Jeden Tag ein Gedicht – 14. März

An der Mane*

Die Pappel vor meinem Hause
hat hoch ihre Arme gestreckt,
und hat mir zur Abendstunde
so manchen Gedanken geweckt.

Mein Häuschen steht still an der Mane,
mein Bruder lebt fern im Altai,
die älteste Schwester Marianne
an der Grenze der Mongolei.

Ich hab einen guten Kameraden,
mit dem ich die Schulbank gedrückt.
Er hat mir ein Brief vom Urale –
den ersten seit Jahren – geschickt.

In Karaganda in den Schachten
mein Onkel schon lange verweilt.
In Omsk, in Akmolinsk, in Frunse
sind drei meiner Tanten zerstreut.

Bekomm ich sie nochmals zu sehen?
Wer weiß es? Wohl kaum. Es ist weit.
Warum können wir in der Heimat
nicht weilen, wie andere Leut?

So sitz ich im Schatten der Pappel
und denk in den Abend hinein.
Zwar leb ich nicht schlecht an der Mane,
doch ist es nicht so, wie daheim.

Dominik Hollmann


*Mane, Nebenfluss des Jenisseij

Mana oder Mane ist ein Zufluss des Jenissej.
Vom Ural bis in die Mogolei – eine weitverstreute Verwandtschaft wird in diesem Poem besungen. Der blaue Wimpel legt den Standort des Dichters fest

Dominik Hollmann wäre im August dieses Jahres 120 Jahre alt geworden. Geboren ist er an einem anderen Fluss: an der Wolga in der Stadt Kamyschin. Viele seiner Gedichte entstanden in der Verbannung in Sibirien, er hat sich Zeit seines Lebens für die Wiederherstellung der deutschen Republik an der Wolga eingesetzt. Als Lehrer und Literat hat er trotz Zensur und zeitweiligem Schreibverbot die Kultur und das Schrifttum der Deutschen in der Sowjetunion gefördert. Er starb 1990 in seiner Heimatstadt Kamyschin, wohin er am Ende seines Lebens doch noch gezogen ist.

Das Gedicht stammt aus seinem Buch Ich schenk dir, Heimat, meine Lieder, das demnächst eine Neuauflage erfährt.

Ich schenk dir, Heimat, meine Lieder, Gedichte, Dominik Hollmann. Kamyschin, 1998. – 192 Seiten

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Jeden Tag ein Gedicht – 12. März

Sofa

lass uns ein neues Sofa kaufen
nassersandfarbig,
wir werden es zu- und
ausklappen,
werden uns darauf lieben,
Wein und Tee verschütten,
darauf springen.
und danach werden wir wie Kartenbuben liegen,
als ob wir wieder Kinder wären,
und unsere Fersen sind
keine mit Hornhaut beschlagenen Hufe.
lass uns ein neues Sofa anschaffen
wie Hollywooddarsteller
Inseln kaufen.
lass uns auf diesem Sofa am Meer heimisch werden,
welches der in uns verliebte Gott versalzen hat.

Sergej Tenjatnikow


Диван

давай купим новый диван
цвета мокрого песка
будем складывать его
и раскладывать
будем на нём любить друг дружку
проливать на него чай и вино
прыгать на нём
а потом лежать валетом
будто мы вновь дети
и наши пятки ещё не превратились
в мозолистые копытца
давай купим новый диван
как голливудские актёры
покупают себе острова
давай поселимся на этом диване у моря
пересоленного Богом от любви к нам

Сергей Тенятников


Aus dem Band:
„Aus deinem Auge schlüpft der Kuckuck“
Gedichte Russisch/Deutsch
Lychatz Verlag, 2017
ISBN: 9783942929462


Der Autor macht auf seinen Streifzügen Schnappschüsse, die ich euch und Ihnen nicht vorenthalten möchte. Sein Blick für feinste Nuancen, fürs Abseitige und Absurde kommt hierbei ebenso zutage wie in seiner Lyrik.



Er ist nicht hier, steht auf dem Sticker
Endlich raus aus dem Elend…
Die vier Buchstaben besagen: Poet
Stilleben in Blau

Jeden Tag ein Gedicht oder zwei – 11. März

FRIEDHOF AN DER WOLGA

Pflüge ziehen über die Gräber.
Die Toten liegen tiefer.
Die Gemeinde von einst – vertrieben.
Die Vorväter bleiben da…

DIE RUSSLANDDEUTSCHEN

Ihre Dörfer schweben
im Nebel der Vergangenheit.
Ihre Herden weiden
unter dem Horizont.
Die Glocken ihrer Kirchen
liegen in der Erde.
Was hält den verstreuten
Volksstamm zusammen?
Das Bewusstsein eines vor Jahrhunderten
begangenen Irrtums?
Die Träume der Väter?

Viktor Schnittke (1937-1994), aus „Die Stimmen des Schweigens“

 

Tagesgedicht – 10. März

überwinde meine dunkle
winterrinde die ich
wie einen mantel
um mich schlage

brich aus mir die
knospen das blühen
das fruchten lass
den sonnenstrahl sich für
mich verschwenden lass
den regen sich über mir
ausgießen und bodensinkend
für mich sterben

denn zu leben bin ich
bestimmt übers
wolkenweiß hinauszuwachsen
mit samenhoffen
um mich zu werfen

Lore Reimer


Lore Reimer, *1947 in Leninpol, Kirgisien, seit 1974 in Deutschland.

Jeden Tag ein Gedicht – 9. März

rosa kirschblueten
Sakura –  Japanische Kirschblüte

Zarte Lippen

Zarte Lippen öffnet die Sakura
für die Hummeln und den Frühlingswind.
Unhörbar verläuft in Stille – Dialog,
offensichtlich, unaufmerksam und geheim…

Die vielfältigen Rosetten – Augenriss
schauen da zum ersten und zum letzten Mal.
Strömen Münder edle Düfte aus –
leise Botschaft aus der Kirschenwelt…

Flattern bunte Wesen an dem Strauch.
Letzte Küsse sind besonders süß…
Unvermeidlich naht, oh naht das Abschiedsfest.
Abgeküsste Lippen blättern, blättern ab…

Heinrich Rahn


Aus der Feder von Heinrich Rahn stammen Romane wie „Der Jukagire“, „Aufzug Süd-Nord“ und „Die Birkeninsel“.

Jeden Tag ein Gedicht – 8. März

Tropfen vergangener Tage
sammelten sich in Gedichten,
in Schäfchenwolken des Glücks
mit sonnigen Zukunftsaussichten,
Regenwolken der Einsamkeit
mit drückender Stille der Nächte –
hellwach mittendrin,
schweißgebadet
mit zwei langsamen Tränen.
Erwartung,
erfrischender Regenschauer,
Tage mit Regenbögen…

Agnes Gossen


Aus Flügelschlag der Zeit, BMV Verlag Robert Burau, 2018
ISBN 978 3 94 7542 03 1

Hier geht es zu einer Rezension der Buches, mit mehr Gedichten der Autorin.

Jeden Tag ein Gedicht: 7. März

Dort will ich weinen durch die bitt’re Rinde,
mit meiner Krone rauschen früh und spät,
und so erzählen meinen Enkelkindern
von meinem Völkchen, das im Wind verweht.

Woldemar Herdt


Woldemar Herdt (re) hier mit David Neuwirt (mit Fotoapparat)

Woldemar Herdt (1917-1997) war ein sowjetdeutscher Dichter, geboren in Selmann an der Wolga. Vor dem Krieg war er Dorfschullehrer. Danach kam er als Verbannter ins Lager IwdelLAG im Ural, wo er als Bohrmeister gearbeitet hat. Es hieß, in der Verbannung hätten einige in Ermangelung von Papier auf der weichen Rinde der Birken geschrieben. Auf diesem Bild ist das nur unzureichend wiedergegeben…