Spruch der Woche: authentisch bitte!

Man sagt, die Geschichte wird von den Siegern geschrieben.
Die Literatur hingegen ist das Werk derer, die verwundet am Rand stehen.

Edna O’Brian

So ist es mit der Erinnerung, nach neuneinhalb Wochen gefüllt mit Leben, vielen meist online geführten Gesprächen, diversen coronabedingten Kündigungen oder kleineren Katastrophen wie platzenden Heizungskörpern, weiß ich nicht mehr, wer das genau gefragt hat. Aber bei einer Online-Diskussion im November kam die Frage nach dem Authentischen in der Literatur auf. Konkret: Können wir als diejenigen, die den Schrecken der Vergangenheit nicht selbst erlebt haben, die Erlebnisse überhaupt authentisch wiedergeben?

Authentisch. Was ist das denn überhaupt? Eins zu eins abgebildete Realität? Alles wird verkrümmt, verformt durch die Erinnerung, durch Filter, die wir haben. Kann das etwa nur die Erlebnisgeneration selbst, authentisch schreiben? Können nur diejenigen, die durch die Hölle gehen, ihre Schrecken wiedergeben? Sie weitergeben in Form von Literatur, von authentischer Literatur?

Die einzig authentische Art darauf zu reagieren, was der Erlebnisgeneration zugestoßen ist:  dich nah an ein Mikro stellen, ganz nah, und einen Schrei ausstoßen, der unerträglich ist, grell, durchdringend, der in den Ohren wehtut. Und nicht aufhören damit, über Minuten, Stunden, Tage nicht aufhören damit, bis dir die Puste komplett ausgeht. Und wenn du dich heiser geschrien hast, das Mikro nehmen, den Mikroständer nehmen und damit alles kurz und klein schlagen.

Das wäre meiner bescheidenen Ansicht nach ein angemessener Ausdruck für das Geschehene. Die wahre Poesie des Grauens. Jenseits der Worte. Vorbegrifflich sozusagen. Ob das dann Kunst ist, und wie das vom Publikum rezipiert werden kann, steht auf einem anderen Blatt.

Doch das habe ich nicht auf diese Frage geantwortet. Leider. Ich habe etwas gemurmelt von …  die nötige Distanz haben, um zu beschreiben … dennoch betroffen sein … berührt … aufgewirbelt oder so. Schwache Leistung.

Mir ist neulich wieder der Gedanke gekommen, dass wir, die Zweiten oder Dritten in der Nachfolge nur beschädigt sind, nicht komplett zerstört. Die Übergabe der Traumas hat bei uns nicht alles lahmgelegt. Nur einige von uns, sollte ich dazu sagen, nicht alle, nur ein kleiner Teil des wir. Es ist klar, dass sich nicht all die satten, eingelebten Bürgerinnen und Bürger russlanddeutscher Provenienz als verletzt empfinden. Oder als verletzlich. Die meisten wollen das Dunkel aus ihrem Leben raus haben. Sie wollen leben, arbeiten, Kinder kriegen, Wohneigentum anschaffen. Nicht über die schweren Zeiten nachgrübeln. Ist das nicht auch authentisch?
Integration gelungen, das weiße Kaninchen im Zylinder verschwunden. Die reinste Zauberei.

Um die geht es mir gerade nicht. Nicht um die gut Integrierten. Die Reüssierten, die gut Angepassten. Nicht um diejenigen die endlich das Ende der Opferdebatte fordern, sondern um diejenigen mit dem Stachel im Fleisch. Mit den unbeantworteten Fragen in der Mitte der Pupillen.

Diejenigen, die an einer Stelle in ihrem Leben sind, die es ihnen erlaubt, hinzugucken. Zu beschreiben, was unbeschreiblich war. Die sich im ruhigen Fahrwasser befinden.
Muss alles eins zu eins erlebt sein? Funktioniert die Literatur etwa so?
Ich will es denjenigen nicht absprechen, die wirklich durch die Hölle gegangen sind, dass sie kein Zeugnis ablegen können. Aber es ist sicher übermenschlich schwer, es zu tun.

Wenn innerlich alles vernichtet ist, woraus willst du etwas schaffen, mit welchen Worten? Worten der Anklage? Worten des Bedauerns? Worten des Zorns? Wie willst du dich ausdrücken? Doch nur mit einem langen Schrei, einem Geheul?
Ein stummer Schrei ist es dann wohl geworden, denn die Erlebnisgeneration der deutschen Minderheit in Russland musste den Mund darüber halten, was passiert ist. Über viele Jahrzehnte. Um überhaupt publiziert zu werden, mussten sie in den Komunismus-Positivistischen Kanon einstimmen.

Der Dichter Viktor Schnittke hat mal gesagt: „Von Liebe und Blumen haben die Russlanddeutschen geschrieben, damit sie nicht brüllen mussten.

Welche innere Kraft hatten diejenigen aufbringen müssen, die sich aus Scherben zusammengesetzt und dann noch Worte gefunden haben? Die Kraft, sich von der eigenen Geschichte so zu distanzieren, um sie in eine literarische Form zu bringen?
Wenn es vorwiegend darum ging, zu überleben, ohne jeden Tag  zu zerfallen. Nur wenige hatten genug Resilienz, um das alles halbwegs zu überstehen. Das Wort Resilienz gab es damals noch nicht mal. Sie haben einfach weitergemacht.

Als Nora Pfeffer einmal den Satz zu hören bekam, wie könne sie sorglose Kinderverse schreiben und fröhlich sein, nachdem, was ihr alles zu gestoßen war, sagte sie: „Fröhlichkeit ist keine Flucht vor der Traurigkeit, sondern ein Sieg über sie.“

Welche Stärke, welche Kraft spricht aus diesen Worten. Sie hat Gefängnis, Verbannung überlebt. Ihr Sohn wurde ihr weggenommen, als er ein Säugling war. Sie schrieb, was sie konnte, was sie durfte. Kindergedichte? Gut, gebe ich euch. Verarbeitung der Vergangenheit. Auch die irgendwann.

Ich wage zu behaupten, selbst ich bin zu nah dran, um mich vom unendlich tiefen Leid freizumachen, einen klaren Kopf zu haben, der für das Schreiben nötig ist.  Auch ich bin mit der Nase zu nah an der Substanz, an diesem Sumpf. Es sind meine Leute. Wie kann ich aus ihnen Geschichten stricken? Ich muss mich doch loyal verhalten.

Denn: Wie können wir spannende literarische Geschichten schreiben, wenn es darin nur die Guten gibt? Denn wir tun so, als wären diejenigen, die das überlebt haben, alles Heldinnen und Helden.
Nicht einfach nur Menschen, die systematisch zerstört wurden, deren Leben mit einem Mal zerschlagen wurde und die versucht haben, sich aus den Scherben zusammenzusetzen. Tag für Tag.
Es kann doch nicht nur heldenhafte Märtyrerinnen und Märtyrer gegeben haben, die noch im schlimmsten Grauen ein Lächeln auf den Lippen trugen oder Worte des Trostes für ihre Nächsten. Die aus dem wenigen, das ihnen geblieben ist, das Lebensnotwendige zaubern konnten.

Die anderen hat es auch gegeben. Diejenigen, denen es nicht gelungen ist, die depressiven Mütter, die ihre Kinder dem Schicksal überließen; die cholerischen Väter, die sofort aufbrausten, die um sich schlugen. Nein, die haben wir nicht auf dem Schirm.
Heldengeschichten erlauben keine Patzer, keine psychisch verstörten Figuren, oder wenn, dann nur auf der anderen Seite. Die Psychos sind immer nur die Bösen. Unsere Mütter, unsere Väter, unsere Omas, unsere Opas, das waren die Guten, oder etwa nicht? Niemals die Verstörten.

Auch ich bin gewillt in den Vorfahren nur die Guten zu sehen, die Opfer, nicht die Niederträchtigen, niemals diejenigen, die andere verraten, verletzt oder einfach ihrem Schicksal überlassen haben. Opfer zu sein adelt, macht aus allen durch die Bank weg unschuldige Lämmer. Authentisch wäre doch, auch die andere Seite zu sehen, oder?

Geht es etwa um historische Wahrheit und historische Richtigkeit? Nicht doch. Die Sieger schreiben die Geschichte. Und diejenigen, die verwundet am Rand stehen, schreiben die Geschichten dazu. So ähnlich hat es diese irische Autorin Edna O’Brian ausgedrückt, die neulich in der Presse gefeiert wurde, weil sei einen runden Geburtstag hatte.

Das mag für ihre grüne Insel so stimmen. Das mag nach vielen Jahrhunderten so kommen. Über die irischen Leute, die verwundet am Rand stehen, kann ich nichts sagen. Ich beobachte etwas anderes im Fall der deutschen Minderheit. Es gibt einige wenige, denen es gelingt, aus ihrem Leiden, aus ihrem Leben Literatur zu machen. Die meisten kommen nicht über Nacherzählungen, kollektive Erlebnisberichte oder tragische Familienchroniken hinaus. Viele setzen sich daran, so ist es nicht, denn der Drang alles aufzuschreiben, damit es nicht in Vergessenheit gerät, ist hoch.

Aber, um zu meiner ursprünglichen Frage zurückzukommen: Sind Texte nur dann authentisch, wenn sie aus der Feder der Erlebnisgeneration kommen? Sie sind wichtig. Historisch wertvoll. Sie mögen authentisch sein. Aber sind diese Chroniken, diese kollektiven Klagelieder gleich Literatur? Es braucht wohl mehr als Worte aneinander zu reihen oder minutiös aufschreiben, was passiert ist.

Das klingt so ausschließlich. Es gibt die Ausnahmen. Es gibt Gedichte, die an die Nieren gehen. Es gibt Geschichten, die den Atem rauben. Welche? Sucht selbst, wühlt euch durch die Archive, sucht mühsam nicht mehr aufgelegte Werke. Macht euch ein Bild.

Eine, die es konnte: Angela Rohr. Ihre Berichte aus der Hölle des Gulags lesen sich glasklar, chirurgisch aufgetrennt. Sie beobachtet scharf, ohne jegliches Urteil. Wenn das kein perfekt angewandter Journalismus ist, weiß ich auch nicht. Und dennoch berührt es sehr. Irgendwas zwischen Literatur und Journalismus und Erlebnisbericht. Authentisch. Sie ist im Grunde genommen keine russlanddeutsche Autorin, sondern eine österreichische Kommunistin, die zwischen die Räder der Geschichte geraten ist. Aber sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie etwas authentisch werden kann. Und Literatur.

Jede Erinnerung ist eine Verfälschung. Ob es meine gehörten Geschichten aus zweiter Hand betrifft, oder die Erinnerungen meines Vaters, der selbst durch diese Hölle gegangen ist und alles aus seiner Perspektive sieht.

Literatur dagegen ist Form. Um etwas in Form zu bringen, musst du dich trauen es zu verbiegen. Wie kannst du aber aus den guten Vorfahren, den lieben, ehrlichen, fleißigen Leuten, denen unverschuldet Leid geschehen ist, berechnende Bösewichter machen, nur weil der Plot es verlangt? Authentisch sein und loyal sein, scheint sich zu widersprechen. Literarisch sein und loyal bleiben ebenfalls. Literatur ist immer ein stückweit Lüge, verbogene Wahrheit, die aber eine andere Wahrheit aufdecken kann. Nicht zwingend natürlich. Alles andere ist ein Schulaufsatz zu dem Thema: Wie war dein Tag in der trudarmija?

Zynismus beiseite.


Ich gehe sogar weiter. Gibt es überhaupt eine authentische Beschreibung der Wirklichkeit? Ist nicht alles Illusion? Ein Fake, verfälscht durch den Blick derjenigen, die den Stift führen?

Aus der Kunst wissen wir: Alles ist nur Abbildung. Ceci n’est pas une pipe, das bekannte schon der Surrealist René Magritte. Bilder stellen die Wirklichkeit dar, sie sind nicht die Wirklichkeit. Worte können nicht annähernd das beschreiben, was wirklich geschehen ist.

Worte, die fehlen. Das ist das einzig authentische am Grauen.

Allerdings glaube ich auch, dass eine Verfremdung oder eine Zuspitzung näher an der Wahrheit dran sein kann, als ein detailgetreuer Bericht. Das ist ein weites Feld. Es geht um das Wie.
Auch ohne etwas am eigenen Leib erlebt zu haben, kann ich dennoch darüber schreiben, mich hineinversetzen, die eigenen Gefühle einbringen. Einen angemessenen, respektvollen Ausdruck finden. Und jemand, der das alles erlebt hat, kann dennoch sprachlos bleiben.

Authentisch oder nicht, das eigene oder das fremde Erleben: was bleibt, ist letztendlich es zu versuchen, nicht aufgeben, schreiben. Lesen, schreiben. Alles aufschreiben. Irgendwas davon bleibt doch hängen und wird irgendwann zur Legende oder eben zu Makulatur. Im Grunde ist es egal, ob daraus Literatur wird oder nicht. Schreiben ist eh nur eine Krücke. Ein Lallen und Stottern.

Spruch der Woche: Vergangenheit ohne Land

Heute durchforste ich für einen Vortrag die alten Blogtexte und Bilder. Fast dreihundert Textscherben habe ich online gestellt. Aber in meinen Ordnern befinden sich noch viele mehr. Nicht weiterverfolgte Ideen. Vergessene, aussortierte, für später vorgemerkte. Eine regelrechte Herbsternte. Wie Fallobst liegen die Texte da. Einen habe ich für heute ausgesucht. Mal sehen.

Irgendwo habe ich den Satz aufgeschnappt: land without past, das ist der Titel eines Fotobandes aus England – Land ohne Vergangenheit.

Sofort hat sich das in meinem Kopf umgedreht:

past without landVergangenheit ohne Land. Geschichte ohne Land also.
Das passt doch zu uns. Das sind doch wir, habe ich gedacht. Aussiedler und Umsiedler und Landlose, die sich kurz irgendwo angedockt haben, um 1800 (plus minus 30 Jahre) vertrieben aus kriegsgebeutelten deutschen Ländern. Geflohen vor Hunger und Krieg.  Arme Drittsöhne ohne Anspruch auf ein Stück Land, in die weiten Steppen Russlands gelockt, mit unzähligen Privilegien und einer Aussicht auf Land. Auf ein Auskommen und Einkommen. Und die Nachkommen? Vertrieben und eingekerkert. Und wir? Zurück zum Ursprung? Gehen Sie über LOS, ziehen Sie kein Geld ein. Jetzt leben wir zum Teil wieder dort, woher unsere Vorväter und Vormütter aufgebrochen sind. Aber sind wir auch wirklich angekommen?


So viel Geschichte, so viele Geschichten und kein Land in Sicht. Unser Haus am Rande einer großen Baustelle, mit den zwei Lindenbäumen davor und dem aufgerissenen Asphalt, das ist für diesen Moment mein Land. Ein Provisorium. Wie das ganze Leben.

Vor einiger Zeit wurde im Radio ein Buch über Erben und Erbschaften vorgestellt. Großes Thema hierzulande. Die Autorin meint, Erbschaften machen nicht nur frei, sie belasten auch. Nachlass will verwaltet sein. Traditionen können Menschen daran hindern, den eigenen Weg zu gehen. Adel verpflichtet, wie es so schön heißt. Bedaure ich, dass ich kein Land geerbt habe, dass ich keine Erbin bin?

Aber wenn dir der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wenn alles, was du kennst durch eine Flucht in ein anderes System plötzlich infrage gestellt wird, das ist auch nicht eben förderlich.

In einem Telefonat hat mir der Autor Heinrich Rahn mal gesagt, die Menschen, die mehr als ein System kennen, die mehr Länder erleben, mehr Weisen etwas zu tun, die haben den anderen etwas voraus. Die lassen sich von einer einzigen Wahrheit nicht mehr einlullen, denn sie kennen mindestens zwei Perspektiven. Hoffentlich hat er recht.
Dann wäre das unser Erbstück, die andere Betrachtungsweise, die Doppelsicht der Dinge. Aber es ist die Frage, ob uns das handlungsfähiger macht. Manchmal kommt es mir vor, als ob uns die andere Sichtweise daran hindert, klar zu sehen, hier anzukommen. Wie eine überkommene Matrix, die nicht zu den Gegebenheiten passt.

Irgendwann ist auch das vorbei, die Wellen glätten jedes Holz, jeden Stein. Und ist nicht die Erde auf der wir uns bewegen, nicht doch wie Sand, der uns durch die Finger rinnt? Egal, ob sie uns gehört oder nicht. Am Ende bleiben nur noch Geschichten übrig. Und Geschichte, auch ohne Land.

 

Spruch der Woche: Seelen aus Glas

Großer Bruder, was ist denn die Seele? Nichts?
Ist sie vielleicht wie Glas?
Glas ist durchsichtig und bricht leicht. Das ist einfach so. Man muss vorsichtig sein, wenn man einen Gegenstand aus Glas berührt. Wenn er Risse bekommt oder bricht, dann kann man ihn nicht mehr benutzen und muss ihn wegwerfen.
Früher gab es Glas, das nicht zerbrach. Es war durchsichtig und trotzdem stabil. Da musste man gar nicht nachprüfen, aus was es gemacht war.
Aber wir haben bewiesen, dass wir eine Seele besitzen, in dem wir uns zerstören ließen. Wir haben gezeigt, dass wir aus echtem Glas sind.

Han Kang, Menschenwerk, Seite 129, 2014 in Korea erschienen,
2017 in deutscher Sprache  im Aufbau Verlag

by candi fitzpatrick, McMurdo Alternative Art Gallery (MAAG) McMurdo Station Antarctica, January 2007

Han Kang webt in ihrem Roman Geschichten um einen Aufstand in einer südkoreanischen Stadt im Mai 1980 als eine Militärjunta eine Studenten- und Arbeiterrevolte gewaltsam niederschlug. Sie beschreibt dieses uns  wenig bekannte Kapitel asiatischer Geschichte auf so eindringliche Weise aber dann wieder so abwesend poetisch, dass es unwirklich-klarsichtige Züge bekommt. Wie ein Klartraum oder ein Stück Überrealität. Sie zeigt, wie Menschen durch Gewalterfahrung zerstört werden, aber auch wie sie in Zeiten heftiger Aufruhr über sich hinauswachsen.

Korea bildet zwar nicht unbedingt den Fokus dieses Blogs, aber die Erfahrung von staatlicher Gewalt und ihrer Wirkung auf diejenigen, die sie durchleben und ihr weiteres Leben sind universell. 2016 hat die Autorin  mit ihrem Roman „Die Vegetarierin“  für Furore gesorgt, mit dieser Hommage an die Opfer der Gewaltexzesse in Gwanju hat sie ein großartiges Werk vorgelegt. Darin lotet Kang aus der Sicht von sechs unterschiedlich Beteiligten die tiefen Unwasser aus, in die Menschen geraten, wenn sie mit programmatischer Gewalt in Berührung kommen.

Der Roman berührt, doch wie kann sie nur auf poetische Weise über so unsagbare Dinge schreiben? Aber wie anders sollte sie es tun?

In einem Epilog beschreibt Kang, wie sie zu diesem Stoff gekommen ist. Als Kind hat sie ein Erwachsenengespräch belauscht, darin ging es um die Nachmieter der Familie in besagtem Gwangju und deren halbwüchsigen Sohn, der in der Zeit des Aufstandes verschwand. Aus diesem persönlichen Anknüpfungspunkt heraus geht sie auf Spurensuche und erzählt die Geschichte des 15-jährigen Dong-Ho und des Geschwisterpaares aus dem Anbau des Hauses und drei weiteren Beteiligten. Die Basis des Romans bilden also reale Personen und ihre Erlebnisse.

HAN KANG
Menschenwerk, Aufbauverlag, 2017, € 20,-

Spruch der Woche – Wo kommst du denn her?

Gespräch im Flur einer Wohngemeinschaft, im Hintergrund Partymusik, Stimmen.

  • Wo kommst du denn her?

  • Sind deine Eltern geschieden?

  • Hä?

  • Naja, ich habe mir vorgenommen auf die Frage Wo-kommst-du-denn-her jedes Mal mit der Frage zu antworten, sind deine Eltern geschieden. Also, bist du ein Scheidungskind?

  • Was soll das? Ich habe dich doch nicht angreifen wollen. Was bist du empfindlich.

  • Ich bins nur leid. Oder hast du jemals ein gutes Gespräch erlebt, das mit dieser Frage eröffnet wird?

  • Aber sie ist doch ganz harmlos, ich habe doch nur…

  • …eine Schublade geöffnet, mich hineingesteckt, die Schublade wieder zugemacht. Hast nur meinen Akzent gehört und wolltest zementieren, dass wir nicht die gleiche Luft atmen.

  • Aber ich war wirklich neugierig.

  • Wirklich? Und wenn ich keine Lust habe mit jedem Hinz und Kunz über meine Herkunft zu sprechen? Bestimmt gehörst du zu denjenigen, die eine große Person fragen: Sag mal, hast du nicht Probleme damit ein Bett zu finden, das groß genug ist? Und die sich dabei besonders originell vorkommen.

  • Ach, weißt du was, du hast einfach keinen Bock, dich mit mir zu unterhalten. Ich geh mal Richtung Küche.

  • Und Tschüss.

Halbe Stunde später:

  • Wo kommst du denn her?

  • Sind deine Eltern zufällig geschieden?

  • Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

  • Beides Fragen, die zur Eröffnung eines Gesprächs scheiße sind.

  • Alter, du bist ja ganz schön spaßbefreit.

  • Und Tschüss.

 

Halbe Stunde später:

  • Wo kommst du denn her?

  • Sind deine Eltern zufällig geschieden?

  • Woher weißt du das? Kennen wir uns?

  • Nein. Noch kennen wir uns nicht.

  • Hast du es mir angesehen oder was?

  • Hast du es mir angehört, dass ich nicht von hier komme, oder was?

  • Ja, schon. Irgendwie. Bist du denn deutsch?

  • Sehe ich so aus?

  • Nun, du siehst eher so südosteuropäisch aus. Mit den dunklen Haaren und so.

  • Und du fragst alle Dunkelhaarigen aus welcher Ecke Südosteuropas sie kommen, ja?

  • Äh, weißt du was, das ist mir jetzt zu bunt.

  • Und Tschüss

Halbe Stunde später:

  • Wo kommst du eigentlich her?

  • Aus Altona.

  • Nein, ich mein, wo kommst du ursprünglich her? Oder deine Eltern.

  • Und du?

  • Ich bin von hier. Ich wollte dich jetzt nicht beleidigen oder so. Ich war einfach neugierig. Und? Wo kommst du denn nun her?

  • Sind deine Eltern geschieden?

  • Dann eben nicht.

  • Und Tschüss.

Halbe Stunde später:

  • Und du, wo kommst du denn her? Irgendwo aus dem Osten, stimmts? Polen? Russland? Ich hab ein Ohr für sowas.

  • Sind deine Eltern eigentlich geschieden? Ich hab ein Auge für sowas.

  • Hey, nicht gleich beleidigt sein. Ich wollt nur freundlich sein, das ist alles.

  • Dann sag doch, deine Bluse gefällt mir, oder so.

  • Damit du gleich konterst, ich sei sexistisch? Ich bin doch nicht blöd.

  • Da hast du recht. Das geht nicht. Kennst du keine besseren Fragen? Woher kennst du Paul?  Wäre doch eine Option.

  • Und woher kennst du Paul?

  • Wir haben uns beim Studium kennengelernt. Slawistik.

  • Siehst du, wusst ichs doch. Irgendwas mit Polen oder Russland. Du kommst doch von da, oder?

  • Schönes Hemd!

  • Häh?

  • Und Tschüss.

Spruch der Woche – Heimatblase

Wie stark deine Sehnsucht und wie groß deine Geisteskraft auch sein mögen, niemals kehrst du dorthin zurück, woher du gekommen bist.“


Charles de Foucauld

Jedes Mal wenn es stark regnet und sich in den Pfützen kleine Kuppeln aus Tropfen  bilden, taucht vor meinem inneren Ohr ein Wort auf: пузыри, (puseri) Bläschen. Denn als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter erklärt, dass die Tropfen Bläschen werfen, wenn es länger regnen wird. Längst ist Deutsch zu meiner Denk-, Traum- und Flüstersprache geworden. Doch wenn ich Tropfen sehe, die in den Pfützen hochspringen, denkt mein Hirn: pusari. Auch in der Stadt, die jetzt meine Heimat ist. Nicht nur meine gewählte, sondern auch die gefühlte Heimat.

Foto: Heinz Benaczek CC BY-SA 3.0

Heimat – dieses Wort habe ich früher weitestgehend vermieden. Es war nicht salonfähig, denn zu viel Blut und Boden und Volkstümelei haftete daran. Als Russlanddeutsche ist mein Bezug dazu auch viel zu komplex, um in irgendwelche Stadt-Land-Fluss-Begrifflichkeiten gepresst zu werden. Ich lasse mich nicht so einfach verorten oder auf pure geografische Koordinaten reduzieren.
Wo ich herkomme ist zunächst klar. Omsk. Eine sibirische Großstadt an der Kreuzung der beiden Flüsse Omka und Irtysch gelegen. Ich habe sie im Alter von acht Jahren verlassen.

Ist Sibirien meine Heimat? Ich denke ja, eine davon. Es ist eben nicht nur das Fleckchen Erde, auf dem wir zufälligerweise geboren wurden, das uns ausmacht. Auch nicht nur die Luft und die Pflanzenwelt, die uns dort umgibt. Es sind auch die Sprache, die Geschichten und die Träume, dieses kollektive Fluidum, in das wir als Kinder eintauchen. Die sichtbaren und unsichtbaren Zeichen. Außer dem Birkensud, den Pelmeni und diesem sahnigen Eis erinnere ich mich bewusst auch an unzählige Folgen von Nu pogodi. Das ist das sowjetische Pendant zu Tom & Jerry, nur dass sich hier Hase und Wolf das Leben schwer machen. Das alles hat mich geprägt, ist in meine Stofflichkeit übergegangen, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. In Sibirien liegen auch die Sondersiedlungen und die Verbannungsorte, an die alle gekommen sind, die deutsch waren. Auch aus meiner Familie. Auch das formt einen Teil von mir.

Ist die Ukraine meine Heimat? Das Vaterland, in das ich noch nie einen Fuß gesetzt habe, wo aber Vaters deutsche Verwandtschaft seit Generationen gesiedelt hat. In ihrer eigenen bäuerlichen Parallelwelt. Sie sind irgendwann aus Ostpreußen und aus der Pfalz dorthin eingewandert und an die 140 Jahre dort geblieben, bis zu der großen Umwälzung, die der zweite Weltkrieg mit sich gebracht hat. Was von dieser ländlichen Kultur und von den Erlebnissen während der Wanderungen ist in meine Träume eingedrungen? Gibt es einen direkten Einfluss, außer dieser fast unmerklichen Melancholie und dem Fernweh nach dieser Landschaft, die mich manchmal befallen?

Ist mir die Kleinstadt im Rheinland, wo ich meine zweite Kindheit verlebt habe, zur Heimat geworden? Lange habe ich mit dem Ort gehadert, habe mich dort fremd gefühlt, wie zu Besuch. Die mit dem Lineal gezogenen Grenzen zwischen den Feldern und die mit dem Lineal gezogenen Beziehungen zwischen den Menschen habe ich nicht als Teil von mir annehmen können. Heute erinnere ich mich an diese Lebensabschnitte und merke, dass auch sie mich verändert und berührt haben. Auch wenn mich der rheinische Frohsinn noch immer eher abschreckt. Wie einen bösen Geist, der im Karneval vertrieben werden soll.

Ist es Hamburg? Hamburg, meine Perle? Ich bin eine Wahlhamburgerin, wie die meisten, die ich hier kennengelernt habe. Doch wie tief geht meine Verwurzelung in den Asphalt deines städtischen Dschungels? Seit ich im Norden bin, erlebe ich erstmalig so etwas wie eine Widerspiegelung in der Landschaft, fühle mich mit den Menschen verbunden.

Neulich sagte ein Freund, Heimat sei für ihn etwas sehr Lokales. Nicht nur die Stadt, mit der er sich identifizieren, sondern der Stadtteil. Der Kiez, in dem er wohnt und in dem er Freundschaften aufgebaut hat, auch durch die Kinder. Die unmittelbare Nachbarschaft vermittle ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit,  aber doch nicht etwas so Abstraktes wie eine Nation.

Soll Heimat wirklich so austauschbar sein dürfen und sich mit jedem Umzug durch eine reine Koordinatenverschiebung ändern? Bleibt nichts von den alten Heimaten, den wirklichen und den ideellen etwas an uns haften? Ein Ton, eine Färbung, ein Zungenschlag? Die Vorlieben für bestimmte Speisen, die Art, wie du dich verhältst, wenn es wirklich brenzlig wird? Die Fähigkeit, indirekt zu sein? Es zu lieben, wenn Menschen nach einem guten Essen anfangen zu singen? Die Art mit Kindern umzugehen und mit Alten?

Eine alte Heimat und eine neue, die im besten Fall einvernehmlich ineinander verzahnt sind. Deren feine Grenzlinien nicht wie Wunden brennen. Wenn Heimat und Heimat sich wie Freunde begegnen, nicht wie Feinde nach alten Kriegen.

Vielleicht kann der Freund locker behaupten, dass ethnische Zugehörigkeit unwichtig und die Heimat auf einige Straßenzüge begrenzt sei, weil er sie niemals verloren hat. Er, der jederzeit in einen Zug steigen kann, um seinen Geburtsort in Hessen zu besuchen. Wo möglicherweise noch ein Elternhaus auf ihn wartet, auf dessen Dachboden seine Spielsachen von damals schlummern, leicht muffig, aber gut erhalten. Seine Muttersprache wird von seiner Umgebung gesprochen, egal, in welchem Kiez in Hamburg er sich aufhält. Oder in Berlin. Oder Köln.

Dann könnte ich auch sagen, meine Heimat ist der Kiez, in dem ich wohne. Alles andere ist egal. Aber ich kann es nicht. Zu viele Werst liegen zwischen der Omka und der Elbe. Zu viele Stunden. Und ich meine nicht nur die vier Stunden Zeitunterschied.

Ich habe nicht geweint, als ich dort weg bin. Erst viele Jahre später. Lange durfte ich nicht zeigen, dass ich die Heimat vermisse. Ich sollte mich in die neue Heimat einfügen, vor der es hieß, das sei die historische Heimat meiner Ahnen. Ahnen von denen ich nichts wusste, die für mich keine Gesichter und keine Namen hatten. Heimat sollte immer Deutschland sein.

Daheim war für das Russische kein Platz. Wie denn? Wer ist hier russifiziert, etwa wir? Zieht euch warm an, sonst werdet ihr noch russifiziert. Klingt nach einem schlimmen Bazillus. Kein einziger bemalter Holzlöffel, keine Matrjoschkapuppe und schon gar nicht ein Samowar sollten an das erinnern, wo wir herkommen.

Neulich hatte eine Frau mir sogar bescheinigt, ich hätte Null Akzent und hätte mich nahtlos intrigiert in die neue Gesellschaft. Das ist kein Schreibfehler. Sie sagte wirklich intrigiert. Als hätte ich mich hinein gemogelt in eine Gemeinschaft, in der ich eigentlich nichts zu suchen habe.

Als Kind durfte ich nicht trauern. Nicht um meinen Kiez in Omsk mit den vielen Spielplätzen, nicht um die Freunde, die ich verloren hatte. Und auch nicht um die Hündin, die ich so lange erträumt und erbettelt und ins Herz geschlossen hatte und die kurzerhand an irgendeinen Nachbarn meines Großvaters gegeben wurde. Als Kettenhund.

Das Gewesene einfach über Bord zu werfen. Einen Cut zu machen. Sich neu erfinden. Klingt einfach. Ist es aber nicht. Und vor allem fordert Anpassung einen hohen Preis. Ein Stück von dir geht für immer verloren, wenn du die Heimat verlierst.

Die Heimat liegt wie die Kindheit in einem Raum, der nicht existiert. Es gibt zwar ein Rücksehnen oder Erinnern daran, aber es führt kein realer Weg dorthin. Selbst wenn jemand an dem Fleckchen Erde lebt, den seine Vorfahren seit grauen Urzeiten nicht verlassen haben. Die Welt um diesen Ort verändert sich. Unaufhörlich. Es bleibt nichts so wie es ist. Bei manchen Menschen trifft Heimweh eben auf Fernweh, so wie bei mir.

Der Ort an dem ich lebe, ist real. Der Ort, an dem ich gelebt habe, liegt zurück in der Zeit. Auch wenn es reinräumlich gesehen der gleiche ist. Aber es ist eben nicht derselbe. Und einige Anteile meiner Heimat, meiner Beheimatung teile ich mit Leuten. Mich verbindet etwas. Die Sprache wohl am meisten. Über die Worte habe ich gelernt mich mit diesem Land zu verbinden. Ich habe neue Denkstrukturen übernommen, aber auch sie stoßen in mir an ihre Grenzen. Wenn sie auf die älteren Muster treffen. Die Grenzen liegen in mir. Ich habe Grenzen überflogen, aber die eigentlichen Grenzen liegen in mir. Feine Haarrisse, Mosaikteilchen, die an den Kanten nicht ganz passen, aber dennoch mein inneres Mosaik bilden.

Zurück in das Land der Kindheit kann ich nicht mehr, aber ab und an taucht etwas daraus auf, wie ein Bild, eine Melodie oder das Wörtchen puseri, wenn es wie aus Kübeln gießt. Und ich lebe ja in Hamburg, in einer Heimat, in der es öfter mal erbarmungslos regnet.

 

Spruch der Woche – Ewiges Lamento

Es ist wohlfeil zu jammern, wenn du jemanden hast, dem du klagen kannst.
                                                                          Sprichwort aus Litauen

Dabei gilt das Jammern in unserer Gesellschaft als ein Nogo, als ein Geht-ja-gar-nicht. Jammerlappen, Katzenjammer, Jammertal – all diese Begriffe sind negativ konnotiert. Jammern wird nicht gern gesehen. Es gilt als Schwäche.

Heul doch!

Verabschiede dich vom Klagen und du wirst für Allezeit glücklich sein, versprechen zumindest die selbsternannten Propheten der Selbstoptimierungs-Websites und Glücks-Ratgeber.
Laut deren Psychotipps ist es besser, etwas zu tun als zu lamentieren. Denn das Klagen und Jammern würde uns ja nur schaden. Es sei reine Energieverschwendung. Schlimmer noch, dadurch geraten wir in eine Opferrolle.

Ist Schweigen so viel besser?

Einfach weitermachen? Nach vorne gucken.

Alles verdrängen. Wegdrücken. Die Tränen runterschlucken und weiter gehts.

Und das ganze Elend schön weitervererben.

Kennen wir doch von irgendwoher.

Dieser Spruch aus Litauen passt irgendwie zu uns Deutschen aus Russland und zu unserer Literatur. Heißt es nicht, sie sei ein einziges ewiges Lamento?

Aber das Sprichwort besagt auch: wenn jemand zuhört, wenn jemand ein offenes Ohr hat, ist auch Jammern erlaubt. Klage braucht also Adressaten, die sie annehmen.

Aber genau dieses Publikum scheint es nicht zu geben. Noch nicht?

Die Erinnerungsliteratur der Russlanddeutschen, die Erzählungen der Erlebnisgeneration, das Reden über alte Zeiten, was oft alte Wunden beinhaltet, ist auch bei unseren eigenen Leuten oft nicht gern gesehen. Und das aus mehreren Gründen, manchen gehen die Schilderungen von Demütigung und Schmerz zu nahe, andere haben sich sattgehört, wollen lieber etwas Heiteres lesen, etwas mit mehr Zukunft und Optimismus. Keine Gulagerlebnisse mehr und Stories über Verschleppung. Auch in Sibirien gab es doch schöne Landschaften und lichte Sommer und Schmetterlinge. Es gab doch nicht nur das eine. Schreckliche. sagen sie oft.

Klar.

Aber ist Klagen nicht auch eine Art Aufarbeitung? Darüber reden heißt, den Schmerz aunzuschauen, ihn nicht mit einem Schulterzucken wegwitzeln.

Das Problem solcher Schilderungen ist doch, dass so furchbare Dinge geschehen sind, dass es fast unmöglich ist, sie anders auszusprechen als im Jammerton. Und schon gar nicht für diejenigen, die sie am eigenen Leib erfahren haben.

Wahrscheinlich ist es wirklich besser zu schweigen, wenn du kein offenes Ohr findest. Der Jammerton mag viele auch abschrecken. Die Wucht des Erlebten ist zu viel, vor allem für Kinder und Enkel. Um das zu verarbeiten, müssen sie selbst stabil sein und bereit, es aufzunehmen. Aber wer ist es schon?

Dennoch.

So zu tun, als wäre das Jammern nur Zeitverschwendung oder hätte keine Basis, nützt niemandem.

Es stimmt schon, Aussiedler bringen sich leicht in eine Opferrolle. Aber hey, vielleicht liegt es daran, dass sie lange Zeit in der Rolle von Opfern waren? Das geht nicht weg, von einem Tag zum anderen. Und schon gar nicht, wenn über die alten Zeiten geschwiegen wird. Die ganze Erinnerungsliteratur ist kein Mi-Mi-Mi, auch wenn sie manchmal schwer zu ertragen ist.

Das erlittene Leid muss irgendwie verarbeitet und kann nicht mit billigen Psychoratschlägen von oberflächlichen Internetseiten hinweggefegt werden.

Georgisches Trauerritual – Iwan Pranishnikoff, 1884

Hinter dem Gejammer steckt oft was anderes. Vielleicht Trauer? Jammern und Beklagen gehört zu den Ritualen der Trauer. Klagelieder gehören zur Kultur der Menschen. Es mag heilsam sein, sich mitzuteilen. Es bringt Erleichterung.

Und was unsere Klageliteratur angeht, müssen wir vielleicht noch den richtigen Ausdruck finden und ein passendes, weil unbelastetes Publikum.

Doch bis es soweit ist, werden wir eben stammeln und jammern und lamentieren. Manchmal fehlen eben die passenden Worte, wenn jemand versucht, das Unsagbare in Sprache zu kleiden. Irgendwann werden unsere Autoren und Autorinnen auf einem so hohen Niveau jammern, dass sie gelesen werden können. Manche tun es schon heute.

Es geht kein Weg dran vorbei. Bevor wir wieder obenauf sein können, muss das Jammertal durchschritten werden. Dafür können wir unsere eigenen Trauerrituale erfinden und inneren Klagemauern bauen, bis der Schmerz abebbt.

Dass so etwas nicht pausenlos geht, ist auch klar. Zwischendurch wäre es gut, sich dem Hellen und Lichten zuzuwenden. Den Schmetterlingen in sibirischen Sommerlandschaften zum Beispiel.

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