Geistermusik

Letztes Wochenende bei einem Sommerfest habe ich dieses Instrument das erste Mal live erlebt.

Im Frappant hat der Musiker Cyrus Ashrafi damit ein Konzert gegeben. Ein Kasten, ein Stab und wenn er die Hände bewegt hat, gabs diesen abgefahrenen, spacigen Sound.

Ich wusste noch dunkel, dass es mal einen russischen Wissenschaftler gab, der eins der ersten elektronischen Musikgeräte erfunden hat.

Lew Termen oder Leon Theremin, wie er sich später nannte, hat das nach ihm benannte Theremin zur Zeit der Avantgarde in Moskau erfunden. Ursprünglich auch als Ätherophon bekannt, war das Instrument ein Wegbereiter für spätere Synthesizer oder Drumcomputer.

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So hört es sich an: Lew Sergejewitsch himself

Und das Ding ist, Lew Sergejewitsch Termen, in St. Petersburg geboren, hatte französiche und deutsche Ahnen. Seine französischen Vorfahren stammen aus einem alten Adelsgeschlecht und sind als Jakobiner nach der französischen Revolution nach Russland geflohen. Über die deutsche Abstammung kann ich ad hoc nichts finden. Muss weiter graben. Gut, dass es in Moskau und St. Petersburg Deutsche gab, die den oberen Gesellschaftsschichten angehörten, ist ja bekannt. Und Leon Theremin hat auch nicht viel mit den Kolonisten gemein, die sich meist als Bauern und Handwerker in ländlichen Gebieten ansiedelten. Trotzdem ist für mich dieser Informationsfetzen es wert, gesammelt zu werden. Eine weitere Spur.

Auf einigen russischen Sites wird’s gar nicht erwähnt. Dass es Deutsche unter seinen Vorfahren gab, meine ich. Russischer Physiker. Wenns genehm ist, ist er natürlich ein Russe.

Das hat ihm jedoch auch nichts genützt. Nachdem er 1927 auf Welttournee ging und sich ein Jahr später in New York niederließ, kam er Ende der Dreißiger unter „ungeklärten Umständen“ in die Sowjetunion zurück und wurde in einen Gulag irgendwo in Sibirien verbannt. Wegen antisowjetischer Propaganda. (Im Westen galt er als verstorben, es gab keine Spur mehr von ihm.)
Später brachte man ihn in eine wissenschaftliche Akademie in Moskau für Gefangene, wo er für den russischen Geheimdienst Wanzen entwickeln durfte und 1952 sogar einen Stalinpreis dafür gewann. Erst 1990, im Zuge der Perestrojka, wurde er politisch rehabilitiert. 1993 starb Lew Sergejewitsch  Termen im Alter von 97 Jahren in Moskau.

Hier, wie es Leon Theremin spielt, der neben Physik auch Cello studiert hat.

Und hier wie es sich in der heutigen Zeit anhört, Cyrus Ashrafi in Concert.

 

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Die Eugenisierung schreitet voran!

Dass junge Aussiedler oft einen neuen eingedeutschten Namen verpasst kriegen, ist ja hinlänglich bekannt. Aus Aljöna wird Helena, aus Vitalij wird Walter und aus Sergej Sigfried oder Sigismund. Und aus dem in Russland allseits beliebten und sehr schnittigen Namen Jewgenij oder Shenja wird, na?  Eugen!

Dieses Phänomen hat ein junger Fotograf aus Berlin zum Anlass genommen ein sehr spannendes Projekt zu realisieren. Er heißt selbst Eugen, Eugen Litwinow.

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mehr unter: http://www.mein-name-ist-eugen.com

 

In seinem Buch stellt er Portraits von dreizehn jungen Männern vor, die ihren modernen Namen Jewgenij oder Shenja in Eugen umwandeln mussten, sobald sie nach Deutschland kamen. In Interviews befragt er sie über ihre Zeit in Russland und wie sie mit der Namensänderung leben. Und einige wissenswerte Tatsachen zum Namen Eugen werden ebenfalls erwähnt. Dieses Buch ist für alle Eugens ein Muss, für alle anderen ein Vergnügen!

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© Eugen Litwinow

 

Nemez – ein Kinofilm von Stanislav Güntner

Gesehen gestern im Rahmen des kleinen Fernsehspiels im Zweiten Deutschen Fernsehen.

Ein junger Russlanddeutscher, Dima, lässt sich in Berlin auf kriminelle Machenschaften ein. Er arbeitet für den georgischen Kunstdieb Georgij, der ihm den Spitznamen „Nemez“ gibt. Dima wird erwischt und landet im Gefängnis. Wieder draußen, verliebt er sich in die Kunststudentin Nadja (nur der Name ist russisch) und sucht einen Weg mit der Vergangenheit als Kunstdieb abzuschließen, die ihn immer wieder einholt.

Wir erfahren, dass er den Einbruch nur mitgemacht hat, um seinem Vater, der Geologe ist und in Berlin als Taxifahrer arbeitet, das nötige Startkapital zu beschaffen, damit er ein eigenes Taxiunternehmen gründen kann. Doch der hat eh andere Pläne, er will zurück nach Russland, will wieder in seinem Beruf arbeiten.

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© Filmschaft Maas & Füllmich und Nominal Film

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ist der erste Film, den ich gesehen habe, in dem ein Russlanddeutscher die Hauptrolle spielt. Seine Herkunft und seine Konflikte werden leise und unaufdringlich thematisiert. Ich habe dennoch vieles wiedererkannt. Die Coolnes der Jungs, wie die Mutter ihm noch mehr auf den Teller tut. Pelmeni essen. Auch die Idee mit der Gefrierkammer. Schön.

Vielleicht kommt er so echt rüber, gerade weil der Film mit echten Russlanddeutschen, also (zum Teil) mit Laienschauspielern besetzt ist. Aber das sorgt auf jeden Fall für die nötige Authentizität. Man merkt, dass Regie und Drehbuch nicht von Leuten stammen, die die russische Seele nur aus Konsalikverfilmungen kennen und deutsche Schauspieler als Klischeerussen auftreten lassen, die mit einem aufgesetzten Akzent grammatikalisch korrekte aber typisch deutsche Sätze drechseln.

Für meinen Geschmack ist Dimas Grund, kriminell zu werden,  nämlich um das Leiden des Vaters zu beenden, einen Tick zu altruistisch.
Dennoch. Starke Bilder. Wie Dima sich an die Glocke hängt, das Motiv der Leiter, die durch den ganzen Film zieht. Starker Auftritt der beiden Hauptdarsteller.

Meine Mutter, die ebenfalls lange wachgeblieben ist, um ihn zu sehen, ist hellauf begeistert. Wie gut sie gespielt haben, Dima und Nadja auch. Sie erzählte mir am Telefon, nicht nur für deine Generation, für Leute meines Alters hat er auch was zu sagen, der Film. Für die Älteren. Da sieht man ja, wie stark die Kinder mit den Geschichten von den Eltern verwickelt sind.

Schade, dass ich nicht rechtzeitig gelesen hab, dass man über Twitter mit dem Regisseur Kontakt aufnehmen kann. Ich hätt ihn so einiges fragen können. Zum Beispiel wenn der Georgier Dima Nemez nennt, also Deutscher in Anlehnung an seine Herkunft, was ist mit den anderen Jungs, die er für seine Diebereien einspannt. Sind die denn keine Russlanddeutschen? Aber unwichtig. Spitznamen haben ihre eigenen Gesetze.

Was mich irritiert ist, dass die Mutter bei ihrem Sohn bleibt und den Mann ziehen lässt.

Ein russlanddeutsches Märchen. Ein edler Junge, gute Anlagen, der abgerutscht ist und seinen Weg sucht. Ich hätte dem Film vermutlich ein böseres Ende verpasst. Aber Dima kommt ja auch nicht ganz mit heiler Haut davon.

Das Aufbleiben hat sich gelohnt. Auch wenn ich es schade finde, dass dieser Film nicht um viertel nach acht läuft, außer auf einem Spartensender, den ich nicht reinbekomme.

Und auf ARD wurde fast zeitgleich eine Doku zum Thema Deutsche in Polen gezeigt. Sicherlich reiner Zufall. Die Programmdirektoren haben sich wohl kaum abgesprochen und gesagt, nun machen wir mal nen Vertriebenen/Aussiedler-Abend.

Nein, ich will mich nicht beschweren. Super.

mehr Infos

http://www.nemez-film.de/trailer.html

Harte Jungs

Harte Jungs
Frankfurter Tatort, „Wer das Schweigen bricht.“ Regie: Edward Berger/Drehbuch: Lars Krume

Ich muss mich berichtigen. Spätaussiedler kommen doch in den Medien vor. Wie gestern wieder beim Frankfurter Tatort. Es war zwar eine Wiederholung eines Tatorts vom April 2013, aber damals habe ich ihn nicht gesehen. Er spielte in einem Jugendknast und da dürfen Deutschrussen, wie wir mittlerweile genannt werden, bekanntlich nicht fehlen. Jurij und Sergej. Über und über tätowiert mit slavischen und religiösen Symbolen und nur am trainieren. Klitschkomäßig. Knallhart. Sie stehen unter Verdacht einen Libanesen gefoltert und umgebracht zu haben und Drogen haben sie auch bei Ihnen gefunden. Das einzige Wort, dass diese harten Jungs im Skript zu sagen haben, ist: „Eigenbedarf“,  mit rollemdem R natürlich. Diese Jungs zeigen alle Anzeichen der homo sovieticus Mentalität. Sie waren es am Ende doch nicht, Gott sei Dank, also das mit den Drogen natürlich schon, aber den Mord haben nicht sie begangen.

Wieso wird nicht mal ein ganzer Tatort genau über diese Typen gemacht und mit dem ganzen Milleu und dem Hintergrund? Wäre doch spannend. Für mich. Vielleicht für 99% der Bundesbürger nicht. Weil das Thema ja irgendwie nicht so öffentlich behandelt wird. Wo sie Borsch essen und „Nu Pogadi“ gucken, und wo ihre Oma bei einer Beerdigung noch die deutschen Lieder aus den Kolonien singt.
Aussiedler oder Deutschrussen (klingt irgendwie rauer als Russlanddeutsche, Russen mit nem deutschen Namen oder besser: Russen mit nem deutschen Schäferhund…) als kriminelle Drogendealer, das entspricht dem Bild in der Öffentlichkeit. Ich will jetzt nicht in Abrede stellen, dass sich unter den Spätaussiedlern kein Drogendealer befindet. Oder die Gründe und damit alles Soziologische aufrollen, das haben andere vor mir besser getan.
Es ist schade, dass nur dieser Splitter der ganzen Gruppe wahrgenommen wird. Die Krankenschwestern und die Ärztin in dem Film hätten auch in Karaganda oder Dnjepropetrovsk ihren Abschluss gemacht haben können. Aber nein. Nur die Knastis haben den Russen-Touch.

Gut, es gibt noch Nadeshda im Münsteraner Tatort. Ihre Eltern feiern exakt wie die Russen. Bloß in einer Kneipe (!?) und nicht zuhause. Sehr untypisch und zudem schlecht recherchiert. Ich habe da nichts von mir und meinen Leuten wiedererkannt. Nada. Niente. Nitschewo. Wer sie geschrieben hat, diese Rolle, hat wohl nicht soviel Ahnung. Sie hat nämlich gar keinen Hintergrund, weder einen Immigrations-, noch einen Deportations- noch einen sonstwie Background. Oder ist das das Gute? Ein positives Beispiel für eine gelungenen Integration? Na denn, dann ist ja alles gut. Oder wie Jurij oder Sergej sagen würden: Прикрасно!

„Die Flüsterer“ – eine Buchrezension

„Die Flüsterer“
Leben in Stalins Russland
von Orlando Figes, 2007

und sie liebten ihn doch...
So sah das offizielle Bild aus.

Dieses Buch ist ein geschichtliches Werk. Es hat 928 Seiten – ohne Anmerkungen und Glossar. Und liest sich dennoch wie ein Thriller. Mit Hunderten von Fällen.

Orlando Figes, ein Historiker aus London, der bereits mehrere Bücher über die russische Geschichte verfasst hat, widmet sich in diesem Werk der Stalinistischen Ära. Anhand von mündlichen Überlieferungen, privaten Archiven und Aufzeichnungen beleuchtet er, welche Auswirkungen das Regime auf das persönliche Leben der Beteiligten gehabt hat. Was es zum Beispiel bedeutet, wenn du als Kulakentochter durchkommen musst, welche Repressalien, welche Verluste und welche Traumata du durchstehst. Und wie die Menschen damit umgegangen sind. Wie es ist, in einer Kommunalwohnung zwischen Denunzianten zu leben, wenn ein paar Witze über das Sowjetsystem dir an die 10 Jahre Arbeitslager einbringen können. Nicht umsonst heißt das Buch „die Flüsteter“. Es beschreibt anschaulich, wie es dazu kommt, dass Menschen ihre Gedanken und Worte hüten. Dass sie, um zu überleben sich soweit anpassen, dass sie sogar vor sich selbst keine Kritik zulassen. Es ist nicht so simpel, wie ich immer gedacht habe, öffentlich folgt man der Konvention und im Privaten äußert man sich so wie man es wirklich empfindet. Nicht in den Dreißiger und Vierziger Jahren. Bis in die eigenen Gedanken zieht sich die parteikonforme Linie, einfach um nicht unter die Räder zu kommen. Vor den Kindern wird verheimlicht, wohin der Vater gekommen ist, vor dem Ehepartner die „beschädigte Biografie“ verschwiegen, und das womöglich über Jahrzehnte.
Besonders interessant ist, dass nicht nur die Opfer, sondern auch Wärter und sogenannte, teilweise nicht ganz freiwillige Denunzianten zu Wort kommen und das Leben und Wirken eines russischen Schriftstellers Konstantin Simonow den roten Faden des Buches bildet, der auf der Seite der Macht stand und solange der Diktator lebte, Stalins Favorit genannt wurde.

Orlando Figes geht hier auch auf die Übertragung von traumatischen Erlebnissen auf spätere Generationen ein, wenn auch nur am Rande.

Auch wenn die deutsche Minderheit nur auf einer Seite (immerhin!) mit einem Beispiel erwähnt wird, ist es ein wertvolles Buch, um sich ein Bild zu machen von der Stimmung (also den Greueltaten und Ungerechtigkeiten, die jeden treffen konnten) dieser Zeit. Es hilft die eigene Geschichte in einen Kontext zu setzen. Ich habe drei Wochen damit gelebt und bin sehr froh, darauf gestoßen zu sein. Es ist nützlich, aus einer jüngeren Generation zu kommen, die Beschreibungen sind so starker Tobak, dass sie einem den Atem nehmen können.

Es existiert eine Website (http://www.orlandofiges.com/ in englischer Sprache), auf der alle Fotos und Interviews eingesehen werden können, so stellt sie sich vor:

„Zwischen 2003 und 2006 haben drei Teams von der Memorial Stiftung in Moskau, St. Petersburg und Perm einige Hundert von Familien Archiven eingesehen (Briefe, Tagebücher, persönliche Notizen, Memoiren, Fotos und Gegenstände) die bisher von den Überlebenden des Stalinistischen Terrors in geheimen Schubladen oder unter den Matratzen überall in Russland versteckt wurden. In jeder dieser Familien wurden intensive Gespräche und Interviews mit den ältesten noch lebenden Familienmitgliedern, die noch fähig waren den Kontext dieser Zeugnisse zu erläutern und sie in einen Zusammmenhang zu der Familiengeschichte zu setzen, geführt. Dieses Buch ist eine einzigartige Darstellung der Dokumente und Zeugnisse über das private Leben in der Stalin Ära, die das Leben dieser Familien und einzelner Individuen beleuchtet.“