

Scherbensammlerin: … echten Kwas in Deutschland zu bekommen! Genau. Haben Sie da eine gute Quelle?

Helene Fischer: Mein Onkel, der keltern ihn selbst. Aus Schwarzbrot. Er hat sich sogar spezielle Gefäße aus Russland kommen lassen.

Scherbensammlerin: Wie ich Sie beneide!

Helene Fischer: Dankeschön! Aber ich habe gleich den nächsten Termin…

Scherbensammlerin: Ich verstehe, ich habe natürlich noch tausend Fragen an Sie. Wie Sie es schaffen, mit dieser Berühmtheit umzugehen, ob sie sich Kinder wünschen und so, aber wenn die Zeit davoneilt, sagen Sie bitte kurz: wie schaffen Sie es, Ihre Figur zu halten, diese ganzen Teig und Fleischgerichte sind zwar enorm lecker, aber ich brauch diese Köstlichkeiten nur anzugucken, schon habe ich sie auf den Rippen. Obwohl, von Akroschka ist glaub ich noch niemand fett geworden… Von Manty schon eher.

Helene Fischer: Ich trainiere viel, seit meinem Studium an der Musical School habe ich mir angewöhnt, täglich mehrere Stunden Sport zu machen. Und ich lege ein bis zwei Mal im Monat einen Obsttag ein.

Scherbensammlerin: Das ist alles? Wow, das sind wohl gute Gene! Danke Ihnen, dass Sie sich Zeit genommen haben.

Helene Fischer: Immer wieder gerne, melden Sie sich ruhig.

Ich bin froh, dass wir uns so gut verstanden haben und wünsche Ihr heute Abend in der Arena und während der gesamten Farbespiel-Tour viel Glück! Ach, ich wollte doch noch gefragt haben, wieso ihre Tournee eigentlich Farbenspiel heißt? Die ganze PR Kampagne dazu sieht so blass rosa-lila aus. Das nächste Mal!!!

Ich höre Schnittke – Rikki Tikki Tavi

Bei der Recherche nach dem avantgardistischen Komponisten Alfred Schnittke habe ich einen Zeichentrickfilm aus meiner Kindheit wiederentdeckt. Rikki-Tikki-Tavi ist ein sowjetischer Multfilm  oder Multik von 1976 nach dem Märchen von R. Kipling.

Der schlaue Mangust überwindet die niederträchtige Kobra. Das hat mich einst sehr geprägt. Und beim erneuten Ansehen habe ich gemerkt, wie toll dieser Film gemacht ist und wie traurig es ist, dass er es nicht über den Eisernen Vorhang geschafft hat. Er ist so anders als die uns geläufige Bildsprache der Disney-Filme, mit den ewig gleichen Gesichtern und Hintergründen und der austauschbaren Musik. Und im Gegensatz zu der amerikanischen Variante, sind die Hauptpersonen keine Kolonialherren sondern eine normale indische Familie. Wie in der ursprünglichen Geschichte.

Hier geht’s zur russischen Version von Rikki Tikki Tavi (Länge ca. 20 min).

Hier geht’s zur russischen Version von Rikki Tikki Tavi
Hier geht’s zur russischen Version von Rikki Tikki Tavi

Ich habe noch Filme mit englischen Untertiteln gefunden, aber für Kinder ist das ja nichts. Schade, dass es noch keine deutsche Synchronfassung gibt. Ein Verlust. Aber vielleicht verstehen Kinder das ja auch ohne Worte?

Teil eins - mit englischen Untertiteln
Teil eins – mit englischen Untertiteln
Teil 2 - mit engl. Untertiteln
Teil 2 – mit englichen Untertiteln

Korrektur 2021. Ein aufmerksamer Leser, eine aufmerksame Leserin, hat mich darauf hingewiesen, dass Schnittke nicht für diesen Multik die Musik komponiert hat. Es war ein gewissen Witalij Gewiksman. Schnittke hat für einen Film über den tapferen Mangus Rikki Tikki Musik gemacht. Aber für einen mit realen Schauspielern aus dem Jahr 1975. In den Kommentaren ist ein Link dazu zu einer indisch synchronisierten Fassung. Ich habe nur noch eineim russischen Original entdeckt:


Das hätte mir auffallen können, dass die Musik ganz anders ist, ist es aber nicht.
Asche auf mein Haupt. Aber zu diesem neuen Film und den Eindrücken beim schauen, habe ich in Zukunft einen neuen Post gemacht.
voilà:
https://scherbensammeln.wordpress.com/2021/09/19/rikki-tikki-tavi-reloaded/

Magische Klänge – Hörwelten von Alfred Schnittke

Sein Name war Magie – so titelt ein postumer Bericht über Alfred Schnittke. Einer der bedeutendsten russischen Komponisten nach Schostakowitsch, heißt es weiter. Doch nicht alle in der Sowjetunion haben ihn zu seinen Lebzeiten als Magier gesehen. ‚Darf man die Sinfonie von Schnittke in den öffentlichen Konzerten aufführen?‘ oder ‚Ein ernsthafter Schaden für die Musik‘, so lauteten die Kommentare 1974  nach der Uraufführung seiner ersten Sinfonie. Plakate wurden abgerissen, seine Aufführungen offen boykottiert.

Alfred Schnittke
Der Komponist Alfred Schnittke

Neue Musik ist umstritten – nicht nur in diktatorischen Regimes. Aber Schnittke hat sich nicht beirren lassen, hat seine avantgardistischen Kompositionen weiter geschrieben, hat geforscht, ausprobiert. Auch als er nicht mehr unterrichten durfte auch später, als er schon krank war. Von den 70 Werken, die er in 20 Jahren geschaffen hat, wurden vom allrussischen Kulturministerium ganze zwei aufgekauft. Statt heroischer Klarheit und Verherrlichung der Massen, taucht in seinen Kompositionen das Widersprüchliche auf. Das Unvereinbare, das Verletzliche. Der Abgrund. Dieser Ausdruck passte nicht in jede Epoche der glorreichen Sowjetzeit und führte wohl auch dazu, dass er eher im Ausland Lob und Anerkennung fand. Und auch das verhältnismäßig spät.

1990 wurden in Schweden anlässlich eines ihm gewidmeten Festivals 40 verschiedene CDs publiziert und einige Jahre später eine Schnittke-Gesellschaft gegründet. 1992 erhielt er in Japan den hochdotierten ‚Praemium Imperiale‘ Preis – als erster deutscher Künstler überhaupt.

Ich habe mich lange schon damit rumgetragen, etwas über ihn zu schreiben, wir haben hier in Hamburg schließlich die Alfred-Schnittke-Akademie und in den Heimatbüchern lese ich manchmal etwas über ihn, oder seine Mutter, Marie Schnittke, die sich Ende der Sechziger sehr für die Neuerschaffung einer deutschen Wolgarepublik eingesetzt hatte. Und von einem ihrer Söhne hieß es dort immer, er sei ein weltberühmter Komponist. Jaja, dachte ich. Jeder Aussiedler, der was macht und in die Öffentlichkeit geht, muss gleich eine Weltberühmtheit sein. Darunter machen wirs nicht. Wir halten sie vor wie Standarte, schaut, wir sind auch wer. Aber Schnittke ist nicht nur ein Komponist von Weltrang, er ist phantastisch. Diese Entdeckung durfte ich machen, als ich mich in seine Töne hineingehört habe.

Die Symphonien, das Requiem und seine avantgardistischen Trios und Quartette machen ihn sicher zu dem bedeutenden Komponisten, der er ist. Aber auch die Filmmusik braucht sich nicht dahinter zu verstecken.

Ich bin eine ungeübte Hörerin und so hat sie mich zuerst angesprochen. Zu Rikki Tikki Tavi oder zu der Verfilmung von Anna Karenina von 1967. Zu mehr als 60 Filmen hat Schnittke die Musik geschrieben. Der Meister und Margerita ist ebenso darunter wie der schwarzweiße Klassiker Die Kommissarin. Dabei war er anfangs eher unglücklich damit, U-Musik machen zu müssen, wo es ihn doch zur avantgardistischen E-Sparte hingezogen hat.

Dabei hatte Schnittke sich jahrelang mit diesem Widerspruch gequält, hat versucht, seine avantgardistischen Kompositionen und das andere, das eher Populäre zu trennen. Er spürte den Riss zwischen der sogenannten laboratorischen und der Kammer-Musik. Doch bei der Arbeit an der Musik zur Gläsernen Harfe (Стеклянная гармоника), gelang es ihm, diesen Abgrund zu überbrücken. Es war wie eine Erleuchtung. Übrigens ein ganz zauberhafter Zeichentrickfilm über die Kraft der Kunst mit vielen Bildzitaten aus der Kunstgeschichte, mit Anleihen bei DaVinci, Bosch, Magritte:

Die gläserne Harfe, ein Film von 1968
Die Glasharfe, ein Film von 1968

Wie gesagt, er hat lange dagegen gekämpft, was er als das Seichte, das Schlagermäßige in der Musik bezeichnet und wollte nicht damit in Verbindung gebracht werden. Seine Worte:

Schlager ist eine passende Maske für jede Teufelei, darum sehe ich keine bessere Möglichkeit für die Verkörperung des Bösen in der Musik als das Schlager-Moment (er sagt wörtlich: Schljagernostj).

Vielleicht weil der Schlager so eingängig ist, so schmeichlerisch. Wie eine Kobra. Was ist sein Biss?

Dabei ist er nun wirklich weit weg davon, was ich als ’seicht‘ bezeichnen würde. Nein, was ich an manchen Stellen in den Stücken spüre, ist Zerrissenheit. Sublimierter Schmerz aber mit dem Zartklang einer Schmetterlingsblume. Ein Schlager hat das nicht.

Ein weiteres Zitat von ihm selbst: Im Lauf mehrerer Jahre war es für mich ein inneres Bedürfnis, Theater- und Filmmusik zu schreiben. Anfangs machte es mir noch Spaß, aber schon bald wurde ich dessen überdrüssig. Erst später ging mir ein Licht auf: Die Aufgabe meines Lebens besteht darin, die Kluft zwischen E- und U-Musik zu überbrücken, auch wenn ich mir dabei den Hals breche.

Statt sich den Hals zu brechen, schaffte er es durch Zitate, durch Querverweise und durch Überlappungen diese beiden Pole zu verbinden. Und natürlich durch unermüdliche Arbeit.

Ein britischer Autor sagt, Alfred Schnittkes Musik war schon immer ein unbehagliches Spiel zwischen Tiefe und Oberfläche.  Tiefe-Oberfläche, Osten-Westen. Schlager-Avantgarde. Ein Wanderer zwischen den Welten auch er, das spürt man beim Hineinhorchen in die Stücke. Das liest sich auch in der Biografie des Komponisten.

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Das erste Instrument in Wien: ein Akkordeon

Obwohl er der Sohn einer Wolgadeutschen war, verlief sein Leben zunächst etwas anders als das der meisten Russlanddeutschen seines Jahrgangs. Sein Vater, ein Journalist, kam aus einer Familie von baltischen Juden und durfte Mitte der Vierziger mit der Familie nach Wien ausreisen und dort leben. So blieb ihnen die Deportation zunächst erspart. In der Walzerstadt Wien hat das Kind Alfred seine Liebe zur Musik weiterentwickelt. Diese Zeit und dieser Ort waren für ihn immer mit Sehnsucht verbunden. Ab 1948 lebte er mit seinen Eltern, der Oma und den Geschwistern bei Moskau. Nicht eindeutig russisch, nicht ganz deutsch und auch nicht richtig jüdisch. Und doch mit dem Vermächtnis von allen drei Völkern. Auch hier ein Wanderer. Auch hier kennt er das Dazwischen.

Auch wenn ein Schnittke-blog nur bis 2012 fortgeführt wurde, scheint es, als ob das Interesse nicht abreißt. Seine Aufnahmen werden im Netz weitergeteilt und die vielsprachigen Kommentare klingen sehr begeistert. Beispielsweise zu dem Stück ‚Labyrinths‘, einem Stück aus den Siebzigern:

‚Hairraising at times‘ (Shoyu Tao)

‚Overwhelming. Surely, the greatest piece of 1971 and then some.‘ (PolkRidgeAesthete)

‚Спасибо. В 1971 Mы ни о чем подобном понятия не имели. У нас был сплошной Хреников.‘ (Леонид Бейзерман)

‚Musica che amo malinconica grazie del bel brano sentimentale.‘ (macciboma)

Mein absolutes Lieblingsstück ist und bleibt die Filmmusik zu Story of an Unknown Actor von 1976.

Hier in einer wilden Orchesterfassung:

https://www.youtube.com/watch?v=M3EuHTOLG8o

oder hier der eingängige Originalwalzer aus dem Film:

Auch Schnittke galt la lange Zeit als ein eher unbekannter Künstler – außer natürlich in Fachkreisen.
Polyphone Klänge, Mixtur aus vielen Zeiten und Stilen. Das schreiben die Experten. Seine Zitate kommen dabei nicht nur aus der Klassik, Schnittke bedient sich auch der russischen oder slawischen Musiktradition und natürlich auch den Klängen der Moderne. Neben dem Atonalen in dem verwobenen Klanggefüge ist soviel was ich wiederfinde, etwas knüpft an meine Gefühlswelt an, ganz direkt.

Trotz neuer Hörgewohnheiten und der aufwühlenden Gemütszustände, die diese Musik auslöst, erkenne ich also Vertrautes, wird mein Geist angesprochen. Oder eher nicht der Geist, sondern mein Herz. Oder wo sonst die Musik gespeichert wird, wenn sie verklingt. An einem magischen Ort eben.

Weitere Links:

Ein Schnittke Blog bis 2012: https://alfredschnittke.wordpress.com/2010/02/

Eine englische Rezension: http://www.allmusic.com/composition/the-story-of-an-unknown-actor-film-score-mc0002458493

Die Sammel-CD zu seiner Filmmusik: http://www.e-filmmusik.de/filmmusik/alfred-schnittke.html

Die Dokumentation über Alfred Schnittke (‚Дух дышит, где хочет‘) von 2004 auf russisch: https://www.youtube.com/watch?v=xiiOvAsL2uY

Und zum Abschluss, das Requiem:

https://www.youtube.com/watch?v=M9UiT_KOE-s

Ein bißchen Frieden – Ukraine fehlt und Russland siegt, naja fast…

Ich wollte nur kurz mal reinzappen, aber der Contest hat mich doch in seinen Bann gezogen. Spannend fand ich, dass diesmal soziale und politische Themen durchblitzten. So wie bei dem Lied der ungarischen Sängerin, die sich mit ihrer Friedensbotschaft eindeutig auf den Ukraine Konflikt bezog, ebenso wie das Lied „One Million Voices“ von Polina Gagarina aus Russland.
Lange Zeit sah es so aus, als würde ihr Beitrag von den Wählern honoriert werden, möglicherweise genau wegen dieser Message. Russland bekam ständig hohe Punktzahlen – Ungarn seltsamerweise gar nicht…

Dennoch wird das russische Team dieses Jahr den Grand Prix d’Eurovision nicht mit nach Hause nehmen, auch wenn es lange Zeit den Anschein hatte, doch irgendwann hat sich das Blatt gewendet und Måns Zelmerlöw konnte sich mit seiner multimedialen Performance auf dem ersten Platz halten und wurde Sieger. Hoffentlich nicht nur wegen der atemberaubenden Spezialleffekte.

Dabei hat Polina Gagarina doch alles gegeben, ihr Kleid verfügte sogar über den für das diesjährige Grand Prix typischen keilförmigen Ausschnitt, der knapp vor dem Bauchnabel aufhört, kombiniert mit einem überlangen bauschigen Rock – Le Dernier Cris beim Grand Prix. (Anne Sophie aus Hamburg zeigte übrigens genau denselben Ausschnitt und landete – unverdient? – auf dem vorletzten Platz.)

Polina Gagarina mit ihrem Song  - One Million Voices
Polina Gagarina mit ihrem Song – One Million Voices

Ich will nicht unken, obwohl mich die Emotionalität, die Gagarina am Ende ihres Auftritts und vor allem im „green room“ an den Tag legte, als sie eine reelle Chance auf den ersten Platz hatte, etwas unangenehm berührt hat. Zugegeben, sie hat nicht ein leichtes Liebeslied, sondern ein Anti-Kriegslied gesungen. War das ein wagemutiges politisches Statement?

Manchen Kommentatoren stößt es beim diesjährigen Grand Prix sogar auf, wenn ‚die russische Kandidatin über Neustart und Hände, die sich verbinden singt, während in der Ostukraine Separatisten Regierungstruppen bekämpfen.‘

Der Journalist Karoun Demirjian schreibt beispielsweise in der Washington Post:
And when sanctions and diplomacy won’t do, Europe can always be trusted to settle its political scores in the arena of an annual singing competition.
Frei übersetzt: Wenn Sanktionen und Diplomatie nicht greifen, kann man davon ausgehen, dass Europa seine politischen Probleme in der Arena eines jährlichen Gesangswettbewerbs löst.

Hier geht’s weiter zu seinem post…

Eine junge Mutter (das hat der Kommentator einzig bei ihr extra betont), die ein Lied gegen den Krieg singt, den ihr eigenes Land gegen ihr Nachbarland führt. Das hat ihr nicht wenige Sympathien gebracht. Und ich kann verstehen, dass es für sie ziemlich aufwühlend gewesen sein muss. Aber in diesem Glamour-Dom schien es irgendwie fehl am Platz. Sogar der armen Conchita Wurst, die sich kurzzeitig neben sie gesetzt hatte, um ein wenig zu plaudern, war diese tränenreiche Gefühlsdemonstration nicht ganz geheuer und sie verzog sich recht schnell wieder.

Mir hat das Aufeinandertreffen von Ukraine und Russland bei diesem Contest gefehlt, aber die Ukraine hatte keinen Vertreter geschickt, und ich meine sogar, dass Kiew beim Voting gefehlt hat. Ist etwa der Krieg dafür verantwortlich, dass das Land vom Grand Prix ausgeschlossen wurde? Oder war ich einfach nur so k.o. an diesem Abend, dass ich den Punktegeber aus der Ukraine verpasst habe? Nein, bei Wikipedia ist zu lesen:

Währenddessen bleibt die Ukraine der Veranstaltung aus finanziellen Gründen und aufgrund der aktuellen Situation im Land fern.

Mit einem Verweis auf eine weitere Wiki-Seite, mit dem Titel: Krieg in der Ukraine seit 2014.

Schade. Bestimmt hätte die Ukraine dieses Jahr viele 12 Points gekriegt. Mit oder ohne tiefen Ausschnitt. Es wäre doch eine Sensation, wenn sie gewonnen hätten und 2016 die Schow auf dem Maidan stattfinden würde. Das wäre ein politisches Statement. Aber nein, lieber umschiffen wir das minenreiche Gewässer und die Ukraine ist gar nicht erst dabei.

Der russische Telefonkandidat war jedenfalls mehr als peinlich. Er hat sich gemeldet mit einem fröhlichen: Hello Europe, this is Mother Russia speaking. Was angesichts der ganzen osteuropäischen und baltischen Interpreten und der Teilnehmer vom Balkan so ziemlich unangebracht war. Und dann hat dieser Witzbold noch gesagt seine Douze Points, die Twelve Points go to … Russia! Bevor er sie doch Italien mit ihrer schmelzigen Klassik-Pop-Ballade zugesprochen hat. Haha!

 

Spruch der Woche mit einem Lied

Дале в лес, больше дров
altes russisches Sprichwort

Gestern habe ich bei der Hausarbeit wieder mal die CD des Singer- Songwriters Женя Урих gehört und da kam dieser Spruch als Refrain vor:

Чем дальше в лес, тем больше дров – Je tiefer in den Wald, desto mehr Kleinholz.

Laut einem Lexikon meint es: je weiter man in den Wald vordringt, desto mehr Äste zwischen den Füßen gibt es, die einen hindern. Also je tiefer man in ein Problem dringt, desto mehr Probleme tauchen auf.

Beim Hören habe ich dieses russische Sprichwort spontan ganz anders aufgefasst. Ich habe es so verstanden, dass je weiter du dich in den Wald vorwagst, desto mehr Brennholz du mitbringen kannst. Und habe mich gefreut, dass je weiter man in ein Thema vordringt, es mehr Belohnung gibt, mehr Dinge, die sich auftun, die man nicht kennt. Holz zum Heizen eben. Futter fürs Feuer.

So geht es mir hier mit diesem blog. Vor einem Jahr habe ich angefangen und habe gedacht, dass mir nach ein paar Monaten die Themen schon ausgehen werden, aber in Wirklichkeit fächern sich mehr Dinge auf, über die ich schreiben kann, die noch warten, die ich nicht schaffe oder besser recherchieren will. Je mehr ich mich mit diesen Themen befasse wie Deutsch-Russische Beziehungen, Erinnerungskultur oder Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, desto mehr spüre ich, dass ich noch am Anfang stehe. Am Waldrand sozusagen.

Noch eine andere Interpretation von mir: Je weiter du dich traust, desto mehr wirst du belohnt! Also im Sinne von no risk no fun, aber ohne fun. Dafür aber mit mehr Ertrag.

Apropos Singer- Songwriter:
Hier ein bekanntes Kinderlied (Голубой вагон) von Zhenja Urich und einem Freund interpretiert. Für einen wolkenverhangenen Montag genau das Richtige, finde ich. Wann gibt er wieder ein Konzert in Hamburg? Würde gern wieder hin. Ich frage mich überhaupt, was aus seiner Band Периферия (Perepherie) geworden ist, wieder ein neues Feld, neues Kleinholz zu bearbeiten!

O malenkaja Nelli

Auch wenn meine Großeltern in den zwanziger und dreißiger Jahren nicht weit von Odessa gelebt haben, so bezweifle ich doch stark, dass sie viel vom Dshas mitbekommen haben. Aber wissen kann ich es natürlich nicht. Das Radio wurde zwar mit der Zeit zu einem wichtigen Organ, an öffentlichen Plätzen und in Parks wurden Empfänger aufgehängt, aber auch in den deutschen Dörfern? Es gab, soviel ich gesehen habe, kaum deutschstämmige Musiker bei den Jazz-Kombos. Einen Klavierspieler habe ich gefunden, der dabei war, Nikolai Minch, oder Münch, der aus Saratov an der Wolga stammt.

Mein Vater spielt manchmal Tanzlieder auf der Mundharmonika. Das hört sich nicht unbedingt nach Jazz an. Er sagt, bei Hochzeiten oder anderen Festen haben ein paar junge Leute immer Gitarre gespielt oder Akkordeon oder eben Mundharmonika. Bis weit nach dem Krieg, als alle aus den Nachbardörfen der Ukraine in derselben Siedlung in Leninabad gelandet sind. Und die Alten, die kannten die ganzen deutschen Lieder von früher. Seine Tante konnte gut Gitarre spielen, und singen. Sie wurde wohl immer eingeladen, zu jeder Hochzeit. Und er saß dann bei den Festen dabei und hat sich die Melodien abgehört und gemerkt und spielt sie immer noch. Seine traurigen Tanzlieder.

Wie ich in dem Buch „Mein Herz blieb in Russland“ gelesen habe, gab es vor dem Krieg selbstverständlich auch deutsche Jugendorchester. Aber sie haben viel Klassik gespielt. Dunajewski, der Komponist der Massenlieder der Stalin-Ära, stand wohl auch auf dem Programm. Aber auch die Dshas-Größen Tsfasman und Utjossow?

Ich habe gelesen, dass bei den Tanzveranstaltungen in den deutschen Dörfern auch Tango oder Foxtrott gespielt wurde. Vielleicht kannten meine Großeltern auch das eine oder andere Estrada-Lied, das sind Schlager oder Gassenhauer der damaligen Zeit.

Neulich bin ich über die Noten eines Songs aus den zwanziger Jahren gestolpert. Er heißt „НЕЛЛИ“ ist aber auch bekannt als „O malenkaja Nelli“ mit der Musik und dem Text eines unbekannten Autors. Meine Großmutter hat ihre erste Tochter Nelli genannt. Dieser Name war in unserer Familie niemals zuvor aufgetaucht. Kannte sie vielleicht das Lied? Könnte doch sein.

Das Lied "НЕЛЛИ " (Nelli) könnte auch meine Oma gekannt haben
Das Lied „НЕЛЛИ “ (Nelli) könnte auch meine Oma gekannt haben

Werde mal jemanden fragen, mir die Musik vorzuspielen. Ob es ein Tango ist? Es ist ein Lied, in dem die Meeresgischt anklingt und die Dämmerung der südlichen Nächte das Blut erregt. Passt also in das Schema der Zeit.

Русский Джаз – russischer Jazz

Begleitmusik der Terrors – Genau in der Zeit der größten politischen Säuberungen der Sowjetära, als täglich Tausende verschwanden, einfach so abgeholt wurden von Männern in Uniform, im besten Fall in einem der unzähligen Lager endeten oder im schlimmsten Fall in einem Massengrab, genau in diesen Jahren um 1937 gedeiht in Russland eine Musikrichtung, die man nicht mit der strukturellen Enge des Sozialismus in Verbindung bringen würde: der ДЖАЗ (Dshas).

Schon in den Zwanziger Jahren wurde der Jazz von russischen Musikern in Hotels oder bei Tanzveranstaltungen und in Theatern gespielt. Namhafte Vertreter dieser Stilrichtung wie Alexander Tfasman oder Leonid Utjossow stammen aus jüdischen Familien rund um Odessa am Schwarzen Meer.

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Plakat für die Jazz-Band von L. Teplitzkij im großen Saal der AK-Philharmonie

 

Neben instrumentalen Nummern gibt es Stücke mit Gesang, wie den Gangsta-Jazz, die sogenannte „Murka“. Matrosen und Gauner sind ihre Helden, überhaupt wird die Hafenstadt Odessa und das Meer gern und oft besungen.

Hier das Beispiel Gop so Smukom ein Gangster-Stück von Leonid Utjossow. Und ein Swingtitel von Alexander Tsfasman von 1939. Und hier ein sowjetischer Jazztitel aus einer späteren Zeit.

Zeitgleich eroberten auch der Tango und der Foxtrott, vereinzelt auch der Charlston die Tanzböden der großen Hotels und Restaurants aber ebenso die Tanzfeste der Dörfer.

Russische Jazz Kombos gewinnen internationeale Wettbewerbe und geben Gastspiele an exotischen Orten – wie zum Beispiel Shanghai. In Moskau und St. Petersburg sind Utjossows Konzerte nicht selten ausverkauft.

Die Kulturfunktionäre führen in den Presseorganen „Prawda“ und „Iswestja“ bereits 1936 eine heiße Debatte darüber, ob „es einen proletarischen Jazz geben könnte oder ob Jazz an sich bereits bourgeois und dekadent sei.“ (Karl Schlögel, Terror und Traum, Moskau 1937)

Schlögel schreibt, diese Diskussion sei durch eine direkte Intervention von Stalin beigelegt und zugunsten des Jazz entschieden worden. Erst in den fünfziger Jahren wird der Dshas in Russland faktisch verboten und wird nur von wenigen Enthusiasten in kleinen privaten Klubs vorm Aussterben bewahrt.

Die Musikrichtung „Estrada“, eine schlagerhafte Populärmusik, die sich ohne Unterbrechungen bis heute gehalten hat, ist zeitgleich mit dem russischen Dshas entstanden. Isaak Dunajewski entwickelt aus dem Dshas das Massenlied zur Erbauung des Volkes. Sein „Lied von der Heimat“ wird zur inoffiziellen Hymne der Sowjetunion.

Der König des russischen Tango: Petr Leschtschenko
Der König des russischen Tango: Pjotr Leschtschenko

Neben den Größen des russischen Jazz möchte ich gerne einen Sänger erwähnen, dessen Leben, würde es verfilmt werden, jeden James Bond ausstechen würde. (* wurde schon verfilmt… siehe Kommentar)

Пётр Лещенко oder Pjotr Leschtschenko, ist zwar Nahe Odessa geboren, es hat ihn aber schon als Kind nach Bessarabien verschlagen. In den dreißiger Jahren ist er mit seiner Schmelzstimme und seinen pomadierten Haaren sehr populär, später gerät er zwischen die Räder der Geschichte, als der Ort, in dem er lebt, Rumänien zugesprochen wird und somit irgendwann auf der falschen Seite der Macht liegt. (Rumänien war im zweiten Weltkrieg ein Verbündeter Deutschlands). Leschtschenko gilt als Landesverräter, da er seit 1918 die rumänische Staatsbürgerschaft besitzt. „Außerdem war er in den von deutschen, bzw. mit ihnen verbündeten rumänischen Truppen, besetzten Gebieten der Sowjetunion aufgetreten. Es folgen Auftrittsverbote und nur noch seltene Konzerte. Im Zigeunerkostüm wird er von der Bühne herunter verhaftet und stirbt 1954 … in einem Lagerlazarett in Târgu Ocna.“ So stehts bei Wikipedia. Als seine Musik offiziell nicht erlaubt war, kursierten seine Platten lange als aus dem Ausland geschmuggelte Schellackplatten und sogenannte „Ribs“ oder „Rippen“ – Raubpressungen auf ausgedienten Röntgenplatten. Mit dem Niedergang der Sowjetunion setzte ein regelrechter Leschtschenko-Boom ein und er gilt heute als der ungekrönte König des russischen Tangos. Hier ein Hörbeisiel: Петр Лещенко – „Скажите, почему“. (Sagen Sie mir, warum.)

bei dieser Röntgenplatten-Raubkopie sieht man sogar noch die Rippen! - gesehen bei wanderer-records
bei dieser Röntgenplatten-Raubkopie sieht man sogar noch die Rippen! – gesehen bei wanderer-records

Inzwischen ist Odessa wieder die Stadt des Jazz, jährlich werden im Sommer Festivals abgehalten, an denen auch viele internationale Künstler teilnehmen.

Geistermusik

Letztes Wochenende bei einem Sommerfest habe ich dieses Instrument das erste Mal live erlebt.

Im Frappant hat der Musiker Cyrus Ashrafi damit ein Konzert gegeben. Ein Kasten, ein Stab und wenn er die Hände bewegt hat, gabs diesen abgefahrenen, spacigen Sound.

Ich wusste noch dunkel, dass es mal einen russischen Wissenschaftler gab, der eins der ersten elektronischen Musikgeräte erfunden hat.

Lew Termen oder Leon Theremin, wie er sich später nannte, hat das nach ihm benannte Theremin zur Zeit der Avantgarde in Moskau erfunden. Ursprünglich auch als Ätherophon bekannt, war das Instrument ein Wegbereiter für spätere Synthesizer oder Drumcomputer.

Leon_Theremin
So hört es sich an: Lew Sergejewitsch himself

Und das Ding ist, Lew Sergejewitsch Termen, in St. Petersburg geboren, hatte französiche und deutsche Ahnen. Seine französischen Vorfahren stammen aus einem alten Adelsgeschlecht und sind als Jakobiner nach der französischen Revolution nach Russland geflohen. Über die deutsche Abstammung kann ich ad hoc nichts finden. Muss weiter graben. Gut, dass es in Moskau und St. Petersburg Deutsche gab, die den oberen Gesellschaftsschichten angehörten, ist ja bekannt. Und Leon Theremin hat auch nicht viel mit den Kolonisten gemein, die sich meist als Bauern und Handwerker in ländlichen Gebieten ansiedelten. Trotzdem ist für mich dieser Informationsfetzen es wert, gesammelt zu werden. Eine weitere Spur.

Auf einigen russischen Sites wird’s gar nicht erwähnt. Dass es Deutsche unter seinen Vorfahren gab, meine ich. Russischer Physiker. Wenns genehm ist, ist er natürlich ein Russe.

Das hat ihm jedoch auch nichts genützt. Nachdem er 1927 auf Welttournee ging und sich ein Jahr später in New York niederließ, kam er Ende der Dreißiger unter „ungeklärten Umständen“ in die Sowjetunion zurück und wurde in einen Gulag irgendwo in Sibirien verbannt. Wegen antisowjetischer Propaganda. (Im Westen galt er als verstorben, es gab keine Spur mehr von ihm.)
Später brachte man ihn in eine wissenschaftliche Akademie in Moskau für Gefangene, wo er für den russischen Geheimdienst Wanzen entwickeln durfte und 1952 sogar einen Stalinpreis dafür gewann. Erst 1990, im Zuge der Perestrojka, wurde er politisch rehabilitiert. 1993 starb Lew Sergejewitsch  Termen im Alter von 97 Jahren in Moskau.

Hier, wie es Leon Theremin spielt, der neben Physik auch Cello studiert hat.

Und hier wie es sich in der heutigen Zeit anhört, Cyrus Ashrafi in Concert.

 

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