Out of Karaganda

‚Ritas Leute‘ ist ein Dokuroman der Journalistin Ulla Lachauer von 2002. Karaganda und Kehl sind nur zwei der vielen Stationen der Familie Pauls, die mit dem Strom der Aussiedler nach Deutschland kommen. Die Autorin lernt die Studentin Rita Pauls Anfang der Neunziger kennen und mit ihr eine ihr fremde Welt und ein unbekanntes Stück deutscher Geschichte. Sie beschließt, die Lebenswege der Familie zurückzuverfolgen und darüber einer breiten Öffentlichkeit zu berichten. Lachauer wohnt Familienfesten bei, begleitet Rita, wenn diese als Sängerin auftritt und unterhält sich mit deren Großmutter. Die Journalistin besucht die russlanddeutsche Familie aber nicht nur in Kehl sondern reist mit Rita zu den Orten, die für die Familie von Bedeutung sind, darunter Karaganda in Kasachstan oder das ehemalige deutsche Dorf Lysanderhöh.
beautyful Karaganda at its best

In der ersten Hälfte war ich begeistert von Ulla Lachauers Buch. Es ist gut recherchiert und nah an den Menschen erzählt. Das einzige, was ich ihr vielleicht vorwerfen kann ist, dass sie die Familie Pauls zwar nicht direkt vorführt, aber als befremdliche  Exoten darstellt. Ihr Zugang zu unserem Thema erfolgt aus der Distanz, ist aber nicht despektierlich, dachte ich zunächst.

Und so früh, also schon Mitte der Neuziger hatte sich hier im Westen niemand so richtig für uns interessiert, dann kommt sie und begleitet eine junge Frau aus russlanddeutscher Familie in die verschiedenen Sphären ihrer Familiengeschichte. Nach Kasachstan in die Ukraine, nach Sibirien und auch nach Kanada.

Anfangs gibt es eine kurze Episode über den russischen Begriff Knochen waschen. (Мыть кости/косточки). An einer Stelle sagt Rita, sie war mit einer Freundin unterwegs, sie hätten „Knochen gewaschen“. Das ist eine russische Wendung und bedeutet so etwas wie Lästern, über jemanden herziehen. Im Deutschen gibt es eine ähnliche Redewendung: sich bis auf die Knochen blamieren.

Beim Lesen beschleicht mich der Eindruck, dass es keine echte Dokumentation ist, denn dafür positioniert sich die Autorin zu gern selbst zu den Neuankömmlingen und ihrer Lebensart. Sie bleibt nicht neutral und eigentich ist es ein Buch über sie selbst. Lachauer kann sich einfach nicht verkneifen zu urteilen und kann sich nicht in die Lage der Familie versetzen. Da ist Empathie, aber wir bleiben das für sie: unbegreifliche Fremdlinge. Aber ist es ein echtes Knöchelchen waschen? Wohl eher auch nicht.

Sie hat natürlich ein Recht darauf ein persönliches, nicht neutral beobachtendes Buch zu schreiben. Aber sie macht sich auch nicht die Mühe, Schlüsse zu ziehen, zwischen dem was diese Menschen erlebt haben und dem, wie sie drauf sind.

Zwischen der Autorin und ihren „Objekten“ tut sich immer mehr eine Kluft auf. Beispielsweise äußert sie sich fast beleidigt über das Desinteresse der russlanddeutschen Familie am Fall der Berliner Mauer 1989. Sie leben in ihrem eigene Universum und nehmen kaum Notiz davon. Das verübelt sie Ihnen sehr.
Erst habe ich es nicht glauben, dann nicht wahrhaben wollen, aber es ist so, bis heute: der dramatische, unblutige Zusammenbruch der Nachkriegsordnung ist für sie nebensächlich! Darin liegt – für mich – die schockierendste aller Fremdheiten zwischen den Pauls und mir. […], dass sie das Überwältigende, mit dem sie existenziell durch ihre Ausreise, verbunden sind, nicht mitdenken und mitempfinden können. Ich werde mich an diesen Herbst 1989 zeitlebens nicht ohne Herzklopfen erinnern können. S. 238

So what, sind die Pauls nicht erst 1989 ausgewandert? Dann haben sie sicher andere Sachen im Kopf gehabt als den Fall der Mauer. Und ich erinnere mich, politisch haben wir in der ersten Zeit auch wie unter einer Glocke gelebt. Nicht wie mündige Bürger, die sich aus Zeitung und TV über das Weltgeschehen informieren und es vor allem ständig kommentieren. Es wurden Manty gemacht. Es wurde sich getroffen. Deutschkurse besucht. Sich an die Bürokratie gewöhnt. Auch unsere Welt war überschaubar und schloss globale Ereignisse von weltbewegender Bedeutung aus.

An einer anderen Stelle fragt Lachauer, welchen Bezug die Russlanddeutschen zur Heimat hätten. Und wenn, dann wäre deren Heimat doch eindeutig an der Wolga. Was eher naiv und kurz gedacht ist und nicht für alle zutreffen kann. Diese und andere Bemerkungen führen sicher nicht dazu, dass dieses Buch von der community akzeptiert wird.

Vor Jahren muss ich das Buch schon einmal gelesen haben. Ich erinnere mich an die Bilder. Jedoch konnte ich damals mit dem Inhalt wohl nicht so viel anfangen. So lese ich es dieses Jahr wie zum ersten Mal. Gut, es ist überarbeitet, aber die Ausgabe von heute ist identisch mit meinem Taschenbuch von 2002.

Ich finde den geschichtlichen Rahmen, das Forschen nach der Verwandtschaft und was sie an den Orten wiederfinden höchst aufschlussreich. Vieles davon war selbst mir unbekannt.
Einiges war mir geläufig:

Die ersten Karagandiner waren Erdmenschen …S.129

Das soll bedeuten, die Verbannten, nicht nur Deutsche, wurden in der Steppe ausgesetzt, ohne Häuser, ohne Zelte oder Baracken. Sie haben sich Erdhütten gebuddelt und die erste Zeit unter der Erde gelebt.

So beschreibt sie die Entstehung und Entwicklung der Stadt Karaganda, die Zivil- und Kriegsgefangene in der kasachischen Steppe praktisch aus dem Nichts heraus gestampft haben. Sie lässt die Großmutter aus der Zeit nach der Revolution erzählen und vermittelt mir ein reiches Bild in einer deutschen Siedlung in diesen bewegten Zeiten. Vieles ist gut beobachtet, bis in die abweichenden Redewendungen und andere Sprachliche Blüten Ritas und ihrer Sippe.

wir sind anders – und unsere Tomaten auch. Karaganda

‚Karaganda‘ ist übrigens auch eine Tomatensorte. Im Buch geht es viel um Tomaten von dort. Ritas Mutter schafft es, eine Fleischtomate aus Kasachstan in Kehl heimisch zu machen.

Wie gesagt spätestens ab der Mitte des Buches, blieb beim Lesen ein schaler Nachgeschmack zurück. Besonders in der Art, in der sie uns als Gruppe bewertet. Distanziert freundlich, aber wie etwas gänzlich Fremdartiges. Wie Käfer in einem Reagenzglas.

Schon auf Seite 16 schreibt die Autorin über die „russische Nachtigall“, wie sie Rita nennt:

Bei aller Zuneigung blieb eine gegenseitige Scheu, das Bewusstsein des Ungewöhnlichen. Mein Mann und ich waren die einzigen „richtigen Deutschen“, mit denen Rita und Irene [eine Freundin] verkehrten. Sie waren die einzigen Russlanddeutschen, mit denen wir verkehrten.

Dabei beteuert Lachauer bei einem Interview in der Vereinszeitschrift der Landsmannschaft im Jahre 2004, sie möchte folgendes weitergeben, nämlich‚ dass es DIE Russlanddeutschen nicht gibt, sondern eine ungewöhnliche Vielzahl von Herkünften, Verhaltensweisen in der Sowjetzeit, Ausreisemotiven etc. Warum sie zu uns gehören, obwohl sie fast 200 Jahre in russischen Kontexten gelebt haben und viele die Sprache und Kultur ihrer deutschen Vorfahren verloren haben. Es geht darum, sich ganz konkret vorzustellen, was den Deutschen dort in der Stalin-Zeit widerfahren ist.‘

Sie plädiert für mehr ‚Verständnis für das Leben unter dieser östlichen Diktatur, den Alltag z.B. in einem Kolchos. Und natürlich sind solche Defizite nicht von heute auf morgen zu bewältigen, das ist eine Riesenherausforderung, das dauert, man braucht viel Geduld.‘

Um im selben Jahr genau diese Vereins-Zeitschrift in einem Artikel in DER ZEIT so vorzuführen: Im redaktionellen Teil von ‚Volk auf dem Weg‘ – der Titel nimmt Bezug auf die historische Wanderschaft – geht es um anderes. Im Wesentlichen um drei Punkte: 1. Wir sind deutsch! 2. Wir haben gelitten! 3. Wir bringen mehr ein, als wir kosten! Allmonatlich dieselbe Litanei, manchmal zornig, manchmal auch wie ein Schrei. Alles ist richtig und zugleich wirklichkeitsblind.

Sie scheint eine der wenigen zu sein, die diese Rückwärtsgewandtheit und das Pochen auf die nationale Zugehörigkeit so früh kritisiert hatte, die der LmDR und vielen ihrer Landsmänner eigen ist.  Was stört mich daran? Auch mich befremdet das ewige Pochen auf die nationale Zugehörigkeit und ich habe die ewige Opferrolle ebenfalls satt.

Aber es ist wohl nicht ganz so einfach. Außerdem sind in der jüngeren Generation andere Themen und andere Befindlichkeiten aufgetaucht. Die Beobachtungen von 2004 treffen nicht mehr in allen Punkten zu.

Als ich meinem Vater mein Exemplar des Buches zu lesen gab, hat er sich doch sehr aufgeregt über die Überheblichkeit der West-Autorin. Er fühlte sich schlicht verkannt. Nicht alle seien so, wie sie sie beschreibt. Das waren seine Worte. Sie hat sich eine einfach Familie herausgepickt, die auch in der Sowjetuinion unpolitisch war und erwartet, dass sie sich für so ein Ereignis wie die Wiedervereinigung mehr interessieren als die Setzlinge in ihrem Garten.

Auf jeden Fall ist das Buch ‚Ritas Leute‘ wohl eher nichts für die ältere Generation. Aber eine ausführliche Einführung in die Wanderungen der Russlanddeutschen und ein Bild davon, wie es war, als so viele von ihnen Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger nach Deutschland gekommen sind. Gefahr eines zu hohen Blutdrucks!

Die Pauls sind mit Häuschen und Garten, mit Oma und russischem Tante-Emma-Laden sicher eine Vorzeigefamilie. Was wäre passiert, wenn ich 1993 eine Autorin wie Ulla Lachauer getroffen und die sich für unsere Geschichte interessiert hätte? Welche Knöchelchen hätte sie bei uns gefunden?

Und was Rita Pauls betrifft, ich würde ja gern wissen, was sie heute so macht. Ihre digitale Spur verliert sich nach 2012. Ich würde sie fragen, wie sie das empfunden hat, dass Ulla Lachauer so über die Familie geschrieben hat. Das Verhältnis zu der Journalistin scheint seit 2004 sichtlich abgekühlt, sie hat sich anderen Themen zugewandt – nicht mehr über uns Erdmenschen geschrieben. Ob Rita immer noch singt?

Ulla Lachauer

Ritas Leute

Eine deutsch-russische Familiengeschichte

Rowohlt Verlag, Reinbek 2002
ISBN 9783498039103
Gebunden, 432 Seiten, 19,90 EUR

Eine Geschichte in drei Koffern

Ich packe meinen Koffer und lege hinein… drei Elefanten, eine Murmel, einen Sonnenschirm, die Stadt Wien, ….mit diesem Spiel vertreiben wir uns die Zeit auf langen Autofahrten.

Eigentlich hasse ich es, Koffer zu packen, mich überkommt jedes Mal eine regelrechte Panik, wenn ich es tun muss. Und doch kann die Geschichte meiner Familie anhand von drei Koffern erzählt werden. Einem Koffer mit Gewitterwolken über der Bucht von Riga, einem mit Unterhemden aus einem geplünderten Laden und einem, der randvoll gefüllt ist mit blassen Gesichtern aus Celluloid.

Der erste Koffer war ein hübsches Modell aus braunem Leder und gehörte Nina, die im letzten Krieg aus Lettland fliehen musste.

Sie packte ihren Koffer und legte hinein… ihr Tauftuch mit einigen getrockneten Tropfen aus dem Weihwasserbecken, eine Bluse zum Wechseln, einige alte Fotos. Keine drei Elefanten, und auch nicht die Stadt Wien, sondern die Ostseestadt Riga. Denn zwischen den Falten ihrer Bluse hatte sich etwas davon festgesetzt, der Geruch nach Trockenfisch und feinem Metallstaub. Die Rufe der Hafenarbeiter, das Bimmeln der Straßenbahn. Auf einer gemalten Miniatur, die sie ganz unten verstaut hatte, quollen dichte Gewitterwolken über der Bucht und der Petrikirche.

Als sie aus dem Haus trat, lag der Koffer seltsam leicht in ihrer Hand. Glatt und neu sah er aus, mit seinen glänzenden Metallecken. Nur ein einziges Buch hatte sie dabei, ein Lyrikbändchen von Rudolf Blaumann, der als Begründer der lettischen Literatur Rūdolfs Blaumanis genannt wurde.

Reisen mit leichtem Gepäck – nicht alle können das.

Irgendwann, viel später, als dieser Koffer über zwei Dutzend Bücher enthalten wird – ein Koffer voller Literatur – werden seine Flanken abgeschabt und fleckig aussehen und eine der Metallecken wird fehlen. Doch als Nina ihr Haus an der Valnu iela verlässt, ist seine Oberfläche makellos. Sie wird es schaffen, gemeinsam mit anderen, die den zahlreichen Trecks folgen. Sie wird mit ihrem kleinen Lederkoffer heil in Friedland ankommen, dem Aufnahmelager für Vertriebene aus dem Osten. Viel später wird sie sich von einem Maler in Öl porträtieren lassen, einen Buchhändler heiraten, Söhne in die Welt setzen und das braune Köfferchen mit Büchern füllen. Als Begrüßungsgeschenk für andere, die aus dem Osten anreisen. Für uns.

Doch zunächst kommt ein anderer Koffer ins Spiel. Ein blauer Pappkoffer aus der Stadt Dahme in Brandenburg.
In den letzten Tagen vor Kriegsende wurden zwei kleine Flüchtlingsjungen aus der Ukraine, einer davon mein Vater, Zeugen einer Plünderung. Eigentlich durften sie nicht aus dem Haus, wenn Bomben fielen. Die Mutter hatte es strengstens verboten. Doch die Gelegenheit war günstig und die Tiefflieger schon hinter dem Wald verschwunden. Es rauchte nur noch leicht aus den Kratern und den oberen Stockwerken.
Sie liefen über die Straße zu dem Laden mit dem zerbrochenen Schaufenster, darüber hing, halb abgerissen, das Schild „Herrenbekleidung“. Heiner, der ältere Bruder, schnappte sich einen Riesenkoffer und beide fingen an, wahllos Sachen hineinzustopfen.

Sie packten ihren Koffer und legten hinein … Hüte und Sockenhalter, Hosen und Jacken und einen ganzen Haufen gerippter Unterhemden. Was machte es schon, dass da Symbole der Wehrmacht draufgenäht waren? Die beiden Jungen achteten bloß darauf, dass keiner ihnen die Beute wegschnappte.

Kurze Zeit später haben sie die Stadt an der Dahme wieder verlassen, denn sie sollten repatriiert werden. Soldaten der Roten Armee verfrachteten die Brüder mit ihrer Mutter, zusammen mit den anderen Volksdeutschen in Züge, die in Richtung Osten fuhren. Der Vater der Familie, mein Großvater, war noch in Kriegsgefangenschaft. Erst viele Monate später würden sich ihre Wege wieder kreuzen. Irgendwo in Sibirien.

Als sie in die Waggons gestoßen wurden, dicht an dicht, klammerte sich mein fünfjähriger Vater an das blaue Gepäckstück, als ginge es um sein Leben. Er legte sich auch zum Schlafen darauf, seine Hand fest um den Griff gekrallt. Beide waren nicht länger als einen Meter – der Koffer und das Kind.

Später, in der Sondersiedlung, sollte die Beute aus dem Laden ihre Rettung werden. Ein Filzhut mit Feder, eingetauscht gegen ein halbes Dutzend Eier. Ein kariertes Jackett gegen einen Laib Brot. Und nachts saß die Mutter beim Schein der Kerosinlampe und trennte die verräterischen Aufnäher von den Hemden ab. Die abgelösten Zeichen zischten im Ofen und brannten so langsam, dass die Brüder Angst bekamen, jemand könnte sie erwischen. Doch sie hatten Glück, und nach zwei Jahren war alles in Nahrung umgewandelt, bis auf den letzten Faden. Der Koffer wurde von Behausung zu Behausung mitgeschleppt, auch als die Kommandaturaufsicht aufgehoben wurde und die Mutter starb. Als der Koffer in seine Einzelteile zerfiel, warf mein Großvater das alte Pappding einfach weg.

Der Koffer Nummer drei legte wieder dieselbe Strecke in umgekehrter Richtung zurück – von Ost nach West..

An Lenins 110. Geburtstag waren wir in Moskau zwischengelandet, um in ein Flugzeug nach Frankfurt umzusteigen. Frankfurt/BRD. Wir waren zu viert und reisten mit leichtem Gepäck. Alles andere wurde vor der Abreise veräußert, meistens verschenkt. Im Westen könnt ihr eh nichts mit diesem Barachlo, diesem sowjetischen Ramsch anfangen, hatte man uns gesagt.

So packten wir unseren Koffer und legten hinein – unser ganzes Leben. Ach was, mehrere Leben. Denn der handliche Koffer sowjetischer Fabrikation war bis zum Rand gefüllt mit Familienfotos.

Auf einem stehe ich am Schulportal mit weißer Schürze und Blumen für die Lehrerin. Ein anderes Bild zeigt meine mehlbestäubte, lachende Mutter in der Sommerküche beim Ausrollen von Teig für Manty. Auf einer fast verblassten Aufnahme sitzt Großvater auf einem Pferdekarren vor einer Baracke der Sondersiedlung. Hunderte von Babyfotos, Gruppenbildern, Hochzeiten, Geburtstagen, Beerdigungen, fast ein Jahrhundert der Fotografie. Die älteste Aufnahme ist von 1907 und zeigt drei ernste Damen vor einer gemalten Landschaft, die Taillen von breiten schwarzen Gürteln gehalten. Alle Fotos sind schwarzweiß, auch die aus der jüngeren Zeit. Viele hat mein Vater in seiner mobilen Dunkelkammer selbst vergrößert.

Die Taillen mit breiten schwarzen Gürteln gehalten.

Und ebendieser Koffer war bei der Landung in Frankfurt verschollen. Einfach weg. Es hieß, er wäre aus Versehen in Moskau geblieben und könne erst später nachgeschickt werden. So, als hätten sich die Geister derjenigen, die auf den Bildern abgelichtet waren, vom Fotokarton gelöst, weil sie noch etwas in Russland zu erledigen gehabt hätten. Vielleicht sind sie ins Mausoleum geglitten, an den Wachen vorbei zu der Leiche des Mannes, dessen Geburtstag draußen nicht mehr ganz so frenetisch wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren abgefeiert wurde. Sie dachten auch an den mächtigen Schnurrbart des anderen, der so viele Tote auf dem Gewissen hatte und dessen eigener Tod 1953 kollektiv beweint werden musste. Diese beiden Politgiganten hatten ihnen also soviel Verdruss bereitet. Die Geister meiner Vorfahren betrachteten die Wollmäuse in den stillen Ecken des Mausoleums und brachen in ein stimmloses Gelächter aus.

Noch lieber hätte ich es gesehen, wenn sie mit dem Gepäck versehentlich in ein anderes Flugzeug gekommen wären und endlich die weite Welt gesehen hätten. Oder wenigstens Paris.

Am unserem letzten Tag im Aufnahmelager bekamen wir den Koffer fast vollständig zurück. Von den Gesichtern auf den Fotos fehlte kein einziges. Lediglich das schwere Kruzifix aus dunklem Holz, das mein Vater einst selbst geschnitzt hatte, blieb verschwunden.

Zwanzig Jahre später waren die Bilder sicher in Alben und Kisten verwahrt, doch der Koffer wurde entsorgt, als der Keller ausgeräumt werden musste.

Den anderen kleinen Lederkoffer, den aus Riga, der mit Büchern gefüllt war, hatte ich fast vergessen. Irgendwann fiel mir ein Büchlein in die Hände, auf dessen Vorsatzblatt ein Name auf kyrillisch geschrieben war. Нина. Nina.

Nina hatte den Koffer mitgebracht, als unsere gesenkten Blicke noch voller Staunen über die Wunder der westlichen Zivilisation waren und unsere Klamotten von der Sammelstelle des roten Kreuzes. Sie kam uns mit ihrem Mann besuchen und hatte die Dichter im Gepäck. Vergilbte Bändchen von längst vergessenen Romreisen im Schnee, Gedichte über weiche Auen und Märchen von kaltherzigen Riesen, die ihre Gärten lieber für sich behalten wollten.

So kam es, dass ich Orwells Science-Fiction-Roman noch vor 1984 las und mir die schillernde Attitüde eines Oscar Wilde vertrauter vorkam als das Leben der Kleinstädter, die uns umgaben. Auch russische Klassiker waren dabei. „Die toten Seelen“, „Die Brüder Karamasow“, oft angefangen und wieder beiseite gelegt. Irgendwann habe ich den Koffer mit dem notdürftig geklebtem Griff fast vollständig ausgelesen. Seite für Seite habe ich den Inhalt in Nahrung umgewandelt. So wie meine Großmutter die Wehrmachtsunterhemden in Eier und Brot.

Doch die hohe Kunst, das ganze Leben in einen Koffer zu packen, beherrsche ich immer noch nicht. Mich überkommt immer noch diese Panik, wenn ich packen muss. Meist nehme ich für drei Tage so viel mit wie andere für drei Wochen. Ob es anderen Menschen mit einem Deportations-Hintergrund auch so geht?

Ich packe meinen Koffer und lege hinein… ein geripptes Unterhemd mit dem Abzeichen eines verlorenen Krieges, eine verblasste Aufnahme mit weißgezackten Rändern, den Kieferngeruch der Rigaer Bucht, einige Zeilen aus Dorian Gray und die Vorstellung von einem schlafenden Jungen auf einem Koffer aus blauer Pappe.

Brief an meine Großmutter

Liebe Großmutter, liebe Oma Melitta,

Liebe Großmutter, liebe Oma Melitta,

ich nenne dich Oma, dabei bist du jünger gewesen als ich jetzt, als du gestorben bist. Ich nenne dich Oma, dabei habe ich dich nie kennengelernt, leider. Du warst kaum 42 als du in dieses Krankenhaus gekommen bist in Tadschikistan, Duschanbe hieß die Stadt. Eine Magen-OP. Und am nächsten morgen hat dir eine Hilfskraft, die nicht lesen konnte, was zu trinken gegeben. Dabei stand auf dem Patientenblatt ausdrücklich, kein Wasser. 1957 war das. Die Kommandatur war grade aufgehoben worden und ihr konntet das Arbeitslager, die Sondersiedlung in Sibirien nach zwölf Jahren endlich verlassen. Keine 42 bist du geworden, und hattest sechs Kinder. Die jüngste grade mal zwei. Meine Tante. Sie ist jetzt auch schon viel älter als du es warst und wirklich Großmutter geworden.

Du hast Schlimmes erlebt und Schlimmes gesehen. Und ich, ich schreibe über Trauma und bin nicht traumatisiert. Ich schreibe über meine Ahnen und kenne sie kaum. Ich schreibe über ein Dorf in der Ukraine, wo du gelebt hast, vielleicht sogar in dem du geboren bist und ich war nie dort gewesen. Und wie sich die Situation dort grade entwickelt, werde ich so schnell auch nicht dahin kommen. Mit dem Krieg. Mit den ganzen militärischen Eingriffen und Menschen, die fliehen.

Mein ganzes Projekt kommt mir vor wie ein Strohfeuer. Eine Sammlung von losen Blättern. Nichts Beständiges. Nur Flecken von Wissen auf einem gigantischen Tuch. Wie das ganze Leben, eine Ansammlung von Flecken auf der Hose. Das ist ein Spruch, den mal ein Großvater geprägt hat, irgendein Großvater, nicht meiner.

Was weiß ich von dir? Außer dass alle deine Kinder dich verehren. Du bist früh Waise geworden. Mit fünf wurdest du einer anderen Familie anvertraut, Bauern, weil deine Eltern beide innerhalb von kürzester Zeit an Typhus gestorben sind. Deine Schwester kam in eine Lehrerfamilie, du auf den Bauernhof, wo du schuften musstest. Aber auch viel gelernt hast. Haushalt und Kochen, wie man melkt. Durftest du auch Kind sein? Gab es Pausen in denen du mit den anderen Kindern der Familie gespielt hast oder war alles streng und grau und Arbeit? Es gibt keinen mehr, der mir das erzählen kann. Ich habe deine Schwester Irma kennengelernt, da war ich knapp über zwanzig, aber meinst du ich hab sie damals gefragt? Jetzt ist sie tot. Fast alle aus deiner Generation. Neulich ist ein Kind aus Maries Klasse zum 100. Geburtstag von ihrer Uroma gefahren. Aber in unserer Familie ist keiner 100. Zu viel passiert. Zu schlecht gelebt.

Gab es auch lichte Zeiten? Warst du in deiner Jugend mal außerhalb des Kolonie? Bist du bis nach Odessa gekommen? Ich hab gehört, dort war in den 30iger Jahren Jazz-mäßig unglaublich viel los. Aber hast du dir aus Jazz überhaupt was gemacht? 1935 habt ihr geheiratet. Der Opa und du. Es gibt kein Foto, nichts, was mich an dich erinnert als du jung warst. Du hast deinen Kindern Namen gegeben, die nicht typisch waren in der Kolonie. Sonst wurden die alten Namen weitervererbt. Jakob und Johann und Daniel. Wenn du wüsstest, dass sie seit einigen Jahren so en vogue sind, dass man sie in den Städten auf allen Spielplätzen hört. Auch Emil. Vor zwanzig Jahren undenkbar. Daniel war eigentlich schon länger in. Aber du, du hast diese Tradition unterbrochen. Andere junge Frauen auch und ihr habt euren Kindern für die damalige Zeit moderne Namen gegeben. Willi und Kurt und Walter, Nelli und Erika. Woher kanntet iht sie? Wart ihr doch nicht so abgeschnitten? Gab es Radio aus dem Mutterland? Oder irgendwelche Magazine? Habt ihr eine deutsche Zeitung gelesen? Oder ist es über morphogenetische Felder zu euch herüber geschwappt, was grad Mode ist in Europa.
Du wirst nicht wissen was das ist, morphogenetische Felder von Rupert Sheldrake. Ich fürchte, wenn wir uns gekannt hätten, hätten wir uns nicht so richtig viel zu sagen gehabt. Du hast deine Kinder streng und konsequent erzogen, sagen deine Töchter, du hast alles beisammen gehalten. Die Familie, die beweglichen Güter, deine Gedanken. Aber nachts, hat mein Vater erzählt, nachts hast du dich immer in den Schlaf geweint.

Ich hätte dich gern kennengelernt, auch wenn ich fürchte, dass du meine chaotische Ader, mein mit dem Kopf-in-den-Wolkentum nicht gut heißen würdest. Aber wer weiß?

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Meine Oma kurz vor der Verschleppung mit ihren beiden ältesten Söhnen.

Wenn ich Bilder von dir sehe, es gibt welche aus den Vierzigern, beim Fotografen aufgenommen, mit Bluse uns Brosche, du bist wunderschön, noch jung. Aber mit traurigem Blick. Damals in dieser Ostdeutschen Grenzstadt, ihr habt es geschafft, nach Deutschland zu kommen und du hast in einem Kindergarten als Köchin gearbeitet. Drei deiner Kinder bei dir, drei, die überlebt haben. Und du hast drauf gewartet, dass dein Mann aus der Gefangenschaft zurückkommt. Ihr hattet schon die Fahrkarten in den Westen heißt es, und du hast die beiden großen Jungs täglich raus geschickt, Ausschau halten, ob nicht bei den Kolonnen der Gefangenen, die durch die Stadt stolperten, der Papa dabei wäre. Einen Tag zu lang hast du gezögert. Denn dann kam die rote Armee und alles wurde anders.

Mein Leben verlief unbeschwert. Relativ gesehen. Ich habe einen Kulturschock erlitten. Das ja, ich bin von einer unerklärlichen Krankheit befallen worden und fast erblindet, aber ich habe nicht erlebt, dass mir meine Kinder unter der Hand wegsterben. Ich habe nicht in den Wäldern Holzhacken müssen für keinen Lohn. Als Sklavin der Sieger des Großen Vaterländischen Krieges. Und ich wurde auch nicht von einem Angehörigen der Befreiungsarmee vergewaltigt, während er die Pistole auf meinen fünfjährigen Sohn gehalten hat. Ich kannte die Geschichte mit zwanzig. Und ich habe gezittert anfangs, weil mir der sexuelle Akt nie anders als eine mit Pistole erzwungene Vergewaltigung vorkam. Lange Zeit nicht. Bis ich mich entspannen konnte, weil ich ja in Friedenszeiten lebe. In einer promiskuitiven Gesellschaft, Postachtundsechziger und per se nicht prüde oder verklemmt. Angeblich. Und den älteren Frauen habe ich in meiner Jugend immer ins Gesicht geschaut und mir vorgestellt, wie sie wohl mit fünfzehn oder zwanzig oder fünfundzwanzig ausgesehen haben mochten, als der Krieg vorbei war und ob sie sich rechtzeitig haben retten können, in irgendein Kellerloch oder in den Wald. Aber oft habe ich gedacht, nein, nicht geschafft, sie ist wohl vergewaltigt worden. Und jetzt steigt sie hier aus der Straßenbahn, die Haare leicht lila verfärbt und in beigen Klamotten. Unauffällig. Eine Tarnung.

Aber jetzt kann ich Frauen ansehen, ohne an Vergewaltigung zu denken. Vielleicht liegt es auch daran, dass aus deiner Generation kaum mehr wer übrig ist. Höchstens noch die, die den Krieg als Kinder erlebt haben. Und die hattens auch schlimm. Das weiß ich.

Und stell dir vor. Es ist wieder Krieg in der Ukraine. Als hättest du nicht genug geweint.

 

Das verschwundene Dorf

Den Plan des Dorfes Eigental habe ich von der älteren Cousine meines Vaters, mütterlicherseits geschickt bekommen. Und die wiederum hat ihn von einer anderen Cousine. Eines Tages tauchte diese schematische Skizze einer Siedlung aus dem Hinterland des Schwarzen Meeres, unweit von Odessa, bei mir auf. Eine Momentaufnahme des Zustands irgendwann zwischen 1941 und 1942. Auf jeden Fall knapp vor der Auflösung der Dorfgemeinschaft. Hausnummern und Namen, der Obstgarten, die Hühnerfarm, und zwischen den Wohnhäusern, die Schule und die Kolchose. Auf den ersten Blick ist es ein abstraktes Gebilde, genau wie ein Stammbaum. Für mich ist es ein kostbarer Schatz. Bis vor einigen Jahren, war Eigental einfach nur ein Name für mich. Ein Name, den mein Vater stolz genannt oder geschrieben hat, weil es für ihn wichtig war zu betonen, dass er zwar in der Ukraine, aber in einer deutschen Kolonie geboren wurde.

Lange Zeit wusste ich noch nicht mal, wo dieses Dorf überhaupt liegt, bis ich es mal auf Internetkarten gesucht habe. Und dann kam dieser Plan.

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Auf den ersten Blick ein idyllisches Dörfchen: Eigental in der Kronauregion

Heute heißt Eigental Ольгине, und befindet sich in der Херсонська область, Україна. Meine Großeltern haben ihr Haus dort irgendwann Mitte der dreißiger Jahre gebaut. Ich stelle mir das Leben dort schön vor, mit Wasserholen am Dorfbrunnen, morgentlichem Kühemelken, Kindern, die überall dazwischen laufen. Holz wird gehackt, Eier aus dem Hühnerstall geholt. Und am Sonntag Zuckakucha gebacken, eine Art Streuselkuchen oder Strudel. Abends spielt jemand auf der Mundharmonika auf. Mein Vater kennt noch eine Melodie, die er immer und immer wieder auf seiner Mundharmonika spielt, ein Tanzlied, etwas melancholisch vielleicht.

Viele der Namen in den Kästchen kenne ich, denn die Leute sind mit uns verschwägert oder verwandt. Sie tauchen in Familienerzählungen auf. Und ich weiß auch von einigen Nachkommen, wo sie mittlerweile leben. In Deutschland meine ich.

Eines Tages habe ich mir den Zettel einfach geschnappt und bin damit auf die Suche gegangen. Nicht in echt gereist. Nein. In die Tiefen der Archive und mit dem Finger auf der Landkarte. Es gibt eine Archivseite (http://www.odessa3.org), die sogenannte war reports enthält. Ich vermute, dass sie amerikanische Truppen im oder nach dem zweiten WK aufgestellt haben. Darum ist alles auf Englisch. Ich habe Listen ausfindig gemacht, mit Namen und Alter der Hausbewohner, dem Jahr der Hochzeit und wie alt sie bei der Eheschließung waren, Anzahl der Kinder zum Zeitpunkt der Befragung. Zahl der gestorbenen Kinder. Und einer Spalte für Bemerkungen.

Und diese Spalte hats in sich. Bei ungefähr 80% der Familien stand: husband banished (Ehemann verbannt) im Wechsel mit husband kidnapped (Ehemann entführt), manchmal stand da auch husband and children starved to death (Ehemann und Kinder verhungert). Ganz selten war vermerkt, dass auch die Ehefrau gestorben war, noch seltener war jemand geschieden oder eben nicht verheiratet.

Ich habe versucht, die Namen den Häusern zuzuordnen. Hinter den meisten Abkürzungen verbargen sich Namen von Frauen, Witwen, die allein mit ihren Kindern in den Häusern lebten. Es war also längst keine Dorfidylle mehr, auch vor dem Krieg nicht. Diese Spalte für zusätzliche Notizen erzählt mehr als nur Fakten. Sie zeigt die Auswirkungen der Politik des Zentralkomittees unter Stalin. Damals wurden alle Deutschen vorsorglich in Sippenhaft genommen, weil sie angeblich Spione des deutschen Reiches, zuerst kapitalistische und später dann faschistische, versteckt hielten. Diese Männer wurden ohne viel Federlesens in die Trudarmia geschickt, eine Arbeitsarmee, um in entlegenen Gebieten Staudämme zu bauen, Mineralien zu schöpfen oder Sümpfe trockenzulegen, um danach ganze Städte zu errichten. Die wenigsten haben überlebt. Und diejenigen, die überlebt haben, wurden nach dem Krieg wieder deportiert. Aus anderen Gründen.

Und nun liegt dieser Plan in meinen Händen. Die Namen, die Hausnummern, die Hühnerfarm, die Dorfstraße.

Wenn ich das alles anschaue, kann ich nichts von dem Leid wieder gut machen. Das weiß ich. All diesen Menschen nützt es nichts, wenn auch ich traurig werde. Aber es ist wichtig, sie zu würdigen. Das, was sie erlebt haben nicht einfach in irgendwelchen Archiven zu begraben.