Die Dame am Steuer – Clärenore Stinnes im Sowjetreich

Am heutigen Tag, vor genau 90 Jahren, dreht Fräulein Stinnes am Zündschlüssel ihrer Limousine und beginnt ihre Weltumrundung. Mit dem Adler Standard 6 bricht sie am 25. Mai in Frankfurt am Main gen Osten auf. Mit dabei ist ein vollbeladener Begleit-LKW, eine Reisekasse von 100 000 Mark, drei Mann Besatzung – zwei Mechaniker der Firma Adler und der Kameramann Carl-Axel Söderström, der die Reise dokumentieren soll – und ihr Irish Setter Rüde Lord. Ihr Ziel: aus westlicher Richtung genau hier wieder einzutreffen. Sie will die erste Frau sein, die mit einem Automobil die Weltkugel umrundet.

Über zwei Jahre sollte diese Tour de Force dauern. Die Automobilistin kommt mit ihrem Tross oft durch Gegenden, wo es keine Straßen gibt und wo zuvor noch nie so ein selbstfahrendes Gerät gewesen ist. So gleitet, ruckelt, rutscht das Fahrzeug durch Wüsten, Schlammwege, über Berge und Schotter und über den zugefrorenen Baikal-See oder muss über weite Strecken geschoben und gezogen werden. Schier unmenschliche Strapazen werden sie durchleiden und nach 48000 km unter Jubel am Ausgangspunkt ihrer Reise wieder antreffen.

Es bleiben am Ende nur noch Clärenore und Carl-Axel als eingeschworenes Abenteuergespann übrig. Die beiden Mechaniker werden sie bereits nach wenigen Tausend Kilometern verlassen müssen, zum Teil krankheitsbedingt.

Clärenore Stinnes, Aufnahme: E. Bieber, 1926

Die Weltreise ist als Promotionstour gedacht, gesponsert von der deutschen Automobilindustrie und mit einem hohen Widerhall in der internationalen Presse. Söderström muss fast zeitgleich Material für die Wochenschauen zur Verfügung stellen.

Clärenore Stinnes ist bereits mit Mitte zwanzig eine erfahrene Rennfahrerin. Unter anderem nimmt sie 1925 in Russland an der internationalen Zuverlässigkeits-Rallye teil, dem Всесоюзный испытательный автомобильный и мотоциклетный пробег 1925 года, von Leningrad über Moskau bis nach Tiflis und wieder retour. Als einzige Frau unter 135 Teilnehmern gewinnt sie den dritten Platz, der ersten in ihrer Wagenklasse.

Dame mit Hut in der Männerdomäne Autorennsport

Hier wird auch die Idee geboren, eine Fahrt um den Globus zu wagen, die sie mehrere Jahre minutiös vorbereitet. Sie studiert Karten, legt an der Strecke Punkte für Benzin-Depots fest, verschafft sich einen diplomatischen Passierschein. Als Tochter des Großindustriellen Hugo Stinnes hat sie ihre Kontakte und nutzt sie auch.

Sechs Monate Schlamm und Schnee

Mich interessiert natürlich ein besonderer Abschnitt dieser Weltreise: das Sowjetrussland der auslaufenden zwanziger Jahre.

In der russischen Hauptstadt und einigen Orten im europäischen Teil ist moderne Technik nichts Unbekanntes. Aber im Hinterland fahren sie durch Gegenden, in denen noch nie ein Automobil gesichtet wurde. Dementsprechend werden sie empfangen: Die Pferde scheuen, die Menschen bekreuzigen sich am Wegesrand als ob sie der Teufel persönlich wären oder ihnen folgt ein begeisterter Tross von Kindern und Erwachsenen.

Trotz aller Eile sind sie um Wochen in ihrem Plan zurück. Das Risiko in den sibirischen Weiten eingeschneit zu werden ist groß. Sie kommen kaum voran, die Straßen sind nur Schlamm und Matsch. Nach Überschwemmungen in der Ukraine verladen sie die Wagen kurzerhand auf die Eisenbahn, um weiterzukommen. Aber es wird nicht besser.

Es gibt da ein Zitat, das Gogol oder Puschkin zugesprochen wird. в России две беды: дураки и дороги. Was soviel heißt wie, in Russland gibt es zwei Übel, die Dummköpfe und die Straßen. Und zumindest das zweite Übel haben die Abenteuerin und ihre Männer zur Genüge erfahren dürfen.

Die Reise verzögert sich. Durch den Wintereinbruch bleiben sie ganze drei Monate in Irkutsk. Verbringen Weihnachten bei einer dänischen Familie und vertreiben sich die Zeit, in dem sie im hohen Norden burjatische Ureinwohner bei der Jagd filmen.

Die filmischen Zeugnisse, die Söderström in der Sowjetunion sammelt, sind noch heute wertvoll und bilden einen angenehmen Kontrast zu den sonst propagandistischen Filmdokumenten aus Russland der damaligen Zeit.

Im sibirischen Winter festsitzend, erkunden Clärenore und Carl-Axel die Möglichkeit, über den Zugefrorenen Baikalsee in Richtung Mongolei überzusetzen. Für alle Fälle nehmen sie zwei Bretter mit, über die der Wagen rollen soll, falls das Eis brechen sollte. Wäre der Wagen nur ein wenig langsamer über das Eis gefahren, hätte das Abenteuer schon hier sein unschönes Ende nehmen können. Aber sie haben Glück. Am 7. Februar 1928, nach 16 728 km erreichen sie Ulan-Ude an den Felsufern der Selenga.

In ihrem Tagebuch notiert Clärenore:

Immerwährend krachte der See, die Luft wie mit fernem Geschützfeuer erfüllend, in den Bergen widerhallend. Von Süden nach Norden rollte es heran. Wie Scheibenklirren sprang das Geräusch unter unseren Füßen weiter. Hie und da öffnete sich das Eis in Zentimeterbreite, das Wasser sickerte durch. Wir durften uns keine Zeit nehmen, darauf zu achten, denn wir wollten hinüber.

Erst hier, in der Mongolei bieten sich Carl-Axel und Clärenore das du an. Ursprünglich hatte sie sich für diesen Kameraoperateur entschieden, gerade weil er verheiratet war. Während der Reise merken sie jedoch, dass sie sich aufeinander blind verlassen können und ein gutes Team bilden. Zwar begleitet Söderströms Frau Marthe ihren Mann auf der kurzen Etappe zwischen Frankfurt und Stockholm (Clärenore beschließt, die Reiseroute zu verlängern und Carl-Axel zu Hause abzusetzen) aber die Eheleute haben sich entfremdet.

Das Fräulein Stinnes und ihr Kameraoperateur kommen sich spätestens beim Schneiden des Filmmaterials und der Zusammenstellung der Dokumentation endgültig näher. Sie heiraten Ende 1930, ziehen nach Schweden und bewirtschaften einen Hof, der der Familie Stinnes früher als Feriendomizil diente. Weder wird Clärenore jemals wieder ein Rennen fahren, noch Carl-Axel einen kommerziellen Film drehen. Zwar machen sie Pläne für einen neuen Dreh in der Karibik. Doch dazu wird es nicht kommen, sie bleiben in Schweden, bekommen sie drei Kinder und nehmen während des Krieges noch zwei finnische Jungen auf.

1931 kommt ihre Dokumentation Im Auto durch zwei Welten in die Kinos. Als Stummfilm konzipiert, muss schnell eine Tonspur drübergelegt werden, denn die Entwicklung hatte sie bereits überholt, als sie noch auf Tour waren. Clärenore macht persönlich die Erzählstimme und ein bekannter Komponist steuert die Filmmusik bei.

In Wirklichkeit ist die Dokumentation viel länger, dieser kurze Streifen gibt die Strapazen nicht im Ansatz wieder.

Heute ist diese Pionierin in unserem Denken nicht mehr so richtig präsent. Ab und zu läuft eine Dokumentation über sie auf ARTE. Und 2009 entstand ein deutsches Dokudrama mit vielen Einsprengseln des alten Materials. Mit Sandra Hüller als ziemlich spröde daherkommendes Fräulein Stinnes und mit dem dänischen Schaupieler Bjarne Henriksen als formvollendetem Gentleman. Ein ehrgeiziges Vorhaben, das ein Denkmal für diese außergewöhnliche Frau hätte sein können. Es ist verständlich, dass es allein schon ökonomisch unmöglich ist, mit einem Filmteam die Strecke von 48 000 km durch 23 Länder nachzufahren. So jedoch wirkt zumindest der Abschnitt, der in Russland spielt eher kulissenhaft und hölzern. Und es wird nicht deutlich, dass sich die beiden Hauptakteure ineinander verlieben. Vielleicht kam es in der Realität auch erst nach der Reise. Aber würde das den Plot nicht auf besondere Weise würzen?

Die Weltumrundung unter den Bedingungen von 1927 ist eine ungeheure Leistung, die nur mit äußerster Beharrlichkeit und  Durchhaltevermögen zu schaffen war. In einem Interview sagt Clärenore Stinnes mit 85, in der heißen Phase des Kalten Krieges:

‚Ich würde heute die Fahrt noch mal machen, wenn ich damit Russen, Europäer und Amerikaner in einer Einheit zusammenschweißen könnte. Dann würde ich das trotz meines Alters noch mal machen. Selbst wenn ich auf der Strecke bleiben würde.‘

Vier Jahre später stirbt die unerschrockene Pionierin, jedoch ohne die Welt ein zweites Mal umrundet zu haben.

Bücher:

Clärenore Stinnes, Im Auto durch zwei Welten: Die erste Autofahrt einer Frau um die Welt 1927 bis 1929, Edition Frauenfahrten

Eine Frau fährt um die Welt, die spektakuläre Reise der Clärenore Stinnes 1927-1928, Bildband von Carl-Axel Söderström und Gabriela Habinger, Verlag Fredeking & Thaler

Michael Winter, PferdeStärken: Die Lebensliebe der Clärenore Stinnes

Filme:

1931, Im Auto durch zwei WeltenClärenore Stinnes und Carl-Axel Söderström

2009, Fräulein Stinnes fährt um die Welt, Regie Erica von Moeller, mit Sandra Hüller und Bjarne Henriksen

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Nachtrag zum Gedenktag

Heute kam eine älterer Text aus der ZEIT zu mir geflattert. Die Beschreibung eines stillen Gedenkens an gefallene russische Soldaten, die ich der Vollständigkeit halber auch ins Mosaik aufnehmen möchte. Andere Perspektive, anderes Erleben. Mit Witz und einer gewissen Aufmüpfigkeit zeichnet der Artikel die Geschichte zwischen den Russen und den Deutschen nach und ist erfüllt von einem Gefühl, das oft fehlt in unseren heutigen Diskursen: Einfühlungsvermögen.

Achtung, er ist lang.

Russland sei Dank

Ein Plädoyer für den empathischen Blick nach Osten
Von Christoph Dieckmann

  1. Januar 2014

Ich lebe in Pankow, im Norden von Berlin. Seit Langem pflege ich ein Silvesterritual. Am letzten Tag des Jahres wandere ich durch die Zingerwiesen und den Schönholzer Wald zum sowjetischen Ehrenmal.

hier weiterlesen…

Das unsterbliche Regiment

Der 9. Mai 1945. Für die einen ist es das Kriegsende, für die anderen der Tag des Sieges. Auch in diesem Jahr.

Rostow am Don 2013, Foto: Wikipedia

Seit einiger Zeit werden in einigen Städten der Russischen Föderation Märsche organisiert, um die Erinnerung an diejenigen Großväter hochzuhalten, die im großen vaterländischen Krieg gegen den Faschismus gekämpft und gesiegt haben. Der Ursprung lässt sich nicht ganz festlegen, möglicherweise 2011, möglicherweise früher, möglicherweise im sibirischen Tomsk hat diese Bürgerinitiative begonnen. Sie nennt sich Бессмертный полк also unsterbliches Regiment und ist laut Wikipedia.ru eine historisch-patriotische Bewegung. Ihr wichtigstes Ziel: … сохранение в каждой семье личной памяти о поколении Великой Отечественной войны.

Sprich: die Bewahrung der persönlichen Erinnerung an die Generation des Großen Vaterländischen Krieges in jeder Familie.

2015 sind in Moskau 500 000 Menschen marschiert, haben Bilder und Namen ihrer Großväter und Großmütter hochgehalten und Hymnen gesungen, wie das bekannte Lied „Kraniche“ – in Russland ein Kultlied aus einem Kultfilm zum Thema Krieg. Das unsterbliche Regiment ist übrigens eine nicht weniger bekannte Hymne, daher hat die Bewegung ihren Namen. Auf der dazugehörigen Website im Netz sind vor zwei Jahren 270 000 Einträge von Veteranen und Opfern verzeichnet worden.

Nun haben die russischen Landsmänner im Ausland (die sog. соотечественники) auch in anderen Ländern angefangen, solche Erinnerungsfestzüge abzuhalten. Zum Beispiel in Belarus und in Makedonien, in Südossetien, in Schweden, der Schweiz, in Österreich und ja  – auch in Deutschland. Dem Land, das die Rote Armee damals eingenommen hat. Übrigens gemeinsam mit drei anderen Alliierten, die nach 1945 noch nie einen Siegeszug hier abgehalten haben, oder laufen am 9. Mai Engländer durch die Einkaufspassagen und halten Flaggen hoch?

Aber im letzten und vorletzten Jahr marschierten unsterbliche Regimenter mit russischen Fahnen bereits durch Berlin und Hamburg. Es kamen keine 500 000 aber immerhin einige hundert Teilnehmende zusammen. Für 2017 sieht die Planung vor, die Demonstration auf weitere Städte wie Frankfurt oder München und besondere Stätten wie Dachau auszuweiten.

Auf der Site der russischen Gemeinde in Hamburg steht zum Marsch vom letzten Jahr:
Zum Gedenken an die Veteranen des 2. Weltkriegs beteiligten wir uns an der Aktion „unsterbliches Regiment“. Es war gleichzeitig ein Zeichen gegen den Krieg und für die deutsch-russische Freundschaft.

Aktion Das unsterbliche Regiment 2016 in Hamburg, Foto: Russische Gemeinde Hamburg

Ich frage mich, ob man die Freundschaft nicht auch anders feiern kann, als mit einem Zug durch die Innenstadt, russische und sowjetische Flaggen schwenkend und glorifizierende Kriegshymnen singend. Eine Mini-Siegesparade im Land der Besiegten. In einem Land, das sich mehr der Aufarbeitung der Täterschaften widmet als der Würdigung von Opfern aus eigenen Reihen.

Ein Marsch in Moskau oder Tomsk mag wirklich Ausdruck persönlicher Trauer bedeuten, in den Straßen Berlin bekommt er einen ganz anderen Beigeschmack. Überhaupt stellt sich die Frage, ob ein Aufmarsch mit Flaggen das Mittel der Wahl ist, um gefallene Angehörige zu würdigen und zu betrauern?

Dmitrij Chmelnizki, ein in Berlin lebender Historiker schreibt zu einem Bericht der Zeitung «Русская Германия» (Russisches Deutschland) über die Aufmärsche in Deutschland auf Facebook: Должны быть две демонстрации. Одна с портретами победивших дедушек, а другая, навстречу, с портретами изнасилованных бабушек.

Es müsste zwei Demonstrationen geben. Eine mit den Bildern der gesiegt habenden Großväter und eine andere, entgegenkommende, mit den Portraits der vergewaltigten Großmütter.

Bitter, aber er hat recht. Vielleicht sollte ich da aufkreuzen mit dem Foto meiner Großmutter väterlicherseits, die gegen Kriegsende von einem unbekannten Rotarmisten vergewaltigt wurde, während er mit der Pistole auf meinen fünfjährigen Vater zielte.

Man mag zu dem Hype des Zweiten Weltkrieges in Russland stehen, wie man will, ich finde die Idee, dieses Konzept nach Deutschland zu exportieren und hier eins zu eins übernehmen zu wollen, eher unangebracht.

Hinter dem Post zu dem Bericht von Russkaja Germanija findet sich auch ein weiterer Kommentar eines Users mit einem amerikanisch klingenden Namen: Русские фашисты торжествуют над немецкими, которые победили уже своих фашистов.

Russische Faschisten triumphieren über die deutschen, die ihrerseits ihre eigenen Faschisten besiegt haben.

Auch ein Fundstück zum Thema unsterbliche Regimenter: Der Journalist Aleksandr Twerskoi fragte vor einigen Tagen auf 15Minuten:
А где те деды, которые работали в НКВД, стреляли в спину в заградотрядах, надзирали в ГУЛАГах?

Und wo sind die Opas, die beim NKWD gearbeitet haben, anderen als Sonderermittler in den Rücken geschossen und in den Gulags Aufsicht geführt?

Wo bleiben hier die süßen, stolzen Erinnerungen der Nachkommen? ‚Mein Opa hat alle seine Nachbarn angeschwärzt. Und dann noch seine Ehefrau. Wir danken ihm dafür!‘ […] ‚Und mein Opa hat auf dem Butowski Platz an die 20 Leute erschossen, einige Kinder und Großmütterchen waren sogar auch darunter, ich danke ihm für all das. Heute wohnen wir nicht weit entfernt. Wir erinnern uns, sind stolz drauf. Leben in seinen Spuren.‘

Egal wie ich es wende und drehe, dieser Umzug wirkt nicht wie eine reine Bezeugung von Trauer. Was soll daran für den Frieden sein? Was für die Freundschaft? Da sind doch persönliche Treffen von Veteranen der ehemals feindlichen Armeen etwas anderes. Begegnungen. Kommunikation. Keine Machtdemonstrationen.

Und noch etwas kommt erschwerend dazu: alle russischsprechenden Menschen hierzulande werden zu einer Masse zusammengezogen. Sogar in größeren Zeitungen und in irgendwelchen Studien über die Mediennutzung wird nicht unterschieden: Russlanddeutsche, in Deutschland lebende Russen oder jüdische Kontingentflüchtlinge, alle gelten als eins.

Wenn nun genuine Russen auf die Straße gehen, um ihre heldenhaften Großväter zu feiern, heißt es, Deutschrussen oder Russlanddeutsche hätten sich nicht integriert. Dabei waren ihre Großväter noch bevor sie an die Front konnten, deportiert worden um in der Trudarmija zugrunde zu gehen. Andere wurden als Volksdeutsche in die Wehrmacht verpflichtet und sind keine Veteranen der glorreichen Roten Armee. Obwohl es natürlich auch Ausnahmen gab und wirklich einige auf der russischen Seite gekämpft haben.

Es fällt Außenstehenden schwer, die Zugehörigkeiten und die Seiten zu erkennen. Mich würde es allerdings wundern, wenn von diesen 4000 oder 5000 Menschen, die kommenden Dienstag an acht Standorten Flagge zeigen und Bilder hochhalten werden, überhaupt Deutsche aus Russland mitmarschieren.

Wenn in russischen Vergnügungsparks der Sturm auf einen Miniaturreichstag simuliert wird, ist das eine Sache, wenn Helden des großen Vaterländischen Krieges durch Hamburger Straßen getragen werden, finde ich es mehr als grenzwertig und ganz und gar nicht stimmig. Nur so ein Gefühl.

 

 

Schule machen – mBook über Russlanddeutsche

Mitte März ist ein multimediales Schulbuch (daher auch das kleine m vor dem Book) erschienen, das mBook russlanddeutsche Kulturgeschichte. Es ist kostenfrei und ohne zusätzliche Software im Internet abrufbar und besteht aus neun Kapiteln, darunter zum Beispiel Der Mensch als Wanderer, Identitäten und Heimaten oder Russen und Deutsche. aufgerufen kann es einfach werden unter: http://mbook.schule

Mit Fangfragen wie dieser wird der wissenschaftliche Grundton etwas aufgelockert:

Die Inhalte sind vielfältig und weit gestreut: es werden Vorurteile  behandelt aber auch gewichtige Fragen aufgeworfen wie: Sind Identitäten frei wählbar oder festgelegt? Mein Lieblingskapitel ist natürlich 6.4 Der Große Terror und die ‚5. Kolonne‘. Die einschneidenden Jahre 1937 und 1941 werden hier besprochen. Spannend: das Kapitel darüber, wie die Deutschen in Russland 1941 zwischen die Fronten geraten, führt zu einer Diskussion über die Doppelstaatlichkeit heute. Aktuelle Bezüge fehlen also nicht.

In dem Abschnitt Heimat geht durch den Magen sehen wir der Redaktion dabei zu, wie sie einen Borsch‘ nach dem Rezept der russlanddeutschen Oma Berg zubereitet und im Unterkapitel Kleider machen Leute werden in einer Modenschau unter anderem Fufaikas vorgeführt, das sind wattierte Jacken, die von den Lagerinsassen im Winter getragen wurden. Neben den Rüschenkleidern des 19. Jahrhunderts kommen auch Bastschuhe vor, sogenannte Lapti. In Russland seit je her typische Armeleute-Schuhe. Die Arbeit an dem Lernbuch war ein Work in Progress: während der Recherchen im Museum in Detmold entdeckt das Team im Archiv einige alte Kleidungsstücke und die Idee für die Moderstrecke wird geboren.

In multimedialen Einsprengseln, Videos und Audio-Aufnahmen kommen Personen zu Wort, wie die ehemalige Leiterin des Museums für Russlanddeutsche Geschichte Katharina Neufeld oder der Vorsitzende der Landsmannschaft in NRW Alexander Kühl. Die Redaktion spricht also nicht nur von Russlanddeutschen, sondern hat auch mit ihnen gesprochen. Überhaupt waren die Recherchen sehr umfassend – das Institut für digitales Lernen hat seit 2015 an diesem mBook gearbeitet. Ganz unten auf einer Einleitungsseite stellen sich die Autoren und die Autorin vor und berichten darüber, wie sie an das Thema herangegangen sind und was es bei ihnen ausgelöst hat.

Es wird schnell deutlich, dass es trotz wissenschaftlicher Herangehensweise nicht nur um historische Fakten geht, sondern die Geschichte in einen größeren Kontext eingebunden wird. Anhand des Schicksals dieser hin und her gebeutelten Volksgemeinschaft werden Themen behandelt, die weit mehr Menschen betreffen und universell sind.

Marcus Ventzke, einer der Autoren des mBooks, schreibt im Blog Multimediales Lernen dazu: die Geschichte der Russlanddeutschen enthält viele Orientierungsanlässe, um über die Grundfragen menschlichen Lebens und Zusammenlebens nachzudenken. Frieden und Krieg, Freiheit und Unterdrückung, Konflikt und Ausgleich, Sesshaftigkeit und Migration, Diktatur- und Demokratie-Erfahrungen: all das sind Themen, die weit über die Geschichte der Russlanddeutschen hinausgehen und daher für alle Lernergruppen interessant sind.

Fehlt was?

Nicht alle scheinen glücklich mit dem Ergebnis zu sein. Ein russlanddeutscher Historiker, Dr. Hist. Alex Dreger, kritisiert das Projekt, in dem er auf Ungenauigkeiten hinweist und den Autor*innen Verallgemeinerungen vorwirft. (Einige seiner Hinweise wurden sogar schon in das mBook aufgenommen, denn da es digital ist, kann es nachträglich verändert werden.)

Herr Dreger hängt seine Kritik hauptsächlich an der Frage auf, wer die Russlanddeutschen wirklich seien. Natürlich keine Russen und keine Migranten, sondern Deutsche. Diese Tatsache würde ihm wohl noch zu wenig betont. Möglicherweise entspricht die Einstellung der Redaktion zum Thema Nationalität und Nationalstaat nicht seinen Vorstellungen.
Das ist wohl ein grundsätzliches Problem und würde zu weit führen, es in einem Satz abzuhandeln oder gar zu lösen.

Es ist wohl schwerlich zu erwarten, dass in einem Schulbuch alle Feinheiten der Geschichte, alle Kontroversen und alle Widersprüche und Seitenwege auftauchen. Es ist ein didaktisches Werk für Jugendliche und kann nicht umfassend sein. Es vermittelt. Und es muss so gestaltet sein, dass es anspricht und nicht durch Bleiwüsten anödet. Das wirkt bei Eingeweihten dann vielleicht wie eine Verallgemeinerung.

Im mBook werden zum Beispiel Vorurteile gegenüber Russen aufgeführt. Zurecht wie ich finde, denn nicht selten werden wir mit ihnen in einen Topf geworfen. Herr Dreger fürchtet, dass das Aufgreifen der Vorurteile (insbesondere des des Wodkakonsums) ein falsches Licht auf die Russlanddeutschen wirft und den russlanddeutschen Schülerinnen und Schülern eher mehr Anfeindungen bringt als weniger.

Anstatt zu würdigen, dass sich ein Team hingesetzt hat und sich über Jahre mit unserer Geschichte auseinandergesetzt und ein qualitativ so hochwertiges Ergebnis präsentiert, krittelt er an Kleinigkeiten herum.
Möglicherweise braucht es ein eigenes Buch, um die Bereitschaft von ehemals unterdrückten Minderheiten zu beschreiben, sich latent mißverstanden und ignoriert zu fühlen und hinter jeder Hecke eine Beleidigung und mangelnde Wertschätzung zu wittern. Dieses Phänomen resultiert wohl aus einem kollektiven Trauma, dass diese Minderheit erlebt hat. Aber auch die Beschäftigung mit diesem Thema würde die Kapazität eines Schulbuches sprengen.

Die Macher*innen des mBooks stellen jedenfalls Stereotype über Deutsche mit denen über Russen gegeneinander. In Kapitel 2.2 heißt es:

Ein weiteres Stereotyp über Russen lautet, dass sie eher nach einer starken, verbindenden Gemeinschaft streben, nicht so sehr nach dem Ausleben individueller Freiheit. Vielleicht liegt das an der Kälte und Weite des Landes oder am Kollektivdenken in der Sowjetunion; vielleicht ja auch an den gesellschaftlichen Veränderungen und Verwerfungen seit Zusammenbruch der Sowjetunion.
Viele Russen scheinen einen starken, manchmal auch übergriffigen Staat akzeptabel zu finden, solange dieser Staat das Versprechen einlöst, sich um seine Bürger zu kümmern. Gleichheit wird als gesellschaftliches Ziel höher geschätzt als Freiheit.

Ich finde die Stereotypen eher witzig und treffend, die Nähe zu Russland ist doch nicht zu leugnen. Wieso denn? Wir sind halt keine waschechten Teutonen, wenn man uns in Seifenlauge taucht, kommen ganz andere Schichten zutage. Aber die sind doch nichts, was uns peinlich sein sollte. Eher umgekehrt. Nicht nur den Hang zur Gemeinsamkeit haben die Russlanddeutschen aus Russland mitgebracht. Oder die Trinkfestigkeit. Sondern eine Angewohnheit, die im mBook unerwähnt bleibt: das Aufdrängen von Nahrung durch die Herrin des Hauses. Teller werden aufgehäuft, du kannst nicht aufstehen, bevor du platzt. Schlimm ist das! Und auch irgendwie typisch. Doch, auch das taucht auf, in Kapitel 3.4, wo gesagt wird, wenn du zu Russlanddeutschen eingeladen bist, sieh zu, dass du mit leerem Magen hingehst. Nun gut.

Meine persönlichen Nachbesserungsvorschläge wären: Begriffe wie Trudarmija oder Sondersiedlung, die im Text auftauchen und kurz erläutert werden, auch im Glossar aufzunehmen. Auf Kommunalka oder Komsomol würde ich verzichten, von mir aus. Aber Wenn schon Lapti (Bastschuhe) erwähnt werden, warum nicht auch Walenki (Filzstiefel)?

Als einer Angehörigen der betroffenen Gruppe wird mir höchstens nicht stark genug betont, dass die Deportation bis in die Mitte der 50er Jahre gedauert hat. Und danach die Menschen zwar frei ziehen konnten aber nicht mehr zurück in ihre angestammten Gebiete und nicht die Sowjetunion verlassen durften. Oh. Ich glaub, es taucht wohl auf. Weiter unten. Es ist halt auch so viel Stoff, dass ich es kaum schaffe, mich da durch zu kämpfen – allein 33 Unterkapitel und wenn man es ausdrucken würde, 470 Din A4 Seiten! (Keine Sorge, es gibt ein kurzes Erklärungsvideo, was die lila- und grünunterlegten Texte für Funktionen haben, aber für digital natives, also die meisten Schüler*innen ist das Gebilde wohl selbsterklärend.)

Orte der Verbannung multimedial erfahren

Das „mBook russlanddeutsche Kulturgeschichte“ geht auf eine Initiative des Landesbeirates für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen zurück. Aber dennoch hat kein/keine der Autor*innen einen russlanddeutschen Hintergrund. Es wird spürbar, dass hier eine Gruppe von außen beleuchtet wird. Wie durch einen Filter. Aber vielleicht ist es kein Nachteil. Sie bleiben sachlich und verlieren sich nicht in Befindlichkeiten oder Sorgen ums Nichtverstandenwordensein.

Ein Russlanddeutscher würde bestimmte Dinge kaum so formulieren: Sie besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit und dennoch beginne ich dieses Buch mit einem Kapitel über Migranten. Warum?

Um sie im nächsten Moment in einen Kontext zu stellen:

  • Erstens ist die Geschichte der Russlanddeutschen auch eine Geschichte der Wanderung. Aus ganz unterschiedlichen Gründen haben Russlanddeutsche immer wieder ihren Wohnort verlassen (manchmal freiwillig, manchmal gezwungenermaßen), um an einem anderen Ort zu leben. Um diese Geschichte zu verstehen, brauchen wir die Begriffe, die ich in diesem Kapitel vorgestellt habe. 
  • Zweitens sind die Russlanddeutschen heute in Deutschland oft in Situationen, in denen sie sich mit dem Begriff ‚Migrationshintergrund‘ auseinandersetzen müssen. Sie müssen oft einen Kampf darum führen, als ‚richtige Deutsche‘ akzeptiert zu werden. Diese Erlebnisse teilen sie mit den Nachkommen von Migranten, die seit ihrer Geburt in Deutschland leben.  

Auch ich hätte einiges sicher anders verfasst, unter das Foto der Bastschuhe hätte ich geschrieben:

Solche Lapti trugen die Sondersiedler im Sommer, bei Minus 40° hatten sie Walenki, gewalkte Filzstiefel. Was glauben Sie, wie viele Zehen da trotzdem abgefroren sind. Einmal das war schon in den Siebzigern und Sondersiedlungen längst aufgelöst, da bin ich mit meinem Vater im Bus gefahren und habe die Galosche zu meinem neuen Filzstiefel verloren. Er musste bis ins Depot fahren und da, welch ein Wunder, hat er meine Galosche auch gefunden! Aber wir sind an diesem Tag viel zu spät zum Abendessen gekommen.

So hätt ichs gemacht!

Ich bin keine Schülerin mehr und auch keine Lehrerin. Ich habe das mBook als eine durchgearbeitet, um die es geht. Habe dabei Bekanntes entdeckt und auch neue Details erfahren. Es wurden sogar einige neuralgische Punkte berührt, mit denen ich mich gedanklich schon länger rumschlage, und zwar eher „hinten“ im Book, wobei man bei multimedialen Werken ja nicht wirklich von vorne und hinten sprechen kann. Aber in den letzteren Kapiteln, wo es um ‚russlanddeutsche Identität heute‘ geht, finde ich zwei Aussagen, die etwas, das mich umtreibt, auf den Punkt bringen:

Deutsch sein

Das klingt banal, ist es aber nicht. Für Deutsche ohne Migrationshintergrund ist das Deutschsein oft etwas nebensächliches, eher ein Randaspekt der eigenen Identität. Russlanddeutsche haben zum Deutschsein einen anderen Bezug. Über lange Zeit wurden sie (oder ihre Eltern und Großeltern) für ihr Deutschsein diskriminiert, verfolgt und manchmal getötet. Und seit ihrer Ankunft in Deutschland müssen sie darum kämpfen, als Deutsche anerkannt zu werden. Nicht als deutsche Staatsbürger – das sind sie. Aber dafür, von ihren Mitmenschen nicht länger als ‚Russen‘, sondern als Deutsche wahrgenommen zu werden.

Hier das zweite Zitat:

Opfer sein

Ein Identitätsaspekt für viele Deutsche ist es, Nachkomme von Tätern – Nationalsozialisten, Kriegstreibern, Völkermördern – zu sein. Die Russlanddeutschen zählten nun aber nicht zu den Tätern, sondern zu den Opfern der großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts (siehe Kapitel 6). Es ist aber nicht leicht, in Deutschland über deutsche Opfer etwa des Zweiten Weltkriegs zu sprechen. Das heißt, dass russlanddeutsche Erinnerungen und Erfahrungen nur selten mitgeteilt und gehört werden.

Wobei das mit dem Opfer-Täter Prinzip natürlich nicht immer so klar ist. Aber es ist ein Schulbuch und kann nur eine gewisse Widersprüchlichkeit aufweisen. Dennoch werden hier zwei wesentliche Merkmale oder Unterschiede benannt, die die Russlanddeutschen von den Einheimischen trennen, denn sie wirken befremdlich. Das Pochen aufs Deutschtum und die Opfermentalität.

Klar würden unsere Autor*innen und unsere Historiker andere Akzente setzen, aber manchmal lernen wir mehr über uns selbst, wenn wir von außen gespiegelt werden. Und hier geschieht es mit einem wohlwollenden, respektvollen Blick. Der Schleier der Ignoranz ist zerrissen (Sorry, der Sprachschimmel geht mit mir durch!), jetzt kann ich unter die böswilligen Kommentare auf Facebook immer setzen: hier schau mal, da lernst du was. Mit einem Link oder einem Zitat.

Pastor Edgar Born in einem Videointerview

Unwissenheit schafft Vorurteile und Verstehen führt zu Verständnis. So sagt der Interviewpartner in einem Video, Pastor Edgar Born, Aussiedlerbeaftragter der evangelischen Kirche:

…unter den Jugendlichen, die mit dieses Buch mitbenutzen werden, werden Russlanddeutsche sein, die überhaupt nicht vertraut sind mit ihrer Geschichte, mit der Geschichte ihrer Volksgruppe, und die werden verstehen lernen.

Und auch die anderen, die von hier, werden vielleicht einen Grundrespekt entwickeln und hoffentlich nicht mehr vorschnell dreckige Russen oder Putinversteher rufen, nachdem sie die Zusammenhänge kennen.

Der erste Schritt in die Schulen ist geschafft! Es wurde aber auch langsam Zeit. Nun wird es sich erweisen, ob dieses mBook Schule machen wird!

Hier geht’s zur Hauptseite, von wo aus auch der Weg zum mBook nicht weit ist:
https://mbook.schule/rd/mbook/

Blog digitales Lernen:
http://blog.multimedia-lernen.de/das-mbook-russlanddeutsche-kulturgeschichte/

Gut für Überraschungen. Oder auch nicht.

Das Buch ‚Sie kam aus Mariupol‘ von Natascha Wodin beginnt mit einer Überraschung: fast routinemäßig gibt die Autorin eines Tages den Namen ihrer Mutter in eine ukrainische Suchmaschine ein. Und anders als in den Jahren zuvor, landet sie einen Treffer.

Die darauf folgende Spurensuche wird zum Selbstläufer. Plötzlich öffnen sich neue Türen, tauchen unvermutet Dokumente auf und ein unermüdlicher Mitstreiter, der Hobbygeneologe Konstantin, mit dessen Hilfe ihr die Suche nach der eigenen Geschichte gelingt.

Am Anfang stehen ein Name, einige schwarzweiße Aufnahmen und die Stadt, in der alles begann: Mariupol, gelegen an der Küste des Asowschen Meeres.

Im Laufe der Zeit findet die Autorin manches, das überraschend ist. Oder auch nicht, denn schon als Kind hat sie phantastische Dinge über sich und ihre Herkunft erfunden und diese Lügenmärchen liegen erstaunlicherweise nicht allzu weit entfernt von der Wahrheit:

Mit Verwunderung betrachtete ich die Fotos dieser fremden Menschen und brach in inneres Gelächter aus. Ich hatte als Kind gar nicht so falsch gelogen, ich hatte sogar noch untertrieben.‘
S. 72

Unter ihren Anverwandten ist mindestens ein Opernsänger, ein italienischer Seefahrer, die Gründerin eines Mädchengymnasiums und ein berühmter Psychologe zu finden. Es befinden sich darunter aber auch glühende Revolutionär*innen und Menschen, die unter den Folgen der Revolution zu leiden haben: durch Hunger, Enteignung und Lagerhaft.

Das Schicksal der Ostarbeiter

Natascha Wodin hat aus den Wirren der Vergangenheit nicht nur die Geschichte ihrer Familie herausgeschält, es ist ihr auch gelungen, auf eine Gruppe aufmerksam zu machen, die üblicherweise keine Stimme in unserer Gesellschaft hat und fast gänzlich zwischen den Falten der Geschichte verschwindet: die Millionen Fremdarbeiter des zweiten Weltkrieges, und hier insbesondere die Ostarbeiter, die in den Arbeitslagern des NS-Regimes wie Sklaven gehalten wurden.

noch immer eine Leerstelle. Ostarbeiter*innen im Deutschen Reich.

Manche Dinge müssen einfach ans Licht. Und es ist schon seltsam, welche Wege sie bisweilen nehmen und wie viel Zeit sie dafür brauchen. Bei der Spurensuche stößt sie zufällig an ungeahnte Dokumente, wie zum Beispiel das Tagebuch einer Tante, das ein erhellendes Licht auf die Zeit der Stalinära wirft.

Schon in ihrem 1983 erschienenen Erstlingsroman ‚Die gläserne Stadt‘ fragt Wodin nach der Vergangenheit ihrer Mutter, von der sie damals nur einige wenige Anhaltspunkte hat. Die Tochter trägt mindestens ein Trauma mit sich. Denn die Eltern waren nicht nur Displaced Persons, die Mutter hat sich selbst das Leben genommen, als die Autorin zehn Jahre alt ist.

Dieser frühe Verlust hinterlässt bei ihr viele offene Fragen. Erst Jahrzehnte nach diesem Freitod ist die Zeit reif, diese zu auflösen. Zwar besteht der neue Roman gefühlt zu einem Großteil wieder aus Fragen, denn jede Antwort wirft viele neue auf, dennoch scheint Wodin genau die Richtige zu sein, um die Fäden zu entwirren. Sie ist genau zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle und mit genau den richtigen Eigenschaften, um das Gefundene in ein vielschichtiges Buch fassen zu können. Sprachgewaltig war sie ja schon immer, aber diesmal nimmt sich die Sprache zurück, sie ist nicht verspielt, sondern dient dem Verständnis mehr als einem dichterischen Ausdruck. Das Buch is klar strukturiert, aber es ist nicht reine geschichtliche Chronik, Teile davon tragen romanhafte Züge und führen die Leser*innen nah ans Geschehen und die handelnden Personen.
Schnipsel für Schnipsel trägt die Tochter-Autorin das Gefundene zusammen und entwickelt ein Bild der Zeit und ihrer eigenen Rolle darin. Der Stammbaum, den sie erstellt, ist kein Baum, sondern ein Wald in dem sie sich ständig verläuft, schreibt sie anfangs, dennoch gibt sie nicht auf.

Es gelingt ihr aus diesem Wust eine Landkarte zu erschaffen, die nachvollziehbar ist und die Leser*in Schritt für Schritt an einen Kern heranführt.

Denn gerade das Kapitel der Zwangsarbeit ist ein beklemmendes Erbe, das nicht leicht auszuhalten ist. Aber Wodin hat dieses Schwere und Unaussprechliche so geschickt aufgearbeitet und die Reihenfolge so gut gewählt, dass es möglich ist, in den Abgrund zu blicken.

Gewinnerin des Buchpreises der Leipziger Buchmesse: Natascha Wodin

In der ZEIT steht über die Autorin:

Natascha Wodin, in Fürth als Kind ukrainischer Zwangsarbeiter geboren und in Nachkriegslagern aufgewachsen, lebt seit 1994 in Berlin. In ihren Büchern (etwa: Einmal lebt ich, Erfindung einer Liebe, Ehe) setzt sie sich vor allem mit den Themen Entwurzelung und Fremdheit auseinander. Für das Manuskript zu der jetzt ausgezeichneten Geschichte ihrer Mutter erhielt sie 2015 bereits den Alfred-Döblin-Preis. „Ich wünsche mir, dass möglichst viele vom Ausmaß der Zwangsarbeit im Deutschen Reich erfahren“, sagte sie in einer ersten Reaktion.

Ein Buch mit vielen überraschenden Wendungen, nur dass ‚Sie kam aus Mariupol‘ von Natascha Wodin den Belletristik-Preis der diesjährigen Buchmesse in Leipzig erhalten hat ist keine Überraschung. Nicht wirklich. Gratulation!


Fundstück am Rande:

Das Gymnasium, das Natascha Wodins Großtante in Mariupol gegründet und geleitet hatte, wurde im Bürgerkrieg nach der Revolution verwüstet, unter den Nazis war es das Arbeitsamt für die Zwangsarbeiter und in den letzten Jahren das Polizei-Hauptquartier. Es wird das Haus, das drei Mal brannte, genannt. 1920, 1944 und 2014.

Das Haus, das drei Mal brannte

 

 

Richard-Sorge-Gedenktafel als Werbeträger für den Kreml?

Richard Sorge Gedenktafel, Einweihung, russische Soldaten.
Foto:  Eva Brüggmann 6.11.69 Berlin

Die RIA Novosti aus Russland berichteten gestern, dass am 7. November diesen Jahres in Berlin eine Gedenktafel für den Journalisten und Agenten Dr. Richard Sorge feierlich eingeweiht wurde. Bei der Zeremonie waren ca. 100 Menschen anwesend, unter anderem Veteranen der Geheimdienste und ehemalige Militärs beider Staaten, Russlands und Deutschlands.

Bis sie 1990 entwendet wurde, hing bereits eine Gedenkplakette an der Wand der Richard-Sorge-Straße/Ecke Weidenweg im Osten der Hauptstadt. Seltsam, aber Anfang der Neunziger sind in Friedrichshain wohl so einige Gedenktafeln von antifaschistischen Kämpfern verschwunden. Ob es dem US-Wahlkampf geschuldet ist oder an sich eine unwichtige Nachricht ist, in den deutschen Medien finde ich online heute kaum was über die erneute Einweihung dieser Tafel.

Wer Dr. Sorge war, lässt sich hier im Blog nachlesen, ich habe schon Anfang des Jahres über ihn geschrieben.

Zentralbild Brüggmann 6.11.69 Berlin: Die Tilsiterstraße im traditionsreichen Berliner Arbeiterbezirk Friedrichshain wurde am 6.11.69 feierlich in Richard-Sorge-Straße umbenannt. Hier enthüllt Max Christiansen-Clausen, der Funker des mutigen Kundschafters, mit seiner Frau Anna eine Gedenktafel. Sie erinnert an den Helden der internationalen Arbeiterbewegung, der am 7. November 1944 von der japanischen Reaktion ermordet worden war.
Foto: Eva Brüggmann. Hier enthüllt Max Christiansen-Clausen, der Funker des mutigen Kundschafters, mit seiner Frau Anna eine Gedenktafel.

Die ehemalige Tilsiter Straße wurde im November 1969 nach ihm benannt, mit einem feierlichen Akt. Am 7. November ist er in einem japanischen Gefängnis hingerichtet worden. Daher ist dieses Datum dem Gedenken an ihn gewidmet. Die neue Tafel wurde unter anderem von der Botschaft der russischen Föderation gesponsert.

In den Berichten aus Deutschland bleibt es bei den knappen Fakten. Aber in dem RIA-Bericht, das auf auf russischer Sprache erscheint, werden die Aussagen der Redner zitiert und kommen mir vor wie ein PR-Papier des Kreml. So sagt Generalleutnant a.D. Manfred Folland (Ko-Vorsitzender der Initiativgemeinschaft zum Schutz der sozialen Rechte ehemaliger Angehöriger der deutschen Volksarmee und der Grenztruppen der DDR) Dinge wie: Wir sollten aus der Geschichte lernen und unsere Kräfte vereinen, um gegen einen Krieg einzutreten. Und gemeinsam verhindern, dass ein Schüren (sorry, ich schreibe hier ein ins Russische zurückübersetzte Deutsch, weil ich ja leider nicht vor Ort war) des Krieges auf dem Hintergrund der Führungsansprüche der BRD geschieht, was mit dem erweiterten Einsatz der Bundeswehr im Ausland und der Ausweitung der NATO in den Osten, nah an die russischen Grenzen zusammenhängt. Das erfüllt die Menschen mit Angst und Sorge.

Manfred Folland (Folland – > Volland – Bulgakow lässt grüßen?) spricht noch mehr über die Verantwortung, die Deutschland gegenüber anderen Ländern hätte aus einer alten Schuld heraus. Ihm zufolge braucht unser Land Friedenspolitik und kein Säbelrasseln.

Und ein Fjodor Ladyrin, ein Oberst-General der GRU sagt auch noch, dass es schön ist, dass in Deutschland nationalsozialistische Propaganda gesetzlich verboten ist. Anders als in einigen Ländern, die an die Russische Föderation angrenzen. Wen er da wohl meint? Hat er die rechtsradikalen Gruppierungen im eigenen Land vollkommen vergessen?

Armer Sorge. Dass über diesen Kämpfer für die Gerechtigkeit gesprochen wird, ist mehr als opportun. Vor den Propaganda-Karren des Kreml gespannt zu werden, hat er jedoch nicht verdient. Ausgerechnet er, der Eigensinnige, der Freigeist, der Stalin nonchalant eine ablehnende Antwort schickte, als dieser ihn aus Japan heim nach Moskau befahl.

Wie dem auch sei, hoffentlich bleibt seine Plakette diesmal länger da hängen.

Immerhin ist ein User-Kommentar zu diesem Text bei RIS Novosti erfrischend offen. Ein gewisser Konstantin schreibt, dass er erst kürzlich Flugzeuge der Luftwaffe an der russischen Grenze gesichtet hätte: Schaut ihr Deutschen, wenn was passiert, werden wir die Großväter nicht beschämen. Den Weg nach Berlin kennen wir. (Вот только самолеты Люфтваффе опять у российских границ летают. Смотрите, немцы, если что, мы дедов не посрамим. Дорогу на Берлин знаем. )

Das ist mal eine friedliebende Ansage.

Die Ehre des Ilja Ehrenburg

Ilja ehrenburg am Schreibtisch
Ilja Ehrenburg – foto: röhnert/sz-photo/picturedesk.com

Da hab ich einen gehörigen Schrecken bekommen. Im Freitag erschien letzte Woche eine Rezension zu einem Roman des russischen Autors Ilja Ehrenburg. Das erste Buch seit langem, das von ihm in Deutschland herausgebracht wurde, obwohl dieser Vielschreiber einen ziemlichen Namen in Russland hatte.

Mir kommt der Name auch irgendwie bekannt vor.

Plötzlich weiß ich, wer das war.

War das nicht der Ehrenburg, dessen Worte während des  zweiten Weltkriegs durchs Radio schallten: Töte den Deutschen!

Und hier erscheint er als ein Autor, dessen Roman „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz“ aus dem Jahr 1928 vorgestellt wird, als wäre es ein frühes Werk von Bulgakow.

Ein Ausschnitt aus einem anderen Buch von Ilja Ehrenburg mit dem Titel „Krieg“ soll angeblich als Flugblatt unter den Soldaten der roten Armee verteilt worden sein.

…Wenn du im Laufe des Tages keinen Deutschen erschlagen hast, ist das ein verlorener Tag.
Es gibt’s nichts schöneres als deutsche Leichen…heißt es da.

Angeblich. Denn dieses Buch von Ehrenburg hat es vermutlich nie gegeben. Ein Flugblatt mit dem Titel „Ubej!“ (deutsch: Töte!) , vom 24. Juli 1942 und dem obigen Zitat gab es dagegen schon. Es beginnt mit Ausschnitten aus den Briefen deutscher Soldaten in die Heimat, die den russischen Untermenschen verunglimpfen.

Es kursieren viele nicht belegte Zitate im Netz, die von Ehrenburg stammen sollen und die sich anhören wie der Aufruf zum Völkermord. Möchte ich hier nicht wiedergeben, nein wirklich nicht.

Unter diesem Gesichtspunkt ist eigentlich unfassbar, dass es in Rostock eine Ilja-Ehrenburg-Straße gibt. Heiß umstritten. Aber noch da. So als gäbe es eine Uliza Goebbelsa in Rostow am Don oder Ekaterinburg. Oder hinkt der Vergleich? Eine Gruppe von Friedenskämpfern und Antifa-Vereinigungen verteidigen diese Namensgebung jedenfalls und halten viele der ihm zugesprochenen Zitate für reine Nazipropaganda.

Aus meiner Lektüre weiß ich, dass die Nationalsozialisten Übergriffe, die zugegebermaßen brutal waren, ins Unvorstellbare aufgebauscht und angstmachende Hasspredigten in Umlauf gebracht haben, die aus Russland stammen sollten. Für sie war die Vorlage von Ehrenburg ein gefundenes Fressen. Ihnen war jedes Mittel recht, um die Rotarmisten ihrerseits zu entmenschlichten Bestien zu machen. Siehe die Berichte über das Massaker von Nemmersdorf.

Ich bin die letzte, die das gewaltsame Vorgehen der russischen Armee im Osten Deutschlands leugnet, aber in vielen Dörfern haben sich die Menschen reihenweise selbst umgebracht, bevor der Feind einrückte. Die Panik war immens, was zum großen Teil dieser entgrenzten Berichterstattung geschuldet war. Ich verweise hier auf die Lektüre des preisgekrönten Buches des polnischen Journalisten Wlodimierz Nowak „Die Nacht von Wildenhagen – zwölf deutsch-polnische Schicksale“ erschienen im Eichbornverlag 2009. Und insbesondere auf die zweite, namensgebende Geschichte daraus.

Und nun denk ich, dass das alles auch ganz anders gewesen sein kann.

Spiralen der Panikmache. Unentwirrbar verwoben. Wer hat wen benutzt für seine Propaganda? Hat sich Ehrenburg von Stalin und der ZK einspannen lassen und ist mit seinen Tiraden über alle menschlichen Grenzen gegangen? Oder wurden ihm von den Nazis Sätze zugeschrieben, die er niemals so verfasst hat? Goebbels hat Ehrenburg als Stalins Hofjuden bezeichnet. Fakt ist: Ilja Ehrenburg wurde im Zuge der Kampagne gegen die Kosmopoliten, wie das Stalin-Regime Ende der Vierziger seine antisemitische Politik umschrieben hat, selbst verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Nach kurzer Zeit wurde er begnadigt und hat danach seine Karriere im Schriftstellerverband fortgesetzt.

Doch dann finde ich den folgenden Vermerk auf einer russischen Biografie-Site über Ehrenburg:

’14 апреля 1945 г. в газете «Правда» появилась статья заведующего отделом пропаганды ЦК ВКП(б) Г. Александрова «Товарищ Эренбург упрощает», в которой писателя обвиняли в разжигании ненависти к немецкому народу без учета того, что в нем имеются прогрессивные элементы.‘

‚Am 14. April 1945 ist in der Zeitung Prawda ein Artikel von G. Aleksandrow von der Propaganda Abteilung ZK WKP (b) mit dem Titel ‚Der Genosse Ehrenburg vereinfacht‘ erschienen, in dem der Schriftsteller angeklagt wird, Hass auf das deutschen Volk entfacht zu haben ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass sich in diesem auch progressive Elemente befinden.‘

Es scheint sogar für ZK Propaganda übers Ziel geschossen zu sein. Aber in welchem Maße? Ich weiß nicht, ob er sich jemals von seinen Aussagen offiziell distanziert hat.

Erhard Sanio schreibt dagegen auf der Site Holocaust-Referenz über Ilja Ehrenburg:

Um eines klarzustellen: Der angebliche Aufruf Ehrenburgs, deutsche Frauen zu vergewaltigen, ist wahrscheinlich im November 1944 vom Reichspropagandaministerium fabriziert und in einem Tagesbefehl des AOK Nord sowie vom Stab Dönitz verbreitet worden, und zwar stets als Zitat, in indirekter Rede und als Berufung auf ein angebliches Flugblatt oder in einigen Versionen als einen angeblichen Artikel in der Prawda oder der Krasnaja Svjesda.

Und weiter schreibt Sanio:

Ehrenburg hat während des Krieges eine Reihe von Aufrufen an die Rote Armee verfasst. In einigen davon hat er in bedenklicher Form zu Hass und zum Töten der Eindringlinge aufgerufen. Darin fanden sich so wenig geschmacksfeste Formulierungen wie: “ .. Für unsere Soldaten gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen ..“, wobei sich all dies aber unmissverständlich auf die eingedrungenen Soldaten bezog und nicht auf irgendwie geartete Pläne der Eroberung des Reiches. Überdies war der Aufruf „Töte“ nicht schlimmer als andere blutrünstig-patriotische Aufrufe in anderen Ländern zu ähnlichen Gelegenheiten. (…) Der Aufruf war entstanden unter dem Eindruck der ersten Wochen des deutschen Überfalls und der unglaublichen Massenmorde an sowjetischen Juden, über die Ehrenburg zusammen mit Vassilij Grossmann das (erst vor kurzem veröffentlichte) Schwarzbuch mit Zeugnissen von Augenzeugen über die Verbrechen niederschrieb.

Einfach lässt sich die Frage wohl nicht beantworten, ob er ein Hassprediger war oder fälschlicherweise dazu gemacht wurde. Er kannte Deutschland. In den zwanziger Jahren war er hier gewesen und in Paris übrigens auch und später auch in Amerika. Die Folgen, die seine Worte entfesselten, mag er selbst nicht für möglich gehalten haben. Mich hat die Rezension jedenfalls ziemlich durcheinander gebracht. Zumal ich weiß, dass auch die Deutschen, die innerhalb Russlands deportiert und in den Sklavendienst der Trudarmia gesteckt wurden unter dem Hass, den seine Worte in der Bevölkerung auslösten, gelitten haben. Obwohl Ehrenburgs Pamphlete sich immer gegen die Soldaten, die Russland überfielen gerichtet haben sollen, niemals gegen Zivilisten.

Mein Verhältnis zu Ilja Ehrenburg bleibt zwiespältig. Es heißt, im hinteren Teil des Buches wäre eine längere biografische Sequenz. Ich frage mich, wie dort Ehrenburgs Rolle in diesem Propagandafeldzug behandelt wird. Aber ich werde nicht soweit gehen, das Buch zu besorgen. Noch nicht.

Noch in den Sechzigern hat das Erscheinen von Ehrenburgs Biografie in der BRD einen Sturm der Empörung ausgelöst, schreibt der Rezensient im Freitag. Und 2016?