Wostok-Zapad, eine Liebe in Russland

Der Film Восто́к – За́пад, oder auf französisch Est- Oest, wurde 1999 als eine französchisch-ukrainische-russisch-spanisch-bulgarische Produktion gedreht. Die Regie führte Régis Wargnier.

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Alexej versucht Marie zu bremsen.

Er weist so namhafte Schauspieler auf wie Oleg Menschikow (Олег Меньшиков), Sandrine Bonnaire (Сандрин Боннэр) und Catherine Deneuve (Катрин Денёв).

Der Plot spielt kurz nach dem WWII: Stalin ruft alle ins Ausland geflohenen Russen zurück ins Heimatland (es gibt sogar ein Wort dafür: Репатриант, Repatriant). Tausende folgen seinem Ruf. Doch statt eines proletarischen Paradieses empfängt sie der Geheimdienst und alle werden sofort verhört und dann als imperialistische Spione verschickt. So soll die französische Ehefrau (Сандрин Боннэр) des Arztes Alexej (Олег Меньшиков), auch verhaftet werden, doch er verbürgt sich für sie und, anders als die anderen, landen sie mit ihrem kleinen Sohn nicht im Lager sondern in einer Kommunalka in der Provinz.
Ihr französischer Pass wurde vom böswilligen KGB-Agenten zerstört und und somit die Aussicht auf eine Rückkehr zunichte gemacht. Doch Marie gibt nicht auf. Sie kämpft und mithilfe des jungen Sportschwimmers Sascha (Серге́й Бодро́в jr), der auch in der Kommunalka lebt und einer kommunistisch gesinnten Diva aus Paris (Катрин Денёв), bekommt sie die Chance, den eisernen Vorhang zu überwinden. Auch wenn es sie viele Jahre und einige Rückschläge kosten wird.

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Schwimmprofi Sascha ist Maries große Hoffnung

Man könnte sagen, die Kleidung der vierziger Jahre, dieses nostalgische Etwas, das Sandrine Bonnaire nonchalant trägt, ist in dem Film überbetont. Aber abgesehen davon, ist das Setting sehr realitätsgetreu, die Intrigen und Verräter der kommunalen Wohngemeinschaft, die Stumpfheit des stalinschen Behörden und die Tristesse der abblätternden Tapeten kommen sehr gut zur Geltung. Die Darstellung des Lebens im Lager wird uns zwar erspart. Aber ansonsten werden die Brutalität und Willkür des Regimes und die Mitläufermentalität schonungslos gezeigt.

Kein Wunder, denn der Drehbuchautor Rustam Ibragimbekov (viele kennen ihn als Autor von „Urga“) und der Filmemacher Sergei Bodrov sen. haben am Skript mitgewirkt. So kommt es, dass, obwohl die Bilder schön sind, obwohl die Geschichte leicht filmisch verklärt ist, der Film die stalinistische Zeit ohne verwestlichten Blick oder den Hauch von Sowjetpropaganda zeigt. Und spannend erzählt ist er allemal.

Ich denke, dieser Film ist ein wertvolles Stück Aufarbeitung und interassant für alle, die etwas von der Zeit damals spüren wollen. Auch die Sprachen Französisch und Russisch, die in dem Streifen gemischt werden, verleihen ihm ein Stück Authentizität.

Leider ist er nicht auf Amaz-duweißtschonwas oder anderen bekannten Plattformen erhältlich. Aber auf russischen Seiten kann man ihn runterladen.

Es gibt auch kritische Stimmen dazu:

„Wargnier, der bereits in Indochine die Kolo­ni­al­nost­algie mancher Franzosen zerpflückt hatte, insze­niert das Umkippen des Traums in den Alptraum genüßlich. Mit allen Mitteln des Melodrams klagt er die Diktatur an, zwischen den unschul­digen Haupt­fi­guren und den bösen Kommu­nisten bleibt wenig Platz für Grautöne. Der Beweis politisch-korrekter Gesinnung überwiegt allen Realismus“, schrieb Rüdiger Suchsland von Artechock e.V.

Und noch ein Detail: der in Russland sehr bekannte Mime Oleg Menschikow hat 1982 in dem Fernsehzweiteiler „Das Pokrowski-Tor“ („Покровские ворота“) einen jungen Mann in einem ähnlichen Setting gespielt. Also ohne Stalin-Kritik und Franzosen aber sonst war alles da, die Komunalwohnung und die Fünfziger-Jahre. Bloß ganz volksnah, unkritisch naiv und nostalgisch verklärt. Eine Art Doris Day Szenario für Russen. Bewohner der Komunalwohnung als Gutmenschen mit Liebesproblemen. Was für ein Kontrast!

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Nemez der Film out now

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NEMEZ ist ab sofort online auf iTunes, Amazon und Co. erhältlich!Und ich wollte mich schon darüber aufregen, dass solche Spartenfilme nirgendwo zu sehen sind und man Aussiedler-Themen eh untern Tisch fallen lässt. Aber nein.

Hier gibt’s die Übersicht der Plattformen:
http://nemez-film.de/VoD.html

Integrationstest (Beta)

Bin ich gut integriert?

Bei aussiedler.blogspot.de kann jeder Aussiedler (und auch jeder Nicht-Aussiedler) den ultimativen Integrationstest machen. Ich habe ihn schon hinter mir und musste schmunzeln. Beim ersten Mal habe ich es  noch auf eine Prozentzahl von über 80 geschafft. Aber heute bin ich nur bis 42 % gekommen. Fast schon ein Grund, wieder auszuwandern.

Wenn man auf der Page landet, einfach nach oben scrollen, der Test ist der erste Text der Seite.

Ganze 15 Fragen zeigen an, ob man in Deutschland angekommen ist. Das ist eine einmalige Gelegenheit, auch für sogenannte Hiesige, mal zu prüfen, wie deutsch sie eigentlich sind.

Der blog ist einige Jahre alt, aber die Stories, die da noch drauf sind finde ich sehr erhellend und erheiternd.

Wer also außerdem wissen möchte wie …

– anno 2005 Gerhard Schröder Platz eins der Liste der berühmtesten Aussiedler belegte?

– ein gewitzter Aussieder fast eine neue Sprachreform angeschoben hätte?

– und Grigorij Samsonow sich über Nacht in einen Deutshcne verwandelt hat?

…kann sich auch die Geschichtensammlung durchlesen, die dem Integrationstest angeschlossen ist.

Lüstig.

Kriegskinder und Kriegsenkel – die Bücher von Sabine Bode

Wer sich in unserem Land mit Kriegstraumata beschäftigt, kommt an der Kölner Autorin Sabine Bode nicht vorbei. Mit ihren Büchern „Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ und „Kriegsenkel – Erben der vergessenen Generation“ hat sie vor einigen Jahren die Diskussion um die langen Schatten des Zweiten Krieges angestoßen.

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Kinder bei der Essensausgabe. Ein Foto aus Oriannes Fund

Laut Bode haben Forscher herausgefunden, dass von den Betroffenen, rund ein Viertel das Erlebte nach kurzer Zeit verarbeitet hat, eine Hälfte nach einer längeren Zeit und ein Viertel unter immer wiederkehrenden Schüben leidet, die das Leben beeinträchtigen. Und von den Nachkommen lebt ebenfalls ein Teil störungsfrei. Doch ein Prozentsatz ist da, der doch was abgekriegt hat. Über die Verhaltensmuster in der Eltern-Kind-Beziehung. Über Kanäle, die nichts mit Erziehung und der Weitergabe von Geschichten zu tun haben.

Nein, am eigenen Leib haben wir, die danach geboren sind, nichts von den Schrecken des Krieges mitbekommen. Aber es gibt Mechanismen, die bewirken, dass die Gespenster der Vergangenheit noch nach Generationen in einer Familie nachhallen. Besonders wenn ein Teppich des Schweigens darüber gebreitet wurde,  so beschreibt es die Autorin in ihrem Buch.

Es sind Ängste, Blockaden, die aus heiterem Himmel auftauchen, unerklärliche Verhaltensweisen, bei manchen sogar chronische Krankheiten und wiederkehrende Alpträume vom Krieg. Bei der Lektüre des Buches über die Kriegsenkel habe ich oft gemerkt, denen geht’s wie mir. Nicht die Alpträume, davon werde ich verschont. Sie stehen sich oft im Weg. Genauso wie ich. Sie haben Angst, Fehler zu machen. Weil innerlich so ein Verbot herrscht falsche Entscheidungen zu treffen, denn in der Vergangenheit haben sich kleine Fehlentscheidungen als fatale Fehler erwiesen.

Vielleicht kann ich nicht alles, was in meinem Leben schiefläuft, darauf zurückführen ein Kriegsenkel zu sein, aber allein die Lektüre, hat schon zu so manchem Aha-Erlebnis geführt. Es hilft mir, mich mit Wohlwollen zu betrachten, wo ich mir früher Vorwürfe gemacht habe. Ich bin nicht allein. Ich muss nicht drüberbügeln und funktionieren. Denn da sind Leerstellen in meiner Seele, die hindern mich daran, vorwärts zu gehen. Es hat sich was eingenistet auch wenn die Geschichten von damals mehr als vage bleiben. Und ich bin nicht die Verursacherin, in mir wirkt sich aus, was da nicht hingehört.

Bei einem Vortrag von Sabine Bode habe ich mich einmal gemeldet und gefragt, ob sie auch was zu Russlanddeutschen und deren Kindern gemacht hat, genug unverarbeitetes Trauma wäre da ja vorhanden.

Doch leider meinte sie, sie habe sich noch nicht damit befasst und es wäre auch nicht ihre Aufgabe. Ich habe sie damals so verstanden, dass die Schicksale und Lebenswege dieser Menschen so weit entfernt sind von dem, womit sie sich auskennt. Sie ist bewandert in der bundesrepublikanischen und deutschen Geschichte und es wäre schon schwierig gewesen, die Bürger der ehemaligen DDR in das Projekt einzubinden. Und Russland, das würde ja ein ganz neues Fass aufmachen und darum müsste sich jemand anderes kümmern.

Schade. Ich glaube, dass man viele von den Phänomenen, die sie schildert, übertragen kann. Wenn auch nicht alle. Die starke Familienbindung unter den Deutschen aus Russland ist sicher einer der  Unterschiede. Denn die sogenannte schwarze Pädagogik der Johanna Harrer hat es nicht bis über den Ural geschafft. Es wäre auf jeden Fall spannend, das weiter zu verfolgen.

Oriannes Fund

Da ist eine Frau. Orianne. Sie geht auf den Flohmarkt und findet Alben mit alten Schwarzweißfotos, die deutsche Wehrmachtsangehörige in den Jahren 1941 bis 1943 größtensteils an der Ostfront gemacht haben. Viele sind in der Ukraine oder in Ostpolen aufgenommen worden. Sie digitalisiert sie und fängt an, sie am Computer zu kolorieren. Sie stellt die Bilder für alle einsehbar auf einer Geschichts-Webpage zur Verfügung. Unzählige Bilder sind es, so kommts mir vor.

1941 Ostfront Russland

Menschen vor Holzhäusern. Frauen mit Kopftuch, die Männer in ihren langen Hemden. Furashki, oder wie heißen sie noch mal, diese typischen Schirmmützen?

Bauernmädchen in bestickter Schürze, barfuß. Ganz viele einfach barfuß. Auch im Winter. Manchmal sehen sie westlicher, weniger russisch oder ukrainisch aus. Männer, die in einer Schlange stehen neben einem Lastwagen. Männer im Unterhemd beim Kartoffelschälen, im Hintergrund ein Akordionspieler. Dann welche mit Aluminiumschüsseln in der Hand. Essensausgabe? Sind es  deutsche Soldaten, doch was machen die Kinder dazwischen, mit Hosenträgern, neugierig. Diese Bilder lösen bei mir viele Fragen aus. Jedes einzelne erzählt eine Geschichte. Aufnahmen von entspannten Menschen, Kindern, die in die Kamera lächeln. Romakinder, polnische Dorfjungs, ukrainische Bauernkinder. Wenn man näher ranzoomt, ist die Kleidung zerschlissen, es gibt Löcher und fleckige Stellen.Wenn ich mich doch besser auskennen würde mit den Uniformen, wie die Menschen damals in Polen oder in Weißrussland ausgesehen haben. Bestimmt kann man anhand der Kleidung und der Details viel herauslesen.
Ich kann die Bilder einfach nur aufnehmen und mit vorstellen, wie es damals war. Abseits der Front. In den Pausen. In den ganz normalen alltäglichen Szenen, die es auch gegeben hat in jenen Jahren. Unheimlich finde ich diese Bilder und irgendwie tröstlich. So seltsam banal.

Vielleicht, wenn diese Bilder verbreitet werden, erkennt jemand wen darauf. Das wäre doch ein Hammer. Ein zufälliger Fund auf dem Flohmarkt und jemand siehts sich im Internet an und sagt, hey, das Foto das haben wir auch, das ist doch Edik.

Danke Orianne, dass du das mit uns teilst! Hier ist nur eine kleine sehr willkürliche Auswahl. Es war nicht das letzte Mal, dass ich deine Sammlung besucht habe!

Hier noch mal der Link: http://geschichte-wissen.de/blog/bilder-der-zivilbevoelkerung-an-der-ostfront-1941/

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1941 Polen

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das ist unterschrieben mit: auf der Flucht
1941 Russische Bevölkerung tanzt
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1941 Russland September
was schreibt er da?
Russland 1941 Bahnhof
Bevölkerung, die am Bahnhof Nahrungsmittel eintauscht.
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1941 bei Leningrad

1941 Ostfront Weissrussland

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Diese Kinder sehen aus, als wären sie unterwegs. Flucht?

In Tolstojs Schatten

Lew Tolstoj hätte heute Geburtstag gehabt. Seinen 186. Aber eigentlich möchte ich über seine Frau schreiben: Sofja Andrejewna Tolstaja, geb. Behrs.

Aber nicht weil sie deutscher Abstammung ist, auch wenn das in diesen blog passen würde. Sondern weil sie ihre große Begabung nicht ausleben konnte. Nicht in der Zeit und nicht mit diesem Mann. Obwohl oder vielleicht grade weil, er doch selbst Schriftsteller war. Und auch heute verschwindet sie völlig hinter dem Rücken ihres Tolstojs. Steht in seinem Schatten. Taucht nur am Rande in ihrer Rolle als keifende Chimäre auf.

Habe  vor einigen Wochen ihre Biografie gelesen und meine Aufzeichnungen von damals verlegt. Aber einiges weiß ich noch.

Übrigens gibt es da noch einen wundervollen Film über die beiden Eheleute: Ein russischer Sommer, von 2009, in den Hauptrollen Christopher Plummer und Hellen Mirren. Von Nichtrussen gedreht, dennoch sehenswert.

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Hellen Mirren in Ein russischer Sommer, von Michael Hoffmann

Sie war sehr begabt, viel jünger als ihr Mann und war über lange Zeit diejenige, die seine krakelige Schrift entziffert und ins Reine geschrieben hat, die für Struktur gesorgt hat in seinen Romanen wie im Haushalt. Alle zwei Jahre wurde sie schwanger. Viele Kinder hat sie verloren. Und sich am Ende von ihrem Mann, der der materiellen Welt und dem Reichtum den Rücken gekehrt hatte, anhören müssen, sie wäre darin verhaftet. Aber er hat ihr alle verlegerischen Geschäfte und alles was mit dem Haus und den Finanzen zu tun hatte, übertragen. Um frei zu sein, um sich nicht zu belasten. Ich weiß, er gehört für seine aufwieglerischen Gedanken geehrt. Aber ich finde es einfach bigott. Na gut, er hat sich bäurisch gekleidet, mit diesem Hamd und einem Strick. Und hat auch für sich selbst gekocht und hat so ärmlich gelebt, wie er gepredigt hat. Nur auf den Pudding, auf den mochte er nicht verzichten.

Zwei Romane und eine Briefsammlung sind von Sofia Andrejewna Tolstaja erschienen. Und die bereits erwähnte Biografie von Ursula Keller vor fünf Jahren.

Beim Lesen habe ich Bezüge geschaffen. Ahninnen von mir haben zeitgleich gelebt. Auf der russischen Seite könnte es sogar sein, im selben Ort. Teilweise zumindest. Denn dort, wo die Tolstojs ihr Sommerhaus hatten, in Samara, kam die Familie meines russischen Großvaters Nikolai her. Er wurde 1891 dort geboren. Und in dem Buch über Sofja Andrejewna, heißt es, genau in dem Jahr herrschte in Samara eine Hungersnot und die adeligen Tolstojs, insbesondere Sofja Andrejewna, haben ausgeholfen. Mit Lebensmitteln und damit, dass sie selbst angepackt haben, öffentliche Speisung für die Bedürftigen organisiert. Geld gesammelt, aber auch selbst gekocht. Über Wochen. Vielleicht gab es da eine Berührung? Aber über diesen Teil meiner Familie weiß ich so gut wie gar nichts. Wer weiß, ob sie nicht doch zum gehobenen Bürgertum gehört haben oder zum Kleinbürgertum, der später so heftig verfolgt wurde? Es heißt, bis auf meinen Großvater und seine Schwester sind alle an der Cholera gestorben, als die beiden Geschwister noch Kinder waren. Aber ich habe gelernt, solchen Familiengeschichten zu mißtrauen.

Doch auch ohne diesen Schnittpunkt in Zeit und Raum, ich habe verstanden, dass selbst eine gut erzogene, intelektuell ihrem Mann in nichts nachstehende Frau demselben Schicksal unterworfen sein kann wie eine ärmliche Bäuerin. Denn Lew Tolstoj, vielleicht in seinem „zurück zur Natur getrieben sein“, lehnte Schwangerschaftsverhütung strikt ab. Also hieß es für seine Frau schwanger werden, sechzehn Mal insgesamt, gebären, stillen, wickeln, wieder schwanger werden und dann am Grab der Kinder stehen. Von den dreizehn Kindern, die Sofia Andrejewna lebend geboren hatte, erreichten acht das Erwachsenleben. Und dazwischen die Arbeit am Werk ihres Mannes. Korrekturen, Verleger, Steit um Tantiemen. Gut diese Sorgen hatten meine Urgroßmütter und Großmütter nicht. Aber dass sie alle zwei Jahre ein Kind zur Welt brachten, war wohl die Norm damals. Und wenn es Lücken gibt in der Orgelpfeiffenreihe der Kinder, dann kann es nur bedeuten, dass ein Kind gestorben ist. Später haben sie nicht in Samara, sondern in der Nähe von Omsk gelebt. Und die Winter dort können sehr streng sein. Ich weiß von meiner Mama, dass ihre Mutter ihr noch nicht mal im Sommer erlaubt hatte, sockenfrei durch die Wiese zu laufen. Sie hatte so große Angst vor Erkältungskrankheiten. Meine Mutter war das Nesthäkchen, das einzige Mädchen nach vier Brüdern. Sprich, das einzige Mädchen, dass überlebt hat. Auf einem Foto, das meine Mutter als junges Mädchen zeigt und die Großmutter mit Tuch an ihrer Seite, hält Oma Vera sie fest umklammert und schaut stolz in die Kamera, von wegen, seht, ich habe es geschafft, dieses Kind hat es geschafft, es hat überlebt.

Ich musste selbst im Sommer mit Strumpfhosen rumlaufen, egal wie weit im Schrank ich sie versteckt habe. Und meine Tochter ist von allen Kindern das am wärmsten angezogene. Wenn ich am Schulhof bin, laufen alle im T-Shirt und sie hat ihre Jacke an. Weil Mama, also ich, es gesagt hat. Es setzt sich fort.

Und ich bin erstaunt, dass ich den Bogen über mehr als 150 Jahre von Lew Tolstoj bis zu Strumpfhosen im Sommer spannen kann. Nun denn.

 

Der Trailer:

 

Sag doch was auf Russisch!

Sag doch mal was auf Russisch. Mit diesem Satz werde ich bis heute konfrontiert, sobald jemand erfährt, woher ich stamme. Und ich bin jedes Mal wie paralysiert und weiß nicht, was ich sagen soll. Fühl mich wie ein Äffchen auf einer Spielorgel, das für ein paar Münzen ein Tänzchen aufführen soll. Klingarassa Bumm!

Möglicherweise könnten mir Menschen mit Migrationshintergrund einen Tipp geben. Die kennen das sicher auch. Vielleicht haben sie sich im Laufe der Jahre einen Satz zurechtgelegt, den sie bei solchen Gelegenheiten hervorholen, ohne nachdenken zu müssen. In Mandarin dann: Langnasen sind hilflose Deppen. Oder: Wenn ein Deutscher dich fragt, sag doch was auf Chinesisch/Türkisch/Russisch/Spanisch, dann lächle weise.

Das wäre doch witzig. Oder einen Zungenbrecher oder ein Kinderlied. B trawe ssedel kusnetschik zum Beispiel. Oder ein Gedicht von Majakowskij. Leider kenn ich keins davon auswendig und mit meinen Stehgreifsätzen auf Russisch ist es auch nicht weit her. Die Sonne ist ähem. gelb und der Himmel, nun, blau. Warum sollte ich sowas sagen? Was erwarten die Leute? Wer das fragt, ist doof. Kto  tak spaschiwaet, Durak! Ich bin unhöflich. Jemand wollte einfach nur freundlich sein. Sich nett fühlen, weil er etwas gefragt hat, das dich betrifft. Wie anbiedernd das aber ist, das merken sie nicht. Dass sie dich auf das Einzige zurückwerfen, das dich von ihnen unterscheidet. Du bist fremd. Du gehörst nicht hierher. Aber ich sollte froh sein, dass das so subtil geschieht. Dass ich nicht eins mit dem Schürhaken übern Schädel kriege. Oder gesteinigt werde. Oder zusammengeschlagen, wie andere Mitbürger mit Migrationshintergrund. Da ist es noch annehmbar, dass du mitten in einem Gespräch umswitchen musst. Und auf dein Anderssein geworfen wirst.

Aber ich gebe zu, wenn wirkliches Interesse da ist und jemand fragt, wie war deine Kindheit dort, erzähl ich es gerne. Wenn sie unbedingt hören wollen, wie Russisch klingt, sollen sie sich eine Sprachkassette besorgen oder auf Youtube Nationalhymne Russland eingeben.

Ich weiß, was ich ab jetzt sagen werde: „Lübopittnoj Warware nos atarwali!“ (Der neugierigen Barbara haben sie die Nase abgerissen, das ist so ein Totschlagsatz für Kinder, oder gegen Kinder, im Sinne von: „Kinder mit Willen kriegen was auf die Brillen.“) Aber dann werden sie schlucken und mich für unhöflich halten.

Da war mal dieser arme Typ auf einer Party, ich stand mal ne halbe Stunde neben ihm. Zugegeben, er war sehr groß, aber alle paar Minuten, meinte jeder, wirklich jeder, der an ihm vorbeikam, fragen zu müssen, ob er nicht Probleme hätte, ein Bett zu finden, das groß genug ist, besonders auf Reisen. Mit dem selben Satzbau und derselben Satzmelodie sogar. Faszinierend. Das ist Ameisendenken. Aber jeder glaubt, er fragt es das erste und einzige Mal. Dass ihm ein origineller, witziger Satz eingefallen ist.

Ich muss mich jedenfalls immer fremd schämen, wenn Spanier gefragt werden, ob sie Flamenco tanzen. Oder zum Stierkampf Stellung beziehen sollen. Ich werde immer auf Wodka angesprochen, das ist auch nicht besser. Es gab Zeiten, da haben mir die Leute gesagt, ihr Traum wäre, mal mit der Transsib bis nach China zu fahren. Dann vor zehn Jahren kam der Satz , dass sie jemanden kennen, der das Mal gemacht hat. Neuerdings sind wohl alle, die das wollten, bereits mit der transsibirischen Eisenbahn unterwegs gewesen, und ich werde nur noch mit Wodka in Verbindung gebracht. Man sieht es mir wohl an, dass ich jeden Lastwagenfahrer unter den Tisch trinken kann. Früher habe ich gesagt, ich mag keinen Wodka, habe eine Diskussion über Vorurteile vom Zaun gebrochen oder gesagt, ich trinke lieber Rotwein. Schön trocken. Heute habe ich mir angewöhnt, feinsinnig zu lächeln und so zu tun, als könne ich unheimlich viel wegkippen. Genetisch bedingt. Ich kann auf Knopfdruck sogar einige andere Vorurteile über Russland und Russen bestätigen. Dann ist mein Gegenüber glücklich und wir können zu anderen Themen übergehen.

Nur einmal wars unangenehm. Der damalige Freund einer Freundin. Wir waren Mitte zwanzig und studierten noch, er war über dreißig und Koch. Er hat erzählt, in welchem schlimmen Zustand die Russen die Kasernen zurückgelassen haben, die aus dem ehemaligen Gebiet der DDR abgezogen worden sind. Das mag ja sein. Aber er hat noch weiter gemacht und erzählt: „Wenn die in den Westen kommen, dann gibt’s erst Mal nen Kulturschock. Und sie waschen ihre Kartoffeln in der Kloschüssel und freuen sich über das Fließendwasser darin.“ Ich konnte ihm nichts entgegnen, so sprachlos war ich. Aber es hat mich lange verfolgt, dass einer mir genau sowas erzählt, nachdem er erfährt, woher ich komme.

Wenn du dich im Ausland als Deutscher ausgibst, kommt immer was mit Hitler. Oft erschreckend positiv besetzt.  Nach dem Motto: Das war noch einer, der Ordnung geschaffen hat. Also was Vorurteile angeht, sind die anderen Menschen nicht besser. In den USA hat eine Frau ganz langsam und laut angefangen auf mich einzureden, als ob ich auf diese Weise besser verstehe, was sie meint.

Ich kann mir im Ausland aussuchen, ob ich mich lieber als Deutsche ausgebe oder als Russin oder als Halbblut. Das kommt meist auf dasselbe raus. Nur in Polen, da muss man manchmal aufpassen. Das war in den neunziger Jahren, in einem Dorf in der Nähe von Krakau. Ich war mit einer internationalen Gruppe von Tai-Chi-lern unterwegs und wir haben uns auf Englisch verständigt. Leicht angetrunken, draußen vor einer Bar, es war ein lauschiger Sommerabend. Ein junge Typ aus der Bar sagte damals, die Deutschen, das sei schon schlimm, sie kommen hierher, nach allem was passiert ist und kaufen reihenweise den Polen die Häuser und Grundstücke weg. Aber die aller allerschlimmsten, das wären die Russen. Ihm soll bloß keiner von Ihnen unter die Augen kommen. Ich bin ganz still geworden und habe mich nicht enttarnt. Und als ich am drauffolgenden Tag versucht habe, in der Apotheke für einen Freund Kopfschmerztabletten zu kaufen, auf Russisch, weil ich dachte, das können die Polen im Notfall alle verstehen, wurde ich erst gar nicht bedient. Das waren sicher Ausnahmefälle und zu verdenken ist es den Leuten sicher nicht. Bei der Vergangenheit. Wir waren ja in der Gruppe auch mit Polen zusammen und die haben mich akzeptiert. Glaub ich.

Sag doch mal was auf Russisch, Max Scharnigg hat diesen Satz in einer Kolumne verarbeitet. Und ein Buch herausgegeben mit weiteren originellen Gesprächsrunden-Sätzen wie: Und was hörst du so für Musik? (Das Buch heißt: Das habe ich jetzt akustisch nicht verstanden und weitere 99 Sätze mit denen man durchs Leben kommt. hier der Link).

Er schlägt als Antwort folgenden Satz vor, der poetisch klingt und mal nicht nur ein Gähnen hervorruft:

Я встречал любовь моей жизни в светлый день июля около 5.30 часов вечера. Она сидела на осле цвета соломы и пахла жасмином и кока-колой!”

Tolle Idee das. Bedeutet: „Die Liebe meines Lebens traf ich an einem lichten Julitag gegen halb sechs Uhr abends. Sie saß auf einem strohblonden Esel und duftete nach Jasmin und Coca-Cola!“.