Spruch der Woche: Scherbenpark

Fürchte diejenigen, die sich schwach fühlen, denke ich einmal mehr. Denn es kann sein, dass sie sich eines Tages stark fühlen wollen und du dich nie wieder davon erholen wirst.

Scherbenpark, Alina Bronsky, Seite 62

Diesen Satz der Protagonistin Sascha, der eigentlich auf ihren gewalttätigen Stiefvater Vadim gemünzt ist, bekomme ich nicht aus dem Sinn.

Alina Bronskys Erstlingswerk von 2008 (es gibt auch einen gleichnamigen  Film dazu) gilt als ein Coming-of-Age Drama. Ich würde es eher als Coming-of-traumatisches-Erlebnis Drama bezeichnen.

Scherbenpark heißt der Ort an der Hochhaussiedlung, an dem die Jugendlichen abhängen – auch Saschas Leben liegt anfangs in Scherben.

Sie hat einen russischen Hintergrund (nicht erkennbar russlanddeutsch, aber vieles ist vergleichbar) und der ist im Buch angenehm spürbar: anhand von Details, den Charakteren, die am Rande mitspielen: wie dem gelähmten Schachspieler Oleg oder der mütterlichen Maria. Es ist nicht aufgesetzt, ein stimmiges Hintergrundrauschen, das dem Film leider gänzlich verloren geht.

Und der obige Satz? Er setzt vieles frei. Ich muss an dieses Experiment denken, mit den zwei Äpfeln. Einer wird gelobt und vorsichtig behandelt, der andere nur rumgeschmissen und auch noch beschimpft. Außen sieht man den Äpfeln keinen Unterschied an, aber innen ist der eine komplett zerstört.

Das Mädchen Sascha in der Geschichte ist innerlich verletzt, aber durch ihre entwaffnende und kluge Dreistigkeit kommt sie klar kann letztendlich die Scherben zu einem Ganzen zusammenfügen.

Alina Bronsky, Scherbenpark. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 288 Seiten.

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Spruch der Woche – Schultikulti

‚Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.‘

       Max Mannheimer, Zeitzeuge und Holocaust-Überlebender, der letztes Jahr mit 96 Jahren verstorben ist.

Der Diskurs um Erinnerungskultur vs Schuldkult ist letzte Woche an den Äußerungen des AfD Vorsitzenden aus Thüringen Björn Höcke heftig entbrannt.

In seiner Rede in Dresden vor zwölf Tagen nannte er die bisherige Erinnerungskultur in der Bundesrepublik ‚dämlich‘ und versprach eine Wende um 180°. Über das Holocaustdenkmal in Berlin sagte er:

Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.

Wen wundert‘s, dass er nach solchen Worten weder bei einer Gedenkstunde im Thüringer Landtag noch bei einer Veranstaltung in Buchenwald anlässlich des Holocaust-Gedenktages am Freitag eingelassen wurde.

Bei Russia Today ein darob entsetzter Höcke. Plötzlich spricht er wieder vom ‚dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte‘. Und von einem anderen Sender aufgenommen, der gezischelte Satz vor seiner Ansprache: Ablauf, wie geprobt. Selbstinszenierung eines Empörten.

Die Reaktionen zu seinen Statements in Dresden sind kontovers. Die einen führen seine Behauptung ad absurdum, bei uns würde Geschichte nur auf Deutschlands Schuld reduziert und die Errungenschaften unserer großen Söhne würden untern Teppich gekehrt. Journalist Rayk Anders zählt in seinem Beitrag die vielen Kunststätten und Denkmäler auf, die in Berlin aufgestellt wurden. Andere regen sich auf, dass wir in einem Land leben, in dem nicht alles gesagt werden darf.

Hier die Reaktion vom Journalisten und Videoblogger Rayk Anders:

Beispiele von andersgepolten User-Kommentaren:

Jetzt versucht man ihn und andere mit falscher Meinung auszugrenzen.
Andere Meinung sollte man in einer Demokratie aushalten können.

Und:

Dass hier viele Linke so getriggert sind und quasi ausrasten, weil Höcke ihnen ihre allergrößte Leistung, ja ihre Religion, wegnehmen will, zeigt ja, wie recht er hat. Es ist eine Religion der Schuld, ganz wie früher, als hier noch die Kirchen herrschten: Die Erbschuld! Dabei bin natürlich ich genauso wenig oder viel dafür verantwortlich, was vor 70 Jahren in Deutschland geschah, wie ein Chinese. Nämlich gar nicht. Aber die Linken wollen die Besten sein. Früher die besten im Menschen ermorden (das haben sie geschafft!), heute die Besten im sich selbst fertig machen und im „Mea Culpa!“ schreien. Und sie sind wieder dabei, zu krakelen: „Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ wenn sie fordern, dass alle anderen Nationen es der deutschen Nation nachmachen sollen.

Beispiel aus dem Artikel der Deutschen Welle vom 27. Januar:

AfD-Kreissprecher Bleeker berichtet vom Geigenlehrer seines Sohnes. Der habe als Russlanddeutscher in den 60er und 70er Jahren in Russland gelebt und sich dort nur von den Nachrichten der Deutschen Welle frei informieren können. „Der war überrascht über die Situation hier und sagt heute, jetzt gebe es wieder diese ‚Nur-in-der-Küche-Gespräche‘, wie es damals bei ihm war.“ Über bestimmte Dinge könnte man wohl in Deutschland nicht mehr offen nachdenken.
(Hier der ganze Artikel)

So als gäbe es Unsagbares. So als hätte Höcke ein Tabu gebrochen und würde jetzt mundtot gemacht werden.


Schande. Schuld. Sippenhaft.

Nun, darum geht es nicht bei dem Umgang mit ‚dem dunkelsten Kapitel unserer Geschichte‘, Herr Höcke. Ich glaube, Sie missverstehen da einiges. Aber wahrscheinlich ist Ihnen das egal. Eine gute Publicity ist das allemal, alles läuft nach Plan. Ablauf, wie geprobt.

Da werden allerdings Ebenen verwechselt. Es geht aber bei dieser Sache nicht um ein Eingeständnis der Schuld über Generationen hinweg. Es geht nicht darum, voller Scham, die Köpfe zu senken.

Menschen, die sich mit der Täterschaft in der eigenen Familie auseinandersetzen, sprechen nicht von Schuld – sie haben etwas ganz anderes im Sinn.

Auch die Begegnungen zwischen Nachkommen von Opfern mit den Nachkommen von Tätern dienen nicht einem Eingeständnis von Schuld. Sie dienen einem Prozess der Heilung. Es geht um Versöhnung nicht um Vergebung. Das ist ein kleiner aber feiner Unterschied.

Daher ist der Begriff Schuldkult hier unzutreffend. Es gibt keine Sippenhaft. Aber es kann eine Blindheit gegenüber den historischen Begebenheiten geben. Und daraus resultiert nichts Gutes.

Eine anonyme Stimme in diesem Diskurs fordert auf Youtube, andere Nationen sollten sich auf die dunklen Seiten ihrer Geschichte besinnen:
Vielleicht sollten sich andere Nationen wie USA, Russland, Türkei, Japan, China, Spanien, Großbritannien, usw. ein Beispiel an uns nehmen und ebenfalls Denkmäler für ihre historischen Schandtaten und Massenmorde errichten. Dann gedenken wir weltweit unserer historischen, kollektiven Geistesgestörtheit und erschaffen zusammen eine bessere Welt.

Bekommt die nationale Identität durch diese Form von Gedenken wirklich einen Schaden? Oder wird das Selbstverständnis um einige Schattierungen erweitert?  Staaten können sich entziehen. Aber die Opfer können nicht vergessen. Ihre Alpträume reißen sie aus dem Trott. Ist Vergessen das Privileg der Sieger?

Fast jede Nation hat Leichen im Keller. Millionenfach. Fast jedes Volk hat ein anderes auf dem Gewissen. Die Türkei hat sich dem Genozid an den Armeniern noch immer nicht offiziell gestellt. Russland erfährt einen neuen Stalinkult und weder Australien noch die USA haben das, was sie mit den ursprünglichen Bewohnern ihrer Länder getan haben, offen und öffentlich behandelt.

Sollen wir sie als Vorbilder nehmen? Diejenigen, die sich der Vergangenheit nicht stellen, sondern aus schlecht verstandenem Stolz die Geschichte als blinde Hurra-Wir-sind-die-Größten-Paraden betreiben. Siegreiche Helden. Jede Seite hat Täter und Taten, die sie zu verantworten hat. Es gibt nicht die gute Seite in einem Krieg.

Wenn das Vergessen und Verschweigen ein Privileg der Sieger ist, so ist das aufrechterhalten der Erinnerung vielleicht eine Chance der Besiegten. Die Chance, die all die Gewinner und Hurra-Schreier nicht ergreifen werden, weil sie es schlicht nicht müssen.

Auch wenn ich mich wiederhole wie ein Tukan: Es handelt sich hier nicht um einen Schuldkult der Multikulti-Gesellschaft. Es handelt sich nicht um dämliche Schuldzuweisungen. Das ist nicht Kindergarten hier. Was unser Part ist nach alldem: Versöhnung. Und vielleicht noch Mahnen. Die Erinnerung soll wach gehalten werden, damit das Grauen sich nicht wiederholt. Warum nicht gleich im Herzen der Hauptstadt. Eine Schande ist es nicht. Dies ist ein alter, überkommener Begriff. Finsteres Mittelalter.

Und dass ein Geschichtslehrer das nicht verinnerlicht hat, wundert mich etwas.

Aber vielleicht hat Björn Höcke ja persönlich eine ganz andere Geschichte aufzuarbeiten. Als Nachkomme von Vertriebenen. Und das wissen wir, dass das Hinschauen schon mal wehtun kann. Dann lieber gegen irgendeine nicht vorhandene Schuld anschreien. Und vor allem, anderen Schuld zuweisen. Hat ja auch schon früher wunderbar funktioniert.

Spruch der Woche: Einzug

Aussiedlerschicksal in zwei Zeilen:

“Fremd bin ich eingezogen,
fremd zieh ich wieder aus.“

aus dem Libretto von Wilhelm Müller (1794 – 1827)  zu Schuberts „Gute Nacht“ / DieWinterreise

Man muss sich diese Zeilen mit der Wunderschönen Musik von Franz Schubert vorstellen:

Hier mit Gesang:

Und nun? Wir sind wieder eingezogen. Wird sich zeigen, wie lange wir fremd bleiben. Und ob wir wieder ausziehen. Ich würde sagen:

Wir sind gekommen, um zu bleiben, um hier ein anderes musikalische Zitat zu bringen.

Obwohl es russische Pressestimmen gibt, die besagen, dass es unter den Deutschen aus Russland in Deutschland starke Tendenzen gibt, zurück nach Russland zu ziehen. Und zwar massenweise. Ein Hoax des Kreml?

Das ist ein hin und her. Ich sach es euch.

Von Kälbchen und Schweinchen

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Ich bin es satt, ewig die gleichen Parabeln zu hören und zu lesen. Die mit dem deutschen Schäferhund und die mit dem Kalb im Schweinestall. Da sagt jemand zu einem Aussiedler, wenn du in Kasachstan geboren bist, dann bist du wohl ein Kasache? Oder ein Deutsch-Kasache, wenns hoch kommt. Und dann ist derjenige sofort beleidigt.

Um die Sachlage mit seiner Abstammung zu erklären, greift der so Angesprochene dann gern zu diesem Spruch:

Aber wenn ein Kalb im Schweinestall geboren wird, ist es noch lange kein Ferkel.

Nicht, dass ich das mit dem geborenen Kasachen gutheiße, das ist zu kurz gedacht, aber der Vergleich hinkt. Schweine und Kälber sind zwar Säuger wie wir, aber sie gehören verschiedenen Tier-Gattungen an. Menschen und Menschen aber nicht. Ihr Verständnis von Zugehörigkeit oder Trennung ist ein Gebilde. Ein Konstrukt. Eine Geschichte. Komplex wie sonstwas.

Als wieder so eine Verkürzung auf Facebook kam, habe ich mal vorgeschlagen, statt geborener Kasache (der Reporter wollte einfach nur eine Variation zu dem Namen) was anderes zu nehmen. Wahlkasache trifft es nicht. Denn die Deutschen wurden meist dahin deportiert oder sind nach der Deportation aus Sibirien oder dem Ural dorthin geflohen. Zwangskasachstanisiert vielleicht? Oder wir bestehen in Zukunft auf: irgendwo aus Deutschland über den Kaukasus (Ukraine/Wolgagebiet) in den Kasachstan (nach Sibirien/Karelien/in den Ural) und dann wieder nach Westfalen (Schwaben/Bayern/Dresden) getriebener Vertriebener, manchmal freiwillig geflüchtet, manchmal so richtig zwangsweise verfrachtet, und am Schluss einfach ausgeflogen, um es noch genauer zu sagen. Abgekürzt: aDüKiKnW-gV-mfgmrzv. Das dürfte es ungefähr beschreiben.

Aber was ist uns das wert, dass wir zu solch komplexen Formeln greifen? Und sie beinhalten noch nicht, welche Musik uns prägt, welche Mode wir mögen oder welche Art der Kommunikation wir bevorzugen. Denn nicht alles wird von der Herkunft und Geschichte geprägt.

Klar, wird der gemeine Wald-und-Wiesen-Deutsche bestimmte Dinge nicht wissen:

– dass im Vielvölkerstaat Sowjetunion die fünfte Zeile im Pass eines jeden Bürgers und einer jeden Bürgerin wesentlich war: die der Nationalität. Dass wenn Russen also in der Mongolei lebten und sich wie die Könige aufführten, sie sich deshalb noch lange nicht als Mongolen sahen. Und wenn Georgier in dritter Generation in Moskau gemeldet waren, sie nicht als Russen akzeptiert wurden. Never ever.

– dass es also dort klar war und ist, wer Deutscher war und wer nicht (auch ohne Schäferhund übrigens. Nur der Sänger Jewtuschenko hat seine deutschen Wurzeln aus überlebenstechnischen Gründen verborgen und hat den Mädchennamen seiner Mutter angenommen. Das ging also auch. War aber eine Ausnahme.)

Diese Zeile hat das mit der Identität also vereinfacht? Möglich. Und manche Russlanddeutsche haben das noch immer verinnerlicht. Aber in Deutschland des Jahres 2016 (bald 2017) ist es ganz anders:

Die Frage der Nationalität ist fließender. Oder fest wie Granit. Auch ohne Zeile Nummero fünf. Kommt darauf an, mit wem du es zu tun hast.

Ich verstehe, dass es einer Gruppe wie den Russlanddeutschen wichtig ist, dazuzugehören. Nicht ausgegrenzt zu werden. Nach Jahrzehnten der Ausgrenzung. Aber es wird nicht soweit kommen. Sie werden immer als etwas Wildfremdes beäugt werden. Auch wenn sie ihren Stammbaum bis in die achte Generation zurückverfolgen können. Nach Mannheim am Main.

Menschen, die Aussiedler als Russen/Kasachen/Kirgisen bezeichnen, kennen deren Geschichte nicht und ihre Beweggründe, sich als Deutsche zu fühlen. Aber was noch wichtiger ist, sie wollen sie nicht kennen.

Menschen, mit einem deutschen Pass, mit deutschen Vorfahren, kümmern sich nicht um Belange der Herkunft. Sie sind ja privilegiert. Leben in Europa, können sich frei bewegen. Nur für die USA müssen sie so einen komischen Bogen auf dem Flughafen ausfüllen.

Sie machen sich keine Gedanken. Weil für sie die Herkunft kein Thema ist.

Oder, das sind die anderen Kandidaten, sie reduzieren alles auf die Herkunft und wollen die Reinheit ihrer Nation herstellen. Auch diese Menschen reden gerne mal von Kälbchen und Ferkeln im Stall. Oder bemühen sogar das Jesuskind, das ja im Stall geboren wurde, aber keine Kuh ist.

Was soll mir das sagen? Dass ich nach Ansicht dieser zweiten Gruppe kein Recht habe, in diesem Land zu leben oder mich deutsch zu nennen, weil ich in Omsk geboren wurde? Oder weil meine Mutter Russin ist? Nein, jetzt bin ich verwirrt. Nein, die Argumentation ist, dass sie meinen, dass ein Türke nicht das Recht hätte, sich deutsch zu nennen. Auch wenn er oder seine Eltern schon in Bottrop-Brauxel geboren und aufgewachsen sind.

Interessante Frage. Was bestimmt uns? Unsere Umgebung? Das soziale Umfeld? Die Sprache? Die Filme und Bücher, die wir konsumieren? Was von uns nimmt die Färbung der Umgebung an? Was saugen wir auf, aus dem Land, in dem wir leben?

Wie fühlen sich eigentlich diejenigen Deutschtürken, die zu Besuch oder auf immer in die Türkei fahren? Irgendwie fremd? Irgendwie deutsch? Irgendwie anders? Reden sie eigentlich von Kälbern und Schweinen? Oder von Kälbern und Hühnern, denn Schweine sind ja nicht helal.

Diese strikte Trennung nach Volkszugehörigkeit ist doch nur in abgelegenen Gegenden möglich. Auf Inseln, auf die seit Jahrhunderten kein anderer kommt. Oder in abgelegenen Dörfern im Himalaja. Aber doch nicht in einer Gegend, durch die Menschen seit Menschengedenken ziehen. Manche bleiben, andere wandern nach Übersee aus oder in östliche Steppen. Kommen wieder. Bringen aus der Fremde nicht nur den Sand in den Aufschlägen ihrer Hosen mit, sondern andere Bilder, andere Träume und andere Kehllaute.

Aber warum müssen wir jemandem beweisen, dass wir deutsch sind? Was daran ist wichtig? Wem ist das wichtig? Wem nützt das?

Können wir uns nicht als etwas ganz Eigenes betrachten? (Wobei ich nicht sicher bin, ob die Russlanddeutschen wirklich als die homogene Masse begriffen werden können, als die sie manchmal dargestellt werden).

Ich kann nicht mitreden. Ich wurde noch nie verbal angegriffen, sobald ich meinen Mund aufgemacht hab. Weil ich akzentfrei rede und mir meine Herkunft nicht gleich anzusehen ist. Ich kann mich nicht an Nachteile erinnern. Ich weiß noch nicht einmal, inwieweit der Geburtsort Omsk sich bei diversen Bewerbungen als Ablehnungsgrund herausgestellt hat. Vielleicht. Vielleicht nicht.

Vielleicht passiert Folgendes, wenn du immer und immer wieder wegen bestimmter Merkmale auf deine Herkunft zurückgeworfen wirst:

Du fängst an

a) dich zu verteidigen (und von Kälbchen und Ferkeln zu reden)

b) dich als der/die Fremde zu geben, der/die du ja sein sollst (volle Kanne russisches Fernsehen gucken, im Mix-Markt einkaufen etc.)

c) verbittert zu sein und dir dein Beleidigtsein wie eine zweite Haut anzulegen.

Wer wissen will, was ein Deutscher aus Kasachstan genau ist und wie er dahin gekommen ist, kann sich ja mal die Geschichte oder die Geschichten ansehen. Möglichkeiten gibt es genug.

Ach, keine Lust? Interessiert nicht? Dieses ganze Deportationsgeschwafel? Dieser Zugehörigkeitsscheiß?

Na denn, dann bleibt alles beim Alten.

Stimmt, es schon bitter, wie wenig sich die Leute um die Geschichte der Russlanddeutschen kümmern. Aber sie kümmern sich auch nicht um die Geschichte der italienischen Einwanderer in Argentinien oder der chinesischen Minderheit in Indonesien (sehr interessant übrigens). Besonders nicht, wenn Geschenkkäufe anstehen und die Feiertage näherrücken.

Statt dessen platzen sie einfach heraus mit ihren Einordnungen, ohne auch einen Wimpernschlag lang nachzudenken.

Aber die Sache ist nicht so einfach. Oder ist sie doch.

Ein Mensch ist und bleibt ein Mensch. Und das ganz egal wo er geboren wurde. Oder sie. Im Stall oder im Kreißsaal einer Klinik.

Spruch der Woche: Kater Wassjka

Kot i Powar, Illustration von Aleksandr Deineka, 1922
Kot i Powar, Illustration von Aleksandr Deineka, 1922
А Васька слушает, да ест. Doch Wassjka hört zu und isst weiter.

Der Satz stammt aus einer Fabel von Iwan Andrejewitsch Krylow aus dem Jahr 1812 und ist ein geflügeltes Wort dafür geworden, stillschweigend in seinem Tun fortzufahren. Gegen alle Anfeindungen oder Widerstände. Die Fabel handelt davon, wie ein Koch in die Kneipe geht und den Kater Wassjka in der Küche lässt, damit er die Mäuse verjagt. Der jedoch macht sich selbst über das Essen her. Als der Koch zurückkehrt und das sieht, lässt er eine Schimpftirade auf den Kater los. Nennt ihn Dieb, nennt ihn Verderbnis, nennt ihn Pest und offenes Geschwür.

Dieser jedoch lässt sich nicht beirren und fährt fort, bis er das komplett Huhn verputzt hat.

Der Kater hört zu und isst.

Viele Kater heißen heute Wassjka und dieser Spruch ist Teil der russischen Kultur geworden. Nur keine Reaktion zeigen und sein Ding durchziehen. Halt mal, wird asiatische Verschlagenheit nicht auch so beschrieben? Die Katzenhaltung bewahren. Jetzt wissen wir wer schuld hat: Kater Wassjka!

Nett ist er ja wirklich nicht: er nimmt den Koch nicht ernst. Und er ist ein Dieb.

Aber uns täte im übertragenen Sinn etwas von Wassjkas Seelenruhe gut. Nicht beirren lassen, nicht stören lassen von Anfeindungen, von lautem Geschimpfe in der Welt.

Gilt auch für Kritik. Nicht aufbegehren und kämpfen, einfach weitermachen und alles an sich abprallen lassen.

Ist das nun Subversion oder Passivität?

Subversion oder schnödes Ignorieren des anderen?

Egal, einfach hinhören und weiter schmausen. Zum einen Ohr rein und zum anderen raus.

Manchmal tut das gut.