Worthülse des Tages. 21. September:

wertkonservativ

Dieses Adjektiv stößt mir regelrecht auf, denn es wird in den letzten Wochen und Monaten dafür benutzt, Russlanddeutsche zu charakterisieren und zu erklären, warum die alle (ich betone alle! Denn Unterscheidungen sind nur was für Warmduscher) zur AfD laufen.

Sie haben Migrationshintergrund, also sind sie auf Sicherheit bedacht und eben w e r t k o n s e r v a t i v. Eigentlich was Schönes, Werte zu bewahren, aber darum geht es hier nicht.

Sie wollen keinen Sex vor der Ehe, also wählen sie AfD. Das ist die einfache Rechnung. Redakteure der taz haben vor dem Mix-Markt (Geschäft mit russischen Lenbensmitteln, es gibt drei davon in Berlin, da tummeln sich die Reporter immer, um typische Aussiedler*innen beim Pelmenikauf zu erwischen) eine Frau angesprochen, die einer dieser strengen religiösen Gruppierungen angehört, wo die Frauen Hauben tragen und niemals Hosen. Und die ist gegen Sex vor der Ehe und wird AfD wählen.

Damit ist doch alles geritzt. Eine für alle. 4 Millionen. Eine wertkonservative Masse. Ist Wertkonservatismus nun eine Umschreibung für Rassismus oder nicht?

Also. Zum Mitschreiben.

Russlanddeutsche sind alle: wertkonservativ, ferner wortpreservativ (denn mit Argumenten erreichst du sie nicht), ferner Wurstpersistent (oder hat jemand schon mal russlanddeutsche Vegetarier gesehen? Ganz zu schweigen von Veganer*innen – ja ich, und zwar einige. Wenige. Mindestens eine. Die war mal Vegetarierin, für mindestens 15 Jahre, dann hat sie sich auf ihre Werte besonnen und ist zu uns zurückgekehrt. Aber egal. Es geht um die Sache an sich!)

Und überhaupt sind sie entwicklungsresistent. Alles Hillbillies. Von dort, von der Wolga eben, liegt noch weiter weg als die Walachei. (Ätsch, seit 1941 lebt kein einziger mehr von ihnen an der Wolga, aber Kasachstan ist auch weit weit weg.)

Aber im Moment ist zumindest eine von ihnen wutimperativ und presseavertiv. Nämlich ich.

Denn das Dumme ist, diejenigen, die sowas in der Zeitung lesen, glauben das am Ende auch noch.

 

(P.S.: Liebe Wildgans, ich habe mir erlaubt, dein Format mit dem Wort des Tages zu entwenden und zu verfremden. Ich hoffe, du denkst jetzt nicht auch noch, ach, die wiedermal, alles Diebe, diese Aussiedler, einer wie die andere.Ich habe mich nur inspirieren lassen, konnte aber natürlich nicht lassen, zu dem Wort meinen Senf dazuzugeben…)

 

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Immer beraijt – Princeton Pionier

IMMER BERAIJT von 1930
IMMER BERAIJT von E. Emden und S. Telingater, 1930

Heute ist Tag des Kindes. Zeit, eine hübsche Sammlung vorzustellen, die von der renommierten Princeton Universität erst kürzlich online gestellt wurde: 159 russische Kinderbücher aus der frühen Sowjet-Ära. Zum Blättern. Tolles Design, aber auch krasseste Propaganda, in Kindergehirne gepflanzt. Was sicher nur aus unserer Westwarte so befremdlich wirkt – für die auf der anderen Seite war das, was uns wie purer Zynismus vorkommt, völlig normal.

Wie das zum Beispiel:

Stalin ganz persönlich-versöhnlich
Treffen  mit dem Genossen Stalin, ganz persönlich-versöhnlich

Auf Seite 8 von Treffen mit Towarisch‘ Stalin schreibt der Autor Georgij Bajdukow:

…hier wurde mir etwas bewusst, Stalin – als großartiger, genialer Mensch – schätzt das Leben aller Menschen, die hart arbeiten.

Und züchtet Zitronenbäumchen. Ist klar.

Der Verfasser war seines Zeichens General-Major der Luftflotte und 1945 in Berlin dabei. In seiner Freizeit schrieb er erbauliche Prosa wie diese.

Aber es gibt in dieser Sammlung auch einfach nur Kinderbücher ohne politischen Auftrag, wenn auch wenige. Teilweise von so bekannten Autoren wie Daniil Charms (von ihm leider nur eins) oder Wladimir Majakowskij (gleich mehrere, auch hochpolitisierte darunter).

Die Gestaltung ist ganz schön avantgarde:

princeton_majak_2
Auf jeder Seite: Elefant oder Löwe

Das Folgende stammt auch aus der Feder Wladimir Majakowskijs, das allseits beliebte: Was ist hier gut und was ist hier schlecht:

princeton_majak_1
das ist schlecht.

(Ist der Sohn schwarz wie die Nacht, Schmutz liegt auf dem Schnäuzelchen, klar wie Suppe, das ist schlecht für des Sohnes Häutelchen.)

princeton_majak
das ist gut.

(hierfür fällt mir keine gereimte Übersetzung ein, aber das Bild spricht für sich. Odol halt) 

Die ganze Sammlung in der digitalen Bücherei befindet sich hier: http://pudl.princeton.edu/collection.php?c=pudl0127

princeton-pionier
wir sind klein, aber wir sind viele, die Pioniere

Ein Beitrag gestern und eine Ausstrahlung morgen

Wie leicht ist es, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen. Oder zu vertöchtern meinetwegen, oder noch besser zu verenkeln. Nur kurz erwähnen muss man sie, das ist wohl schon alles. Hingucken und freundlich nicken, dann hört sie auf, an deinem Hemd zu zerren und dir andauernd ein Bein zu stellen.

Und wie leicht ist es, aus einer beleidigten Defensive herauszukommen. Noch vor einer Woche war mein Tenor: ihr wollt ja eh nichts über uns Russlanddeutsche wissen, ignoriert uns, wie man ärmliche Verwandte in abgerissenen Kleidern übersieht. Und wenn ihr über uns berichtet, dass so tief aus der Vorurteile-Schublade, so sehr unter der Gürtellinie, dass ich zwei Tage lang herumlaufe und haspelnd Luft hole und nah am Herzkasperl bin, wegen der Ignoranz seitens der Medien.

Doch an diesem Wochenende, ausgerechnet am 27. August, am Vorabend des 75. Jahrestages der Vertreibung der Wolgadeutschen aus ihren Siedlungsgebieten nach Sibirien, in die kasachische Steppe und andere unwirtliche Gebiete, ausgerechnet da kommt ein Beitrag im Fernsehen zu diesem Thema. Kurz, sachlich, informativ. Die ARD-Tagesthemen haben über diesen Jahrestag gestern um kurz vor Mitternacht berichtet. Ohne Seitenhiebe auf Demonstrationen zum Lisa-Fall. Ohne zu erwähnen, dass Russlanddeutsche sich schlecht integrieren, kein Deutsch sprechen und eh nur den russischen Boulevardmedien glauben schenken. Und auch ohne die AfD zu nennen, die es bei ihrem Wahlkampf auf Russlanddeutsche abgesehen hat. Oder sollte ich sagen Wahlfang?

Nein. Es war gut. Sachliche Berichterstattung zu einem (für uns allemal!) relevanten Thema.

Und morgen, also auch zeitnah mit diesem unheilvollen Datum, wird endlich der Film im ZDF ausgestrahlt, den ich bereits früher das Vergnügen hatte, zu sehen: POKA – heißt Tschüss auf Russisch. Unter der Regie von Anna Hoffmann ist er bereits 2012 entstanden und wurde bisher nur auf Festivals oder in wenigen öffentlichen Vorführungen gezeigt.

Gut. Die Uhrzeit ist unmenschlich. Für Frühaufsteher zumindest. Das kleine Fernsehspiel fängt erst nach Mitternacht an, aber danach ist er eine Woche in der Mediathek zu sehen und man kann ihn sich aufnehmen. Also will ich nicht meckern. Sondern Chips und Nüsschen bereitstellen.

Georg (Pasha Antonov) und Lena (Natalia Belitski) sind ein glückliches Brautpaar. Weiterer Text über ots und www.presseportal.de/nr/7840 / Die Verwendung dieses Bildes ist für redaktionelle Zwecke honorarfrei. Veröffentlichung bitte unter Quellenangabe: "obs/ZDF/Andreas Höfer"
Noch sind Georg (Pasha Antonov) und Lena (Natalia Belitski) ein glückliches Brautpaar. obs/ZDF/Andreas Höfer  / © Jolle-Film

Hier ist noch mal der Trailer zu dem Film, ich hatte vor längerer Zeit eine Rezension darüber geschrieben. Und ab Dienstag will ich noch den Link zur Mediathek einstellen, wo er bis zum 6. September online zu sehen sein wird. Bin gespannt auf die Reaktionen! Und hier ein Interview mit der Regisseurin Anna Hoffmann auf DeutschlandRadio Kultur.

Heute sind an einigen Orten in Russland und in Deutschland Gedenkfeiern anberaumt, zum Beispiel auf einem Friedhof in Berlin Marzahn, wo ein Denkmal steht, errichtet für die Deutschen, die unter Stalin gelitten haben.

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Der 28. August letztes Jahr in Berlin Marzahn

In NRW gibt es sicherlich auch Feierlichkeiten dazu mit Musik, Kranzniederlegung und feierlichen Reden, wie es sich gehört. Und auch gestern wurden Kerzen angezündet und Lieder gesungen. In Hamburg und anderswo.

In Russland sind solche Veranstaltungen nicht mehr verboten und auch das ist doch ein gutes Zeichen.

Es war ein weiter Weg bis an die Wolga

Eindruckvolle Räume mit Moderator Ferch
Eindruckvolle Räume mit Moderator Ferch

Was fällt einem Deutschen sofort ein, außer Wodka meine ich, wenn er an Russland denkt? Richtig, die Transibirische Eisenbahn. Dieser Zug scheint seit dem ersten Spatenstich 1891 ein ewig währendes Faszinosum für die Bürger Westdeutschlands zu sein (die im Osten der Republik denken sicher anders, aber sie wurden für diese Doku auch nicht gefragt). Es ist erstaunlich, dass bisher noch keiner von ihnen die Transsib für die Nominierung als das neunte Weltwunder vorgeschlagen hat.

Was allerdings nicht erstaunlich ist: der Luxuszug Zarengold und seine Mitreisende, westdeutsche Rentner*innen mit Freudentränen in den Augen, die sich diese Reise mal eben zum Geburtstag gönnen, nehmen denn auch einen prominenten Teil der Berichterstattung ein über das Thema deutsche Spuren in Russland ein.

Nostalgie im Luxuswagon - das ist Russland!
Nostalgie im Luxuswagon – das ist Russland!

Auch ein Adelsfräulein, das auf den Spuren seiner Vorfahrin, Katharina der Großen wandelt, oder eher durch die Ruinen stolpert, kommt zu Wort und ein preußischer Offizier, der 1812 an dem napoleonischen Feldzug teilgenommen hat, anhand von Tagebuchaufzeichnungen.

Nennt mich nachtragend, nennt mich kleinlich,  aber wenn eine von Anhalt-Zerbst von heute sich hinstellt und sagt, also ich habe viel von meiner Urahnin, auch ich bin furchtlos, erkunde fremde Territorien, da dreht sich mir der Magen um. Ehrlich. Würde sie noch so sprechen, wenn ihre Vorfahren durch das Gulagsystem gejagt, verfemt und dann lange Zeit ihr Schicksal untern Teppich gekehrt worden wäre? Wohl kaum. Egal. Schwamm drüber.

sie wird Juschka genannt wie ihre berühmte Vorfahrin
sie wird Juschka genannt wie ihre berühmte Vorfahrin

Ich bin gerade tendenziös und ungerecht. Stimmt ja, später im Film kommen die Lebensläufe von zwei russlanddeutsche Familien mit den angemessenen Worten zur Sprache. Aber sorry, dieses vornehme Fräulein reden zu hören, ist für mich wie ein Schlag ins Gesicht.

Aber ich will ja nicht meckern, wir Minderheiten neigen dazu, uns schnell übergangen zu fühlen.

Deshalb, Tusch und Applaus: nach genau der Hälfte der Sendung erzählt Heino Ferch (das ist toll, dass sie ihn als Moderator gewonnen haben, wie kommen wir zu dieser Ehre?) von Tausenden Russlanddeutschen, die auf Geheiß der neu gekrönten Zarin ins riesige Land und an die Wolga strömen. Danke allein für diesen Satz:

Was den Russlanddeutschen widerfuhr, das gehört zu den größten menschlichen Katastrophen des 20sten Jahrhunderts.

Das musste mal gesagt werden im deutschen Öffentlich-Rechtlichen. Sonst hätte ich fast gedacht, es ginge allein um die Weiten Sibiriens.

Allerdings entsteht wieder mal der Eindruck, dass es Deutsche nur an der Wolga gab. Nichts davon, dass seit der mittelalterlichen Hanse ein reger Austausch bestand und noch vor den Siedlern an der Wolga zig Tausende Familien deutscher Herkunft in Moskau und später in St. Petersburg lebten und das kulturelle Leben dort entscheidend prägten. Nichts über die Siedlungsgebieten am Kaukasus nichts über Bessarabien oder das Schwarzen Meer.

Super, Alexander von Humboldt, der Durchreisende, wird kurz erwähnt und ein Ingenieur ohne Namen, der am Bau der Transsib beteiligt war, aber wie stark ansonsten der kulturelle Austausch gewesen ist, bleibt möglicherweise aufgrund der Kürze der Sendung (die Transsib ist eben sehr lang) leider auf der Strecke. Der Theaterschaffende Meyerhold, Sofija Tolstaja oder die Ehefrau Tschechows, die Schauspielerin Olga Knipper, um nur einige wenige zu nennen, bleiben außen vor. Ebenso die Tatsache, dass die Kochbuchbibel Russlands und der Sowjetunion von einer Deutschen namens Helene Malochowetz geschrieben wurde. Und viele andere Verbindungen aus Kultur und ähem… Kultur. Denn in der Politik waren Deutsche nicht so zahlreich vertreten. Warum denn bloß? Darüber werden wir auch im Dunkeln gelassen. Naja.

Dass viele intellektuelle Russen nicht nur in Paris gelebt und studiert haben, sondern eben auch in Weimar oder Leipzig und aufklärerische Ideen mitgebracht haben in ein Zarenregime, das auch von Katharina der Großen gestützt wurde. Von wegen aufklärerische Monarchin. Sie hat Schriftsteller, die gegen die Praxis der Leibeigenschaft angeschrieben haben, ebenso nach Sibirien verschickt wie ihre Vorgänger und Nachfahren auf dem Thron.
Davon, dass einer der tonangebenden Dekabristen, Paul (Pawel) Pestel ebenfalls
Deutscher war, was ebenfalls eine wesentliche deutsche Spur in Russland sein könnte, kein Wort. Und vom regen Austausch zwischen den jeweiligen klassenkämpferischen Parteien auch nicht. Ach, das ist wohl grad nicht zeitgemäß…

Es ist ja auch mehr so die Landschaft, welche die Deutschen am riesigen Reich interessiert.

Habe ich Gutes zu berichten über die Sendung? Natürlich. Allein, dass sie von Heino Ferch moderiert wird. Und ein Lob dafür, dass das überhaupt Thema ist.

Nur mit dem wie, habe ich eben so manche Probleme. Ich könnte wetten, dass bei der Mache der Sendung kein einziger Russlanddeutscher beteiligt war.

Enkel und Opa Maier an auf der Wolga
Enkel und Opa Maier an auf der Wolga

Und diese salbungsvolle und bombastische Musik. Wer hat sie bloß ausgesucht? Einiges von Alfred Schnittke wäre sicher angebrachter gewesen. Aber das ist nun Meckern auf höchstem Niveau.

Und da ist ein Satz, der gleich zu Anfang fällt: Deutsche und Russen  – über Jahrhunderte eine mörderische Angelegenheit.

Er ist schlichtweg falsch.

Über Jahrhunderte pflegten sie eine friedliche Koexistenz. Erst seit dem ersten Weltkrieg geht es mörderisch zu. Zugegeben, das wird ja später auch so gesagt… Aber dennoch, der falsche Eindruck bleibt.

Für eine ZDFzeit Doku ist die Sendung also eher etwas schmalbrüstig, aber es ist ja auch ein Stück Infotainment zur Primetime und die Affären Katharinas, ich wusste nicht, dass sie wissenschaftlich belegt sind, interessieren die Zuschauer wohl eben mehr und wie gesagt die Transsib, diese Sehnsuchtsstecke von Moskau nach Wladiwostok. Sollen sie doch lieber einen Film darüber drehen. Ach ja, haben sie schon, es gibt mehr als 1200 Dokumentationen zu diesem Thema auf You-Tube. Aber gut, immerhin ganze 10 Minuten für die Belange von Wolgadeutschen, die 1941 vertrieben wurden und die einer alten Dame, die noch immer in der Gulagstadt lebt, in der ihr Vater einst Sklave war. Besser als das jahrzehntelange Schweigen davor.

In der Ankündigung der Doku „Deutsche Spuren in Russland“ auf der Site von Phönix TV steht:

Für viele Deutsche hatte die große Katharina 1673 ein verlockendes Angebot parat: „Kommt nach Russland und beackert die riesigen brach liegenden Gebiete meines Reichs – und schützt mich vor dem Angriff fremder Mächte.“ Mit einem so genannten „Manifest“ rief sie die deutschen Bauern auf, ihr nach Russland zu folgen.

Gut, in der Jahreszahl ist ein Zahlendreher, aber das ist ja nicht so schlimm. Was mich wurmt, dass der Eindruck entsteht, sie würden aus Spaß und Dollerei und weil ihnen soviel Land versprochen wurde, losziehen. Welchen Verhältnissen sie hier entfliehen wollten, davon ebenfalls kein einziges Wort. Kriegerische Scharmützel, Truppen, die Dörfer verwüsteten und die Erbgesetze, die nur einen Sohn mit Land versorgten, zwangen viele junge Familien zur Ausreise, so war das. Weitere Gründe: religiöse Gemeinschaften wie die Mennoniten konnten ihren Glauben in den deutschen Landen nicht leben, deshalb wanderten sie aus. Und –  weil sie nicht willens waren, der Armme beizutreten und Menschen zu töten. Katharina versprach ihnen die Befreiung vom Wehrdienst.Nach einiger Zeit wurde dies aufgehoben und tausende Mennoniten flohen, nach Kanada oder Südamerika.

So machen die Siedler aber den Eindruck von Wirschaftsflüchtlingen. Doch das ist eh ein Prädikat, das vielen angepappt wird.

Aber das sind wohl unwichtige Details.

Was wir dagegen lernen ist, dass der Russe an sich verschlossen und rustikal ist und wenn man ihn näher kennt, sehr herzlich.

Fazit: es ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Wie gesagt, kommen Russlanddeutsche und ihre Geschichte, anders als in den Jahren davor, überhaupt zur Sprache. Und schließlich haben sie ja auch kein Alleinrecht auf deutsche Spuren in Russland, das muss ich auch zugeben. Aber der Fokus ist dennoch ein etwas verrutschter. Eben so wie Hiesige (Bio-Deutsche aus Westlanden) die Sache wahrnehmen. Und darüber mockiere ich mich.

Deshalb:

bitte das nächste Mal etwas besser und tiefer recherchieren, vielleicht mal einen russlanddeutschen Historiker zurate ziehen und vielleicht die Transsib weglassen?

Ginge das?

Aber die Wagons einer hitorischen Eisenbahn vor dem plietschen Moderator mitten in einer Palastbibliothek zum Stehen zu bringen: das hat schon was…

Deutsche Spuren in Russland, gesendet auf ZDF am 21.2.2016 und im April auf Phoenix TV

https://www.youtube.com/watch?v=7X4Yajqq6Xo

Leben ohne Angst – schön wärs!

Bisher sind die Russlanddeutschen politisch kaum aufgefallen. Dieses Jahr wurden einige von ihnen in Demos aktiv. Mir sind die Sprüche aufgefallen, die sie vor sich her tragen und ich möchte sie näher betrachten. Leben ohne Angst! Wir wollen Sicherheit! oder Schützt unsere Frauen und Kinder! – wo kommen diese Sätze her?

 

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Die Ahnen schauen zu. Sie mischen sogar mit.

Auf einem der Transparente während einer Demo von Russlandeutschen im Januar stand: LEBEN OHNE ANGST

Leben ohne Angst – also das ist es, was sie wollen. Unbewiesene Behauptung meinerseits: die Ängste, die diese Menschen plagen, kommen aus ganz tiefen Schichten. Und haben wenig mit einer reellen Bedrohung durch Flüchtlinge zu tun.

Politische Unzufriedenheit, ja, aber wieso gehen die Russlanddeutschen gerade bei der (vermeintlichen) sexuellen Bedrohung auf die Straße?

Sabine Arnold von der evangelischen Sinnstiftung aus Nürnberg (einer Seelsorgeeinrichtung extra für Russlanddeutsche) hat neulich im Radiointerview kluge Dinge gesagt, unter anderem, dass Aussiedler aus einer inneren Lebensunsicherheit, verursacht durch die eigene Migration, nach äußerer Sicherheit rufen.

Stimmt.

Es ist wohl auch so, dass eine Minderheit sich bedroht fühlt, wenn eine neue Minderheit ins Land kommt.

Stimmt auch.

Und die Menschen wurden von einseitiger Berichterstattung aufgewiegelt.

Auch das ist wahr.

Ich gehe noch weiter und behaupte: die Emotionen, die da hoch kochen, gehen auch auf lang vergessene und vergrabene Traumata zurück, die in den Familien schwelen und so nach außen treten. Leider wird dieser Aspekt nicht so recht berücksichtigt.

Warum?

Vielleicht, weil die Akteure ihn selbst ganz weit von sich weisen würden? Ich höre es förmlich.

Wir, traumatisiert? Durch die Vergewaltigungen unserer Großmütter und Urgroßmütter? Geh mir weg mit diesem Psychoscheiß.

Dann sich lieber den Vorwurf von Rassismus gefallen lassen.

Halten wir fest:

In jeder russlanddeutschen Familie gab es in der Vergangenheit Opfer von Vergewaltigungen. Wir brauchen nur zwei Generationen zurück zu schauen.

Als zivile Kriegsgefangene haben besonders Frauen und Mädchen die Wut und Willkür der Siegermacht erfahren.

Sie waren den Übergriffen schutzlos ausgeliefert und bis heute wird nicht öffentlich darüber gesprochen. Die Vorfälle wurden über Jahrzehnte hinweg verschwiegen. Zum Teil sogar in den Familien selbst nicht weitergetragen. Zumindest nicht offen. Verdeckt hat sich dieses kollektive Trauma in die Seelen gesenkt und tritt bei solchen Gelegenheiten wie Schlacke nach außen.

Aber das ist nur meine Meinung, mein Verdacht. Als bloggerin darf ich ja ich sagen, ich, ich, was ich denke, was ich vermute. Bin nicht an stichhaltige Beweise gebunden. Und diese Momente lassen sich auch nicht beweisen, wenn es keine weiteren soziologischen oder psychologischen Studien zu diesem Thema gibt.

Auf einem anderen Transparent steht: WIR LEBEN IN EINEM LAND, WO DIE MONSTER FREI SIND.

Wohl war. Doch es sind die Monster aus den Tiefen der Seele. Wenn wir auf sie hören, werden sie uns sogar etwas mitteilen. Und das ist nicht im esoterischen Sinn gemeint – à la Ghostwhisperer oder Geisterséance. Ich glaube, dass diese Sätze nicht von ungefähr auftauchen, sondern mit den kollektiven Erfahrungen zu tun haben, die diese Bevölkerungsgruppe gemacht hat. Oder ihre Ahnen. Aber ich wiederhole mich. Ich kann mich nicht oft genug wiederholen.

‚Bisher sind Russlanddeutsche als Gruppe politisch nicht in Erscheinung getreten‘, sagte neulich Jannis Panagiotidis Juniorprofessor für ‚Russlanddeutsche Migration und Integration‘ in Osnabrück in einem Interview mit der ZEIT. Und in einem anderen Interview meinte er zu den Demos: ‚Dort lief durchaus ein Querschnitt der Comunity mit. Nicht nur junge Hitzköpfe.‘

Unauffällig – auffällig, so auch das Motto der Pressekonferenz der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland am 4. Februar in Berlin zum Fall Lisa.

In Deckung bleiben, war die Strategie bisher, aus historisch bekannten Gründen.

Doch wenn ein neuralgischer Punkt berührt wird, wie diese Vergewaltigungsstory, die sich als unwahr entpuppt, dann gerät plötzlich was in Bewegung. Übrigens hat die polizeiliche Aufklärung der Geschichte um Lisa Was auf das Grundproblem keine Auswirkung. Die Verunsicherung sitzt viel tiefer. Das Verschweigen und Vertuschen der Gewalt gegen deutsche Frauen in Russland, damals, viel früher, greift viel weiter. Wie ein Wurzelwerk. Wir sehen nur den Baum. Und können nicht verstehen, wieso seine Blätter sich zusammenkrümmen.

Warum stürzen sich die Aussiedler (nicht alle, aber eine wahrnehmbare und von den Medien wahrgenommene Gruppe) genau auf dieses Thema?

Auslöser:

Sexuelle Gewalt gegen ein Mädchen, unser Mädchen.

Und die angebliche Vertuschung durch die Staatsmacht.

(Nicht nur ich, auch:)

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit…

Und das, was sich wiederholt, sind Muster.

Muster, die sich ergeben und die alte Wunden aufreißen. Bilder, die hängenbleiben:

a) Erwachsene Männer vergewaltigen ein wehrloses Mädchen.

b) Eine Frau soll halb nackt durch die Straßen flüchten. (Ausspruch eines Anwalts, der das unserer Bundeskanzlerin wünscht.)

c) Kinder, die abgegriffen und von Fremden mitgenommen werden.

d) Reelle oder empfundene Willkür des Staates: falsche Berichterstattung, Vertuschung, ungerechte Behandlung.

Die Verletzungen aus der Vergangenheit treten durch diese Muster zutage, klopfen an die Tür, wollen angeschaut werden. Monster im Kopf.

Gehen aber leider im rassistischen Hetzgeschrei unter. Schade eigentlich.

Worauf gründen diese Bilder? Wo kommen diese Traumata her? Die jüngsten Massen-Deportationen an Russlanddeutschen begannen 1941. Verfolgungen gab es schon Jahrzehnte vorher. Aber auch die massiven sexuellen Übergriffe? Wann waren sie am stärksten? Wohl eher nach dem Krieg, nach 1945? Als die Angehörigen der Verlierernation den Siegern schutzlos ausgeliefert waren. Wann hörte das wieder auf? Ende der Fünfziger? Vielleicht.

Schuld und Sühne, das bei Dostojewskij eigentlich Verbrechen und Strafe heißt. Die Schuld, das Unrecht dieser Jahre ist nicht gesühnt, ist nicht getilgt, wurde noch nicht einmal zur Kenntnis genommen. Die Geister bleiben unruhig.

Wenn wir genauer hinsehen, hinter das Offensichtliche, taucht zwischen den Demonstranten das Gesicht der wütenden Frau auf, die verletzt an Körper und Würde zur Furie wird, mit aller Macht aus dem Dunkel des Unbewussten. Sie schreit nach Vergeltung. Benebelt die Sinne.

Ihr ist es egal, gegen wen sich die Wut richtet. Sie sieht nicht, ob Unschuldige getroffen werden.

Was können Flüchtlinge dafür?

Nichts.

Aber auch dieser ganze Komplex der Flucht holt alte Bilder und alte Ängste herauf. Und – Russlanddeutsche haben definitiv ihre Erfahrungen mit Flucht gemacht. Ihre Hausaufgaben, wie es so schön heißt. Mit Propaganda übrigens auch, müsste man meinen.

Und zusammen ergeben die alten Bilder, die die neuen Bilder überlagern einen gefährlichen Molotov-Cocktail. Kein Wunder, dass die Lage so eskaliert ist. Dass alle Akteure so vehement auftreten.

Was können wir tun?

Darauf warten, dass von offizieller Seite eine Geste der Versöhnung, der Sühne kommt? Nein. Nicht unter den gegebenen politischen Umständen. Nicht mit einem neuen kalten Krieg, den beide Seiten beschwören.

Wir können den Schleier des Vergessens niederreißen, die alten Wunden betrachten, der Opfer gedenken und hoffen, dass ihre Seelen endlich Frieden finden.

Wie?

In einem persönlichen Ritual?

Mit einer Geschichte? Einem Film? Mit gemalten Bildern? Einem Song?

Oder mit einem Denkmal, das die Opfer ehrt. Ganz öffentlich.

Auf den Fall einer angeblichen Vergewaltigung kommen unzählige wirklich verübter Gewalttaten. Es gibt Denkmäler für Kriegsopfer, für Opfer von sexueller Gewalt bisher aber nicht. Oder?

 

Viel Wind – Unser Mädchen aus Berlin

Irgendein Tief fegt über unsere Stadt hinweg. Seit Tagen pfeift es schon draußen. Ab und an zwischen Wolkenfetzen ein Stück unverhangenes Blau, wenn man Glück hat. Nass und kalt und dunkel, schon um drei, vier Uhr am Nachmittag, genau das richtige Wetter, um sich zu verkriechen. Was haben sie im Radio gesagt, zu viel Vitamin D ist nämlich auch nicht gut. Leute fallen öfter hin mit einer Überdosis davon und brechen sich häufiger was, genau wie mit einem Mangel.

von Winde verweht
Vom Winde verweht – der Fall Lisa, eine haarige Sache

Windmacherei. Panikmacher. Die große Welle machen. Der Januar war voll damit. Und jetzt eine kleine Ruhepause. Die Aussiedler werden wiedermal entlarvt als Fremdenhasser und Verführte vom russischen Fernsehen. Als russischsprechende Diaspora und Putins fünfte Kolonne, die kaum Deutsch können und gegen Ausländer hetzen. Am Anfang steht ein Mädchen, dass sich eine Lügengeschichte um ihr Wegbleiben gesponnen hatte. Und zwei Wochen später spricht der russische Außenminister von „unserem“ Mädchen in Berlin und aufgebrachte Russlanddeutsche demonstrieren gegen Gewalt an Kindern und lauschen den Reden der braunen Agitatoren, die aus ihren Löchern gekrochen kommen. Wer hat sie eingeladen? Das soll allen eine Lehre sein, sich aufbauschen zu lassen wie ein Betttuch auf einer Wiese. Das reinste Agit-Prop. Naja, gewohnt sind sie es ja, von früher. Aber welche Presse lügt? Welche Polizei vertuscht besser? Welcher Macht kannst du vertrauen? Dem eigenen Urteilsvermögen anscheinend nicht.

Ganz schön viel Wind hat er aufgewirbelt, dieser Fall Lisa. Von Vertuschung war die Rede. Ängste sind hoch gekrochen von Muslimen die sich zu dritt auf ein wehrloses Mädchen stürzen. Dabei hatte sie bloß Angst gehabt, nach Hause zu kommen, Schulprobleme wollte sie verbergen und hat bei einem Freund übernachtet. Ohne Sex. Auch nicht einvernehmlich. Solche Wellen kann es schlagen, wenn sich ein Kind eine Ausrede sucht und die Eltern die Geschichte aufgreifen und die Tante, oder die Pseudotante (?) für einen russischen Sender ein tränennasses Interview gibt. Gefundenes Fressen. Die Deutschen haben die Lage nicht im Griff. Seht, das passiert mit dem Multi-Kulti-Wahnsinn.

Die Trolle des Kreml haben ihren Auftrag erfüllt. Und was bleibt? Der fade Nachgeschmack. Das Bild vom Aussiedler an und für sich, der gegen andere Minderheiten und auf Flüchtlinge hetzt. Tendenziöse Berichte über Landsleute, die billigste Verleumdungen ausstoßen, null Kultur oder Weitsicht, aber mich repräsentieren sollen. Mischa steht in Jogginghose im russischen Supermarkt in Dinslaken und erläutert dem WELT-Redakteur seine WELT-Sicht. Ich seh ihn förmlich auf die Straße spucken.
Und das, was Wladimir Kaminer im Radiointerview mit dem NDR sagt, geht in dem ganzen Spektakel unter, dass wir froh sein sollen, dass von 6 Millionen (russischsprechenden Einwohnern in Deutschland) bloß etwas über dreihundert vor dem Kanzleramt standen. Lass es Tausend sein, die breite Masse ist das nicht. Und dass alle Aussiedlerfreunde von ihm nicht so sind. Nicht so rechts und putingläubig.

Und dass sich Teilnehmer der Demo schon vor Ort gegenüber einer Reporterin von der Deutschen Welle von den Agitatoren der NPD und der Pegida distanzieren, kommt bei der westlichen Presse gar nicht erst an.

Viel Wind gemacht, wiedermal. Um unser Mädchen.

Das arme Kind, das bleibt doch an ihr kleben wie Pech. Ein kleiner Teeniestreich und was für Konsequenzen! In Zeiten medialer Schnellstverbreitung darf man das nicht bringen. Arme Teenies.

Ein deutscher Comedian hat gefordert, dass alle Dreizehnjährigen sich von diesem Vorfall distanzieren sollten und wenn das nicht hilft, die Ausweisung aller Dreizehnjähriger. Vielleicht hat er recht. Die einzige Weise, wie man diese absurde Geschichte nehmen darf: mit Humor.

Garten als Integrationshilfe

Mein Dauerthema, dass über Aussiedler wenig berichtet wird und wenn, dann nichts Gutes, hat wieder einmal ein Konter erlebt.

Ganz entspannt im hier und Jetzt
Ganz entspannt im hier und Jetzt

Im September erschien auf chrismon.de ein sehr einfühlsamer Artikel über Spätaussiedler in Kippenheimweiler. Da geht es darum, dass der Obervorsteher des Dorfes, den Neubürgern Erde zum Beackern angeboten hat und diese in ihrer Schrebergartenarbeit aufgingen, mit Räucherhütte und Sommerbett und Kindergeburtstag. Natürlich kann man nicht alle Probleme mit einer Parzelle Land für Tomaten und Radieschen lösen. Aber es ist ein guter Ansatzpunkt, denn Pflanzen können gelegentlich Mauern überwuchern, auch die in unseren Köpfen:

https://chrismon.evangelisch.de/comment/22584

Sieh an: auch das Sonderheft des ZEIT-Verlags zum Thema Russland (ZEIT GESCHICHTE 3/15 Die Russen und wir) widmet ganze zwei Seiten von 114  den Russlanddeutschen (eine davon ein riesiges Foto) und sie werden sogar kurz in zwei weiteren Artikeln erwähnt.

Oha, es wird sich doch nicht etwas ändern?