Der Fall LISA oder Von welchem Planeten kommen die Russlanddeutschen?

Ein Gastbeitrag von Artur Böpple (Autor, Medienwissenschaftler und Vorsitzender des Literaturkreises der Deutschen aus Russland e.V. – siehe www.literaturkreis-autoren-aus-russland.de/ )

(c) Fotostudio Flentge, Herford
Artur Böpple – (c) Fotostudio Flentge, Herford

Der Fall LISA hat nicht nur die Gemüter der russlanddeutschen Community aufgewühlt, er rief sogar die Außenminister beider Länder, den Deutschlands und den Russlands, auf den Plan. Was geht in den Köpfen der Russlanddeutschen vor? Werden sie tatsächlich aus Moskau ferngesteuert?

Die russischen Medien üben einen gewissen Einfluss auf die Meinungsbildung eines Teils der russischsprachigen Bürger in Deutschland aus. Das ist unumstritten, genauso wie die türkischen Medien auf die türkischsprechenden Bürger der Bundesrepublik. Die Frage ist, wie stark dieser Einfluss ist. Man geht heutzutage von etwa 20 bis 30 Prozent der Russlanddeutschen aus, die regelmäßig das russischsprachige Fernsehen schauen (laut Historiker Viktor Krieger). Es bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie die ihnen dort gebotenen Inhalte stets unreflektiert konsumieren.

Wenn man die Deutschen aus Russland verstehen will, muss man wissen, was diese Volksgruppe mit Russland verbindet. Ihre Vorfahren wanderten einst aus Deutschland nach Russland aus, an die Wolga, in den Kaukasus, ans Schwarze Meer, in die Ukraine und später nach Sibirien. Sie siedelten über lange Zeit in kompakten Kolonien, blieben meist unter sich, außer wenn sie Handel mit benachbarten Siedlungen und Städten trieben. Ein kleinerer Teil, die Intellektuellen, lebte unter anderem in den Großstädten Russlands, partizipierte am kulturellen Leben und betätigte sich ebenso in Lehre, Kultur oder Wissenschaft. Das überwiegend isolierte Zusammenleben der Russlanddeutschen hatte einerseits Vorteile – die Siedler konnten ihr Deutschtum, die kulturellen Traditionen und die Sprache über Jahrhunderte hinweg tradieren, auf der anderen Seite blieben sie in die russische Gesellschaft de facto nicht integriert. Zumindest so, wie man es heute versteht. Sie lebten in relativ homogenen Siedlungen, und scheuten die Mühe, Russisch zu lernen beziehungsweise sich in die russische Gesellschaft einzufügen, wobei das von ihnen damals nicht erwartet wurde. Sie waren Fremde „auf ewig“. Weil sie lange nicht fähig waren, ausreichend in Russisch zu kommunizieren, schob man ihnen bei lokalen Konflikten gern den „schwarzen Peter“ zu.

Zu massenhaften Verfeindungen zwischen den deutschen Siedlern und der russischen Bevölkerung kam es im Ersten Weltkrieg. Deutschland ging militärisch gegen das Russische Reich vor. Russische Kriegspropaganda arbeitete auf Hochtouren, was die ersten kollektiven Vertreibungen der deutschen Siedler, vor allem aus dem europäischen Teil Russlands, zur Folge hatte. Man schickte sie Richtung Sibirien. Doch das „Kernland“, die zahlreichen Siedlungen an der Wolga, wurden von diesen Vertreibungen kaum berührt.

Nach der russischen Revolution 1917 und noch während des Bürgerkriegs durften die Wolgadeutschen 1918, mit dem Segen von Lenin höchstpersönlich, ihr autonomes Wolgagebiet ins Leben rufen (ab 1924 Autonome Republik, ASSR). Es gab zahlreiche deutsche Schulen, Kirchen und weitere kulturelle Einrichtungen – selbst studieren konnte man dort bald auf Deutsch. Eine kleine deutsche Insel mitten in Russland. Die Russlanddeutschen konnten sich nach dem Bürgerkrieg, einigen Volksaufständen und Hungerjahren erst mal glücklich schätzen, solange die Moskauer Kommissare und Ideologen sie in Ruhe ließen. Die Autonomie wurde von stalinistischen Säuberungen in den 30er Jahren freilich nicht verschont. Aberhunderte – meist Intellektuelle, Autoren und Lehrer – verschwanden auf immer in den feuchtkalten, dunklen sowjetischen Kerkern. Das war jedoch noch nicht genug.

1941 markierte der Zweite Weltkrieg das Ende der blühenden Landschaften am Wolga-Ufer. Stalin bezichtigte die deutschen Anwohner – und zwar allesamt per Erlass in der Prawda – des Komplotts mit Hitler-Deutschland. Nach wenigen Tagen hörte der deutsche Insel-Staat auf zu existieren, die über etwa 150 Jahre verwurzelten Menschen wurden nach Sibirien und Kasachstan verfrachtet und in aller Welt zerstreut. Rund 600 000 Einwohner hatte unmittelbar vor diesem Ereignis die deutsche autonome Republik an der Wolga gezählt. Aber nicht nur von der Wolga wurden die Deutschen vertrieben. Die Siedlungen im Kaukasus, in der Ukraine, um Moskau und Leningrad herum folgten. Bis an die 500 000 Russlanddeutsche verloren während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach in den sowjetischen Arbeitslagern aufgrund der Schwerstarbeit, Kälte und Hunger ihr Leben. Viele von ihnen wurden erschossen. In wenigen Monaten jährt sich das schicksalsträchtige Ereignis, die Vertreibung von der Wolga und der darauffolgende Genozid gegen die Russlanddeutschen zum 75. Mal.

Warum dieser kleine historische Exkurs?

Dankbarkeit gegenüber Russland zu zeigen, geschweige denn politische Loyalität, haben die Russlanddeutschen absolut keinen Grund. Die Mehrheit von ihnen kehrte nicht zuletzt aufgrund dieser historischen Ungerechtigkeit und daraus resultierenden Gefahr, ihrer Identität gänzlich verlustig zu gehen, dem sowjetischen bzw. russischen Staat in den 90er Jahren den Rücken. Russlands ursprünglicher Plan, die Deutschen mittels der Zerstreuung im ganzen Land ihrer nationalen Identität zu berauben, ging in der dritten Generation nach dem Krieg größtenteils in Erfüllung. Deutsch wurde in dieser Generation selten gepflegt (meist rudimentär zu Hause), Russisch wurde zunehmend zur Muttersprache. Moskau entschuldigte sich „bei ihren Leuten“ offiziell dafür bisher nicht. Entschädigungen gab es keine! Erst kürzlich, am 31. Januar 2016, revidierte Putin den Beschluss Jelzins aus dem Jahr 1992 über die Rehabilitierung der Russlanddeutschen. In diesem Beschluss war ursprünglich die Wiederherstellung deren Staatlichkeit innerhalb Russlands als ein wesetlicher Punkt im Prozess der vollständigen Rehabilitierung verankert. Putin machte mit seiner Revision die Hoffnungen auf Wiedergutmachung der Vertreibungen und der Verbannung der Russlanddeutschen in den 40er Jahren gänzlich zunichte.

Trotz der überwiegend russischen Sozialisierung kehrten die Deutschstämmigen dem totalitären Sowjetregime den Rücken nicht allein aus wirtschaftlichen Gründen, wie es oft fälschlicherweise angenommen wird. Der Traum von der wahren Heimat, von der Wiedererlangung der nationalen Identität und der Sprache, eines WIR-Gefühls – all dies waren relevante Faktoren, die in die Waagschale während des Entscheidungsprozesses für oder gegen die Ausreise nach Deutschland gelegt wurden.

Auch diejenigen, denen es wirtschaftlich relativ gut ging, gaben ihr geregeltes Leben, Häuser, feste Arbeit dort auf und emigrierten nach Deutschland, getrieben von der fixen Idee, von der Idealvorstellung über die Heimat. Sie brachten vor allem Loyalität und Dankbarkeit dem deutschen Staat gegenüber mit, das steht außer Frage, und selbstverständlich die grundsätzliche Bereitschaft, sich so schnell wie möglich zu integrieren. Allerdings ohne die leiseste Ahnung davon, wie viel Kraft und Mühe ihnen dieser Prozess abverlangen würde. Man sollte niemandem unterstellen, dass er oder sie es nicht versucht hat. Einige gaben es zu schnell auf, oft rein räumlich in Wohnghettos gedrängt (wohl jede größere deutsche Stadt hatte ein „Kleinmoskau“ als inoffiziellen Stadtteil in den 90ern), fanden sie sich unter den resignierten Gleichgesinnten wieder …

War dies die Heimat, die sie sich zu finden erhofft hatten? Damals, als sie in der Sowjetunion ihre Häuser veräußert und ihre Koffer gepackt hatten? Nein! Und mal ehrlich: Wie groß ist der Anteil der Einheimischen, der die Deutschen aus der Sowjetunion für genuin deutsch hält und der ihnen das bisschen Deutschsein gönnt? Deutschrussen – das ist jedenfalls keine adäquate Bezeichnung, die sie je zufriedenstellen wird. Sie ist nicht förderlich für ihre Integration, und wird mancherorts sogar als Beleidigung empfunden.

Schubladendenken geht leicht von der Hand. Pauschalisierungen sind menschlich. Doch gehört es nicht zur primären Aufgabe der meist weitsichtigen Reporter, das Volk aufzuklären, statt Pauschalisierungen zu zementieren? Seit einem guten Vierteljahrhundert kämpfen die offiziellen Organisationen der Deutschen aus Russland (wie z.B. die Landsmannschaft) gegen das unvorteilhafte Image ihrer Volksgruppe an. Sie bemühen sich um Aufklärung und kommunizieren immer wieder sachliche Inhalte nach außen. Eins davon: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse besagen, dass die Deutschen aus Russland sich im Vergleich zu anderen Migrantengruppen durchaus erfolgreich integrieren. Bloß ein relativ kleiner Teil läuft Gefahr, von russischen Medien manipuliert zu werden. Auf der anderen Seite gab es seit der Ukraine-Krise wiederholt Versuche, die Russlanddeutschen aufgrund von Einzelfällen undifferenziert unter Generalverdacht zu stellen, dass sie allesamt Putinisten, also Putin-Anhänger und nun sogar tendenziell der rechten Szene zugeneigt seien. Es entsteht der Eindruck, als hätte jemand ein Interesse daran, diese Ethnie zum x-Male pauschal im ungünstigen Licht erscheinen zu lassen. Schon wieder einmal sind die Russlanddeutschen zum Spielball der Politik und der Medien geworden. Schon wieder steckt man sie in eine Schublade. Dort waren sie stets Faschisten, hier sind sie Putin-Anhänger und Russen. Ein Volk in der Schwebe, auf der ewigen Suche nach der Heimat.

Als Betroffener weiß ich zu gut, wie unsere Leute „ticken“. Ich weiß bestens um ihre Befindlichkeiten. Es gibt auch unter uns Menschen mit grundverschiedenen Meinungen zu allen wichtigen Fragen der Politik, wie es sich auch bei dem Rest der deutschen Gesellschaft verhält. Es handelt sich hierbei um etwa 4 Millionen Menschen (wenn man der Einwanderungsstatistik ab 70er Jahre den Glauben schenkt). Kaum jemand im Ausland käme doch ernsthaft auf die Idee, aufgrund der höchst ambivalenten PEGIDA-Bewegung, ganz Deutschland pauschal als rechtspopulistisch abzustempeln. Was die Russlanddeutschen betrifft, wäre eine ebensolche Differenziertheit geboten, will man sie nicht ganz an Russland verlieren. Die jüngsten Demonstrationen sind nicht repräsentativ und wurden nicht von offiziell bekannten und formal registrierten Organisationen der Russlanddeutschen veranstaltet.

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Почему у беженцев не растут рога

Diese Geschichte ist ein Gastbeitrag und stammt von dem russlanddeutschen Dichter Sergej Tenjatnikow. In dieser hitzigen medialen Debatte ist es wichtig, dass auch solche Stimmen zu hören sind. (Hier gehts zur deutschen Übersetzung…‘)

что-то происходит в моём городе. никто не понимает что, но горожане пытаются как-то отрефлексировать свои чувства и переходят на шёпот: Беженцы Бегут! и точно – по улицам бегают беженцы из общежития в магазин, из магазина в кисок, где неместные пацаны в дорогих по здешним меркам джинсах покупают дешёвый табак и к ним фирменные сигаретные гильзы. беженцы выбегают из монументальных, цвета мрамора, палаток и гуляют вечерами в плохо освещённых парках. беженцы не говорят на местном языке, не знают тутошних обычаев. большинство из них, должно быть, не подозревает, что в этом городе когда-то щеголял молодой Гёте, а Шиллер жил в крошечном крестьянском домике и писал „Оду к радости“, музыку Бетховена к которой объединённая Европа объявила своим гимном. потом много ещё чего было в этом городе: битва народов (когда на одном поле собралось полмиллиона солдат, т.е. все жители сегодняшнего Лейпцига), ноябрьская революция 1918 года, вторая и холодная войны, демонстрации 1989 года, приведшие к единому немецкому государству, и вот новая линия фронта в одночасье переместилась из сирийкой на немецкую улицу.
я слышу: Беженцы Бегут! и проматываю мысленно свою собственную историческую хронику назад – и думаю о своем восьмилетнем дедушке, который стоит посреди чужой деревни и не понимает, что происходит. он не говорит на здешнем языке, не знает местных обычаев. незнакомые люди подходят и рассматривают его. позднее он узнает, что они искали у него на голове рога и были разочарованы, что немцы (простим сибирским крестьянам чрезмерную восприимчивость к карикатурному образу тевтонцев в „Александре Невском“ Эйзенштейна) анатомически ничем не отличаются от других народов ойкумены.
я вижу на улицах моего города беженцев. и у них точно не растут рога, потому что появление рогов у людей никак не связано с физиологией или культурой, в которой им суждено было родиться.
и если вдруг у кого-то начинают чесаться виски, то происходит это по другим чисто субъективным причинам.

Weitere Infos zu Sergej Tenjatnikow:

Gedichte und Übersetzungen auf Russisch und auf Deutsch:

https://vimeo.com/user19730266/videos

Gedichte auf einem russischen Literaturportal:

http://magazines.russ.ru/authors/t/tenyatnikov/

Kurzbiografie auf Russisch:

http://www.plavmost.org/?p=6901

Ungelebte Trauer

Der folgende Beitrag wurde von dem Journalisten Georg Löwen im Jahr 1999 in der Zeitschrift ‚Semljaki‚ veröffentlicht. Damals gab es einige scharfe Reaktionen seitens der Leserschaft zu Artikeln, die sich thematisch mit der Aufarbeitung der Vergangenheit der Russlanddeutschen beschäftigten. Manche Leser reagierten regelrecht agressiv und ablehnend. Dieser Text war eine Antwort auf diese harsche Resonanz. Daraufhin kamen wieder Lesebriefe mit viel Zuspruch, ein Leser schrieb: „Ich habe den Gulag selbst erlebt, aber meine Gefühle so genau auszudrücken, wie Sie es getan haben,  hätte ich nicht vermocht. Danke dafür.“

Hier die Übersetzung des Beitrags von damals, bei dem es um die Notwendigkeit der kollektiven Trauer und den Konsequenzen des Schweigens geht und der nach so vielen Jahren nicht an Aktualität verloren hat:

Unvergessen - ein Denkmal in Berlin
Unvergessen – ein Denkmal für russlanddeutsche Opfer des Krieges

Wir sind nicht weinerlich. Wir beweinen

Die Briefe über die Vergangenheit der Deutschen aus Russland lassen bei einigen Lesern die Frage aufkommen: wozu sich an das Schwere und Traurige erinnern? Einige sagen sogar: Schluss mit der Weinerlichkeit! Schluss mit dem ewigen Gejammere! Wie könnte man das am besten erklären?

Offenbar fällt es schwer, über den staatlich nicht nur sanktionierten, sondern regelrecht verordneten Sadismus zu hören und zu lesen und insbesondere tun sich diejenigen schwer damit, die für lange Zeit unfreiwillig-freiwillig in diesem Staat gelebt haben. Der Wunsch, die Vergangenheit zu vergessen und sich somit der dunklen Schatten zu entledigen, die von der Erinnerung an die schweren menschlichen Schicksale hervorrufen werden, ist nur zu verständlich. Vermutlich kommt deswegen oft auf die Beschreibungen der Qualen, die die Russlanddeutschen ertragen mussten, folgende Reaktion: „Alle hatten es doch schwer!“

Richtig. Alle hatten es schwer. Das Maß zu finden, mit dem man ermitteln kann, wer es schwerer hatte, ist schier unmöglich.

Denn das Erleben von Verlust, von physischem und seelischem Leid, sogar des Leides der Vorfahren, ist eine sehr subjektive Empfindung. Wer hat damals mehr gelitten – die Russen, die Ukrainer, die Weißrussen, die Kasachen oder andere Völker der Sowjetunion, die während des Krieges 20 Millionen Menschenleben zu betrauern hatte. Oder waren es die Russlanddeutschen, die nicht an der Front, sondern im Hinterland, in den Lagern der Arbeitsarmee und den Sondersiedlungen den Großteil ihres Volkes einbüßten? Allein diese Frage ist absurd. Doch Menschen neigen dazu, zu vergleichen, in diesem Fall leisten jedoch weder Abakus noch Taschenrechner ausreichende Dienste.

„Ich habe alles am eigenen Leib erfahren und nichts davon vergessen,“ schreibt Albina Bender, „nicht vergessen habe ich, wie ich bereits nach dem Krieg das Radio eingeschaltet hab und einen während des Krieges aufgezeichneten Aufruf von Ilja Ehrenburg hörte: ‚Töte den Deutschen!‘ Ich dachte, dass wenn ich gleich auf die Straße gehe, dann kann mich irgendein Fanatiker einfach so erschlagen.“ Weiter berichtet sie: „Wo ist der Unterschied zwischen Erschießungen und anderen Vernichtungsmethoden? Wenn die Deutschen aus Russland in der nackten Steppe bei Schnee und Minus 40 Grad ausgesetzt wurden? Der Ausgang ist der Gleiche: der Tod.“
Die Deutschen aus Russland leiden nach wie vor darunter, unschuldig verfolgt und mit einem furchtbaren Stigma belegt worden zu sein: Verräter. Es quält sie, dass sie von einem Staat verfemt und zu Gesetzlosen erklärt wurden, in dem sie friedlich und ehrlich gelebt haben.

„Der Feiertag mit den Tränen in den Augen“ nennt man in Russland den Tag des Sieges. Viele Jahre sind seit dem Krieg vergangen, aber noch immer trauern die Bürger an Obelisken und Denkmälern und beweinen die Toten des Krieges. Ihnen gebührt ewiges Gedenken. Sie sollen unvergessen bleiben.

Den Toten aus den Reihen der Deutschen aus Russland wurden bis zum Ende der Sowjetzeit keine Obelisken aufgestellt. Und sie hatten daher keine Gelegenheit, gemeinsam ihre Trauer auszudrücken, die Väter zu beweinen, die erniedrigt und von unerträglicher Plackerei und Hunger geplagt wurden, die Mütter zu beweinen, denen ihre minderjährigen Kinder entrissen wurden und die sie nie wieder sehen durften. Sie hatten kein Recht auf ein ewiges Gedenken. Hatten kein Recht darauf, dass wir uns an sie erinnert und offen um sie getrauert haben.

„Was habt ihr denn, liebe Leute, ihr genießt es wohl sehr, um die Vergangenheit zu weinen, tut euch selbst leid. Schaut euch um, das Leben geht für euch doch weiter, und das gar nicht mal so schlecht!“
Die Rede geht wieder um uns, die Deutschen aus Russland. Was kann man darauf antworten? Wir freuen uns ja auch an unserem gegenwärtigen Leben. Doch sogar jetzt wachen die alten Männer, die früher in der Arbeitsarmee waren, mit Tränen in den Augenwinkeln aus ihren nächtlichen Alpträumen auf: sie hören erneut die letzten Atemzüge der sterbenden Leidensgenossen auf den Pritschen nebenan, sehen ihre Leichname in den Gräben liegen.

Ironisch daher gesagte Sprüche über das „unglückliche Volk der Russlanddeutschen“ sind ebenso unüberlegt wie anmaßend. Es bleibt ein Gefühl der Peinlichkeit, des Fremdschämens gegenüber denjenigen, die so wenig Empathie für das Leid anderer aufweisen, obwohl sie diese seelischen Zustände doch selbst erlebt haben.

Wir sind nicht weinerlich, wir beweinen. So wie jedes Volk seine leidgeprüften verstorbenen Töchter und Söhne beweint. Schon immer haben die Menschen getrauert, und genau dieses Verhalten ist imstande, die quälenden Alpträume und die innere Ausweglosigkeit zu erleichtern – über den Prozess der Trauer gelangt die Seele zu innerem Frieden. Wir müssen sogar trauern und die Toten beweinen, damit unsere Seele ihre Ruhe findet. Dass es so ist, werden Ihnen sowohl Priester als auch Psychologen bestätigen können – ein jeder mag denjenigen fragen, dem er in dieser Hinsicht am meisten vertraut.

Jedes Volk hat sein eigenes Trauma. Bei Völkern, die Vertreibung und Genozid durchlebt haben, wirken diese Traumata noch lange nach. Sehr lange. Die Deutschen aus Russland waren gezwungen, dieses Trauma über Jahrzehnte in sich zu unterdrücken, sie mussten schweigen, und so hat es sich in immer tiefere Schichten zurückgezogen.

Vielleicht kommt es daher, dass unsere alten Leute, wenn sie in der Kirche um ihre Verstorbenen beten, so bitter und so leise, fast heimlich aufschluchzen, als würden sie ihre Trauer nicht zeigen wollen.
Ihnen gebührt ein ewiges Gedenken. Sie sollen unvergessen bleiben.

Stalins Erlass von 1941 sorgte für Massendeportationen
Stalins Erlass von 1941 sorgte für Massendeportationen

 

Meine Begegnung mit Nikolaus Rode

Gastbeitrag von Alwina Heinz

Es ist fünf Uhr morgens und ich werde durch ein Rütteln geweckt. „Komm steh auf, steh auf, wir fahren jetzt los.“ Ich öffne meine Augen und sehe in die hektischen Gesichter meiner Eltern. „Wohin fahren wir denn? Warum seid ihr so aufgeregt?“ Mit diesen Fragen geht der Rausch los. Eine letzte Umarmung von meiner Oma, meinen Cousins und Cousinen – meiner Verwandtschaft. „Warum weint ihr denn? Wir kommen doch gleich wieder,“ rufe ich in meinem Unverständnis. Wir steigen in den Bus zum Flughafen und fliegen. Ein komisches Gefühl in dieser Maschine über der Erde. Es scheint, als würden wir nie landen. In Moskau angekommen, müssen wir ewig lange warten und dann schon wieder fliegen. Was passiert mit uns? Wo sind meine Cousins und Cousinen, mit denen ich immer gespielt habe? Wieso fahren wir so lange? Diese Fragen stelle ich immer und immer wieder, doch es kommt keine Antwort.

Alwina Heinz - Das Gesagte von Sender zu Empänger, 125x58cm,lack,weisser-edding-auf-spanplatte, 2011
Alwina Heinz – Das Gesagte von Sender zu Empänger, 125x58cm, Lack/weisser Edding auf Spanplatte, 2011

Ich war 3 Jahre alt, als wir als Deutsche von Kasachstan nach Deutschland kamen. Wir bekamen da nämlich die lang ersehnte Erlaubnis in die alte „Heimat “ zurückzukehren.
Jetzt im Alter von 28 Jahren verstehe ich, warum wir wegfuhren, doch viele andere Fragen sind immer noch geblieben – die ganzen Jahre, die ich hier in Deutschland lebe – genauso wie bei meiner Familie.

Alwina Heinz - meine Familie am Küchentisch in einer Blase-170cmx55cm,acryl,lack,bleistift-auf-leinwand,-2011,o.t.-large
Alwina Heinz – Meine Familie am Küchentisch in einer Blase – 170cmx55cm, Acryl/Lack/Bleistift-auf Leinwand, 2011

Wer bin ich in diesem Land? Wer sind die Anderen? Was gehört zu mir? Welche Tradition? Die Russische, die Kasachische, die Deutsche? Was passiert mit mir, um mich herum? Lebe ich in einer bestimmten Welt oder eher zwischen mehreren?
Und genau mit diesen Fragen beschäftige ich mich in meiner Kunst. Ich versuche den Ort an dem ich lebe zu verstehen, meine Mitmenschen, deren Verhalten, Bräuche und entschlüssele so für mich Situationen durch genaue Beobachtung, die mir Klarheit über mein Dasein und das Dasein der Anderen vermittelt.

Eine Suche nach einer Identität, die meine Vorfahren auch nie hatten – irgendwo auf dieser Welt. Fragt mich jemand, wer ich bin, kann ich selbst nicht sagen.

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Alwina Heinz – Wahrnehmung eines Gesichtes, 80x110cm, Lack, Fineliner auf Holz

Mir wird immer mehr klar, dass meine Motivation, Kunst zu schaffen aus der Geschichte meiner Familie rührt, aus dem Drang, Dinge und Prozesse, die unverständlich scheinen, verstehen zu wollen. Dahinter steckt auch eine große Neugier, die Welt und Zwischenwelten in ihrer Vielfalt zu erkunden.
Obwohl ich in die junge Generation hinein gehöre und die Vertreibung der Deutschen aus Russland nicht selbst miterlebt habe, ist es erstaunlich, wie sehr mich diese Geschichte mit all ihren Emotionen und Verhaltensweisen prägt. Ungewissheit, obwohl ich jetzt in diesem Land sicher bin und das ständige Hinterfragen von allem. Wie ist was gemeint?

Und so begegne ich Nikolaus Rode. Ein vertriebener Deutscher aus der Ukraine. Er ist 74 Jahre alt und erzählt mir von der Vertreibung, von der Brutalität von der Identitätslosigkeit, von dem Büßen für die Weltkriege, weil man deutsch ist. Von Ort zu Ort geschleppt. Ein Wunder, dass er noch lebt. Und in mir steigt Gänsehaut auf. Es erinnert mich an meine Familie – Verschleppung, der Versuch einer Ausrottung. Der gleiche Prozess.

Nikolaus Rode - Die nackte Wahrheit - Sibirien, Akryl auf Leinwand, Glasstaub
Nikolaus Rode – Die nackte Wahrheit – Sibirien, 98 x 110 cm, 2011, Mischtechnik (Akryl und Öl auf Leinwand, gemahlenes Glas, Moos)

Er zeigt mir seine Bilder, die er zu seinen Erlebnissen malte – erzählt, erklärt aufgeregt, um verstanden zu werden – um endlich verstanden zu werden für Taten die schwer zu verstehen sind. Jedes Symbol steht für eine ganze Geschichte und so fügen sich verschiedene Erzählungen zu einem kleinen Ganzen im Rahmen des Bildes – ein Stück Heilung aus der Zerrissenheit.

Und so erinnere ich mich an meine Kolloquien in der Kunstakademie Düsseldorf. Stundenlang erzählte ich von meinen Bildern, was ich gesehen, herausgefunden habe, das für mich schwammige diffuse Verstandene den anderen verständlich zu erklären. Wie erkenne ich Gesichter wieder? Was passiert beim Sprechen, wie kommunizieren Menschen? – Erklärungen über Erklärungen – bis ich auf Widerstand stoße – Kunst muss nicht erklärt werden.

Nikolaus Rode - Tote schweigen nicht, Akryl auf Leinwand, Sand/Glas
Nikolaus Rode – Tote schweigen nicht, 70 x 85 cm, 2010, Mischtechnik, (Akryl auf Leinwand, Glaspartikel, Sand)

Doch was ist mit meiner Botschaft in meinen Bildern? Was ist mit der Botschaft in Nikolaus Rodes Bildern? Bilder sagen mehr als Worte und werden von jedem gerade deswegen so verschieden aufgenommen – je nach Erfahrung. Und die so wichtige Botschaft verschwindet aufgrund der Freiheit des Bildes und des Betrachters. Und das Erlebte wird wieder nicht angesprochen – verschwindet und verstummt.

Genau aus diesem Grund interessiert es mich brennend, wie Bilder im Kopf entstehen und was sie innerlich mit einem machen bis zu dem Punkt wie sie sich ausdrücken – durch Kunst und nicht durch Kunst – und wie sie von anderen wahrgenommen werden. Ich beginne den Aufbaustudiengang Kunsttherapie an der Hochschule für bildende Künste in Dresden um das herauszufinden und gelange in die Tiefen meines Unterbewusstseins.

Bei den Selbsterfahrungsseminaren stoße ich immer wieder auf meine Familie und die tiefe Verwurzelung von deren Leid in mir, sei es z.B. durch Genogrammarbeit oder die Lehre über Familien – und Traumatherapie, was ich psychisch nicht verkrafte und das Studium erst mal für eine Zeit wieder abbrechen muss.

Was hat die Geschichte meiner Vorfahren mit mir und meinen Eltern gemacht? Warum ist es für mich so schwer zu ertragen. Wieso überkommt mich ständig so eine Welle von Schmerzen? Schmerzen die ich nicht oder nur zum Teil erlebt habe?

Nikolaus Rode - Isoliert, Bleistift,
Nikolaus Rode – Isoliert, 23 x 34 cm, 2012, Bleistift

Und so erzählt mir Nikolaus Rode von seinen Schmerzen – Schmerzen, die daher rühren, nie einen Platz auf dieser Welt gehabt zu haben. In der Sowjetunion als Deutscher verachtet, in Deutschland durch das Unwissen über die Geschichte als Russe bezeichnet zu werden, gerade als der, der ihn so gequält hat. Bildung und Erfahrung werden als dumm abgestempelt, weil man nicht von hier ist – Diplome werden nicht anerkannt und so auch bei mir, als eine Lehrerin zu meiner Mutter sagte: „Ihr Kind will aufs Gymnasium – wie will es das denn schaffen? Unsere Kinder schaffen es noch nicht mal.“ Und doch erkenne ich auch Hoffnung in seinen Bildern, die sich in bunten hellen Farben äußern. Hoffnung auf eine bessere Welt – auf eine Zugehörigkeit.

In Deutschland spricht man von Integration. Doch wie sieht diese aus?

Die ständige Anstrengung dazu zu gehören – aus dieser Zwischenwelt auszubrechen um in der deutschen Gemeinschaft als Deutscher akzeptiert zu werden. Und wenn Worte nicht mehr ausreichen und Bilder nicht erkannt werden, wie kann man dann die Stummheit und Unwissenheit über die Geschichte der vertriebenen Deutschen aus der Sowjetunion in der Gesellschaft aufbrechen? Ich gebe nicht auf, denn ich trage auch die Hoffnung und den Überlebenswillen meiner Vorfahren in mir drin. Und so beginne ich bei mir und versuche für mich aus meiner Stummheit raus zu kommen um mit meiner und der Vergangenheit meiner Vorfahren Frieden zu schließen – für eine bessere Welt ohne Zwischenwelt.

Wollen Nikolaus Rode und ich die Menschen durch Kunst belehren? Die Kunst ausnutzen? Nein, sie verbindet die Emotionen von Generationen und schafft dadurch Verständnis und öffnet eine neue Tür – eine Tür für die Zukunft – um aus dem Alten und dem Jetzigen konstruktive Wege zu bahnen – Integration. Kunst bringt Kommunikation in den Fluss, sie schafft Distanz und doch Nähe die in Worten allein nie so ein Ausmaß bekommen können. Durch die Malereien und Zeichnungen verstehe ich seinen Schmerz – empfinde ihn – durch meine Kunst versteht er meine Fragen, die aus dem Schmerz der Vergangenheit kommen. Das Alte wird belebt – anstatt zu erstarren. Das Fragende findet Wurzeln, an die es sich halten kann.

 

Mehr über die Künstlerin auf http://www.alwina-heinz.de

Integrationstest (Beta)

Bin ich gut integriert?

Bei aussiedler.blogspot.de kann jeder Aussiedler (und auch jeder Nicht-Aussiedler) den ultimativen Integrationstest machen. Ich habe ihn schon hinter mir und musste schmunzeln. Beim ersten Mal habe ich es  noch auf eine Prozentzahl von über 80 geschafft. Aber heute bin ich nur bis 42 % gekommen. Fast schon ein Grund, wieder auszuwandern.

Wenn man auf der Page landet, einfach nach oben scrollen, der Test ist der erste Text der Seite.

Ganze 15 Fragen zeigen an, ob man in Deutschland angekommen ist. Das ist eine einmalige Gelegenheit, auch für sogenannte Hiesige, mal zu prüfen, wie deutsch sie eigentlich sind.

Der blog ist einige Jahre alt, aber die Stories, die da noch drauf sind finde ich sehr erhellend und erheiternd.

Wer also außerdem wissen möchte wie …

– anno 2005 Gerhard Schröder Platz eins der Liste der berühmtesten Aussiedler belegte?

– ein gewitzter Aussieder fast eine neue Sprachreform angeschoben hätte?

– und Grigorij Samsonow sich über Nacht in einen Deutshcne verwandelt hat?

…kann sich auch die Geschichtensammlung durchlesen, die dem Integrationstest angeschlossen ist.

Lüstig.