Die Schatulle

Wir fahren öfter daran vorbei. Es ist eine Art Nische in der Mauer in der Gerichtstraße, gleich beim Bolzplatz. Weniger als einen Meter lang, mehr als einen halben hoch und etwa ebenso tief.

Dieser Platz ist ein Wechsellager für Nachbarn und Anwohnerinnen. Bücher werden dorthin gelegt, abgetragene Klamotten und Schuhe. Manchmal kommt Kinderspielzeug hinein, Blumentöpfe, die einer über hat, allerlei Krimskrams. Ich deponiere dort ab und zu selbst Ausgelesenes, das ich nicht behalten möchte oder ein Kleidungsstück, von dem ich weiß, dass ich es nie wieder werde anziehen können.

An dem Tag war die Nische fast leer. Daher fiel uns die kleine schwarze Schatulle sofort auf. Ich habe gleich gesehen, dass es eine russische Lackdose ist. Heute würde ich schwören, ich hätte sie zuerst gesehen, aber Karlotta ist anderer Meinung. Sie besteht darauf, dass sie sie gefunden hat.

Solche Lackdöschen mit irgendeinem Motiv, meistens einer Troika, sind beliebte Souvenirs in Russland. Ich weiß noch, dass ich gezögert habe, sie mitzunehmen, denn auf solchen Touristenkitsch stehe ich normalerweise nicht. Es gibt sie zuhauf, diese Holzschatullen an den Ständen in Russland, ebenso wie wie bunte Matrjöschkas, Holzlöffel oder Anstecker mit Leninkopf. Lange Zeit bewahrt Karlotta ihre doppelten Panini-Bildchen darin auf. Die Schatulle, außen schwarz und innen leuchtend rot lackiert, hat eben genau die richtige Größe.

Warum ich sie heute geöffnet habe, weiß ich nicht. Vielleicht weil sie seit Wochen ständig im Wohnzimmer rumliegt und überall im Weg ist. Im roten Lack des Deckels entdecke ich einen Stempel. Mit Krone und dem Doppelkopfadler und kyrillischen Buchstaben.

Halt mal, sage ich, die ist sicher mehr als hundert Jahre alt. Noch vor der Revolution. Und wirklich, nach einiger Recherche im Netz finden wir heraus, dass diese Lackdose aus der Werkstatt von Wassilij Ossipowitsch Wischnjakow und Söhne stammt und um 1880 entstanden ist.

Kann nicht sein, denke ich und schaue mir die Miniatur auf dem Deckel genau an. Die Figuren und die Gesichter sind fein gezeichnet, sogar bei dieser Größe. So als wären sie mit einem Haarpinsel ausgeführt worden. Die Perspektive stimmt nicht immer, so wirkt das hintere Pferd der Trojka größer als das vordere. Aber Naive Bauernmalerei ist das nicht. Die Farben sind nicht grell sondern sehr nuanciert und es ziehen sich feine Maserungen durch den Lack. Das hätte mir doch früher auffallen können. Ist es aber nicht. Im Vordergrund befindet sich ein Baumstumpf mit Ast, wie auf etlichen anderen Modellen von Wischnjakow und Söhne, seine Lichter und Schatten sind fein modelliert.

Da haben wir wirklich einen Fang gemacht.

Meine Dose, sagt Karlotta.

Die verkaufe ich nicht, fügt sie hinzu als wir herausfinden, wieviel man bei eBay für so ein schmuckes Stück haben kann.

Ist mir recht, sag ich. Seufze und lege die Paninibildchen wieder hinein.

Werbeanzeigen

In eigner Sache. Drei Jahre gesammelt

Heute vor drei Jahren habe ich mich hingesetzt und habe ein Template für Scherben sammeln angelegt. Nun ist der die das Blog – wenn es denn ein Kleinkind wäre – in der Trotzphase. Ich schaffe es nicht, es täglich zu füttern. Ein Mal die Woche wenns gut läuft, oft sind die Intervalle länger. Und dennoch wird es immer fetter. Und jedes Mal, wenn ich inne halte und mich frage, was soll das und aufhören will, kommt ein belebender Kommentar und ich mach weiter.

Mit diesem unliebsamen Nebennischenprodukt. Wenn Sex und Gewalt publikumswirksam sind, was sind dann Vertreibung und Krieg und die Minderheit der Russlanddeutschen? Etwas, das ganz unten im Supermarktregal steht? Oder sogar in zweiter Reihe, hinter den alten Haferflocken, die schon anfangen, ranzig zu müffeln.

Aber was ich kürzlich auf einem anderen Blog gelesen habe, kann ich nur bestätigen: mein Sehen hat sich gewandelt, ich betrachte Bücher, Informationen ganz anders, lese ganz anders und trau mich mehr einen Standpunkt einzunehmen, als noch vor wenigen Jahren.

Und ich habe virtuell Mitlesende und Andersbloggende gefunden und möchte diesen Kontakt auch nicht mehr missen. Auch wenn sie so sind, wie ausgedachte Freunde, nur realer.

Dass ich als Bibliovore zu anderen Literaturbloggs Zugang habe, ist so wie wenn eine Drogenabhängige über Nacht in der Beweismittelkammer der Polizei eingeschlossen wird. Mit 1000 kg Stoff in Plastiktüten. Ich genieße es täglich und habe dadurch ganz andere, ganz tolle Bücher entdeckt.

Auf eure Gesundheit, liebe Mitboggenden und Mitlesenden, Prösterchen und auf weitere drei Jahre, Inshallah! So Gott will.

Eine Geschichte in drei Koffern

Ich packe meinen Koffer und lege hinein… drei Elefanten, eine Murmel, einen Sonnenschirm, die Stadt Wien, ….mit diesem Spiel vertreiben wir uns die Zeit auf langen Autofahrten.

Eigentlich hasse ich es, Koffer zu packen, mich überkommt jedes Mal eine regelrechte Panik, wenn ich es tun muss. Und doch kann die Geschichte meiner Familie anhand von drei Koffern erzählt werden. Einem Koffer mit Gewitterwolken über der Bucht von Riga, einem mit Unterhemden aus einem geplünderten Laden und einem, der randvoll gefüllt ist mit blassen Gesichtern aus Celluloid.

Der erste Koffer war ein hübsches Modell aus braunem Leder und gehörte Nina, die im letzten Krieg aus Lettland fliehen musste.

Sie packte ihren Koffer und legte hinein… ihr Tauftuch mit einigen getrockneten Tropfen aus dem Weihwasserbecken, eine Bluse zum Wechseln, einige alte Fotos. Keine drei Elefanten, und auch nicht die Stadt Wien, sondern die Ostseestadt Riga. Denn zwischen den Falten ihrer Bluse hatte sich etwas davon festgesetzt, der Geruch nach Trockenfisch und feinem Metallstaub. Die Rufe der Hafenarbeiter, das Bimmeln der Straßenbahn. Auf einer gemalten Miniatur, die sie ganz unten verstaut hatte, quollen dichte Gewitterwolken über der Bucht und der Petrikirche.

Als sie aus dem Haus trat, lag der Koffer seltsam leicht in ihrer Hand. Glatt und neu sah er aus, mit seinen glänzenden Metallecken. Nur ein einziges Buch hatte sie dabei, ein Lyrikbändchen von Rudolf Blaumann, der als Begründer der lettischen Literatur Rūdolfs Blaumanis genannt wurde.

Reisen mit leichtem Gepäck – nicht alle können das.

Irgendwann, viel später, als dieser Koffer über zwei Dutzend Bücher enthalten wird – ein Koffer voller Literatur – werden seine Flanken abgeschabt und fleckig aussehen und eine der Metallecken wird fehlen. Doch als Nina ihr Haus an der Valnu iela verlässt, ist seine Oberfläche makellos. Sie wird es schaffen, gemeinsam mit anderen, die den zahlreichen Trecks folgen. Sie wird mit ihrem kleinen Lederkoffer heil in Friedland ankommen, dem Aufnahmelager für Vertriebene aus dem Osten. Viel später wird sie sich von einem Maler in Öl porträtieren lassen, einen Buchhändler heiraten, Söhne in die Welt setzen und das braune Köfferchen mit Büchern füllen. Als Begrüßungsgeschenk für andere, die aus dem Osten anreisen. Für uns.

Doch zunächst kommt ein anderer Koffer ins Spiel. Ein blauer Pappkoffer aus der Stadt Dahme in Brandenburg.
In den letzten Tagen vor Kriegsende wurden zwei kleine Flüchtlingsjungen aus der Ukraine, einer davon mein Vater, Zeugen einer Plünderung. Eigentlich durften sie nicht aus dem Haus, wenn Bomben fielen. Die Mutter hatte es strengstens verboten. Doch die Gelegenheit war günstig und die Tiefflieger schon hinter dem Wald verschwunden. Es rauchte nur noch leicht aus den Kratern und den oberen Stockwerken.
Sie liefen über die Straße zu dem Laden mit dem zerbrochenen Schaufenster, darüber hing, halb abgerissen, das Schild „Herrenbekleidung“. Heiner, der ältere Bruder, schnappte sich einen Riesenkoffer und beide fingen an, wahllos Sachen hineinzustopfen.

Sie packten ihren Koffer und legten hinein … Hüte und Sockenhalter, Hosen und Jacken und einen ganzen Haufen gerippter Unterhemden. Was machte es schon, dass da Symbole der Wehrmacht draufgenäht waren? Die beiden Jungen achteten bloß darauf, dass keiner ihnen die Beute wegschnappte.

Kurze Zeit später haben sie die Stadt an der Dahme wieder verlassen, denn sie sollten repatriiert werden. Soldaten der Roten Armee verfrachteten die Brüder mit ihrer Mutter, zusammen mit den anderen Volksdeutschen in Züge, die in Richtung Osten fuhren. Der Vater der Familie, mein Großvater, war noch in Kriegsgefangenschaft. Erst viele Monate später würden sich ihre Wege wieder kreuzen. Irgendwo in Sibirien.

Als sie in die Waggons gestoßen wurden, dicht an dicht, klammerte sich mein fünfjähriger Vater an das blaue Gepäckstück, als ginge es um sein Leben. Er legte sich auch zum Schlafen darauf, seine Hand fest um den Griff gekrallt. Beide waren nicht länger als einen Meter – der Koffer und das Kind.

Später, in der Sondersiedlung, sollte die Beute aus dem Laden ihre Rettung werden. Ein Filzhut mit Feder, eingetauscht gegen ein halbes Dutzend Eier. Ein kariertes Jackett gegen einen Laib Brot. Und nachts saß die Mutter beim Schein der Kerosinlampe und trennte die verräterischen Aufnäher von den Hemden ab. Die abgelösten Zeichen zischten im Ofen und brannten so langsam, dass die Brüder Angst bekamen, jemand könnte sie erwischen. Doch sie hatten Glück, und nach zwei Jahren war alles in Nahrung umgewandelt, bis auf den letzten Faden. Der Koffer wurde von Behausung zu Behausung mitgeschleppt, auch als die Kommandaturaufsicht aufgehoben wurde und die Mutter starb. Als der Koffer in seine Einzelteile zerfiel, warf mein Großvater das alte Pappding einfach weg.

Der Koffer Nummer drei legte wieder dieselbe Strecke in umgekehrter Richtung zurück – von Ost nach West..

An Lenins 110. Geburtstag waren wir in Moskau zwischengelandet, um in ein Flugzeug nach Frankfurt umzusteigen. Frankfurt/BRD. Wir waren zu viert und reisten mit leichtem Gepäck. Alles andere wurde vor der Abreise veräußert, meistens verschenkt. Im Westen könnt ihr eh nichts mit diesem Barachlo, diesem sowjetischen Ramsch anfangen, hatte man uns gesagt.

So packten wir unseren Koffer und legten hinein – unser ganzes Leben. Ach was, mehrere Leben. Denn der handliche Koffer sowjetischer Fabrikation war bis zum Rand gefüllt mit Familienfotos.

Auf einem stehe ich am Schulportal mit weißer Schürze und Blumen für die Lehrerin. Ein anderes Bild zeigt meine mehlbestäubte, lachende Mutter in der Sommerküche beim Ausrollen von Teig für Manty. Auf einer fast verblassten Aufnahme sitzt Großvater auf einem Pferdekarren vor einer Baracke der Sondersiedlung. Hunderte von Babyfotos, Gruppenbildern, Hochzeiten, Geburtstagen, Beerdigungen, fast ein Jahrhundert der Fotografie. Die älteste Aufnahme ist von 1907 und zeigt drei ernste Damen vor einer gemalten Landschaft, die Taillen von breiten schwarzen Gürteln gehalten. Alle Fotos sind schwarzweiß, auch die aus der jüngeren Zeit. Viele hat mein Vater in seiner mobilen Dunkelkammer selbst vergrößert.

Die Taillen mit breiten schwarzen Gürteln gehalten.

Und ebendieser Koffer war bei der Landung in Frankfurt verschollen. Einfach weg. Es hieß, er wäre aus Versehen in Moskau geblieben und könne erst später nachgeschickt werden. So, als hätten sich die Geister derjenigen, die auf den Bildern abgelichtet waren, vom Fotokarton gelöst, weil sie noch etwas in Russland zu erledigen gehabt hätten. Vielleicht sind sie ins Mausoleum geglitten, an den Wachen vorbei zu der Leiche des Mannes, dessen Geburtstag draußen nicht mehr ganz so frenetisch wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren abgefeiert wurde. Sie dachten auch an den mächtigen Schnurrbart des anderen, der so viele Tote auf dem Gewissen hatte und dessen eigener Tod 1953 kollektiv beweint werden musste. Diese beiden Politgiganten hatten ihnen also soviel Verdruss bereitet. Die Geister meiner Vorfahren betrachteten die Wollmäuse in den stillen Ecken des Mausoleums und brachen in ein stimmloses Gelächter aus.

Noch lieber hätte ich es gesehen, wenn sie mit dem Gepäck versehentlich in ein anderes Flugzeug gekommen wären und endlich die weite Welt gesehen hätten. Oder wenigstens Paris.

Am unserem letzten Tag im Aufnahmelager bekamen wir den Koffer fast vollständig zurück. Von den Gesichtern auf den Fotos fehlte kein einziges. Lediglich das schwere Kruzifix aus dunklem Holz, das mein Vater einst selbst geschnitzt hatte, blieb verschwunden.

Zwanzig Jahre später waren die Bilder sicher in Alben und Kisten verwahrt, doch der Koffer wurde entsorgt, als der Keller ausgeräumt werden musste.

Den anderen kleinen Lederkoffer, den aus Riga, der mit Büchern gefüllt war, hatte ich fast vergessen. Irgendwann fiel mir ein Büchlein in die Hände, auf dessen Vorsatzblatt ein Name auf kyrillisch geschrieben war. Нина. Nina.

Nina hatte den Koffer mitgebracht, als unsere gesenkten Blicke noch voller Staunen über die Wunder der westlichen Zivilisation waren und unsere Klamotten von der Sammelstelle des roten Kreuzes. Sie kam uns mit ihrem Mann besuchen und hatte die Dichter im Gepäck. Vergilbte Bändchen von längst vergessenen Romreisen im Schnee, Gedichte über weiche Auen und Märchen von kaltherzigen Riesen, die ihre Gärten lieber für sich behalten wollten.

So kam es, dass ich Orwells Science-Fiction-Roman noch vor 1984 las und mir die schillernde Attitüde eines Oscar Wilde vertrauter vorkam als das Leben der Kleinstädter, die uns umgaben. Auch russische Klassiker waren dabei. „Die toten Seelen“, „Die Brüder Karamasow“, oft angefangen und wieder beiseite gelegt. Irgendwann habe ich den Koffer mit dem notdürftig geklebtem Griff fast vollständig ausgelesen. Seite für Seite habe ich den Inhalt in Nahrung umgewandelt. So wie meine Großmutter die Wehrmachtsunterhemden in Eier und Brot.

Doch die hohe Kunst, das ganze Leben in einen Koffer zu packen, beherrsche ich immer noch nicht. Mich überkommt immer noch diese Panik, wenn ich packen muss. Meist nehme ich für drei Tage so viel mit wie andere für drei Wochen. Ob es anderen Menschen mit einem Deportations-Hintergrund auch so geht?

Ich packe meinen Koffer und lege hinein… ein geripptes Unterhemd mit dem Abzeichen eines verlorenen Krieges, eine verblasste Aufnahme mit weißgezackten Rändern, den Kieferngeruch der Rigaer Bucht, einige Zeilen aus Dorian Gray und die Vorstellung von einem schlafenden Jungen auf einem Koffer aus blauer Pappe.

Spruch der Woche: Scherbenpark

Fürchte diejenigen, die sich schwach fühlen, denke ich einmal mehr. Denn es kann sein, dass sie sich eines Tages stark fühlen wollen und du dich nie wieder davon erholen wirst.

Scherbenpark, Alina Bronsky, Seite 62

Diesen Satz der Protagonistin Sascha, der eigentlich auf ihren gewalttätigen Stiefvater Vadim gemünzt ist, bekomme ich nicht aus dem Sinn.

Alina Bronskys Erstlingswerk von 2008 (es gibt auch einen gleichnamigen  Film dazu) gilt als ein Coming-of-Age Drama. Ich würde es eher als Coming-of-traumatisches-Erlebnis Drama bezeichnen.

Scherbenpark heißt der Ort an der Hochhaussiedlung, an dem die Jugendlichen abhängen – auch Saschas Leben liegt anfangs in Scherben.

Sie hat einen russischen Hintergrund (nicht erkennbar russlanddeutsch, aber vieles ist vergleichbar) und der ist im Buch angenehm spürbar: anhand von Details, den Charakteren, die am Rande mitspielen: wie dem gelähmten Schachspieler Oleg oder der mütterlichen Maria. Es ist nicht aufgesetzt, ein stimmiges Hintergrundrauschen, das dem Film leider gänzlich verloren geht.

Und der obige Satz? Er setzt vieles frei. Ich muss an dieses Experiment denken, mit den zwei Äpfeln. Einer wird gelobt und vorsichtig behandelt, der andere nur rumgeschmissen und auch noch beschimpft. Außen sieht man den Äpfeln keinen Unterschied an, aber innen ist der eine komplett zerstört.

Das Mädchen Sascha in der Geschichte ist innerlich verletzt, aber durch ihre entwaffnende und kluge Dreistigkeit kommt sie klar kann letztendlich die Scherben zu einem Ganzen zusammenfügen.

Alina Bronsky, Scherbenpark. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 288 Seiten.

Spruch der Woche – Schultikulti

‚Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.‘

       Max Mannheimer, Zeitzeuge und Holocaust-Überlebender, der letztes Jahr mit 96 Jahren verstorben ist.

Der Diskurs um Erinnerungskultur vs Schuldkult ist letzte Woche an den Äußerungen des AfD Vorsitzenden aus Thüringen Björn Höcke heftig entbrannt.

In seiner Rede in Dresden vor zwölf Tagen nannte er die bisherige Erinnerungskultur in der Bundesrepublik ‚dämlich‘ und versprach eine Wende um 180°. Über das Holocaustdenkmal in Berlin sagte er:

Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.

Wen wundert‘s, dass er nach solchen Worten weder bei einer Gedenkstunde im Thüringer Landtag noch bei einer Veranstaltung in Buchenwald anlässlich des Holocaust-Gedenktages am Freitag eingelassen wurde.

Bei Russia Today ein darob entsetzter Höcke. Plötzlich spricht er wieder vom ‚dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte‘. Und von einem anderen Sender aufgenommen, der gezischelte Satz vor seiner Ansprache: Ablauf, wie geprobt. Selbstinszenierung eines Empörten.

Die Reaktionen zu seinen Statements in Dresden sind kontovers. Die einen führen seine Behauptung ad absurdum, bei uns würde Geschichte nur auf Deutschlands Schuld reduziert und die Errungenschaften unserer großen Söhne würden untern Teppich gekehrt. Journalist Rayk Anders zählt in seinem Beitrag die vielen Kunststätten und Denkmäler auf, die in Berlin aufgestellt wurden. Andere regen sich auf, dass wir in einem Land leben, in dem nicht alles gesagt werden darf.

Hier die Reaktion vom Journalisten und Videoblogger Rayk Anders:

Beispiele von andersgepolten User-Kommentaren:

Jetzt versucht man ihn und andere mit falscher Meinung auszugrenzen.
Andere Meinung sollte man in einer Demokratie aushalten können.

Und:

Dass hier viele Linke so getriggert sind und quasi ausrasten, weil Höcke ihnen ihre allergrößte Leistung, ja ihre Religion, wegnehmen will, zeigt ja, wie recht er hat. Es ist eine Religion der Schuld, ganz wie früher, als hier noch die Kirchen herrschten: Die Erbschuld! Dabei bin natürlich ich genauso wenig oder viel dafür verantwortlich, was vor 70 Jahren in Deutschland geschah, wie ein Chinese. Nämlich gar nicht. Aber die Linken wollen die Besten sein. Früher die besten im Menschen ermorden (das haben sie geschafft!), heute die Besten im sich selbst fertig machen und im „Mea Culpa!“ schreien. Und sie sind wieder dabei, zu krakelen: „Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ wenn sie fordern, dass alle anderen Nationen es der deutschen Nation nachmachen sollen.

Beispiel aus dem Artikel der Deutschen Welle vom 27. Januar:

AfD-Kreissprecher Bleeker berichtet vom Geigenlehrer seines Sohnes. Der habe als Russlanddeutscher in den 60er und 70er Jahren in Russland gelebt und sich dort nur von den Nachrichten der Deutschen Welle frei informieren können. „Der war überrascht über die Situation hier und sagt heute, jetzt gebe es wieder diese ‚Nur-in-der-Küche-Gespräche‘, wie es damals bei ihm war.“ Über bestimmte Dinge könnte man wohl in Deutschland nicht mehr offen nachdenken.
(Hier der ganze Artikel)

So als gäbe es Unsagbares. So als hätte Höcke ein Tabu gebrochen und würde jetzt mundtot gemacht werden.


Schande. Schuld. Sippenhaft.

Nun, darum geht es nicht bei dem Umgang mit ‚dem dunkelsten Kapitel unserer Geschichte‘, Herr Höcke. Ich glaube, Sie missverstehen da einiges. Aber wahrscheinlich ist Ihnen das egal. Eine gute Publicity ist das allemal, alles läuft nach Plan. Ablauf, wie geprobt.

Da werden allerdings Ebenen verwechselt. Es geht aber bei dieser Sache nicht um ein Eingeständnis der Schuld über Generationen hinweg. Es geht nicht darum, voller Scham, die Köpfe zu senken.

Menschen, die sich mit der Täterschaft in der eigenen Familie auseinandersetzen, sprechen nicht von Schuld – sie haben etwas ganz anderes im Sinn.

Auch die Begegnungen zwischen Nachkommen von Opfern mit den Nachkommen von Tätern dienen nicht einem Eingeständnis von Schuld. Sie dienen einem Prozess der Heilung. Es geht um Versöhnung nicht um Vergebung. Das ist ein kleiner aber feiner Unterschied.

Daher ist der Begriff Schuldkult hier unzutreffend. Es gibt keine Sippenhaft. Aber es kann eine Blindheit gegenüber den historischen Begebenheiten geben. Und daraus resultiert nichts Gutes.

Eine anonyme Stimme in diesem Diskurs fordert auf Youtube, andere Nationen sollten sich auf die dunklen Seiten ihrer Geschichte besinnen:
Vielleicht sollten sich andere Nationen wie USA, Russland, Türkei, Japan, China, Spanien, Großbritannien, usw. ein Beispiel an uns nehmen und ebenfalls Denkmäler für ihre historischen Schandtaten und Massenmorde errichten. Dann gedenken wir weltweit unserer historischen, kollektiven Geistesgestörtheit und erschaffen zusammen eine bessere Welt.

Bekommt die nationale Identität durch diese Form von Gedenken wirklich einen Schaden? Oder wird das Selbstverständnis um einige Schattierungen erweitert?  Staaten können sich entziehen. Aber die Opfer können nicht vergessen. Ihre Alpträume reißen sie aus dem Trott. Ist Vergessen das Privileg der Sieger?

Fast jede Nation hat Leichen im Keller. Millionenfach. Fast jedes Volk hat ein anderes auf dem Gewissen. Die Türkei hat sich dem Genozid an den Armeniern noch immer nicht offiziell gestellt. Russland erfährt einen neuen Stalinkult und weder Australien noch die USA haben das, was sie mit den ursprünglichen Bewohnern ihrer Länder getan haben, offen und öffentlich behandelt.

Sollen wir sie als Vorbilder nehmen? Diejenigen, die sich der Vergangenheit nicht stellen, sondern aus schlecht verstandenem Stolz die Geschichte als blinde Hurra-Wir-sind-die-Größten-Paraden betreiben. Siegreiche Helden. Jede Seite hat Täter und Taten, die sie zu verantworten hat. Es gibt nicht die gute Seite in einem Krieg.

Wenn das Vergessen und Verschweigen ein Privileg der Sieger ist, so ist das aufrechterhalten der Erinnerung vielleicht eine Chance der Besiegten. Die Chance, die all die Gewinner und Hurra-Schreier nicht ergreifen werden, weil sie es schlicht nicht müssen.

Auch wenn ich mich wiederhole wie ein Tukan: Es handelt sich hier nicht um einen Schuldkult der Multikulti-Gesellschaft. Es handelt sich nicht um dämliche Schuldzuweisungen. Das ist nicht Kindergarten hier. Was unser Part ist nach alldem: Versöhnung. Und vielleicht noch Mahnen. Die Erinnerung soll wach gehalten werden, damit das Grauen sich nicht wiederholt. Warum nicht gleich im Herzen der Hauptstadt. Eine Schande ist es nicht. Dies ist ein alter, überkommener Begriff. Finsteres Mittelalter.

Und dass ein Geschichtslehrer das nicht verinnerlicht hat, wundert mich etwas.

Aber vielleicht hat Björn Höcke ja persönlich eine ganz andere Geschichte aufzuarbeiten. Als Nachkomme von Vertriebenen. Und das wissen wir, dass das Hinschauen schon mal wehtun kann. Dann lieber gegen irgendeine nicht vorhandene Schuld anschreien. Und vor allem, anderen Schuld zuweisen. Hat ja auch schon früher wunderbar funktioniert.