Spruch der Woche – Chillen 1925

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© Modern Records Centre Warwick UK

 

Eine sowjetische Gartenkolonie Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Der Eingangsspruch lautet:
Wer nicht fähig ist zu entspannen, ist auch nicht fähig zu arbeiten.

Das ist doch eine Weisheit, die noch genau so ihre Gültigkeit besitzt wie noch vor 90 Jahren.
Man beachte das schöne A mit dem neckischen Dreieck als Querstrich. Das nenne ich Avantgarde!
Die Buchstaben dahinter: OMS=öffentliche Gärten Moskaus?
Also Datschen für das Proletariat, denn die höheren Mitglieder der kommunistischen Organe hatten wohl ganz andere Sommerhäuschen zur Verfügung.

Wie dem auch sei.

Der Mann rechts unten im Bild raucht sich erst mal eine, dann zieht er sich mit seiner Prawda gepflegt in eins der Holzhäuser zurück.

Gefunden habe ich dieses Foto übrigens in einem britischen Online-Archiv. In den Zwanziger Jahren hat ein linker Aktivist in England Vorträge über die bolschewistische Bewegung gehalten und beachtliches Bildmaterial dafür zusammengestellt:

http://www2.warwick.ac.uk/services/library/mrc/explorefurther/digital/sara/russia1925/

Deckname Ramsay

Er war der Spion, der den zweiten Weltkrieg hätte verhindern können. In der Russischen Föderation ehrt man ihn mit Denkmälern und benennt Straßen nach ihm. Hier ist er fast völlig in der Verdeckung verschwunden: Dr. Richard Sorge, Stalins Spion in Tokio.

R_SorgeEs gibt eine Richard-Sorge-Straße in Berlin, ganz in der Nähe der Karl-Marx-Allee. Ein kleines Programmkino befindet sich dort. Aber es ist fraglich, ob da jemals ein Film über diesen Spion und ausgezeichneten Journalisten, diesen Querkopf und Frauenhelden gelaufen ist. Die Sache mit Sorge ist in unserem Land eher unbekannt.

Ab 1961 bleiben die Tilsiter Lichtspiele, so heißt das kleine Programmkino sogar für mehrere Jahrzehnte geschlossen. Genau in diesem Jahr erschien der Streifen: Qui etes vous, Monsieur Sorge? des französischen Regisseurs Yves Ciampi mit Mario Adorf in der Rolle des Max Clausen, eines der Mitarbeiter des Tokioter Spionagerings. Damals wurde die Straße noch als Tilsiter Straße geführt.

Dieser Film Noir war es aber, der den damaligen Vorsitzenden Nikita Chrustschew 1964 auf diese schillernde und historisch so bedeutende Persönlichkeit aufmerksam gemacht hat, er rief nach der geschlossenen Ausstrahlung vor einem illustren Kreis der KP sogar aus: Aber, Leute, das war doch ein Held!

Seit dem wird Sorge in der Sowjetunion mit anderen Augen gesehen. In den letzten Jahrzehnten wurden nicht nur Straßen nach ihm benannt, sogar diverse Denkmäler für diesen spät erkannten Helden der Sowjetunion werden einer nach dem anderen eingeweiht.

Dabei reicht die Persönlichkeit und das Leben Sorges für mindestens 5 Blockbuster:

Er war der erste Europäer, der in Japan hingerichtet wurde.
Er war Sohn einer Russin und eines Deutschen, geboren in Baku, aufgewachsen in Berlin.
Er war Kommunist, als Soldat im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite verwundet. Im Lazarett mit den Lehren Marx‘ und Engels‘ in Berührung gekommen. Dort wurde er radikalisiert, wie man heute so schön sagt.
Er ging nach Moskau, wurde Mitglied des Komintern und glühender Atheist.
Er baute in Tokio einen Spionagering auf.
Er war bester deutscher Journalist des Jahres 1941.
Er war Vertrauter des Botschafters in Tokio.
Er war ein starker Raucher und Trinker, fuhr wie ein Berserker Motorrad und Automobil. Ein Arbeitstier.
Er war ein Draufgänger und Casanova und hat sich nie den Mund verbieten lassen.
Er war Doppelagent. Für Russland und für Deutschland, aber für die Deutschen nur zum Schein, um an strategische Informationen zu kommen.
Er war derjenige, der den Genossen Stalin 1940 davor gewarnt hat, dass Hitler die Sowjetunion angreifen wird.

Leider hat Stalin eher an den Nichtangriffspakt geglaubt als seinem Abgesandten in Tokio. Das war ein folgereicher Fehler und deshalb musste Sorge, als unliebsamer Zeuge des Stalinschen Unvermögens, 1944 sterben.

Sorges Presseausweis
Sorges Presseausweis gültig bis 1946, da war sein Inhaber schon tot.

Die Japaner wollten ihn gegen einen japanischen Agenten austauschen, aber Stalin hat geantwortet: Sorge? Kennen wir nicht. Es gibt keinen Genossen dieses Namens in der Sowjetunion.

Und damit war sein Ende besiegelt.

Schon Ende der Dreißiger war Stalin dieser Geheimdienstmitarbeiter in Tokio ein Dorn im Auge. Viele der anderen Agenten, die in Moskau geblieben sind, wurden im Zuge der großßen Terror-Säuberungen liquidiert. Auch Sorge hat die Weisung erhalten, in die Hauptstadt zurückzukehren. Aber er antwortete frech, er hätte zu viel zu tun, wäre unabkömmlich. Eine Antwort, die den Generalissimus in Rage versetzt haben mag.

Anfang der Vierziger befindet sich Japan in einer regelrechten Spionage-Paranoia. Filme und Berichte heizen das Misstrauen weiter an. In den Schaufenstern hängen Portraits von vermeintlichen Agenten mit europäischem Aussehen. Trotz dieser Stimmung war Richard Sorge recht rege und erfolgreich, er hat ein eigenes Kodierungssystem entwickelt. Als Schlüssel benutzte er das STATISTISCHE JAHRBUCH für das Dritte Reich von 1935. Damit konnte er die Chiffrierung bis in die Unendlichkeit variieren. Die sensiblen Informationen wurden auf Mikrofilm aufgenommen. Bis zu einem winzigen Punkt reduziert, konnten sie nun auf einfache Briefe geklebt werden. Als Interpunktionszeichen.

Doch Sorge hat nicht nur bloße Informationen weitergegeben, wie von ihm verlangt wurde, sondern sie ausgewertet und seine Analyse der Lage mitgeliefert, das hat Stalin auch nicht besonders gefallen.

Seine zweite wichtige Botschaft, dass die japanischen Truppen nicht vorhatten, Russland von Osten aus anzugreifen, wurde im Kreml ernst genommen und führte dazu, dass die rote Armee sich auf die Westfront konzentrieren konnte. Was den Verlauf des Krieges erheblich beeinflusst hat.

Dokumentationen über Sorge gibt es einige (viele in russischer und eine sehr kurze in deutscher Sprache) und auch weitere Filme, zum Beispiel die deutsch-japanische Produktion Ein Spion aus Leidenschaft von 2003/2003 des Regisseurs Masahiro Shinoda, die hierzulande genauso sang und klanglos in den Wogen der Geschichte verschwunden ist wie ihr Protagonist.

Was schade ist, ich würde diesen Film gern selbst und in längerer Version als der eines Trailers sehen. Die DVD ist leider vergriffen und lediglich für einen Preis von 66,- Euro online zu erwerben. Der Schotte Ian Glenn verkörpert hier den Meisterspion und Ulrich Mühe ist in der Rolle des Botschafters Ott zu sehen.

Die Meinung eines amerikanischen online-Kritikers zu diesem Film:

Dieser historische Film ist eher politisch als historisch motiviert. Weil es an ein deutsches Publikum adressiert ist, überschattet seine anti-kommunistische Botschaft Dr. Sorges Spionage-Erfolge, seine Warnung an Stalin, dass Nazi-Deutschland die Sowjetunion am 20. Juni 1940 attackieren würde, und dass Japan die Sowjetunion in der Mandschurei nicht angreifen würde, sondern seine Streitkräfte auf Pearl Harbor richten würde, scheint den Regisseur Masahiro Shinoda wenig zu interessieren. Es wäre spannend zu wissen, wie die deutschen Zuschauer auf die Botschaft dieses Films reagiert hätten, in dem ein Mann der Hitlers Niederlage im Osten beteiligt war, das nur getan hat weil er ein verwirrter Idealist gewesen ist.

Der Trailer, auf japanisch mit englischen Untertiteln, wirkt denn auch sehr militaristisch und Japan-zentristisch…:

https://www.youtube.com/watch?v=YLctuvKRK9Y

Das Buch des britischen Journalisten Robert Whymant ‚Richard Sorge: Der Mann mit den drei Gesichtern‘ von 1999 kann dagegen neu oder antiquarisch erworben werden und gehört sogar zu den Bild-Bestsellern. Was immer das heißen mag. Ich bin gespannt ob auch das politisch gefärbt ist und in welche Richtung…

Außerdem ist 2008 im Carlsen Verlag eine wundervolle Graphic Novel erschienen, entwickelt und gezeichnet von der in Hamburg lebenden Künstlerin Isabel Kreitz: Die Sache mit Sorge – Stalins Spion in Tokio

Da erzählt sie die Geschichte Richard Sorges aus der Sicht von mehreren Zeitgenossen, seinem Vertrauten Max Clausen, seiner Geliebten, der der Pianistin Eta Margarethe Harich-Schneider und einigen anderen Mitstreitern oder Gegenspielern des Spions. Komprimiert auf einige wenige Monate vor seiner Verhaftung. So entsteht ein facettenreiches Bild, und die Geschichte kristallisiert sich nach und nach heraus.

Vom Fischkorb im Hafen, die Oberleitungen und alten Straßen, die Gebäude und ihre Inneneinrichtung oder auch die Kleidung der Menschen, egal ob auf den Straßen der Kaiserstadt oder in den Botschaftsräumen – alles wirkt authentisch und scheint einen förmlich zurück ins Tokio der frühen 40iger Jahre zu führen.

Hier ein Trailer zur Graphic Novel Die Sache mit Sorge auf youtube

Cover Sache_Sorge

Der blogger comicneurotiker dazu (comicneurotiker.blogger.de):

‚…die Thomas-Mann-Verehrerin Kreitz (…) erforscht die Luxus-Enklave der deutschen Botschaft in Tokio und zeichnet sie als eine Art Nazi-„Zauberberg“. Dessen hell- bis dunkelbraune Herren befassen sich – fern von Berlin – lieber mit Klatsch und Konzerten als mit Krieg und Politik. Als Spötter und Spion irrlichtert Richard Sorge am Rande dieser Welt herum. Seiner Romanze mit der zur Botschafts-Menagerie gehörigen Musikerin Eta Harich-Schneider räumt Kreitz dabei ebenso viel Raum ein wie seiner Agententätigkeit.

Kreitz‘ Hirohito-Tokio und all seine Bewohner wirken auf den ersten Blick fast fotorealistisch, stecken aber voll fiebrig flirrender Schraffuren – so wie Historie großenteils aus trügerischen Erinnerungen besteht. Ebenso fügt sich aus den Schilderungen der Zeitzeugen bis zuletzt kein klares Bild des Reporters, Idealisten, Säufers und Schürzenjägers Richard Sorge zusammen: Jeder Beteiligte erzählt nur seine Geschichte.‘

Ein Detail erwähnt Isabel Kreitz in ihrem Buch knapp auf den letzten Seiten, wo Sorges Kurzbiografie und einige Zeilen über die anderen Beteiligten und deren weiteres Leben stehen, eine Sache, die in einem Hollywoodstreifen viel mehr ausgereizt werden würde:

Fünf Jahre nach seinem Tod erreicht Sorges letzte japanische Geliebte Hanako Ishii, dass seine Überreste aus einem Massengrab in eine eigene Grabstätte überführt werden können. Sie hat sein Skelett an den für einen Europäer typischen riesigen Schuhen und einigen anderen Details, wie der Uhr und den Goldkronen erkannt. Aus den letzteren lässt sie sich einen Ring als Erinnerungsstück machen. Hanako überlebt ihren deutsch-russischer Geliebten um 56 Jahre. Sie hat nie geheiratet oder Kinder bekommen und starb in Tokio im Jahre 2000.

Also wenn neben dem Spionagethriller nicht noch mindestens eine glühende Liebesgeschichte darin verborgen ist, dann weiß ich auch nicht. Leider hat Hollywood nie wirkliches Interesse an diesem Stoff gezeigt.

Die Gründe für die mangelnde Anteilnahme an diesem für den Verlauf des Krieges so wichtigen Agenten lassen sich einfach subsummieren: er war Kommunist. Er stand auf der anderen Seite. Und er war ein Hybrid, weder russisch noch deutsch. Beziehungsweise ein Deutscher mit russischen Wurzeln, der Sache der Bolschewisten verschrieben. Ein Held mit falschem Vorzeichen. Die Russen mögen über seine nationale Zugehörigkeit mittlerweile großzügig hinwegsehen. Aber die USA und Deutschland können nicht so locker mit seiner politischen Einstellung Umgehen. Also Schwamm drüber.

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Held der Sowjetunion – Marke von 1965

1951, in der Ära McCarthys, wurde die Angelegenheit Richard Sorge übrigens im Kongress der USA behandelt, er stand posthum unter dem Vorwurf, er habe die Japaner dahin beeinflusst, die Sowjetunion nicht anzugreifen, sondern statt dessen den Angriff auf Pearl Harbour zu führen.

Die Rezeption des Films von 1961 war in der BRD jedenfalls eher dürftig.

Ein Kommentar im Spiegel: Da die Autoren sich zwischen Fiktion und Dokumentation nicht entscheiden konnten, fehlt ihrem Produkt sowohl die Dramaturgie als auch die Authentizität. Oberste tragen Generalsbiesen, BDMMaiden das Goldene Parteiabzeichen, und das Milieu ist auch nicht glaubwürdiger. Das echteste sind die weiten Hosen von Sorges Funker (Mario Adorf).

Die geschichtliche Aufarbeitung war 16 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wohl noch nicht so weit gediegen. Oder der Film kommt wirklich so unentschlossen daher. Zugegeben, die Kostüme scheinen aus dem Jahre 1955 zu stammen, waren eher der Mode der echten Drehzeit angepasst als genau recherchiert. Aber das sind doch nur Randerscheinungen. Über den Inhalt, nada.

Aber sind wir nicht inzwischen entspannt genug, um geschichtliche Ereignisse über ideologische und nationale Grenzen hinweg zu betrachten? Wie wärs mit einer filmischen russisch-japanisch-deutschen Neuauflage dieses Falls? Ohne Hollywood.

Dann hätte die Sache Dr. Sorge doch noch die Chance in den Tilsiter Lichtspielen in der Richard-Sorge-Straße zu laufen. Und das wäre doch eine Reise nach Berlin wert!

Der Fall LISA oder Von welchem Planeten kommen die Russlanddeutschen?

Ein Gastbeitrag von Artur Böpple (Autor, Medienwissenschaftler und Vorsitzender des Literaturkreises der Deutschen aus Russland e.V. – siehe www.literaturkreis-autoren-aus-russland.de/ )

(c) Fotostudio Flentge, Herford
Artur Böpple – (c) Fotostudio Flentge, Herford

Der Fall LISA hat nicht nur die Gemüter der russlanddeutschen Community aufgewühlt, er rief sogar die Außenminister beider Länder, den Deutschlands und den Russlands, auf den Plan. Was geht in den Köpfen der Russlanddeutschen vor? Werden sie tatsächlich aus Moskau ferngesteuert?

Die russischen Medien üben einen gewissen Einfluss auf die Meinungsbildung eines Teils der russischsprachigen Bürger in Deutschland aus. Das ist unumstritten, genauso wie die türkischen Medien auf die türkischsprechenden Bürger der Bundesrepublik. Die Frage ist, wie stark dieser Einfluss ist. Man geht heutzutage von etwa 20 bis 30 Prozent der Russlanddeutschen aus, die regelmäßig das russischsprachige Fernsehen schauen (laut Historiker Viktor Krieger). Es bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie die ihnen dort gebotenen Inhalte stets unreflektiert konsumieren.

Wenn man die Deutschen aus Russland verstehen will, muss man wissen, was diese Volksgruppe mit Russland verbindet. Ihre Vorfahren wanderten einst aus Deutschland nach Russland aus, an die Wolga, in den Kaukasus, ans Schwarze Meer, in die Ukraine und später nach Sibirien. Sie siedelten über lange Zeit in kompakten Kolonien, blieben meist unter sich, außer wenn sie Handel mit benachbarten Siedlungen und Städten trieben. Ein kleinerer Teil, die Intellektuellen, lebte unter anderem in den Großstädten Russlands, partizipierte am kulturellen Leben und betätigte sich ebenso in Lehre, Kultur oder Wissenschaft. Das überwiegend isolierte Zusammenleben der Russlanddeutschen hatte einerseits Vorteile – die Siedler konnten ihr Deutschtum, die kulturellen Traditionen und die Sprache über Jahrhunderte hinweg tradieren, auf der anderen Seite blieben sie in die russische Gesellschaft de facto nicht integriert. Zumindest so, wie man es heute versteht. Sie lebten in relativ homogenen Siedlungen, und scheuten die Mühe, Russisch zu lernen beziehungsweise sich in die russische Gesellschaft einzufügen, wobei das von ihnen damals nicht erwartet wurde. Sie waren Fremde „auf ewig“. Weil sie lange nicht fähig waren, ausreichend in Russisch zu kommunizieren, schob man ihnen bei lokalen Konflikten gern den „schwarzen Peter“ zu.

Zu massenhaften Verfeindungen zwischen den deutschen Siedlern und der russischen Bevölkerung kam es im Ersten Weltkrieg. Deutschland ging militärisch gegen das Russische Reich vor. Russische Kriegspropaganda arbeitete auf Hochtouren, was die ersten kollektiven Vertreibungen der deutschen Siedler, vor allem aus dem europäischen Teil Russlands, zur Folge hatte. Man schickte sie Richtung Sibirien. Doch das „Kernland“, die zahlreichen Siedlungen an der Wolga, wurden von diesen Vertreibungen kaum berührt.

Nach der russischen Revolution 1917 und noch während des Bürgerkriegs durften die Wolgadeutschen 1918, mit dem Segen von Lenin höchstpersönlich, ihr autonomes Wolgagebiet ins Leben rufen (ab 1924 Autonome Republik, ASSR). Es gab zahlreiche deutsche Schulen, Kirchen und weitere kulturelle Einrichtungen – selbst studieren konnte man dort bald auf Deutsch. Eine kleine deutsche Insel mitten in Russland. Die Russlanddeutschen konnten sich nach dem Bürgerkrieg, einigen Volksaufständen und Hungerjahren erst mal glücklich schätzen, solange die Moskauer Kommissare und Ideologen sie in Ruhe ließen. Die Autonomie wurde von stalinistischen Säuberungen in den 30er Jahren freilich nicht verschont. Aberhunderte – meist Intellektuelle, Autoren und Lehrer – verschwanden auf immer in den feuchtkalten, dunklen sowjetischen Kerkern. Das war jedoch noch nicht genug.

1941 markierte der Zweite Weltkrieg das Ende der blühenden Landschaften am Wolga-Ufer. Stalin bezichtigte die deutschen Anwohner – und zwar allesamt per Erlass in der Prawda – des Komplotts mit Hitler-Deutschland. Nach wenigen Tagen hörte der deutsche Insel-Staat auf zu existieren, die über etwa 150 Jahre verwurzelten Menschen wurden nach Sibirien und Kasachstan verfrachtet und in aller Welt zerstreut. Rund 600 000 Einwohner hatte unmittelbar vor diesem Ereignis die deutsche autonome Republik an der Wolga gezählt. Aber nicht nur von der Wolga wurden die Deutschen vertrieben. Die Siedlungen im Kaukasus, in der Ukraine, um Moskau und Leningrad herum folgten. Bis an die 500 000 Russlanddeutsche verloren während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach in den sowjetischen Arbeitslagern aufgrund der Schwerstarbeit, Kälte und Hunger ihr Leben. Viele von ihnen wurden erschossen. In wenigen Monaten jährt sich das schicksalsträchtige Ereignis, die Vertreibung von der Wolga und der darauffolgende Genozid gegen die Russlanddeutschen zum 75. Mal.

Warum dieser kleine historische Exkurs?

Dankbarkeit gegenüber Russland zu zeigen, geschweige denn politische Loyalität, haben die Russlanddeutschen absolut keinen Grund. Die Mehrheit von ihnen kehrte nicht zuletzt aufgrund dieser historischen Ungerechtigkeit und daraus resultierenden Gefahr, ihrer Identität gänzlich verlustig zu gehen, dem sowjetischen bzw. russischen Staat in den 90er Jahren den Rücken. Russlands ursprünglicher Plan, die Deutschen mittels der Zerstreuung im ganzen Land ihrer nationalen Identität zu berauben, ging in der dritten Generation nach dem Krieg größtenteils in Erfüllung. Deutsch wurde in dieser Generation selten gepflegt (meist rudimentär zu Hause), Russisch wurde zunehmend zur Muttersprache. Moskau entschuldigte sich „bei ihren Leuten“ offiziell dafür bisher nicht. Entschädigungen gab es keine! Erst kürzlich, am 31. Januar 2016, revidierte Putin den Beschluss Jelzins aus dem Jahr 1992 über die Rehabilitierung der Russlanddeutschen. In diesem Beschluss war ursprünglich die Wiederherstellung deren Staatlichkeit innerhalb Russlands als ein wesetlicher Punkt im Prozess der vollständigen Rehabilitierung verankert. Putin machte mit seiner Revision die Hoffnungen auf Wiedergutmachung der Vertreibungen und der Verbannung der Russlanddeutschen in den 40er Jahren gänzlich zunichte.

Trotz der überwiegend russischen Sozialisierung kehrten die Deutschstämmigen dem totalitären Sowjetregime den Rücken nicht allein aus wirtschaftlichen Gründen, wie es oft fälschlicherweise angenommen wird. Der Traum von der wahren Heimat, von der Wiedererlangung der nationalen Identität und der Sprache, eines WIR-Gefühls – all dies waren relevante Faktoren, die in die Waagschale während des Entscheidungsprozesses für oder gegen die Ausreise nach Deutschland gelegt wurden.

Auch diejenigen, denen es wirtschaftlich relativ gut ging, gaben ihr geregeltes Leben, Häuser, feste Arbeit dort auf und emigrierten nach Deutschland, getrieben von der fixen Idee, von der Idealvorstellung über die Heimat. Sie brachten vor allem Loyalität und Dankbarkeit dem deutschen Staat gegenüber mit, das steht außer Frage, und selbstverständlich die grundsätzliche Bereitschaft, sich so schnell wie möglich zu integrieren. Allerdings ohne die leiseste Ahnung davon, wie viel Kraft und Mühe ihnen dieser Prozess abverlangen würde. Man sollte niemandem unterstellen, dass er oder sie es nicht versucht hat. Einige gaben es zu schnell auf, oft rein räumlich in Wohnghettos gedrängt (wohl jede größere deutsche Stadt hatte ein „Kleinmoskau“ als inoffiziellen Stadtteil in den 90ern), fanden sie sich unter den resignierten Gleichgesinnten wieder …

War dies die Heimat, die sie sich zu finden erhofft hatten? Damals, als sie in der Sowjetunion ihre Häuser veräußert und ihre Koffer gepackt hatten? Nein! Und mal ehrlich: Wie groß ist der Anteil der Einheimischen, der die Deutschen aus der Sowjetunion für genuin deutsch hält und der ihnen das bisschen Deutschsein gönnt? Deutschrussen – das ist jedenfalls keine adäquate Bezeichnung, die sie je zufriedenstellen wird. Sie ist nicht förderlich für ihre Integration, und wird mancherorts sogar als Beleidigung empfunden.

Schubladendenken geht leicht von der Hand. Pauschalisierungen sind menschlich. Doch gehört es nicht zur primären Aufgabe der meist weitsichtigen Reporter, das Volk aufzuklären, statt Pauschalisierungen zu zementieren? Seit einem guten Vierteljahrhundert kämpfen die offiziellen Organisationen der Deutschen aus Russland (wie z.B. die Landsmannschaft) gegen das unvorteilhafte Image ihrer Volksgruppe an. Sie bemühen sich um Aufklärung und kommunizieren immer wieder sachliche Inhalte nach außen. Eins davon: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse besagen, dass die Deutschen aus Russland sich im Vergleich zu anderen Migrantengruppen durchaus erfolgreich integrieren. Bloß ein relativ kleiner Teil läuft Gefahr, von russischen Medien manipuliert zu werden. Auf der anderen Seite gab es seit der Ukraine-Krise wiederholt Versuche, die Russlanddeutschen aufgrund von Einzelfällen undifferenziert unter Generalverdacht zu stellen, dass sie allesamt Putinisten, also Putin-Anhänger und nun sogar tendenziell der rechten Szene zugeneigt seien. Es entsteht der Eindruck, als hätte jemand ein Interesse daran, diese Ethnie zum x-Male pauschal im ungünstigen Licht erscheinen zu lassen. Schon wieder einmal sind die Russlanddeutschen zum Spielball der Politik und der Medien geworden. Schon wieder steckt man sie in eine Schublade. Dort waren sie stets Faschisten, hier sind sie Putin-Anhänger und Russen. Ein Volk in der Schwebe, auf der ewigen Suche nach der Heimat.

Als Betroffener weiß ich zu gut, wie unsere Leute „ticken“. Ich weiß bestens um ihre Befindlichkeiten. Es gibt auch unter uns Menschen mit grundverschiedenen Meinungen zu allen wichtigen Fragen der Politik, wie es sich auch bei dem Rest der deutschen Gesellschaft verhält. Es handelt sich hierbei um etwa 4 Millionen Menschen (wenn man der Einwanderungsstatistik ab 70er Jahre den Glauben schenkt). Kaum jemand im Ausland käme doch ernsthaft auf die Idee, aufgrund der höchst ambivalenten PEGIDA-Bewegung, ganz Deutschland pauschal als rechtspopulistisch abzustempeln. Was die Russlanddeutschen betrifft, wäre eine ebensolche Differenziertheit geboten, will man sie nicht ganz an Russland verlieren. Die jüngsten Demonstrationen sind nicht repräsentativ und wurden nicht von offiziell bekannten und formal registrierten Organisationen der Russlanddeutschen veranstaltet.

Politisch nicht so ganz korrekt – Witze jenseits des Polarkreises

Sibirisch ging es heute draußen zu, der Wind hat tüchtig geheult, ein paar Zentimeter Schnee sind schon gefallen und auf den Ästen lag eine dünne weiße Schicht. Näher kommen wir hier in Norddeutschland dieses Jahr wohl nicht an den Winter heran. Es ist eine gute Gelegenheit, um über die Tschukotka zu schreiben, die nordöstlichste Halbinsel gegenüber Alaska, auf der ursprünglich Inuit und Tchuktschen lebten. Bevor sie von Russland eingenommen wurden, noch zur Zarenzeit, waren die Tschuktschen Nomaden oder Seminomaden, sie lebten von der Rentierzucht oder vom Fischfang und von der Jagd auf Walross und Robbe. Ihre Behausungen hießen Jarangas und die Weißen wurden von ihnen Tangitan genannt.

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Einwohner von Anadyr um 1906

Heute sind die Tschuktschen in Russland (und auch hier unter Russlanddeutschen) vor allem als primitive Antihelden unzähliger Witze bekannt.

Und das ist sicher kein einfaches Los, zumal man in Russland mit anderen Ethnien, wie sage ich es politisch korrekt, in der Welt des Humors unbedarfter umgeht als hierzulande oder in anderen Ländern der westlichen Welt. Ukrainer oder Georgier kommen überhaupt nicht gut weg. Am schlimmsten aber hat es dieses kleine Nordvolk getroffen. Witze über Deutsche gibt’s übrigens so gut wie gar nicht, in allgemeinen Anekdoten kommen sie manchmal vor, nach dem Motto, ein Amerikaner, ein Deutscher und ein Russe…

Ein Russland-Journal schreibt online: Tschuktscha-Witze (russ.: чукча) sind in Russland sehr beliebt und vergleichbar mit Ostfriesen-Witzen.

Das ist schlicht und ergreifend nicht wahr, das heißt die Witze sind schon beliebt, aber der Vergleich hinkt. Was ich meine: das Machtgefälle ist ein ganz anderes. Man kann sich eher vorstellen, dass die Tschuktschen mit den indigenen Völkern Nordamerikas vergleichbar sind (und sie sind ja auch mit den Inuit auf der anderen Seite der Behringstraße verwandt).

Und da möchte ich erleben, wie ein weißer Amerikaner über einen Apachen oder Crow Witze reißt, öffentlich und in aller Gemütsruhe. Er hätte, noch bevor er die Pointe zu Ende erzählt hätte, ein halbes Dutzend Anwälte wegen Verleumdung und Verletzung der ethnischen Würde am Hals.

Oder dass ein Kanadier öffentlich über die Inuit herzieht oder ein Finne über die Sami. Aber vielleicht gibt es das ja. In einem Forum habe ich folgende Aussage gefunden:

Witze über Lappen finden sich nur verstreut, sie sind weniger verbreitet als etwa Witze über Tavastländer*. Der politischen Korrektheit wegen wird gelegentlich gefordert, die Ureinwohner der skandinavisch-finnischen Nordkalotte nicht mit Lappen anzusprechen, weil dies eine ursprünglich (!) abwertende Bezeichnung war. Stattdessen solle man die Urbevölkerung so nennen, wie sie es selbst tut, nämlich saami, zu deutsch Samen.

(*vielleicht sind die Tavastländer mit den Ostfriesen vergleichbar???)

Da geht man mit den Tschuktschen viel ungenierter um, hier zwei Beispiele:

I

Чукчу спрашивают на суде:
– Вот зачем ты убиваешь оленя?
– Как, мясо нужно!
– Вот зачем ты убиваешь медведя?
– Как, шкура нужна!
– Ну, зачем ты геологов убил!?
– Как, соль, спичка нужна!

Ein Tschuktsche wird bei Gericht befragt:
– Also weshalb hast du das Rentier getötet?
– Was denn, Fleisch brauch ich.
– Und weshalb hast du den Bären getötet?
– Was denn, Fell brauch ich.
– Na, und weshalb hast du die Geologen getötet?
– Na was denn, Salz, Streichhölzer brauche ich doch auch!

II

Чукча приехал домой из Москвы и говорит:
– Чукча в Москве был, чукча умным стал, все знает. Оказывается, Карл Маркс, Фридрих Энгельс не четыре человека, а два, а ‚Слава КПСС‘ – вообще не человек.

Ein Tschuktsche kehrt aus Moskau heim und erzählt:
– Tschuktscha war in Moskau, Tschuktscha klug geworden, weiß alles. Karl Marx und Friedrich Engels sind nicht vier Leute, sondern zwei, und Slava KPSS*, ist überhaupt kein Mensch!

*(Teekesselchen: Slava= Männername= Ehre, also Ehre der Kommunistischen Partei der Sowjetunion)

III

Пришел чукча к своему другу эскимосу.
Видит на полу лежит шкура белого медведя с разинутой пастью.
Спрашивает эскимоса:
– Ты сколько раз в него стрелял?
– Десять.
– А сколько раз попал?
– Ни одного.
– А от чего же он умер?
– От смеха…

Kam ein Tschuktsche zu seinem Freund, dem Eskimo**.
Sieht auf dem Boden die Haut eines Eisbären liegen und fragt:
– Wie oft hast du auf ihn geschossen?
– Zehn Mal.
– Und wie oft hast du getroffen?
– Kein einziges Mal.
– Und wie ist er gestorben?
– Vor Lachen!

**(allein das würden wir nicht sagen)

In einem von den Anekdoten-Büchern von Papa Schulz sind ganze 12 auf diese nordsibirische Ethnie gemünzte Witze zu finden. Aber das ist nur ein Auszug. Sicher gibt es mehr als 15.000 Witze über sie. Immer wenn ein treudoofer Unzivilisierter mit echt barbarischen Bräuchen gesucht wird, greift man gern nach einem Vertreter dieses Stammes.

Darf Humor das? Wer verteidigt sie?

Die heutigen Tschuktschen sind wohl ein gutmütiges Volk, außerdem leben sie weit weit weg und pflegen die Witze von Papa Schulz nicht zu lesen. Vielleicht hat man sie auch gewählt, weil sie sich nicht wehren und auch keine Lobby haben und nicht sehr zahlreich sind.

Ihre Population zählt heute nur noch knappe 15.000. Sie haben sich zwar im Achtzehnten Jahrhundert mutig gegen die Invasion aus Russland gewehrt. Aber irgendwann war die Übermacht zu groß.

Und jetzt fristen sie ein Dasein als Witzfiguren.

Nein. Nicht ganz.
Ich habe einen Autor ausfindig gemacht, Juri Rytchёy (1930-2008). Seine Bücher kann man wohl zur Gattung der Minderheitenliteratur zählen. Er verleiht den Tschuktschen eine Stimme, in einem Roman, den ich habe, kommen die Russen eher nicht so gut weg…Da sind sie die Barbaren und diejenigen, die nichts verstehen.

Wikipedia über diesen Autor:

Bis zur Perestroika zeichnete sich Rytchёy wie die meisten Vertreter der staatlich geförderten „Nationalliteraturen“ vor allem durch weitgehende Regimetreue und ideologische Zuverlässigkeit aus. Diese Frühwerke sind fast ausschließlich in russischer Sprache erschienen und nie übersetzt worden. Das Sujet seiner Werke aus den 70er-Jahren, die stark vom sozialistischen Realismus geprägt sind, stellt zumeist die „lange Reise“ der indigenen Völker des Nordens aus der „Rückständigkeit“ in die sowjetische Zivilisation dar. Sie gehören damit in ein Genre, das im Wesentlichen vom sowjetischen Staat gefordert und gefördert wurde.
(…)
In den 80er-Jahren änderte sich der Tonfall seiner Werke, zunächst indem Rytcheu etwa die Figur des Schamanen zur positiven Figur erhob und es wagte, das Wort „Zivilisation“ erstmals in Anführungszeichen zu setzen und später, indem er während und nach der Perestroika wie viele andere Nationalschriftsteller auch, offene Kritik übte, indem er etwa die Behandlung der indigenen Völker als „stillen Genozid“ anklagte.

Ich habe den Roman Gold der Tundra gelesen, eins seiner späteren Werke. Es macht großen Spaß aus seiner abseitigen und humorvollen Sicht die Wirrnisse der Übergangszeit der Neunziger und die fast skurrilen Ereignisse während der Sowjetzeit zu betrachten.

An einer Stelle macht sich einer der Charaktere darüber Gedanken, dass Tangitan, die sich am Polarkreis aufhalten, wenn es auch nur wenige Tage sind, oder auf einer Eisscholle treiben, mit zuverlässigem Rettungsgerät und Sanitäter und Klavier (!) als Helden gefeiert werden. Aber:

Warum bezeichnet man die Rentierzüchter, die unter weit schlechteren Bedingungen lebten als diese heiteren, wohlgenährten Bartmenschen, nie als Helden? Später ging ihm dann auf, dass sich der Tangitan natürlich nicht auf einer Stufe mit dem Rentierzüchter oder dem Meeresjäger sah. Er stand darüber. Und der Eingeborene, der war gewissermaßen Teil der Landschaft… (S 252)

Als ich noch Mal nach dem Entstehungsjahr (2001) des Buches geschaut habe, las ich zu meiner Überraschung, dass der russische Titel von Gold der Tundra ‚Tschukotskij Anekdot‘ (Чукотский Анекдот), also Tschuktschen-Witz lautet.

 

Ausstellungshinweis: „Russland und Deutschland. Von der Konfrontation zur Zusammenarbeit“

Die Ausstellung in Berlin beleuchtet die Entwicklung dieser Wahlverwandschaften anhand wichtiger neuralgischer Daten, wie Staatsbesuchen, Unterzeichnungen von Verträgen oder dem Bau der Berliner Mauer.

Eine Ausstellung des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst in Kooperation mit dem Staatsarchiv der Russischen Förderation zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges.

Ort: Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin
Dauer der Austellung: 29.10. – 13.12.2015
Öffnungszeiten: Mi – Mo  10:00 -19:00 Uhr, Di  geschlossen
Eintritt frei

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Leonid Breschnew und Erich Honecker küssen sich am 5.10.1979 in Ost-Berlin nach der Ernennung des sowjetischen Staatschefs zum „Held der DDR“. Foto: akg-images / AP

Quelle: Ausstellungshinweis: „Russland und Deutschland. Von der Konfrontation zur Zusammenarbeit“

Liebst du Boogie-Woogie? Swing-Kultur in Russland

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Stiljaga Bob und ein  Swing-Mädchen am Set

Letzten Sonntag sind uns beim Schlendern durch den Park Swingtöne entgegengekommen. Und per Zufall sind wir bei der Openair-Bühne in ein Konzert der Hamburger Kombo Sun-Jon & the Big Jive geraten. Mehrere Dutzend Tänzerinnen und Tänzer haben sich neben der Bühne versammelt und zu der Musik geswingt. So richtig, so wie damals. Teilweise sogar genauso angezogen wie zwischen 1935 und 1960. Ein Retromix aus allen Stilen.

Doch anstatt mich zu freuen und die Musik zu genießen, habe ich nur gemurmelt: Vor siebzig Jahren bist du für sowas noch eingebuchtet worden. Mein Denken ist halt für immer verseucht, hoffnungslos.

Also zurück zum Thema:

Über die Swingjugend und die Schlurfs in Österreich wurde bereits viel geschrieben, doch die Subkultur der Stiljagi oder Стиляги,  in der Sowjetunion der Endvierziger bis Anfangsechziger Jahre ist hierzulande noch weitestgehend unbekannt.

Russische Jungs und Mädels, die statt Komsomolzen-Uniform lieber buntgemusterte Kostüme und Petticoats trugen, sich mit Eiweiß eine Tolle ins Haar schmierten und Swing, Jazz und Rock’n’Roll hörten. Halbstarke, die auf dem Schwarzmarkt ergatterte Platten eines Charly Parker oder Duke Ellington auf Röntgenfolien (sogenannte „rips“ oder Rippen) raubkopierten und sich heimlich in nächtlichen Pavillons zum Tanzen trafen.

Sie fielen nicht nur auf im sozialistisch verordneten Einheitsgrau, sie lebten auch riskant in einer Zeit, in der die Verherrlichung westlicher Kultur zu Verhaftungen und sogar Lagerhaft führen konnte. Stichwort: heimatlose Kosmopoliten! Denn dieser Lebensstil war verpönt und galt als Dekadenz pur.

2008 ist in Russland ein Film mit dem gleichnamigen Titel Стиляги erschienen, der diesen unbekannten Teil der russischen Swing-Kultur beleuchtet und einen eigenen Trend begründet hat.

Unter der Regie von Valerij Todorovskij ist eine Mischung aus schrillem Musical und Tragikomödie um den zunächst angepassten Komsomolzen Mels entstanden, der angezogen von der Musik und dem Lebensstil einer kleinen Gruppe von Hipstern selbst zu einem Rock’n’Roller mutiert.

Mir gefällt besonders die Szene am Anfang, wo er sich von einem Stiljaga namens Bob (Boris mit russischem Namen) zeigen lässt, wie man richtig tanzt. Als Bob merkt, wie verbissen der sportliche Mels an die Sache herangeht, erklärt er dem Anfänger, worauf es wirklich ankommt:

„Hier braucht man nicht stärker, höher, weiter,..hier braucht man… Drive!…von hier aus!“ Und er zeigt dabei auf seinen eigenen üppigen Bauch. Hier ist dieser Filmausschnitt mit engl. Untertiteln:

https://www.youtube.com/watch?v=_Ff52VA8n7Q

Köstlich, und mir ist ganz egal, ob das Wort Drive in dem damaligen Sprachgebrauch üblich war oder nicht.

Sein Wandel bleibt natürlich nicht ohne Konsequenzen. Der Stiljaga Mel wir vor den Komsomol geladen.

‚Wo sind deine Ideale, du hast auf sie gespuckt, du verkaufst dich für bunte Lappen,‘ wirft die Vorsitzende ihm vor. Währenddessen skandieren brav frisierte Studenten im grauen Einheitslook im eindringlichen Sprechchor: ‚Geschmiedete mit einer Kette, Verbundene mit einem Ziel.‘

Die Partei ist ihren Mutter, der Komsomol Vater: Individualismus und Rock’n’Roll sind hier fehl am Platz. Also muss der, der sich zum Fremdkörper gemacht hat, die Kette durchbrochen hat, gehen.

Eine leise aber rhythmisch gelungene Kritik an der Gleichförmigkeit und den fast radikal-religiösen Werten der Sowjetgesellschaft klingt hier durch. Hier der Song:

https://www.youtube.com/watch?v=0Mt0–JSe88&list=RDgOuqZG7UUgs&index=20

Der Amerikaner Richard Hume, der im heutigen Moskau lebt und Rock’n’Roll Konzerte im Esse Club organisiert, schreibt auf seiner Website Co-op-jive über die Kultur der Stiljagi:

Ihr Stil entsprach nicht zu 100% dem Rock’n’Roll – sie hörten auch andere Musikrichtungen, wie zum Beispiel Jazz – und das spiegelte sich auch in ihrem Kleidungsstil wieder. Aber es war nah genug dran, um sie als echte jugendliche Rebellen in Russland zu etablieren.

Stiljagi - damals
Stiljagi – damals, die kurze Kravatte ist ihr Markenzeichen.

Während der Fünfziger Jahre spielten einige Leute in der Sowjetunion Rock’n’Roll Platten, aber meistens in ihren eigenen vier Wänden. 1959 haben die sowjetischen Autoritäten dann ein großes Jugendfestival in Moskau organisieren lassen. Sie luden auch Musiker und Bands aus den USA ein, dort zu spielen, (…) Der Einfluss dieses Festivals auf einige junge Russen war enorm. Es löste eine bedeutende Jugendbewegung in Russland aus, die sich auf die Metropolen Leningrad und Moskau konzentrierte.

Doch die russische Jugend bezahlte einen hohen Preis für dieses Festival. Einige junge Frauen aus Moskau versuchten mehr über diese aufregende Kultur zu erfahren und plauderten während des Festivals mit amerikanischen Musikern. Später wurden diese sie (die jungen Frauen) isoliert und von der Miliz inhaftiert. Ihre Haare wurden ihnen abgeschnitten und ihre Kleider zerrissen. In anderen Worten: sie wurden gedemütigt. Es war ein klares Signal seitens der Kommunisten, dass obwohl sie netterweise ein einmaliges publicityträchtiges Festival zugelassen hatten, die Verbrüderung mit dem Klassenfeind noch immer verboten war.

Mein Vater hat, auch wenn er nicht in den beiden Metropolen lebte, ebenfalls zu den Stiljagi gehört und noch immer schwingt er gern das Tanzbein zu der guten alten Rock’n’Roll Musik. Aber verhaftet wurde er nie, hat es immer rechtzeitig geschafft zu türmen, sagt er.

Mit dem Film Stiljagi startete vor sieben Jahren in Russland jedenfalls ein ungeheurer Kult und es begann eine regelrechte Verklärung der damaligen Jugendbewegung als hippem Style. Nicht wenige Hochzeiten wurden fortan im Fifties-Look abgehalten und es gab auch einige Flashmobs wie hier 2012 und hier 2011  mit als stilgerecht verkleideten Hipstern, die sich synchron zu Swingmusik bewegen.

Im Frühjahr diesen Jahres fand in Kiev sogar eine Stiljagi-Parade statt, aber in inwiefern dieser Trend noch heute als Widerstand zu werten ist, kann ich leider nicht einschätzen. Ich müsste es noch recherchieren. Ich vermute eher, dass die Leute es als ein buntes Retro-Abziehbild mit Musikbegleitung lieben. Der Trend stellt also eher einen Rückzug zu fröhlich swingender Musik und schönen Kleidern dar als eine rebellische Gegenbewegung. Ein Paradox?

Stiljagi_Parade_Kiev
Schön bunt, die Parade in Kiev am 18.4.2015

Übrigens:

Die amerikanische Autorin und Theaterkritikerin Dorothy Parker schreibt begeistert kurz nach dem zweiten Weltkrieg über ein Stück von Lew Tolstoi: „Sehen Sie es sich an, auch wenn Sie eine Hypothek auf Ihr Auto aufnehmen, ihr Apartment untervermieten oder alles verkaufen müssen bis auf die Kriegsanleihen…“ Nur eins bemängelt sie daran, nämlich, dass die russischen Namen unmöglich auszusprechen und noch unmöglicher zu merken sind. Sie bitte herzlich darum, bei der nächsten englischen Übersetzung aus Fjodor Wassilljewitsch Protossow, Sergej Dmitriewitsch Abreskow und Iwan Petrowitsch Alexandrow schlicht Joe, Harry und Fred zu machen.

Im Film Stiljagi sehen wir, dass genau das geschehen ist, aus Fjodor wurde Fred aus Boris Bob. Aber aus Mels wurde seltsamerweise Mel. Ob das Dotty Parker gefallen würde?

Alexander Schmorell – Die weiße Rose in der Hand

Wenn über die Weiße Rose gesprochen wird, dann stehen oft die beiden Geschwister Scholl im Vordergrund. Sophie und Hans. Über die anderen des inneren Kreises dieser Widerstandsgruppe, die ebenfalls involviert waren und auch hingerichtet wurden, wie Willi Graf, Christoph Probst oder Alexander Schmorell erfahren nur diejenigen etwas, die sich näher mit dem Thema befassen.

Studierte zwar Medizin, träumte davon, Bildhauer zu werden - Alexander Schmorell
Gründungsmitglied der Weißen Rose: Alexander Schmorell

Alexander Schmorell ist wohl das am wenigsten bekannte Mitglied der Weißen Rose, er ist jedoch auch der einzige aus ihrem Kreis, der als Heiliger verehrt wird. Am 2. Februar 2012 wurde er als Neumärtyrer der russisch orthodoxen Kirche heiliggesprochen und trägt den Namen Alexander von München. Auf den Ikonen wird er mit einer weißen Rose in der Hand abgebildet. Sein Gedenktag ist der 30 Juli.

Was wissen wir über ihn, außer, dass seine Spuren uns in den Ural führen? Alexander Schmorells Mutter hieß Natalja Petrowna Wwedenskaja und war die Tochter eines orthodoxen Priesters, sein Vater der Arzt Hugo Schmorell stammt aus einer deutschen Familie, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Russland angesiedelt hat. Er selbst wurde am 16. September 1917 in Orenburg, im südlichen Ural geboren.

Nach dem frühen Tod seiner Mutter und der Wiederverheiratung des Vaters mit einer Russlanddeutschen emigrierte Alexander 1921 mit seiner Familie und seinem russischen Kindermädchen nach München, wo er aufwuchs, zur Schule ging, anfing zu studieren und sich mit Christoph Probst und später auch mit Hans Scholl anfreundete. In seiner Familie wurde er stets Schurik genannt, das ist eine vielen russischen Koseformen von Alexander. Seine deutschen Freunde haben diesen Namen irgendwann einfach übernommen.

Schurik trägt beide Kulturen in sich. Er wurde nach orthodoxem Ritus getauft und behält bis zum Schluss die Konfession der Mutter bei. Er kann sich fließend in beiden Sprachen verständigen. Der Umstand, dass er im Ural geboren wurde und dass er zur Hälfte Russe war, erklärt seine Ablehnung gegen ein Regime, das alle Slaven zu Untermenschen abstempelt und auf brutalste Weise im Osten wütet. Er ist zwar kein Bolschewist, aber russland-affin und bleibt gegen die Hasspropaganda der Nazis immun.

In München ist Alexander Schmorell seit Beginn an allen Aktionen der Weißen Rose maßgeblich beteiligt. Die ersten Flugblätter verfassen er und Hans Scholl in der Wohnung von Schmorells Eltern in der Benedektinerwandstraße. Von ihm stammt auch der Teil des II. Flugblatts, der den Mord an den Juden erstmals öffentlich macht. Er ist auch derjenige, der die Schreibmaschine der Marke Remington bei einem Kommilitonen ausleiht. Dostojewskijs Werk „Die Brüder Karamasow“ ist Schuriks Lieblingsbuch. Darin kommt die weiße Rose mehrmals vor, als Zeichen für Unschuld und Reinheit. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Gruppe sich nach diesen Zitaten benannt hat, ist hoch. Auch wenn Hans Scholl bei den Verhören zugibt, spanische Lieder Brentano hätten ihn inspiriert. Das war wohl eher dazu gedacht, um den Verdacht von seinem Freund Schurik abzulenken, der noch auf der Flucht war.

Alexander_Schmorell_Pferd

In der Anklageschrift des Volksgerichtshofs gegen ihn heißt es:

Als er nach dem Arbeitsdienst in die Wehrmacht trat, hatte er innere Hemmungen, den Eid auf den Führer zu leisten und offenbarte einige Zeit später seinen Vorgesetzten seine politische Einstellung. Seine Bitte um Entlassung aus der Armee hatte jedoch keinen Erfolg.

Da war er zwanzig und bis zum Angriff auf Polen bleiben noch zwei Jahre.

Als der Krieg beginnt, kommt er zusammen mit seinen Freunden Hans Scholl und Willi Graf an die Ostfront, aber als Sanitätsarzt muss er wenigstens keine Waffen gegen sein eigenes Volk richten. Doch sie werden alle Zeugen der dort herrschenden Grausamkeiten gegen russische Kriegsgefangene und die Zivilbevölkerung.

Nach seiner Verhaftung als Mitglied der Weißen Rose gibt Schmorell folgendes zu Protokoll:

Sie können sich vorstellen, dass es mich besonders schmerzlich berührte, als der Krieg gegen Russland, meine Heimat begann. Natürlich herrscht drüben der Bolschewismus, aber es bleibt trotzdem meine Heimat, die Russen bleiben doch meine Brüder.

Das russische Wikipedia schreibt:

Пребывание в России он воспринял как возвращение на Родину: Александр устанавливал контакт с местным населением, переводил товарищам по «Белой розе» разговоры с крестьянами и даже организовал хор военнопленны

Die Ankunft in Russland empfand er als eine Rückkehr in die Heimat: Alexander nahm Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung auf, übersetzte für seine Freunde aus der Weißen Rose die Gespräche mit den Bauern und hat sogar einen Gefangenenchor organisiert.

Und in seinem politischen Bekenntnis, das Schmorell im Gefängnis verfasst hat, schreibt er:

So erklärt sich auch meine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus. In der gegenwärtigen Zeit konnte ich mich also nicht damit begnügen nur ein stiller Gegner des Nationalsozialismus zu sein, sondern ich sah mich in der Sorge um das Schicksal zweier Völker verpflichtet, meinen Teil zur Veränderung der Verfassung des Reiches beizutragen. In der Person des Scholl erblickte ich einen Mann, der sich rückhaltlos meiner Idee angeschlossen hatte. Wir zwei versuchten deshalb durch die Herstellung und Verbreitung unserer Druckschriften das deutsche Volk auf die Möglichkeit einer Kriegsverkürzung hinzuweisen.

Neumärtyrer Alexander von München
Neumärtyrer Alexander von München

Auch wenn er Russland verklärt und Hitler ablehnt passt Schmorell in keine ideologische Schublade. Bolschewist ist er nicht ein Domokrat eigentlich auch nicht. Seine Antriebsfeder ist wohl eher die Menschlichkeit und Solidarität mit den Opfern des Regimes. Noch bevor er mit Hans Scholl die Richtlinien für den passiven Widerstand in der Weißen Rose ausarbeitet, brachte er beispielsweise mit dem Fahhrad französischen Gefangenen ins Lager Brot und Zigaretten mit.

Nach der Verhaftung von Sophie und Hans Scholl konnte Schmorell für einige Tage untertauchen. In einem Gasthof in Elmau ist er knapp den Männern der Gestapo entkommen. Seinen Plan, sich vorübergehend in den umliegenden Bergen zu verstecken, ließen Kälte und Schnee aussichtslos erscheinen. Deshalb machte sich der Flüchtige auf den Weg zurück nach München, wo er am 24. Februar 1943 von einem Blockwart im Luftschutzkeller am Habsburger Platz entdeckt und der Gestapo übergeben wurde. Zwei Monate später hat ihn das Volksgericht im April 1943 zum Tode verurteilt. Am 13. Juli desselben Jahres starb Alexander Schmorell durch das Fallbeil, doch die wenigen Zeugen und auch die wenigen schriftlichen Zeugnisse, die wir über haben, berichten davon, wie ruhig und gefasst er in den letzten Tagen und Stunden seines Lebens gewesen war.

In wenigen Stunden werde ich im besseren Leben sein, bei meiner Mutter und ich werde Euch nicht vergessen, werde bei Gott um Trost und Ruhe für Euch bitten. Und werde auf Euch warten! Eins vor allem lege ich Euch ans Herz: Vergesst Gott nicht! schrieb er kurz vor seiner Hinrichtung.

А после этого пришел адвокат, и он вспоминает: „я увидел человека прямо, надо сказать, веселого. Он ко мне обратился и сказал: ‚Вы удивитесь видеть меня в таком бодром и светлом духе. Я исполнил дело своей жизни. И если бы мне сейчас сказали, что из жизни должен уйти кто-то иной, а я буду освобожден, то я бы сам не захотел этого, а выбрал бы эту смерть. Потому что, хотя я и очень молод, но у меня все завершено‘.

Nach dem (Priester) kam der Anwalt, und der erinnert sich: Ich sah einen Menschen, der, ich muss gestehen, fast fröhlich wirkte. Er sagte zu mir: ‚Sie sind erstaunt, mich so mutig und zuversichtlich zu sehen. Ich habe die das Ziel meines Lebens erfüllt. Und wenn mir jetzt jemand sagen würde, dass jemand anders an meiner Stelle aus dem Leben treten soll, und ich wäre frei, so würde ich es selbst nicht wollen, sondern ich hätte dennoch diesen Tod gewählt. Denn, obwohl ich noch sehr jung bin, ist alles vollendet.‘

Mit diesem Grenzgänger zwischen den Welten möchte ich eine Serie fortführen, die den Arbeitstitel trägt: bekannte Deutsche aus Russland. Nicht um hervorzuheben, wie viele Leistungsträger darunter sind, sondern um aufzuzeigen, dass es sie überhaupt gegeben hat, auch wenn  sie kaum bekannt sind. Für die Identität, die persönliche und die kollektive, ist es heilsam zu sehen, dass es Menschen aus der eigenen Gruppe gibt, die Spuren in der Geschichte hinterlassen haben. Besonders weil diese Spuren gerne mal verschwiegen werden. In Russland nicht und in Deutschland. Über den Fabrikanten Einem habe ich schon geschrieben und auch über den Erfinder des Ätherophons, Leo Theremin.

Schmorell ist zwar kein Wolgadeutscher oder Schwarzmeerdeutscher im engeren Sinne, auch wenn Orenburg zum Föderationskreis Wolga gehört. Er ist kein Sohn von kleinbäuerlichen Siedlern, die 1763 und 1804 von russischen Zaren nach Russland gerufen wurden, sondern der Abkömmling einer reichen Kaufmannsfamilie, die ihre Geschäfte und ihren Lebensmittelpunkt nach Russland verlegt hat. Dennoch passt er zu diesem zweigeteilten Volk, besitzt die zerrissene Identität eines Kindes zweier Länder.

In seiner Heimatstadt Orenburg gibt es seit dem 24. Dezember 2013 eine nach ihm benannte zentrale Parkanlage und in seiner anderen Heimatstadt München einen Alexander-Schmorell-Platz. Darüber hinaus tragen Schulen in Rostock und Kassel seinen Namen und in vier Orten gibt es eine Alexander-Schmorell-Straße. Seit dem Jahr 2000 werden alljährlich von der Stiftung Weiße Rose finanzierte Alexander-Schmorell-Stipendien an vier Studenten vergeben.

Und vor drei Jahren ist er gegen einige Widerstände in religiösen Kreisen in der Berliner Gemeinde der russisch-orthodoxen Kirche im Ausland in einer feierlichen Zeremonie heiliggesprochen worden. Die jetzige Kanonisierung entspricht in etwa einer Seligsprechung in der römisch-katholischen Kirche. Dennoch bleibt er der erste und einzige heilige Aussiedler, den ich kenne. Und der wohl einzige uns bekannte Märtyrer und Heilige unseres Landes im 20. Jahrhundert.

Hier ist eine Kurzbiografie:

http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/weisse-rose/60984/alexander-schmorell

Ein religiöses Buch, das über ihn erschienen ist:

G. Fernbach (Hg.): Vergesst Gott nicht! Leben und Werk des heiligen Märtyrers von München, Alexander (Schmorell), Edition Hagia Sophia, 2012