Spruch der Woche – Heimatblase

Wie stark deine Sehnsucht und wie groß deine Geisteskraft auch sein mögen, niemals kehrst du dorthin zurück, woher du gekommen bist.“


Charles de Foucauld

Jedes Mal wenn es stark regnet und sich in den Pfützen kleine Kuppeln aus Tropfen  bilden, taucht vor meinem inneren Ohr ein Wort auf: пузыри, (puseri) Bläschen. Denn als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter erklärt, dass die Tropfen Bläschen werfen, wenn es länger regnen wird. Längst ist Deutsch zu meiner Denk-, Traum- und Flüstersprache geworden. Doch wenn ich Tropfen sehe, die in den Pfützen hochspringen, denkt mein Hirn: pusari. Auch in der Stadt, die jetzt meine Heimat ist. Nicht nur meine gewählte, sondern auch die gefühlte Heimat.

Foto: Heinz Benaczek CC BY-SA 3.0

Heimat – dieses Wort habe ich früher weitestgehend vermieden. Es war nicht salonfähig, denn zu viel Blut und Boden und Volkstümelei haftete daran. Als Russlanddeutsche ist mein Bezug dazu auch viel zu komplex, um in irgendwelche Stadt-Land-Fluss-Begrifflichkeiten gepresst zu werden. Ich lasse mich nicht so einfach verorten oder auf pure geografische Koordinaten reduzieren.
Wo ich herkomme ist zunächst klar. Omsk. Eine sibirische Großstadt an der Kreuzung der beiden Flüsse Omka und Irtysch gelegen. Ich habe sie im Alter von acht Jahren verlassen.

Ist Sibirien meine Heimat? Ich denke ja, eine davon. Es ist eben nicht nur das Fleckchen Erde, auf dem wir zufälligerweise geboren wurden, das uns ausmacht. Auch nicht nur die Luft und die Pflanzenwelt, die uns dort umgibt. Es sind auch die Sprache, die Geschichten und die Träume, dieses kollektive Fluidum, in das wir als Kinder eintauchen. Die sichtbaren und unsichtbaren Zeichen. Außer dem Birkensud, den Pelmeni und diesem sahnigen Eis erinnere ich mich bewusst auch an unzählige Folgen von Nu pogodi. Das ist das sowjetische Pendant zu Tom & Jerry, nur dass sich hier Hase und Wolf das Leben schwer machen. Das alles hat mich geprägt, ist in meine Stofflichkeit übergegangen, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. In Sibirien liegen auch die Sondersiedlungen und die Verbannungsorte, an die alle gekommen sind, die deutsch waren. Auch aus meiner Familie. Auch das formt einen Teil von mir.

Ist die Ukraine meine Heimat? Das Vaterland, in das ich noch nie einen Fuß gesetzt habe, wo aber Vaters deutsche Verwandtschaft seit Generationen gesiedelt hat. In ihrer eigenen bäuerlichen Parallelwelt. Sie sind irgendwann aus Ostpreußen und aus der Pfalz dorthin eingewandert und an die 140 Jahre dort geblieben, bis zu der großen Umwälzung, die der zweite Weltkrieg mit sich gebracht hat. Was von dieser ländlichen Kultur und von den Erlebnissen während der Wanderungen ist in meine Träume eingedrungen? Gibt es einen direkten Einfluss, außer dieser fast unmerklichen Melancholie und dem Fernweh nach dieser Landschaft, die mich manchmal befallen?

Ist mir die Kleinstadt im Rheinland, wo ich meine zweite Kindheit verlebt habe, zur Heimat geworden? Lange habe ich mit dem Ort gehadert, habe mich dort fremd gefühlt, wie zu Besuch. Die mit dem Lineal gezogenen Grenzen zwischen den Feldern und die mit dem Lineal gezogenen Beziehungen zwischen den Menschen habe ich nicht als Teil von mir annehmen können. Heute erinnere ich mich an diese Lebensabschnitte und merke, dass auch sie mich verändert und berührt haben. Auch wenn mich der rheinische Frohsinn noch immer eher abschreckt. Wie einen bösen Geist, der im Karneval vertrieben werden soll.

Ist es Hamburg? Hamburg, meine Perle? Ich bin eine Wahlhamburgerin, wie die meisten, die ich hier kennengelernt habe. Doch wie tief geht meine Verwurzelung in den Asphalt deines städtischen Dschungels? Seit ich im Norden bin, erlebe ich erstmalig so etwas wie eine Widerspiegelung in der Landschaft, fühle mich mit den Menschen verbunden.

Neulich sagte ein Freund, Heimat sei für ihn etwas sehr Lokales. Nicht nur die Stadt, mit der er sich identifizieren, sondern der Stadtteil. Der Kiez, in dem er wohnt und in dem er Freundschaften aufgebaut hat, auch durch die Kinder. Die unmittelbare Nachbarschaft vermittle ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit,  aber doch nicht etwas so Abstraktes wie eine Nation.

Soll Heimat wirklich so austauschbar sein dürfen und sich mit jedem Umzug durch eine reine Koordinatenverschiebung ändern? Bleibt nichts von den alten Heimaten, den wirklichen und den ideellen etwas an uns haften? Ein Ton, eine Färbung, ein Zungenschlag? Die Vorlieben für bestimmte Speisen, die Art, wie du dich verhältst, wenn es wirklich brenzlig wird? Die Fähigkeit, indirekt zu sein? Es zu lieben, wenn Menschen nach einem guten Essen anfangen zu singen? Die Art mit Kindern umzugehen und mit Alten?

Eine alte Heimat und eine neue, die im besten Fall einvernehmlich ineinander verzahnt sind. Deren feine Grenzlinien nicht wie Wunden brennen. Wenn Heimat und Heimat sich wie Freunde begegnen, nicht wie Feinde nach alten Kriegen.

Vielleicht kann der Freund locker behaupten, dass ethnische Zugehörigkeit unwichtig und die Heimat auf einige Straßenzüge begrenzt sei, weil er sie niemals verloren hat. Er, der jederzeit in einen Zug steigen kann, um seinen Geburtsort in Hessen zu besuchen. Wo möglicherweise noch ein Elternhaus auf ihn wartet, auf dessen Dachboden seine Spielsachen von damals schlummern, leicht muffig, aber gut erhalten. Seine Muttersprache wird von seiner Umgebung gesprochen, egal, in welchem Kiez in Hamburg er sich aufhält. Oder in Berlin. Oder Köln.

Dann könnte ich auch sagen, meine Heimat ist der Kiez, in dem ich wohne. Alles andere ist egal. Aber ich kann es nicht. Zu viele Werst liegen zwischen der Omka und der Elbe. Zu viele Stunden. Und ich meine nicht nur die vier Stunden Zeitunterschied.

Ich habe nicht geweint, als ich dort weg bin. Erst viele Jahre später. Lange durfte ich nicht zeigen, dass ich die Heimat vermisse. Ich sollte mich in die neue Heimat einfügen, vor der es hieß, das sei die historische Heimat meiner Ahnen. Ahnen von denen ich nichts wusste, die für mich keine Gesichter und keine Namen hatten. Heimat sollte immer Deutschland sein.

Daheim war für das Russische kein Platz. Wie denn? Wer ist hier russifiziert, etwa wir? Zieht euch warm an, sonst werdet ihr noch russifiziert. Klingt nach einem schlimmen Bazillus. Kein einziger bemalter Holzlöffel, keine Matrjoschkapuppe und schon gar nicht ein Samowar sollten an das erinnern, wo wir herkommen.

Neulich hatte eine Frau mir sogar bescheinigt, ich hätte Null Akzent und hätte mich nahtlos intrigiert in die neue Gesellschaft. Das ist kein Schreibfehler. Sie sagte wirklich intrigiert. Als hätte ich mich hinein gemogelt in eine Gemeinschaft, in der ich eigentlich nichts zu suchen habe.

Als Kind durfte ich nicht trauern. Nicht um meinen Kiez in Omsk mit den vielen Spielplätzen, nicht um die Freunde, die ich verloren hatte. Und auch nicht um die Hündin, die ich so lange erträumt und erbettelt und ins Herz geschlossen hatte und die kurzerhand an irgendeinen Nachbarn meines Großvaters gegeben wurde. Als Kettenhund.

Das Gewesene einfach über Bord zu werfen. Einen Cut zu machen. Sich neu erfinden. Klingt einfach. Ist es aber nicht. Und vor allem fordert Anpassung einen hohen Preis. Ein Stück von dir geht für immer verloren, wenn du die Heimat verlierst.

Die Heimat liegt wie die Kindheit in einem Raum, der nicht existiert. Es gibt zwar ein Rücksehnen oder Erinnern daran, aber es führt kein realer Weg dorthin. Selbst wenn jemand an dem Fleckchen Erde lebt, den seine Vorfahren seit grauen Urzeiten nicht verlassen haben. Die Welt um diesen Ort verändert sich. Unaufhörlich. Es bleibt nichts so wie es ist. Bei manchen Menschen trifft Heimweh eben auf Fernweh, so wie bei mir.

Der Ort an dem ich lebe, ist real. Der Ort, an dem ich gelebt habe, liegt zurück in der Zeit. Auch wenn es reinräumlich gesehen der gleiche ist. Aber es ist eben nicht derselbe. Und einige Anteile meiner Heimat, meiner Beheimatung teile ich mit Leuten. Mich verbindet etwas. Die Sprache wohl am meisten. Über die Worte habe ich gelernt mich mit diesem Land zu verbinden. Ich habe neue Denkstrukturen übernommen, aber auch sie stoßen in mir an ihre Grenzen. Wenn sie auf die älteren Muster treffen. Die Grenzen liegen in mir. Ich habe Grenzen überflogen, aber die eigentlichen Grenzen liegen in mir. Feine Haarrisse, Mosaikteilchen, die an den Kanten nicht ganz passen, aber dennoch mein inneres Mosaik bilden.

Zurück in das Land der Kindheit kann ich nicht mehr, aber ab und an taucht etwas daraus auf, wie ein Bild, eine Melodie oder das Wörtchen puseri, wenn es wie aus Kübeln gießt. Und ich lebe ja in Hamburg, in einer Heimat, in der es öfter mal erbarmungslos regnet.

 

Durch die Blume – (Katjuscha)

Am 2. Dezember wurde ich mitten in der Nacht durch die Blume geweckt. Sie klingelte genau um ein Uhr. Die Blume ist ein Digitalwecker aus Plastik in Form einer Topfpflanze. Mit gelben Blütenblättern und einem Zifferndisplay in der Mitte. Sie hat mich förmlich aus dem Schlaf gerissen, nicht Alexa oder Siiri oder wie die elektronischen Hausmädchen sonst noch heißen. Unsere namenlose Wecker-Blume spinnt seit einiger Zeit, wenn nicht schon immer. Wir haben keine Gebrauchsanweisung mehr dafür, sie hat nur einen Menüknopf und zwei Knöpfe rechts und Links davon. Und es gibt da einen verhängnisvollen Knopf für die Schlummerfunktion. Verhängnisvoll daher, weil, wenn du zufällig drankommst, die Weckfunktion automatisch aktiviert wird.

Und da die Blume seit einigen Woche eine Macke hat, die Uhrzeit eigenständig um 7 Stunden zu verstellen, HAL nichts gegen, klingelt der Wecker gern einmal nach Mitternacht, statt um sieben oder um acht. Auch wenn ich sie richtig stelle, nach einer Viertelstunde geht sie sechs Stunden vor oder acht zurück. Das ist nicht nur Künstliche Intelligenz, sondern regelrechter Künstlicher Starrsinn. Diese Blume hält sich null an Absprachen und macht einfach ihr Ding. Und das vorzugsweise an einem Wochenende. So wie heute Nacht. Dämonisch.

Sie ging aber nicht mit einem eindringlichen Fiepen los, das sich zu einem ohrenzerreißenden Crescendo steigert, so wie sonst, sondern mit der Melodie eines russischen Liedes: Katjuscha. Weiß der Teufel, woher sie das hat und wer das eingestellt hat.

Nun befand sich in diesem Advent ein Rätsel der besonderen Art auf der Seite des russlanddeutschen Literaturkreises. Seit dem 1. Dezember wurden jeden Tag die ersten Zeilen eines russischen Liedes in deutscher Übersetzung gepostet. Unter denjenigen, die am Ende die meisten Titel erraten sollte nach dem russisch-orthodoxem Weihnachtsfest Anfang Januar etwas verlost werden.

Ein Wettbewerb, bei dem ich abloose, weil ich die meisten Lieder nicht kenne oder nicht erraten kann. Mir sagen sie nichts, weil ich schon zu sehr assimiliert bin, lückenlos integriert. Und heute Nacht, als ich den Wecker wieder abgestellt hatte, ging mir die Melodie nicht aus dem Kopf und auf einmal waren die russischen Zeilen vollständig wieder da. Klar und deutlich:

Расцветали яблони и груши,
Поплыли туманы над рекой.
Выходила на берег Катюша,
На высокий берег на крутой.

Das Lied ist von 1938 und wird heute gern für Siegesfeiern hervorgeholt, wie hier:

Birnen, Äpfel und Nebel. Heureka. Das ist seltsam, denn würde ich bei vollem Tagesbewusstsein darauf angesprochen, könnte ich nichts wiedergeben. So wie jetzt. Aber halb unbewusst, aus dem Schlaf gerissen tauchte der Text vollständig wieder auf. Die Verbindung zur Kindheit und zur Heimat war plötzlich wieder da. Durch die Blume, sozusagen.

Komisch nur, dass ich am nächsten Tag auf der Website des Literaturkreises nirgends diesen Liedtext gefunden habe. Vielleicht kommt er ja noch. Ich war mir sicher, dass ich was über Apfelbäume und Birnbäume gelesen hatte. Aber vielleicht ist die Blume nicht nur eigenständig, sondern auch prophetisch.

Wenn sie so nervig ist, weshalb habe ich sie nicht längst entsorgt? Der Wecker war mal ein Geschenk für unsere Tochter, zum Schulanfang. Sie hat sie bekommen, damit sie die Schule nicht verschläft. Aber die Uhr ist so unzuverlässig, dass sie nicht zu gebrauchen ist und einfach überall durch die Wohnung wandert. Entsorgen geht aber nicht, denn die Tochter hängt daran, als Erinnerung an die Einschulung und hat eh Schwierigkeiten damit, sich von Dingen zu trennen. Ob es an ihrem festhaltenden Charakter liegt oder an den Genen von Menschen, die oft genug alles verloren haben oder zurücklassen mussten, kann ich nicht sagen.

Wegwerfen ist also nicht möglich.  Aber die Batterien habe ich jetzt entfernt. Wenn sie jetzt noch immer losgeht, kann man sich sicher sein: hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Da haben ganz andere Mächte ihre Finger im Spiel als 0 und 1.

Vielleicht lasse ich sie doch eines Tages verschwinden. Heimlich, still und leise. Ich könnte natürlich die gesamte Blumenuhr auch spenden. Dem Literaturkreis für die Verlosung zur Verfügung stellen. Dann darf sich jemand anders in Zukunft mitten in der Nacht von der Katjuscha-Melodie aus dem Schlaf reißen lassen. Möglicherweise wird er oder sie das dann besser zu würdigen wissen als ich.

Tatsächlich wurde das Lied einige Tage später am 8. Dezember auf der Website gefeatured.

Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten,
still vom Fluss zog Nebel noch ins Land.
Durch die Wiesen ging hurtig Katjuscha,
zu des Flusses steiler Uferwand.

(Deutsch von Alexander Ott)

Warum  mir mein Gehirn vorgegaukelt hatte, ich hätte schon was über Apfelblüten und Birnen gelesen, kann ich nicht sagen. Meine Familie bestreitet kategorisch, dass unsere Blumenuhr russische Kriegslieder als Weckmelodien im Programm führt. Da ich mich seit der besagten Nacht weigere, die Batterien wieder einzusetzen, kann ich es leider nicht nachweisen. Aber die Möglichkeit steht im Raum, dass ich auch die Melodie geträumt, bzw. sie mir im Halbschlaf eingebildet habe.

 

Wer sich im Nachhinein an den Knobelaufgaben versuchen möchte, hier der Link zum Adventsrätsel:

https://literaturkreis-autoren-aus-russland.de/blog/category/schreibtipps-fuer-autoren/adventskalender-preisausschreiben/

Mir ist es gelungen fünf davon ohne zu googeln zu erraten. Immerhin.
Ich wünsche allen schöne Träume.

Spruch der Woche – Ewiges Lamento

Es ist wohlfeil zu jammern, wenn du jemanden hast, dem du klagen kannst.
                                                                          Sprichwort aus Litauen

Dabei gilt das Jammern in unserer Gesellschaft als ein Nogo, als ein Geht-ja-gar-nicht. Jammerlappen, Katzenjammer, Jammertal – all diese Begriffe sind negativ konnotiert. Jammern wird nicht gern gesehen. Es gilt als Schwäche.

Heul doch!

Verabschiede dich vom Klagen und du wirst für Allezeit glücklich sein, versprechen zumindest die selbsternannten Propheten der Selbstoptimierungs-Websites und Glücks-Ratgeber.
Laut deren Psychotipps ist es besser, etwas zu tun als zu lamentieren. Denn das Klagen und Jammern würde uns ja nur schaden. Es sei reine Energieverschwendung. Schlimmer noch, dadurch geraten wir in eine Opferrolle.

Ist Schweigen so viel besser?

Einfach weitermachen? Nach vorne gucken.

Alles verdrängen. Wegdrücken. Die Tränen runterschlucken und weiter gehts.

Und das ganze Elend schön weitervererben.

Kennen wir doch von irgendwoher.

Dieser Spruch aus Litauen passt irgendwie zu uns Deutschen aus Russland und zu unserer Literatur. Heißt es nicht, sie sei ein einziges ewiges Lamento?

Aber das Sprichwort besagt auch: wenn jemand zuhört, wenn jemand ein offenes Ohr hat, ist auch Jammern erlaubt. Klage braucht also Adressaten, die sie annehmen.

Aber genau dieses Publikum scheint es nicht zu geben. Noch nicht?

Die Erinnerungsliteratur der Russlanddeutschen, die Erzählungen der Erlebnisgeneration, das Reden über alte Zeiten, was oft alte Wunden beinhaltet, ist auch bei unseren eigenen Leuten oft nicht gern gesehen. Und das aus mehreren Gründen, manchen gehen die Schilderungen von Demütigung und Schmerz zu nahe, andere haben sich sattgehört, wollen lieber etwas Heiteres lesen, etwas mit mehr Zukunft und Optimismus. Keine Gulagerlebnisse mehr und Stories über Verschleppung. Auch in Sibirien gab es doch schöne Landschaften und lichte Sommer und Schmetterlinge. Es gab doch nicht nur das eine. Schreckliche. sagen sie oft.

Klar.

Aber ist Klagen nicht auch eine Art Aufarbeitung? Darüber reden heißt, den Schmerz aunzuschauen, ihn nicht mit einem Schulterzucken wegwitzeln.

Das Problem solcher Schilderungen ist doch, dass so furchbare Dinge geschehen sind, dass es fast unmöglich ist, sie anders auszusprechen als im Jammerton. Und schon gar nicht für diejenigen, die sie am eigenen Leib erfahren haben.

Wahrscheinlich ist es wirklich besser zu schweigen, wenn du kein offenes Ohr findest. Der Jammerton mag viele auch abschrecken. Die Wucht des Erlebten ist zu viel, vor allem für Kinder und Enkel. Um das zu verarbeiten, müssen sie selbst stabil sein und bereit, es aufzunehmen. Aber wer ist es schon?

Dennoch.

So zu tun, als wäre das Jammern nur Zeitverschwendung oder hätte keine Basis, nützt niemandem.

Es stimmt schon, Aussiedler bringen sich leicht in eine Opferrolle. Aber hey, vielleicht liegt es daran, dass sie lange Zeit in der Rolle von Opfern waren? Das geht nicht weg, von einem Tag zum anderen. Und schon gar nicht, wenn über die alten Zeiten geschwiegen wird. Die ganze Erinnerungsliteratur ist kein Mi-Mi-Mi, auch wenn sie manchmal schwer zu ertragen ist.

Das erlittene Leid muss irgendwie verarbeitet und kann nicht mit billigen Psychoratschlägen von oberflächlichen Internetseiten hinweggefegt werden.

Georgisches Trauerritual – Iwan Pranishnikoff, 1884

Hinter dem Gejammer steckt oft was anderes. Vielleicht Trauer? Jammern und Beklagen gehört zu den Ritualen der Trauer. Klagelieder gehören zur Kultur der Menschen. Es mag heilsam sein, sich mitzuteilen. Es bringt Erleichterung.

Und was unsere Klageliteratur angeht, müssen wir vielleicht noch den richtigen Ausdruck finden und ein passendes, weil unbelastetes Publikum.

Doch bis es soweit ist, werden wir eben stammeln und jammern und lamentieren. Manchmal fehlen eben die passenden Worte, wenn jemand versucht, das Unsagbare in Sprache zu kleiden. Irgendwann werden unsere Autoren und Autorinnen auf einem so hohen Niveau jammern, dass sie gelesen werden können. Manche tun es schon heute.

Es geht kein Weg dran vorbei. Bevor wir wieder obenauf sein können, muss das Jammertal durchschritten werden. Dafür können wir unsere eigenen Trauerrituale erfinden und inneren Klagemauern bauen, bis der Schmerz abebbt.

Dass so etwas nicht pausenlos geht, ist auch klar. Zwischendurch wäre es gut, sich dem Hellen und Lichten zuzuwenden. Den Schmetterlingen in sibirischen Sommerlandschaften zum Beispiel.

Die Schatulle

Wir fahren öfter daran vorbei. Es ist eine Art Nische in der Mauer in der Gerichtstraße, gleich beim Bolzplatz. Weniger als einen Meter lang, mehr als einen halben hoch und etwa ebenso tief.

Dieser Platz ist ein Wechsellager für Nachbarn und Anwohnerinnen. Bücher werden dorthin gelegt, abgetragene Klamotten und Schuhe. Manchmal kommt Kinderspielzeug hinein, Blumentöpfe, die einer über hat, allerlei Krimskrams. Ich deponiere dort ab und zu selbst Ausgelesenes, das ich nicht behalten möchte oder ein Kleidungsstück, von dem ich weiß, dass ich es nie wieder werde anziehen können.

An dem Tag war die Nische fast leer. Daher fiel uns die kleine schwarze Schatulle sofort auf. Ich habe gleich gesehen, dass es eine russische Lackdose ist. Heute würde ich schwören, ich hätte sie zuerst gesehen, aber Karlotta ist anderer Meinung. Sie besteht darauf, dass sie sie gefunden hat.

Solche Lackdöschen mit irgendeinem Motiv, meistens einer Troika, sind beliebte Souvenirs in Russland. Ich weiß noch, dass ich gezögert habe, sie mitzunehmen, denn auf solchen Touristenkitsch stehe ich normalerweise nicht. Es gibt sie zuhauf, diese Holzschatullen an den Ständen in Russland, ebenso wie wie bunte Matrjöschkas, Holzlöffel oder Anstecker mit Leninkopf. Lange Zeit bewahrt Karlotta ihre doppelten Panini-Bildchen darin auf. Die Schatulle, außen schwarz und innen leuchtend rot lackiert, hat eben genau die richtige Größe.

Warum ich sie heute geöffnet habe, weiß ich nicht. Vielleicht weil sie seit Wochen ständig im Wohnzimmer rumliegt und überall im Weg ist. Im roten Lack des Deckels entdecke ich einen Stempel. Mit Krone und dem Doppelkopfadler und kyrillischen Buchstaben.

Halt mal, sage ich, die ist sicher mehr als hundert Jahre alt. Noch vor der Revolution. Und wirklich, nach einiger Recherche im Netz finden wir heraus, dass diese Lackdose aus der Werkstatt von Wassilij Ossipowitsch Wischnjakow und Söhne stammt und um 1880 entstanden ist.

Kann nicht sein, denke ich und schaue mir die Miniatur auf dem Deckel genau an. Die Figuren und die Gesichter sind fein gezeichnet, sogar bei dieser Größe. So als wären sie mit einem Haarpinsel ausgeführt worden. Die Perspektive stimmt nicht immer, so wirkt das hintere Pferd der Trojka größer als das vordere. Aber Naive Bauernmalerei ist das nicht. Die Farben sind nicht grell sondern sehr nuanciert und es ziehen sich feine Maserungen durch den Lack. Das hätte mir doch früher auffallen können. Ist es aber nicht. Im Vordergrund befindet sich ein Baumstumpf mit Ast, wie auf etlichen anderen Modellen von Wischnjakow und Söhne, seine Lichter und Schatten sind fein modelliert.

Da haben wir wirklich einen Fang gemacht.

Meine Dose, sagt Karlotta.

Die verkaufe ich nicht, fügt sie hinzu als wir herausfinden, wieviel man bei eBay für so ein schmuckes Stück haben kann.

Ist mir recht, sag ich. Seufze und lege die Paninibildchen wieder hinein.

In eigner Sache. Drei Jahre gesammelt

Heute vor drei Jahren habe ich mich hingesetzt und habe ein Template für Scherben sammeln angelegt. Nun ist der die das Blog – wenn es denn ein Kleinkind wäre – in der Trotzphase. Ich schaffe es nicht, es täglich zu füttern. Ein Mal die Woche wenns gut läuft, oft sind die Intervalle länger. Und dennoch wird es immer fetter. Und jedes Mal, wenn ich inne halte und mich frage, was soll das und aufhören will, kommt ein belebender Kommentar und ich mach weiter.

Mit diesem unliebsamen Nebennischenprodukt. Wenn Sex und Gewalt publikumswirksam sind, was sind dann Vertreibung und Krieg und die Minderheit der Russlanddeutschen? Etwas, das ganz unten im Supermarktregal steht? Oder sogar in zweiter Reihe, hinter den alten Haferflocken, die schon anfangen, ranzig zu müffeln.

Aber was ich kürzlich auf einem anderen Blog gelesen habe, kann ich nur bestätigen: mein Sehen hat sich gewandelt, ich betrachte Bücher, Informationen ganz anders, lese ganz anders und trau mich mehr einen Standpunkt einzunehmen, als noch vor wenigen Jahren.

Und ich habe virtuell Mitlesende und Andersbloggende gefunden und möchte diesen Kontakt auch nicht mehr missen. Auch wenn sie so sind, wie ausgedachte Freunde, nur realer.

Dass ich als Bibliovore zu anderen Literaturbloggs Zugang habe, ist so wie wenn eine Drogenabhängige über Nacht in der Beweismittelkammer der Polizei eingeschlossen wird. Mit 1000 kg Stoff in Plastiktüten. Ich genieße es täglich und habe dadurch ganz andere, ganz tolle Bücher entdeckt.

Auf eure Gesundheit, liebe Mitboggenden und Mitlesenden, Prösterchen und auf weitere drei Jahre, Inshallah! So Gott will.

Eine Geschichte in drei Koffern

Ich packe meinen Koffer und lege hinein… drei Elefanten, eine Murmel, einen Sonnenschirm, die Stadt Wien, ….mit diesem Spiel vertreiben wir uns die Zeit auf langen Autofahrten.

Eigentlich hasse ich es, Koffer zu packen, mich überkommt jedes Mal eine regelrechte Panik, wenn ich es tun muss. Und doch kann die Geschichte meiner Familie anhand von drei Koffern erzählt werden. Einem Koffer mit Gewitterwolken über der Bucht von Riga, einem mit Unterhemden aus einem geplünderten Laden und einem, der randvoll gefüllt ist mit blassen Gesichtern aus Celluloid.

Der erste Koffer war ein hübsches Modell aus braunem Leder und gehörte Nina, die im letzten Krieg aus Lettland fliehen musste.

Sie packte ihren Koffer und legte hinein… ihr Tauftuch mit einigen getrockneten Tropfen aus dem Weihwasserbecken, eine Bluse zum Wechseln, einige alte Fotos. Keine drei Elefanten, und auch nicht die Stadt Wien, sondern die Ostseestadt Riga. Denn zwischen den Falten ihrer Bluse hatte sich etwas davon festgesetzt, der Geruch nach Trockenfisch und feinem Metallstaub. Die Rufe der Hafenarbeiter, das Bimmeln der Straßenbahn. Auf einer gemalten Miniatur, die sie ganz unten verstaut hatte, quollen dichte Gewitterwolken über der Bucht und der Petrikirche.

Als sie aus dem Haus trat, lag der Koffer seltsam leicht in ihrer Hand. Glatt und neu sah er aus, mit seinen glänzenden Metallecken. Nur ein einziges Buch hatte sie dabei, ein Lyrikbändchen von Rudolf Blaumann, der als Begründer der lettischen Literatur Rūdolfs Blaumanis genannt wurde.

Reisen mit leichtem Gepäck – nicht alle können das.

Irgendwann, viel später, als dieser Koffer über zwei Dutzend Bücher enthalten wird – ein Koffer voller Literatur – werden seine Flanken abgeschabt und fleckig aussehen und eine der Metallecken wird fehlen. Doch als Nina ihr Haus an der Valnu iela verlässt, ist seine Oberfläche makellos. Sie wird es schaffen, gemeinsam mit anderen, die den zahlreichen Trecks folgen. Sie wird mit ihrem kleinen Lederkoffer heil in Friedland ankommen, dem Aufnahmelager für Vertriebene aus dem Osten. Viel später wird sie sich von einem Maler in Öl porträtieren lassen, einen Buchhändler heiraten, Söhne in die Welt setzen und das braune Köfferchen mit Büchern füllen. Als Begrüßungsgeschenk für andere, die aus dem Osten anreisen. Für uns.

Doch zunächst kommt ein anderer Koffer ins Spiel. Ein blauer Pappkoffer aus der Stadt Dahme in Brandenburg.
In den letzten Tagen vor Kriegsende wurden zwei kleine Flüchtlingsjungen aus der Ukraine, einer davon mein Vater, Zeugen einer Plünderung. Eigentlich durften sie nicht aus dem Haus, wenn Bomben fielen. Die Mutter hatte es strengstens verboten. Doch die Gelegenheit war günstig und die Tiefflieger schon hinter dem Wald verschwunden. Es rauchte nur noch leicht aus den Kratern und den oberen Stockwerken.
Sie liefen über die Straße zu dem Laden mit dem zerbrochenen Schaufenster, darüber hing, halb abgerissen, das Schild „Herrenbekleidung“. Heiner, der ältere Bruder, schnappte sich einen Riesenkoffer und beide fingen an, wahllos Sachen hineinzustopfen.

Sie packten ihren Koffer und legten hinein … Hüte und Sockenhalter, Hosen und Jacken und einen ganzen Haufen gerippter Unterhemden. Was machte es schon, dass da Symbole der Wehrmacht draufgenäht waren? Die beiden Jungen achteten bloß darauf, dass keiner ihnen die Beute wegschnappte.

Kurze Zeit später haben sie die Stadt an der Dahme wieder verlassen, denn sie sollten repatriiert werden. Soldaten der Roten Armee verfrachteten die Brüder mit ihrer Mutter, zusammen mit den anderen Volksdeutschen in Züge, die in Richtung Osten fuhren. Der Vater der Familie, mein Großvater, war noch in Kriegsgefangenschaft. Erst viele Monate später würden sich ihre Wege wieder kreuzen. Irgendwo in Sibirien.

Als sie in die Waggons gestoßen wurden, dicht an dicht, klammerte sich mein fünfjähriger Vater an das blaue Gepäckstück, als ginge es um sein Leben. Er legte sich auch zum Schlafen darauf, seine Hand fest um den Griff gekrallt. Beide waren nicht länger als einen Meter – der Koffer und das Kind.

Später, in der Sondersiedlung, sollte die Beute aus dem Laden ihre Rettung werden. Ein Filzhut mit Feder, eingetauscht gegen ein halbes Dutzend Eier. Ein kariertes Jackett gegen einen Laib Brot. Und nachts saß die Mutter beim Schein der Kerosinlampe und trennte die verräterischen Aufnäher von den Hemden ab. Die abgelösten Zeichen zischten im Ofen und brannten so langsam, dass die Brüder Angst bekamen, jemand könnte sie erwischen. Doch sie hatten Glück, und nach zwei Jahren war alles in Nahrung umgewandelt, bis auf den letzten Faden. Der Koffer wurde von Behausung zu Behausung mitgeschleppt, auch als die Kommandaturaufsicht aufgehoben wurde und die Mutter starb. Als der Koffer in seine Einzelteile zerfiel, warf mein Großvater das alte Pappding einfach weg.

Der Koffer Nummer drei legte wieder dieselbe Strecke in umgekehrter Richtung zurück – von Ost nach West..

An Lenins 110. Geburtstag waren wir in Moskau zwischengelandet, um in ein Flugzeug nach Frankfurt umzusteigen. Frankfurt/BRD. Wir waren zu viert und reisten mit leichtem Gepäck. Alles andere wurde vor der Abreise veräußert, meistens verschenkt. Im Westen könnt ihr eh nichts mit diesem Barachlo, diesem sowjetischen Ramsch anfangen, hatte man uns gesagt.

So packten wir unseren Koffer und legten hinein – unser ganzes Leben. Ach was, mehrere Leben. Denn der handliche Koffer sowjetischer Fabrikation war bis zum Rand gefüllt mit Familienfotos.

Auf einem stehe ich am Schulportal mit weißer Schürze und Blumen für die Lehrerin. Ein anderes Bild zeigt meine mehlbestäubte, lachende Mutter in der Sommerküche beim Ausrollen von Teig für Manty. Auf einer fast verblassten Aufnahme sitzt Großvater auf einem Pferdekarren vor einer Baracke der Sondersiedlung. Hunderte von Babyfotos, Gruppenbildern, Hochzeiten, Geburtstagen, Beerdigungen, fast ein Jahrhundert der Fotografie. Die älteste Aufnahme ist von 1907 und zeigt drei ernste Damen vor einer gemalten Landschaft, die Taillen von breiten schwarzen Gürteln gehalten. Alle Fotos sind schwarzweiß, auch die aus der jüngeren Zeit. Viele hat mein Vater in seiner mobilen Dunkelkammer selbst vergrößert.

Die Taillen mit breiten schwarzen Gürteln gehalten.

Und ebendieser Koffer war bei der Landung in Frankfurt verschollen. Einfach weg. Es hieß, er wäre aus Versehen in Moskau geblieben und könne erst später nachgeschickt werden. So, als hätten sich die Geister derjenigen, die auf den Bildern abgelichtet waren, vom Fotokarton gelöst, weil sie noch etwas in Russland zu erledigen gehabt hätten. Vielleicht sind sie ins Mausoleum geglitten, an den Wachen vorbei zu der Leiche des Mannes, dessen Geburtstag draußen nicht mehr ganz so frenetisch wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren abgefeiert wurde. Sie dachten auch an den mächtigen Schnurrbart des anderen, der so viele Tote auf dem Gewissen hatte und dessen eigener Tod 1953 kollektiv beweint werden musste. Diese beiden Politgiganten hatten ihnen also soviel Verdruss bereitet. Die Geister meiner Vorfahren betrachteten die Wollmäuse in den stillen Ecken des Mausoleums und brachen in ein stimmloses Gelächter aus.

Noch lieber hätte ich es gesehen, wenn sie mit dem Gepäck versehentlich in ein anderes Flugzeug gekommen wären und endlich die weite Welt gesehen hätten. Oder wenigstens Paris.

Am unserem letzten Tag im Aufnahmelager bekamen wir den Koffer fast vollständig zurück. Von den Gesichtern auf den Fotos fehlte kein einziges. Lediglich das schwere Kruzifix aus dunklem Holz, das mein Vater einst selbst geschnitzt hatte, blieb verschwunden.

Zwanzig Jahre später waren die Bilder sicher in Alben und Kisten verwahrt, doch der Koffer wurde entsorgt, als der Keller ausgeräumt werden musste.

Den anderen kleinen Lederkoffer, den aus Riga, der mit Büchern gefüllt war, hatte ich fast vergessen. Irgendwann fiel mir ein Büchlein in die Hände, auf dessen Vorsatzblatt ein Name auf kyrillisch geschrieben war. Нина. Nina.

Nina hatte den Koffer mitgebracht, als unsere gesenkten Blicke noch voller Staunen über die Wunder der westlichen Zivilisation waren und unsere Klamotten von der Sammelstelle des roten Kreuzes. Sie kam uns mit ihrem Mann besuchen und hatte die Dichter im Gepäck. Vergilbte Bändchen von längst vergessenen Romreisen im Schnee, Gedichte über weiche Auen und Märchen von kaltherzigen Riesen, die ihre Gärten lieber für sich behalten wollten.

So kam es, dass ich Orwells Science-Fiction-Roman noch vor 1984 las und mir die schillernde Attitüde eines Oscar Wilde vertrauter vorkam als das Leben der Kleinstädter, die uns umgaben. Auch russische Klassiker waren dabei. „Die toten Seelen“, „Die Brüder Karamasow“, oft angefangen und wieder beiseite gelegt. Irgendwann habe ich den Koffer mit dem notdürftig geklebtem Griff fast vollständig ausgelesen. Seite für Seite habe ich den Inhalt in Nahrung umgewandelt. So wie meine Großmutter die Wehrmachtsunterhemden in Eier und Brot.

Doch die hohe Kunst, das ganze Leben in einen Koffer zu packen, beherrsche ich immer noch nicht. Mich überkommt immer noch diese Panik, wenn ich packen muss. Meist nehme ich für drei Tage so viel mit wie andere für drei Wochen. Ob es anderen Menschen mit einem Deportations-Hintergrund auch so geht?

Ich packe meinen Koffer und lege hinein… ein geripptes Unterhemd mit dem Abzeichen eines verlorenen Krieges, eine verblasste Aufnahme mit weißgezackten Rändern, den Kieferngeruch der Rigaer Bucht, einige Zeilen aus Dorian Gray und die Vorstellung von einem schlafenden Jungen auf einem Koffer aus blauer Pappe.

Spruch der Woche: Scherbenpark

Fürchte diejenigen, die sich schwach fühlen, denke ich einmal mehr. Denn es kann sein, dass sie sich eines Tages stark fühlen wollen und du dich nie wieder davon erholen wirst.

Scherbenpark, Alina Bronsky, Seite 62

Diesen Satz der Protagonistin Sascha, der eigentlich auf ihren gewalttätigen Stiefvater Vadim gemünzt ist, bekomme ich nicht aus dem Sinn.

Alina Bronskys Erstlingswerk von 2008 (es gibt auch einen gleichnamigen  Film dazu) gilt als ein Coming-of-Age Drama. Ich würde es eher als Coming-of-traumatisches-Erlebnis Drama bezeichnen.

Scherbenpark heißt der Ort an der Hochhaussiedlung, an dem die Jugendlichen abhängen – auch Saschas Leben liegt anfangs in Scherben.

Sie hat einen russischen Hintergrund (nicht erkennbar russlanddeutsch, aber vieles ist vergleichbar) und der ist im Buch angenehm spürbar: anhand von Details, den Charakteren, die am Rande mitspielen: wie dem gelähmten Schachspieler Oleg oder der mütterlichen Maria. Es ist nicht aufgesetzt, ein stimmiges Hintergrundrauschen, das dem Film leider gänzlich verloren geht.

Und der obige Satz? Er setzt vieles frei. Ich muss an dieses Experiment denken, mit den zwei Äpfeln. Einer wird gelobt und vorsichtig behandelt, der andere nur rumgeschmissen und auch noch beschimpft. Außen sieht man den Äpfeln keinen Unterschied an, aber innen ist der eine komplett zerstört.

Das Mädchen Sascha in der Geschichte ist innerlich verletzt, aber durch ihre entwaffnende und kluge Dreistigkeit kommt sie klar kann letztendlich die Scherben zu einem Ganzen zusammenfügen.

Alina Bronsky, Scherbenpark. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 288 Seiten.