Geistermusik

Letztes Wochenende bei einem Sommerfest habe ich dieses Instrument das erste Mal live erlebt.

Im Frappant hat der Musiker Cyrus Ashrafi damit ein Konzert gegeben. Ein Kasten, ein Stab und wenn er die Hände bewegt hat, gabs diesen abgefahrenen, spacigen Sound.

Ich wusste noch dunkel, dass es mal einen russischen Wissenschaftler gab, der eins der ersten elektronischen Musikgeräte erfunden hat.

Lew Termen oder Leon Theremin, wie er sich später nannte, hat das nach ihm benannte Theremin zur Zeit der Avantgarde in Moskau erfunden. Ursprünglich auch als Ätherophon bekannt, war das Instrument ein Wegbereiter für spätere Synthesizer oder Drumcomputer.

Leon_Theremin
So hört es sich an: Lew Sergejewitsch himself

Und das Ding ist, Lew Sergejewitsch Termen, in St. Petersburg geboren, hatte französiche und deutsche Ahnen. Seine französischen Vorfahren stammen aus einem alten Adelsgeschlecht und sind als Jakobiner nach der französischen Revolution nach Russland geflohen. Über die deutsche Abstammung kann ich ad hoc nichts finden. Muss weiter graben. Gut, dass es in Moskau und St. Petersburg Deutsche gab, die den oberen Gesellschaftsschichten angehörten, ist ja bekannt. Und Leon Theremin hat auch nicht viel mit den Kolonisten gemein, die sich meist als Bauern und Handwerker in ländlichen Gebieten ansiedelten. Trotzdem ist für mich dieser Informationsfetzen es wert, gesammelt zu werden. Eine weitere Spur.

Auf einigen russischen Sites wird’s gar nicht erwähnt. Dass es Deutsche unter seinen Vorfahren gab, meine ich. Russischer Physiker. Wenns genehm ist, ist er natürlich ein Russe.

Das hat ihm jedoch auch nichts genützt. Nachdem er 1927 auf Welttournee ging und sich ein Jahr später in New York niederließ, kam er Ende der Dreißiger unter „ungeklärten Umständen“ in die Sowjetunion zurück und wurde in einen Gulag irgendwo in Sibirien verbannt. Wegen antisowjetischer Propaganda. (Im Westen galt er als verstorben, es gab keine Spur mehr von ihm.)
Später brachte man ihn in eine wissenschaftliche Akademie in Moskau für Gefangene, wo er für den russischen Geheimdienst Wanzen entwickeln durfte und 1952 sogar einen Stalinpreis dafür gewann. Erst 1990, im Zuge der Perestrojka, wurde er politisch rehabilitiert. 1993 starb Lew Sergejewitsch  Termen im Alter von 97 Jahren in Moskau.

Hier, wie es Leon Theremin spielt, der neben Physik auch Cello studiert hat.

Und hier wie es sich in der heutigen Zeit anhört, Cyrus Ashrafi in Concert.

 

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Die Angst ist Gast an ihrem Tisch

Immer wieder sucht es sie heim. Dieses Gefühl. Dumpfe Angst oder Melancholie. Immer wieder führt sie sie selbst herbei, diese Situationen, die dem Gefühl erlauben hervorzutreten und sich auszuagieren. Ob sie will oder nicht. Fast zwanghaft schon.
Sie legt ihr Leben so, damit sie in Abständen denken kann, dass sie vor dem nichts steht und von vorn beginnen muss. Neubeginn ist oft verbunden mit Hoffnung, mit Gelingen mit Mut und Beherztheit. Nicht so bei ihr. Möglicherweise hats auch mit ihrem Thema zu tun. Mit dem Verschleppungssyndrom. Sie ist auf ihre Weise ein Ghost Whisperer. Sie kann sie zwar nicht sehen oder hören, die Geister, aber sie muss fühlen, was sie gefühlt haben. Immer wieder. Was ist das für ein Gefühl? Wo sitzt es? Wodurch wird es ausgelöst?

Dieses Gefühl des Verlustes. Des daneben seins. Des das ist nichts für dich. Ein gutes Leben. Ein guter Job? Das ist nichts für dich. Du wirst es nie erreichen. Und wenn du dir was aufbaust, wird es dir genommen. Also versuchs gar nicht erst.

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Sie ist doch fast hier aufgewachsen, ist hier erzogen worden. Ist auf deutsche Schulen gegangen. Sie hat humanistische und fortschrittliche Bildung genossen. Seit ihrer Jugend kennt sie Geschichten von Optimisten, die alles und Pessimisten, die nichts erreichen. Also weiß sie im Grunde, wie es läuft, was man machen muss. Von zig Disney Filmen, wo es heißt, glaub an dich, hab vertrauen und arbeite hart, dann wird es funktionieren. Das ist auch in ihrem Gehirn verankert. Und es wirkt. Ist zumindest mächtig genug, um ihr ein schlechtes Gewissen zu machen. Im Sinne von, du glaubst nicht fest genug, du versuchst es nicht genug, du arbeitest schon mal gar nicht hart genug.

Und dennoch. Irgend ein perfides Programm lässt sie immer wieder zu diesem Abgrund laufen. Lässt sie zweifeln, verzögern, verhindern. Nur um diese Angst zu spüren. Dass alles sinnlos ist und sie mal wieder vor einem Scherbenhaufen steht. Die Angst ist Gast an ihrem Tisch.
Woher hätte sie denn das Vertrauen nehmen können? Ihre Eltern gaben ihr Liebe, aber Vertrauen und Zuversicht war leider nicht mit im Gepäck. Eher die Gewissheit zu scheitern. Zu verlieren. Ohne dass sie es explizit genannt hätten, es war eher so ein Grundgefühl.
Auch wenn es nicht ihr eigenes ist. Auch wenn diese Lage, in die sie sich hineinmanövriert, um zu leiden, ererbt ist. Überliefert. Ein besonderer Nachlass. Warum dann nicht den Schalter einfach umkippen und gut ist? Arividerci liebe Angst, oder noch besser, ciao und lass dich hier nicht mehr sehen. Ihr Mantra müsste lauten: ich habe Vertrauen, es wird alles gut. Aber es hat in Wirklichkeit einen anderen düstereren Klang.

Geht es anderen mit ähnlichen Lebenswegen  auch so wie ihr? Sie wollen kein Haus. Ein Haus könnte genommen werden. Sie wollen keinen erfüllenden Beruf. Denn dann riskieren sie glücklich zu sein. Und das wäre ja Verrat. Verrat an denen, die gelitten haben. Die ihr Haus verloren, die nicht die Möglichkeit hatten, einen guten Beruf auszuüben, weil sie in Sondersiedlungen Bäume gefällt haben für Onkelchen Stalin, den Großen Gewinner des Vaterländischen Krieges.
Also spielt sie das Leidensszenario bis zum Erbrechen, sie beherrscht die Klaviatur aus Krankheit, Armut, Mangel und Versagen. Sie erfindet trickreiche Möglichkeiten, sich selbst zu sabotieren. Und wagt nie den nötigen Schritt.

Stimmen aus dem OFF zischen ihr zu:

Das bildest du dir nur ein.

Du suhlst dich in deinem eigenen Leid.

Triefst ja vor Selbstmitleid.

Siehst die Schuld nur bei den anderen, den Eltern, Stalin, Hitler.

Hör auf, dich immer nur mit dir selbst zu beschäftigen & dich zu bemitleiden.

Das bringt doch nichts. Diese ganze Nabelschau.

Falsch! will sie ihnen zurufen, diesen Gegenstimmen.

Es ist nicht Selbstmitleid. Es sind die anderen mit denen sie Mitleid hat. Die vor ihr da waren. Die mit 27 Jahren grade ihr Haus fertig gebaut haben als der Krieg in ihr Dorf kam. Und sie weg mussten, in eine ungewisse Zukunft. Auf eine Ost-West-Dyssee, die unfreiwillig war. Verbannung Verschickung. Exil. Und wieder zurück. In die Sondersiedlungen dann.

„Mir sind Raabe. Mir sind dem Stalin ssai Raabe,“ sagte der Großvater. Sie stellt sich Männer mit spitzen Nasen und schwarzen plusterigen Mänteln vor. Edgar Allan Poes „Nevermore“ im Hintergrund. Er meint aber was ganz anderes, der Opa, er meint das russische Wort: Rab. Sklave. Nicht die Slaven sind Sklaven gewesen in ihrer Familie. Sondern aufgegriffene Deutsche. Aus den deutschen Kolonien auf russischem Boden. Inwieweit sie in den Komplot des zweiten Weltkrieges verwickelt waren, sei dahingestellt. Aber danach fragte eh keiner. Deutscher? Fritz? Also, ab nach Sibirien mit dir oder in den Ural. Dawei, dawei! Alle gleich schuldig durch ihre Geburt. Egal ob Männer, Frauen oder kleine Kinder. Zivilgefangene. Das ist ein Euphemismus für Arbeitssklaven. Aber warum sich aufregen? In jedem Krieg werden Gefangene gemacht.

Vollster Arbeitseinsatz bei minimaler Entlohnung. Das ist ihr liebstes Wirtschaftsmodell bis heute. Bietet ihr jemand niedrige Arbeit an, für kein oder wenig Geld, wird sie hellhörig. Her damit. Das kenn ich. Das verdien ich doch auch. Ich werde schön fleißig sein, nicht aufmucken und keine Forderungen stellen. Ein Schälchen (miska) Suppe und ein Kanten (chaika) Brot. Und schon lauf ich auf Hochtouren. Einmal Sklave immer Sklave. Die Mentalität hat sie mit dem Gerstenbrei gelöffelt, mit dem Kefir in Flaschen eingesogen. Von außen gesehen, geht sie vielleicht aufrecht. Aber innerlich ist sie tief gebeugt. Ihre Aufopferungsbereitschaft ist grenzenlos. Vielleicht sollte sie einen Verein gründen: Sklaven ohne Grenzen. Selbstausbeutungen, Erniedrigungen und Beschimpfungen inklusive.

Wie lange dauert es wohl bis sich eine solche Mentalität rauswächst? Nach wie vielen Generationen entsteht wohl sowas wie ein gesundes Ich-Gefühl? Ich bin hier. Ich nehme mir den Raum, den ich brauche. Ich nehme mir das, was mir zusteht. Hey, wem gehört die Welt?
ICH.WILL.DAS.HABEN.

 

Kleinkinder machen das schon im Sandkasten. Kleinkinder hier. In dieser Zeit.

Statt dessen: Nein, nein, gehen Sie ruhig vor, ich stelle mich ganz hinten in der Reihe an. Entschuldigung, sie haben mir auf den Fuß getreten. Ach so, ja nehmen Sie ruhig. Ich brauch es gar nicht. Gehört Ihnen. Falsche Bescheidenheit. Als Höflichkeit interpretiert. Als Schwäche verachtet.

Sie atmet ganz flach, nur kein Aufsehen erregen. Sie redet ganz leise, fast unhörbar. Nur nicht auffallen. Sie schaut zu Boden, sie tritt ganz sacht auf.

Wer mit seinen Worten oder Taten auffällt, weckt die Aufmerksamkeit der Mächtigen. Gefahr. Wer sich etwas erarbeitet, zieht sich die Mißgunst anderer zu. Gefahr. Wer sich groß macht, wird plattgemacht. Das sind Erfahrungswerte von Generationen. Aber es kann doch nicht sein, dass diese Überlebensstrategien der 30iger und 40iger Jahre aus einer Diktatur noch immer greifen? Was für eine Horror-Vorstellung. Gefühlsmäßig 70 bis 80 Jahre zurückzuliegen. Wie alt bist du? Minus 73.  Aber sie braucht sich ja nur zu beobachten. Vom Charakter her will sie was Besonderes sein. Muss sie, sonst geht sie vor die Hunde. Das familiäre Psychogramm hat aber was ganz anderes in sie gepflanzt. Bloß nicht hervortreten, nicht auffallen, wenn dir dein Leben lieb ist. Sich klein halten, nicht zu viel wollen, nicht viel erreichen –  sonst droht Enttäuschung oder Gefahr. Such es dir aus. Das sitzt. Das sitzt tief. Subkutan. Das ist ihr Fersensporn, ihr Stachel, der sie daran hindert den Wettbewerb aufzunehmen, einfach durchzustarten. Noch immer.
Aber es hilft nichts. Sie muss sich bewerben, sie muss was verdienen. Sie muss sich wieder in diese Situation begeben.

Angst beiseite schieben. Aber wie?

Nomen est Omen I

Aussiedler. Das klingt doch irgendwie doof. So unsexy. So wenig schnittig und modern. Möchte man so genannt werden? Nicht wirklich. Gibts eine Alternative? Spätheimkehrer, wird kaum benutzt, nicht viel toller. Oder Russlanddeutsche. Ich weiß nicht, welchen Begriff ich schlimmer finden soll. Aus der Werbung weiß man, ein Produkt kann noch so toll sein, ohne einen attraktiven Namen wirds nicht gekauft. Das ist wie beim Thema Handarbeit. Handarbeitszirkel gibt’s nicht mehr. Alle betreiben Do It Yourself und sind in Sachen Handmade unterwegs, oder Crafting. Aber wäre ein Anglizismus hier passend? Settlers? Planters? Homesteaders. Nö.
Aus-siedler so wie Aus-länder, aber das sagt man ja nicht mehr. Mit Migrationshintergrund heißt es in einer politisch korrekten Schreibweise. Die große Frage: haben Aussiedler einen Migrationshintergrund? Ich würd sagen, aber sowas von! Mindestens sieben Generationen des Umherziehens und Heimkehrens und wieder verschleppt werdens. Also nicht nur mit Migrations- sondern sogar mit Deportationshintergrund. Die Nachkommen sind aber nicht Exdeportierte. Wie fasst man das alles zusammen und fügt es zu einem schnittigen Begriff?

Siedeln ist eher altbacken, Die Siedler, klingt schon besser, gibt es aber bereits als Spiel. Und eigentlich triffts Aussiedler auch nicht auf den Punkt. Eher Über-Jahrhunderte-hin-und-her-Geschobene oder Zickzackkulturwechsleruebergenerationenmitungeloestentraumataimgepäck. Ein bisschen sperrig. Und die Abkürzungen? ÜJahiuheGes oder Zizakuwis oder ZZKWs. Vergiss es. Die Alteltern und deren Eltern waren ja Kolonisten (nicht zu verwechseln mit Kolonialisten!) Also vielleicht Ex-Kollis aus der Ex-UdSSR? Bäh!

Gibt es Beispiele in der Natur? Zum Beispiel einen Ameisenstamm, der von seinem Volk abgeschnitten wurde, weil auf einer einsamen Insel gestrandet und dann nach Jahrzehnten wiedergekehrt? Gibts da einen Namen für? Sicher nicht. Die alteingesessenen Ameisen würden die Neuankömmlinge sicher zerbeißen bevor sie auch nur Hallo sagen. Wegen Konkurrenz und Darwin und so.

Einfache Vertriebene sinds nämlich auch nicht. Nicht mehr. Zwischen 1941 und 1945 vielleicht und die nächsten 12 Jahre, nachdem Stalin den großen Vaterländischen Krieg gewonnen hat. Wie wärs mit Landwechsler, Umverpflanzte, Umhergetriebene oder Wurzellose. Pflanzen, die leben ohne in der Erde zu wurzeln. Wie Efeu. Aber Efeu ist ein Parasit. Und das ist ein Schimpfwort und trifft es auch nicht. Außerdem sind Aussiedler sehr auf Wurzeln bedacht. Erde und Eigentum sind vielen wichtig. Irgendwo angekommen zu sein und einen Platz zu finden. Verlorene Söhne und Töchter, endlich heimgekommen.

Endlich-Angekommene oder Willkommene wäre nett als Name, ist wohl aber zu viel verlangt von den Hiesigen. Den deutschdeutschen Mitbürgern. Im Gegensatz zu den Russlanddeutschen, auch so ein seltsamer Begriff. Ist auch nicht zutreffend. Denn die meisten kommen aus Kasachstan, wohin die Wolgadeutschen deportiert wurden, die Alteltern stammen vom schwarzen Meer, die Nachkommen sind in Sibirien gelandet oder im Ural. Gilt der Ural eigentlich noch als Russland? Ich glaube er liegt schon jenseits. Also Russlanddeutsche, die nie in Russland waren, außer vielleicht bei einer Städtreise nach Moskau oder St. Petersburg/Leningrad.  Das sind Feinheiten. Aber Sprache ist bekanntlich das Kleid des Geistes. Und wir wollen doch modisch bleiben, oder?

Wildost-Pioniere klingt wie Wildwest-Pioniere, irgendwie abenteuerlich. Sogar Dissidenten hört sich spannender an. Oder Conquistadores, mutig und wichtig. Kolonialisten und Imperialisten, fies aber irgendwie auch stark. Das Wort Aussiedler dagegen hat so einen muffigen Beigeschmack, langweilig und irgendwie nichtssagend. Naja, ein Glück in etwa 100 Jahren haben sich alle schön integriert, sich vermischt mit den Hiesigen und den anderen und dann ist die Bezeichnung kein Thema mehr. Und in der Zwischenzeit?

Was wir erben

Die Augen sind die Spiegel der Seele. Aber was, wenn die Seele ein Spiegel ist, nicht die Oberfläche eines Sees, sondern ein ganz normaler Spiegel aus Glas. Und wenn es so ist, dann sind die Seelen unserer Eltern zerbrochene Spiegel. Erfahrungen, die sie als Kinder machen mussten in Krieg, Flucht, Verschleppung und Lager oder einfach nur Hunger und Kälte und Angst, haben die Oberfläche mit Rissen überzogen oder sie sogar komplett zerbrochen.zerbrochener_Spiegel_kl

 

 

 

 

Aber um zu überleben, haben unsere Eltern ihre Scherben zusammengehalten, waren strengstens darauf bedacht, als Ganzes zu funktionieren. So war das halt damals. Wenn noch nicht mal die Kriegsheimkehrer zu einem Traumatherapeuten gegangen sind, sondern Zähne zusammenbeißen und weitermachen im Tagesgeschehen. Hopp Hopp.
Das geht am besten wenn man verdrängt. Scherben unter den Teppich kehren und so tun als wäre nichts geschehen, ist eine Überlebensstrategie. Und diesen Teppich erben dann die Kinder und Kindeskinder. Sie sind gewöhnt über die Erhebungen des Teppichs zu laufen, wo es knirscht und knurspelt.
Manchmal denke ich darüber nach, dass wir Kinder diese alten Gefühle als Stellvertreter ausleben, das unvorstellbare Grauen. Über die Soma oder über die Psyche je nach Veranlagung. So wie der Typ, der sich gestern zu uns auf die Bank vor der Bücherei gesetzt hat.

Er sah nicht wie ein gewöhnlicher Penner aus. Ganz in Schwarz, groß und schlaksig , mit einer Plastiktüte und einem Glas mit Teebeuteltee darin. Der Blick hinter der fast randlosen Brille huschte leicht und ein Hautausschlag überzog das Gesicht. Oder war es nur etwas gerötet? Er zeigte kaum Anzeichen von Vernachlässigung, und höflich war er, fragte, ob er sich dazusetzen darf, obwohl alle Bänke frei waren, das war schon ungewöhnlich für Deutschland. Dann fing er an, uns zu zu texten und es wurde deutlich, der ist manisch. Über unsere Kinder, die Schaukelten, kam er auf die Waldorfschule. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, dann kam sein Vater ins Spiel, die Bibel, die er geerbt hatte bei seinem Tod. Eine evangelisch-lutherische Bibel, aus Moskau, sein Vater käme aus Moskau, Deutscher aus Riga, das ist in Lettland. Er springt gedanklich, spinnt wilde Assoziationsketten, singt zwischendurch, von Glaube Liebe Hoffnung, seine einzigen Waffen, kommt er zu Marlenes Lied Liebe nur und sonst gar nichts, erzählt, dass er in Bamberg beim Marlene Musical mitgespielt hat. Kontrabass und Gitarre. Mit einem renomierten Regisseur aus Hamburg, eine wichtige Produktion. Im Bambergerschloss wohnen sie. Springt von Bamberg ganz easy nach New York, Carnegy School, gibt es das? Und dann nach Danzig und übers Haff, nach Nebel auf Amrum. Jede Station bekommt eine Jahreszahl verpasst.

Über den Anker, ich als Anhänger trage, kommt er auf seine Taufe auf Amrum zu sprechen, 1971, in der Kapelle auf Nebel, und seine Mutter, die dort als Kind war, geflohen aus Danzig, Lungenleiden im Lager zugezogen. Und mein Vater hat im Krieg gekämpft, in beiden Kriegen, wir sind keine Drückeberger, wir verteidigen unser Land, das war ihm total wichtig. Er hat es oft wiederholt. Es kreiste wiedermal um den Krieg.

Und es kam aber durch, dass er seinen Vater total liebt oder verehrt, ein Heldenvater, er war bei der Luftwaffe/Marine/Infanterie, ich habs vergessen. Aber er wusste es noch und auch das Regiment. Er befindet sich in der manischen Phase, wo die Gedanken zwar schwirren, aber noch zusammenhängend und logisch wirken. Also nicht unerträglich, wenn man den Kapriolen folgen kann. Ich habe aber auch nachgefragt, weil ich es spannend fand, die ganze Geschichte, habe mich aber nicht als Gleichgesinnte und gleich schicksalhaft Getroffene zu erkennen gegeben. Und da sein Vater aus Riga kommt und er Kontrabassist, frage ich ihn spontan, ob er Ole kennt. Und Bingo. Sie haben zusammen in Lübeck studiert. Mein Bruder in der Seele nennt er ihn, gibt später aber zu, dass er mit ihm uund Katja in letzter Zeit wenig zu tun hatte.

Wie oft tragen die Kinder diese Scherben vor sich, diejenigen, deren Seelen nicht zersprungen sind, tragen symbolische Sprünge, verheddern sich in einem Trauma, das nicht ihres ist. Steht auch übrigens in der Bibel und die alten Griechen haben es auch gewusst, die Sünden der Väter tragen wir bis in das siebte Glied. Und was ist mit den Traumata?

Kann man diesen Eltern einen Vorwurf machen? Den Kindern des Krieges, die vor Panzern weglaufen und neben Detonationen spielen. Die Geschwister, Eltern, Freunde verlieren auf die grausamste Weise. Sie schweigen, sie spalten ab, sie wollen vergessen. Das ist gesünder für sie.

Aber auch für uns? Gut, wenn es so ist, tragen wir die Brüche, die Bürde des Krieges, die Spätfolgen. Aber dann darf keiner von uns verlangen, dass wir funktionieren. Dass wir unseren Alltag meistern und nicht abdriften.

Ach lamentier doch nicht so. Das ist Jammern auf hohem Niveau. Du hast doch Zeit und Muße, dir über solchen Unsinn Gedanken zu machen, du kämpfst nicht um dein Leben. Um die bloße Existenz wie noch so viele auf diesem Planeten.

Aber eben grade deswegen! Weil Frieden ist, weil der Krieg bei uns hier eine Pause macht, kann das raus. Lebt es sich aus, und die alten Emotionen-Zombies kriechen aus der Gruft und zeigen ihr hässliches Gesicht. Und halten mich und auch den schlaksigen Kontrabassisten davon ab, unser Leben zu leben. Denn wenn ich sie nicht einlade an meinen Tisch, spuken sie im Leben meiner Tochter herum. Tun sie wahrscheinlich sowieso.

Die Scherbensammlerin

Viele der Scherben, die sie irgendwo aufgesammelt hat, haben blaue Muster auf weißem Grund. Solche mag Olga am liebsten, ostfriesisches Zwiebelmuster kommt hier oben relativ häufig vor, manchmal findet sie aber auch welche mit Blumen oder Ranken. Ein Bruchstück zeigt ein fliegendes Vogelpaar, das sich schnäbelt, darüber Baumkuppen. In diversen Kästchen, Dosen und Gläsern bewahrt sie ihre Schätze auf. Die Formen ähneln sich: flache Drei- oder Vierecke von irgendwelchen Wandfliesen, gebogene Stücke mit einer glatten Kante von Tellerrändern, mit scharfen Rändern oder amorph geformten Bruchstellen. Nur die Muster sind unterschiedlich.
Manchmal befindet sich auf der Lackoberfläche noch eine Maserung, ein Netz aus feinen Adern, das die Scherbe bedeckt und aussieht wie ein Plan, wie der Grundriss einer mittelalterlichen Stadt. Auf einem Markt hat sie mal eine Frau getroffen, die aus Porzellanbruch Ohrringe und Anhänger fertigt. Sie schleift die scharfen Kanten ab und lackiert die Oberflächen, veredelt sie anschließend mit Silber oder Gold. So wertet sie diese nutzlosen Überbleibsel auf, gibt ihnen einen Sinn, ein zweites Leben. Auch Olga will ihren Fundstücken einen neuen Sinn geben, doch welchen?

 

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Heute hat sie wieder zwei Scherben aufgelesen. Sie lagen am Rand der Baustelle von gegenüber, dort wo vor dem Krieg Häuser standen und für lange Jahre ein Industriegelände war mit Hallen und LKW-Parkplätzen. Dazwischen Brachland. In ihrer Straße gab es einst Häuser auf beiden Seiten, jetzt sind die Hausnummern lückenhaft. Nach 55 kommt lange Zeit nichts mehr und auf der gegenüberliegenden Seite gehen die geraden Zahlen bis weit über die 100. Sind diese Keramikscherben mit irgendwelchem Geröll für die Baustelle hierher gekarrt worden oder stammen sie noch aus dem Schutt der alten Hausruinen? Die ins Erdreich eingesunken sind als die Erde für die Lagerhallen planiert wurde und die jetzt durch das erneute Aufgraben wieder herauf geschwemmt wurden?

Die kleinere Scherbe zeigt drei hellblaue Flecken auf weißem Grund, vielleicht sind es abstrahierte Blätter, möglicherweise nur der Teil einer Girlande aus Tupfen. Die andere könnte das Stück einer Kachel sein und hat eine blaugefleckte Oberfläche. Königsblau. Darauf sind wolkige Gebilde zu erkennen, dicht geballt, aufgerastert in kleine Pünktchen, wie beim Druck. Olga sieht darin den Ausschnitt eines Gewitterhimmels über einem barocken Schäferidyll oder Wölkchen neben einer nicht mehr sichtbaren ostfriesischen Windmühle. Kann auch sein, dass es einfach eine abstrakte Kleckserei ist. Wer weiß das schon, denn womöglich entstehen diese Wolken, diese Küchenfliesenmotive nur in ihrer Einbildung. So ist es mit Scherben, sie zeigen immer nur einen Ausschnitt des Ganzen. Und wie es hinter ihren Rändern weitergeht, kann man mit Glück manchmal erahnen. Oft noch nicht einmal das. Das Gesamtbild, die Matrix, kriegt man meist nicht mehr zusammen.
Olga legt die beiden neuen Fundstücke in ihre Wird-mal-zu-einem-Mosaik-verbastelt-Kiste und denkt über das Zerbrechen nach. Das Trauma eines Falls, wenn etwas zu Bruch geht, in tausend Stücke zerspringt, zersplittert. Die Persönlichkeit als Tasse, in viele kleine Teile zerborsten, Stücke, die wenn sie geklebt und wieder geklebt werden, seltsamerweise nicht mehr zusammenpassen. Als erfahrene Restauratoren unseres Alltags versuchen auch wir alte Bruchstellen immer wieder neu zu kitten. Wir puzzeln herum und suchen nach dem fehlenden Stück. Auf englisch klingt es sogar besser: the missing link.

Glassplitter, glattgeschliffen vom Fluss oder den Wellen des Meeres, befinden sich zwar auch in ihrer Sammlung, aber die üben nicht so einen starken Sog auf sie aus. Aus irgendeinem Grund müssen es Geschirrbruchstücke sein. Am liebsten in Weiß. Wenn jemand, ein Psychologe oder ein anderer Zeichendeuter sich diese Vorliebe mal anschauen würde, könnte er schlussfolgern: Nun, ich sehe eine Nähe zu Frauen, eindeutig zu Küche oder Speisezimmer, aber auch Zerfall, Angst vor Zersplitterung bei gleichzeitiger Neigung, die Sollbruchstellen freizulegen. Da ist auch ein starker Wunsch, das Ganze wieder zusammenzubringen, zu kleben, zu heilen, die Bruchstellen zu kitten. Das Trauma wieder wegzumachen.

Aber es funktioniert nicht, es bleiben immer Narben übrig. Die Klebestellen und feinen Risse.
Sie hat nicht das gute Sonntagsgeschirr ihrer Großmutter geerbt. Vielleicht kommt sie daher, ihre Vorliebe für Porzellanreste. Doch durch die ganzen Vertreibungen gibt es keinen Nachlass aus geblümten Sammeltassen mit Goldrand, samt passenden Untertassen. Ihr bleiben nur die Scherbensplitter vom Geschirr anderer Leute. Das ist das einzige Erbe, welches ihr die Erde wiedergibt.

Sie sammelt Bruchstücke aus einer Vergangenheit, die sie nicht zusammenfügen kann, weil es einfach nicht genug Anhaltspunkte gibt. Ab und zu taucht eine Information auf, ein Splitter, ein Name oder ein Ereignis, dann wird das Geschehene für einen Moment lebendig. Doch es bleiben zu viele Leerstellen für ein vollständiges Bild. Und ihr Wühlen in der Vergangenheit bringt nur eine Sammlung unvollständiger Fragmente zutage.

Da ist die Großmutter, die in einem Viehwaggon unterwegs ist, irgendwo in der Weite Polens auf dem Weg in den Westen. Auf dieser Fahrt, mitten auf der Strecke, stirbt die zweijährige Tochter, weil sie sich an heißem Wasser verbrüht und keine medizinische Hilfe bekommen kann. Zumindest nicht ausreichende. Unter Schreien über mehrere Stunden ist sie gestorben. So hat es ihr der Vater erzählt, der den Tod der kleinen Schwester hautnah miterlebt hat.

Aber wann genau, wo genau, wie waren die Umstände? Konnten sie in ein Krankenhaus? Melitta, die Großmutter hat noch drei weitere Kinder geboren, nein sogar vier, aber sie soll sich jede Nacht in den Schlaf geweint haben. War es wegen ihrer kleinen Tochter? Wegen Nelly? Und so geht es mit vielen Dingen. Sie tauchen auf, mit ihren scharfen Rändern, das Muster geht weiter, und manchmal kann sie sogar erahnen wie. Aber was genau passiert ist, wer was getan oder gesagt hat, das verschließt sich, kann nur noch mit Hilfe der Phantasie rekonstruiert werden. Es gibt keine Fotos von Nelly. Sie muss um 1941 oder ’42 geboren worden sein. Und ist um 1944 gestorben. War da der dritte Sohn, der kleine Albert schon auf der Welt? Oder war die Großmutter hochschwanger mit ihm als es passiert ist? In Alberts Pass steht, dass er in Polen geboren wurde. War es vor oder nach diesem tragischen Ereignis? Die Geburt war Mitte März. Waren sie unterwegs durch einen kühlen Frühling? Wie war überhaupt das Wetter Neunzehnvierundvierzig auf der Strecke zwischen Nikolajew in der Ukraine und Dahme in Ostdeutschland? Kahle Felder? Frost nachts? Oder sangen die Vögel, um die ersten Sonnenstrahlen zu begrüßen? Sie denkt oft, sie muss sich nun endlich festlegen. Dem Frühling seine Attribute geben, die Geschichte weiterspinnen. Der Zug hält an, mitten auf der Strecke, sie wissen nicht, für ein paar Stunden oder nur wenige Minuten. Es sind viele Frauen und Kinder in den Waggons, die Männer sind entweder an der Front, oder in der Verbannung verschollen oder bereits tot.

Möglichkeit eins, eine halbe Stunde Zeit, um schnell eine Suppe zu kochen. Einen primitiven Kocher hat eine der Frauen vielleicht dabei oder sie haben sich etwas konstruiert mit einer Blechdose, auf die ein Topf gestellt wird. Jedenfalls setzen sie Wasser auf, irgendjemand hat Wasser aufgetrieben. Woher? Ist ein Dorf mit einem Brunnen in der Nähe? Die kleine Nelly ist kränkelnd an diesem Tag, das weiß Olga genau, das besagt die Familienlegende, sie hat die Grippe, Melitta hat sie die ganze Zeit auf dem Arm getragen und als der Zug hält, will sie schnell raus, um was für die Suppe zu organisieren. Einige Möhren vielleicht, die eine oder andere Kartoffel oder Rübe. Sie sind schon Monate unterwegs, sie hat das schon oft gemacht. Das kranke Kind vertraut sie einer Mitreisenden an. Ist es eine Nachbarin aus dem Dorf? Was ist mit ihr hinterher geschehen? Sie soll Nelly kurz halten. Das Wasser kocht. Melitta klettert raus. Vielleicht kann sie etwas Gemüse eintauschen, gegen Wäsche oder Schmuck, vielleicht sogar eine Porzellantasse, ein Erbstück. Der Zug fährt vorzeitig los. Ruckelt einmal, noch mal, jäh. Die Frau, die das Mädchen festhält, verliert den Halt. Nelly rutscht ihr aus den Händen, aus den Händen der Frau, die nicht ihre Mutter ist, vielleicht nur eine Zufallsbekanntschaft, eine Mitreisende, eine Mitleidende auf der Flucht. Sie fällt in das kochende Wasser. In den schattigen Senken liegt noch dreckiger Schnee, zu Eis veklumpt. Auf ein Mal hört man einen durchdringenden Schrei, er hält an, hört nicht auf. Melitta erkennt die Stimme ihrer kleinen Tochter nicht, so unmenschlich wirkt sie. Sie läuft zum Waggon zurück, lass es nicht Nelly sein, lass es nicht Nelly sein, im Rhythmus ihres klopfenden Herzens. Dann kommen sie an. Jetzt verlässt Olga die Vorstellungskraft wieder. Sie kann sich die Gefühle der Mutter beim Anblick des verbrühten Kindes nicht ausmalen. Und die Augen der beiden Brüder, die hinter der Mutter hervorschauen, die aus nächster Nähe alles mitbekommen. Als ob es nicht schon Albtraum genug wäre, in einem Viehwaggon irgendwohin zu müssen, weg von zuhause, in die Fremde, die eine neue Heimat werden soll. Was danach kommt? Die Weiterfahrt verzögert sich. Ein schrecklicher Unfall ist passiert. Wird das Kind in die nächste Siedlung geschafft, wo es zwar keinen Arzt, aber eine Hebamme gibt, ein Lager, ein Bett bei dem Bauernvolk, wo die kleine Nelly über Nacht ihren Verletzungen erliegt, wimmernd im Arm der Mutter. Keine Kraft mehr zum Schreien. Kann der Zug solange dort halten, bis sie beerdigt wird? Oder müssen sie den toten Kinderkörper Fremden überlassen, damit sie ihn nach ihren Riten beerdigen? Gute Menschen? Gibt die Großmutter die Bakelit-Brosche, die sie zur Hochzeit bekommen hat in diese guten polnischen Hände, die 1944 Mitleid haben mit einer Deutschen? Wer macht den Sarg für das unbekannte Kind? Alles Dinge, die sich auf den nicht auffindbaren Teilen befinden, im weißen Raum der Nichterinnerung. Spekulation. Selbst dann, wenn der Zug solange wartet bis die Beerdigung vorbei ist, oder sie den nächsten nehmen, das Geschehen bleibt unfassbar. Gibt es bei dieser Flucht, bei einem der letzten Trecks in den Westen überhaupt einen nächsten Zug? Eher wahrscheinlich ist, dass sie ganz schnell verscharrt wird, ohne Sarg, neben den Schienen. Mit vier Kindern ist Melitta losgefahren. Oder mit dreien und einem im Bauch. Und kommt mit nur drei Kindern an, drei Söhnen, die Tochter ist weg. Nicht mehr da. Und ist denn Zeit für Trauer in dem ratternden Waggon mit dem Stroh auf dem Boden? Wer kümmert sich in dieser Zeit um die verbliebenen Kinder? Weint die Großmutter, die damals jünger ist als Olga jetzt, noch keine Dreißig, oder steht sie zu sehr unter Schock? Weiße Flecken überall. Die Geschichte ist ein Sammelsurium von Scherben. Wer findet sie eines Tages, um sie zu verkleben und festzustellen, dass sie nicht mehr zusammenpassen. Ist Melitta in dieser Nacht als Nelly starb, in Scherben zerfallen? Hat sie sich, hat sich ihre Vorfahrin, danach Vorwürfe gemacht? Wär ich bloß nicht ausgestiegen, hätt ich meine Nelly nur nicht der anderen gegeben? Wär ich bloß dageblieben. Das altbekannte Lied, hätte, hätte Fahrradkette. Als ob wir’s im Griff hätten mit unseren kleinen Menschenhandlungen den Verlauf des Lebens zu bestimmen.
O malenkaja Nelly, Oh kleine Nelly, so heißt ein bekannter Tango aus dem Russland der Dreißiger Jahre. Hat Melitta ihre Tochter nach diesem Lied benannt? Noch so eine Scherbe. Ein zerborstenes Fragment, ein feiner Riss im Porzellan. Das verbrühte Kind. Die Fahrt mit dem Viehwaggon. Ein Bruch in der Geschichte. Eine Tangomelodie.
Wo verläuft dieser feine Riss bei ihr, der Nachfahrin? Ist es nur die Obsession für zerbrochenes Porzellan, die ihr bleibt oder geht es weiter? „Vorfahren müssen nachfahren und Nachfahren müssen vorfahren“, scherzt sie manchmal mit ihrer eigenen Tochter, wenn sie mit dem Rad unterwegs sind und diese nicht einsehen will, dass sie als Kind vorausfahren soll. Olga die Nachfahrin, kriegt jedes Mal Panik, wenn ihr Kind die leisesten Anzeichen einer Grippe zeigt. Sie kann es nicht ertragen wenn ihre Tochter krank wird. Sitzt das in den Genen? Packt sie die Angst aufgrund dieses einen Moments im Zug oder den zig anderen Augenblicken in der Chronik ihrer gebeutelten Sippe, in denen Kinder gestorben sind? Wegen einer simplen Grippe? Momente, die sich in der Seele verankert haben. Ihre ewige Furcht, etwas falsch zu machen. Dieses diffuse, unhaltbare Gefühl, dass etwas total schief läuft.

Habe ich ihr den richtigen Schal angezogen? Sind die Stiefel wasserdicht genug? Fenster auf oder Fenster zu? Als ob der kleinste Fehltritt, die geringste Abweichung vom richtigen Tun, fatale Folgen haben könnte. Lethale Folgen. Und das ist bei jeder kleinsten Entscheidung so.

Wie eine Heimsuchung. Scherben, Trümmer, Krieg, Olga bleibt immer wieder an denselben Bildern kleben. Gibt es denn keine Gegenwart? Lass doch die ollen Kamellen, das bringt doch nichts, bekommt sie oft von wohlmeinenden Menschen gesagt. Lieber nach vorne schauen. Lebe doch im Jetzt. Nur das ist wichtig.

Natürlich könnte sie sich wehren. Die Geister abschütteln, die Scherben einfach liegen lassen oder sie alle wegschmeißen. Ein für allemal. Doch sie kann es nicht. Irgendwas in ihr spult dieses Sammeln ab. Sie muss die Scherben aufheben und sie mit nach Hause nehmen. Wo sie in ihren Kästchen ruhen und darauf warten, eines Tages zu einem Mosaik zusammengefügt zu werden.

So läuft sie die Straßen entlang und sucht mit den Augen den Boden ab. Aber nur halbbewusst wie auf Autopilot. Und wenn kleine weiße Dreiecke in ihrem Sichtfeld auftauchen, schaut sie genauer hin, bückt sich, greift danach und steckt sie sich in die Jackentasche. Die mit den blauen Mustern, die mag sie am liebsten.