Richard-Sorge-Gedenktafel als Werbeträger für den Kreml?

Richard Sorge Gedenktafel, Einweihung, russische Soldaten.
Foto:  Eva Brüggmann 6.11.69 Berlin

Die RIA Novosti aus Russland berichteten gestern, dass am 7. November diesen Jahres in Berlin eine Gedenktafel für den Journalisten und Agenten Dr. Richard Sorge feierlich eingeweiht wurde. Bei der Zeremonie waren ca. 100 Menschen anwesend, unter anderem Veteranen der Geheimdienste und ehemalige Militärs beider Staaten, Russlands und Deutschlands.

Bis sie 1990 entwendet wurde, hing bereits eine Gedenkplakette an der Wand der Richard-Sorge-Straße/Ecke Weidenweg im Osten der Hauptstadt. Seltsam, aber Anfang der Neunziger sind in Friedrichshain wohl so einige Gedenktafeln von antifaschistischen Kämpfern verschwunden. Ob es dem US-Wahlkampf geschuldet ist oder an sich eine unwichtige Nachricht ist, in den deutschen Medien finde ich online heute kaum was über die erneute Einweihung dieser Tafel.

Wer Dr. Sorge war, lässt sich hier im Blog nachlesen, ich habe schon Anfang des Jahres über ihn geschrieben.

Zentralbild Brüggmann 6.11.69 Berlin: Die Tilsiterstraße im traditionsreichen Berliner Arbeiterbezirk Friedrichshain wurde am 6.11.69 feierlich in Richard-Sorge-Straße umbenannt. Hier enthüllt Max Christiansen-Clausen, der Funker des mutigen Kundschafters, mit seiner Frau Anna eine Gedenktafel. Sie erinnert an den Helden der internationalen Arbeiterbewegung, der am 7. November 1944 von der japanischen Reaktion ermordet worden war.
Foto: Eva Brüggmann. Hier enthüllt Max Christiansen-Clausen, der Funker des mutigen Kundschafters, mit seiner Frau Anna eine Gedenktafel.

Die ehemalige Tilsiter Straße wurde im November 1969 nach ihm benannt, mit einem feierlichen Akt. Am 7. November ist er in einem japanischen Gefängnis hingerichtet worden. Daher ist dieses Datum dem Gedenken an ihn gewidmet. Die neue Tafel wurde unter anderem von der Botschaft der russischen Föderation gesponsert.

In den Berichten aus Deutschland bleibt es bei den knappen Fakten. Aber in dem RIA-Bericht, das auf auf russischer Sprache erscheint, werden die Aussagen der Redner zitiert und kommen mir vor wie ein PR-Papier des Kreml. So sagt Generalleutnant a.D. Manfred Folland (Ko-Vorsitzender der Initiativgemeinschaft zum Schutz der sozialen Rechte ehemaliger Angehöriger der deutschen Volksarmee und der Grenztruppen der DDR) Dinge wie: Wir sollten aus der Geschichte lernen und unsere Kräfte vereinen, um gegen einen Krieg einzutreten. Und gemeinsam verhindern, dass ein Schüren (sorry, ich schreibe hier ein ins Russische zurückübersetzte Deutsch, weil ich ja leider nicht vor Ort war) des Krieges auf dem Hintergrund der Führungsansprüche der BRD geschieht, was mit dem erweiterten Einsatz der Bundeswehr im Ausland und der Ausweitung der NATO in den Osten, nah an die russischen Grenzen zusammenhängt. Das erfüllt die Menschen mit Angst und Sorge.

Manfred Folland (Folland – > Volland – Bulgakow lässt grüßen?) spricht noch mehr über die Verantwortung, die Deutschland gegenüber anderen Ländern hätte aus einer alten Schuld heraus. Ihm zufolge braucht unser Land Friedenspolitik und kein Säbelrasseln.

Und ein Fjodor Ladyrin, ein Oberst-General der GRU sagt auch noch, dass es schön ist, dass in Deutschland nationalsozialistische Propaganda gesetzlich verboten ist. Anders als in einigen Ländern, die an die Russische Föderation angrenzen. Wen er da wohl meint? Hat er die rechtsradikalen Gruppierungen im eigenen Land vollkommen vergessen?

Armer Sorge. Dass über diesen Kämpfer für die Gerechtigkeit gesprochen wird, ist mehr als opportun. Vor den Propaganda-Karren des Kreml gespannt zu werden, hat er jedoch nicht verdient. Ausgerechnet er, der Eigensinnige, der Freigeist, der Stalin nonchalant eine ablehnende Antwort schickte, als dieser ihn aus Japan heim nach Moskau befahl.

Wie dem auch sei, hoffentlich bleibt seine Plakette diesmal länger da hängen.

Immerhin ist ein User-Kommentar zu diesem Text bei RIS Novosti erfrischend offen. Ein gewisser Konstantin schreibt, dass er erst kürzlich Flugzeuge der Luftwaffe an der russischen Grenze gesichtet hätte: Schaut ihr Deutschen, wenn was passiert, werden wir die Großväter nicht beschämen. Den Weg nach Berlin kennen wir. (Вот только самолеты Люфтваффе опять у российских границ летают. Смотрите, немцы, если что, мы дедов не посрамим. Дорогу на Берлин знаем. )

Das ist mal eine friedliebende Ansage.

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Die Ehre des Ilja Ehrenburg

Ilja ehrenburg am Schreibtisch
Ilja Ehrenburg – foto: röhnert/sz-photo/picturedesk.com

Da hab ich einen gehörigen Schrecken bekommen. Im Freitag erschien letzte Woche eine Rezension zu einem Roman des russischen Autors Ilja Ehrenburg. Das erste Buch seit langem, das von ihm in Deutschland herausgebracht wurde, obwohl dieser Vielschreiber einen ziemlichen Namen in Russland hatte.

Mir kommt der Name auch irgendwie bekannt vor.

Plötzlich weiß ich, wer das war.

War das nicht der Ehrenburg, dessen Worte während des  zweiten Weltkriegs durchs Radio schallten: Töte den Deutschen!

Und hier erscheint er als ein Autor, dessen Roman „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz“ aus dem Jahr 1928 vorgestellt wird, als wäre es ein frühes Werk von Bulgakow.

Ein Ausschnitt aus einem anderen Buch von Ilja Ehrenburg mit dem Titel „Krieg“ soll angeblich als Flugblatt unter den Soldaten der roten Armee verteilt worden sein.

…Wenn du im Laufe des Tages keinen Deutschen erschlagen hast, ist das ein verlorener Tag.
Es gibt’s nichts schöneres als deutsche Leichen…heißt es da.

Angeblich. Denn dieses Buch von Ehrenburg hat es vermutlich nie gegeben. Ein Flugblatt mit dem Titel „Ubej!“ (deutsch: Töte!) , vom 24. Juli 1942 und dem obigen Zitat gab es dagegen schon. Es beginnt mit Ausschnitten aus den Briefen deutscher Soldaten in die Heimat, die den russischen Untermenschen verunglimpfen.

Es kursieren viele nicht belegte Zitate im Netz, die von Ehrenburg stammen sollen und die sich anhören wie der Aufruf zum Völkermord. Möchte ich hier nicht wiedergeben, nein wirklich nicht.

Unter diesem Gesichtspunkt ist eigentlich unfassbar, dass es in Rostock eine Ilja-Ehrenburg-Straße gibt. Heiß umstritten. Aber noch da. So als gäbe es eine Uliza Goebbelsa in Rostow am Don oder Ekaterinburg. Oder hinkt der Vergleich? Eine Gruppe von Friedenskämpfern und Antifa-Vereinigungen verteidigen diese Namensgebung jedenfalls und halten viele der ihm zugesprochenen Zitate für reine Nazipropaganda.

Aus meiner Lektüre weiß ich, dass die Nationalsozialisten Übergriffe, die zugegebermaßen brutal waren, ins Unvorstellbare aufgebauscht und angstmachende Hasspredigten in Umlauf gebracht haben, die aus Russland stammen sollten. Für sie war die Vorlage von Ehrenburg ein gefundenes Fressen. Ihnen war jedes Mittel recht, um die Rotarmisten ihrerseits zu entmenschlichten Bestien zu machen. Siehe die Berichte über das Massaker von Nemmersdorf.

Ich bin die letzte, die das gewaltsame Vorgehen der russischen Armee im Osten Deutschlands leugnet, aber in vielen Dörfern haben sich die Menschen reihenweise selbst umgebracht, bevor der Feind einrückte. Die Panik war immens, was zum großen Teil dieser entgrenzten Berichterstattung geschuldet war. Ich verweise hier auf die Lektüre des preisgekrönten Buches des polnischen Journalisten Wlodimierz Nowak „Die Nacht von Wildenhagen – zwölf deutsch-polnische Schicksale“ erschienen im Eichbornverlag 2009. Und insbesondere auf die zweite, namensgebende Geschichte daraus.

Und nun denk ich, dass das alles auch ganz anders gewesen sein kann.

Spiralen der Panikmache. Unentwirrbar verwoben. Wer hat wen benutzt für seine Propaganda? Hat sich Ehrenburg von Stalin und der ZK einspannen lassen und ist mit seinen Tiraden über alle menschlichen Grenzen gegangen? Oder wurden ihm von den Nazis Sätze zugeschrieben, die er niemals so verfasst hat? Goebbels hat Ehrenburg als Stalins Hofjuden bezeichnet. Fakt ist: Ilja Ehrenburg wurde im Zuge der Kampagne gegen die Kosmopoliten, wie das Stalin-Regime Ende der Vierziger seine antisemitische Politik umschrieben hat, selbst verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Nach kurzer Zeit wurde er begnadigt und hat danach seine Karriere im Schriftstellerverband fortgesetzt.

Doch dann finde ich den folgenden Vermerk auf einer russischen Biografie-Site über Ehrenburg:

’14 апреля 1945 г. в газете «Правда» появилась статья заведующего отделом пропаганды ЦК ВКП(б) Г. Александрова «Товарищ Эренбург упрощает», в которой писателя обвиняли в разжигании ненависти к немецкому народу без учета того, что в нем имеются прогрессивные элементы.‘

‚Am 14. April 1945 ist in der Zeitung Prawda ein Artikel von G. Aleksandrow von der Propaganda Abteilung ZK WKP (b) mit dem Titel ‚Der Genosse Ehrenburg vereinfacht‘ erschienen, in dem der Schriftsteller angeklagt wird, Hass auf das deutschen Volk entfacht zu haben ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass sich in diesem auch progressive Elemente befinden.‘

Es scheint sogar für ZK Propaganda übers Ziel geschossen zu sein. Aber in welchem Maße? Ich weiß nicht, ob er sich jemals von seinen Aussagen offiziell distanziert hat.

Erhard Sanio schreibt dagegen auf der Site Holocaust-Referenz über Ilja Ehrenburg:

Um eines klarzustellen: Der angebliche Aufruf Ehrenburgs, deutsche Frauen zu vergewaltigen, ist wahrscheinlich im November 1944 vom Reichspropagandaministerium fabriziert und in einem Tagesbefehl des AOK Nord sowie vom Stab Dönitz verbreitet worden, und zwar stets als Zitat, in indirekter Rede und als Berufung auf ein angebliches Flugblatt oder in einigen Versionen als einen angeblichen Artikel in der Prawda oder der Krasnaja Svjesda.

Und weiter schreibt Sanio:

Ehrenburg hat während des Krieges eine Reihe von Aufrufen an die Rote Armee verfasst. In einigen davon hat er in bedenklicher Form zu Hass und zum Töten der Eindringlinge aufgerufen. Darin fanden sich so wenig geschmacksfeste Formulierungen wie: “ .. Für unsere Soldaten gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen ..“, wobei sich all dies aber unmissverständlich auf die eingedrungenen Soldaten bezog und nicht auf irgendwie geartete Pläne der Eroberung des Reiches. Überdies war der Aufruf „Töte“ nicht schlimmer als andere blutrünstig-patriotische Aufrufe in anderen Ländern zu ähnlichen Gelegenheiten. (…) Der Aufruf war entstanden unter dem Eindruck der ersten Wochen des deutschen Überfalls und der unglaublichen Massenmorde an sowjetischen Juden, über die Ehrenburg zusammen mit Vassilij Grossmann das (erst vor kurzem veröffentlichte) Schwarzbuch mit Zeugnissen von Augenzeugen über die Verbrechen niederschrieb.

Einfach lässt sich die Frage wohl nicht beantworten, ob er ein Hassprediger war oder fälschlicherweise dazu gemacht wurde. Er kannte Deutschland. In den zwanziger Jahren war er hier gewesen und in Paris übrigens auch und später auch in Amerika. Die Folgen, die seine Worte entfesselten, mag er selbst nicht für möglich gehalten haben. Mich hat die Rezension jedenfalls ziemlich durcheinander gebracht. Zumal ich weiß, dass auch die Deutschen, die innerhalb Russlands deportiert und in den Sklavendienst der Trudarmia gesteckt wurden unter dem Hass, den seine Worte in der Bevölkerung auslösten, gelitten haben. Obwohl Ehrenburgs Pamphlete sich immer gegen die Soldaten, die Russland überfielen gerichtet haben sollen, niemals gegen Zivilisten.

Mein Verhältnis zu Ilja Ehrenburg bleibt zwiespältig. Es heißt, im hinteren Teil des Buches wäre eine längere biografische Sequenz. Ich frage mich, wie dort Ehrenburgs Rolle in diesem Propagandafeldzug behandelt wird. Aber ich werde nicht soweit gehen, das Buch zu besorgen. Noch nicht.

Noch in den Sechzigern hat das Erscheinen von Ehrenburgs Biografie in der BRD einen Sturm der Empörung ausgelöst, schreibt der Rezensient im Freitag. Und 2016?

Was gestern war

Eine Schlange in Moskau. Nur diesmal geht es nicht darum, ein Pfund Butter zu ergattern oder eine Tasche von Gucci. Frauen und Männer in winterlicher Kleidung treten ans Mikrofon. Sie sprechen Namen und Daten hinein. Einige lesen sie vom Zettel ab, andere tragen sie aus dem Gedächtnis vor. Einen oder gleich mehrere. Aus dem Off hört man Bach.

Puchtin, Wladimir Alexandrewitsch, mein Großvater, Novikow, Wassilij Philippowitsch, 58 Jahre, verhaftet im Jahr 32, verschollen unter unbekannten Umständen, erschossen. Meistens erschossen und meistens in den Jahren 1937 oder 1938.

Vereinzelt sind auch deutsche Namen darunter: Rudolf, Pfeffer, Paul oder Nachtigall, Jewgenij Ottowitsch.

Die Menschen lesen die Namen, Berufe und Todesdaten ihrer Großväter, Urgroßväter, Großonkel vor, manche auch die ihrer Großmütter, Nachbarn, Bekannten. Sie tun es zwölf Stunden lang von 10 Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Die Reihe reißt nicht ab. Manche stehen fünf Stunden in der Kälte und müssen unverrichteter Dinge wieder gehen, nur eine Kerze dürfen sie aufstellen. Aber sie dürfen am 29. Oktober 2017 wiederkommen, am nächsten Tag der Erinnerung an die Opfer politischer Repressionen.

Dann lädt Memorial Russland die Bürger*innen Moskaus wieder ein, sich am Ssolowetzkij Stein auf dem Ljubjanskij Platz einzufinden, zur erneuten Rückgabe der Namen, wie diese Lesung heißt, die seit 10 Jahren an diesem Tag veranstaltet wird. Die Gedenkaktionen finden in vielen russischen Städten statt, darunter auch in Petersburg am 30. Oktober.

Die Direktorin der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial Elena Zhemkova sagte bei der Eröffnung der Lesung: „Diese Personen wurden im Geheimen erschossen. Wir wollen ihrer öffentlich gedenken. Es ist unsere Pflicht, ihre Namen dem Vergessen zu entreißen.“

 

Das Zeug zu einer Legende

Vor geraumer Zeit, als ich bei einem Seminar jemandem erzählt habe, dass ich mich mit deutschen Spuren in Russland beschäftigen würde und russischen in Deutschland, meinte er zu mir: Larissa Reisner. Schau dir das unbedingt an.

Vorher hatte ich noch nie etwas von ihr gehört. Ihre Spur ist verweht. Fast. Denn es gibt nur spärliche Informationsfetzen. Dabei hat sich in der Person Larissa Reisners die russische Revolution so stark kristallisiert, wie in keiner anderen. Greta Garbo in der Rolle der kühlen Spionin Ninotschka nix dagegen!

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Olympische Göttin mit dem Mut eines Kriegers – Larissa Reisner laut Leo Trotzki

Schon in ihrer Kindheit, die sie zum Teil in Berlin Zehlendorf verlebte, gingen sie alle bei ihnen zu Hause ein und aus: Liebknecht, Bebel, Lenin und andere Anführer von Arbeitern und Anzettler von Revolutionen. Sie hat später Majakowskij gekannt und Kurt Tucholsky, hat mit Joseph Roth in Cafés gesessen und Anna Achmatowa den Dichter Nikolaj Gumilijew ausgespannt. Sie hat für eine Zeitschrift geschrieben, die Maxim Gorki herausgab und war in einem von Trotzkis Kommittees aktiv. Sie hielt sich nicht nur in den Salons auf, sondern hat auch an den Fronten des Bürgerkrieges mitgekämpft, war Kundschafterin und hat zwei Jahre mit ihrem Ehemann Raskolnikow in Afghanistan gelebt. Eine schillernde Persönlichkeit, die sich gern mit seltenen Buchausgaben und kostbaren Teppichen umgab und sich Besuchern auch schonmal in Morgenmänteln aus Seide oder Brokat zeigte.
Der Journalist und Schriftsteller Joseph Roth beschreibt sie so: …‚Im Krieg und manchmal später trug sie Hosen, Gamaschen, eine Soldatenmütze und eine Rubaschka. In Berliner, Leipziger, Hamburger Proletariervierteln trug sie Rock und Bluse, die Uniform der Proletarierin. Im „Romantischen Café“ saß sie selten, sehr gelangweilt, unerkannt unter Pseudonym, in der Kleidung, die einen symbolischen Kompromiss der literaturnahen Frauen mit den herrschenden Gesetzen der bürgerlichen Mode darstellt. Ihre Schlauheit war so groß wie ihr Talent. Ihre Schauspielerei so überzeugend wie ihre Taten im Bürgerkrieg.‘

Am 30. April 1895 in Lublin (damals geopolitisch noch russisches Reich) geboren, wird sie später ihren Geburtstag um einen Tag vorverlegen, damit der erste Mai, dieser wichtige Feiertag der Arbeiterbewegung unauflöslich mit ihr verbunden blieb. Ihre Mutter war eine polnische Adlige, ihr Vater ein deutscher Rechtsgelehrter und Journalist, der nach der ersten Revolution 1905 in St. Petersburg Arbeit fand.

Während der Unruhen von 1923 hielt sie sich gerade in Deutschland auf. Freunde bewahrten sie davor, sich den Gefahren des Hamburger Aufstands auszusetzen. Aber kurz nach dessen Zerschlagung reist sie in die Hansestadt und redet mit den Zeugen, nimmt die Stimmung auf und schreibt darüber: Hamburg auf den Barrikaden. In deutscher Sprache. Plakativ, mit merklichen Sympathien für die Aufständischen und ihre Frauen. Auch ihre Beobachtungen aus dem Berlin desselben Jahres  finden sich in dem schmalen Band. Alamierende Texte über abgekämpfte Proletarierinnen mit ihren vor Hunger blau angelaufenen Säuglingen. Oder über die satten Parlamentarier im Reichstag. Eine erstaunlich moderne und klare Sprache, sehr eindringlich.

Hinter dem Rücken der vorüberschreitenden alten Rennomisten flüstert man ehrfurchtsvoll und neiderfüllt von den riesigen Bestechungssummen, die sie eingesteckt haben, von ihren raffinierten Gauenereien, ihren glänzenden Skandalaffären. Es ist eine Galerie von zerknitterten Galgenphysionomien, die es aber verstanden haben, von der Süßigkeit der Macht zu kosten.  Nackt unter Nackten gehen sie einher und schämen sich nicht. Zwischen diesen Gewesenen drängen in Scharen andere: solche die beweglicher, dümmer und beharrlicher sind  – die künftigen Machthaber.  S 87

Es sind in einem revolutionären Stakkato geschriebene, scharf beobachtete und auf den Punkt gebrachte Studien. Es isnd Glanzstücke des Journalismus. Doch ich vermute mal stark, dass sie nie in den Kursen angehender Ivestigativjournalist*innen als Beispiele auftauchen – nicht die richtige politische Färbung.

Es fällt auf, dass sie Proletarier, also bildungsferne Schichten ganz anders zeichnet als in den Medien heute üblich. Bei Reisner sind sie gutmütige Hühnen oder lebensweise Alte. Sie sind nicht die Masse, sondern einzelne Individuen, die alles für die Freiheit geben und auf tragische Weise scheitern. Weil ihre Oktoberrevolution nicht das ganze Land ergreift, sondern schon im Keim erstickt wird.

In den Berichten der späteren westlichen Presse wird ledigleich darüber gesagt, dass die KPD zu einem großen Streich ausholen wollte und sich verzettelt habe. Parteiinterne Fehler seien es gewesen, die rund 100 Menschen das Leben gekostet hätten und zu Tausend Verhaftungen führen. Wenn es überhaupt mal Erwähnung findet.

Fünf tausend Polizisten gegen wenige hundert Aufständische. Reisner nennt alle diese Zahlen nicht. Sie greift einzelne Agierende auf, bei ihr sind sie Genosse K., Genosse R. oder Elfriede, sie begleitet sie, sie beleuchtet ihr Erleben des Geschehens.

Kurt Tucholsky war voll des Lobes über dieses Werk: ‚Ich besitze das Buch und schätze es als eins der besten Revolutionsdokumente, das so ganz nebenbei eine Meisterschilderung Hamburgs enthält, das Paradigma eines Städtebildes, etwas ganz und gar Einzigartiges.‘

Vielleicht meinte er Passagen wie diese:

Alles, was sonst Himmel heißt, ist hier in Hamburg – der Rauch der Fabrikschlote, sind die Greifarme der Hebekräne, die die Schiffsbäuche plündern und steinerne Riesenkästen auffüllen; leichte, flüchtig geneigte Brücken über decken die nasse Geburtsstätte der neu erstandenen Schiffe. Heulen der Sirenen, Fluchen der Pfeifen, Flut und Ebbe des Ozeans, der mit dem Unrat spielt und mit den Möwen, die wie Schwimmhölzer auf dem Wasser tanzen, und – gleichmäßige Würfel dunkelroter, aus Ziegeln gebauter Gebäudekomplexe, Lager, Fabriken, Kontore, Märkte, geradlinig gebaute Zollämter, die aussehen wie eben abgeladene Gepäckstücke. Eine Armee, Legionen von Arbeitern sind in diesen Werften bei dem Laden und Löschen der Schiffe, in den zahllosen Metallwerken, ölverarbeitenden und chemischen Fabriken, in einigen der größten Manufakturen und auf den großen Bauplätzen beschäftigt, die das Hinterland von Hamburg, seinen sumpfigen und sandigen Grund, ununterbrochen mit einer Kruste von Beton und Stahl bedecken.

Die Elbe, dieses alte schmutzige Einkehrhaus für die Vagabunden des Ozeans – baut und erweitert ununterbrochen ihre gewaltigen Betonhinterhöfe.

Der gesamte Text hier online zu lesen: http://www.mlwerke.de/lr/lr_hh.htm

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Henry Sara – Hamburg 1923

Eine menscheleere Straße, ein schlafendes Haus, eine schwüle, schnarchende Wohnung. Ein Heim des ärmsten Arbeiters. Er steht auf, zieht sich an, ohne zu fragen wozu und wohin, ohne einen Augenblick zu zögern. Ein ruhiger Händedruck – und die glimmende Zigarette entfernt sich langsam in der Dunkelheit.  S 31

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Henry Sara – Deutschland 1923

Ich mag ihre unbarmherzige Schreibe, wie sie die Zwanziger Jahre seziert, die für weite Schichten alles andere als die goldenen waren. Alle kriegen ihr Fett ab, die Reichstagsabgeordneten, und die glatten Redner von der SPD. In ihrem treffsicheren Zynismus erinnert sie mich an Dorothy Parker, allerdings natürlich auf der anderen Seite des atlantischen Ozeans. Trotz der Unterschiede mag es da einige Parallelen geben.

Obwohl über die asphaltierten und komfortablen Städte Deutschlands eine Verzweiflung hereingebrochen ist, die den kleinen Angestellten und Beamten fast dazu treibt, auf allen vieren zu laufen und wie ein Tier zu brüllen, geht er oder sie in letzter Minute nicht auf die Straße, sondern ins Kaffeehaus. Ja, ins Kaffeehaus, um dort für den Papiergeldverdienst einer ganzen Woche eine winzige Tasse Kaffee zu trinken und den aufgestauten gesunden Grimm zu betrügen durch einen schmachtenden Walzer, durch die Vergoldung krummbeiniger Barockstühlchen. S 93

Ihre Texte sind in Russland, wo Trotzki aus den Fotografien herausretuschiert wurde, recht schnell inopportun geworden, im Westen sowieso. Erst 1960 erscheint in der DDR als Sammelband „Hamburg auf den Barrikaden“ eine Zusammenfassung ihrer Erlebnisse von 1923. 2012 hat der Verlag Haag+Herchen eine Reprint-Ausgabe davon herausgebracht, mit ausgefransten Buchstaben und einemTitelbild, das der ursprünglichen Ausgabe nachempfunden ist. Andere Publikationen bekommt man nur antiquarisch, teilweise wenn sie aus den zwanziger Jahren stammen, für horrendes Geld.

Reprint der 1960er Ausgabe von 2012
Reprint der 1960er Ausgabe von 2012

Diese Frau scheint dagewesen zu sein, um in Legenden weiterzuleben,‘ so prophezeit Joseph Roth 1927 in der Frankfurter Zeitung. Zwei Jahre nach ihrem Tod. Und nun? Die Legende ist so gut wie vergessen.

Mit knapp dreißig stirbt Larissa Reisner 1925 an Thyphus, einer Armeleutekrankheit, es wird vermutet, dass sie sich an verdorbenem Essen infiziert habe. Auf ihrem Grabstein auf dem Waganskij Friedhof in Moskau steht lediglich, dass sie Schriftstellerin war und wo sie in den Jahren 1918/1919 mitgekämpft hat. Nichts über ihre Arbeit als Berichterstatterin. Nichts über ihre Bedeutung für die Revolution oder für die Boheme. Nach ihrem Tod erschien 1932 noch ein Buch von ihr in Russland, dann über Jahrzehnte: Nichts. Sie war untragbar geworden, weil sie eng mit Leo Trotzki zusammengearbeitet hatte und die Geliebte Karl Radeks gewesen ist. Sie war schon zu Lebzeiten kritisch und unbequem gewesen. Roth schreibt in einem Nachruf: ‚Es war wahrscheinlich gut und in Ordnung, dachte ich später, als ich das verschneite Kreml-Tor verließ, es ist vielleicht gut und in Ordnung, dass sie tot ist, die junge Larissa Reisner. Sie wäre wahrscheinlich heute in der stärksten <Opposition>…, vielleicht in Sibirien – es ist nicht viel Platz in der Welt für eine Frau von den Barrikaden, wenn die Barrikaden abgebaut werden.

Sie brannte wie eine Fackel, an beiden Enden, so hat es einer ihrer Dichterfreunde beschrieben, ich weiß grad nicht welcher es war. Das volle Paket, so könnte man ihr Leben beschreiben. Doch leider ist sie irgendwann in einen ideologischen Graben gefallen, noch bevor eine Legendenbildung eingesetzen konnte. Einige wenige Biografien gibt es, einige Blogeinträge im Netz. Die sowjetische Enzyklopädie von 1979 schrumpft ihr Leben auf magere 12 Zeilen zusammen. Es gibt Briefe, es gibt einige wenige Fotos. Darauf: eine schöne Stummfilmheldin, eine emanzipierte Frau, noch bevor die Emanzipation in Europa gegriffen hat. Wo bleibt bloß ihr unvergesslicher Film?

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Kämpfer der Wolgaflotte und Kommissar – weibliche Endungen sind unrevolutionär.

 

 

Im Nebel tappen – Ein Buch über Kriegsenkel

Meine Urlaubslektüre war diesmal: Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte, herausgegeben von Michael Schneider und Joachim Süss.

Die Sammlung enthält Texte von dreiundzwanzig Autoren und Autorinnen, darunter Alexandra Senfft, Anne-Ev Ustorf, Merle Hilbk, Bettina Alberti und vielen mehr. Entstanden ist dieses Buch nach einer Vortragsreihe, die in den Jahren 2013/2014 in Hamburg lief. Ich meine, ich hätte damals sogar die Plakate gesehen, konnte aber nicht hin. Wie das so ist.

Die zweiundzwanzig Beiträge sind zweiundzwanzig Spiegel. So andersartig sie sind, so behandeln sie doch alle möglichen Formen von Weitergabe an die nachfolgenden Generationen. Es ist die Rede von unterschwelligen Belastungen, die diese daran gehindert haben, ihren Weg zu gehen, durchzustarten. Von einem Zustand, der nicht greifbar ist, wie ein Nebel, von dem eine leise Bedrohung ausgeht.

Foto: Moritz Pendzich
Foto: Moritz Pendzich

Die Beiträge sind unterschiedlich gewichtet und von unterschiedlicher Qualität. Sie nähern sich aus rein persönlichen Blickwinkeln oder aus der distanzierten, wissenschaftlichen Betrachtung dem Thema an. In einigen taucht Kritik über den Sammelbegriff „Kriegsenkel“ auf, der häufig als handliche Vokabel eingesetzt wird, jedoch zu allgemein ist, um individuelle Befindlichkeiten zu verorten. So bewertet Ulrike Pohl, die sich in ihrem Text viel mit Abwehrmechanismen beschäftigt, den Generationenbegriff als zu allgemein:

Es ist ein immenser Unterschied, ob jemand Kleinkind, Mitglied der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädel war, Kind von überzeugten Nazis oder als jüdisches Kind verfolgt wurde. War Anne Frank ein Kriegskind? Kinder auf dem Land waren oft weit weniger Gefahren ausgesetzt und besser mit Nahrung versorgt als Kinder in bombardierten Städten.“ Seite 178
Sie führt aus, dass in diesem Zusammenhang selten über die Faszination für die Hitlersche Ideologie gesprochen wird. Von Nächten im Bombenkeller, von Flucht, von Hunger, das ja. Es würde oft die eigene Opferrolle betont, weniger das eigene Mitläufertum oder das der Eltern. Hier würden starke Abwehrmechanismen weitergegeben werden, die noch bei den Enkeln greifen.

Gabriele Lorenz-Rogler gibt Teile ihres Interviews mit Eugen Drewermann wieder. Auch er ist Pauschalisierungen gegenüber skeptisch, räumt allerdings ein, dass es in einzelnen Fällen durchaus eine Weitergabe von Traumata gegeben haben mag. Seiner Meinung nach kann es jedoch nicht angehen, dass dieser eine Aspekt der Übertragung allein für die Lage einer ganzen Generation verantwortlich ist. Die jeweilige Familienkonstellation, die Entwicklung nach ’68 und der Druck der multioptionalen Welt, in der alle alles erreichen können dürfen müssen, seien ebenfalls stark für die psychische Gemengelage verantwortlich. Der Begriff Kriegskinder (oder Kriegsenkel) sei seiner Meinung nach zu grob gefasst. Man muss auch hier differenzieren: waren die Eltern so alt, dass sie als Flakhelfer eingesetzt worden sind oder waren sie zu klein, um die Ideologie zu aufzunehmen oder waren sie Vertriebene? Das alles führt zu anderen Weichenstellungen für die Psyche. Allerdings hat Drewermann, der 1940 in Bergkamen geboren wurde, als Kind selbst Flächenbombardements in seiner Siedlung erlebt und überlebt. Er würde somit in die Kategorie der Kriegskinder fallen. In einem anderen Interview beschreibt er seine Erlebnisse mit einer für diese Gruppe typischen, emotionslosen und gleichbleibenden Stimme: „Das letzte Haus, das stehen blieb, war das meiner Eltern, das Haus Nummer 5. Das ich noch lebe, ist reiner Zufall.“ und „In der Nähe des Todes habe ich das Leben erlernt.“
Eventuell ist sein Unverständnis denjenigen gegenüber, die sich vor Schwierigkeiten sehen, weil sie an den Altlasten der Kriegskinder zu tragen haben typisch für seine Generation. Obwohl er sagt ja lediglich, dass nicht alle gleich betroffen sein müssen.

Wenn ich die anderen Kapitel des Buches lese, offenbart sich mir ein deutliches Bild. Auch wenn Monokausalität eine Falle ist, lässt es sich nicht leugnen, dass der Krieg noch Jahrzehnte später seine Spuren in den Seelen hinterlassen hat. Irgendwo in dem Buch stehen Zahlen: 8-10 Prozent der deutschen Rentner*innen leiden an psychischen Störungen, weitere 25% klagen über leichtere psychosomatische Störungen.

In der Schweiz, ohne diese Erlebnisse, sind es 0,7 Prozent in der gleichen Altersgruppe.

Mag sein, dass nicht alle traumatisiert waren. Mag sein, dass nicht alle etwas weitergegeben haben. Aber je stärker etwas verschwiegen und verdrängt wird, desto heftiger will es ans Licht.

Für die meisten Autor*innen dieses Buches steht außer Zweifel, dass die Erlebnisse der Vorfahren einen Schatten auf unsere Gegenwart werfen. Dieses Zögern, diese diffusen Ängste, über die spätere Generationen klagen, lassen sich aber nur schwer greifen. So beschreibt die Filmemacherin Daniela Schiffer, wie ihr die Interviewpartner wegbrechen, als sie eine Dokumentation über diese Generation machen will. Wie sich alles entzieht, wie Dinge nicht zustande kommen und wie sie von eigenen Blockaden befallen wird, die sie bei anderen Themen nicht kennt. Letztendlich geht es in ihrem Beitrag darum, wie das Projekt bereits während der Vorbereitungen an nebulösen Hemmnissen und dem unverbindlichen Verhalten der Interviewpartner scheitert.

In diesem Nebel, in diesem diffusen und nicht greifbaren Erleben, treffen sich die Kriegsenkel letztendlich doch. Es gibt dieses Gemeinsame. So schreibt sie:

Ich erzähle einem Freund, dass ich manchmal Angst kriege, einfach so, als könne gleich was schief gehen. Ich nenne das dann Gewittertierchen-Stimmung. Er kann sofort etwas damit anfangen. Es gehe ihm genauso. S. 184

Mir kommt dieser Zustand auch bekannt vor. Das erkenne ich aber mit anderen Aspekten kann ich weniger anfangen. In vielen Beiträgen hiesiger Kriegsenkel wird Atmosphäre in den Familien oft als nicht lebendig und kalt beschrieben. Es gehe nur darum, zu funktionieren, ein Austausch auf der Gefühlsebene würde fehlen. Bei Russlanddeutschen ist es meistens umgekehrt, denn sie sind anders sozialisiert. Die schwarze Pädagogik hatte zwar ihre Parallelen im frühen sozialistischen System, wo alle Familienbande zerrissen werden sollten. Aber entweder hat es bei den Minderheiten nicht funktioniert oder die Deutschen haben so stark zusammengehalten und ihre alten Traditionen gepflegt, dass sie davon nicht berührt wurden. Diese Kälte gibt es nicht. An der Tagesordnung sind hier eher Grenzüberschreitungen, übereifriges Bemuttern und so starke Familienbande, die kaum eine Individualität oder ein Ausscheren aus dem Gewohnten zulassen.

Meine Familie ist nicht von nur von Bomben, sondern von Vertreibung und der Verachtung durch die Siegernation geprägt, die uns, den Paria, den angeblichen Faschisten im Siegerland entgegengebracht wurde.

Ein Teil meiner Vorfahren waren quasi Arbeitssklaven ohne Rechte. Diese Sklavenmentalität einerseits und das Gefühl, ständig auf der Flucht zu sein, andererseits haben mich in meinem Leben oft begleitet.

Euch geht es zu gut…Wir haben das so weggesteckt.
Das sind Sätze einer im Krieg Geborenen zu ihrer Tochter und sie bringen den Generationenkonflikt zwischen denen, die als Kinder Krieg und Trümmer erleben mussten und deren Nachkommen auf den Punkt.

Ja, es stimmt. Es ist uns nie so gut gegangen. Wir hatten nie so lange Friedenszeiten erlebt, noch nie so viele Möglichkeiten gehabt, etwas aus unserem Leben zu machen. Warum also das Gejammere? Das auf der Bremse stehen? Das im Dunkeln tappen?  Weil wir es uns leisten können.
Es gibt keinen Krieg in Deutschland. Gerade deswegen kommen die Chimären der Vergangenheit aus ihren Löchern gekrochen. Weil wir uns nicht ums reine Überleben kümmern müssen, um den Existenzkampf und darum, das Trauma möglichst weit weg von uns zu halten, um zu funktionieren. Wir können es uns leisten, hinzusehen. Können uns den subtilen Energien zuwenden, die unsere Psyche formen und verformen und in die physische Welt hineinwirken.

Was bleibt, sind schwierige Lebensentwürfe. Wobei die Betonung nicht auf schwierig liegt, sondern auf Entwurf. Alles ist provisorisch und unfertig. Im besten Fall ist das Leben im Fluss, im schlimmsten eine hektische Flucht. Einmal auf der Flucht immer auf der Flucht, hat mal ein Psychotherapeut in diesem Zusammenhang gesagt.

Clint Eastwood hat die Thematik sehr plakativ zusammengefasst: Mangelnder Durchsetzungswille und fehlendes Vorwärtsstreben gleich pussy generation. Hoffentlich hat der Altmeister der Cowboys seinen eigenen Sohn so abgerichtet, dass er all diese männlichen Tugenden vorweisen kann.

Die Erlebnisgeneration, die den Schrecken auf der eigenen Haut erfahren hat, mag sich darüber aufregen, dass die jungen nichts wegstecken können, dass sie wegen jedem Kinkerlitzchen jammern und klagen. Sie selbst durften ja nicht. Bloß kein Hinterfragen, keine Zweifel oder Gefühle zulassen.

Die Deutschen aus Russland haben genug Traumata erlebt, es gibt kaum eine Familie ohne Deportationserfahrungen und ohne einen Verwandten, der im Lager oder in der Arbeitsarmee gewesen ist. Auch hier war das Erlebte lange Zeit mit Schweigeverboten belegt. Allerdings kam dieses Verbot von außen nicht von innen. Sie durften ihrer Opfer nicht öffentlich gedenken, es wurde nicht über das Alte gesprochen. Alles Deutsche war eh verboten. Also haben sie geschwiegen, zum einen weil das Erlebte unsagbar war, aber auch weil es ein Tabu gab, sich mit psychologischen Untiefen zu befassen. Nach dem Motto: bei uns gibt es sowas nicht.

Es ist eine andere Art von Nebel. Aber ebenso schwer zu fassen und undurchsichtig.

Merle Hilbk, die mit einem Text hier vertreten ist und auch das Buch „Sibirskij Punk“ geschrieben hat, ist eine Nachfahrin von Wolgadeutschen, so kommt auch diese Gruppe in der Sammlung „Nebelkinder“ vor. Aber auch mit den Schicksalen von Flüchtlingskindern aus dem Sudetenland oder aus Schlesien können wir unsere eigenen Erfahrungen vergleichen und sagen, so ähnlich geht es uns auch. Wir erkennen uns in Themen wie Heimatverlust und schwierigen Eingliederungsprozessen. Wir können uns zwischen den Zeilen ansiedeln. Das ist allemal gemütlicher als immer nur unter den Teppich gekehrt werden.

Ich möchte hier nicht alle Beiträge kommentieren, sie sind bereichernd und erhellend auf ihre Weise, gerade in ihrer Widersprüchlichkeit. Ein Punkt noch: spannend war der Ausflug auf die andere Seite der Neiße. Roswitha Schieb zum Beispiel berichtet über die zweite Generation der Vertriebenen in Polen und über den Diskurs zum Thema Kriegsenkel und transgenerationale Übergabe in der polnischen Öffentlichkeit. Sie schildert die Perspektive derjenigen Repatrianten, die aus einer kulturell regen Stadt wie Lemberg in ein verschlafenes Nest in der schlesischen Provinz wie Gleiwitz zwangsumgesiedelt wurden. Sie geht auf ihre Wahrnehmung von Heimat ein und ihre musikalische oder literarische Annäherung an die Vergangenheit von Orten wie Breslau, die ja eine deutsche Geschichte haben.

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Michael Schneider, Joachim Süss (Hrsg.:)
Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte
Europa Verlag München, 1. Auflage 2015,
gebunden, 384 Seiten, ISBN: 978-3-944305-91-2, EUR 19,99

Quellenforschung

Bereits Ende letzten Jahres hat die Bundeszentrale für politische Bildung ein Buch des Historikers Dr. Viktor Krieger herausgebracht. Es heißt: Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler. In drei Teile gegliedert, beschäftigt es sich mit der Auswanderung der ersten Siedler ins russische Reich vor 250 Jahren, mit dem Leben ihrer Nachkommen im Sowjetstaat und schließlich mit ihrem Verbleib nach der Auflösung dieses Staates.

Ich habe es zunächst durchgeblättert und gedacht, aha, Vertreibung, aha, Fotos in schwarz-weiß, alte Schriftstücke aus Archiven, kenn‘ ich schon.

Doch dann habe ich mich hingesetzt und angefangen, wirklich zu lesen.

Ich kann diesem Buch zwar nicht entnehmen, worüber sich die Leute damals beim Frühstück unterhalten haben, wie sie ihr Brot schnitten, auf russische oder aus deutsche Art, aber ich lerne, dass es seinerzeit unter den Siedlern-Eigentümern an der Wolga und an anderen Orten Arm-Bauern gab, die kein Land besaßen. Ich bekomme eine Übersicht über die vielen verschiedenen Berufe, die sie in Deutschland ausgeübt hatten. Bevor sie sich in Russland ausschließlich mit der Landwirtschaft beschäftigen mussten. Die Geschichte von vielen hundert Siedlungen breitet sich vor meinem Auge aus. Und sie ist sachlich erzählt, nicht zu trocken, sondern stringent, so dass an ihr gut folgen kann.

Durch die emotionslose Sprache eines Geschichtsbuches hört das Spekulative, die dunkle Erinnerung auf und die Fakten treten hervor und zeigen etwas Unumstößliches, etwas Objektives. So wars. So kanns gewesen sein. Ihr Alten habt es uns erzählt und hier ist es widergespiegelt.

Die Wege der Siedler damals
Die Wege der Siedler damals

Das Buch ist kein unverdaulicher Brocken, es umfasst (das Glossar eingerechnet) lediglich 270 Seiten und ist klar und verständlich geschrieben. Ich kenne sonst nur den anklagenden Ton, der sich hineinsickert, wenn jemand über die Vertreibungen und die Diskriminierung berichtet. Hier treten die widrigen Umstände auch klar hervor, aber in sehr distanzierter Form. Als Statistiken, die den Grad der Beherrschung der Muttersprache zwischen 1959 und 1989 beschreiben, oder die Anzahl der Akademiker einiger Sowjetvölker, darunter der deutschen Minderheit im Jahr 1939 und rund fünfzig Jahre später. Sie tauchen auf als Abbildung einer Medaille, die 1991 angeblich als Wiedergutmachung den deutschen Opfern der Trudarmee verliehen werden sollte. Deren Vorderseite ziert doch tatsächliche das Konterfei Stalins mit einem Spruch, der nur zynisch aufgefasst werden kann: Unsere Sache ist gerecht – wir haben gesiegt!

Da ist kein Jammern, noch nicht mal auf hohem Niveau, sondern eine Darlegung der Fakten, die für sich genommen, eine deutliche Sprache sprechen. Und die vieles von der Mentalität und der Motivation der Russlanddeutschen verständlich machen. Dem Autor gelingt es, durch fundierte Recherche und mithilfe einer großen Ansammlung von Daten, einen Überblick über die Geschichte der Russlanddeutschen zu geben. Aber er reiht nicht nur Jahreszahlen und Aussiedlungsrouten aneinander, sondern schafft Zusammenhänge, bezieht die Ereignisse aufeinander und beschreibt die Strömungen und die politischen Einflüsse, die diese Ereignisse herbeiführten. Ein Lesebeispiel:

Im Gegensatz zu den Jahren 1921/22 leugnete die Kremlführung dieses Mal [1933] hartnäckig die Existenz der selbstverschuldeten Hungerkatastrophe. Auf Druck der internationalen Öffentlichkeit stimmte sie jedoch der Zustellung von Lebensmittelpaketen und Geldüberweisungen an die Bedürftigen zu. In Deutschland organisierte und leitete der Reichsausschuss „Brüder in Not“ verschiedene Sammlungen, Paketsendungen und andere Aktivitäten. (…) Sobald sich im Ausland die Kunde über die schwierige wrtschaftliche Lage zu verbreiten begann, suchte die Sowjetregierung allerdings sofort die Auslandsverbindungen zu beschränken und die Empfänger von Hilfslieferungen einzuschüchtern. In den Massenmedien wurden diese Geschenkpakete als „Hitlerhilfe“ diffamiert und die Adressaten als „faschistische Agenten“ verleumdet. S. 107

Heimkehrer im Lager Hammerstein 1929, Seite 106
Frühe Ausreisewelle: Heimkehrer im Lager Hammerstein 1929, aus Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler, Seite 106

Ich erkenne Stücke aus diesem Mosaik, aber ich kenne bei weitem nicht alles. Das Durchackern dieses historischen Umrisses verbindet Wissensinseln miteinander und füllt die Lücken.

Welchen Anteil die Deutschen in Russland an der Demaskierung des Systems hatten, war mir beispielsweise nicht bewusst. Dadurch, dass sie wegen ihrer Ethnie und ihrer Religion stark verfolgt wurden, haben sie sich schon früh von der staatlichen Einheitsdoktrin abgewendet.

Neben dem religiös motivierten Wiederstand setzte die Ausreisebewegung der Deutschen aus der Sowjetunion ein deutliches Zeichen des Protests und Freiheitswillens. Sie stellt einen wichitgen Beitrag dar, die ideologischen Säulen der sozialistischen Gesellschaftsordnung wie Internationalismus, Völkerfreundschaft, Gleichberechtigung oder Religionsfreiheit in den augen nicht nur der sowjetischen Bevölkerung, sondern auch der ausländischen Öffentlichkeit als leere Worthülsen zu entlarven. S.158

Nicht dass ich es an einem Stück lesen könnte, wie einen Krimi,  dazu enthält es zu viele Informationen, aber ich werde es wohl öfter zur Hand nehmen, um zu forschen, um mich inspirieren zu lassen. Und vor allem um nachzuspüren, wie es damals war und woher ich eigentlich komme.

Die Auflistungen der geschichtlichen oder kulturhistorischen Ereignisse verankern mich. Sie betreffen meine Vorfahren und deren Landsleute. Es sind keine bahnbrechenden, weltbewegenden Dinge, aber sie sind gut zu wissen, denn sie geschahen mit meinen Leuten. Oder solchen wie ihnen. So liegt das Woher und Wann und Wie nicht mehr im Dunkeln, in den mündlichen Überlieferungen und den fast verlorenen Bildern.

Sieh an, alles ist geordnet, dann und dann haben sie Priesterseminare gegründet, da Jubiläen gefeiert.

Mir wird jäh bewusst, dass ich vor 12 Jahren ein Jubiläum verpasst habe, denn ungefähr da muss ein Altvater nach Russland aufgebrochen sein. Halb so schlimm. In wenigen Generationen kommt schon die 300-Jahresfeier und die wird doch hoffentlich festlicher begangen und mit mehr Echo in den Medien und in den Köpfen meiner eigenen Sippe.

Aufgepasst: diejenigen, deren Vorfahren vor 200 Jahren im Transkausus siedelten, haben bereits 2019 die Chance auf ein großes Fest.

Mehr noch als Quelle für Ereignisse und Geschichten, ist dieses Buch für mich eine Art Rückversicherung. Als Garantie dafür, dass es die Gräueltaten und das einfache alltägliche Leben, die vielen einzelnen Schicksale und das kollektive Erleben wirklich gegeben hat. So dass es objektiv festgehalten werden kann. Nicht in mündlicher Überlieferung, nicht lediglich in Geschichten und Filmen, sondern ganz offiziell in einem historischen Werk. Schwarz auf Weiß mit Tabellen und Zeittafeln, so dass alles seine Ordnung hat.

Das ist mir sehr wichtig gewesen, als ich das Buch in den Händen gehalten habe. Denn nur zu leicht wird die Geschichte der russischsprechenden Diaspora, wie Russlanddeutsche kürzlich (fälschlicherweise) betitelt wurden, ganz elegant übergangen. Als wäre das, was sie erlebt haben, nur eingebildet und nicht der Rede wert.

Was auch vorkommt: in der Medienlandschaft tauchen unsägliche Verallgemeinerungen oder schlecht recherchierte Thesen auf, wie neulich der lapidare Satz in einem FAZ Artikel, der mir noch immer die Haare zu Berge stehen lässt: von wegen, die Russlanddeutschen wurden von Josef Stalin umgesiedelt und haben dabei (huch, wie konnte das passieren? Eben war sie noch da!) ihre Muttersprache verloren.  Dieser Journalistin und anderen auch lege ich ans Herz, ein Buch wie das von Viktor Krieger zu Recherchezwecken zu verwenden, bevor sie sich an das Thema setzen. Es ist erschreckend, wie schlecht informiert die Presse ist und vor allem wie unsensibel sie über die Geschicke dieser kleinen Volksgruppe schreibt. (Als Vertreterin der Zweit- oder Drittgeneration von Kriegstraumatisierten und Vertriebenen bin ich auf diesem Ohr sehr hellhörig. Also mehr emotionale Intelligenz und Empathie, bittschön!)

Das einzige Manko des Buches ist in meinen Augen, dass der Fokus sehr auf den Wolgadeutschen liegt, auf ihrer autonomen Republik. Die Zeittafel beginnt zum Beispiel erst 1763 mit dem Manifest Katharinas II, dabei gab es schon Jahrhunderte vorher Deutsche in Russland. Bereits seit der Hansezeit. Aber vielleicht fällt mir das auf, weil meine Vorfahren aus der Ukraine stammen. Sie werden auch erwähnt, aber ich hätte sie vielleicht gerne stärker behandelt gesehen. Und auch die Deutschen, die sich im Kaukasus angesiedelt hatten, werden nur am Rande erwähnt.

Auf dem Umschlag steht ein Geiger am Ufer eines Flusses (der Wolga?) und spielt. Fünf Kinder fläzen sich im Gras und lauschen ihm andächtig. Die Mädchen haben diese weißen pludrigen Schleifen in den Haaren, die ich noch aus meiner Kindheit kenne. Wir hören sein Lied nicht. Doch die Melodie soll nicht ungehört verklingen. Sie hat ihren eigenen Klang und ihre eigene Berechtigung und wir sollten sie kennen. Damit wir uns im Klaren darüber bleiben, woher wir kommen.

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Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler: eine Geschichte der Russlanddeutschen
Dr. Viktor Krieger, bpb, Bundeszentrale für politische Bildung.
Bonn, 2015. – 272 S.
ISBN 978-3-8389-0631-7

Übrigens: Der Deutsche Bundestag führt dieses Buch in der Liste der neuerworbenen Werke des Jahres 2016, unter Innenpolitik/Landeskunde, neben dem aktuellen Roman von Martin Walser und hunderten anderer Publikationen. Hoffentlich schauen die Abgeordneten auch mal hinein. Könnte nicht schaden. Aber für den unglaublich Preis von 4,50 plus Versandkosten kann ein jeder und eine jede dieses Geschichtsbuch auch selbst erwerben und muss dafür nicht in die Bib des Bundestages nach Berlin reisen.

Oder doch. Im Januar 2018 istdieses Buch nicht verfügbar. Auch nicht in Onlineshops. Wohl zu große Nachfrage. Ich hoffe, es wird nachgedruckt….

Es war ein weiter Weg bis an die Wolga

Eindruckvolle Räume mit Moderator Ferch
Eindruckvolle Räume mit Moderator Ferch

Was fällt einem Deutschen sofort ein, außer Wodka meine ich, wenn er an Russland denkt? Richtig, die Transibirische Eisenbahn. Dieser Zug scheint seit dem ersten Spatenstich 1891 ein ewig währendes Faszinosum für die Bürger Westdeutschlands zu sein (die im Osten der Republik denken sicher anders, aber sie wurden für diese Doku auch nicht gefragt). Es ist erstaunlich, dass bisher noch keiner von ihnen die Transsib für die Nominierung als das neunte Weltwunder vorgeschlagen hat.

Was allerdings nicht erstaunlich ist: der Luxuszug Zarengold und seine Mitreisende, westdeutsche Rentner*innen mit Freudentränen in den Augen, die sich diese Reise mal eben zum Geburtstag gönnen, nehmen denn auch einen prominenten Teil der Berichterstattung ein über das Thema deutsche Spuren in Russland ein.

Nostalgie im Luxuswagon - das ist Russland!
Nostalgie im Luxuswagon – das ist Russland!

Auch ein Adelsfräulein, das auf den Spuren seiner Vorfahrin, Katharina der Großen wandelt, oder eher durch die Ruinen stolpert, kommt zu Wort und ein preußischer Offizier, der 1812 an dem napoleonischen Feldzug teilgenommen hat, anhand von Tagebuchaufzeichnungen.

Nennt mich nachtragend, nennt mich kleinlich,  aber wenn eine von Anhalt-Zerbst von heute sich hinstellt und sagt, also ich habe viel von meiner Urahnin, auch ich bin furchtlos, erkunde fremde Territorien, da dreht sich mir der Magen um. Ehrlich. Würde sie noch so sprechen, wenn ihre Vorfahren durch das Gulagsystem gejagt, verfemt und dann lange Zeit ihr Schicksal untern Teppich gekehrt worden wäre? Wohl kaum. Egal. Schwamm drüber.

sie wird Juschka genannt wie ihre berühmte Vorfahrin
sie wird Juschka genannt wie ihre berühmte Vorfahrin

Ich bin gerade tendenziös und ungerecht. Stimmt ja, später im Film kommen die Lebensläufe von zwei russlanddeutsche Familien mit den angemessenen Worten zur Sprache. Aber sorry, dieses vornehme Fräulein reden zu hören, ist für mich wie ein Schlag ins Gesicht.

Aber ich will ja nicht meckern, wir Minderheiten neigen dazu, uns schnell übergangen zu fühlen.

Deshalb, Tusch und Applaus: nach genau der Hälfte der Sendung erzählt Heino Ferch (das ist toll, dass sie ihn als Moderator gewonnen haben, wie kommen wir zu dieser Ehre?) von Tausenden Russlanddeutschen, die auf Geheiß der neu gekrönten Zarin ins riesige Land und an die Wolga strömen. Danke allein für diesen Satz:

Was den Russlanddeutschen widerfuhr, das gehört zu den größten menschlichen Katastrophen des 20sten Jahrhunderts.

Das musste mal gesagt werden im deutschen Öffentlich-Rechtlichen. Sonst hätte ich fast gedacht, es ginge allein um die Weiten Sibiriens.

Allerdings entsteht wieder mal der Eindruck, dass es Deutsche nur an der Wolga gab. Nichts davon, dass seit der mittelalterlichen Hanse ein reger Austausch bestand und noch vor den Siedlern an der Wolga zig Tausende Familien deutscher Herkunft in Moskau und später in St. Petersburg lebten und das kulturelle Leben dort entscheidend prägten. Nichts über die Siedlungsgebieten am Kaukasus nichts über Bessarabien oder das Schwarzen Meer.

Super, Alexander von Humboldt, der Durchreisende, wird kurz erwähnt und ein Ingenieur ohne Namen, der am Bau der Transsib beteiligt war, aber wie stark ansonsten der kulturelle Austausch gewesen ist, bleibt möglicherweise aufgrund der Kürze der Sendung (die Transsib ist eben sehr lang) leider auf der Strecke. Der Theaterschaffende Meyerhold, Sofija Tolstaja oder die Ehefrau Tschechows, die Schauspielerin Olga Knipper, um nur einige wenige zu nennen, bleiben außen vor. Ebenso die Tatsache, dass die Kochbuchbibel Russlands und der Sowjetunion von einer Deutschen namens Helene Malochowetz geschrieben wurde. Und viele andere Verbindungen aus Kultur und ähem… Kultur. Denn in der Politik waren Deutsche nicht so zahlreich vertreten. Warum denn bloß? Darüber werden wir auch im Dunkeln gelassen. Naja.

Dass viele intellektuelle Russen nicht nur in Paris gelebt und studiert haben, sondern eben auch in Weimar oder Leipzig und aufklärerische Ideen mitgebracht haben in ein Zarenregime, das auch von Katharina der Großen gestützt wurde. Von wegen aufklärerische Monarchin. Sie hat Schriftsteller, die gegen die Praxis der Leibeigenschaft angeschrieben haben, ebenso nach Sibirien verschickt wie ihre Vorgänger und Nachfahren auf dem Thron.
Davon, dass einer der tonangebenden Dekabristen, Paul (Pawel) Pestel ebenfalls
Deutscher war, was ebenfalls eine wesentliche deutsche Spur in Russland sein könnte, kein Wort. Und vom regen Austausch zwischen den jeweiligen klassenkämpferischen Parteien auch nicht. Ach, das ist wohl grad nicht zeitgemäß…

Es ist ja auch mehr so die Landschaft, welche die Deutschen am riesigen Reich interessiert.

Habe ich Gutes zu berichten über die Sendung? Natürlich. Allein, dass sie von Heino Ferch moderiert wird. Und ein Lob dafür, dass das überhaupt Thema ist.

Nur mit dem wie, habe ich eben so manche Probleme. Ich könnte wetten, dass bei der Mache der Sendung kein einziger Russlanddeutscher beteiligt war.

Enkel und Opa Maier an auf der Wolga
Enkel und Opa Maier an auf der Wolga

Und diese salbungsvolle und bombastische Musik. Wer hat sie bloß ausgesucht? Einiges von Alfred Schnittke wäre sicher angebrachter gewesen. Aber das ist nun Meckern auf höchstem Niveau.

Und da ist ein Satz, der gleich zu Anfang fällt: Deutsche und Russen  – über Jahrhunderte eine mörderische Angelegenheit.

Er ist schlichtweg falsch.

Über Jahrhunderte pflegten sie eine friedliche Koexistenz. Erst seit dem ersten Weltkrieg geht es mörderisch zu. Zugegeben, das wird ja später auch so gesagt… Aber dennoch, der falsche Eindruck bleibt.

Für eine ZDFzeit Doku ist die Sendung also eher etwas schmalbrüstig, aber es ist ja auch ein Stück Infotainment zur Primetime und die Affären Katharinas, ich wusste nicht, dass sie wissenschaftlich belegt sind, interessieren die Zuschauer wohl eben mehr und wie gesagt die Transsib, diese Sehnsuchtsstecke von Moskau nach Wladiwostok. Sollen sie doch lieber einen Film darüber drehen. Ach ja, haben sie schon, es gibt mehr als 1200 Dokumentationen zu diesem Thema auf You-Tube. Aber gut, immerhin ganze 10 Minuten für die Belange von Wolgadeutschen, die 1941 vertrieben wurden und die einer alten Dame, die noch immer in der Gulagstadt lebt, in der ihr Vater einst Sklave war. Besser als das jahrzehntelange Schweigen davor.

In der Ankündigung der Doku „Deutsche Spuren in Russland“ auf der Site von Phönix TV steht:

Für viele Deutsche hatte die große Katharina 1673 ein verlockendes Angebot parat: „Kommt nach Russland und beackert die riesigen brach liegenden Gebiete meines Reichs – und schützt mich vor dem Angriff fremder Mächte.“ Mit einem so genannten „Manifest“ rief sie die deutschen Bauern auf, ihr nach Russland zu folgen.

Gut, in der Jahreszahl ist ein Zahlendreher, aber das ist ja nicht so schlimm. Was mich wurmt, dass der Eindruck entsteht, sie würden aus Spaß und Dollerei und weil ihnen soviel Land versprochen wurde, losziehen. Welchen Verhältnissen sie hier entfliehen wollten, davon ebenfalls kein einziges Wort. Kriegerische Scharmützel, Truppen, die Dörfer verwüsteten und die Erbgesetze, die nur einen Sohn mit Land versorgten, zwangen viele junge Familien zur Ausreise, so war das. Weitere Gründe: religiöse Gemeinschaften wie die Mennoniten konnten ihren Glauben in den deutschen Landen nicht leben, deshalb wanderten sie aus. Und –  weil sie nicht willens waren, der Armme beizutreten und Menschen zu töten. Katharina versprach ihnen die Befreiung vom Wehrdienst.Nach einiger Zeit wurde dies aufgehoben und tausende Mennoniten flohen, nach Kanada oder Südamerika.

So machen die Siedler aber den Eindruck von Wirschaftsflüchtlingen. Doch das ist eh ein Prädikat, das vielen angepappt wird.

Aber das sind wohl unwichtige Details.

Was wir dagegen lernen ist, dass der Russe an sich verschlossen und rustikal ist und wenn man ihn näher kennt, sehr herzlich.

Fazit: es ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Wie gesagt, kommen Russlanddeutsche und ihre Geschichte, anders als in den Jahren davor, überhaupt zur Sprache. Und schließlich haben sie ja auch kein Alleinrecht auf deutsche Spuren in Russland, das muss ich auch zugeben. Aber der Fokus ist dennoch ein etwas verrutschter. Eben so wie Hiesige (Bio-Deutsche aus Westlanden) die Sache wahrnehmen. Und darüber mockiere ich mich.

Deshalb:

bitte das nächste Mal etwas besser und tiefer recherchieren, vielleicht mal einen russlanddeutschen Historiker zurate ziehen und vielleicht die Transsib weglassen?

Ginge das?

Aber die Wagons einer hitorischen Eisenbahn vor dem plietschen Moderator mitten in einer Palastbibliothek zum Stehen zu bringen: das hat schon was…

Deutsche Spuren in Russland, gesendet auf ZDF am 21.2.2016 und im April auf Phoenix TV

https://www.youtube.com/watch?v=7X4Yajqq6Xo